Verfasst von: liefland | Februar 27, 2009

Ausgabe Nr. 8 (1787) vom 27. Februar 2009

Der Friede Christi regiere in euren Herzen.        Kolosser 3, 15.

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.

Sonntag Invocavit       Ausgabe Nr. 8 (1787) vom 27. Februar 2009

Der Erzbischof ruft auf, in der Fastenzeit die Überlegenheit des Geistes über den Leib  zu erleben.

Der 25. Februar ist im liturgischen Kalender dieses Jahres der Aschermittwoch, mit dem im Kirchenjahr die Passionszeit oder Fastenzeit beginnt. Die Asche soll an diesem Tage an die Vergänglichkeit des Menschen erinnern, welcher der Liebe Gottes bedarf. In diesem Jahr fällt der Aschermittwoch in eine für den Staat Lettland ungestüme Zeit. In seiner Botschaft zur Fastenzeit spricht Erzbischof Jānis Vanags folgendes aus:

„Mindestens seit dem 8. Jahrhundert markiert der Aschermittwoch den Beginn des großen vierzig Tage langen vorösterlichen Fastens. Im Gottesdienst am Aschermittwoch pflegt man, die Gemeindeglieder auf der Stirn mit einem Kreuz aus geweihter Asche zu bezeichnen, die man durch das Verbrennen der Äste der Palmen vom Palmsonntag des vergangenen Jahres gewonnen hat. Dabei werden die Worte gesprochen: „Gedenke, Mensch, dass du aus Staub und Asche bist, und wieder dorthin zurückkehren musst.“ Wir können uns des morgigen Tages nicht sicher sein, denn eine Krise, Krankheit, eine ungerechte oder wahnsinnige Macht, ein Unfall oder der plötzliche Tod können  uns sehr schnell das Leben rauben. Das können wir selbst nicht beeinflussen. Dennoch möchte diese Mahnung des Aschermittwochs uns keine Furcht oder Minderwertigkeitskomplexe einflößen, sondern uns die Wirklichkeit erkennen lassen. Unsere materielle Existenz ist sehr zerbrechlich und den Prozessen des Zerfalls unterworfen. Doch der Aschermittwoch leitet nicht die Vorbereitung auf den Tod, sondern auf Ostern, den Tag der Auferstehung Christi ein, an dem Gott seinen Sieg über die endgültige Form des Zerfalls – den Tod und das Grab – zeigte. Am Aschermittwoch betrachten wir unsere Zerbrechlichkeit und  Vergänglichkeit, um deutlicher zu erkennen, dass wir geistige Wesen sind, geschaffen nach Gottes Bild und Gleichnis. Wir sind nicht nur vergängliche und sterbliche Menschen in den Händen irgend einer Macht oder Vorbestimmung. Christi Sieg über den Tod bewirkt es, dass die Zukunft und die Zugehörigkeit seiner Leute nicht durch langsames Sterben und Verwesen bestimmt ist, sondern durch das Leben und das Überwinden der Welt zusammen mit Christus, das sich in der Gemeinschaft mit Gott im Himmel erfüllt.

Fasten bedeutet nicht einfach, auf den Verzehr von Fleisch zu verzichten, wie man oft meint. Durch das Fasten versucht der Mensch, sein fleischliches Wesen zu überwinden, sein Essen und Trinken einzuschränken und seine schlechten Gewohnheiten und Gelüste einzuschränken, welche ihn beherrschen. Jeder kennt seine Schwächen selbst – Süßigkeiten, Alkohol, Faulheit,

Unbeherrscht Sein oder anderes. Bei dem Fasten ist es wichtiger, gerade das zu bewältigen, und nicht so sehr die eigene Willenskraft anzuspannen, sondern sich mit der Beziehung der Seele zu Gott zuzuwenden – dem Gebet, der Betrachtung der Heiligen Schrift, der Gewissenserforschung, dem Sündenbekenntnis und den Sakramenten.  Der Gewinn des Fastens besteht im Erfahren der Überlegenheit des Geistes über den Leib. In diesem Jahr ist das Fasten bei uns in einer sehr ungestümen Zeit eingetroffen. Der Staatspräsident muss einen neuen Regierungschef bestimmen. Das ist eine Herausforderung, aber noch mehr eine Möglichkeit. Mehr als je zuvor braucht Lettland einen Ministerpräsidenten, der nicht nur eine professionelle, sondern viel mehr eine Persönlichkeit ist, bei welcher der Geist das Fleisch mit allen seinen Anwandlungen übertrifft. Ein Mensch der geistigen und nicht nur der politischen Elite. Jetzt braucht Lettland jemanden, der sich selbst zurückzustellen und das schwere Kreuz seines Amtes auf seine Schultern zu setzen vermag, Gott zur Ehre und den Menschen zum

SR 8-2009                                             – 2 –

Segen. Sollte es zu schwer sein, einen solchen zu finden, dann zeigt das nur, wie bedrohlich die Situation ist, in der wir sind.

In diesem Augenblick sollte das Volk nicht fluchen, sondern Fürbitte halten, von Gott  einen

Regierungschef nach Seinem Willen erbitten. Auch für den Staatspräsidenten sollten wir beten und ihm die Kraft wünschen, sich in dieser Situation als ein ehrenwerter, hoch gebildeter und mit hohen Vollmachten betrauter Staatsmann zu erweisen, der nur Gott, dem lettischen Volk und seinem Gewissen gegenüber verantwortlich ist.  Dass es ihm gelingen möchte, bei seiner Entscheidung für einen neuen Regierungschef durch die vielen fordernden Stimmen hindurch auch Gottes Stimme, die Stimme des Volkes und die Stimme der Vernunft zu vernehmen. Uns allen möchte ich eine gesegnete, ernsthafte und mit geistlichem Wachstum erfülle Fastenzeit wünschen, in der wir auf einen solchen Seelenzustand zugehen, bei dem die Stimme des lettischen  Volkes der Stimme Gottes und der Vernunft entspricht. “

Spalte der Redaktion

Ein anderes Fasten Inga Reča, Chefredakteurin der lettischen Kirchenzeitung SR

Was macht man, wenn es im Leben oder in der näheren Umgebung Dinge gibt, die wir für inakzeptabel halten? Das hängt von den Kategorien der Volkszugehörigkeit,  der Mentalität,  historischer Erfahrungen, vom staatlichen Verwaltungssystem und der Gesellschaftsordnung ab. So veranstalten Franzosen in solchen Fällen Massenstreiks, sie gehen auf die Straßen mit Plakaten, Lautsprechern und Musikinstrumenten. Sie streiken sehr oft, und ihre Streiks erinnern eher an Feste – man trinkt gemütlich eine Tasse Kaffee und isst Crepes dazu auf den Plätzen. Dabei erreichen sie meistens, dass die Löhne erhöht und die Steuern gesenkt werden, während die Renten mit einem Zuschlag bedacht werden.

Was macht in solchen Fällen gewöhnlich ein Lette? Im Laufe der letzten Jahre ist die Zahl der bürgerlichen Aktivitäten gestiegen. Auch wir haben es inzwischen gelernt, Demonstrationen und Kundgebungen zu veranstalten. Hier und dort erheben die Bürger – wie in Jūrmala, Ikšķile und Baldone – ihre Stimmen und drücken damit nicht nur ihre Unzufriedenheit mit Beschlüssen der örtlichen  Behörden aus, sondern beginnen damit auch einen langen Kampf mit Monate langen juristischen Auseinandersetzungen, und erreichen damit, dass manche unsinnige Beschlüsse wieder rückgängig gemacht werden. Die Leute haben begriffen, dass es auch eine der Weisen ist, den Bau eines Supermarkets in Kastenform auf dem letzten kleinen grünen Fleck zu stoppen, selbst in die Politik zu gehen, und so mit den auch selbst gefassten Beschlüssen auch ein großes Stück Verantwortung zu übernehmen.

Trotzdem ist die Zahl solcher Beispiele immer noch recht klein, denn ein Lette pflegt sich gewöhnlich nicht so zu verhalten. Gewöhnlich nimmt ein Lette in einem solchen Fall seine beliebte „Opferlammhaltung“ ein, findet irgendwann ein geöffnetes Ohr und fängt dann an zu flennen.. Er weint dann auch wirklich über alles – „ach ich Armer“, „so bin ich nun mal und kann daran nichts ändern;“ „die Zeiten sind nicht mehr so;“ „alles ist schlecht, nur ich bin gut;“  „ da kann man nichts mehr tun, das Ende der Welt steht ohnehin vor der Tür;“usw.

Doch einige Letten sind doch anders, Gott sei Dank!

Wenn sie zum Besipiel mit dem, was auf einer Freilichtbühne gespielt wird, nicht zufrieden sind, dann gründen sie eine neue Schauspieltruppe. Das haben Rēzija und Krists Kalniņš vor kurzem im christlichen Jugendzentrum getan, denn wir haben doch jetzt bereits seit 18 Jahren eine Demokratie, deren eines der wichtigsten Merkmale der Pluralismus (Vielfalt), auch die Vielfalt der Standpunkte ist. Doch der Lette, der für seinen  Standpunkt, seine Gerechtigkeit, für sein Weiterbestehen und für einen angemessenen Lohn  kämpft, ist weiterhin eine Seltenheit. Es gibt nur sehr wenige positive und inspirierende Beispiele, aber es gibt sie..

In dieser Woche hat das Fasten unserer eigenen Ausgeschlossenheit, unseres Jammerns, unserer Vergeblichkeit, und unseres Klagens begonnen. Beginnen wir doch mit dem Fasten

SR 8-2009                                            – 3 –

bei unserer Opferhaltung, denn es gibt nur das eine wahre Opfer. Und schon vor langer Zeit hat Er das Wort gesprochen: Alle eure Sorge werft auf Ihn!

Und sie fasteten und waren fröhlich die ganze Nacht… Ilze Gailīte

Am 20. Februar, in der Nacht vom Freitag auf den Samstag, fand im Jugendzentrum in der Māstaļu iela 10 die Veranstaltung einer zweiten Gebetsnacht statt. Jugendliche aus verschiedenen Gemeinden waren angereist, um während der ganzen Nacht gemekinsam zu beten und sich auf das große vorösterliche Fasten vorzubereiten. Mit ihnen beisammen waren die Pfarrer Krists Kalniņš und Rinalds Grants.

Im Matthäusevangelium steht geschrieben: „Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dareinsehen wie die Heuchler… Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit du dich nicht vor den Leuten zeigst, sondern vor deinem Vater, der im Verborgenen ist.“ So hatte es auch an jenem Abend den Anschein, dass die jungen Menschen ihre Herzen bereit gemacht und sich ganz besonders gründlich gewaschen haben, um das Fasten zusammen mit Gott und anderen Jugendlichen zu feiern. Auch ich war dieses Mal bereit, mich diesem Abenteuer hinzugeben und dabei nicht zu beachten, dass ich Komfort sehr liebe. Ich hatte von zu Hause für alle Fälle eine Decke und einen Teppich mitgebracht. Ich wollte sehen, wie sich die Dinge entwickelten, und falls mir der Schlaf kommt, mich unverzüglich in irgend einer Ecke hinzulegen. Doch plötzlich bemerkte ich, dass ich meinen Teppich gar nicht aus dem Rucksack herausgezogen und während der ganzen Nacht keinen Augsnblick meine Augen geschlossen hatte. Doch nun alles der Reihe nach!

Zur Sicherheit und als Stütze bei der Gebetsnacht nahm ich meine Mutter mit. Sie ist mir auch  eine liebe Freundin und aus ganzem Herzen ein wahrer Christ.. Ich wusste, dass die große Mehrheit der Jugendlichen sie nicht verängstigen würde. Auf jeden Fall hielt ich ihr das Beispiel des Apostels Johannes vor Augen. Obwohl Johannes der jüngste aller Jünger war, war er Jesu liebster Jünger. Somit spielt für Jesus das Alter keine Rolle. So schritten wir beiden besorgten christlichen Frauen durch die Tür zum Jugendzentrum, wo ehrenamtliche Helfer uns freundlich aufforderte eine Etage aufwärts zu gehen. Ich entdeckte einige mir bekannte Gesichter, was mein Herz sehr beruhigte. Doch es vergingen keine fünf Minuten, bis ich gegenüber allen Leuten um mich herum das Empfinden hatte, von lange bekannten Freunden umgeben  zu sein. Wir setzten uns in die letzte Reihe der Stühle, denn wir wollten uns die ganze Sache etwas vom Rande her ansehen. Doch dieser Plan misslang gründlich, denn wegen des großen Zustroms von Jugendlichen mussten hinter uns große Mengen von Stühlen aufgestellt werden. Damit waren wir im Laufe der Nacht fast ganz nach vorne gerückt.

Gegen 22 Uhr eröffnete Ulvis Kravalis den Abend mit einem Gebet. Hier muss ich über ihn etwas eingehender berichten. Er ist Leiter eines Jugendkreises in der Alten St. Gertrudgemeinde und Mitarbeiter bei den Alpha Kursen. Über Ulvis kann ich sagen, dass ich jedes Mal, wenn ich mit ihm zusammen bin, das Empfinden habe, er sei eine Treibstoffleitung, an die ich mich gerne anschließen möchte, um auch für mich den Segen aufsaugen zu können, der von ihm ausgeht. Mit der Absicht des gegenseitigen Kennenlernens wurde an jeden ein Zettel verteilt, auf den jeder seinen Namen schreiben  und an seinen Rücken befestigen sollte  Dann schrieben alle auf die Zettel Komplimente und freundliche Worte. So konnte man später lesen, was andere von dir denken, und dabei neues entdecken. So erfuhr ich über mich, dass ich ein energischer attraktiver und positiver Mensch sei. Ein Lächeln rief bei mir der Ausdruck hervor „ich sei ein reicher Mensch“. In Klammern stand daneben wohl die Bemerkung  – im Glauben und an Weisheit des Herzens, aber in der heutigen  inflationären Wirtschaftslage gefiel mir der Gedanke von der Reichen gut. Zu meiner Freude gab Ulvis bekannt, dass wir uns jetzt zum Tee begeben könnten, wo es auch

SR 8-2009                                            –  4  –

sehr gut schmeckende Pfannkuchen  gab. Das brauchte man mir nicht zwei Mal zu sagen, denn ich bin wie verrückt nach Pfannkuchen und Süßigkeiten.   Die Kuchen schmeckten sehr gut, doch die Hauptsache war, dass es so viele gab, wie man brauchte, keinen zu wenig oder zu viel. Mit heißem Tee bewaffnet gingen wieder zurück in den großen Saal, um mit dem offiziellen Teil des Abends zu beginnen. Die Lobpreisgruppe war bereits „auf dem Strich“ und erfüllte den ganzen Saal mit ihrem Gesang, als wir auf unsere Plätze zurück kehrten. Eine große Überraschung war für mich das Lob Gottes mit einem Akkordeon. Vielleicht war das für mich so wichtig, weil ich selbst einst auf dem großen, schweren „Kasten“ spielen gelernt habe und dann als ein Instrument, das keinem  etwas nützt, beiseite gelegt habe. Jetzt entstand bei mir wieder der Wunsch, es wieder vom Dachboden herunter zu holen und zusammen mit meiner Lobpreisgruppe das eine oder andere Lied zu versuchen. Nach dem großen Essen  fingen wir allmählich mit Bewegungen und erhobenen Händen zu singen „Wir sind das Volk, das den Herrn lobt!“  Mit der Zeit wurden die fröhlichen und bewegten Lieder durch lyrische und zu Herzen gehende abgelöst, die alle auf das Gebet einstimmten.

Dann beschloss Pfarrer Krists Kalniņš, uns alle in Gruppen aufzuteilen. Der Leiter meiner Gruppe war der stets optimistische Ulvis Kravalis. Der Austausch von Erfahrungen war sehr interessant. Einige hatten schon Erfahrungen mit dem Fasten gemacht. Meistens betraf es das Essen oder Dinge, die süchtig machen – wie Computer, Fernsehen oder Radio, und die einen vom Beten abhalten. Es gab auch welche, die versucht haben, mehrere Tage nichts zu essen und die Mahlzeiten  durch Gebet zu ersetzen. Erfahrene Fastende bekannten, dass es eine gute Erfahrung und eine gute Weise sei, sich einer geistlichen  Disziplin zu unterstellen. Gott wirkt bei dem Fastenden auf eine ganz besondere Weise und gibt Kraft, so dass man fast gar nicht  essen möchte, Er segnet mich mit neuen Erkenntnissen oder beantwortet meine Fragen und Probleme.

Krists Kalniņš, der alle Antworten in den Gruppen und deren Erfahrungen bei dem Fasten mit angehört hatte, hielt danach eine sehr lehrreiche Ansprache. Er teilte seine eigenen Erfahrungen mit und  betonte dabei ganz besonders die Worte Jesu: „Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinschauen.“ Wir Christen haben gelernt, immer zu lächeln und uns anderen gegenüber höflich zu verhalten, auch dann, wenn uns gar nicht danach zu Mute ist

Das machte mich traurig, dass unser Herz nicht von wahrer Freude erfüllt ist, sondern dass es nur eine Rolle ist, die wir darstellen. Natürlich ist jetzt alles gut und schön, und mein Herz ist hoch erfreut darüber, dass um mich herum so viele Brüder und Schwestern in Christus versammelt sind, und es verspürt Gottes Segen. Doch wenn man mir auf der Straße im Alltag begegnete, dann weiß ich nicht, ob man, wenn man mich anschauen würde, nicht doch ein sauertöpfisches Gesicht entdecken würde. Meine Gedanken wandern zurück zu meinem letzten Fasten.

Damals fastete ich mit dem Essen und schon am zweiten Tag ging ich zum Kühlschrank drei Mal öfter als sonst. Einige Male öffnete ich sogar die Tür zum Kühlschrank, um nachzusehen, ob die Wurst noch an ihrem Platz lag und ob Quark und Käse immer noch auf mich warteten. Doch am verrücktesten war es, wenn ich einem Nachbarn auf dem Flur begegnete. Meine Hausgenossen wichen mir während der Fastenzeit aus, weil ich sie angefahren habe: „Siehst du es nicht? Ich faste!“ Ich meinte, dass ich mir das leisten konnte, so unhöflich zu sein und durch das Haus zu rennen wie ein Ungeheuer, mit ungewaschenen Haaren, Trainingshosen und einem verkniffenem Gesicht. Heute  schäme ich mich dessen! Es fiel mir nicht einmal ein, die erwähnte Maske aufzusetzen und andere anzulächeln. Stattdessen habe ich auf sie meinen ganzen Frust abgeladen. Auch Ulvis gab mir einen guten Rat mit. Er sagte, dass das Fasten Gott gehört und ich mich entscheiden muss, was mir wichtiger ist. In dem Augenblick fiel mein Blick unwillkürlich auf meinen Teppich an der Ecke. Ich habe schon so oft zu fasten begonnen und es nicht bis zum Ende durchgehalten. Ich hatte immer das Gefühl, Gott

SR 8-2009                                          – 5 –

enttäuscht zu haben. Ich habe meine Bequemlichkeit bevorzugt. Auch bei dem Entzug des Schlafes bin ich mit dem Gedanken gekommen: wenn ich das nicht durchhalte, dann werde ich ruhig schlafen gehen. „Fasten ist eine geistliche Disziplin. Es ist eine Herausforderung zur Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und gegenüber Gott,“ sagte Krists Kalniņš, und in meinem Herzen beschloss ich, mich zu ändern. Ich muss es mir gestatten, auf Jesus zu blicken und zu Gott eine enge Beziehung aufzubauen.

Einige Minuten nach Mitternacht begann der Gottesdienst. Ich erinnere mich, dass ich in jenem Augenblick auf die Uhr schaute und dachte: schau, nun ist es Mitternacht, und bald wird mir sicher der Schlaf kommen… Und das Interessanteste dabei war, dass Gott mich wirklich gesegnet und mir geholfen hat, denn keinen Augenblick war mir nach Schlaf zu Mute. Mir gefiel es sehr, in diesem Gottesdienst Gott zu loben, und obwohl das nicht in der gewohnten Umgebung geschah, erschien mir alles so besonders und so heilig. Rinalds Grants hat eine sehr lange Predigt versprochen. Er zog einen Haufen Blätter heraus und drohte uns an, dass nun eine schwere Prüfung auf uns zukäme, denn später müssten wir das alles wiedergeben. Doch am Ende, als er alles gesagt hatte, wunderten wir uns und sagten: „Ist das wirklich alles und hast du nicht noch mehr Blätter?“ Die Art, wie er seine Zuhörer zu interessieren vermag, ist wunderbar. Keinen einzigen Augenblick gingen meine Gedanken auf Wanderschaft, und mit offenem Mund hörte ich zu, und lachte auch mit den anderen zusammen, als Pastor Grants demonstrierte, wie er an einem frühen Morgen im Halbschlaf zum Kühlschrank zottelte. Auch das Beispiel vom kleinen Sohn, dessen Mutter ihm so hinterherläuft, was ihn allmählich zum Parasiten macht, leuchtete mir sehr ein. Wirklich, fast genau so, wie R. Grants das schilderte, bin auch ich zum Kühlschrank hingewankt und habe dabei in Gedanken meinen Bauch angeredet: „Nun, was möchtest du heute haben, mein Lieber? Leber oder lieber ein Kotelett?“  Das ist lächerlich, aber wir verwöhnen wirklich unseren Bauch und machen ihn langsam zum Parasiten und fügen uns dabei großen Schaden zu.

Nach dem Gottesdienst wandten wir uns wieder dem Lobpreis zu. Von Herzen und laut lobten wir den Herrn. Hinten hatten sich die Beter versammelt, die bereit waren, für andere zu beten, welche diesen Wunsch ausgesprochen hatten. Ich wünschte es mir sehr, dass auch meine Probleme in die Fürbitte hineingenommen würden.. Das ist eine wundervolle Sache, die Gott uns geschenkt hat – die Fürbitte für den anderen. Ich empfand sehr die Gegenwart des Heiligen Geistes, als einer der Beter auch für mich betete und dabei mir die Hände auflegte. Danach fühlte ich mich voller Segen und voll der Kraft des Heiligen Geistes. Später sagte mir meine Mutter, ihr wäre der Raum lichterfüllt erschienen. Die Herzen aller Jugendlicher lobten und beteten wirklich aufrichtig. Sie hätte das körperlich empfunden. Zusammen mit einigen anderen älteren „Jugendlichen“ beteten auch sie füreinander. Sie sind davon  überzeugt, dass ihre Gebete erhört und ihre Bitten erfüllt werden.  Danach verteilten wir uns wieder in Gruppen, die aber dieses Mal wesentlich kleiner waren als zuerst – mit je 3 oder 4, und beteten weiter. Zuerst füreinander und dann für unsere Beziehungen, für die Kirche und schließlich für den Staat. Ulvis sagte uns, dass es Satans Hauptbestreben sei, zu erreichen, dass der Christ sich so sehr mit sich selbst, seinen Gemeinschaften, christlichen Veranstaltungen und Diensten befasste, aber auf keinen Fall betete. Deshalb ist das Gebet die einzige Möglichkeit den Satan in seine Schranken zu weisen. Zu Beginn erscheint alles steif, und man hört oft die Wiederholung bestimmter Redewendungen wie gestern und vorgestern, doch wenn Gott endlich zu Wort gekommen ist, dann empfindet man die eigentliche Kraft des Gebetes.

Allmählich erreicht die Nacht ihren Höhepunkt. Und als nur noch eine Stunde bis zum Ende der Veranstaltung übrig blieb, bemerkte ich plötzlich, dass die Nacht so schnell verflogen war, dass man bald den Heimweg antreten müsste. Ehrlich gesagt, wollte ich noch gar nicht

SR 8-2009                                           – 6 –

fortgehen, aber nach drei Stunden musste ich bei einer Trauung von Freunden sein. Dem konnte ich nicht ausweichen. So habe ich auch die Nacht danach verbracht, ohne zu schlafen, aber wunderbarere Weise fiel mir das gar nicht schwer. Normalerweise bin ich eine große Schläferin, aber dieses Mal brauchte ich mich nicht sonderlich anzustrengen, um das Gähnen zu unterdrücken. Ich weiß, dass Gott die Kraft zum Aushalten der geistlichen Disziplin schenkt. Wenn du aus ganzem Herzen fastest und betest, dann hast du auch keinen Hunger, brauchst auch keinen Schlaf, und es ist auch viel leichter, Versuchungen zu überstehen. Diese Gebetsnacht war für mich eine große Freude, und mit großer Ungeduld erwarte ich schon die nächste. Jetzt kommt sie mir gar nicht mehr ungewöhnlich vor. Im Neuen Testament wird die Situation beschrieben, in der die Apostel die ganze Nacht fasteten und beteten.

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Alksnāja iela 3 .- Riga- LV 1050

E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am  11.3.2009)

Brucknerstr. 24.-  D-27711 Osterholz-Scharmbeck

Telefon: 04791-13356

E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers

Der Themenschwerpunkt dieser Ausgabe ist wieder die Fastenzeit. Ich habe einen langen Beitrag nicht übersetzt, der sich mit einem anderen Thema befasste. Vor einiger Zeit ist in Lettland ein Buch von Juris Rubenis erschienen, das sich mit der christlichen Meditation auseinandersetzte. Dieses Buch hat auch in SR eine breite Diskussion ausgelöst, die sicher sehr interessant ist. Zuerst nahm Indulis Paičs ausführlich Stellung, worauf Juris Rubenis ebenso ausführlich antwortete. Das hat Aleksandrs Bite zu einer noch ausführlicheren Entgegnung angeregt, bei der ich vermute, dass sie wiederum eine Reaktion zur Folge haben dürfte. Ich bin der Ansicht, dass die freundliche Leserschaft diese Diskussion erst mit Gewinn verfolgen dürfte, wenn sie das Buch und alle die von diesem ausgelösten Beiträge gelesen hat. Alles das würde meine Kräfte und Möglichkeiten überfordern oder ich müsste in meiner Übersetzerei neue Schwerpunkte setzen, was vermutlich bei manchem Leser und bei vielen verehrten Leserinnen auch nicht ungeteilten Beifall auslösen würde. So bin ich dieses Mal bei dem freudevollen Fasten mit seinen Facetten geblieben und wende mich sofort der bereits auf meinem Tisch .liegenden nächsten Ausgabe zu.  J. B.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: