Verfasst von: liefland | April 25, 2009

Ausgabe Nr. 16(1795) vom 25. April 2009

Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes.         Lukas 12,31

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.

Sonntag Misericordias Domini    Ausgabe Nr. 16(1795)  vom 25. April 2009

Spalte der Chefredakteurin

Glückwunsch zum Geburtstag! (Chefredakteurin der Kirchenzeitung Svētdienas Rīts seit    2003, als  Journalistin bei SR tätig seit 2001).

Heute schreiben wir nicht über den Geburtstag anderer Leute, sondern über die Feier  unseres eigenen 20. Geburtstages, eigentlich ein junges Alter für einen Menschen. Eine unserer Autorinnen, Ligita Ābolniece, sandte uns eine Postkarte mit einem schönen und fröhlichen Schmetterling zu. Bereits seit etwa fünf Jahren mache ich mit Ingrīda Briede zu zweit die Kirchenzeitung. Dabei helfen uns unsere Schriftsetzerin Irēne Vitomska und unsere Korrektorin Sanīta Lorence, bisher auch unsere Buchhalterin Ieva Rozenfelde. Ich danke euch, liebe Kolleginnen! Wir haben fest aneinander gekettet gearbeitet, sind füreinander aufgestanden und gefallen! Anders wäre es gar nicht möglich gewesen! Wir hoffen, dass es den neuen Arbeitskolleginnen, der Direktorin von ICHTYS GmbH  Rita Liepiņa und der Leiterin der Expeditionsabteilung Laura Poriete ebenso gut gelingt, in diese so gute Zusammenarbeit einzusteigen. Wir danken auch unseren einstigen Kollegen, unseren nicht angestellten Autoren, unseren Pfarrern, Kollegen und Brüdern und Schwestern im Oberkirchenrat und in allen Kirchengemeinden , die uns mit Informationen, Schreiben und Fotos versorgen. Ohne eure Mitarbeit würden die entsprechenden Spalten in unserer Kirchenzeitung leer bleiben. Danke unseren Bischöfen für die geistliche Leitung! Danke den Brüdern und Schwestern im Ausland für ihren Zuspruch und ihre mutmachende Versicherung, wie wichtig wir für sie seien. Danke euch, liebe treue Leser. Wenn es euch nicht gäbe, dann gäbe es auch „Svētdienas Rīts“ nicht mehr! Danke unseren unentwegten Verfassern von Leserbriefen. Ihr seid das Salz in unserer Suppe und gebt uns den Mut zum Leben! Danke unseren Kritikern! Ihr lasst uns nachdenken und immer weiter neue Wege suchen! Danke allen unseren lieben Freunden und Förderern! So manche Träne konnten wir an eurer Schulter vergießen, aber auch so viel Freude mit euch teilen!

„Svētdienas Rīts“ war immer auch ein Schlachtfeld. Viele sind gefallen, viele werden – auch weiterhin – verwundet. Dazu empfehlen wir die Lektüre unserer einstigen Chefredakteure und Chefredakteurinnen. Der Himmlische Vater heile alle Wunden. Seine gnädige Hand leite uns alle auch weiterhin, und jederzeit auch eure und unsere Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts.“

Die Kirche fordert das Lettische Fernsehen auf, die Verantwortung für den Inhalt der Sendung „De facto“ zu übernehmen.

Mit dem Sujet  der Sendung des Lettischen Fernsehens „De facto“ vom 19. April über die autonome Gemeinde Valtaiķi wurden in der Öffentlichkeit falsche Informationen verbreitet, welche die Gesellschaft über das Handeln der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands und deren Motive in die Irre führen. Bei der Herstellung des Sujets für die Sendung über die Beziehung der Gemeinde Valtaiķi  zur ELKL haben die Produzenten der Sendung sich den Standpunkt der ELKL überhaupt nicht angehört, um das rechte Bild von der Situation wiedergeben zu können. Die Kirche würde die Regierung der Republik Lettland in einem offiziellen Schreiben über den Vorgang informieren, welches zur Zeit verfasst würde, gibt die Abteilung für Angelegenheiten der Gesellschaft bekannt.

In der Fernsehsendung „De facto“ des Lettischen Fernsehens wurde die Meldung verbreitet, dass die ELKL der Gemeinde Valtaiķi auf dem Rechtswege ihr Gotteshaus wegnehmen möchte, um die Gemeinde zu zwingen, sich entweder wieder der ELKL anzuschließen oder das Gotteshaus zu räumen. oder einen Mietbetrag für die weitere Nutzung der Kirche zu

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entrichten. Diese Meldung entspricht nicht der Wahrheit und macht den Versuch in der Fernsehsendung „De facto“  deutlich, der Kirche Intrigen und Misshelligkeiten  zu unterstellen.

Tatsache ist, dass das Gotteshaus von Valtaiķi der autonomen Kirchengemeinde Valtaiķi zur Zeit nicht gehört. Es ist Eigentum des Gemeinderates des Dorfes Laidi und die autonome Kirchengemeinde ist nur Nutzerin. Die autonome Kirchengemeinde vermochte bereits seit 1992 nicht, das historische Eigentum der evangelisch-lutherischen, der ELKL zugehörenden, Kirchengemeinde Valtaiķi  in ihren Besitz zu nehmen, da  die jetzige Gemeinde auf eigenen Wunsch sich von der  ELKL gelöst hatte und damit nicht die rechtliche Erbin der Kirchengemeinde sein kann. Das bestätigt auch das Departement für Angelegenheiten der Gesellschaft und der Religion im Justizministerium der Republik Lettland. Dazu hat sich die Kirchengemeinde 2002 von den historischen Besitztümern der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Valtaiķi losgesagt, welche das Dorf Laidi zu Gunsten des Ortsrates von Laidi der Kirchengemeinde zum Gebrauch überlassen hatte. Um diese ungeklärten Eigentumsrechte wieder auf eine rechtliche Basis zu stellen, wurde am 17.10.2006 in der Sitzung des Konsistoriums beschlossen, die Eigentumsrechte auf die Immobilien der ehemaligen Kirchengemeinde Valtaiķi wieder neu zu ordnen, um sie nach deren Rückgewinnung  der autonomen Gemeinde zur Nutzung zur Verfügung zu stellen. Aber es bedarf eines Gerichtsurteils, um der Kommune die Möglichkeit zu geben, der Kirche den (von den Sowjets) seinerzeit enteigneten Besitz wieder zurück zu geben. Damit steht die rechtliche Ordnung der Rückgabe des der ELKL zur Zeit  nicht gehörenden Besitzes an die Gemeinde fest. Es geht also gar nicht um einen Streit mit der Gemeinde um die Besitzerrechte, wie es in der Fernsehsendung „De faccto“ fälschlich behauptet wurde.

Als eine Sensation stellte die Sendung es dar, dass der Kampf um die Besitzerrechte am Gotteshause der Grund dafür gewesen sei, dass der Pfarrer der Gemeinde Erzbischof Vanags aus  der Gemeinde ausgeschlossen hätte. Hätte man sich nur ein wenig mit  der Geschichte der ELKL und der von Pfarrer Sigurds Sprogis geleiteten autonomen Gemeinde und deren Beziehungen zueinander befasst, wäre sofort deutlich geworden, dass diese Tatsache überhaupt keine praktische Bedeutung oder Folgen hat, da die autonome Gemeinde Valtaiķi keine Kirchengemeinde der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands ist, und darüber hinaus Erzbischof Vanags seit seinem Überwechsel aus der St. Johannisgemeinde in Saldus 2002 ein Glied der Domgemeinde in Riga ist.

Im übrigen ist das große Interesse der TV-Sendung „De facto“ für die Kirche nur zu begrüßen, und die Kirche ist keineswegs beleidigt, wenn sie von außen her kritisiert wird,“ meint der Bischof der Diözese Liepāja Pāvils Brūvers. „Doch müssten Journalisten, die ein Bild mit Nuancen aus dem Leben der Kirche malen möchten, sich davor erheblich besser über den Gegenstand ihrer Forschungen informiert und sich mindestens ein wenig in die von ihm zu behandelnden Fragen vertieft haben. Der Begriff der Recherche dürfte für einen Journalisten kein Fremdwort sein, ist er doch ein elementarer Bestandteil seines Berufes, was „De facto“ offensichtlich vergessen hat “ stellt der Bischof fest.  Die Sendung „De facto“ vom .12. April  wird von der katholischen und der lutherischen Kirche in weiten Kreisen als grobe Irreführung der Gesellschaft betrachtet, was aus vielen Interviews mit leitenden Persönlichkeiten der beiden Kirchen in der Sendung „der 100. Vers“ deutlich wird. Danach kann man die „De facto“ Sendung über die autonome Gemeinde Valtaiķi wirklich nicht anders als eine Diffamierung der Kirche bezeichnen, weil darin fast alle dort angeführte Fakten über die Besitzerrechte der autonomen Gemeinde und das Verhalten der Kirche nicht der Wahrheit entsprechen.

Die Kirche fordert das Lettische Fernsehen auf, die Verantwortung für die Verbreitung der bewusst irreführenden Meldungen in der Sendung „De facto“ und die daraus entstehenden

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Folgen zu übernehmen, wenn diese die Glieder der Kirche betreffen, die einen wesentlichen Teil der Gesellschaft repräsentieren. Wir hoffen sehr, dass LTV als öffedntlich rechtliches Fernsehen es nicht bewusst gewollt hat, die Gesellschaft in die Irre zu führen oder unter den Gläubigen Verstimmungen auszulösen.

Das Dezernat der ELKL für Beziehungen zur Gesellschaft

Zum Jubiläum der Kirchenzeitung

Was unsere Leser „Svētdienas Rīts“ wünschen.

Edgars Mažis, Pfarrer der Baptistengemeinde Āgenskalns

Die Kirchenzeitung SR lese ich schon seit vielen Jahren. Erstens ist sie für mich eine gute Informationsquelle über das Leben der Lutheraner in Lettland. Ich lese gerne die Beiträge über das Leben in den Gemeinden.  Zweitens lese ich meistens auch die Predigten. Drittens sind mir die Ankündigungen von Veranstaltungen wichtig. Es ist mir eine große Ehre, dass auch einige meiner Ansprachen in SR zu finden waren. Schließlich erfreut es mich sehr, dass SR auch über ökumenische Veranstaltungen und über das Geschehen in anderen Kirchen berichtet. Ich denke, dass dieses eine gute Möglichkeit ist, mehr voneinander zu erfahren und darüber informiert zu sein, was in meiner Nachbarkirche geschieht. Zu Ihrem Vorhaben, unermüdlich zu informieren und zu bilden, zu verkündigen und zu warnen, wünsche ich Gottes Segen.

Vilhelms Lapelis. Römisch katholischer Bischof der Diözese Liepāja

Ich konnte den Augenblick kaum erwarten, dass SR farbig erschien. Besonders gehen mir die Beiträge aus dem Leben der Kirchengemeinden zu Herzen, und darüber, wie Christen  in ihrer Gemeinde und an ihrem Arbeitsplatz ihren Glauben leben. Sehr angenehm berührt mich das Betrachten Ihrer Fotos, auf denen man die verschiedenen Menschen – Kinder, Jugendliche und Erwachsene – sehen kann. Das geschriebene Wort ist wertvoll, denn es vergeht nicht sofort wie das gesprochene Wort, sondern man kann es betrachten und noch einmal lesen. Ich bewahre die Ausgaben auf und kann, falls es notwendig ist, auf sie zurückgreifen und sie noch einmal lesen. Ich bin mir sicher, dass es in Lettland viele Menschen gibt, die an jedem Samstag ungeduldig auf ihre Kirchenzeitung warten. Wir Katholiken in Liepāja geben unsere Kirchenzeitung „Nāc (Komm)“ heraus, die zweimal im Monat erscheint. Ich bewundere die Mitarbeiterinnen der Redaktion, dass sie in jeder Woche die Kraft haben, so dicht hintereinander die Kirchenzeitung erscheinen zu lassen. Ich wünsche den Mitarbeitern die Kraft, die es ihnen weiterhin ermöglicht, das Blatt auf so schöne Weise erscheinen zu lassen.

Aiva Valdmane, evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Kandava

In diesem Jahr habe ich SR abonniert, und ich „esse“  die Kirchenzeitung und sie schmeckt mir. Sie ist mir von Samstag zu Samstag eine große Hilfe. Dieses Blatt ist wirklich eine große Stärkung im Gegensatz zu manchen anderen Erscheinungen im Blätterwald, die ich weder lese noch abonniere. Danke euch für eure Arbeit.

Māra Martinsone, Baptistengemeinde in Mazsalaca

Es ist Sonntagmorgen. Wir eilen nach Mazsalaca, wo unsere Baptistengemeinde ist. In Eile öffne ich den Briefkasten, in dem SR drin steckt. Da gibt es wieder Lesestoff für den Abend und die Möglichkeit, wertvolle Erkenntnisse aus den dort veröffentlichten Predigten und den Betrachtungen von Anda Līce zu gewinnen, die ja meistens das Tüpfelchen auf dem I sind, sowie vieles aus den Meldungen aus der Nähe und der Ferne zu erfahren, Persönlichkeiten und deren Weg zum Glauben kennen zu lernen.

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Die Zeitung bleibt nicht einfach bei uns liegen, sondern wandert zu meinen Eltern und meiner Schwiegermutter weiter. Aber auch dort bleibt sie nicht lange, sondern kommt zu uns zurück und dient uns als Sammlung von wertvollen Erkenntnissen und Gedanken.

In unserer geben wir alle zwei Monate unseren Gemeindebrief „Mein Bethanien“ heraus. Dafür brauchen wir immer Material. Von Zeit zu Zeit übetrnehmen wir dort Beiträge aus SR. Die auch für unsere Baptistengemeinde von Bedeutung sind. Und deren gibt es sehr viele.

Ich kann die Arbeitskraft der Mitglieder Ihrer Redaktion nur bewundern. Ich wünsche jedem von euch, nicht müde zu werden, denn die Arbeit, die ihr tut, ist eine Stärkung des Glaubens für uns Leser. Ich danke euch!

Ģirts Priedols, Alte St. Gertrudgemeinde Riga

Wenn ich der Ansicht sein sollte, dass ich bereits alles wüsste, dann würde ich die Lektüre von Büchern, Zeitungen  und Zeitschriften abbrechen. Und offen gesagt, habe ich das bei einigen Druckerzeugnissen auch wirklich getan, mit der Ausnahme von „Svētdienas Rīts.“ Was andere Zeitschriften an Informationen bringen, kann ich zum großen Teil im Internet nachlesen, aber das, was SR an Informationen bringt. Unterscheidet sich sehr von den anderen.und ist im übrigen sehr interessant gerade bei dem Suchen nach der lutherischen Identität und den Berichten über das Geschehen in der Kirche. Dazu spricht mich sehr der Erfahrungsaustausch über das Leben anderer Christen und den Zickzack im Leben vieler Nachbarn hier in Lettland sehr an.

Marion Kunz, Mitarbeiterin im Jugendpfarramt in Leipzig

Bereits seit 20 Jahren ist Lettland  und die Pflege der Partnerschaft mit diesem Lande ein Teil meines Lebens. Als ich begann, mich mit der lettischen Sprache zu beschäftigen, lernte ich auch Herrn Baumann kennen. Er stellte mir seine Übersetzungen von Svētdienas Rīts in die deutsche Sprache vor., und ich wusste, dass ich, wenn ich diese Kirchenzeitung las, Lettland von einer anderen Seite kennen lernen konnte. Jetzt kann ich viel besser verstehen, wem die Gemeinden in Lettland glauben, wie sie ihr Gemeindeleben aufbauen, mit welchen Hoffnungen und Zielen sie ihre Arbeit planen und auf welche Probleme sie stoßen.

Auch nach fünfzehn Jahren, da ich Lettland viel besser kenne, ist die Kirchenzeitung für mich eine wichtige Informationsquelle. Ich kann darin lesen, welche Themen unsere Partner beschäftigen, wie ich einzelne Dinge beurteilen muss. Gerne lese ich die Berichte über die Kinder- und Jugendarbeit. Besonders berührt hat mich ein längerer Beitrag über die Letten in Baschkirien, denn mehreren von ihnen bin ich in Madliena begegnet, und sie haben bei mir einen sehr großen Eindruck hinterlassen. Ich wünsche der Kirchenzeitung Gottes Segen bei allen ihren weiteren Vorhaben, und hoffe, noch sehr lange ihre Leserin sein zu können.

Didzis Meļķis Kollege des Blattes der Freikirche „Der lettische Lutheraner“.

Ich freue mich über das Jubiläum! Das sage ich mit der Hand auf meinem Herzen, auch wenn hier und da sich unsere Ansichten voneinander unterscheiden (z.B. dass Ihr bei dem Kopf Eurer Zeitung wieder die historische gotische Schrift einführen solltet).  Ich erinnere mich an die erste Ausgabe von Svētdienas Rīts. Ich fand sie im hölzernen Kasten bei meiner Mutter unter verschiedenen anderen Leckereien, die Mütter an ihre Söhne bei der Armee zu verschicken pflegen. Damals war das für mich eine fremde Sache. Wie alles, was mir in lettischer Sprache in die Hand kam und was Mama immer in Auswahl weiter versandte, las ich alles durch, was da zu lesen war, aber „dunkel erschien mir noch dieses Wortes Sinn…“ Doch auf jeden Fall las ich zum ersten Mal in meinem Leben das Vaterunser in einer Zeitung: zwischen Zwiebeln und Knoblauch aus Mamas Garten, harter Wurst und Sahnebonbons. Es war eine liebe, wenn auch fremde Stimme, die mich in jener Polarnacht und in der Finsternis

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meines Geistes anredete. Und dieses einfache Anreden spielte in meinem weiteren Leben bis zum heutigen Tag  ganz bestimmt eine segensreiche Rolle. Wer hätte es gedacht, dass ich nach 20 weiteren Lebensjahren an die Leute der gleichen Kirchenzeitung so privat und freundschaftlich schreiben würde? Das ist mir eine große Ehre und Freude!  Ich danke Euch dafür. Möge Gottes guter Geist Euch weiterhin erfüllen und sein Reich auch durch Eure Spalten kommen!

Wie entstand die Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“ wieder  neu? Inga Reča

Zu Ostern 1987, welches in jenem Jahr auf den 26. März fiel , erschien bei der Zeitschrift

„Atmoda“ (Erwachen) als christlich-demokratischer Anhang „Svētdienas Rīts.“ Etwas später, am 23. Juni desselben Jahres begann SR als Kirchenzeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettland zu erscheinen  Um zu erfahren, auf welche Weise das damals, vor 20 Jahren geschehen konnte, machte ich mich auf den Weg, um die erste Redakteurin der Kirchenzeitung Aida Prēdele zu besuchen. Hier folgt das, was sie mir berichtet hat:

Das war die Zeit, zu der alles – nicht nur in der Kirche, sondern überall in Lettland – neu begann. Alles geschah zum ersten Mal, und ich musste solche Dinge tun, die ich vorher in meinem ganzen Leben nicht getan hatte. Ich hatte von einer Kirchenzeitung nicht die blasseste Ahnung. Ich stellte mir eine schöne Zeitung vor, denn ich hatte die Vorstellung, dass eine Kirchenzeitung vor allem schön und anziehend sein müsste. Sie müsste optisch das Privileg haben, dass man sie gerne in die Hand nimmt. Auf Grund eines Beschlusses der Volksfront begann sie zuerst als Beilage zur Zeitung der Volksfront „Atmoda“ einmal im Monat zu erscheinen. Als eine solche Beilage erschien sie vier Mal. Dann nahm die Evangelisch-lutherische Kirche Lettlands die Kirchenzeitung in ihren Besitz.

Auf die Frage, ob wir für das Erscheinen von SR sehr kämpfen mussten, kann ich sagen, dass ich zusammen mit Pfarrer Juris Rubenis zu den leitenden Funktionären des Zentralkomitees der Partei gegangen bin, um mit ihnen zu verhandeln. Wir legten ihnen unsere Konzeption unserer Kirchenzeitung vor und sagten ihnen, dass sie nur für die Kirche und für keinen anderen Zweck bestimmt sei. Darauf erteilten sie uns auch die Genehmigung. Da es damals immer noch die Zensur gab, musste jede Seite der Zeitung vorher einem Zensor zur Durchsicht vorgelegt werden, der in der 18. Etage des Pressehauses untergebracht war. Ich muss ehrlich sagen, dass sie nicht nur gar nichts korrigierten, sondern immer wieder betonten, wie sehr ihnen die Kirchenzeitung gefiele. Die Zensur gab es etwa bis Anfang August, als sie offiziell aufgelöst wurde.

Auch der Anfang der Arbeit der Redaktion war schön. Wir begannen mit einem Team von Leuten, die weder Christen, noch konfirmiert waren. Als Journalisten nahmen damals Ģirts

Pūle und Inta Briķere ihren Dienst auf. Unsere Rechnungsführerin Māra Stepena war für die Geldgeschäfte und alles Wirtschaftliche zuständig. Unser erstes Quartier war damals das Konsistorium der ELKL in der Lāčplēša iela 4, wo wir in einem Zimmer der einstigen Wohnung von Erzbischof Matulis untergebracht wurden.. Dort hatten wir auch eine Küche. Oft machte Māra uns dort auch ein Mittagessen.Weil alle Mitarbeiter der Redaktion nicht getauft waren hielt ich für sie Konfirmandenunterricht, nach dessen Abschluss sie alle getauft und konfirmierft wurden. Damals diente ich als Pfarrerin in Drusti und sie wurden Glieder der Kirchengemeinde Drusti und begleiteten mich auch dorthin zum Gottesdienst. Unsere Schriftsetzerin für die Texte Asnāte Alksne war dort die Organistin

Da dieses eine Zeit der geistigen Hochstimmung war, beteiligten sich alle klugen Geister , darunter Juris Rubenis, Jānis Vanags und viele andere mit Beiträgen.

Als die Zeitung wieder als Kirchenzeitung erschien, kamen vom Lande die Vertreter der Kirchengemeinden angereist, um die Zeitung abzuholen. Wir druckten auch Liedblätter, so dass sich die Redaktion zu einem Stab zur Stillung des täglichen Bedarfes entwickelte, wo die

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Leute aus den Gemeinden auch zusammenkamen, um einander zu berichten, wie es ihnen ging und was sie taten. Denn das war die Zeit, in der wieder eine Kirchengemeinde nach der anderen zum Leben erwachte und aktiv wurde. Wir berichteten über Neuigkeiten, kannten alle Pfarrer persönlich, und wussten, wie es ihnen ging.

Zuerst fanden Gottesdienste nur in 15 Gemeinden statt, dann in 30 und so weiter. Durch die in unserer Kirchenzeitung bekannt gegebenen Weihnachtsgottesdienste konnten wir erkennen, wie schnell die Kirche wieder wuchs.

Interessant war es, dass ich damals in der Alten St. Gertrudkirche die Sonntagsschule leitete und Christenlehre für die Jugend hielt. Oft war es so, dass die jungen Menschen sich in der Redaktion versammelten, sich auf den Fußboden setzten und wir dan über viele Themen miteinander redeten.

Damals machten wir nicht nur die Zeitung, sondern organisierten am 18. November 1989 auch eine Wohltätigkeitsveranstaltung in der Kungu iela (Herrenstraße), wo die Stadt Riga eine Stelle für Sozialhilfe unterhielt, auch mit etwas wie einer Suppenküche. Weil wir damals finanziell recht gut gestellt waren, haben wir mit unseren Mitteln Torten und Piroggen, die Zeitungen ausgeteilt und füreinander gebetet. Die Leute von der Sozialhilfe freuten sich sehr über diese Veranstaltung. Schon gleich zu Beginn versuchte ich „Svetdienas Rīts“ nicht nur zu einer Redaktion zu machen, sondern zu einer Art von Club, in dem Christenmenschen sich zum Gespräch trafen, auch zu etwas wie einer Gemeinde oder einer Wohltätigkeitsveranstaltung. Wir arbeiteten auch mit dem „Kristapa Fonds“ zusammen. Eine Verwandte von Kristaps Upelnieks schickte uns Geld, das wir an Eltern und Kinder verteilten, die es dringend brauchten.

Damals gab es auf dem freien Markt noch keine Druckerschwärze, kein Papier. Das mussten wir uns selbst beschaffen. Ich ging zum Direktor des Pressehauses und bat ihn, uns Papier zu verkaufen, und das tat er auch. Wir bereiteten uns auf eine Reise in den Norden vor, um dort Papier zu kaufen, aber dann schickten die Schweden uns ganz dickes Papier. Das kann man an den ersten Ausgaben erkennen, dass sie auf dickerem Papier gedruckt waren als auf normalem Zeitungspapier. Farbe suchten wir uns in Lettland zusammen, denn ich hatte in einigen Druckereien und Redaktionen Bekannte, doch für die Weihnachtsausgabe brachte Modris Plāte aus Australien goldene Farbe mit, damit  wir, die Zeitung mit goldenen Zeichnungen zieren konnten. Goldene Farbe war in Lettland nicht zu bekommen. Doch leider blieben die Farben in der Druckerei, und als dann die entsetzlichen Angriffe der Omons begannen, waren die Farben plötzlich verschwunden.

Im Sommer 1989 beschloss die Kirche und Erzbischof Gailītis, dass die Kirche eine Kirchenzeitung brauchte. Die Redaktion blieb auch dieselbe, nachdem die Kirche die

Herausgeberschaft von der Volksfront zurückbekommen hatte. Die Redakteurin der „Atmoda“, der SR als Beilage beigefügt war, Elita Veidemane, wollte keine der Einnahmen für ihre Zeitung behalten, sondern überließ sie uns, und so konnten wir die erste Ausgabe von SR als Kirchenzeitung beginnen. Die erste Ausgabe gestalteten wir ökumenisch, weil wir dachten dass wir über alle Kirchen berichten würden, aber bereits die zweite Ausgabe kam natürlich als lutherische Kirchenzeitung heraus.

Neben meiner Arbeit als Redakteurin studierte ich tagsüber auch in der Theologischen Fakultät der Universität Lettlands Theologie. Am Tage besuchte ich die Vorlesungen, nachmittags kamen wir zusammen und machten die Zeitung. Natürlich zog sich die Arbeit bis zu den Abenden und Nächten hinaus. 1993 beendete ich mein Studium mit meiner Diplomarbeit über die ersten Anfänge von SR im Jahr 1920.

Über meinen Fortgang von SR möchte ich nicht gerne sprechen. Viele haben die Kirche gekränkt verlassen, denn es hat sich oft erwiesen, dass diese die ganze Welt liebt und nicht einzelne Menschen. Aber das sollte eigentlich nicht sein. Es sollte alles aus christlicher

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Nächstenliebe geschehen, wie es die Kirche predigt. Die Liebe soll sich nicht nur in den Worten von der Kanzel, sondern auch in den Werken zeigen. Als ich fortging, hatte mich keiner davon zurückgehalten.

Ich erinnere mich… Valda Ģēģere,  geschäftsführende Redakteurin von 1993-1994

Die Zeit von dem Anfang bis zur Mitte der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts verbindet sich für mich mit Empfindungen, die man als Frühlingsgefühle bezeichnen könnte – Gefühle der Freude und der Trauer, die ich heute als sehnsüchtig bezeichnen möchte. Und dieses Gefühl übermannt mich, wenn ich heute an meine Arbeit bei „Svētdienas Rīts“ zurückdenke.

Ich erinnere mich an die Freude über Zuschriften und Publikationen, an das Warten auf das Eintreffen der neuen Ausgabe und mein großes Interesse, sie sofort nach ihrem Erscheinen zu öffnen. Ich erinnere mich an meine Freude an Interviews und am Schreiben von Beiträgen. Ich erinnere mich an meine Freude über Neuentdeckungen. Ich erinnere mich an die Freude, die ich mit Kollegen teilen konnte – über eigene Erfolge und Werke anderer.  Ich erinnere mich, dass unsere Kirchenzeitung (aus heutiger Sicht) in der „Steinzeit“ entstand  – wir kopierten, klebten, zeichneten usw.  Ich erinnere mich an Missverständnisse, Streitereien, Verdächtigungen, Missfallen, Wut, Lügen und an alles, was damals zum Verständnis der Probleme und deren Lösung und zur vielerlei menschlicher Gestalt eines Teams gehörte. Ich erinnere mich an die Müdigkeit, Kraftlosigkeit und Schwäche, den Hunger, den geringen Lohn.  Ich erinnere mich an die „Vertraulichkeiten“, die an niemenaden draußen weitergesagt werden durften… Ich erinnere mich an Kollegen, mit denen zusammenzuarbeiten mir große Freude machte, ich erinnere mich an die Trauer, wenn jemand wegen Geldmangels entlassen werden musste. Ich erinnere mich an manchen Katzenjammer. Ich erinnere mich an manchen Jubel. Ich erinnere mich an wunderbare Bekanntschaften. Ich erinnere mich an manche Selbstlosigkeit. Ich erinnere mich an Flucht. Ich erinnere mich an gute Worte. Ich erinnere mich an Worte, die verletzten. Ich erinnere mich daran, dass ich sehr gerne bei „Svētdienas Rīts“ gearbeitet habe.

Ich bin dankbar, dass ich vielen Menschen, die ich bei „Svētdienas Rīts“ kennen gelernt habe, weiterhin verbunden bin. Ich bin allen meinen einstigen Kollegen und Gesinnungsgenossen sehr dankbar. Ich bitte sehr um Entschuldigung, dass ich nicht nicht immer so gewesen bin, wie man es sich von mir gerne gewünscht hätte.

Ich wünsche „Svētdienas Rīts“ weiterhin erfolgreiche und kreative Recherchen.

Svētdienas Rīts – ein Blatt von nationalem Wert. Gundars Ceipe, Redakteur 1994-1996

Jānis Vanags, der in einer dramatischen Synode 1993 zum Erzbischof gewählt worden war,

bat mich bei einer Autofahrt auf der Straße zwischen Riga und Veclaicene bei Bērzkrogs,

das Amt des Redakteurs der Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“ zu übernehmen. Davor hatte ich im Journalismus in verschiedenen Funktionen gearbeitet, und wollte eigentlich mein Wirken auf diesem Gebiet einstellen. Dennoch fasste ich diese Frage angesichts der labilen Situation – ich selbst hatte auch für Vanags gestimmt – mehr als Pflicht, und weniger als Berufung auf. Ich stimmte zu unter der Bedingung, dieses Amt nur vorübergehend auszuüben, denn als meine groß Berufung empfand ich das Pfarramt. Als Redakteur war ich etwa anderthalb Jahre beschäftigt. Der Wiederaufbau der lutherischen Kirche im neuen Lettland und die Rückgewinnung der enteigneten Immobilien und Ländereien geschah in voller Kraft. Und mehr oder weniger zufällig flossen bei dem Redakteur viel zu viele Informationen zusammen, denn als ich aus dem Amt des Redakteurs ausschied, fand ich mich in kleinen weit abgelegenen Landgemeinden in Livland wieder (mit einer Ausnahme, aber das ist eine andere Geschichte).

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Die Zeit bei SR war sehr schön, denn sie war naiver als heute. Die Redaktion und mit ihr der Verlag „Svētdienas Rīts“ befanden sich in den ehemaligen Räumen des Konsistoriums in der Lāčplēša iela 4-4. Die Mitarbeiter waren sehr gut und auch sehr fröhlich. Man kann nur neidisch darauf zurückblicken, in welcher heiteren Atmosphäre wir arbeiten konnten! Eine der wichtigsten Erinnerungen ist das nicht enden wollende Lachen. Dafür bin ich unserem Team sehr dankbar.

Jetzt schreibe ich meine geschichtswissenschaftliche Doktorarbeit (lies: ich quäle mich mit ihr ab!) über die Brüdergemeine im Lettland zwischen beiden Weltkriegen im 20. Jahrhundert. Dabei kann ich ganz sicher behaupten, dass „Svētdienas Rīts“  ein nationaler Wert und eine hervorragende Quelle für meine Forschungen ist, aber auch für jede andere unsere Kirchengeschichte betreffende Forschung, von denen es gerne noch mehr geben könnte.

Mich hat es sehr erfreut, dass der langjährige frühere Chrfredakteur von „Svētdienas Rīts“ Pfarrer Dr. theol. Ādams Mačulāns sich auch am Leben der Brüdergemeine beteiligte. Die Geschichte schlägt manches Mal erstaunliche und überraschende Bögen.

Ich erkenne  Gottes segnende Hand auch über der jetzigen Redaktion der Kirchenzeitung. Sie wird sich ihr nie entziehen. Gott schenke ihr ein reines Herz, einen klaren Verstand und evangelischen Feuereifer für ihren Dienst zu Seiner Ehre und  zum Wohl unserer Seelen, dass sie zusammenbleiben in der Gemeinschaft des Glaubens.

Eine gute Krise“ – Svētdienas Rīts. Elmārs Barkāns, Mitarbeiter von SR vom 1.8.1994 bis zum 31.12.1998 in verschiedenen Funktionen. als Journalist, verantwortlicher Sekretär, stellvertretender Redakteur u.a., was praktisch bedeutete, die Kirchenzeitung an Straßenecken zu verkaufen, oder sie zur Druckerei zu bringen.

Meinen Weg im Zeitungsgeschäft begann ich als Mitglied einer Partei – der Grünen. Als ein echter Grüner verwandelte ich mich von einem Proletarier der sowjetischen Industrie zu einem dissidenten  Mitarbeiter des Blattes der Naturschutzvereinigung. Nach einer Weile musste ich mir jedoch eine neue Stelle suchen, und nach ein paar Jahren wurde ich der Leiter der Landwirtschaftsredaktion des Rigaer Kreisblattes.

Als echter auf Rigaer Pflaster aufgewachsener Junge in einer richtigen Zeitung für Landwirte lernte ich nun Rote Beeten richtig zu züchten und mich um Gänse zu kümmern! Die ganze Gesellschaft der Landwirte um Riga herum lachte über mich: Jemand, der nicht in der Lage ist, Steckrüben von Bohnen zu unterscheiden, möchte uns nun das Herstellen von Teigwaren lehren. Trotzdem gelang alles irgendwie, so dass ich mich nach einem Jahr auf den Sessel des Chefredakteurs des Rigaer Kreisblattes setzen durfte.

Ich fühlte mich wie in dem in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg erschienenen Roman, den ich als Grundschüler auf irgendeinem Boden in Latgale aufgabelte, mit dem Weg  eines

Amerikaners vom Zeitungsjungen bis zum Chefredakteur einer großen Zeitung. In die Rolle dieses Romanhelden fühlte ich mich hineinversetzt, denn hier wurde tatsächlich mein eigener Lebensweg nachgezeichnet, von einem Jungen, der mit Mühe und Not die Mittelschule zu Ende gebracht hatte und nun Chefredakteur einer seriösen Zeitung wurde.

Der Hollywooder Barkāns

Alles sah so aus, als ob der Lebenstraum von einer Karriere in Erfüllung gehen würde. Was brauchte ich da noch mehr?  Ich musste einen Pfarrer treffen der mein Leben veränderte. So zeigte ich nach 20 Jahren auf einer Bank der Esplanade  Gundars Ceipe (dem damaligen Redakteur von Svētdienas Rīts) ein verblichenes Foto von mir und meinen Schulkameraden, als wir in der 1. Klasse waren, und er rief völlig überrascht aus: „Aber ich habe zu Hause das gleiche Foto!“ Irgendwie schicksalhaft ist bei mir die Erinnerung haften geblieben, dass ich in der 1. Klasse neben diesem kleinen Gundars Ceipe vielleicht sogar die gleiche Schulbank gedrückt habe. Und dann verschwand dieses „Früchtchen“ etwa 1975 aus meinem Leben und

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tauchte dort wieder 1993 auf. Er tauchte nicht nur einfach so auf, sondern fing an, mir sofort etwas vorzujammern: „Dort bei „Svētdienas Rīts“ habe ich keinen professionellen Journalisten als Mitarbeiter. Ich bin Theologe, aber du bist von der Presse und verstehst es ganz bestimmt, alles auf die Reihe zu bringen.

Ich stürzte mich in das Abenteuer. Ebenso wie viele Letten in russischen Büros arbeiten, so kann ich doch auch als Zeitungsmann im Büro eines Theologen arbeiten.. (Solche journalistischen Gurus wie Aida Prēdele, Valda Ģēģere und einige andere hatten die Redaktion von SR schon längst verlassen)

Allmählich fasste ich in der Redaktion Fuß. Zuerst ging alles recht holperig. So trauten mir die Damen des Verlages im Nachbarzimmer nicht so recht. Sie veranstalteten sogar eine interessante Aufnahmeprüfung, die ich zu meiner Ehre auch bestand. Heute darf ich sie sogar auch küssen. Bald fühlte ich mich im einstigen Konsistorium wie zu Hause. Wie es sich für einen Journalisten auch gehört, demonstrierte ich dort auch mehr oder weniger meinen Zynismus. .Der Beruf eines Journalisten erfordert schon nach seiner Definition, dass man erfolgreich nur dann wirken kann, wenn man „dickhäutig degeneriert ist.“

Der Zyniker Barkāns

Ich weiß und verstehe, dass ich auf diese Weise auch als Journalist von Svētdienas Rīts einer ganze Reihe von Menschen viel Verdruss, Schmerz,, Enttäuschung und Tränen bereitet habe.. Jetzt kann ich alle nur bitten: „Wenn ihr es könnt, dann verzeiht mir und lasst uns wieder Freunde sein.“

Gleichzeitig möchte man sich gerne selbst rechtfertigen, doch alle geistlichen Schulen dieser Welt lehren: „Wenn ihr etwas nicht an die Öffentlichkeit bringen wollt, dann dürft ihr darüber mit keinem Journalisten reden“ oder „einem Journalisten darfst du nie etwas freundschaftlich anvertrauen.“ Schließlich stehen Journalisten nicht unter dem Beichtgeheimnis. Ganz im Gegenteil: Ihr größtes Vergehen wäre es, etwas nicht an die Öffentlichkeit zu bringen. Man könnte sagen, dass sich eine Kirchenzeitung ganz anders verhalten müsste, weil sie nicht von dieser Welt ist. Ja, die Kirche ist nicht von dieser Welt, aber eine Zeitung ist  doch. ein typisches Produkt dieser Welt.

Dieses Dilemma fand ich sehr spannend, als ich im Konsistorium zwei sehr gegensätzliche Ämter vertrat, die miteinander kämpften – ich war sowohl Journalist als auch Pressesekretär.

Gleichzeitig Journalist und Pressesekretär zu sein, ist fast ebenso, als wenn ich eine Aufführung des Stückes „Großvater“ im Jungen Theater besuche, in dem von jemand die Rede ist, der zuerst in der von den Deutschen zusammengeschusterten Lettischen Legion gedient hat und dann später in die von den Russen „betreute“ Lettische Schützendivision umgestiegen ist.. So musste auch ich am Tage mehrere Male die Fronten und die Kampfgefährten wechseln.

Der weise Barkāns

Was gab mir „Svētdienas Rīts“ ? Eigentlich sehr viel. Bei dem Naturschutz schrieb ich meine Beiträge mit dem Füllhalter auf normales Schreibpapier aus Līgatne. Bei dem Rigaer Kreisblatt bekam ich bereits eine elektrische Schreibmaschine. Aber bei Svētdienas Rīts konnte ich einen von den Glaubensbrüdern in Amerika gestifteten Computer kennen lernen mit Internet, email usw… Ein gewaltiger Fortschritt!

Der Barkāns in der Krise.

Auch mein Fortgang von Svētdienas Rīts war ein einziges Abenteuer. Heute hätte ich das nie getan. Damals hatte ich mich als hundertprozentiger Kirchenmensch mehr für das „Himmelreich“ begeistert, und das, was als „irdische Dinge“ um mich herumflimmerte, überhaupt nicht begriffen. Nie wäre ich von Svētdienas Rīts weggegangen, wenn ich gewusst hätte, dass 1999 wir alle von der entsetzlichen russischen Krise betroffen worden wären; überall herrschte Arbeitslosigkeit, Armut und Rezession. Fast wie jetzt.

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Damals war ich mir nicht bewusst und vielleicht ist das auch das Hauptverdienst von Svētdienas Rīts – wie man eine Krise überlebt, und das sogar unbewusst und ohne es zu merken. Das kann nur Gott bewirken!

Jetzt bin ich in der Zeitschrift „Nedēļa“  Wirtschaftsjournalist, der es versucht, die gegenwärtige Situation des Staatsvermögens zu begreifen, die Wirtschaftslage zu analysieren und abends in der Freizeit einen Bestseller zu lesen. Dennoch scheint nicht alles so wenig rosig zu sein. Meine Mutter sagte: „Was ist das schon für eine Krise? Es gibt keine Krise, die mit dem zu vergleichen wäre, was wir in der Stalinzeit erlebt haben.“

Der gläubige Barkāns

Dann lasst uns die Krise überleben! Und ist das überhaupt eine Krise? Den Begriff Krise kann man nicht nur mit einem negativen Beigeschmack gebrauchen, sondern auch mit einem positiven „Einschlag“. Wir brauchen nur einen Blick in das Fremdwörterbuch zu werfen, und werden schnell die Formulierung finden, welche sich unserer gewünschten Situation anpasst.

Solch eine „gute Krise“ war für mich wohl auch meine Zeit bei Svētdienas Rīts. Ganz bewusst wollte ich nicht zu den Frommen gehören, um mich dann später leidenschaftlich dem Glauben zuwenden, und dann wieder ein schwankendes Rohr sein mit Zweifeln oder einem engstirnigen Glauben an „eine Gerechtigkeit“, vom Pendeln von den Konservativen zu den Liberalen und zurück, von der Liebe am Vergnügen zur Askese, bis man irgendwann den festen Grund gefunden hat.

Eigentlich ist es sehr schwer, zum Verwaltungsapparat der Kirche zu gehören und zugleich seinen kindlichen und treuen Glauben zu bewahren. Das ist wirklich eine harte Prüfung…

Dennoch ist es auch Gewinn. Was für einer? Das kann ich nicht konkret formulieren, aber vielleicht damit beantworten, dass ich mir keinen Tagesbeginn vorstellen kann, ohne dass ich das Vaterunser gebetet habe. Wenn ich es an einem Morgen nicht getan habe, fühle ich mich sehr unwohl, habe Kopfschmerzen, fühle mich gehetzt, wogegen keine Beruhigungsmittel helfen. Mit einem Wort gesagt. In diesem Fall (also ohne das Vaterunser) empfinde ich es, dass ich die Schwelle von der guten Krise zur schlimmen Krise überschritten habe. Deshalb betet das Vaterunser! Auf keinen Fall wird es euch schaden!

Die Arbeit an der Kirchenzeitung – ein unwirklicher Traum.   Ingrīda Briede, seit 2003                   Journalistin bei Svētdienas Rīts

Ich bin ein Kind der Zeit des nationalen Erwachens. Damals war das Leben mitreißend, man musste sich viel Neues und bisher Unbekanntes aneignen: Die Geschichte des Landes, die Nationalhymne, die Symbole, und zwischendurch auch die Weihnachts- und Osterlieder. Gott schenkte mir den Glauben, mit der halben Klasse meiner Schule besuchte ich die Sonntagsschule, wir ließen uns zusammen taufen und später konfirmieren. Und dann wurde es

irgendwann zu einem gewohnten Brauch, am Freitagabend die „Atmoda“ und „Svētdienas Rīts“ zu kaufen, aber später aus dem Briefkasten zu ziehen. Ein großes Erlebnis war das Lösen der Kreuzworträtsel und danach mit Vater nach Riga zu fahren, um in der Redaktion in der Lāčplēša iela einen Preis entgegenzunehmen. Als ich das humanistische Gymnasium besuchte, in dem Fremdsprachen einen Schwerpunkt bildeten, und ich ab uns zu zur Übung kleine journalistische Beiträge schreiben musste, schrieb ich auch hier und da Beiträge für unser Kreisblatt, und während der Jahre meines Theologiestudiums auch für Svētdienas Rīts. Ich erinnere mich noch daran, dass ich zögerte, meine ersten Beiträge persönlich in der Redaktion abzugeben, und meinen Beitrag in die Tür klemmte oder in den Briefkasten warf. Jeder in der Kirchenzeitung veröffentlichte Beitrag war für mich natürlich ein großes Ereignis.

Als ich in Deutschland studierte, wurden wir Studierende aus dem Ausland nach unseren Zukunftsabsichten gefragt. Für mich erschien die Arbeit in der Redaktion einer

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Kirchenzeitung als ein schöner, aber unerfüllbarer Traum, der mir ganz unwirklich erschien, dass ich ihn nicht laut auszusprechen wagte. So kam für mich die Anfrage, ob ich bereit wäre, in unserer Kirchenzeitung mitzuarbeiten, völlig unerwartet. Ich rief sehr überrascht unseren Pfarrer Krists Kalniņš an und fragte ihn, was ich machen sollte. Er redete mir zu und machte mir Mut, dieses Angebot anzunehmen. Daran erinnere ich mich jetzt gelegentlich, denn mit Krists Kalniņš sind wir jetzt – er als Leiter des Jugendzentrums nebenan und wir als Redaktion – Nachbarn, da wir unter einem Dach arbeiten.

Ich bin Gott für diese meine Arbeit dankbar, denn so kann ich Ihn bezeugen und von der Kraft des Evangeliums im Leben der Menschen Zeugnis geben. Bei meiner Mitarbeit bei der Kirchenzeitung kann ich auch meine theologische Ausbildung und meine Sprachkenntnisse gut verwenden. Ich habe hier wunderbare Kollegen. Wenn auch die Arbeitstage ziemlich gleichmäßig verlaufen, so bringen sie oft unerwartete Wendungen, interessante Begegnungen mit anderen Menschen, lassen uns interessante Dinge erleben und Lettland und sogar das ganzed Europa bereisen. Wir sind in vielen Kirchen und sogar auch in Gefängnissen gewesen, in den Stätten für Straßenkinder, bei dem Kirchentag in Alūksne… und so könnten wir endlos fortfahren und fortfahren.

Für unsere Arbeit ist die Fürbitte der Gemeinden sehr wichtig, und ich bin dankbar dafür, dass ich es weiß dass meine und viele andere Gemeinden für unseren Dienst beten. Deshalb erfahren wir so oft in unserer Redaktion die Hilfe, Gnade und das Geleit Gottes, sei es durch eine Predigt, die uns ein  Pfarrer zugesandt hatte, weil er vom Geist Gottes dazu getrieben wurde, sei es durch Menschen, denen wir zufällig begegnet sind, sei es durch ermutigende oder kritische Worte. Ohne Seinen Segen wäre uns nichts möglich.

Ich glaubte, dass es gelingen würde. Gita Blāze, geb. Stalte, Redakteurin von 1999-2003.

Ganz zufällig bin ich Redakteurin von  Svētdienas Rīts geworden. Ich hörte, dass Svētdienas Rīts einen christlichen Journalisten suchte, und da mir diese Kirchenzeitung nie gleichgültig gewesen ist, meldete ich mich, und wurde dann aufgefordert, den Dienst der Chefredakteurin zu übernehmen. Aus meiner heutigen Situation heraus als umsichtiger Familienmensch wäre es damals durchaus möglich gewesen, dass ich mich geweigert hätte, mir diese große Verantwortung aufzuladen. Ich hatte keine Erfahrung im Dienst einer Chefredakteurin  noch theologische Kenntnisse, und dennoch wollte ich dieser Herausforderung nicht ausweichen. So musste ich zuerst sehr viel lernen und ein neues Redaktionsteam formen. Einiges war für mich sehr schwer, aber ich wollte nicht aufgeben, und war davon überzeugt, dass alles, was ich mir vorgenommen hatte, auch gelingen würde. Allmählich bildete sich in der Redaktion ein Kreis von Gesinnungsgenossen, Autoren aus den Gemeinden, Förderern und Wohltätern. Ich brauchte Beratung bei der Frage nach der äußeren Gestalt der Zeitung durch die  Grafikerin Valda Vileruša. Ich wollte sie anrufen, wählte aber irrtümlicherweise den Anschluss des Cellisten Vilerušs, der betonte, dass er sich sehr geehrt fühlte, dass Svētdienas Rīta ausgerechnet ihn um Hilfe bäte, und versicherte, dass er gerne bereit sei, Svētdienas Rīts zu helfen und bei musikalischen Fachfragen zu beraten. Darauf musste ich ihn dann wohl über mein Missgeschick aufklären. Doch diese Bereitschaft zur Hilf erfreute uns sehr! Dank der Fürsorge von Pfarrer Magnus Olson und seiner Frau Lāsma begann im Leben der Redaktion ein neuer Abschnitt. Fast jeden Sonntag waren wir in einer anderen Gemeinde, weil wir durch das Ehepaar Olson für die Redaktion ein Auto erhalten haben! Darüber, wie sehr wir dort erwartet wurden, gibt ein sehr bewegender Zwischenfall Zeugnis, als uns in Balvi eine Frau der Gemeinde einfach den Schlüssel ihrer Wohnung in die Hand drückte, damit wir dort übernachten könnten und dann am nächsten Morgen unsere Fahrt fortsetzten. Dabei fügte sie noch hinzu, dass in der Küche für uns eine Mahlzeit zubereitet sei. Bei diesen Fahrten wurden wir mit so vielen positiven Emotionen und Anregungen überrascht, dass es immer mehr

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Freude machte, an der nächsten Ausgabe von SR zu arbeiten. Wir wussten, wie sehr man unsere Arbeit schätzt und wie sehr jede neue Ausgabe unserer Kirchenzeitung erwartet wird.

Wir mussten allerdings auch weniger angenehme Augenblicke erleben – in der Redaktion wurden die Computer gestohlen und wir gerieten in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten. Hier erhielten wir Hilfe von unserem eigenen verehrten Mitarbeiter unserer Redaktion Johannes Baumann (er übersetzt unsere Kirchenzeitung in die deutsche Sprache) , der auch Spenden gesammelt hat, damit wir erscheinen können. Herr Baumann besuchte die Redaktion jedes Mal, wenn er in Riga ist, und  überraschte uns immer wieder durch seine Kenntnis der Ereignisse in Lettland und in der Kirche. Ihn interessierte einfach alles!

Während meines Dienstes bei Svētdienas Rīts hatte ich die Möglichkeit, ungwöhnliche und eindrucksvolle Persönlichkeiten kennen zu lernen, welche die Welt heller und freundlicher machen können. Eine von ihnen war Frau Velta von der Kreuzkirchengemeinde…. An den Freitagen, an denen sie gegen Abend kam, um die Kirchenzeitungen für ihre Gemeinde abzuholen, sagte sie mir immer ein liebes und aufmunterndes Wort. Immer! Jeden Freitag!

Gedanken über Jouko Talonens Buch „Die Kirche unter dem Joch des Stalinismus“

Guntis Kalme, Pfarrer

Kombination

Dieses ist ein Augenblick paradoxer Kombinationen – einer frohen Schande. Der Freude darüber, dass ein großartiges Buch erschienen ist über die Geschichte der ELKL (Die Kirche unter dem Joch des Stalinismus. Die Evangelisch-lutherische Kirche während der Zeit der sowjetischen Besatzung von 1944 bis 1950). Der Schande, dass wir es nicht selbst zu Stande gebracht haben.

Ehrlichkeit

Es ist ein ehrliches Buch, keine Abrechnung, kein ideologisches Eigenlob; es ist dem Autor gelungen nicht nur Fakten, historische Daten und Zahlen aufzuschreiben, sondern sich auch in die Motivation der Betroffenen hinein zu versetzen, auf ihre starken und schwachen Seiten hinzuweisen, die Dramatik und Vieldeutigkeit der Situation zu schildern und keine Antworten auf  die Fragen nach dem Glaubensverständnis verschiedener Menschen unter dem Druck der damaligen Situation zu finden.

Fähigkeit zum Anregen

Das Buch ist dadurch wertvoll, dass es zu weiterem Nachdenken anregt. Die Vergänglichkeit wird erst zur Geschichte, wenn ihr schwere Fragen gestellt worden sind, die beantwortet wurden. Die Grundfrage dieses Buches ist: wie verhielten sich die Kirche insgesamt, deren Leitung und deren Pfarrer gegenüber dem Besatzungsregime?

Das Schicksal der Volkskirche.

Die ELKL war zur Zeit des freien Lettlands eine „Volkskirche.“ Darunter verstand man, dass sie im Volk beliebt, vom Staat akzeptiert war und Volk und Staat repräsentierte. In der Besatzungssituation bedeutete das wiederum, dass die Kirche mit dem Volk und Staat deren Schicksal teilen musste: sie konnte sich von ihnen nicht unterscheiden.

Frage

Die Frage, wie sich verschiedene Institutionen oder Individuen sich im Falle einer feindlichen Besatzung verhalten sollen, wird leider immer bestehen bleiben, solange die Wahrscheinlichkeit des Fortbestehens der Besatzung weiter bestehen bleibt. Welche Haltung nimmt man als Nonkonformist oder Kollaborateur ein? Wie weit kann jeder von ihnen gehen?

Mit der Besatzung ist das Leben nicht zu Ende, es geht unter anderen materiellen, sozialen, politischen und vor allem komplizierten moralischen Voraussetzungen weiter. Was soll man als Verrat betrachten, was für den Lebensunterhalt notwendige Kollaboration (die

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sogenannte „Butterbrot-Kollaboration“), wo zieht man hier eine Grenze? Wie tief soll man sich verbeugen?  So weit, wie es nützlich erscheint?

Nonkonformisten

Der erste der Bevollmächtigten für Angelegenheiten der Religion der Sowjetrepublik Lettland Šeškens stellte sehr schnell fest, dass mit der gegenwärtigen Kirchenleitung – Kārlis Irbe, Artūrs Sliķis und Paulis Rozenbergs – keine für das Regime nützliche Zusammenarbeit möglich sei. Die Regierung wandte darauf die Strategie der Verweigerung jeder Zusammenarbeit mit diesen bürgerlichen Elementen an und ließ sie alle deportieren. Es ließ sich leicht voraussehen, dass der nächste Kirchenleitung das gleiche Schicksal bevorstand, falls sie sich ebenso verhalten würde.

Tod oder… Tod

Das Regime brauchte Verräter. Der Rechnungsführer und Kassenleiter des Oberkirchenrates,

Šlosbergs, berichtete dem Bevollmächtigten für die Angelegenheiten der Religion, dass höchstens 2 % aller Pfarrer ihm loyal wären. Anstelle der benötigten Verräter erhielt das Regime nur Kollaborateure, also Menschen, die sich für eine andere Taktik entschieden hatten. Das Musterbeispiel des Bekenners und Märtyrers gab es auf der Ebene der Kirchenleitung nicht mehr. Der erste der Erzbischöfe der ELKL Sowjetlettlands Tūrs verstand       die Situation realpolitisch. Die Situation war dramatisch – entweder ein schneller und heldenhafter Tod oder ein langsamer und demütigender Tod, aber unter den gegebenen Verhältnissen war der Tod so oder so zu erwarten. Es blieb nur die Hoffnung, dass das Regime im zweiten Fall in sozialökonomische Probleme und in eine internationale Situation hineingerät, die man den „Kalten Krieg“ nannte, dass dadurch in einer ungewissen Zukunft der Besatzung ein Ende gemacht würde (was viel später auch tatsächlich geschah). Die Frage der strategischen Perspektive war: Welcher Untergang wird schneller verlaufen – der des Regimes oder der der Kirche?

Die Aufgabe der Kirche in dieser Situation

Der einzige Auftrag der Kirchen war nach den in Sowjetlettland erlassenen Gesetzen das Recht, zu sterben. Und deshalb konnte die Losung nur lauten: aushalten, aushalten!  Wir lange? Solange, wie es geht! Die Situation der Kirche war in jeder Hinsicht dramatisch, ja sogar tragisch. Sie befand sich zwischen vielen geistig-moralischen „Mühlsteinen“ : einerseits der Verantwortung vor Gott und ihrem eigenen Auftrag, dem eigenen Volk zu dienen, und stand andererseits unter dem listigen und brutalen Druck des Regimes.

Zusammenprall der Auffassungen.

Ein Schlaglicht auf die Situation wirft der Zusammenprall von Tūrs mit dem Propst von Piltene Maksimiliāns Grīvāns. Auf der Propsteisynode sagte Grīvāns ganz offen, dass die Kirche ihrem geistlichen Auftrag treu bleiben müsste, und dass es in der Kirchenleitung niemand geben dürfte, der nur nach der Macht schielte und der sich mehr vor menschlicher Macht als vor der Macht Gottes fürchtete. Tūrs entgegnete darauf, dass es keinen Sinn hätte, mit dem Kopf gegen die Wand zu laufen, worauf Grīvāns bemerkte, dass echte Männer keine Kriechtiere seien. Jeder von ihnen war davon überzeugt, im Interesse der Kirche zu handeln, auch wenn sich ihre Ansichten voneinander diametral unterschieden.

Grundthese

Der Autor vertritt die Grundthese. „Das Hauptziel der Sowjetmacht war, die Aktivitäten der von Tūrs geleiteten ELKL zur Mehrung seiner Beliebtheit unter der Bevölkerung zu nutzen, was es wiederum Tūrs ermöglichte, diese Politik im Interesse der Kirche zu einzusetzen.“ Die Frage ist lediglich nach dem „schließlich“  und  der „Fähigkeit“. Dabei muss ich der Behauptung Talonens zustimmen. „Man kann Tūrs nicht nur als eine Waffe der kommunistischen Propaganda betrachten. Er war lediglich ein Schauspieler im damaligen

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politischen Theater, und seine persönliche Meinung entspricht keinesfalls dem, was er in seinen offiziellen Reden und schriftlichen Beiträgen ausgedrückt hatte. Das leuchtendste Beispiel (mit anekdotischen Zügen) dafür ist eine Rundfunkansprache von Tūrs an die Letten in der Fremde am 8. April 1947. Tūrs sprach sich darin sehr positiv über das Sowjetregime und die Freiheit der Religion und die Situation der Lutherischen Kirche darin aus. Er beschloss diese Ansprache mit dem Zitat eines Chorales: „O Haus des Vaters, du Stätte des Friedens, wann komme ich in deine Vorhöfe!“ Das war ein Beerdigungslied.

Nothing spezial

Der Kirchenvater Eusebius hat gesagt, dass sich das Leben eines Bischofs im Leben seiner Kirche manifestierte. Das trifft ganz besonders auf Tūrs zu. Im Blick auf das, was er als Persönlichkeit angerichtet hatte, war er „nichts Besonderes“, wenn man dazu nicht mehr sagen möchte. Er war ein  Opportunist mit einer zweifelhaften moralische  Haltung schon während seiner Zeit als einfacher Pfarrer, ein Führer mit dem Stil eines autoritären Herrschers, sogar ein arroganter und exzentrischer Despot. Der Autor nennt Fakten, dass „der Kirche in der damaligen materiellen Situation und besonders unter dem finanziellen Druck durch die Institution des Erzbischofs ganz besonders schwere finanzielle Lasten aufgebürdet worden sind. Im Jahr 1948 erreichte der Haushalt der Kirche den Betrag von 125.000 Rubel. Tūrs erhielt ein Jahresgehalt von 36.000 Rubel, seine Reisekosten betrugen 6.000 Rubel, für die Anschaffung seines Dienstgewandes wurden zusätzlich 11.000 Rubel ausgegeben. Demnach wurde für den Bedarf des Erzbischofs mehr als ein Drittel des ganzen Haushaltsbetrages des Oberkirchenrates  ausgegeben.“

Egoismus

Der Preis, den Tūrs für seine moralische Haltung an das Regime entrichten musste, war eine umfassende Loyalität gegenüber dem Regime. Doch für ihn selbst privat, dass er als ein Mensch leben konnte, an dem es unter normalen Verhältnissen nichts Bemerkenswertes gab, der aber jetzt unter diesen ganz besonderen Verhältnissen vom Regime die Möglichkeit erhielt, in den Vordergrund zu rücken und dabei auch seine egozentrische und exzentrische Sucht nach Macht und nach einem luxuriösen Leben zu befriedigen. Leider war er kein selbstloser Diener seiner Kirche.

Der Autor zählt Fakten auf, dass Tūrs die ganze Macht der Kirche auf sich konzentrierte bis dahin, dass „neue“ Demokratie juristisch nur bedeuten könnte, dass Tūrs allein mit seiner Person die Lutheraner Lettlands verkörperte. Seine Machtsucht und sein Verlangen, alles unter Kontrolle zu haben, bedeutete,  dass seine Interessen den Interessen des Regimes so weit entsprachen, dass er sich sogar einen Konflikt mit dem Bevollmächtigten bei der Frage, ob der Erzbischof auch Präsident der Synode sein dürfte, was sogar der Bevollmächtigte ablehnte, leisten konnte, und dabei sogar sein Ziel durchsetzte..

Eine unbeantwortete Frage

Eine Frage, die ich zur Zeit noch nicht beantworten kann, ist: „Hat sich die Strategie von Tūrs wirklich gelohnt?“ Auf irgendeine Weise wurde die Infrastruktur der Kirche erhalten, die wohl während der ganzen Zeit immer weiter zerbröckelt wurde; doch das Regime löste nicht alle Kirchengemeinden in einem Zuge auf. Andererseits verlor die Kirche durch ihre Taktik der Kollaboration ihr Vertrauen im Volk. Wenn das Volk hört, wie Pfarrer Lobgesänge auf die Rote Armee anstimmen, die große Teiles des Volkes deportiert und ermordet hat, dann ist der Vertrauensverlust gewaltig. Das war für die Kirche etwas wie geistlicher Selbstmord. Einerseits versucht sich Tūrs an der sowjetisch inspirierten „Friedensbewegung“ zu beteiligen, um vom Staat für die Kirche für diese ideologische Dienstleistung eine Gegenleistung herauszuholen, andererseits war diese Gegenleistung von der Idee her für die ganze Kirche  tödlich..

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Unbeugsame Haltung

In dieser vom Autor beschriebenen dramatischen Zeit stellt sich immer wieder die Frage: Welche Haltung nehmen wir in einer bestimmten Situation ein und wie weit dürfen wir dabei gehen?  Der Lohn für die Haltung der Bekenner und Märtyrer war der moralische Leumund durch ihre Haltung als Bekenner des Glaubens, wobei man seit der Urkirche davon spricht, dass das Blut der Märtyrer der Same der Kirche sei. Das sind Heldentaten des Glaubens und damit ein hohes Gut und ein nicht hoch genug einzuschätzender Wert für kommende Generationen. Doch gleichzeitig werden Bekenner aus ihren Gemeinden herausgerissen (von den Familien gar nicht zu reden); wie geht es mit ihrem Dienst weiter? Obwohl man sagen muss, dass ein Pfarrer überall Pfarrer ist. Der deportierte Propst Rozenbergs  hat es sogar im Gulag gewagt, heimlich Gottesdienste zu halten.

Erben

Wir sind die Erben. Wir haben Bekenner und Märtyrer, die ihr gutes Zeugnis abgegeben haben, und Kollaborateure, die sich bemühten, die kirchliche Infrastruktur  für einem unsagbar hohen geistlichen und moralischen Preis  zu bewahren. Gott hat die Kirche durch das Bekenntnis der Märtyrer bewahrt. Gott hat auch die Infrastruktur der Kirche bewahrt – dank oder trotz des Handelns der Kollaborateure.

Gedenkstätten und Zeugnisse

Ich verneige mich vor den Märtyrern und Bekennern unserer Kirche. Aber ich maße mir nicht an, Richter der Kollaborateure zu sein. Die Erstgenannten haben Denkmäler und Gedenktafeln verdient. Die Zweiten haben ihren materiellen Gewinn bereits erhalten und sind nur im Rahmen eines historischen  Berichtes zu nennen.

Ein ungleicher Kampf.

Zusammengefasst: der Kampf war ungleich. Die ELKL besteht weiterhin, aber das Regime ist zusammengebrochen. Die Kirche als Organisation kann man weiterhin bekämpfen. Doch hinter ihr steht Gott. Und gegen ihn kann keine Macht der Welt etwas ausrichten. Die Kirche war stets so stark und wird stets so stark sein, wie wir unsere lebendige Verbindung zu Gott bewahren, denn wir leben nur durch Seine Gnade.

Segen

Dr. Talonen beendet sein Werk mit dem Zitat der ersten Zeile der lettischen Nationalhymne „Gott, segne Lettland.“ – Da möchte ich hinzufügen „auch durch Talonens Buch.“

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Alksnāja iela 3 .- Riga- LV 1050

E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 7.5.2009)

Brucknerstr. 24.-  D-27711 Osterholz-Scharmbeck

Telefon: 04791-13356

E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers

Zunächst die Bitte an die verehrte Leserschaft, nicht über die außergewöhnliche Länge dieser Übersetzung und damit über die Zumutung einer außergewöhnlich langen Lektüre erschüttert zu sein. Als Trost möchte ich Ihnen zurufen, dass mich die Arbeit des Übersetzens dieser

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Ausgabe nicht weniger Zeit gekostet hat, vielleicht sogar einige Minuten mehr. Dennoch wage ich es zu behaupten, dass sich die Lektüre lohnt, weil sich hier unter anderem die

zwanzigjährige Geschichte der lettischen Kirchenzeitung  in den Erinnerungen der
ehemaligen Chefredakteure und Chefredakteurinnen wiederspiegelt. Hinter jedem Bericht steckt viel Freude, aber auch manches Leid. Wenn ich am Schluss des Berichtes von Aida Prēdele den Satz auf Seite 7 oben lese: „Als ich fortging, hat mich niemand zurückgehalten“.

werde ich daran erinnert, wie ich mich darüber damals aufgeregt habe, dass sie gehen musste, weil sie in einer Ausgabe einen Satz geschrieben hatte, welcher den Herren Pfarrern nicht ganz in ihr Konzept passte. Elmārs Barkāns, den ich aus der Zeit seines Wirkens bei SR ebenso gut kenne wie seine Kollegen und Kolleginnen von der schreibenden Zunft, hat von ihnen allen den längsten Bericht geschrieben, aus dem seine Sehnsucht nach SR deutlich herauszulesen ist. Das hat seinen Grund, denn zur Zeit ist er arbeitslos, weil die Zeitung, bei der er zuletzt arbeitete, ihr Erscheinen eingestellt hat. Deshalb betrifft alles, was er über die Krise schreibt, auch ihn persönlich und darf nicht nur als Wortspiel gedeutet werden.

Marion Kunz., verbunden mit unvergesslichen Erinnerungen an unser gemeinsames Mühen um die lettische Sprache, und Gita geborene Stalte, die ich stets als ganz besondere Freundin  tituliert habe, möchte ich für ihre freundlichen Worte bezüglich meiner Person sehr herzlich danken.

Über einen ganz anderen Abschnitt aus der Geschichte der Kirche Lettlands, nämlich über die Geschichte der lettischen Kirche zur Zeit des Stalinismus, ist bei der Buchrezension von Guntis Kalme im letzten Beitrag meiner Übersetzung dieser Ausgabe die Rede, dessen Lektüre deshalb so interessant ist, weil hier eine Zeit zur Sprache kommt, über die bisher erst recht wenig geschrieben worden ist.

J. B.

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