Verfasst von: liefland | April 18, 2009

Ausgabe Nr. 15 (1794) vom 18. April 2009

Die Worte des Herrn sind lauter wie Silber                        Psalm 12,7.

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.

Sonntag Quasimodogeniti    Ausgabe Nr. 15 (1794)  vom 18. April 2009

„Svētdienas Rīts“ feiert das Jubiläum zum Gedenken an die Neuerscheinung dieser Kirchenzeitung vor 20 Jahren nach einer Zwangspause von 50 Jahren. Inga Reča

Wie bereits des öfteren in unserer Kirchenzeitung erwähnt, sind jetzt zwanzig Jahre vergangen, seit unsere Kirchenzeitung wieder neu erscheinen konnte. Um dieses Anlasses und der Zeit des nationalen Erwachens zu gedenken laden wir alle Mitarbeiter, Leser und Interessenten zu einem Dankgottesdienst am Freitag, dem 24. April um 16 Uhr in der Alten St. Gertrudkirche in Riga ein. Der zweite ebenso bedeutende Anlass, für den wir Gott danken möchten ist das 20 jährige Jubiläum unseres lieben Johannes Baumann, der in dieser Zeit „Svētdienas Rīts“ in die deutsche Sprache übersetzt hat und das weiter tut. Diese Übersetzungen werden nicht nur nach Deutschland sondern in viele Länder Europas versandt. Im Gottesdienst und im anschließenden Abend der Gemeinschaft wird auch eine umfangreiche Delegation aus Deutschland zugegen sein.

Im Gottesdienst werden Bischof Pāvils Brūvers und die Pfarrer Juris Rubenis und Rinalds Grants als Prediger und Liturgen tätig sein. Für die musikalische Gestaltung zeichnen Guntars

Prānis als Kantor und Chorleiter und Vita Kalnciema als Organistin verantwortlich.

Alle sind herzlich eingeladen zu diesem gemeinsamen Dank an Gott für diese Jahre der Gnade.

Spalte der Chefredakteurin

Wie bereiten wir uns auf die Auferstehung vor? Inga Reča, Chefredakteurin von SR.

In einem Ostergottesdienst rüttelte mich eine These in der Predigt auf: Menschen interessieren sich gewöhnlich sehr dafür, was nach der Auferstehung geschehen wird, aber viel weniger dafür, wie wir vor der Auferstehung leben sollten. Eine Fülle sehr komplizierter Fragen, nicht wahr?

Einmal, als ich mit einem Pfarrer über das – milde ausgedrückt – schwer zu verstehende Verhalten einer Person sprach, stellte der Pfarrer tiefsinnig fest: „Der Mensch ist ein höchst unvollkommenes Wesen, aber Gott gebraucht jeden für sein Werk, ganz gleich, wie er ist.“

Ein Anhänger des Buddhismus drückte das einmal so aus: „Alle Missverständnisse entstehen durch die Oberflächlichkeit der Menschen.“

Es ist doch so, dass wir alle mindestens einmal in unserem Leben selbst die Quittung für unser oberflächliches Handeln erhalten haben. Auch in meiner Arbeit konnte ich die Erfahrung machen, dass es irgendwo eine leise innere Stimme gibt, die mir zuflüstert: prüfe doch nach, ob die Fakten stimmen! Ob der Name des Menschen stimmt, von dem gerade die Rede ist? Ob ich wirklich die Gedanken desjenigen begriffen habe, den ich gerade interviewt habe? Meistens ist es so, dass alles, wenn ich die Fakten noch einmal überprüft habe,  OK war, aber wenn ich auf diese leise Stimme nicht hörte, sich ein Fehler nach dem anderen einstellte.

So ist das auch bei dem Sujet der Sendung „De facto“  über den ökumenischen Dialog zwischen den Lutheranern und Katholiken gewesen. Ein Journalist, welcher offensichtlich der Kirche sehr fern steht, hat die Akzente nach seinem eigenen Verständnis zusammengefügt, was unter den Protestanten Lettlands fast eine Revolution ausgelöst hat! Hat er sich überhaupt an diesem Gespräch beteiligt und war er überhaupt anwesend? Nein, nein und nochmals nein! Aber sein  Urteil stand schon vorher fest.!

Und trotzdem – vielleicht ist es gut, dass dieses skandalöse Sujet zu hören war. Das könnte ein guter Anlass sein, darüber nachzudenken, weshalb ich überhaupt lutherisch bin? Nur weil es meiner Familientradition entspricht? Ober vielleicht, weil der Mönch Martin Luther in der

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Bibel etwas so wesentliches entdeckt hatte, dass dadurch sein ganzes Glaubensleben und damit auch meins umgekrempelt wurde? Fragt euch doch selbst oder euren Gemeindepfarrer und suchet in der Schrift. Tut das täglich, und wartet nicht erst auf das jährlich wiederkehrende Reformationsfest. Vielleicht sollte ich es auch durch mein Verhalten deutlich machen, dass ich meine Kirche liebe? Zum Beispiel, dass ich mich meiner Gemeinde als Sonntagsschullehrerin zur Verfügung stelle oder den diakonischen Mitarbeitern helfe. Oder dass ich mich erkundige, ob bei dem Kirchentag noch ehrenamtliche Helfer benötigt werden? Denn Liebe ist kein lautes Gejohle, sie zeigt sich durch das Handeln in der Stille.

Mit der katholischen Kirche haben wir geredet  und uns ihr nicht angeschlossen.

Jānis Vanags, Erzbischof.

Am Abend des Ostersonntages wurde in der Fernsehsendung „De facto“ bekanntgegeben, dass auf die lutherische Kirche radikale Veränderungen zukämen. Sie könnte sich vielleicht der katholischen Kirche anschließen.  Ich möchte alle diejenigen beruhigen, die diese Meldung aufgeregt hat: Das entspricht nicht der Wahrheit!

Wie alles angefangen hat.

Im vergangenen Jahr wurde mir mitgeteilt, dass Kardinal Kasper in Rom an einem Treffen mit mir interessiert sei, um mit mir über die Möglichkeiten zu sprechen, in Lettland einen Dialog zwischen Lutheranern und Katholiken zu beginnen. Ursprünglich ist diese Initiative von den Lutheranern in Estland ausgegangen, die zugleich mit uns ihren Dialog mit Kardinal Kasper begonnen haben.

Auch die Selbständige Evangelisch-lutherische Kirche (SELK) – unsere Freunde und Partner in Deutschland – hat sich mit Kardinal Kasper getroffen und beginnt vielleicht auch  den Dialog mit der katholischen Kirche.

Der Kardinal sprach uns gegenüber seine große Freude über die freundschaftlichen ökumenischen Beziehungen in Lettland aus und versprach uns, an die katholischen Bischöfe in Lettland einen Brief zu schreiben, in dem er sie zu Gesprächen mit uns ermuntern würde. Nach meiner Rückkehr aus Rom besprach ich das mit Kardinal Pujats. Deshalb sagte er in seinem Gespräch mit TV Journalisten, dass die Initiative von uns ausgegangen sei.

Ich selbst möchte eher glauben, dass sie von Gott kam.

Was ist der Zweck dieser Gespräche?

Darüber gibt es zur Zeit viele Gerüchte. „De facto“ spricht sogar von dem Anschluss der Lutheraner an die Katholiken. Es wurde auch davon geredet, dass es das Ziel sei, die Kanzel- und Altargemeinschaft oder eine Union anzustreben, die es den Angehörigen beider Kirchen ermöglichte, zusammen am Tisch des Herrn das Abendmahl zu feiern. Hier muss ich noch einmal daran erinnern, dass zur Zeit der Zweck dieser Gespräche für beide Delegationen darin besteht, einander die strittigen Fragen der Lehre der Kirchen vorzustellen. So hat zum Beispiel im Rahmen der Diskussionen im Internet eine Katholikin geschrieben: „Jesus hat nicht nur Brot und Wein ausgeteilt, sondern dazu auch gesagt: Das ist mein Leib, das ist mein Blut. Aber die Lutheraner glauben nicht daran. Sie glauben, dass Christi Gegenwart nur geistig zu verstehen sei.“ Dieser Gedanke treibt viele Katholiken um. Damit vermischen sie uns mit den Reformierten und anderen Calvinisten. Aber eigentlich bekennt die lutherische Kirche die Gegenwart des Leibes und Blutes Christi im Heiligen Abendmahl. Andererseits ist unter den Lutheranern die Auffassung weit verbreitet, dass der katholische Priester in der Messe das Opfer Christi wiederholen würde. Heutige katholische Theologen sagen, dass ihre Kirche das schon lange nicht mehr lehren würde. Wie ist es nun mit der Wahrheit bestellt? Das zu klären, wäre interessant und wertvoll. „Regelmäßige Begegnungen und die Behebung von Missverständnissen wird das Vertrauen und die Freundschaft zwischen den Christen

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beider Kirchen vermehren und fördern, und das allein wäre schon ein gutes Ergebnis.“ Da fällt es wirklich schwer, dem nicht zuzustimmen.

Was fangen wir mit den Unterschieden an?

Wenn die Gespräche gut vorankommen, dann brauchen wir nicht bei der Beseitigung von Missverständnissen  stehen zu bleiben, sondern können über die wirklichen Unterschiede sprechen.  Und die gibt es auch zwischen Lutheranern und Katholiken.  Nach meiner Ansicht müssten wir zuerst zu klären versuchen, wie ernst diese sind. So begeben sich zum Beispiel viele Tausende von Katholiken im August eines jeden Jahres auf die Pilgerfahrt  nach Aglona, um dort die leibhaftige Aufnahme der Gottesmutter in den Himmel zu feiern. Die Lutheraner finden in der Schrift keinen Anlass, ein solches Fest zu feiern. Sind die Meinungsunterschiede in dieser Frage wirklich so ernsthaft, dass sie beide Kirchen von der gemeinsamen Feier des Heiligen Abendmahles abhalten müssen? Das ist eins der Themen zum Nachdenken und für die Diskussion – auch unter uns selbst.

Wenn wir auf wesentliche Unterschiede in Fragen des Verständnisses des Evangeliums oder der Sakramente stoßen, dann ist das Handeln mit den Bekenntnissen unseres Glaubens nach der Weise unvorstellbar:  „Wir machen hier ein Zugeständnis, aber dann müsst ihr dort ein Zugeständnis machen.“ Doch wir können gemeinsam die Schrift lesen und beten, dass Gott uns in unserem Verstand ein Licht anzünden möchte. Stellen wir es uns einmal vor, dass es uns gelingen könnte, unsere katholischen Partner davon überzeugen könnten, dass die lutherische Auslegung bei einer strittigen Frage die richtige ist. Würde das die weltweite katholische Kirche veranlassen, ihre Dogmatik zu korrigieren? Ehrlich gesagt: das kann ich mir nur schwer vorstellen. Doch wir können es versuchen. Am Ende kann das schlechteste, was uns widerfahren kann, nur ein „Nein“ unserer Partner sein. Auch wir können bei bestimmten Fragen genötigt sein, „Nein“ zu sagen.

Ich bin mir dessen bewusst, dass dieses nur eine vereinfachte Darstellung der Fragen ist.  Es wäre schon ein sehr verwegener Gedanke, sich vorzustellen, dass das Verhältnis zwischen Lutheranern und Katholiken durch gemeinsame Bibelstunden in Riga gelöst werden könnte, aber wir können unseren Beitrag dazu leisten. In der katholischen Kirche wird ohne die Zustimmung des Vatikans nie etwas geschehen. Wir werden mit den lutherischen Kirchen reden  müssen, denen wir partnerschaftlich verbunden sind. Der Dialog zwischen beiden Konfessionen findet bereits seit Jahrzehnten statt. Dessen Ergebnisse sind in unzähligen ökumenischen  Dokumenten festgehalten, die wir nicht einmal oberflächlich kennen. Wenn wir die Sache ernst nehmen würden, dann müssten wir sie studieren und die Einstellung unserer Kirche ihr gegenüber vielen Fragen zu ergründen versuchen, die uns bisher gar nicht in den Sinn gekommen sind. Der Umfang dieser Arbeit ist unfassbar groß und könnte für ein ganzes Menschenleben zu viel erscheinen. Doch Gott fehlt es nie an Zeit und Rat.

Kann da überhaupt etwas herauskommen?

Ich habe viele skeptische Beurteilungen gehört  Wie kann man überhaupt mit den Katholiken reden, solange die im Trienter Konzil ausgesprochenen Verurteilungen der lutherischen Lehre nicht aufgehoben sind? Die Katholiken würden doch in keinem einzigen Punkt ein Zugeständnis machen, und so weiter. Ja, zwischen unseren Kirchen gibt es Unterschiede in der Lehre und gegenseitige Verurteilungen. Gäbe es sie nicht, dann bedürfte es auch keines besonderen Dialoges. Zu Beginn eines Werkes ist es richtig, das beste zu erhoffen, solange man sich nicht vom Gegenteil hat überzeugen können. Als Luther vor dem Reichstag zu Worms stand, musste er um sein Leben fürchten. Unsere Gespräche sind demgegenüber so angenehm, weil niemand etwas zu befürchten hat  und auf niemanden Druck ausgeübt wird. Was dabei am Ende herauskommt, steht nur bei Gott und bei uns selbst. Wenn ein Fass verschieden lange Bretter hat, dann kann man in das nur so viel Wasser hineingießen, bis es dorthin kommt, wo das kürzeste Brett aufhört. Das kürzeste Brett bei unseren Gesprächen ist

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die Einmütigkeit in der Lehre. Die Annäherung zwischen den Kirchen kann nur so weit gehen, wie viel Gemeinsames wir dabei entdecken. Ist es überhaupt möglich, Einmütigkeit zu erreichen, ohne Kompromisse in Glaubens- und Gewissensfragen schließen zu müssen? Ist es möglich, zu erreichen, dass Katholiken und Lutheraner einander als wirkliche Kirchen anerkennen (was ja heute leider noch nicht der Fall ist) , und dass sie einander gegenüber die geistlichen Ämter und die geistlichen Handlungen anerkennen?  Das allein ist eine sehr komplizierte Aufgabe. Aber noch einmal – der erste Zweck ist die Klärung von Missverständnissen, das bessere Einander Kennenlernen und das Schaffen von Vertrauen und Freundschaft. Hierbei sind die Aussichten sehr gut.

Wie ist es um die  „strukturelle Einigkeit“ bestellt?

„Wenn Einmütigkeit besteht, dann denke ich, dass wir Anlass haben, auch über die strukturelle Einigkeit zu sprechen.“ Bedeutet dieser Satz, den ich in der Sendung „De facto“ gesagt hatte, wirklich, dass sich die Lutheraner der katholischen Kirche anschließen möchten?  Auf keinen Fall. Diese Begriffe sind voneinander so weit entfernt wie der  Morgen vom Abend. Ein Anschluss würde bedeuten, dass die lutherische Kirche ihre Struktur und Identität einbüßt oder einfach aufhört zu existieren. Wiedervereinigung  – ein Begriff, der auch während der Sendung gebraucht wurde, würde bedeuten, den Zustand wieder herzustellen, wie er  vor der Reformation war. Nach meiner Ansicht ist das nicht nur unnötig, sondern sogar unmöglich. Vielleicht hätte man das noch zur Reformationszeit erreichen können, aber doch nicht jetzt, seitdem es ein halbes Jahrtausend lang eine lutherische Kirche gibt. Worum geht es dann eigentlich?

Grundsätzlich ist es falsch, sich jetzt auf die „strukturelle Einigkeit“ zu konzentrieren. In unserer Situation ist dieser Begriff ohne Bedeutung. Heute steht an der ersten Stelle das theologische Gespräch. Doch stellen wir uns vor, dass Lutheraner und Katholiken nach vielen Jahren des Gespräches zu irgendeiner Einmütigkeit gekommen wären. Dann wären wir in einer völlig anderen Situation – Einmütigkeit in der Lehre, Freiheit miteinander Wort und Sakrament zu teilen, Freiheit zur Anerkennung des geistlichen Amtes bei dem anderen, Reife zum gegenseitigen Verständnis  und Vertrauen. Vielleicht möchten wir dann diesen neuen Beziehungen und der erreichten Einmütigkeit einen nach außen sichtbaren Ausdruck geben ?

Das ist gut möglich. Wie aber könnte das aussehen? Nach meiner Ansicht müssten unsere Gemeinde, unsere Gottesdienste, mit einem Wort gesagt, unsere Identität erhalten bleiben. Wichtig wäre auch, dass wir uns als zwei Kirchen begegnen, deren Ausmaße sehr verschieden, aber von Gott gleich geachtet  sind. Doch ist es heute viel zu früh, darüber zu fantasieren – wir haben doch keine Ahnung, was wir unter solchen Umständen denken würden. Jetzt können wir den Arbeitsbegriff „strukturelle Einheit“  nur theoretisch nutzen, welcher gut ist, weil er verschiedene Möglichkeiten zulässt, aber keine konkrete Gestalt. Weder irgendwo in der Welt, noch in Lettland ist von irgendeinem „Anschluss“  der Lutheraner an die katholische oder eine andere Kirche die Rede. Eigentlich geschieht hier, dass Menschen, die einander kennen und miteinander ein Viertel Jahrhundert befreundet sind, sich an einen Tisch gesetzt haben, um miteinander über Theologie zu sprechen. Hätte das nicht schon längst geschehen müssen?

Wo kann man etwas über den Verlauf der Gespräche erfahren?

Die Gespräche haben gerade erst begonnen. Der Gesprächskreis ist zwei Mal zusammen gekommen. Bei der ersten Begegnung haben wir beschlossen, auf welche Weise wir miteinander arbeiten wollen. Bei dem zweiten Mal haben wir die Themen festgelegt, die wir diskutieren möchten. Von der lutherischen Seite legten wir die Fragen vor, die damals schon Martin Luther in seinen Schmalkalder Artikeln zur Sprache brachte. Unsere katholischen Brüder nahmen sich vor, einen Themenkatalog zu erstellen, und schlugen vor, die Frage zu beraten – was ist die Kirche und was wird für deren Einheit benötigt. Die lutherische Seite

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wird zur Zeit von den Pfarrern Indulis Paičs, Aleksandrs Bite und dem Verfasser dieser Zeilen vertreten.  Von der katholischn Seite nehmen Kardinal Jānis Pujats und die Priester Dr. Paulis Kļaviņš und Dr.. Zbigņevs Stankevičs teil. Die Gesprächsteilnehmer waren sich dessen bewusst und betonten es ganz besonders, dass diese Gespräche nicht einfach Konsultationen einiger kirchenleitenden Persönlichkeiten und Theologen bleiben dürften. Auch dürfen sich die Gespräche nicht nur auf Pfarrer beschränken. Die Gespräche erhalten ihren Sinn erst, wenn sie der ganzen Kirche bekannt sind und von ihr akzeptiert werden. Dazu braucht man noch mehr. Dr. A. Pipkorn, der seinerzeit die Missouri Synode bei ihren Gesprächen mit der katholischen Kirche vertrat, gibt mir eine großartige Empfehlung: „Es ist wichtig, dass die Gespräche nicht nur  in Kommissionen offiziell dafür berufener Theologen stattfinden, die sich vielleicht zwei Mal im Jahr für drei Tage treffen. So wichtig und nötig solche Konferenzen auch sein mögen, so müssen sie von Hunderten von anderen Konferenzen begleitet werden, in denen informierte, verantwortliche und interessierte Geistliche und Laien in kleinen Gruppen zusammen kommen, damit sich unter ihnen eine effektive Diskussion auf Tuchfühlung entwickeln könnte. Das muss häufig und lange geschehen, damit das gegenseitige ehrliche Vertrauen zu einer Absicht des Herzens wird und sich nicht auf der Ebene der Gedankenspielerei weiter bewegt. Diese Gespräche müssen durch gemeinsame Vorhaben untermauert werden, die für beide Seiten interessant sind, und an denen sich beide Seiten beteiligen können, ohne in Gewissenskonflikte zu geraten, sowie durch gottesdienstliche Veranstaltungen.“

Weshalb ist das alles nötig?

Es ist ja ganz interessant, dass Autoren bei dem Verfassen antiökumenischer Artikel es für notwendig erachten, den Christen nach ihrer Ansicht politisch korrekte Ratschläge zu erteilen dadurch, dass sie eine Ausrede vorlegen, zum Beispiel: „Wie viele bekennende lutherische Christen begrüße auch ich den ökumenischen Dialog, in dem eine Kirche der anderen ihre offizielle Lehre erklärt und auf diese Weise einen Weg zu finden sucht zur Kanzel- und Altargemeinschaft oder zu einer Union.“ Darauf folgen viele Seiten mit Beispielen, weshalb man das auf keinen Fall tun sollte. Das heißt doch, dass die Einheit der Christen ein so klarer Auftrag des Herrn Christus ist, dass man ihm nicht offen widersprechen möchte. Aber Einheit ist mehr als politisch korrekte Phrasen. Jesus selbst hat den himmlischen Vater darum gebeten: „damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“ (Joh. 17. 21). Die Einheit der Christen war der Wunsch und das Ziel der Reformatoren. Luthers Weggenosse Philipp Melanchton schreibt in seinem Vorwort zum Augsburger Bekenntnis: „Bei verschiedenen Ansichten muss man in Liebe und Freundlichkeit einander zuhören und beraten, um dann, wenn das, was beide Seiten voneinander unterscheidet, abgewendet und korrigiert worden ist, wieder zur christlichen Einmütigkeit und zur wahren Religion zurück zu kehren.“ Die Einheit unter den Christen war eine Forderung der Missionare, für die die Spaltung und die Streiterei in der Kirche stets ein Hindernis war, für Christus ein klares Zeugnis abzulegen bis an der Welt Ende und alle Völker zu Jüngern zu machen. Die Einheit unter den Christen ist schließlich auch die Erfahrung, die wir mit unserem Herzen gemacht haben, dass es besser ist, in Freundschaft und Zusammenarbeit zu leben, statt sich zu streiten und gegenseitig zu beschuldigen oder einfach voneinander abzuwenden. Man kann sagen, dass die Einheit unter den Christen ein Traum ist, der in dieser Welt nicht in Erfüllung gehen wird, aber es ist besser, auf den guten von Christus geträumten Traum in seiner Nachfolge hin zu leben und zu dienen als mit bitteren Hoffnungen und mit Verschwörungstheorien zu spielen und Verdächtigungen auszusprechen. Denen, die unter uns Verdächtigungen und Uneinigkeit verbreiten möchten, singen wir mit Martin Luther zu: „Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.“

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So, liebe Brüder und Schwestern, habe ich euch ehrlich, der Wahrheit entsprechend und ohne Hintergedanken alles berichtet, was ich über unsere Gespräche mit der katholischen Kirche weiß und was ich über sie denke. Der 133, Psalm lehrt uns: „Siehe, wie fein und lieblich ist’s, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen! Es ist wie das feine Salböl auf dem Haupte Aarons, das herabfließt in seinen Bart, das herabfließt zum Saum seines Kleides, wie der Tau, der vom Hermon herabfällt auf die Berge Zions! Denn dort verheißt der Herr den Segen und Leben bis in Ewigkeit!“ Ich bitte euch alle, für den Erfolg dieser Gespräche zu beten und euch an diesem guten und segensvollen Vorhaben mit guten Beiträgen zu beteiligen.

Pāvils Brūvers: „Ich bin behütet und bewacht…“      Inga Reča

Am 10. April löschte der Bischof der Diözese Liepāja an seiner Geburtstagstorte 60 kleine Kerzen aus. SR fing den verehrten Bischof auf dem Wege zwischen Riga, Mārupe, Jelgava und Liepāja ab. Das sind die Schwerpunkte seines Dienstes, denn sein Arbeitsfeld ist das ganze Kurland. Es sind jetzt fast anderthalb Jahre vergangen, seit Pāvils im Bischofsamt ist, und er hat uns gestattet, in sein Leben und seinen Dienst Einblick zu nehmen.Hast du es dir vorstellen können, dass Du Dein 60. Lebensjahr als Bischof beginnen würdest?Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen. In den Tagen meiner Kindheit hatte ich sehr verschiedene merkwürdige Pläne, die für einen Jungen typisch sind: ich wollte Seemann, Soldat werden. Für einen Augenblick konnte ich mich für den Beruf eines Bäckers begeistern, denn ich wollte gerne etwas backen. Noch heute bereite ich gerne Fleisch, Pfannkuchen und Fisch  im Backofen zu. Doch dass ich eines Tages Pfarrer sein würde, ist mir in meiner Kindheit nie eingefallen.Als vor zwei Jahren die Frage der zwei weiteren Bischöfe beraten wurde, war ich ein großer Befürworter der Idee, doch habe ich nie daran gedacht, dass ich einer von ihnen werden würde.

Seid ihr im Bischofskollegium, zu dem Erzbischof Vanags, Bischof Alpe und Sie gehören, die politische Leitung der Kirche?

Wir sind nicht etwas wie eine Verwaltung, sondern die geistliche Leitung der Kirche. Wenn das Bischofskollegium um Rat gebeten wird, dann geben wir ihn auch, doch wenn wir uns zu sehr in die ganze Leitung der Kirche  und in die Politik einbinden lassen, dann besteht die Sorge, dass dadurch der geistliche Aspekt leiden könnte.Wie macht sich diese geistliche Leitung bemerkbar? Wie können wir als schlichte Gemeindeglieder sie bemerken?Das Gemeindeglied kann sie durch seinen Pfarrer verspüren, denn eigentlich ist der Bischof der Pastor der Pastoren. Natürlich entziehe ich mich nicht dem Gespräch mit Gemeindegliedern, doch meine Hauptaufgabe ist die Kontaktpflege mit den Pfarrern. Und die Pfarrer haben ständig theologische Probleme und Fragen, bei denen sie sich unsicher fühlen. Dann rufen sie mich an oder wir treffen uns, um die Fragen miteinander zu besprechen. Eine gute Nachricht ist es, wenn ein Pfarrer sich nicht mehr mit seinen Problemen allein gelassen fühlt. Es gab mehrere Fälle, bei denen ich sehr schnell zu einer Kirchengemeinde fahren musste, und ich fuhr auch. Zum Beispiel als es zwischen dem Pfarrer und der Gemeinde zu Unstimmigkeiten gekommen ist, bin ich hingefahren, um ihnen bei der Regelung ihres Verhältnisses zueinander zu helfen.

Wenn du selbst ein Pfarrer bist, wo ist dann der Mensch, an den du dich wenden kannst, wenn du Fragen und Probleme hast?

Wir sind überein gekommen, dass wir als Bischöfe diejenigen sind, die einander stärken. Wir treffen uns an jedem Dienstagmorgen, den wir mit einem Gottesdienst im Dom zu Riga beginnen. Danach kommen wir in der Kanzlei des Erzbischofs zusammen und haben dann zwei Stunden Zeit für die Schwierigkeiten und ungelösten Probleme.

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Zu Beginn deines Dienstes als Bischof hattest du den Vorsatz gefasst, jeden Pfarrer deiner Diözese zu besuchen, mit ihm zu sprechen, seine Lebensverhältnisse und seine Dienstverhältnisse kennen zu lernen. Ist dir das gelungen?

Diese Aufgabe halte ich für sehr wichtig und habe damit sofort nach dem Beginn meines Bischofsdienstes begonnen. Doch bei dieser Frage möchte ich nicht mit Gewalt vorgehen und mir dafür eine bestimmte Zeit festsetzen. Ich will es dem Pfarrer überlassen, das Datum und die Stunde des Treffens festzusetzen. Diese meine Bitte, mich einzuladen, besteht weiterhin. Im vergangenen Jahr habe ich etwa zwei Drittel meiner Pfarrer besucht. Jetzt nimmt diese Intensität ein wenig ab. Deshalb kann ich mich stärker den Gemeinden  zuwenden.

So haben sich im Laufe der Zeit die Schwerpunkte des Dienstes in der Diözese verlagert. Welches ist zur Zeit die Aktualität Nr.1 ?

Eine wichtige Sache ist, dass die Pfarrer qualifizierte Hilfe brauchen. Mir hat es immer leid getan zu hören, dass ein Pfarrer für einen  Gottesdienst am Sonntag einen Vertreter sucht, aber einfach keinen findet. Ich habe begriffen, dass ein Pfarrer Helfer braucht, ausgebildete Lektoren, die einen Gottesdienst halten können. Und das ist geschehen. Künftig wird jeder Pfarrer, der in seiner Gemeinde Menschen gefunden hat, die dafür ausgebildet werden könnten, Helfer haben. Es hat sich gezeigt, dass wir viele von denen haben – in Saldus, in Liepāja, wo die Lektorenkurse zur Zeit von etwa 30 besucht werden. Das bedeutet, dass ein Pfarrer, der 3 Kirchengemeinden zu betreuen hat, nicht in jeder dieser Kirchengemeinden an jedem Sonntag einen Gottesdienst halten kann. Der Lektor hat es gelernt, wie er einen Wortgottesdienst nach der entsprechenden Ordnung halten soll. Meine Absicht ist, dass in jedem Gotteshaus sonntags ein Gottesdienst stattfinden soll. Das werden wir mit der Hilfe unserer Lektoren erreichen.

Die Lektoren – ist das ein neues Amt in unserer Kirche?

Ja, darauf haben wir uns geeinigt. Am Erntedankfest werden die ersten Lektoren ihren Kurs beendet haben. Dann werden sie in ihr Amt eingeführt und erhalten auch ihr Amtszeichen. Ich danke Pfarrer Gints Kronbergs herzlich, dass er die Veranstaltung dieser Kurse in Kurland übernommen hat.

Um noch einmal zur Frage der Prioritäten zurück zu kehren, möchte ich als zweite bedeutende Aufgabe sagen, dass unsere Kirche wachsen muss und wir deshalb den Dienst der Mission stärker beachten und ausbauen müssen. Zuerst mussten wir diesen Dienst an den „Lutheranern auf Urlaub“ tun. Ich gebe zu, dass Pfarrer unter großem Stress stehen und oft nicht die Fertigkeit haben, Menschen anzusprechen und die Gemeinde für diesen Dienst in der Kirche zu begeistern. Die St. Gregor Schule in Saldus bildet Leute für diesen Dienst aus, aber das kann auch in Kursen der Propstei geschehen. Ich denke, dass die nächsten Kurse in Saldus die Ausbildung von Pfarrhelfern mit dem besonderen Schwerpunkt der missionarischen Tätigkeit zum Ziel haben sollte. Die Pfarrhelfer werden in den Grundfragen der Mission ausgebildet, damit sie sich in den Städten und Dörfern so verhalten, dass sie Menschen ansprechen und ihnen die Furcht vor dem Kirchgang nehmen. Denn oft passiert es, wie mir ein Pfarrer berichtete, dass er einen Menschen dvon überzeugt hatte, dass es für ihn wichtig sei, zur Kirche zu kommen, aber darauf gesagt hätte: „Aber bloß nicht in meine Kirche, denn hier wird man dich nicht willkommen heißen.“ Wir müssen in jeder Gemeinde Menschen finden, die andere Menschen  zum Gottesdienst einladen und dort willkommen heißen und jungen Menschen die Gottesdienstordnung erklären.

Der missionarische Pfarrhelfer sollte auch derjenige sein , der die Verbindung zu den Behörden und der Verwaltung hält und dafür sorgt, dass der Pfarrern zu Veranstaltungen der Stadt oder des Dorfes eingeladen wird.

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Manches Mal sieht es so aus, als ob alles von selbst ginge, doch dann erweist es sich, dass alles viel Arbeit erfordert, um die Anwesenheit des Pfarrers bei Veranstaltungen des Dorfes zu bewirken.

Ein solcher Pfarrhelfer könnte wertvolle Vorträge organisieren, wenn zum Beispiel sich auf dem Lande ein bekannter Künstler oder Wissenschaftler aufhält, der dann berichten könnte, was auf seinem Gebiet in der Welt passiert, und wie das aus christlicher Sicht zu beurteilen ist. Ebenso könnte er Konzerte organisieren. In unseren Gemeinden haben wir viele christliche Musikgruppen, die gerne Auftreten möchten. Sie wären froh, wenn jemand von diesen Missionaren sie in ein Dorf oder eine Kleinstadt einladen würde, dort aufzutreten. Dann könnte der Pfarrer einige Worte der Begrüßung sagen und sie so in die Gemeinde integrieren. Dieses sind meine Hauptakzente: Ausbildung von Lektoren, in jeder Kirchengemeinde an jedem Sonntag einen Gottesdienst, und der Einsatz der Lektoren als Missionare.

Ich erinnere mich, dass du zu Beginn deines Dienstes den Plan hattest, alle sechs Monate einmal mit einem Bericht über die Lage in der Diözese an die Öffentlichkeit zu treten,

Das habe ich nicht vergessen. Der Bischofsbericht soll zwei Fassungen haben. Die eine ist für die Pfarrer der Diözese bestimmt, die ihn am Gründonnerstag ausgehändigt bekommen. Die andere Fassung gilt den Gemeindeleitern und den Gemeindepfarrern. Am 9. Mai findet in Kuldīga der Diözesankonvent statt, an dem kich mit diesem Bericht über die Lage in der  Diözese auch vor die Öffentlichkeit treten werde. Einmal im Jahr muss es auch einen solchen Rechenschaftsbericht geben.

Wie fühlst du dich im Bischofsamt?

Es ist ja erst eine kurze Zeit seit meinem Dienstbeginn vergangen. Alle neuen Dinge habe ich in drei Phasen erlebt. Die erste Phase ist die der ersten Liebe, in der alles gut, schön und lieb ist. Danach kommt die Ernüchterung und Enttäuschungen darüber, dass nicht alles so gelungen ist, wie ich es mir vorher vorgestellt und erhofft hatte. Die dritte Phase ist die der Ernüchterung und des inneren Ausgleichs. Ich habe das Enpfinden, dass ich immer noch die erste Phase, die der ersten Liebe, durchlebe, denn ich habe bisher noch nicht Erfahrungen machen müssen, die den beiden anderen Phasen entsprechen. Überraschend ist es immer wieder, dass mir soviel Achtung und Ehre erwiesen wird, obwohl ich sie gar nicht verdient habe. Aber das Bischofsamt erfordert es wohl, dass man es vermag, anderen die Ehre zu erweisen und die Ehrerbietung von anderen anzunehmen. Ich hoffe aber, dass man sich meiner erbarmt und mich damit nicht allzu sehr überhäuft.

Meine Kollegin von der Zeitung in Ventspils sagte, dass du auf die Menschen sehr  menschlich und   intelligent zugehen würdest

Ich denke, dass man sich gegenüber  niemandem ungehörig verhalten darf. Aber bei aller Freundlichkeit und Milde müssen wir gelegentlich auch unangenehme Dinge aussprechen, die dem Pfarrer vielleicht nicht gefallen werden. Dabei sollte er aber auch begreifen, dass mich dazu nicht mein Ehrgeiz treibt, sondern dass ich damit der Gemeinde und auch ihm selbst dienen möchte. Wenn es sich erwist, dass ich da einen Fehler gemacht habe, bin ich bereit, ihn zu korrigieren.

Wenn du auf dein Leben zurückblickst, kannst du mir dann sagen, wer sich bei deiner Erziehung besonders verdient gemacht hat? Waren es deine Eltern oder deine Gene? Wofür möchtest du deinen  Eltern besonders danken?

An die Gene glaube ich nicht allzu sehr, dass es etwa Gene des Glaubens und der wahren Lehre geben könnte. Christus ist für alle Menschen gestorben, wobei zu fragen ist, ob der Mensch sich dem öffnet und auch auf sich bezieht. Aber natürlich spielt die Erziehung im Leben eines Menschen eine Rolle, die man nicht hoch genug einschätzen kann. Derhalb trete

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ich aus vollem Herzen für unsere Sonntagsschulen ein und versuche, diese mit allen meinen Kräften zu unterstützen.denn unserem Kinder sind unser allerhöchstes Gut. Evangelisationsveranstaltungen für Menschen, die die Botschaft von Christus noch nie vernommen haben, sind schwerer. Aber Kinder nehmen die Frohe Botschaft leichter und ehrlicher auf, Das ist auch das Geheimnis meiner geistlichen Entwicklung.

Ich habe Erinnerungen, die weit in meine Kindheit zurückgehen, Ich denke, dass der Glaube mir auf eine sehr natürliche, verständliche und zwanglose Weise vermittelt worden ist.. Ich war ein fröhliches und gutes Kind, denn ich hatte das Gefühl, dass ich von Gott behütet und bewacht werde. In unserer Familie hielten wir täglich eine Abendandacht. Als mein Vater aus Sibirien zurückgekehrt war, hatten wir sogar zu Hause Bibelarbeiten, Bibellesen und Gebetsstunden. Sonntags gingen wir selbstverständlich alle zur Kirche zum Gottesdienst, wo wir Gottes Wort hörten und annahmen.

Doch der Kinderglaube erlebte im Laufe der Zeit auch manche Schläge. Glaube muss auch wachsen  Ich war jemand, der anfing, alles anzuzweifeln und nicht mehr zu akzeptieren, was die Eltern gesagt hatten, denn als ich in einer atheistischen Umgebung zur Schule kam, gab es auch andere Eindrücke und Einflüsse, so dass ich auch danach verlangte, auch diese auszuprobieren. Damit bekam ich etwas, was den Eindruck von Freiheit machte, und ich glaubte, nun die Lösung gefunden zu haben. Doch an dieser Stelle möchte ich alle Liebhaber der Freiheit warnen. Zunächst sah alles nach Freiheit aus, doch allmählich führt sie dich in eine solche Unfreiheit, dass du aus ihr keinen Ausweg findest. Ich bin da ein extremes Beispiel, denn ich kam zur Erkenntnis, dass mir, wenn es Gott nicht gibt, alles erlaubt sei. So kam ich in eine schlechte Gesellschaft. Ich danke aber Gott, dass er sich meiner erbarmt und mich behütet hat. Auch in den finstersten Situationen machten sich Gottes Wort und die Frohe Botschaft bemerkbar und klopften an der Tür des Herzens an. So wuchs in mir das Verlangen, umzukehren, und das geschah auch. Das ging nicht schnell, denn damals war ich schon über 20 Jahre alt. Eins kann ich ganz bestimmt sagen: es ist unnütz, in einer solchen Situation mit der Moral zu kommen. Wir müssen die Wahrheit erkennen und zu Gott beten. Meine Eltern haben  sehr für mich gebetet. Ich danke Gott, dass er mich behütet hat

Wie sieht jetzt deine Arbeitswoche aus?

Der Rhythmus hält sich einigermaßen stabil. Am Samstag und Sonntag bemühe ich mich, einen Pfarrer und seine Gemeinde zu besuchen. Wenn nicht, dann versuche ich, ein Buch durchzulesen, wofür ich sonst keine Zeit hatte. Am Sonntagabend fahre ich nach Mārupe zu meiner Familie und ruhe mich dort am Montag aus. Dienstags tagt den ganzen Tag das Bischofskollegium ín Riga. Am Abend bereite ich mich auf den Abendgottesdienst am Mittwoch in Jelgava vor. Den Mittwoch verbringe ich in Jelgava und am Morgen des Donnerstages fahre ich nach Liepāja. Dort bin ich in meiner Kanzlei und habe verschiedene Dinge zu erledigen, lese und schreibe Briefe, Leute kommen zur Sprechstunde. Donnerstags um 18 Uhr bin ich im Gottesdienst in der Kathedrale. Den Freitag beginnen wir mit der Sitzung des Diözesanrates. Dort sind wir zu dritt: außer mir  Dekan Pēteris Kalks und mein Stellvertreter Ainārs Jaunskalže. Den Freitag verbringe ich auch in der Kanzlei und verrichte Büroarbeiten. Mehrere Pfarrer haben mich gebeten, meinen Besuch bei ihnen bereits am Freitagabend beginnen  zu lassen. Dann bin ich mit dem Pfarrer, manches Mal auch mit seiner ganzen Familie, zusammen und wir beten zusammen. Den Samstag verbringen wir so, wie es der Pfarrer vorgeschlagen hat, lerne die Umgebung und die Angelegenheiten der Gemeinde kennen. Am Sonntag feiern wir gemeinsam den Gottesdienst. Bei allem habe ich etwas wunderbares entdeckt: wenn ihr mit jemandem Unstimmigkeiten oder andere Probleme bei der Kommunikation habt, dann betet mit ihm zusammen! In eurer Beziehung tritt dann auf wunderbare Weise ein Änderung ein!

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Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Alksnāja iela 3 .- Riga- LV 1050

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Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 1.5.2009)

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Nachwort des Übersetzers

Diese Übersetzung geht mit einiger Verspätung in das Land. Das hat mehrere Gründe. Einmal übertrifft ihr Umfang die sonst gewohnte Zahl der Seiten, und zum anderen bin ich erst vor zwei Tagen von meiner Rigareise zurückgekehrt.

Zwei Beiträge sind es, die sich dieses Mal bei dem Umfang dieser Übersetzung bemerkbar machen. Nach Ostern gab es in Riga einige Aufregung, die dazu führte, dass in der Kanzlei des Erzbischofs das Telefon tagelang nicht stillstand. In der ausführlichen Reaktion des Erzbischofs wird zu dem die Gemüter erregenden Vorgang ausführlich Stellung genommen. In einer Fernsehsendung ist Erzbischof Vanags über seinen Rombesuch befragt worden. Dieses Interview ist in der Fernsehsendung „De facto“ nur sehr stark verkürzt gesendet worden, so dass mitsamt den ergänzenden Bemerkungen des offensichtlich sachlich in dieser Angelegenheit höchst inkompetenten Fernsehjournalisten bei ebenfalls inkompetenten Fernsehzuschauern der Eindruck entstehen konnte, dass die ELKL die Absicht hätte, sich mit der Kirche Roms zu vereinigen. Diese Befürchtungen zu zerstreuen, bemüht sich der Erzbischof, was der aufmerksame Leser und die sensible Leserin leicht erkennen wird.

Bischof Pāvils Brūvers hat am Karfreitag auf 60 vollendet Lebensjahre zurückgeblickt. Das gab Inga Reča den Anstoß, den Jubilar ausgiebig zu interviewen. Ich habe auch das übersetzt, weil man dem einige Einzelheiten des Lebens und Dienstes des Bischofs entnehmen kann.

Dass Inga zum Bischof „Du“ sagt, ist kein Übersetzungsfehler meinerseits, sondern kommt noch aus der Zeit, als Pāvils Brūvers als Hörfunkjournalist bei Radio Free Europe als Kollege von ihr tätig war

Zum Schluß noch einige persönliche Bemerkungen: Wer sich der Mühe unterzieht, in dieser Ausgabe die Spalte der Redakteurin zu lesen, wird feststellen, dass Inga mich mit sehr liebevollen Bemerkungen bedenkt. Natürlich bin ich bei deren Lesen rot geworden, habe mir aber dann doch die Anweisungen einiger nachsichtiger Leser und mitfühlenden Leserinnen zu Herzen genommen und den entsprechenden Satz nicht gekürzt  Im Rahmen dieser Feier ist mir viel Liebe entgegengebracht worden, ganz besonders von der großen deutschen Delegation. Ich danke der Kirche Nordelbiens für die ehrenvolle Auszeichnung, Bischof Brūvers für seine Predigt im Gottesdienst in meiner geliebten Alten St Gertrudkirche, dem Chor unter Guntars Prānis un der Organistin Vita Kalnciema für ihr unsagbar schönes Musizieren, Bischof Kohlwage, Oberkirchenrat Hennig Kramer, Dr. Wilhelm Poser für ihre freundlichen Worte. Herrn Dr. Heinrich Wittram für die von ihm übermittelten Grüße des Deutsch-Baltischen Kirchlichen Dienste und unendlich viele liebe Zeichen freundschaftlicher Verbundenheit.Mein besonderer Dank gilt der St Gertrudgemeinde für die Ausrichtung der Feier im wieder zu neuem Leben erwachten Gertrud-Heim

Ich habe mir vorgenommen, meinen Dank nicht länger werden lassen, als es diese Seite 10 meiner Übersetzung zulässt, und es mir nicht zu verübeln, dass ich an dieser Stelle abbreche.

J. B.

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