Verfasst von: liefland | Januar 31, 2009

Ausgabe Nr. 4 (1783) vom 31. Januar 2009

Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.

Lukas 19,10

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.

Letzter Sonntag nach Epiphanias        Ausgabe Nr.  4 (1783)  vom 31. Januar 2009

Die Alte Gertrud bekommt ihre Türmchen wieder Ingrīda Briede

Obwohl es zur Zeit erst 3 von 60 sind, so hat die Alte St. Gertrudkirche  ihre ersten kleinen Türmchen wieder zurück bekommen, die im Laufe der Zeit stark gelitten hatten. Deshalb hatte man sie herunter genommen, um sie zu restaurieren und danach wieder an ihren Platz zu stellen. Die rechte Seite der Kirche wird jetzt von Gerüsten verschalt. Die Handwerker  von „Restaurator AG“ befestigen zuerst die Fundamente der kleinen Türme und setzten danach die drei Türme selbst darauf. Bis Ende Januar hofft man, diese Arbeiten beendet zu haben.

Gedenktafel in der Kirche von Rubene Ingrīda  Briede

In der lutherischen Kirche von Rubene, die 1740 erbaut wurde, sind mehrere Kunstgegenstände – eine Kanzel mit Gemälden (aus dem 18. Jahrhundert), ein Gemälde „Christi Himmelfahrt“ und  Sakramentsgeräte – aufbewahrt. Als Priester diente der Gemeinde Rubene von 1208 bis zu seinem Tode der berühmte Chronist Heinrich von Livland. Im Jahr 2000 entdeckte man bei der Restaurierung des Fußbodens einmalige antike Grabmale, über deren Existenz davor noch niemand etwas gewusst hatte. Nach Legenden könnte dort Heinrich von Livland begraben sein, doch ist es nicht möglich, das zu beweisen.

Rechts vom Altar ist an der Wand eine sehr ungewöhnliche Tafel angebracht. Die Bauern der Umgebung hätten sie 1869 aufgestellt als Zeichen des Dankes für die Aufhebung der Leibeigenschaft  im Jahr 1819. Auf der Tafel steht in alter Schreibweise die Inschrift: „Zum Gedenken an die Wohltaten des Zaren an den Letten und an die Aufhebung der Leibeigenschaft in Livland, eingeweiht am Gedenktag der Kirchweihe, dem 26.März 1869.“

Von Gott berufen, von der Kirche entsandt. Santa Venta

Professor Feldmanis pflegte seinen geistlichen Söhnen zu sagen: „Ich bin immer nur dahin gegangen, wohin ich berufen oder entsandt wurde.“  Damit wollte er ihnen  das Verständnis nahe bringen, welches die rechte Einstellung eines Pfarrers gegenüber seinem Dienst sein sollte. Kurz vor dem Christfest, am 22. Dezember feierten die Pfarrer Jānis Ginters und Jānis Bitāns als Söhne der ersten und letzten Generation der Söhne von Professor Feldmanis ihr 15jähriges Ordinationsjubiläum, und bekundeten damit auch ihren Vorsatz, als Geistliche den Prinzipien ihres geistlichen Vaters treu zu bleiben, und immer nur dorthin zu gehen, wohin sie von Gott berufen und von der Kirche entsandt wurden.

Jānis Ginters und Jānis Bitāns waren auch die ersten Pfarrer, die vom erst kurz davor (im August 1993) in sein Amt eingeführten Erzbischof Jānis Vanags ordiniert wurden. Das ist für uns zeichenhaft, dass das mit unserer Ordination zeitlich zusammenfiel“ erinnert sich Pfarrer Bitāns. „ Der Erzbischof ordinierte zwei Pfarrer mit dem Vornamen Johannes (Jānis) und entsandte sie auch in ihre ersten Gemeinden, zwei St. Johannisgemeinden. Traditionell herrscht die Ansicht, dass Johannes das Priestertum verkörpert, und dass die Ordination damals im St. Mariendom in Riga stattfand, weist darauf hin, was am Kreuz stattfand: Christus selbst vertraute Johannes und Maria einander an, einander ganz besonders zu lieben und füreinander zu sorgen.“

Sehr verschieden entwickelten sich die Lebenswege und Glaubenserfahrungen der beiden ordinierten Jānis danach. Die beiden Jānis studierten zuerst bis 1990 in der wieder neu entstandenen Theologischen Fakultät der UL. Jānis Ginters sagt über sich selbst: „Zum Studium in der TF hatte mich mein bisheriger Lebensweg gebracht, angefangen mit

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christlichen Erziehung im Elternhaus, dem Musizieren auf der Trompete und  der Orgel in Kirchen, dem Musizieren bei Visitationen von Erzbischof Matulis, durch die Teilnahme an den Jugendlagern von Pfarrer Beimanis und das geistliche Heranreifen unter Professor Feldmanis in der Kirchengemeinde Mežaparks.“

Demgegenüber kam Jānis Bitāns, obwohl er bereits als Baby getauft worden ist und später die schönen Fotos von seiner Taufe betrachtet hatte, erst wenige Jahre vor seinem Eintritt in die TF mit dem wahren Glauben in Berührung und wurde dann auch konfirmiert. „Eigentlich hatte mich Aija, die ich als meine geistliche Mutter betrachten kann, zum Glauben gebracht, als ich in Liepāja zwei Jahre in einer studentischen Baubrigade arbeitete. Sie hatte mir viel Gutes über ihren damaligen Pfarrer Juris Rubenis (heute an der Luthergemeinde ln Riga, damals in Liepāja) berichtet, und mich ermuntert, ihn anzusprechen. Doch dazu fehlte mir der Mut. Persönlich habe ich ihn erst kennen gelernt, als er Prorektor der TF war.

Wenn beide Jānis bis zur Theologischen Fakultät einen unterschiedlichen Weg der Glaubenserfahrung zrückgelegt hatten, so waren die Wege der beiden bis zur Ordination einander sehr ähnlich. Beide Studienkollegen wurden bald im vollen Dienst in Kirchengemeinden eingesetzt, ohne dass sie ordiniert waren, denen  die Erfahrungen im Seminar und in den „Intensivkursen“  zeigten, dass sie nach ihrer Ordination zu „Hilfspfarrern“ überhaupt nicht mehr oder nur sehr sporadisch wissenschaftlich arbeiten konnten. Die damalige .Situation beschrieb Professor Klīve  sehr genau: „Das Problem der Kirche Lettlands sind nicht die Dienst tuenden Studenten, sondern die nicht weiter studierenden Hilfspfarrer.“ Deshalb wurde auch beschlossen, Studenten nicht mehr zu Hilfspfarrern zu ordinieren und in dem Gemeindedienst einzusetzen, wenigstens nicht beständig. Dennoch gelang es nicht, diesen Beschluss zu verwirklichen, denn der Pfarrermangel war sehr zu spüren.

Eigentlich entstand  dadurch nur ein zusätzliches und noch schwereres Problem, die so genannte „Ordination auf dem Papier“ – also die Abordnung eines Studenten der Theologie zum Dienst in einer Kirchengemeinde mit allen Pflichten eines ordinierten Geistlichen. Die damaligen Studenten Jānis Ginters und Jānis Bitāns wurden in dieser Lage zwei Jahre lang in ihren großen Gemeinden Cēsis und Saldus den vollen Dienst zu leisten, verpflichtet, bis beide Gemeinden wirklich nicht mehr ohne einen ordinierten Geistlichen weiterkommen konnten. Deshalb entschied sich Erzbischof Vanags am Vorabend des Christfestes 1993, sie zu ordinieren..„Mein erster Einsatz war bei verstreuten Letten in Russland und dann bei der Kirchengemeinde Smiltene und schließlich in der St. Johannisgemeinde in Saldus. Vor Saldus

gelang es, irgendwie eine Lösung zu finden mit der Mitnahme geweihter Abendmahlselemente. Leider passierte es mir, dass ich es aus Übermüdung und Zeitmangel es

versäumte, die Elemente von einem ordinierten Geistlichen vorkonsekrieren zu lassen, und dann die mir durch meine „Ordination auf dem Papier“ erteilten Rechte in Anspruch nahm, was ich später bereut und in der Beichte bekannt habe. Meine Ehrfurcht vor Christi Leib und Blut war mir immer sehr ernst gewesen. Ich erinnere mich, dass ich einmal von einem Priester in einem Lager in Sibirien gelesen habe, der die Abendmahlselemente auf seiner Brust bei der Abendmahlsfeier konsekriert hätte, denn natürlich gab es im Lager keinen geweihten Altar. Auch hatte ich gehört, dass man das Abendmahl bis zum Empfänger auf der Brust transportiert hätte.  Deshalb fertigte ich mir eine Tasche in Rollenform an. Aber in Saldus mit einer aktiven und wohlgefügten Gemeinde, in der regelmäßig Konfirmationen, Trauungen stattfanden und die Menschen zur Privatbeichte kamen und täglich drei Stundengebetsgottesdienste stattfanden, war es für einen Nichtordinierten einfach unmöglich, seinen Dienst im vollen Maße auszuüben,“ sagte Pfarrer Bitāns.

Ähnliche Erfahrungen machte auch Jānis Ginters: „Als Student des 2. Kurses wurde mir im September 1991 mitgeteilt, dass Erzbischof Gailītis beschlossen hätte, mich zum Dienst in der

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St. Johannisgemeinde in Cēsis abzuordnen. Ich bat Kanzler Māris Doze um eine Woche Zeit, um mir einen Talar und eine Agende zu beschaffen, und dann machte ich mich auf den Weg nach Cēsis. Die Gemeinde dort war inzwischen dem Selbstlauf und der inneren Spaltung völlig ausgeliefert. Ein Teil des alten Kirchenvorstandes hatte beschlossen, dem schlechten Beispiel von Pfarrer Sproģis in Aizpute zu folgen, sich nicht registrieren zu lassen und aus der ELKL auszutreten. Vor meiner Ankunft hat es dort skandalöse Ereignisse gegeben, bei denen Erzbischof Gailītis nicht einmal die Kirche betreten durfte, der dann den Gottesdienst auf der Straße an der Kirche hielt vor der abgeschlossenen Kirchentür. Das Kirchendach war in einem katastrophalen Zustand und erforderte dringend Reparaturarbeiten. Es gab die Notwendigkeit und auch die Möglichkeit der Krankenhausseelsorge, der Seelsorge in der Jugendkolonie, des Kirchenfunks bei dem örtlichen Rundfunksender. In den ersten Jahren der nationalen Unabhängigkeit  hatte sich auch viel Arbeit in der Propstei angehäuft. Somit wurde ich nach über zwei Jahren Dienst durch eine Ordination auf dem Papier auch durch Handauflegung ordiniert.“

Sehr ähnlich sah es auch mit der Erfahrung in der  Verwaltungspraxis der beiden Pfarrer aus. Ja, gerade bei der Praxis, denn vorher hatten an einem mit zwei Punkten bewerteten Kurs von Vilis Vārsbergs „Gemeindeverwaltung“ teilgenommen. Jānis Ginters bekam es gleich zu Beginn mit schwersten Fragen der Gemeindeverwaltung zu tun, wie zum Beispiel die Auswechselung eines Kirchenvorstandes. Der Dozent und Kollege Dr. Klīve, der es übernommen hatte diese Gemeindeversammlung zu leiten, hatte bereits davor den jungen Pfarrer gewarnte: „Soweit ich weiß, ist es bisher nur Modris Plāte gelungen, einen Kirchenvorstand auszuwechseln, ohne dass der betreffende Pfarrer nicht auch seine Gemeinde wechseln musste.“ Trotzdem konnte in diesem Fall alles erfolgreich gelöst werden, und nur wenig später wurde der neu ordinierte Pfarrer zum Propst der zweitgrößten Propstei Lettlands ernannt. An diese Zeit erinnert sich Jānis Ginters folgendermaßen: „ Ich hatte unbestritten davor keinerlei Kenntnisse über die Arbeit der Verwaltung, und ich zweifle daran, ob ich sie heute habe. Dennoch bin ich nun mit der Kirche seit meiner Kindheit sehr verwachsen, dass ich das Gemeindeleben von seiner Innenseite seit langem kenne. Ich wusste, wie eine Visitation des Erzbischofs verläuft, ich war Organist in Kuldīga, Lielvārde und Dobele. In Mežaparks hatte ich an den Sitzungen des Kirchenvorstande teilgenommen.  Besonders wichtig waren für mich die Erfahrungen, die ich als Mitarbeiter von Modris Plāte machen  konnte, der das Leben in seiner Gemeinde hervorragend organisierte. Das hat alles mir sehr bei meinde Arbeit in der Gemeinde und in der Propstei Cēsis geholfen. An meinen Dienst in Cēsis denke ich mit großer Freude und Genugtuung zurück. Dabei gelang es, viel zu erreichen, so manchen verzagten Mitarbeiter aufzurichten, manchem Gemeindeleiter Mut zu machen, aber am allermeisten – einmalige und wunderbare Menschen in den Kirchengemeinden auf dem Lande kennen zu lernen.“

Demgegenüber wurde Jānis Bitānas recht bald nach seiner Ordination und seinem Dienstbeginn in Saldus mit den Pflichten des Direktors der St. Gregor Schule für den kirchlichen Dienst betraut. Er berichtet: „Der Erzbischof und John Victor Sell kamen her und fragten mich höflich danach, was meine Frau wohl dazu sagen würde, wenn mir ein noch größerer Stress zugemutet würde. Wir sagten zu, und ich begann von da an, auf zwei Stühlen zu sitzen als Pastor der St. Johannisgemeinde und Direktor der St. Gregor Schule in Saldus.. Davor hatte ich keine Erfahrungen in der Praxis der Verwaltung, ja, ich konnte mir kaum vorstellen, was Verwaltung bedeutet, die Auszahlung von Löhnen, Berichte über die Studenten zu schreiben. Aber erlernen kann man alles. In der Schule habe ich 8 Jahre gearbeitet, und die Früchte blieben nicht aus, mit jedem Jahr wurde die Zahl der Studenten

größer, bis es im letzten Jahr 30 waren. Wir entwickelten sogar ein zweites Studienjahr. In diesen Jahren konnte ich auch Erfahrungen in der Gestaltung von Einkehrtagen machen. Wir

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machten alles, wie wir es konnten. Zuerst feierten wir einfach jeden Tag einen Abendmahlsgottesdienst und so viele Gottesdienste des Stundengebetes, wie wir es vermochten – das heißt täglich vier. Wir luden Gastdozenten ein, die uns in die Stille, in die geistliche Disziplin und andere Dinge des geistlichen Lebens einführten. Im Grunde ließen wir dem inneren Empfinden freien Lauf, das zu tun, wonach viele Menschen so lange geistlich gedürstet haben. Wir gaben uns der Fürbitte hin. Es passierte, dass zu den Einkehrtagen bis zu 200 Menschen kamen und in einem Doppelzimmer acht Leute übernachteten.  Das war eine ganz besondere Zeit. Wir sahen und erfuhren auch mehrere übernatürliche Heilungen des Leibes, aber nicht nur die.“

Beide Pfarrer hatten es ganz praktisch erfahren, was es bedeutet und was es kostet, dem Rat ihres Beichtvaters Professor Feldmanis zu folgen und das Prinzip zu beachten, ohne Widerspruch dorthin zu gehen, wohin die Kirche dich sendet. Jānis Ginters sagt: „Dieses Prinzip des Professors erschien mir selbstverständlich. Wenn es allein um meine eigene Wahl gegangen wäre, dann hätte ich nie von Cēsis fortgehen mögen. Schon deshalb nicht, da ich nach fünf Jahren gründlicher Arbeit deren ersten Früchte schmecken konnte. Aber der Erzbischof benötigte Hilfe in dieser für die Kirche schweren Zeit: weiterhin gab es die „Frage Sproģis, der mit seinen Kirchengemeinden in Kurland sich von der ELKL gelöst hatte, die Abspaltung der „Augsburger“ (einer Gruppe, welche am Leben und an der Verkündigung der ELKL scharfe Kritik wegen ihres Abweichens vom „wahren Luthertum“ übte), der Generalversammlung des Lutherischen Weltbundes in Hongkong und die sich weiter verschärfende Auseinandersetzung um die Ordination von Frauen, die Anfänge des Abkommens von Porvoo. Ebenso mussten die Visitationen des Erzbischofs vorbereitet und begleitet werden. Damals gab es im Konsistorium außer dem Erzbischof und mir keinen anderen Geistlichen. Deshalb war die Seelsorge an vielen Besuchern und die Erläuterung einfachster Dinge ein Dienst, der auch gefordert war. So werde ich es nie vergessen, wie ich einem Kirchenvorstand erklären musste, dass dieser nicht berechtigt ist, den Leiter der Sonntagsschule der Kirchengemeinde und den Evangelisten der Gemeinde, der die Sonntagsschule gegründet hatte, aus der Gemeinde auszuschließen. Doch im Ganzen konnte man die schwere und undankbare Lösung solcher Konflikte in den Gemeinden nur ertragen, wenn man überzeugt war, dass ich mir diese Aufgabe nicht ausgesucht hatte, sondern dem Ruf und der Sendung der Kirche Folge geleistet habe.“

Jānis Bitāns: „Ich gehöre zur letzten Generation der geistlichen  Söhne des Professors. Deshalb habe ich vieles von dem, was er in den Jahren geleistet hatte, als er noch bei Kräften war, nicht mehr erlebt. Ich habe es eher intuitiv empfunden, dass der Gehorsam gegenüber der Kirche etwas ganz wichtiges ist. Als ich in die TF eintrat, dachte ich, dass die Kirche noch extremer, noch mitreißender, noch interessanter als eine Seelandung der Marine sein würde, bei der ich mir früher gewünscht hatte, dort zu dienen. Damals hatte ich außer meiner eigenen Konfirmation mit der Kirche noch keinerlei Erfahrungen vorher gemacht. Es schien mir, dass dort alles auf noch schärfere Anweisungen geschehen würde, und dass dort alles noch  verantwortungsvoller und noch strengen sei, und dass dort genauer geschossen und besser gezielt würde als bei den Scharfschützen. Deshalb meinte ich, aus der sehr höflich ausgesprochenen  Frage von Juris Rubenis „Möchtest du nicht zu Ostern nach Bulāna (Sibirien) fahren?“ (wo lettische Nachfahren verstreut leben) als einen Auftrag der Kirche. Ich dachte, dass ich, wenn die Kirche es möchte und mich um diesen Dienst bittet, dass ich diese Bitte eindeutig auf mich beziehen müsste. 15 Jahre danach betrfachte ich diese Sache etwas anders. Ja, und doch wünsche ich es mir, dass ich noch heute alles so empfinden und bedenken könnte wie damals!“

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Sowohl Jānis Ginters als auch Jānis Bitāns haben in gewisser Weise einen großen Bogen  geschlagen: vom Gemeindepfarrer über das Amt eines verantwortlichen Verwalters zurück zur Kirchengemeinde, nur jeder auf seine Weise und an einem anderen Ort.

„Die Arbeit im Konsistorium nahm viel Zeit, Energie und Kraft in Anspruch, und Erfolgserlebnisse gab es nur wenige. Wenn es in einer Kirchengemeinde einen Konflikt gibt und ich zu dessen Lösung etwas beschließen muss, dann wird es bei jedem Beschluss jemanden geben, der mit ihm nicht einverstanden ist. Oft muss eine Angelegenheit sehr schnell gelöst werden, was die Verlängerung der Arbeitszeit oft bis 23 Uhr zur Folge hat und ich den Bus in den Vorort Mīlgrāvis, wo ich damals wohnte außer mit einem Linientaxi nicht mehr erreichen konnte. Deshalb war ich sehr froh, als ich durch eine Empfehlung des Erzbischofs in das Pfarramt der Neuen St. Gertrudgemeinde berufen wurde. Als ich dann zum Propst der Propstei Riga gewählt wurde, stieß ich auf die Probleme und Bedürfnisse der Kirchengemeinden in Riga, und bemerkte, dass diese ganz anders sind als in der Propstei Cēsis. Wieder entdeckte ich, dass die Beschäftigung mit der Verwaltung im Verhältnis zu den Ergebnissen zu viel Zeit verschlingt, was sich negativ auf die Arbeit in der Gemeinde auswirkt. Ich bin von Gott zum Pfarrer berufen worden, und deshalb fühle ich mich im Gemeindedienst am wohlsten und kann anscheinend dort am meisten bewirken. Im Gemeindedienst kann ich meine Kenntnisse in der Liturgik, der Seelsorge, dem Gemeindeaufbau sowie meine musikalischen und pädagogischen Fähigkeiten am besten nutzen,“ sagt Pfarrer Ginters.

Demgegenüber hat Pfarrer Bitāns mit der Verwaltungsarbeit in der St, Johannisgemeinde und in der St Gregorschule in Saldus gute Erfahrungen gemacht. Dennoch hat ihn das nicht gehindert, der Aufforderung der Kirche, die Stelle zu wechseln und nach Liepāja zu gehen, zu folgen. Über diese Zeit berichtet er: „Als ich die Berufung in die St. Annengemeinde in Liepāja erhielt, hatte sich dort ein falsch verstandenes Charismatikertum eingenistet. Dass man mich in diese Gemeinde berief, geschah aus folgender einfacher Überlegung: man wird mich dort nicht völlig ablehnen können, weil ich mich in ihren Augen wie ein Charismatiker gäbe. Das wird es den Leuten ermöglichen, zu den Fundamenten der Kirche zurück zu kehren,

Zuerst fuhr ich dorthin alle vierzehn Tage am Sonntag und dachte noch nicht an einen Umzug nach Liepāja. Später, als die Entscheidung zwischen den drei Heiligen – Johannes, Gregor und Anna – aktuell wurde, fiel diese mir nicht leicht. Schließlich gab ich den Frauen den Vorzug. Aber, im Ernst, ich war gehorsam und ging dorthin, wohin mich die Kirche sandte.

Beide Pfarrer halten in ihren Gemeinden die apostolische Tradition und das Erbe der Kirche hoch in Ehren und pflegen deshalb ein intensives sakramentales Leben, eine reiche Liturgie und feiern die Feste in großer Pracht. In den Gemeinden werden die Stundengebete gehalten, die Kirchenmusik steht auf einem hohen Niveau, Pilgerreisen werden veranstaltet und es erscheinen regelmäßig die Gemeindebriefe. Beide Pfarrer engagieren sich sehr bei der ökumenischen Zusammenarbeit.

„Die große Liebe zur Liturgie und zur Urkirche hat in mir Professor Feldmanis erweckt,“ sagt Pfarrer Ginters, „ich erinnere mich, mit welcher Liebe und Begeisterung er uns den Gesang der Psalmen mit ihren Antiphonen zu Beginn der 80er Jahre, die Feier der Nachtgottesdienste am Aschermittwoch und zu Ostern nahe brachte. Viele der Vorstellungen des Professors sind inzwischen  Wirklichkeit geworden. Ich habe es erlebt und dabei mitgewirkt, als ich in Modris Plātes Gemeinde in Kuldīga damals Organist war. Ebenso hat mich der Professor in den sakramentalen Charakter der Kirche eingeführt. Ich habe es erlebt, wie er allmählich die Feier des Heiligen Abendmahles an jedem Mittwoch und danach an jedem Sonntag in seiner Gemeinde einführte. Des Professor lehrte uns auch immer wieder, wie wichtig für eine Kirche das Episkopat ist und was das Bischofsamt bedeutet, und wie wichtig es war, dass durch die

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von Nathan Söderblom durchgeführte Konsekration von Kārlis Irbe Lettland Bischöfe hat, die in der apostolischen Sukzession stehen,“ erinnert sich  Jānis Ginters.

Für beide Pfarrer war  Professor Feldmanis der ideale Beichtvater und als solcher auch Vorbild und ist es auch weiterhin geblieben. Jānis Ginters sagt: „In Mežaparks entwickelte sich zur Zeit von Feldmanis alles sehr behutsam, es gab keine lawinenartigen Umbrüche. Das betrifft auch den Zuwachs an Jugendlichen in der Gemeinde, den häufigeren Genuss des Heiligen Abendmahles und die Praxis der Privatbeichte. Alles wurde ganz allmählich selbstverständlich, wir meldeten uns einfach an und gingen hin. Natürlich war das eine Erfahrung, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Sie half uns einfach, die Privatbeichte zu praktizieren. Das konnte man damals nirgendwo bei einem lutherischen Pfarrer erfahren. In der Agende hieß es, dass es jedem Pfarrer überlassen sei, wie er die Privatbeichte gestalte. In der Theologischen Fakultät gab es im Studienmaterial keinen Unterschied zwischen dem, was ein seelsorgerliches Gespräch, und was eine Beichte ist. So hätte ich ohne die persönlichen Erfahrungen bei der Privatbeichte bei Professor Feldmanis nie gewusst, wie ich mich dabei zu verhaltn habe.“

Ähnlich drückt sich auch Pfarrer Bitāns aus: „Es war sehr bewegend, dass sich der Professor nie über Zeitmangel beklagt hatte, nicht nur, um meine Beichte anzuhören, sondern auch, um mit mir zu reden, wofür er mir oft 2-3 Stunden widmete. Bei den Kirchenvätern habe ich gelesen, dass es wichtig sei, die eigenen Gedanken zu offenbaren, und dass dadurch die Möglichkeit größer würde, nicht in das Sündigen hinein zu geraten. Ich erzähle das so ausführlich, weil es auch in meinem Leben Dinge gab, bei denen ich einige von ihnen nicht vorher aussprechen konnte. Ebenso habe ich bei den Kirchenvätern über die Askese gelesen, dass man nichts verborgen halten sollte. Und dann riss ich mich zusammen und tat das auch…. Und dann öffnete ich meine Augen, denn ich war davon überzeugt, dass jetzt Vorhaltungen und Anklagen folgen würden, etwa „Schämst du dich nicht!“  Aber statt dessen fühlte ich auf meinen Schultern die Hände des Professors, der mich frage: „Wie viele Jahre bist du alt? Auch ich war einmal so alt und kann es gut nachempfinden, wie du dich fühlst.“ Und dann schämte ich mich nicht dafür, was ich gesagt hatte, sondern dafür, was ich davor nicht gesagt hatte. An der Stelle des erwarteten Urteils wurde mir diese Erleichterung geschenkt! Der Professor sagte mir auch dass es Gottes Gnade sei, dass ich das aussprechen konnte. Und dann hatte ich begriffen, wie ein Beichtvater sein sollte, welches das Maß für einen Beichtvater ist, mit dem er gemessen werden wird., und wie ich mich selbst zu verhalten habe, damit die Menschen auch zu mir zur Beichte kommen.“

Der Einfluss von Professor Feldmanis auf die Entwicklung der theologischen Überzeugung von Jānis Bitāns hatte nicht die große Bedeutung wie bei Jānis Ginters – einem der ersten geistlichen Söhnen in Mežaparks. Das theologische Denken von Jānis Bitāns wurde vor allem durch die von ihm gelesene Literatur über die Praxis des Glaubenslebens geprägt, durch die Werke der Kirchenväter und Lebensbeschreibungen der Heiligen. Er sagt: „In der Theologischen Fakultät wurden Kirchenväter nicht behandelt, doch alle wussten, wo man geistliche Literatur kaufen konnte. Das waren drei Stellen: Am Büchertisch der ELKL in der Lāčplēša iela, in der baptistischen Matthäusgemeinde und in der orthodoxen Kathedrale Ich machte mich auf den Weg und kaufte. Besonders viel Nützliches fand ich in der orthodoxen Christgeburtskathedrale: in der Zarenzeit gedruckte Bücher. Ich begann die Lebensbeschreibungen der Heiligen des 1,-9. Jahrhunderts zu lesen, dann Werke aus späteren Jahrhunderten, umfangreiche Bücher über das Gebet. In lettischer Sprache gab es damals nichts vergleichbares. Weil ich in Imanta, einem Stadtteil mit einem sehr großen russischen Bevölkerungsanteil, aufgewachsen bin, konnte ich problemlos russisch sprechen und lesen.“

Während ihres 15 Jahre langen Dienstes als ordinierte Geistliche und der zwei Jahre mit der „Ordination auf dem Papier“ haben beide Pfarrer durch ihre Arbeit wertvolle Erfahrungen

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gemacht und sich bewährt. Doch haben beide auch immer noch Träume und Wünsche im Blick auf ihren Dienst in der Gemeinde und ihr Verhältnis zur Mutter Kirche, der sie so lange selbstlos gedient haben.. Jānis Ginters sagt: „Ich muss dem, was Cyprian gesagt hat, zustimmen, dass Gott keinem Menschen der Vater sein kann, wenn die Kirche nicht seine Mutter ist.“ Deshalb möchte ich noch mehr kirchliche Einigkeit erleben. Ich möchte gerne, dass der Ausdruck „Mutter Kirche“ für jedes ihrer Glieder lieb und heilig sein möge. Ich möchte es erleben, dass sich jede Gemeinde des Satzes „eine heilige, allgemeine und apostolische Kirche“ voll bewusst sein möchte und auch an jedem Ort funktionierte wie bei einer in der Liebe Christi zusammengefügten Familie. Ich möchte es erleben, dass unter den Christen der eigene Individualismus zur Minderheit wird, durch den wir Letten so traurig berühmt geworden sind, und dass aus ihnen das Antlitz Christi immer heller hervorleuchten möchte.“

Seine Gedanken über die Kirche fasst Jānis Bitāns folgendermaßen zusammen: „Mein sehnlichster Wunsch ist, in unserer Kirche das tiefe Verlangen zu erkennen, dass wir uns immer bewusster werden, dass uns mit der apostolischen Kirche ein unzerreißbares Band verbindet. Ich möchte ein deutlicheres Gefühl der Zugehörigkeit zum Apostolat in unserer Kirche und der Liebe zum gemeinsamen Erbe erkennen. Mein zweiter tiefer Wunsch ist, dass es unter uns eine noch stärkere geistliche Disziplin oder ein größeres Disziplinverständnis geben möchte, erstens schon zwischen den Pfarrern, denn ich habe erkannt, welchen Segen das bringt. Dennoch geht meine tiefste Sehnsucht dahin, dass unsere Kirche mehr messianische Merkmale zeigen möchte. Damit meine ich die Merkmale, die Christus den Jüngern Johannes des Täufers mitgab, dass sie diese ihm weitersagen sollten, und die aussagen, dass Christus zugegen ist. Ich möchte noch mehr Krankenheilungen erleben. Dabei denke ich nicht daran, dass die kleine Zahl der Krankenheilungswunder geschehen ist, um den souveränen Willen Gottes zu demonstrieren, Krankenheilungen nicht zu schenken, sondern mehr deswegen, dass wir in vollem Maße es wagen, die Mittel zu nutzen, die uns zur Verfügung stehen und die uns Gott geschenkt hat, zum Beispiel die Salbung mit Öl. Ich denke nicht, dass wir intellektuell noch mehr tun könnten, als die Kirchenväter bereits getan haben, oder von  unserem geistlichen  Erbe noch mehr einsammeln können als das, wodurch unsere Kirche bereits so reich geworden ist. Nach meiner Ansicht ist dieses eine Zeit der Verwirklichung unseres Glaubens, sowohl im Blick auf die geistliche Disziplin als auch im Blick auf die Gaben, die Gott Seiner Kirche geschenkt hat.“

Die Vororte Torņakalns und Āgenskalns in Riga rücken noch enger zusammen.

Anda Done, Luthergemeinde Riga

Auch in diesem Jahr entwickeln Tornakalns und Āgenskalns ihre Freundschaft weiter. Auf sichtbare Weise geschah das am Samstag, dem 24. Januar, als die Katholische St. Theresiengemeinde vom Jesuskind, die ihre Heimstätte im katholischen Gymnasium in Riga hat, ihre Freunde aus der Baptistengemeinde Agenskalns, der Luthergemeinde, sowie der katholischen St. Albertgemeinde bei sich aufnahm.

Das Treffen begann mit gemeinsamen Singen und einer Andacht in der Kapelle. Die Gemeinde hatte ein wunderbares Essen zubereitet, nachdem wir etwas über die Geschichte des Gebäudes und der Gemeinde erfuhren. Das war sehr interessant, denn wir wussten nur sehr wenig über die interessante Geschichte dieser Gemeinde und des Gebäudes, obwohl wir Kirchengemeinden des gleichen Stadtteiles sind und an dem Hause oft vorbei gegangen sind. Wir konnten auch Ausstellungen besichtigen, welche den Apostel Paulus und die Heilige Therese vom Jesuskind zum Thema hatten.

Das Besondere an diesem Treffen war dieses Mal, dass Gemeinden dreier Konfessionen zusammen einen Bibelkalender herausgegeben haben mit dem Zweck, ihre Gemeindeglieder

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anzuregen, im Laufe eines Jahres gemeinsam die ganze Bibel durchzulesen. Das bedeutet, dass hier für jeden Tag im Jahr je vier Lesungen angegeben sind. Diesen Kalender erhielten die Glieder dieser drei Gemeinden als Weihnachtsgeschenk. Offensichtlich hat sich diese Idee eines gemeinsamen Kalenders als sehr segensreich erwiesen, denn sie weist auf eine gemeinsame geistliche Aktivität im Laufe eines ganzen Jahres hin. Zur Anregung, das Begonnene weiter fortzusetzen gab Baptistenpfarrer Edgars Mažis eine interessante Einführung in das Alte Testament und der Pfarrer der Luthergemeinde Indulis Paičs in das Neue Testament.

Die Zeit flog einfach davon, ohne dass wir es merkten, und dann begaben wir uns zum Gottesdienst in die Lutherkirche.

Gemeinsam einen Gottesdienst zu feiern, das ist ein Fest, das stärkt und uns anregt, zusammen zu beten und uns eines Tages auch gemeinsam an dem einen Tisch des Herrn zu versammeln. Sollte das wirklich unmöglich sein? Träumen wir davon weiter!

Jetzt sollten wir einander auch im Alltag treu bleiben bei dem Lesen des Wortes Gottes, und es zulassen, dass der Heilige Geist unter uns wirkt.

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Alksnāja iela 3 .- Riga- LV 1050

E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 11.2.2009)

Brucknerstr. 24.-  D-27711 Osterholz-Scharmbeck

Telefon: 04791-13356

E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers

Meinen hoch verehrten Leserinnen und geduldigen Lesern mute ich mit dem langen Artikel zum 15, Jahrestag der Ordination zweier Pfarrer in Lettland eine Menge an Lesestoff zu. Ich habe es dennoch gewagt, weil die beiden darin sich auch zum Teil sehr persönlich geäußert haben, was man ja in Lettland nicht jeden Tag erlebt. Ich möchte diesen Artikel nicht kommentieren. Nach meiner Kenntnis haben das in Lettland bereits viele getan, und ich kann mir vorstellen, dass es bei meiner sehr geschätzten Leserschaft auch manchen Kommentar auslösen wird, wenn dort von den prächtigen Gottesdiensten (wobei man in Lettland auch an Weihrauch, Glöckchen, Prozessionen und vieles andere denkt) geredet wird.

Auch bei dieser Ausgabe musste ich auf einige Artikel, die ich bei weniger zeitlichem Druck gerne übersetzt hätte

J. B.

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