Verfasst von: liefland | Januar 23, 2010

Ausgabe Nr. 2 (1829 ) vom 23. Januar 2010

Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen.  Jesaja 53,3

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.

Letzter Sonntag nach Epiphanias    Ausgabe Nr. 2 (1829 )  vom 23. Januar  2010

Der Erzbischof lädt zur Betrachtung im Lichte des Sterns von Bethlehem ein. Inga Reča

Mitten in der Epiphaniaszeit haben wir uns hier als Freunde, Arbeitskollegen, Gesinnungsgenossen und Einwohner eines Staates und Landes zusammengefunden, um einen Abend in der Gemeinschaft und im Gedankenaustausch zu verbringen.“  Mit diesen Worten begrüßte der Erzbischof der ELKL seine Gäste am Abend des 7. Januars im Museum für Geschichte und Schifffahrt. Bereits seit dem Jahr 2005 lädt der Erzbischof am Beginn eines Neuen Jahres Künstler, Politiker, Vertreter der Gesellschaft, Musiker, Angestellte der Behörden, Diplomaten, Vertreter der Medien, Architekten und Vertreter anderer Berufe zu einem Neujahrsempfang ein, um ihnen für die gute Zusammenarbeit im vergangenen Jahr und  bei vielen besonderen Vorhaben zu danken.

Besonders dankte der Erzbischof dem Staatspräsidenten Valdis Zatlers und seiner Ehefrau Lilita, denn Valdis Zatlers sind  das erste Präsidentenehepaar, das den inzwischen zur Tradition gewordenen Empfang mit seiner Anwesenheit beehrt. Der Erzbischof dankte auch dem ersten Präsidenten des wieder neu hergestellten Staates Lettland Guntis Ulmanis für seine breit entfaltete Zusammenarbeit zwischen dem Staat und der Kirche. Mit ihrer Anwesenheit haben auch der Oberbürgermeister von Riga Nīls Užakovs und sein Kollege Uldis Sesks aus Liepāja, der dafür einen weiten Weg zurücklegen musste, diesen Empfang beehrt.

Mit einem Konzert wurden die Gäste zuerst von Mitgliedern des Ensembles „Christrose“ erfreut.

Zu einem festen Bestandteil dieses Empfanges gehört die Ansprache von Erzbischof Vanags, in der er zu Beginn dieses Jahres uns aufrief, uns einander im rechten Lichte zu betrachten. „In einer Zeit, in der das Licht und viele andere Dinge sich ständig verändern, ist es von großer Wichtigkeit, alles im rechten Licht zu betrachten.

Welches ist das rechte Licht, in dem wir uns selbst und unsere Mitmenschen betrachten sollten?

Mehr oder weniger sind wir einander bekannt und haben einander im Lichte verschiedener gesellschaftlicher und anderer Ereignisse betrachtet und sind es gewohnt,  einander als Gesinnungsgenossen oder als Gegner  oder überhaupt nicht zu betrachten…

In der Epiphaniaszeit wäre es nützlich, einander im Lichte des Sternes von Bethlehem zu betrachten. Wenn wir die Projektoren unseres Alltags ausmachen und stattdessen in das Licht des Sternes von Bethlehem blicken würden, was würden wir dabei erblicken? In seinem ersten Brief beginnt Johannes das dritte Kapitel mit der folgenden Einladung: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch!“

Wie wäre es, wenn wir einander als Kinder des einen Vaters im Himmel betrachten würden? Als Kinder Gottes, denen Er gestattet hat, in einem wunderschönen Lande zu leben, das vom Unglück und von Krisen vor allem dann heimgesucht wird, wenn es die Menschen vergessen haben, wer sie eigentlich sind?

Wie sieht die Welt aus, wie sieht Lettland aus im Licht des Sternes von Bethlehem? Wie sieht jeder von uns für den anderen aus? Wie sehen unsere Werke, unsere Pflichten, und wie sieht unsere Berufung aus?

Vielleicht hört sich das gar zu poetisch an, und trotzdem betrifft es auch unser Leben im Alltag, denn auf der Tagesordnung unserer Gesellschaft und der Medien steht – der Ärger und

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der Zorn. Wir kommunizieren miteinander auf dem Niveau des Ärgers. Gerade deshalb ist es jetzt der richtige Augenblick, an den Stern von Bethlehem zu erinnern. Ein erhöhter Druck des Ärgers ist ebenso wie der erhöhte Blutdruck höchst schädlich

In jüngster Zeit ist die Aufmerksamkeit der Menschen auf das Geld gerichtet, das ja auch wirklich ein wichtiger Teil unseres Lebens ist. Aber haben wir darüber nachgedacht, wie wir von diesem Augenblick an weiterleben möchten? Selbst, wenn die Wirtschaft auf wundersame Weise wieder zu Kräften käme, wohin führt uns unser weiterer Weg?

Wir können einander oder uns selbst nach der Forderung „du sollst“ oder „du sollst nicht“ beurteilen. Dadurch können wir die Gerechtigkeit in der Gesellschaft und die Beziehungen der Menschen untereinander regeln. Doch zu Weihnachten hat uns Gott sein endgültig letztes Wort kund getan, wie er die Dinge regeln möchte. Durch die Vergebung dem, der in seinem

Leben etwas verbessern möchte , durch die Vergebung dem, der bereut. Denn die Vergebung ist es, die heilt. Ohne Vergebung und Versöhnung gibt es keinen möglichen weiteren Weg. Ich möchte gerne in die Gesellschaft den Gedanken hineintragen, dass Vergebung und Gnade mächtiger sind als Recht und Gerechtigkeit. Wir wissen es auch aus dem Leben der Familie, dass es ohne Vergebung, Versöhnung und Gnade keinen Weg gibt, der weiter führt.

Bei der vorher erwähnten Erkenntnis, dass wir alle Kinder des einen himmlischen Vaters sind, dürfte es nicht nur bei Worten bleiben. Wenn wir möchten, dass sie Früchte bringt, dann müsste sie sich auch in unserem Verhalten, in unseren Beziehungen zueinander widerspiegeln. Auch darin, wie wir einander betrachten. Das können wir auf viele Gebiete übertragen. Zum Beispiel auf unsere gegenseitigen Beziehungen bei der Arbeit. So könnten die Beziehungen eines Arbeitgebers zu seinen  Arbeitnehmern so sein wie die der Eltern zu ihren Kindern, welche sie ungerecht behandeln werden. Andererseits werden die Kinder versuchen, ihrem Gewissen zu folgen und sich so zu verhalten, dass sie ihren Eltern nicht Unrecht tun.

Diese Beziehungen untereinander „als Kinder eines Vaters“  könnten wir auf jede Beziehung bei dem Zusammenleben von Menschen übertragen. Zu Weihnachten habe ich darüber gesprochen, dass wir eingeladen sind, Gott ähnlich zu werden. Das macht sich auch darin bemerkbar, dass wir einander als Kinder des einen Vaters erkennen und auch dementsprechend miteinander umgehen. In unserem Lande gibt es noch so viele Wunden, die der Heilung bedürfen. Das sind ganz neue, aber auch viele alte Wunden, und täglich kommen neue dazu. So meine ich zum Beispiel, dass die Beziehungen der Letten zu den Nichtletten in unserem Lande weiterhin ein schweres Problem ist, das der Heilung bedarf. Wenn ich an die Festtage zurückdenke, die am Freiheitsdenkmal und am Siegesdenkmal begangen wurden, dann frage ich mich, weshalb die Feiern dort stattfanden und weshalb die Menschen sich dort versammelt haben? Um sich an die Vergangenheit zu erinnern und uns vorzunehmen, dass sich solches nie wiederholen dürfte? Wenn das so ist, dann ist es von Segen und notwendig. Doch sollte es dem gegenüber so sein, dass wir dort zusammenkommen, um zu verhindern, dass die Wunden verheilen und sie im blutenden Zustand zu erhalten, um die Versöhnung zu verhindern, dann sollten wir uns stets daran erinnern, dass wir Kinder des einen Vaters im Himmel sind. Das, was Rache nicht vermag, das vermag die Reue und die Vergebung.

Seht, das sind die Dinge, die man nicht nur vom anderen verlangen kann, sondern die bei uns selbst beginnen. Bei der Betrachtung und Erneuerung unseres eigenen Standpunktes. Dabei ist es das Schwerste, dass wir es selbst auch nicht vermögen,  unser Denken mit der Bewegung eines Schlüssels so zu verändern, dass alles andere von selbst kommt, sondern dass unsere Wiedergeburt und Erneuerung mit jener Erschütterung in uns  selbst beginnt, mit der Begegnung mit dem lebendigen Gott. Der Apostel Johannes schreibt: „Darum kennt die Welt euch nicht, denn sie kennt Ihn nicht.“ Nach meiner Meinung ist es auch die Hauptaufgabe der

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Kirche heute: den Menschen zu helfen, diese das Leben verändernde Begegnung zu erleben – die Begegnung mit Gott. Wenn ein Mensch Gott begegnet, dann wendet sich alles zum Guten.

In Riga beginnen die Kurse für Lektoren Ingrīda Briede

In der Erzdiözese Riga beginnen am 23. Januar die Kurse für Lektoren, die bis zum 28. März an sieben Samstagen fortgesetzt werden, und die mit Prüfungen und mit einem Gottesdienst im Dom zu Riga abgeschlossen werden. Jeder der Lektoren wird in seiner eigenen Kirchengemeinde in sein Amt eingeführt werden. Was hat das Lektorenamt in der ELKL für eine Bedeutung? Ein Lektor ist ein Gehilfe seines Pfarrers, der seinen Dienst unter dessen Aufsicht verrichtet und Aufgaben eines Pfarrers in einer bestimmten Kirchengemeinde wahrnimmt. Zu den Pflichten eines Lektors gehören: die Lesungen aus der Heiligen Schrift, das Sprechen des Gemeindegebetes, die Assistenz bei der Austeilung des Heiligen Abendmahles und die Leitung eines Wortgottesdienstes.

Zu diesem Kurs für Lektoren haben sich 48 Teilnehmer gemeldet, von denen drei aus der Propstei Bauska in der Diözese Liepāja kommen. Für sie sind die Kurse in Riga leichter zu erreichen als die in Liepāja. Die Kursteilnehmer kommen aus sieben Propsteien der Erzdiözese Riga: aus den Propsteien Cēsis, Valmiera, Gulbene,  Ikšķile, Gulben, Jūrmala und Riga. Den längsten Weg haben die Teilnehmer aus der Kirchengemeinde Alūksne zurückzulegen. Die Kursteilnehmer werden in fünf Fächern unterrichtet: Liturgik mit Pfarrer Atis Grīnbergs,  Einführung in die Heilige Schrift mit Pfarrer Indulis Paičs, praktische Theologie und geistliches Leben mit Dr. theol. Sandra Gintere, und Rhetorik mit den Dozentinnen Vija Beinerte und Rasmīte Daņilevska. Der vorige Kurs für Lektoren fand in der Diözese Liepāja statt und fand ein gutes Echo.

Der nächsten Kurs ist für Cēsis geplant, damit sie für alle leichter zu erreichen sind, die im Norden Livlands wohnen.

An der Kirche in Valle sind große Renovierungsarbeiten zu erwarten.

Wenn man zur Umgebung von Vecumnieki fährt. In der Richtung des Flusses Nereta, entdecken wir in dieser ländlichen Landschaft den Kirchturm von Valle. Wefen wir einen Blick auf die Karte Lettlands, dann hat es den Anschein. Dass Valle am Rande eines größeren bewohnten Gebietes und von Zentren der Kultur liegt. In der Mitte des  Staates Lettland, aber dennoch am Rande. Das ist fast so wie eine kleine Insel als Oase zwischen den großen Auto- Straßen. Was kann es schon in Valle geben, was zu besichtigen sich lohnt? Und was davon fügt sich in die Kulturgeschichte unseres Landes ein?

In allen früheren Jahrhunderten waren es die Kirche und die Kirchengemeinde, die das gesellschaftliche und kulturelle Leben geprägt hatten. Das jetzige Kirchengebäude von Valle ist die älteste Kirche in der Umgebung von Vecumnieki. Sie wurde erbaut aus Mitteln von Herzog Peter, des letzten Herzogs von Kurland, in der Zeit von 1781 bis 1785. Einst war hier Georg Mancell (1593-1654) Pfarrer der Gemeinde, ein lettischer Literat deutscher Herkunft und Linguist.  Seit 1616 war Mancell Pfarrer der lettischen Gemeinde in Valle. Von 1625 war er Pfarrer der deutschen Gemeinde der St. Johanniskirche in Dorpat, Propst und Mitglied des Oberkirchenrates und Leiter der Schulbehörde. Später wurde er zum Professor des Akademischen Gymnasiums und 1632 zum Professor der neu gegründeten Universität Dorpat ernannt Danach wurde er vom Herzog von Kurland Friedrich (und danach von Herzog Jakob) zum Hofprediger nach Jelgava (Mitau) berufen. Unter Benutzung der damaligen Regeln der deutschen Orthographie  verbesserte Mancell die lettische Schriftsprache und schuf die Grundlage für den Gebrauch der gotischen Schrift.(für die alte Orthographie).

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Manches Mal sind wir auf der Suche nach weit entfernten Sternen und bemerken es nicht, auf welchem bedeutenden Planeten wir leben. Mancells Beitrag können wir zu den bedeutendsten bei der Entwicklung der lettischen Schriftsprache rechnen.

Leider musste die Kirche von Valle während der Zeit der sowjetischen Besatzung so wie viele andere Kirchen in Lettland viel Zerstörung durchmachen. Man zerstörte das Gotteshaus und verbrannte es danach… 1976 holte man die letzten übrig gebliebenen Gegenstände der Einrichtung heraus. Um die Mitte der 80er Jahre wurde es um die Kirche herum wieder lebendig. Gleich zu Beginn des nationalen Wiedererwachens wurde die Restaurierung der Kirche beschlossen. Mit der Förderung durch den Vorsitzenden der Kolchose Jānis Elksnis und der Gemeindeverwaltung bekam die Kirche ein provisorisches Dach, neue Fenster, Träger aus Holz und eine neue Sakristei. Nach dem Sturm vom 22 Juli 1995 ließ die Kirchengemeinde die Kirche mit einem neuen Dach decken und die Kirchturmspitze mit einem Kreuz schmücken. Dank der Initiative und Führung durch die Gemeindeleiterin Rita Pastare, die es vermocht hatte, die Gesellschaft von Valle dafür zu motivieren, konnte mit den Arbeiten im Inneren der Kirche begonnen werden. Sie nahm Kontakt auf mit dem Direktor der Fachschule für das Handwerk und deren Lehrern. Damit begannen die Arbeiten an der Innenausstattung der Kirche.

Das Kirchenschiff und der Altarraum gehören zu den prächtigsten und eindrucksvollsten Ausstattungen einer Kirche, die nach dem Kriege angefertigt wurden. Sie hat die für eine romanische Kirche typische Form mit ihren Säulen und Pfeilern mit einem durch einen Halbkreis erhöhten Gewölbe als eine Reminiszenz an das Mittelalter.

Am 24.  Juni 2001 weihte Erzbischof Vanags die Innenausstattung ein.

Viel ist geschafft worden, damit die Kirche von Valle, dieses historische, diese Gegend prägende Denkmal erhalten werden konnte. Aber viel Arbeit steht uns noch bevor. Der Kirchturm muss neu gedeckt werden. Dann kommt die Restaurierung der Fassade. Natürlich brauchen wir für die Gemeinde auch noch eine neue Heizung.

In dieser für unseren Staat schweren Zeit haben wir beschlossen, diese Arbeiten in Abschnitten durchzuführen. Dieses Werk werden wir mit Gottes Segen und mit unserem Glauben zum guten Ende führen können. Wenn es uns gelingt, alles weiter in Bewegung zu setzen, dann ergibt das neben vielen anderen Gewinnen auch mehr Arbeit für alle, die Arbeit suchen und zur Arbeit fähig sind. Wir haben noch Mittel, um die dringend notwendigen Arbeiten am Turm zu beginnen und das Dach neu zu decken.

Wir vom Kirchenvorstand der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Valle mit ihrem Pfarrer laden jeden aus der Umgebung von Vecumnieki, aus dem Dorf Valle und unsere Freunde in Lettland und in der Ferne ein, uns bei diesem wichtigen Unternehmen zu begleiten mit Eurer Fürbitte, mit Eurer Ermutigung und mit Spenden. Es ist noch schwer, die endgültigen Kosten zu benennen, aber wir arbeiten an einer Aufstellung, die uns alles zu Beginn des Frühjahres deutlicher darstellen und den Beginn der Arbeit in einer etwas wärmeren Jahreszeit möglich machen wird.

Der Kirchenvorstand der Kirchengemeinde Valle und Pfarrer Juris Morics

Die Kirchengemeinde Valle – Freunde, die ihre Zeit zusammen verbringen.

Diāna Ruģele und  Zeltīte Rubiško

Die Kirchengemeinde hat etwa 60 Glieder – Jugendliche, Leute mittleren Alters und ältere Leute. Zu Weihnachten machten wir – die Leiterin der diakonischen  Arbeit Diāna Ruģele, die Gemeindeleiterin Zeltīte Rubiško und Pfarrer Juris Morics – uns auf den Weg zu Hausbesuchen bei älteren Gemeindegliedern, die nicht mehr in der Lage sind, zum Gottesdienst zu kommen. Das war ein Erlebnis und eine gute Möglichkeit, die Lebensumstände der ärmeren Gemeindeglieder näher kenne zu lernen. In unserer

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Kirchengemeinde finden Gottesdienste, Bibelstunden und Konfirmandenunterricht statt. Zu Weihnachten fand ein sehr gut besuchter Schulgottesdienst statt. Kirchenvorstandssitzungen finden einmal monatlich statt, wobei es nie an Fragen mangelt, zu denen ein Beschluss gefasst werden muss. Im vergangenen Jahr machten wir zum ersten Mal einen Gemeindeausflug nach Sigulda und Umgebung.

Im Spätherbst  hatten die Kirchenvorstände Valle und Vecumnieki eine gemeinsame Veranstaltung in den Räumen des Museums in Valle. Unser Pfarrer bereitete eine französische Zwiebelsuppe nach einem Rezept von Mārtiņš Ritiņš zu, und die Kirchenvorstände konnten inzwischen den Erfahrungsaustausch in ihrem Dienst pflegen. Die Suppe schmeckte sehr gut und die Veranstaltung war gut gelungen. Das lettische Wort „draudze“ (Kirchengemeinde) erklärt sich eigentlich selbst, da es das Wort „draugs“ (Freund)

enthält. Wir sind Freunde, die sehr gerne zusammen sind, sei es im Gottesdienst oder außerhalb des Gottesdienstes.

Bis zum Letzten!

Dem Rektor des Theologischen Seminaes und Dekan der Theologischen Fakultät der UL

Dr. Roberts Akmentiņš (27.01.1910 – 14.05.1994) zum hundertsten am 27. Januar.

Moto: „Im Leben unserer Kirche und des Theologiestudiums ist er eine beachtenswerte Lichtquelle, nein, noch mehr – ein Licht in der Finsternis. Ein untadliger Mensch, in dessen Leben man keinen Schatten finden oder nachweisen kann. Ein positiver Charakter mit einem großen und tiefen Empfinden von Verantwortung gegenüber den Pflichten seines Amtes. Unter den hervorragenden Persönlichkeiten, die es in unserer Kirche zweifellos gegeben hat, zögere ich keinen Augenblick, auch Dr. Roberts Akmentiņš zu nennen. (Dr. Roberts Feldmanis)

Aujf jeden kommt einmal sein hundertster Geburtstag zu, ganz gleich, ob er noch lebt oder nicht. Aber nun sind es mehr als seine nächsten Angehörigen, die sich noch an ihn erinnern. Wenn man einen solchen Geburtstag feiern möchte, dann muss es jemand sein, der etwas ganz besonderes geleistet hat, was viel mehr ist als dass er nur sein Leben gelebt hat

Vier.

In diesem Jahr haben vier Pfarrer und Dozenten des Theologischen Seminars – Roberts Akmentiņš, Paulis Žibeiks, Roberts Kalderovskis und Roberts Feldmanis – diesen Jahrestag. Über einen von ihnen etwas zu schreiben, bedeutet, etwas über die Geschichte der ELKL zu schreiben, welche das Leben dieser Männer geprägt hatte. „Durch sie sind wir geworden, die wir sind! Ihre Verdienste dabei kann man nicht zu hoch einschätzen,“ so Propst V. Pirro. Jeder von ihnen hat unser Leben und unseren Dienst als Prediger des Evangeliums geprägt. Durch sie ist die Botschaft Christi zu uns gekommen – entweder direkt oder vermittelnd.

Der göttliche und der menschliche Teil.

Wenn wir von der Kirche sprechen, denken wir zuerst an ihre göttliche Seite – an das Wort und die Sakramente. Wenn das nur so ist, dann verlieren wir aus dem Blick, dass die Kirche auch die Herde der Schafe Christi ist, die sich um ihn und um seine Gaben versammelt. Das ist der menschliche Teil, bei dem man zwiespältige Gefühle empfindet, wenn man daran  denkt. In der Kirchengeschichte gehören aber das Göttliche und Menschliche unlösbar zusammen. Wo sich das menschliche in der Sündhaftigkeit, in Leidenschaften und Intrigen Ausdruck schafft, verbleibt nur ein Aufseufzen und das Aussprechen der traditionellen Redewendung:  „Sie alle sind doch nur Menschen!“ Doch mit Freude und Stolz können wir auf die herausragenden Fälle hinweisen, bei denen die Menschlichkeit nicht nur zum Göttlichen in einem Konkurrenzverhältnis steht, sondern durch sie das hindurchschimmert, dass Menschen nicht nur Zeugen des göttlichen Handelns sind, sondern „Gottes Mitarbeiter“ (1. Kor. 3,9)

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Biographischer Teil

Der erste in dieser Reihe ist Roberts Akmentiņš. Er ist am 27. Januar 1910 geboren. Im Jahr 1934 beendete er sein Theologiestudium an der Theologischen Fakultät. Danach war er Religionslehrer und Lehrer für Psychologie im Gymnasium in Jēkabpils. Sein Unterricht sei so spannend gewesen, dass sogar die größten Wildfänge still blieben. „Ungeduldig erwarteten wir die Religionsstunden bei ihm,“ sagt die ehemalige Schülerin Ģertrūde Godiņa. Während der ersten Jahre der sowjetischen Besatzung arbeitete er im Widerstandskreis von Schülern „Viesturnieši “. Gegen Ende des Krieges kümmerte er sich um die Flüchtlingsströme in Kurland.

Fahren oder bleiben?

Wie eine trockene Nachricht hört es sich an, dass er am 11. April in Kuldīga ordiniert wurde. Was sagt das aus? In jener Zeit flohen viele Letten in den Westen, denn alle waren sich bewusst, was unter diesem Besatzungsregime geschehen würde. Auch für Akmentiņš erhob sich die Frage, ob er fahren oder bleiben sollte. Sollte er in der Heimat bleiben oder sich für die Freiheit entscheiden? „Lettland wird es nicht mehr geben. Diese Erkenntnis bewegte viele.

Aber mich bewegte ein anderer Gedanke:  Lettland besteht weiter, und in meinem Bewusstsein bleibt es dasselbe, ganz gleich, unter welchen wechselnden Verhältnissen.“ So

war meine Entscheidung, zu bleiben, eine Entscheidung, die mein weiteres Leben prägte. Für ihn bedeutete dieser Entschluss das Bekenntnis seines Glaubens an Gott als den, der uns Lettland geschenkt hat und das Bekenntnis des Glaubens an Gott, der es möglich machen würde, dass Lettland wiedergeboren wird. „Bis zuletzt wollte ich mit meinem Volk verbunden sein und mich von ihm nicht trennen, bis zuletzt wollte ich für mein Land mutig sein und für dieses eintreten. Bis zuletzt!“ Dieses „Bis zuletzt“  wird zum Leitmotiv seines Aushaltens.

Zurückweichen in die Kirche.

Hier muss ich betonen, dass die christliche Kirche in Lettland im Unterschied zum Staat ihre Kontinuität bei ihrer Arbeit und ihrer Lehre bewahrt hat. Das hatte das Sowjetregime nicht erschüttern können. Die ELKL als die christliche Kirche Lettlands, in der das Evangelium den Letten in ihrer Muttersprache verkündigt wurde, fuhr damit auch während der Sowjetzeit fort, die geistlichen  und sittlichen Werte, die sich während der vielen Jahrhunderte gebildet hatten,

am Leben zu erhalten. Deshalb können wir mit Recht sagen, dass die Kirche den christlichen Glauben im Volk lebendig erhielt und damit eine bedeutende Seite der Identität des Volkes bewahrte, und damit eigentlich Lettland selbst am Leben hielt. In der Kirchengeschichte gibt es viele Zeugen, die bekunden, dass die Kirche in Zeiten allgemeiner großer Not zur letzten Bastion der Zivilisation geworden ist. So war es auch damals. Die Kirche hütete das lettische Volk und die lettische Sprache sowohl in Lettland als auch in der Fremde.

Der Dienst in den Gemeinden.

Es folgte sein Dienst in den Kirchengemeinden Blīdene, Stūre, Zvārde und Kursīši, die durch das Kriegsgeschehen ihre Gotteshäuser verloren hatten. Die Menschen lebten in Bunkern. Der Pfarrer teilte mit ihnen das Evangelium und die Schnitte Brot, legte lange Strecken zu Fuß zurück, denn ein Gespann konnte sich niemand leisten. Dann folgte der Dienst in Remte, Gaiķi, Grīvaiši, Ruba, Lutriņi, und später in der Kirchengemeinde Saldus. Die Kirchengemeinden waren bettelarm, so dass der Pfarrer als Schwarzarbeiter in einer Kolchose, als Forstarbeiter oder in einer Fabrik sein Geld verdienen musste. Die Armut war in der Familie ein ständiger Hausgenosse.

Ein Traum

Als ich (der Verfasser dieses Beitrages) 19 Jahre alt war, hatte ich einige theologische Bücher aus der Zeit des freien Lettlands gelesen, und bei meinem Herumstreifen durch Riga kam ich zur Sakristei der St. Johanniskirche, wo die Inschrift „Friede sei mit euch“ zu lesen war. Es überkam mich das Gefühl, ich sollte mir ein Herz fassen und auf die alten klugen Männer

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zugehen, die sicher ausführlich und erschöpfend meine Fragen beantworten könnten. Nach sieben Jahren wurde ich mir bewusst, dass ich damals vor der Tür des einstigen Theologischen  Seminars gestanden hatte! Als ich die Tür betrachtete, begegnete ich Rektor Akmentiņš, einem betagten, weisen und geduldigen Mann. Der Traum wurde wahr.

Der Mensch

Akmentiņš war seit 1969 Dozent bei den Akademischen  Theologischen Kursen, seit 1980 Prorektor, im gleichen Jahr verteidigte er seine Dissertation „Die Aktualität der Grundprobleme des Schriftstellers Augusts Saulietis“  Als Dr. theol wurde er 1980 zum Rektor ernannt.

Akmentiņš war von kleinem Wuchs, aber mit breiten Schultern und schlank. Seine Augen und seine Nase gaben seinem Gesicht einen an einen Falken erinnernden Ausdruck. Seine hellen Augen blickten seinen Gesprächspartner aufmerksam an. Wägend und still war er in seiner Strenge, Bestimmtheit, Aufrichtigkeit und Geduld. Er hatte eine ruhige Stimme, und wenn er lächelte, , dann tat er das vor allem mit den Augen, und bei der Begegnung war er sehr entgegenkommend. Seine Freundlichkeit begleitete seine Standfestigkeit. Sein Wohwollen verbarg sich hinter äußerer Strenge.  Ein Student schreibt: „Hinter einer strengen Bestimmtheit und sogar gelegentlicher Härte offenbarte sich uns in späteren Jahren ein herzlich zugewandter Mentor.“  Dr. Roberts Feldmanis beschrieb ihn so: „Die gute Harmonie innerhalb der Arbeit des Theologischen Seminars unter jenen Bedingungen, die uns an allen Ecken Fesseln anlegten, war durch das konsequente Einhalten des Friedens, der Weisheit und einer klaren Linie seiner Persönlichkeit sowohl innerhalb als auch außerhalb des Seminars geprägt. Man verehrte ihn ungeteilt als Kollegen der Dozenten und Mentor der Studenten. Bei ihm konnte man Rat finden. Was er aushalten musste, das wussten nur ganz wenige. Sein Antlitz strahlte Frieden aus.“  Er hatte niemanden, den er besonders bevorzugte, seine Forderungen entsprachen dem Ernst des Studiums, bei dessen Ergebnissen es galt, sich nicht dazu verleiten zu lassen, entweder in übertriebenen Jubel zu geraten oder von da her in die

Endgültigkeit der Buchstabengläubigkeit abzustürzen.

Eine andere Welt.

Im Seminarraum war es verboten, aber dennoch nicht aufzuhalten, sich mit Politik zu beschäftigen. „In dem kleinen Raum waren wir in einer anderen Welt – in einer reinen, wahrhaftigen, unverfälschten  und aufrichtigen Welt, die sich diametral von den Ekel erregenden kommunistischen Lügen, Heucheleien und Liebedienereien überall in der damaligen Gesellschaft unterschied. Das gleiche konnte man auch von der Wohnung des Rektors sagen. Das erste, was man dort wahrnahm, war ein großer Altar an der einen Wand, und der Schreibtisch an der anderen Wand, beide aus massivem Holz. Sowohl im Seminar als auch in seiner Wohnung verspürte man sofort die dort herrschende geistliche Spannung, vor der man sich am liebsten wie im Tempel verneigt hätte. Ob das von der geistlichen Atmosphäre kam, die von der Persönlichkeit der Professoren ausging  oder der Widerschein des Lichtes Christi? Bei den ersten Malen im Seminar fühlte ich mich fast wie berauscht. Doch die „Diagnose“ ist eindeutig – es war die Überfülle der göttlichen Wahrheit.

Beschreibung der Arbeit.

Was hatte Akmentiņš  erreicht? Man könnte das kurz in einem Satz zusammenfassen: Er hatte das akademische Erbe des Seminars, das er von der nicht mehr existierenden Theologischen Fakultät der UL (die 1990 wieder eröffnet wurde) übernommen hatte, was in der damaligen Zeit fast als unmöglich erschien. Damit hatte er die Ausbildung des theologischen Nachwuchses und die Einführung in den Dienst eines Pfarrers sicher gestellt.

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Die sowjetische Taktik.

Die grundsätzliche Einstellung der kommunistischen Machthaber zur Kirche hat der atheistische Ideologe Z. Balevics beschrieben: „Die Religion ist in der fortschrittlichen sozialistischen Gesellschaft  die einzige legale und weiterhin einflussreiche Form der ideologischen Opposition.“ Das war nicht die Begleitmusik der Kriegsfanfaren. Die Sowjetunion nutzte eine zweifache Taktik bei der Einflussnahme. Einerseits gab es den massiven und unnachgiebigen Druck. Als Beispiel dafür kann die Verfassung der ELKL (beschlossen von der 11. Generalsynode am 23. März 1968)  § 6 genannt werden: „die Geistlichkeit und die Kirchengemeinden haben sich strengstens nach den Bestimmungen der staatlichen Gesetzgebung über die Kirche und die Kirchendisziplin zu richten. Das ist die Lebensgrundlage für die Evangelisch-lutherische Kirche und die Kirchengemeinden.“ Professor Feldmanis beschrieb die Situation folgendermaßen: „Während der ganzen Zeit hing über dem Seminar das Schwert des Damokles. Das Sowjetregime mochte das Leben der Kirche und jede geistliche Aktivität nur dulden, und diese Zulassung konnte in jedem Augenblick widerrufen werden, denn für das Sowjetregime war der Kampf gegen den christlichen Glauben und die Kirche – ganz besonders gegen die lutherische Kirche – das Maß aller Dinge. Die Kirche war „berechtigt“, zu sterben, aber nicht zu leben.“

Andererseits versuchte man. die Kirche von innen  her auszuhöhlen und die Gemeindeglieder vom Glauben abzubringen, mit den staatlichen  Behörden „zusammenzuarbeiten“ usw. Die Repressionen in den 40er Jahren waren allen Geistlichen noch in guter Erinnerung. Deshalb ist es kein Wunder, dass Pastor Jānis Bērziņš dem Propst der Lettischen Kirche im Ausland Leons Čuibe sagte: „Ich tue alles, dass ich nie wieder nach Workuta zurückzukehren brauche.“ Dieses „alles“ konnte auch bedeuten besondere Dienstleistungen für den Staat als Spitzel. Akmentiņš bestätigt das: „Alle Pfarrer, auch ich, wurden ständig zur Tscheka zitiert. Dort wirst du mit Fragen geödet, von denen du eigentlich nicht weißt, was sie dieses Mal bezwecken sollen. Bei einem solchen Verhör schleuderte mir ein sehr selbstbewusster Man den Ausruf „Sie Nationalist!“ in das Gesicht. Weder die Deutschen waren gut für euch, noch wir. Ich wusste, was ich damit riskierte, aber ich widersprach ihm: ich habe die Zarenzeit erlebt, die Zeit der Bolschewiken nach dem Ersten Weltkrieg, die Zeit zwischen beiden Weltkriegen   und die Gegenwart erlebt. Ich habe in die Folterkeller der Gefängnisse hineinschauen können. Und nun sagen Sie mir bitte: Erwarten sie wirklich, dass ich auf ein Podest steige und mich zum Jubel „Sie leben hoch!“ hinreißen lasse? “ Wie Akmentiņš

mir berichtete, hätte der Tschekist darauf nichts gesagt und ihn entlassen.

Das Zeugnis des Kollegen.

Feldmanis berichtet: „ Der Bevollmächtigte für Angelegenheiten des Kultes befahl, dass jeder, der sich für seinen Eintritt in das Seminar angemeldet hatte, davor sich bei ihm zu einer „Unterredung“ und Beurteilung durch ihn, ob seine Zulassung zum Studium im Seminar genehmigt sei,  einzufinden hätte. Hierbei erlebten wir die Haltung unseres Rektors. Er nahm diese Forderung einfach nicht zur Kenntnis. Er nahm Studenten auf ohne eine vorherige „Beichte“ bei dem Bevollmächtigten. Auch fügte er sich nicht den vielfachen wiederholten drohenden Verwarnungen. Dadurch gefährdete er sich selbst sehr und hätte jederzeit aus dem Amt entlassen werden können. Eine unsichtbare Hand hat ihn davor bewahrt. Dann kam es zu einem direkten Angriff.  Der richtete sich gegen einen Studenten, einen korrekten, begabten Menschen, erfolgreich in seinem Studium und in der Gemeindearbeit. Der Rektor wurde zum Bevollmächtigten zitiert: „Sie müssen diesen Studenten aus dem Seminar ausschließen.!“ Ich habe keinen Anlass, das zu tun. Dieser Student studiert vorbildlich und ist  in seiner Haltung nicht zu tadeln.“ „Aber sie müssen ihn ausschließen“ Der Rektor: „Dann geben Sie mir dafür einen schriftlichen Befehl, dann werde ich es tun.“ „Den gebe ich Ihnen nicht. Sie müssen ihn von sich aus ausschließen!“ Der Rektor reagierte auf diesen Befehl nicht und schloss den

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Studenten nicht aus.  Nun waren sie beide schwer bedroht – sowohl der Student als auch der Rektor selbst.  Die Vorlesungen waren zu Ende, alle waren schon gegangen. Wir (Feldmanis und Akmentiņš waren nur noch zu zweit zurückgeblieben. Wir gingen in den Flur hinaus und zogen uns in eine stille Ecke zurück. Wir blickten einander an uns sagten kein Wort. Dann sagte Roberts Akmentiņš. „Solange ich noch hier bin, werde ich mich halten und aushalten.“

Wir drückten einander beide Hände und umarmten uns.  Und er blieb weiter da, und auch der Student. Derjenige, der mit ihm war, war mächtiger als der Zerstörer.

Taktik des Widerstandes.

Propst Čuibe fragte den Rektor: „Wie konntest du es unter diesem Kreuz ertragen, und was hast du getan, um darunter nicht zu zerbrechen?“ „In der Arbeit meiner Kirche habe ich keine hervorragenden Ämter angestrebt, die mir in einer großen, von allen wahrgenommenen bestimmt Ehre eingebracht und mein Überleben erleichtert hätten… Auch hat es mich nicht dazu gedrängt, durch Spitzeldienste an den Staat zusätzliches Geld zu verdienen. Ich sah keinen Anlass, mich bei dem Staat dafür zu bedanken, dass ich der Gefangenschaft und Deportation entgangen war, dadurch, dass ich meine Amtsbrüder an den Staat verriet.“ Einmal sagte er, dass es am richtigsten sei, bei einem Verhör durch die Tscheka zu sagen: „Über andere weiß ich nichts, ich kann nur Dinge beantworten, die mich selbst betreffen.“ Propst Arturs Kaminskis erinnert sich: „Diese Zeit war schon kompliziert, als wir noch im Dienst standen. Wir mussten jedes Wort abwägen, bevor wir es aussprachen, denn alles, was man sagte, konnte man leicht verändern und eine Anklage zurechtschustern. Wenn man wollte, dann konnte man jedem Pfarrer etwas anhängen, wenn er über einen Bibeltext sprach.“

Der Kampf um das Bestehen war zuerst geistlich, es war das Suchen nach Kraft. Deswegen verglich Akmentiņš Christus sehr oft mit einem Schild. Im Kampf muss man den Schild oft an sich heranziehen, und im geistlichen Kampf  muss ich mich dicht neben Christus stellen. „Das Leben von Professor Akmentiņš gibt davon Zeugnis, dass einst alles, was man ertragen, erlitten und erduldet hat, zu einem Gewinn wird.“ Eine Studentin teilt uns ihre Eindrücke über Professor Akmentiņš mit: „Seine Gestalt, seine Art zu sprechen und sein beherrschter und ruhiger Adel ließ mich immer empfinden, dass R. Akmentiņš der wahre Gesandte der lettischen Intelligenz der frühen Vorkriegszeit sei, der uns alle auch während der Sowjetjahre als ein solcher erreichte. Im Laufe der Zeit habe ich begriffen, dass diese geistige Intelligenz nicht nur im „Lettland der Friedenszeit“ ihren Ursprung hat, sondern in der durch lange Leiden bewährten Treue zu Gott. Das widerspiegelt sich auch in seinem Gesicht. Die Lippen stets etwas zusammengeniffen, im Gesicht zeigt sich ein Ausdruck ernsthafter Vorsätze. Es ist doch irgendwie bezeichnend, dass er bei keinem Foto aus der Sowjetzeit eine Andeutung eines Lächelns zeigt. Der Widerstand hat Opfer gekostet.

Fest und hell

Propst Pirro erinnert sich: „Er war zäh.“ Der Rektos entsprach seinem Famíliennamen.(Bemerkung des Übersetzers Akmentiņš heißt übersetzt „Steinchen“) So wie er das System „bugsiert“ hatte, war er wie ein kleiner Stein in den Zahnrädern eines großen Getriebes. Einen Teil der Diener der Kirche hatte das Regime zermahlen und einen anderen Teil gestählt. Bei der scharfen Kante der zweiten Gruppe dieser Persönlichkeiten konnte man den Schein des Lichtes Christi erkennen, der darauf fiel. Auch im Leben und Wirken von Roberts Akmentiņš.

Guntis Kalme

Damals Subassistent im Theologischen Seminar in den Fächern

Systematische Religionswissenschaft und Philosophie

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Anschrift der Redaktion: Alksnāja iela 3 .- Riga- LV 1050

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Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 2.2.2010)

Brucknerstr. 24.-  D-27711 Osterholz-Scharmbeck

Telefon: 04791-13356

E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers

Den verehrten Leserinnen und geduldigen Lesern möchte ich gerne mitteilen, dass auch im Neuen Jahr die lettische Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“ im 14 Tage Rhythmus erscheinen wird. Das hat für den Übersetzer die angenehme Seite, dass er nicht ständig an seinem Computer zu sitzen braucht, und die weniger angenehme Seite, dass jede Ausgabe im Vergleich zu früher den doppelten Umfang hat. So nimmt bei dem Eingang der Zeitung als erste Beschäftigung die Entscheidung, welchen Beitrag ich übersetzen möchte, und welchen  nicht im Vergleich zu früher doppelt so viel Zeit in Anspruch.

Bei dieser Ausgabe habe ich auf das Übersetzen einiger Beiträge verzichtet, die etwa die Hälfte des Umfanges dieser Ausgabe ausmachen. Ausnahmsweise gehört dazu die Spalte der verehrten Chefredakteurin Inga Reča, die dort auf einige Beiträge dieser Ausgabe hinweist, die ich aber dann doch nicht übersetzt habe. Das bitte ich mir freundlich nachzusehen. Zu den zu restaurierenden Kirchen gehört die Kirche von Carnikava bei Riga, über die in dieser Ausgabe berichtet wird, ohne dass ich diesen Bericht übersetzt habe. Auch trifft das auf die Ankündigung zu, dass die Rigaer Jesusgemeinde jetzt eine „Schule für Jünger“ eröffnen möchte und einen Bericht über eine Begegnung der lettischen Kirchenleiter in Riga mit kanadischen Parlamentariern und ein ausgiebiges Interview mit den Musikern, die bei der Aktion „Weihnachtsrose“ konzertiert haben. Ingrīda Briede hat einen Bericht darüber verfasst, wie die Adventszeit in Südafrika begangen wird. Da dieses Land ein paar Kilometer von Lettland entfernt ist, habe ich auch auf die Übersetzung dieses Berichtes verzichtet ebenso wie auf den Bericht über ein Eheseminar in der Alten St. Gertrudgemeinde in Riga, einen Bericht von Pfarrer Juris Zariņš über eine Dienstreise nach Moskau und St. Petersburg.und die Fortsetzung des Beitrages von Juris Uļģis, dessen ersten Teil ich auch nicht übersetzt hatte.

Nachdem ich auf einige Beiträge hingewiesen habe, die von mir nicht übersetzt wurden, möchte ich den Beitrag über die so eindrucksvolle Persönlichkeit von Rektor Roberts Akmentiņš unter der Überschrift „Bis zum Letzten“ zur Lektüre empfehlen. Ich selbst bin A. in dieser schweren Zeit oft begegnet und denke an diese Begegnungen sehr gerne

zurück . Mit dieser Übersetzung möchte auch ich seiner dankbar gedenken.

Im Januar erhielt ich von Erzbischof Vanags seine Predigt, die er in der vom Hörfunk übertragenen Christvesper im Dom zu Riga gehalten hat. Ich weiß, dass die Weihnachtszeit nun mit dem heutigen Tag der Darstellung des Herrn am 2. Februar ganz  zu Ende ist, hielt es aber doch für richtig, diese außergewöhnliche und nach meiner Meinung außergewöhnlich gute Predigt meinen interessierten Leserinnen und bewundernswert ausdauernden Lesern mit besten Empfehlungen als Anlage zuzusenden. J. B.

Anlage zu SR 2-2010                         – 1 –

Predigt von Erzbischof Vanags in der Christvesper am Christabend 2009 im Dom zu Riga, die vom lettischen Hörfunk und Fernsehen übertragen wurde.

Wie sich Gott auf das Christfest vorbereitet

(Lk. 2, 1-18)

Die Feier des Weihnachtsfestes wäre eine sehr schöne Sache, wenn es da nicht die großen

Vorbereitungen gäbe. Für viele gute Hausfrauen verbindet sich das Weihnachtsfest mit

Aufregungen und  großer Hast, damit sie bis zum Fest noch alle Arbeiten bewältigen. Sie könnten uns berichten, dass das Aufräumen vor dem Weihnachtsfest eine schwere Aufgabe ist, die einen großen Einsatz erfordert.

Haben wir nicht auch darüber einmal nachgedacht, wie sich Gott auf das Weihnachtsfest vorbereitet hat? Schon im Anfang sagte Gott im Garten Eden zu der Schlange: „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen: der soll dir den Kopf zertreten und du wirst ihn in die Ferse stechen.“ (1.Mose 3,15) . Schon damals – wir können wirklich nicht genau sagen, wie lange das her ist – fing Gott an, sich auf Weihnachten vorzubereiten.

Im 8. Jahrhundert vor Christus schreibt der Prophet Jesaja (Jes. 7,14):  „Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie nennen Immanuel, Gott mit uns.“  In der Heiligen Schrift finden wir mehrere Hunderte solcher Zeugnisse dafür, dass sich Gott über die Jahrtausende auf Weihnachten vorbereitet hatte. Von der letzten Vorbereitung lesen wir im Evangelium nach Lukas (Lk. 2,1): „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde.“ Können wir es uns vorstellen, eine wie große  Völkerwanderung dadurch ausgelöst wurde?!

Die Zeit der Herrschaft des Kaisers Augustus war die Blütezeit des Römischen Imperiums. Man nannte es die Weltmacht, welche von Spanien bis zum Iran, von Nordafrika bis nach Britannien reichte. „Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.“ (Lk. 2,3) . Wir sind es gewohnt, in diesem Zusammenhang nur an die Reise von Maria und Joseph nach Bethlehem zu denken. Aber können wir uns vorstellen, was für eine Völkerwanderung  das eigentlich war?! Und wozu das alles?

Der Kaiser Augustus wollte damit den eroberten Völkern zeigen, dass er der Herr sei, und sie seine Sklaven, die an ihren Herrscher die Abgaben zu entrichten hätten. Damit wollte Gott die Zeit der Freiheit und des Heils durch seinen Sohn bringen. Kaiser Augustus hatte für sein Reich den Frieden gebracht, den man Pax Augustana (Augustinischer Friede) oder noch häufiger Pax Romana   (Römischer Friede) zu nennen pflegte. Das war der Friede, welcher durch die militärische Übermacht Roms und die Anwesenheit der Streitkräfte in allen eroberten Ländern garantiert werden sollte. Gott hatte sich für diese Zeit entschieden, damit derjenige in die Welt käme, den der Prophet Jesaja „Friedefürst“ nennt (Jes. 9,5), derjenige, der den Frieden zwischen der Menschheit und Gott herstellen soll.

Beachten wir, dass dieses weltliche Geschehen einen geistlichen Hintergrund hat. Der Kaiser Augustus hatte ganz sicher eigene Absichten und Vorstellungen, ebenso wie seine Untertanen ihre eigenen Gedanken und Vorstellungen hatten. Gottes Vorsehung setzte diese gewaltige Völkerwanderung in Bewegung, nur damit Joseph und Maria nach Bethlehem kämen. Nur damit Jesus dort geboren würde, wo der Messias, der Christus geboren werden sollte. Damit Gottes Zeichen und die biblischen Prophezeiungen  wahr würden. Damit es Weihnachten würde.

Vielleicht hilft uns dieser historische Rückblick, das Weihnachtsfest in seiner wahren Größe und richtigen Perspektive zu erkennen. Einmal hörte ich im Radio eine Sendung mit Rezepten

Anhang zu SR 2-2010                        – 2 –

für den Weihnachtspudding. Wenn man ihn zu Weihnachten fertig haben möchte, dann muss man mit seiner Zubereitung bereits am Ersten Sonntag im Advent beginnen. Somit dauert

diese Zubereitung ganze vier Wochen! Ich hörte mir das an und dachte: Das muss nun wirklich etwas ganz besonderes sein! Ein Pudding, für dessen Herstellung ein fähiger Koch einen ganzen Monat benötigt!

Aber wie muss wohl jemand sein, für den Gott, der Schöpfer des Weltalls, Jahrtausende für dessen Geburt benötigt und sogar  ganze Imperien in Bewegung gesetzt hat?!  Wirklich,  das muss etwas ganz besonderes und unbegreifliches sein, was uns Gott zu Weihnachten schenkt! Können wir uns das überhaupt vorstellen?

Gott schenkt uns ein Kind, von einer Jungfrau geboren und legt es in eine Krippe. Das ist eine Handlung von einer tiefen Symbolik Die Krippe ist der Ort für das Futter, die Nahrung. In dem Jesuskind schenkt Gott der Welt das Futter, die Nahrung. Später sagt Jesus: „Gottes Brot  ist das, was vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben. Ich bin das Brot des Lebens.“ (Joh. 6, 33+35) Und weiter sagt er: „Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.!“

Dass man Jesus in einem Stall in einer Krippe und nicht an einer königlichen Tafel findet, ist auch von ausdrucksvoller Symbolik Gottes Brot wird an alle und an jeden gereicht. Es gibt in dieser Welt keinen Einzigen, dem Gott es nicht reichen wollte. Da ist niemand zu klein, zu niedrig oder zu schlecht, als dass er nicht seinen Anteil am zu Weihnachten gereichten Brot des Lebens haben sollte – an Christus. Der fröhlich vorausschauende Prophet Jesaja jauchzt darüber bereits siebenhundert Jahre vor Seiner Geburt (Jes. 55,1) : „Wohlan alle, die ihr hungrig seid, kommt zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!“  Und Jesus selbst spricht (Joh. 6,37): „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.“  Man kann uns in unserem Leben vieles wegnehmen oder verwehren, aber das, was Gott den Menschen zu Weihnachten geschenkt hat, kann uns niemand nehmen, wenn es der Mensch sich selbst nicht fortnimmt oder verwehrt.

In der Krippe von Bethlehem beantwortete Gott uns alle unsere schweren Fragen. Es wird kaum jemanden geben, der nicht über den Tod oder seine eigene Sterblichkeit oder die Sterblichkeit eines Angehörigen nachgedacht hat. Jesus spricht: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“ Wir haben über vieles nachgedacht, sowohl über unser Leben und unsere Leistungen, Worte und Gedanken und die Arbeitslosigkeit  Mit allem dem werden wir einst vor Gott hintreten, und was antworten wir Ihm bei seinem Gericht? Aber Jesus spricht: „Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat dass ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.“

Ja, es ist so, dass uns die kleinen Fragen unseres Alltags mehr beschäftigen als das, wie es einst in der Ewigkeit sein mag.  Doch wenn wir Jesu Worte lesen und über sie nachdenken, entdecken wir in ihnen die Antworten auf die großen Fragen nach der Ewigkeit ebenso wie auf die kleinen Alltagsfragen. Denn Gott hat Jahrhunderte und Jahrtausende gebraucht, um uns das zu Weihnachten geschenkte Brot des Lebens zuzubereiten. Möge uns das anregen, immer weiter zu suchen und uns darin zu vertiefen.

Wenn ich das in einen Satz das zusammenfassen sollte, was Jesus den Menschen zu Weihnachten gebracht hat, dann könnte ich sagen: „Er hat die Beziehungen, den Frieden und die Freundschaft zwischen den Menschen und Gott wieder hergestellt.“ Achten wir das nicht zu gering. Für einen Menschen bedeutet das etwa ebenso viel wie für einen abgeschnittenen Finger, wenn er wieder an den Körper angeheftet wurde. Es bedeutet Leben und neue Kraft, sein Ziel zu erreichen. Für einen Finger, der nicht mehr durch eine Operation an den Körper

Anhang zu SR 2-2010                         – 3 –

angeheftet werden kann, bedeutet das den Verfall. Durch Christus sind unsere Beziehungen zu Gott neu geworden. Nicht irgendwelche Beziehungen, sondern die, von denen Johannes

(1. Joh.3,1) schreibt: „Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen – und wir sind es auch.“

Wenn wir bedenken, welche Anstrengungen und Mühen die Heilung der Beziehungen zu den Menschen Gott gekostet haben, dann müssten wir auch noch zu einer anderen Schlussfolgerung kommen. Wenn es Gott eine so große Mühe wert war, dass er für uns Seinen eigenen Sohn opfern musste, dann sind die Beziehungen mit Gott, oder richtiger gesagt, deren Fehlen, unser tiefstes und schwerstes Problem. So kommen wir zwangsläufig zum Schluss, dass wir feststellen, dass die Schöpfung des Weltalls Gott keine so große Mühen und Opfer abverlangte, als die Heilung der zerstörten Beziehungen zur Menschheit.

Sicher denken wir an diese Dinge nicht täglich. Wenn du nur an deine Beziehung mit Gott denkst,  hast du dann eigentlich schon ein großes Problem? Die Wirtschaftskrise, der Haushalt des kommenden Jahres –  das sind doch die Probleme. Der Klimawechsel, in dessen Folge Aizkraukle eine Hafenstadt werden könnte, das ist ein Problem!  Die Familienverhältnisse, Streit, Verluste, Einsamkeit – das empfinden Menschen doch viel eher als Problem. Aber die Beziehungen zu Gott? Tausende von Menschen  leben doch ganz ohne sie, ohne dass sie das besonders berührt. Doch das ist nur scheinbar der Fall. Ich denke, dass die Wirtschaft gerade deshalb in der Krise steckt mit anschließender Arbeitslosigkeit, mit Schulden, die nicht bezahlt werden können, mit reduzierten Gehältern und Renten. Gerade deshalb wird die Welt von den von Menschen verursachten Fluten, von Stürmen und von Trockenheit heimgesucht.

Gerade deshalb vermögen Menschen ihren nächsten Angehörigen ihr Leben schwer zu machen, da Tausende von Menschen ohne eine lebendige Beziehung mit Gott leben und vom Brot des Weihnachtsfestes nicht gekostet haben.

Weshalb wurde Christus als Mensch dieser Welt geboren? Doch nicht, weil er sich sehr nach deren angenehmer Gesellschaft gesehnt hätte, in der er sich gerne aufhalten wollte. Als er sich unter den Menschen einstellte, ging es ihm sehr schlecht. Christus wurde als Mensch geboren, weil Gott sich in den Menschen sehr getäuscht hatte. Aus dem Buch des Propheten Maleachi vernehmen wir die Beurteilung Gottes (Mal. 3,9) : „Darum seid ihr auch verflucht, denn ihr betrügt mich allesamt.“

Wie kann ein Mensch Gott betrügen, der doch alles weiß und sieht? Maleachi setzt das Thema auf seine Weise fort, aber Jesus spricht (Matth. 25,40) : „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan..“ Hört sich das nicht wahrhaftig und aktuell an? Ist es nicht so, dass die Abwesenheit Gottes in meinem Herzen es uns gestattet, ja uns sogar ermuntert, den  Geringsten unter meinen Mitmenschen zu betrügen und ihm Unrecht zu tun? Aber diejenigen, die das tun, sollten bedenken, dass sie das Christus, dem König des Himmels, antun. Das kann nicht anders enden als so, dass ihnen alles aus der Hand fällt und in ihren Händen entzwei geht. Es hat keinen Sinn, früh aufzustehen und spät zu Bett zu gehen, wenn Gott die Arbeit nicht gesegnet hat. Prüfen wir uns selbst an diesen Worten!

Als Menschen scheint es uns nur natürlich und gerecht zu sein, auf ein Unrecht mit einem anderen Unrecht zu reagieren, einen Schlag mit einem Schlag zu beantworten und einem Betrüger seinen Betrug mit gleicher Münze heimzuzahlen. Einst ließ es Gott zu, dass den Menschen ihr Betrug vergolten wurde. Das lesen wir in dem Bericht über Noah. Es kam die

Flut und überspülte die Oberfläche der Erde. Sicher empfinden wir es manches Mal, dass alles in der Welt wieder neu beginnen müsste, wenn wir selbst nur ja an einer trockenen Stelle überleben könnten. Doch Gott handelte anders. Er sandte Seinen Sohn  nicht in die Welt, „dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.“ (Joh. 3,17).

Gottes Wille ist es nicht, Auge um Auge, Zahn um Zahn zu vergelten, sondern zu heilen und zu erretten. Heilen und erretten und nicht mit dem Daumen nach unten zu zeigen und alles

Anhang zu SR 2-2010                           – 4 –

den Wasserfluten zu überlassen. Vielleicht geht das darauf zurück, dass Gott sich davon überzeugt hatte, dass die Wasserfluten die Welt nicht wesentlich verändert, sie nicht von allem Bösen und vom Betrug erlöst hatten. Im Gegensatz zum misslungenen Versuch mit Noah bereitete Gott, als die Zeit erfüllt war, das  Weihnachtsfest vor. Für uns. Für jeden Menschen.

Mit welchen Mitteln heilt und errettet Gott?  Mit drei Dingen, die miteinander Hand in Hand gehen und stets zusammen wirken.

Erstens lädt Er uns ein: „Kommt zu mir! Sucht meine Nähe! Gehört  mir!“  Gottes Ruf „Kommt“ kann auch bedeuten „flieht“ . Flieht vor dem Bösen, vor der Ungerechtigkeit, vor der Sünde! Verlasst eure unrechten Wege! Der Apostel Petrus schreibt (1. Pet. 1,1-5) : „So legt  nun ab alle Bosheit, allen Betrug, alle Heuchelei und allen Neid und alle üble Nachrede und seid begierig nach der vernünftigen und lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt in eurem Heil,  da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist. Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar. Und auch ihr als die lebendigen Steine erbaut euch zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.“  Es ist wirklich notwendig, das Leben in Ordnung zu bringen und die Beziehungen wieder herzustellen, sowie die Rückkehr von den ungeraden zu den geraden Wegen. Meistens bleiben die Menschen dabei, dass sie anderen Menschen ihre Forderungen kund tun, und das, was nach ihrer Ansicht richtig und gerecht ist. Gott tut mehr.

Haben wir eigentlich einmal darüber nachgedacht, weshalb wir es wagen können, vor Gott zu treten, und uns dennoch bewusst sind, dass wir ungerecht und sündhaft gewesen sind?  Helfen uns die Gebote und die Strenge Gottes dabei, dass wir uns Gott annähern?  Ja, die rütteln uns wach und lassen uns wie in einen Spiegel blicken, damit wir uns recht erkennen, doch die tragen kaum dazu bei, dass wir Gott näher kommen. Dass wir uns aus der Finsternis in das Licht und in ein neues Leben auf den Weg machen, dazu hilft uns die Liebe Gottes und die Vergebung, die er uns durch Jesus Christus schenkt. Gerade zu Weihnachten empfinden wir das viel mehr als zu anderen Zeiten. Gott möchte nicht vergelten. Jesus trug nicht Gottes Verlangen, uns zu bestrafen, nach Golgatha, sondern Seinen Wunsch, uns zu vergeben, uns wieder bei sich aufzunehmen, uns zu lieben, auch wenn er dafür den höchsten vorstellbaren Preis entrichten muss – den eigenen Sohn der Welt in der Krippe zur Nahrung zu geben.

Gott spricht (Jes. 1,18) : „Wenn eure Sünde auch blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und  wenn sie rot ist wie Scharlach, soll sie doch wie Wolle werden.“ „So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsere Übertretungen von uns sein“. (Psalm 103,12). Diese Liebe Gottes und sein Wunsch, zu vergeben, gibt Hoffnung. Ohne Hoffnung gibt es keine Heilung, Rettung und sogar keine Rückkehr vom Irrtum. Liebe, Vergebung und Hoffnung sind die Werkzeuge , für die sich Gott entschieden hat, um zu heilen und zu erretten. Das kann man auch sehr menschlich verstehen. Ein Mensch kann nur aufstehen und neu beginnen, wenn er Hoffnung hat, dass er nicht ewig verflucht ist, und dass es eine mögliche Wende zum Guten gibt. Hoffnung und Vergebung vermögen das zu heilen, was der Zorn und die Rache nicht vermögen. Davon können wir uns persönlich in unserem Leben überzeugen bei unseren Beziehungen zu unseren Nächsten. Danach können wir versuchen, das als göttliches Prinzip zu verallgemeinern.

Das Dritte, ohne das sich in unserem Leben nichts wesentlich ändern wird, ist, dass wir das, was wir von Gott empfangen haben, an unsere Umgebung weitergeben. Aus dem Schöpfungsbericht der Bibel wissen wir, dass wir zum Ebenbilde Gottes geschaffen sind. Wir haben gehört, dass Christus Menschengestalt angenommen hat, dass wir dieses Gleichnis vom Ebenbilde erneuern könnten. Doch womit werden wir Gott ähnlich? Gott ist allmächtig. Auch der Mensch in seinem Streben nach Macht möchte andere beherrschen, am liebsten die ganze

Anhang zu SR 2-2010                          – 5 –

Welt., ohne darüber nachzudenken, dass Macht zu allererst Verantwortung und Sorge bedeutet. Und gerade das verführt ihn dazu, Gott zu betrügen und auszunutzen dadurch, dass

er seinen Mitmenschen betrügt und ausnutzt. Gott ist allwissend. Auch Menschen denken gelegentlich, dass sie allwissend seien, was sie hochmütig werden, andere verurteilen und sich in Dinge einmischen lässt, die sie nichts angehen. Gott gehört die ganze Welt.  Auch die Menschen möchten am liebsten alles an sich reißen und bemerken in ihrer Blindheit nicht, dass er von allem schon lange genug hat, aber dass es seinem Nächsten am Notwendigsten fehlt. Das ist genau die Weise, auf die der Teufel versuchte, Gott gleich zu sein. Gott wollte, dass wir ihm dadurch gleich wären, dass wir Liebe, Vergebung und Hoffnung in die Welt brächten. Ich denke, dass Wohltätigkeitsaktionen, bei denen wir für kranke Kinder spenden, die wir überhaupt nicht kennen oder uns auf eine andere Weise unserem Nächsten zuwenden und ihm etwas geben, was wir selbst gut gebrauchen könnten, die Augenblicke sind, in denen in unserem Alltag etwas von unserer Gottähnlichkeit durchschimmert. Es hatte mich sehr bewegt, bei einer Hörfunksendung die Frage mehrerer Rentner zu hören, was sie tun sollten, um den ihnen vorenthaltenen Anteil ihrer Rente, den das Gericht als illegal einbehalten und an sie auszuzahlen bestätigte, ihrem Vaterland Lettland zu spenden. Das ist ein für unsere Zeit völlig untypisches Verhalten, aber für Weihnachten nützlicher Akt der Selbstlosigkeit. Heilen und retten kann man nur aus einer Haltung heraus, in der wir Gott ähnlich werden..

Dabei gibt es nur das Problem, dass wir weder den Willen noch die Fähigkeit haben. Gott gleich zu werden. Deshalb spricht der Apostel Paulus (Titus 3,5) von der „Wiedergeburt und Erneuerung im heiligen Geist.“  In der Nähe Christi töpfert der Heilige Geist wie der Töpfer in Jeremia 18 an unserem kranken Herzen und macht es zu einem neuen, schönen  und nützlichen Gefäß. Deswegen sei es unser Vorsatz zu Weihnachten, uns Jesus immer mehr anzunähern. Wie die Weisen aus dem Morgenlande das auf dem Wege des Verstandes taten und sich selbst dem Jesuskind zum Geschenk darboten. Wie die Hirten ihn auf dem Wege des Herzens fanden, nachdem sie die Botschaft des Engels vernommen hatten. Auch wir sollten der Offenbarung Gottes folgen in Seinem Wort, in den Sakramenten und im Leben eines Christen.

Überlassen wir das nicht nur der Weihnachtszeit. Den Hirten wurde es offenbart, als sie ihre Alltagsarbeit verrichteten und ihre Herde bewachten. Manches Mal möchten wir unser Leben gerne in das „wirkliche“ Leben, das Berufsleben und das tägliche Leben aufteilen, während Gott, der Glaube, das Wachsen im Geist die andere Hälfte ist, die nur den Sonntag und die Kirche betrifft. Doch Christus ist zur Welt gekommen, um unser ganzes Leben zu bestimmen. Nur wenn er ganz zu uns kommt, sich an allem beteiligt und uns in seinen Besitz nimmt, vermag er unser Leben zu heilen und zu erretten.

Denken wir zurück, wie sehr sich Gott auf Weihnachten vorbereitet hat. Weisen wir sein Geschenk nicht zurück, sondern nehmen wir es frohen Herzens an.

Amen.

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