Verfasst von: liefland | März 21, 2009

Ausgabe Nr. 11 (1790) vom 21. März 2009.

Gottes Wege sind vollkommen                   Psalm 18, 31

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.

Sonntag Lätare      Ausgabe Nr. 11 (1790)  vom  21. März 2009.

Spalte der Chefredakteurin

Über die Kraft, schwach zu sein Inga  Reča, Chefredakteurin

Diese Fastenzeit wird für mich bedeutend bleiben dadurch, dass ich wieder sehr deutlich bei mir alles Böse und Schlechte entdeckte. Und noch einmal entdeckte ich, woher es kommt, dass dessen „Füße immer weiter wachsen“. Ich entdeckte die Wurzel des Bösen – die Sünde. Wie unendlich wahr sind doch die Worte in der Bibel : „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ (Röm. 7,19) Und das nicht deshalb, weil wir böse sein  möchten, sondern, wie wir böse SIND, weil die Sünde in uns dieses Böse eingepflanzt hat. Weil unsere Natur, unser Wesen, die von der Sünde vergiftet sind, böse sind. Da hilft auch kein heißes Wünschen oder Bemühen. Vielleicht ist jemand, der von sich sagt, dass er böse sei und daher Böses tue, besser als ich, die ich mich bemühe Gutes zu tun, und damit alles nur noch schlechter mache.

Als ich die Wurzel dieses Übels in mir entdeckte, suchte ich einen Ausweg. Was tun? Den Ausweg fand ich nur im Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes: „Und das ist sein Gebot, dass wir glauben an den Namen seines Sohnes Jesus Christus und lieben uns untereinander, wie er uns das Gebot gegeben hat.“ (1. Joh. 3, 23) Nur wenn ich von dieser Position ausgehe und demütig beschließe – Gott zu lieben und seinem Wort gehorsam zu sein, können wir eine Änderung erhoffen. Alle anderen Bemühungen enden in einem Fiasko – das ich schon, einmal, zweimal und hundertfach erlebt habe. Alle anderen Bemühungen sind nur Flickerei, Trödelei oder Auf der Stelle Treten. Wenn ich wesentliche Veränderungen erfahren möchte, dann muss  ich das unmöglich erscheinende Gebot Christi befolgen – glaube und liebe! Nur dann wird Christus sein mystisches Werk in mir und an mir vollbringen können, das menschlichem Verstand nicht möglich oder begreiflich erscheint. Der wirkliche Christus verrichtet sein Werk in mir, das ich selbst nicht sehen oder mit meinen Händen greifen kann, aber alle anderen um mich herum als Früchte genießen.

Ach Gott, gib mir die Kraft, so stark zu sein

dass ich schwach werde

und aufhöre, mich selbst zu bemühen,

und es zulasse, dass Christus in mir wirkt.

Fest der Patronin aller Reisenden. Die Alte St. Gertrudkirche wird 140 Jahre alt.

Inga Reča

„Ihr seid doch eine sehr reiche Gemeinde. Ihr habt sieben Kirchen  besessen,“ sagte Erzbischof Jānis Vanags in seiner Festpredigt. Am 8. März feierte die Alte St. Gertrudgemeinde in Riga das 140 jährige Bestehen ihres jetzigen Gotteshauses , des meisterlich vom Architekten J. D. Felsko entworfene Gebäudes, das gleichzeitig auch die Krone  unter allen seinen Schöpfungen ist. Damals sei sie aus technischer Sicht ein Gebäude voll von neuen Ideen gewesen. So wäre das Heizungssystem aus der damaligen westeuropäischen Sicht einmalig und unübertroffen gewesen.

Alle bisherigen Heimstätten der St. Gertrudgemeinde waren Holzgebäude, die sich näher am heutigen Zentrum von Riga befanden – damals außerhalb der Stadtmauern. Deshalb gehörte es zu dem Schicksal des Gotteshauses, immer wieder abgebrannt zu werden. Das entflammte die Eindringlinge und brannte tief in den Seelen der Einwohner. Es ist interessant, dass der Name St. Gertruds der Kirche zugedacht wurde, weil diese die Schutzpatronin der Reisenden ist. Menschen, die sich in die Ferne begaben, gingen in das Gotteshaus, um Gottes Schutz für

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die bevorstehende Reise zu erbitten, und diejenigen, die zurückgekehrt waren, dankten Gott für die Bewahrung auf der Reise.

Das jetzige Gotteshaus der St. Gertrudgemeinde wurde am 2. März 1869 geweiht. Die Annalen berichten, dass es eine große Prozession gegeben hätte, die sich vom Stadtzentrum her auf den Weg zur neuen Kirche gemacht hätte. Im Archiv der Kirchengemeinde ist die damalige Gottesdienstordnung immer noch aufbewahrt. Pfarrer Rinalds Grants meint, dass wir das nächste runde Jubiläum ohne weiteres nach dieser Ordnung halten könnten.

Historisch war die St. Gertrudgemeinde eine deutschbaltische Kirchengemeinde, nur zu Beginn des 20. Jahrhundert entstanden durch die Industrialisierung sehr schnell zwei lettische St. Gertrudgemeinden. Aller drei Gemeinden waren sehr aktiv und vielseitig tätig. (Pastor Oscar Schabert war der Ansicht, dass die Kirche der jungen Generation viel mehr  bieten müsste als die Welt geben konnte. In den neu ausgebauten Räumen im Kellergeschoss gab es sowohl Turngeräte als auch eine Bühne für Aufführungen, doch über allem stand Gottes Wort.)  Sonntags fanden drei Gottesdienste statt. Aber bald wurde alles zu eng, so dass eine der lettischen Gemeinden beschloss, eine neue Kirche zu erbauen, die wir heute als die Neue St. Gertrudkirche kennen.

Auch heute ist die Gemeinde sehr aktiv am Werk. „Die Gemeinde wächst, und das Durchschnittsalter der Gemeinde wird immer niedriger, so dass wir uns bald eine junge Gemeinde nennen können,“  berichtet Pfarrer Rinalds Grants, der hier zusammen mit Pfarrer Romans Skuja den Pfarrdienst verrichtet. Er hat die Aufforderung des Erzbischofs vor einigen Jahren, die leeren Kirchenbänke wieder zu füllen ernst und zu Herzen genommen. Die Alte St. Gertrudgemeinden ist eine der ersten Gemeinden der ELKL , die die Alpha Kurse eingeführt hat. Im Laufe der letzten vier Jahre haben hier acht Kurse stattgefunden, die von insgesamt 500 Teilnehmern besucht wurden. Am jetzigen Kurs nehmen 120 Hörer teil.

Die Gertrudgemeinde bemüht sich sehr um ihre einmalige Heimstätte. Um die abbröckelnden  kleinen dekorativen Türmchen wieder herzustellen, starteten die Leute vomn St. Gertrud eine Aktion „Gertrud trauert“  Dank der Hilfe der staatlichen Denkmalsinspektion sind inzwischen 20 Türmchen restauriert worden , von denen 3 bereits wieder auf ihrem Pkatz stehen. Im Inneren der Kirche soll das Vorhaben einer neuen Heizung verwirklicht werden, und dank der Spenden der sächsischen kirchlichen Jugend ist  der Luthersaal im Kellergeschoss renoviert worden.

Sehr verdient gemacht bei der Restaurierung der Sauer-Orgel der Alten St. Gertrudkirche hat sich Kirchenmusikdirektor und seit 20  Jahren (!) Übersetzer von „Svētdienas Rīts“ in die deutsche Sprache Johannes Baumann, für den diese Kirche die Kirche seiner Kindheit ist.. die er neben seiner Mutter an der Orgel der Alten St. Gertrudkirche  verbracht hat. Auch bei dem Wiedererscheinen von SR war das Kellergeschoss (das einstige Gertrudheim) einer der Haltepunkte. Das hört sich ein wenig rätselhaft an. Doch mehr wird darüber zu erfahren sein, wenn wir Ende April mit der freundlichen  Genehmigung der Gemeinde im Luthersaal der 20 Jahre gedenken möchten, seit dem Wiedererscheinen unserer Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts.“

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Alksnāja iela 3 .- Riga- LV 1050

E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 25.03.2009)

Brucknerstr. 24.-  D-27711 Osterholz-Scharmbeck

Telefon: 04791-13356      E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

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Nachwort des Übersetzers

Wie immer, so fällt es mir auch dieses Mal nicht ganz leicht, das Nachwort zu verfassen, da in dieser Ausgabe wieder etwas sehr schmeichelhaftes über Ihren Übersetzer steht. Bei ähnlichen Gelegenheiten haben mir jedoch recht viele Leser gesagt, dass ich das übersetzen sollte, da es nun einmal so geschrieben stände. Diese Aufmunterung gibt mir wieder die Gewissheit, dass meine verehrte Leserschaft es nicht als geistliche Hochnäsigkeit meinerseits auffassen wird, wenn ich im Artikel über die Alte St. Gertrudkirche in Riga den entsprechenden Absatz nicht fortlasse.

Im übrigen habe ich die Übersetzung kurz gefasst, um noch Zeit und Platz zu haben, im Anhang einen Artikel aus der DIENA zu übersetzen, bei dem es um die Einführung der lutherischen Bischöfin Großbritanniens Jāna Jēruma-Grīnberga geht. Da ich über dieses Ereignis in der mir zugänglichen deutschsprachigen Presse kaum etwas gefunden habe, möchte ich den nun folgenden Beitrag übernehmen, besonders deshalb, weil diese Bischöfin aller Lutheraner Großbritanniens  eine Lettin ist. In ihrer Vita, von der in dem Beitrag auch die Rede ist , schimmert auch etwas von der lettischen Nachkriegsgeschichte durch. So hoffe ich, dass dieser Beitrag bei meinen verehrten Leserinnen und nachsichtigen Lesern auch auf einiges Interesse stößt, auch wenn der Ort des Geschehens nicht Lettland ist.  J. B.

Die Erste. Aus DIENA vom 21.2.2009. Verfasserin: Rita Ruduša

Als der Tag ihrer Einführung in das Amt der lutherischen Bischöfin Großbritanniens immer näher rückte, dachte Jāna Jēruma – Grīnberga (55) in ihrer Aufregung, dass „es vielleicht eine andere Jāna betreffen würde.“ Doch die Rede war tatsächlich von ihr, und jetzt kann man dieses Ereignis sogar als historisch bezeichnen. Jāna Jēruma-Grīnberga, die kürzlich Bischöfin der Lutherischen Kirche Großbritanniens geworden ist, ist tatsächlich die erste Bischöfin in der Geschichte der Kirchen Großbritanniens.

Ein Anstoß für die Freunde.

Mit Jāna traf ich mich eine Woche nach ihrer Einführung in ihr neues Amt in der Londoner St. Annenkirche in ihrem kleinen, düsteren, von der Kirche überschatteten Büro. An der Zeremonie nahmen damals Bischöfe aus der ganzen Welt teil.  Der Erzbischof der ELKL Jānis Vanags konnte nicht kommen, hatte aber einen Vertreter und einen Glückwunsch geschickt. Die Kirche war hell erleuchtet, in den Bänken saßen etwa 300 Menschen. Am Tage unseres Interviews ist die Kirche leer, halbdunkel und es herrscht winterliche Feuchtigkeit.. Zwischen den dunkelbraunen Bankreihen ist eine Aufwartung mit dem Staubsauger beschäftigt. Doch die Kälte und das Staubsaugergeräusch stört uns nicht. Aus großen Tassen trinken wir dampfenden Tee, und die tiefe Stimme von Jāna übertönt mühelos alle Geräusche.

Jāna gibt zu, dass ihr jetzt, da ihr bischöflicher Alltag begonnen hat, alles etwas leichter fällt als vor der Zeremonie. „Je näher der Tag heranrückte, um so mehr fürchtete ich mich davor, dass vielleicht jemand einen Fehler gemacht hätte, und dass es sich überhaupt um eine andere Jāna gehandelt hätte.“ Natürlich hatte niemand einen Fehler gemacht. Gerade diese lettische Pfarrerin wählte man im Oktober des vergangenen Jahres in großer Einmütigkeit in das Amt einer Bischöfin der Lutherischen Kirche Großbritanniens. In der Kirche gab es keinen Widerstand gegenüber der Nominierung einer Frau.

Jānas neue Amt warf die Lutheraner Großbritanniens in den Raum der Öffentlichkeit. Diese kleine Kirche mit einer winzigen Mitgliederzahl  (in ihr sind etwa 30 lutherische Gemeinden vereinigt mit etwa 10.000 Mitgliedern) „befindet sich gewöhnlich außerhalb des Radars der Medien,“ und wenn irgendwo über sie in der Presse etwas berichtet wird, dann nur in der Form einer Bemerkung am Rande. Doch in „The Daily Telegraph“ wurde die Einführung einer Bischöfin als historisches Ereignis bezeichnet, und die Aktivistinnen der Frauenbewegung „Women in the Church“ nannten sie eine „wunderbare Nachricht.“

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Die Aufmerksamkeit der Medien hat Jāna keineswegs beunruhigt. Die Kirche hatte sich ganz bewusst für eine Taktik entschieden, die den Medien entgegenkam, denn es schien, als ob die Nachricht über die erste Frau im Bischofsamt ein positives Echo in der Presse auslösen könnte, was sonst sehr selten geschieht, denn nach Jānas Eindruck dominieren in der Presse der säkularen britischen Gesellschaft die negativen Standpunkte gegenüber der Kirche und der Religion. Jānas Einführung  hat der Diskussion über die Frau im Bischofsamt auch in der Anglikanischen Kirche einen neuen Auftrieb gegeben. Die Anglikanische Kirche hat erst vor Kurzem beschlossen, Frauen zum Bischofsamt zuzulassen, doch bisher wurde noch keine Frau in der Kirche von England zur Bischöfin geweiht, und gegenüber dieser Praxis gibt es viel Opposition. „Das, was deine Freunde machen, betrifft auch dich,“ sagt Jāna, und deshalb könnte die Nachricht von der ersten lutherischen Bischöfin auch für die Anglikaner ein „kleiner Anstoß sein.

Jāna schenkt Tee nach und macht einen Schritt zurück in die Geschichte. Auf den britischen Inseln waren die Lutheraner 400 Jahre lang die Einzigen, denen es gestattet war, nicht anglikanische Gottesdienste zu halten. Doch noch bis in die jüngste Vergangenheit verliefen sie in den Sprachen der Einwanderer – deutsch, dänisch und schwedisch. Erst nachdem nach dem Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge aus dem kontinentalen Europa kamen, wurde die Kirche in ihrer heutigen Form geboren. „Die zweite und dritte Generation wollte nicht mehr deutsch beten. Um sie in den lutherischen  Gemeinden zu halten, musste eine englisch sprechende Kirche entstehen “ Sie wurde 1961 gegründet, doch lutherische Gottesdienste in anderen Sprachen – einschließlich suaheli, polnisch, schwedisch u.a. – finden hier weiterhin statt, natürlich auch lettische Gottesdienste.

Eine „verrückte“ Laufbahn

Jāna hatte in sehr kurzer Zeit den Höhepunkt ihrer Laufbahn als Pfarrerin erreicht. Sie wurde 1997, also vor etwas mehr als zehn Jahren ordiniert. Obwohl Jāna aus einer gläubigen Familie

kommt (ihr Großvater war der blinde Pfarrer Augusts Grigors – einer der ersten Absolventen der Theologischen Fakultät im unabhängigen Lettland und der Gründer der Christus-gemeinde), so hat sie selbst in ihrer Jugend nicht einmal im Traum daran gedacht, einen kirchlichen Beruf zu ergreifen. Sie studierte Biochemie und ging eine lange Zeit gar nicht zur Kirche. Erst als ihre Töchter Laila und Anna geboren waren, erkannte sie das „Wunder eines neuen Lebens“ und empfand die Notwendigkeit, zur Kirche zurück zu kehren. Zuerst – als Organistin.

Freunde fragten sie, ob sie es sich nicht vorstellen könnte, als Pfarrerin zu dienen. Doch diesem Ziel standen körperliche Behinderungen entgegen. „Ich war krank und hatte verschiedene Leiden,“ berichtet Jāna, und gebraucht dabei das lange nicht mehr gehörte Wort „Fallsucht“ „Ein Pfarrer auf der Kanzel mit Fallsucht? Da gibt es keine Variante.“ Sagt Jāna lachend. Dann erzählt sie etwas über einen Morgen im Mai, an dem sie beschloss, nach dem Aufstehen mit Gott zu reden. „Wenn du es willst, dass ich Dir diene mit allen diesen Leiden, dann kann ich das einfach nicht schaffen.“ Bald danach begegnete sie einem katholischen Mönch – einem Heiler, und die Epilepsie begann zurückzugehen. „Ich nahm keine Medikamente und seit 10 Jahren hatte ich keinen Anfall mehr.“

Mit meinem Theologiestudium begann ich im „Greisenalter“ , sagt sie lachend.  Und wie alt war sie bei dem Ende des Studiums? „Vierzig und etwas dazu…“ Ihr Mann Jānis stimmte  ihrer Entscheidung zu: „Er unterstützte mich dabei ebenso wie bei allen anderen Dingen, denn er hatte sich an meine verrückten Entscheidungen gewöhnt.“ Sie lacht herzlich, als sie sich an eine Neckerei ihres Mannes erinnert: „Doch ich möchte dann nicht die gnädige Frau sein.!“  Zuerst  machte sich Jāna Sorgen, dass das Amt einer Pfarrerin ihren damals 10 und 6 Jahre alten Töchtern seltsam vorkommen könnte, denn „es würde ihnen in der Schule schwer fallen

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zu sagen, dass die Mama eine Pfarrerin sei.“ Doch diese Sorgen waren unbegründet. Die Töchter wurden damit ganz  cool fertig.

Stärkendes aus Tansania

Der Tee war ausgetrunken und ich dachte, man müsste nun die Jacke und nicht das Jackett des Teufels anziehen, doch ich beschloss dennoch, es zu übersehen, dass ich fror, denn das Gespräch wurde immer interessanter. Jāna eilte nach vorne, um die Kirchentür zu öffnen, an der ein Besucher geschellt hatte. Der Strom der Besucher ist nicht groß, aber beständig. Etwa alle Viertelstunde klingelt jemand an der Tür. Jāna begrüßt ihn freundlich und empfiehlt ihm, in das Büro zu gehen („It is warmer there“)  und kehrt dann zu den angesprochenen Gedanken unserer Unterredung zurück.

„Also Tansania….“ Wir hatten begonnen, über die Orte zu sprechen, an denen Jāna „sich aufgeladen“  und, wie sie selbst sagt „Gottes Gegenwart erfahren“ hatte. Eine dieser Erfahrungen geschah in Staicele, wo das Haus ihrer Geburt steht, und die Salaca fließt, in der man gut schwimmen kann, und es die schöne Gegend zum Spazieren Gehen gibt.“ Die zweite Erfahrung machte sie in Tansania.

Nach Tansania kam Jāna vor mehreren Jahren, denn die britischen Lutheraner haben traditionell enge Verbindungen mit Gemeinden dort – ganz besonders zur Karioko Gemeinde in Daressalam. „Das war ein Ort, an dem ich zum ersten Mal das Gefühl hatte, bei dem Aussteigen aus dem Auto am Straßenrand nicht zu wissen, was ich tun sollte.“ Damals konnte Jāna noch nicht Suaheli sprechen (jetzt spricht sie außer dieser Sprache auch noch Deutsch und Französisch. Mit diesen Sprachen kommt sie zurecht neben Englisch und Lettisch. Im Studium hat sie darüber hinaus auch noch Latein, Griechisch und Hebräisch erlernt.) Wegweiser gibt es in Tansania nicht, auch keine Richtungshinweise, alle Geschäfte und Wohnhäuser sehen gleich aus. „Es bekommt einem gut, in eine Lage zu geraten, in der du nichts verstehst,“ sagt Jāna.

Tansania hat sie „aufgeladen“, denn die Menschen dort sind sehr gastfreundlich und herzlich, so dass schon der geringste sachliche Kontakt sehr menschlich und sinnerfüllt ist. „Wenn wir in Europa tanken möchten, dann stecken wir den Benzinhahn hinein, füllen den Tank, bezahlen an der Kasse und fahren weiter. Aber in Tansania tritt man heran und begrüßt alle. Und  dann fragt man, ob man noch einen weiten Weg vor sich hätte. Und dann natürlich – wie es zu Hause ginge. Erst nach etwa fünf Minuten darf man bei dem Tanken um Hilfe bitten.“ Jāna gefällt es, dass man auf diese Weise einander wahrnimmt – auch, wenn dich der andere nur bedienen möchte – als Mensch, mit dessen Leben und seiner Familie. „Das ist sehr schön.“ Jāna, die in unserem Gespräch mehrfach  die „eiligen und zerspaltenen Europäer“ erwähnt, wiederholt noch einmal, dass man in Europa für solche Beziehungen keine Zeit hätte. „Immer sind wir in Eile. Leider!“

Der zweite Grund, weshalb ihr Tansania so glaubensstärkend vorkommt, ist, dass dort der Glaube eine ungeheuere Kraft ausstrahlt. Jāna nennt Zahlen, die jeden durchschnittlichen Europäer nur verwundern können – Sonntags finden dort in der Kirche drei Gottesdienste statt. Der erste von ihnen beginnt um 7 Uhr, „wenn es noch kalt ist“, zu dem 1500 Menschen zusammen kommen, der zweite ist um 10 Uhr, zu dem weniger kommen – „nur“ 1200. Zur Bibelstunde und anschließendem Gottesdienst am Nachmittag versammeln sich etwa 600.. In London werden Kirchen verkauft, weil es keine Menschen mehr gibt, die sie füllen. Doch in Tansania werden ständig neue gebaut, denn es fehlen die Gebäude,“ Deshalb fährt sie nach Daressalam, um „geistliche Kraft zu schöpfen und sich im Gebet zu stärken.“

Begegnung am Grabe des Vaters

Der Bericht über Jānas zweite „Ladestation“ Staicele ist komplizierter. Lange Jahre war für sie Staicele nur ein theoretischer Begriff, ebenso wie die Kenntnis, dass dort ihre Schwester

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sei – eigentlich ihre Halbschwester die Journalistin Inga Jēruma, die zusammen mit ihrer Mutter der Schauspielerin Velta  Kruze in Lettland geblieben ist, als der Krieg die Familie

auseinander riss. Als ich sie bat, noch etwas ausführlicher auf  die Geschichte ihrer Familie einzugehen, atmete Jāna tief durch und machte eine längere Pause. „Das ist eine längere Geschichte.“ Ihr Vater (der Komponist Alberts Jērums) wurde in die deutsche Armee eingezogen, aber als die Sowjetarmee kam, waren Inga und ihre Mutter Velta in Staicele, doch der Vater kam nicht mehr zu ihnen. Später kam er nach Deutschland – „niemand dachte, dass es für eine längere Zeit sein könnte“ – Ihr Vater fand eine Möglichkeit, einen Brief an Velta zu schicken, in dem er sie fragte, ob er zurückkommen sollte. „Velta schrieb ihm: komm nicht. Damals, im Jahr 1948, war es schon deutlicher zu erkennen, dass sich nichts ändern würde.“  Daher, als es die Möglichkeit gab, von Deutschland nach Großbritannien auszureisen, siedelte er nach London um. „Die Schicksale waren eben so. Zehn Jahre danach wurde ich geboren.“

Ihre Halbschwester traf Jāna „buchstäblich am Grabe des Vaters“. Zu Alberts Lebzeiten hätten die sowjetischen Behörden ihrer Halbschwester nie ein Visum erteilt, aber 1978 genehmigten sie ihr die Reise zu seiner Beerdigung. Während der Sowjetjahre waren ihre Begegnungen nur sehr selten, und Jāna erinnert sich heute noch sehr lebhaft an sie. Die Trennung war jedes Mal furchtbar, denn jede Begegnung hätte die letzte sein können. Jetzt treffen sich die Schwestern viele Male im Jahr, und trotzdem ist die verzweifelte Trennung von damals immer noch weiter in der Erinnerung.

Über ihre Verwandten in Lettland berichtet Jāna gerne – über ihre inzwischen verstorbene  Stiefmutter Velta, die immer dafür gesorgt hatte, dass sie sich in Lettland zu Hause fühlte („sie brauchte mich doch gar nicht zu akzeptieren, aber sie tat es“), über Inga, deren Stimme genau so klingt wie ihre eigene („als Inga mich interviewte, konnte sie bei dem Abspielen des Bandes nicht unterscheiden, wer was sagte.“) Im vergangenen Jahr war Jāna neun Mal in Lettland, und hofft, dass ihr neues hohes Amt die Zahl ihrer Reisen nicht einschränkt. Die Tätigkeit einer Bischöfin besteht zu einem erheblichen Teil aus Lesen und Nachdenken. „Und das kann man doch auch in Lettland tun.“

Der gefallene „Götze“.

Draußen dämmert es, und in der Kirche wird es immer dunkler. Die Aufwartung ist mit ihrem Staubsauger in den Büroräumen verschwunden, und dessen Geräusche sind erheblich leiser geworden. Durch die großen Fenster erblickt man die Klötze der Bürohäuser, wo hinter den Fenstern in hell erleuchteten Räumen noch gearbeitet wird. Das Gespräch kommt zur unvermeidlichen  Frage  der globalen Krise, welcher auch die  Kirche nicht entgehen kann. Nach Jānas Meinung stellt die Krise die Kirche vor drei neue Aufgaben. Zuerst muss sie an die Menschen denken, die durch die Krise in Not geraten sind. „Die Arbeit hatten, haben jetzt keine, die wohlhabend waren, sind es nicht mehr.“ Zweitens haben viele Kirchen Geld verloren , und sie müssen ihre Krise selbst bewältigen. Und drittens muss sich die Kirche wieder ihrer Prophetenrolle bewusst werden, oder, um das in der Sprache der Medien zu sagen, sie muss analysieren und kommentieren. „Wir müssen begreifen, wie wir als zivilisierte Gesellschaft in eine solche Schieflage geraten konnten.“ Jāna bezieht sich dabei auf den Erzbischof von Canterbury, der als eine Ursachen  der Krise das „Motiv des Verdienens“ bezeichnet. Jāna schließt sich dieser Diagnose an und drückt es noch schärfer aus:  „Das ist einfach Unersättlichkeit.“ Sie meint, dass wir vielleicht sogar eine solche Krise gebraucht haben, da es eine falsche Entscheidung war, das Geld, biblisch gesprochen, zum Götzen zu machen. Wir brauchten die Krise einfach, um zu begreifen, dass Geld eigentlich niemandem Sicherheit gibt. Und Glück auch nicht.“ Aber was sollen die machen, die durch die Krise bereits gelitten haben oder leiden werden, besonders an der heißesten Stelle der Krise – in Lettland? Ich denke, dass wir in unserem Leben das finden müssen, was uns die

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Kraft gibt, auszuhalten, ganz gleich unter welchen äußeren Verhältnissen,“ sagt Jāna und führt als Beispiel Tansania an. Dort leben die Menschen in großer Armut, verdienen etwa 20 Euro im Monat und sie haben kein sauberes Wasser. „Aber sie sind fröhlich.“

Ich schalte mein Diktaphon ab, bringe meine schon seit langem ausgetrocknete Teetasse in die Miniküche, verabschiede mich, öffne die schwere Tür der Kirche und gehe unwillig auf die Straße. In den Büros hat man Feierabend gemacht und durch die schmale Straße bewegt sich ein Strom von Büroangestellten. Gesenkten Hauptes bewegen sie sich auf die große Straße zu, um sich dort an einen noch größeren Menschenstrom anzuschließen, der sie in die Geschäfte oder in ein Café oder zur U-Bahn bringt. Ich möchte lieber langsamer gehen, und wünsche mir, dass es um mich herum still sein möchte. Doch die Bürgersteige Londons bieten eine solche Möglichkeit nicht an. Deshalb hole ich tief Luft und gliedere mich in den Strom ein. Gespalten und in Eile.

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