Verfasst von: liefland | März 23, 2010

Ausgabe Nr. 5. (1832 ) vom 6. März 2010

Lasst uns aufeinander achthaben. Hebräer 10,24

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.
4. Sonntag vor Ostern – Oculi Ausgabe Nr. 5. (1832 ) vom 6. März 2010

Spalte der Chefredakteurin der lettischen Kirchenzeitung Svētdienas Rīts Inga Reča
Glaubt!
Jetzt brauchen wir Mitarbeiter der Redaktion dringender als sonst den Glauben. Wir brauchen den Glauben daran, dass alles, was geschieht, dem Willen Gottes entspricht, und dass uns diese Situation gegeben ist, um sie zu lösen und nicht, um ihr zu entfliehen.
Am vergangenen Wochenende beschlossen die Pröpste und Bischöfe, dass unsere Kirchenzeitung auf Grund der gegenwärtigen finanziellen Situation in unserer Kirche nur ein Mal im Monat erscheinen könnte.
Für Euch, die Ihr unsere Kirchenzeitung seit vielen Jahren lest, erhebt sich ebenso wie für die neu hinzu gewonnenen Abonnenten, die uns bereits einen Teil ihrer Finanzen anvertraut haben, die begründete Frage: “Wie ist das möglich?“ Wir haben bereits unsere Abonnementsgebühren für zwei Ausgaben im Monat entrichtet, und nun sollen wir nur eine Ausgabe im Monat erhalten… Die eigentliche Situation ist, dass die entrichteten Abonnementsgebühren nicht ausreichen, um unsere Kirchenzeitung im gewohnten Umfang erscheinen zu lassen Das Erscheinen unserer Kirchenzeitung „Svētdienas Rits“ verursacht der Kirche hohe Kosten, und die Kirche hat es übernommen, den größten Teil der Kosten zu tragen. Wenn jeder Abonnent mit seinen Gebühren die vollen Kosten abdecken müsste, dann müssten diese Gebühren drei Mal höher sein. Deshalb meine ich, dass wir in diesem Augenblick eher Anlass zum Dank hätten für das Geschenk während dieser langen Zeit, statt unserer Erbittewrung darüber Raum zu geben, dass dieses künftig nicht mehr so sein würde.
Obwohl unsere Stimmung als Mitarbeiter der Redaktiom alles andere als begeistert ist, haben wir uns im Herbst des vergangenen Jahres für ein neues Format entschieden, hatten viele neue Ideen, die wir mit Begeisterung weiter entwickelten. Und nun soll alles anders werden, denn in der Redaktion wird es künftig nur eine Redakteurin (mich) geben. Deshalb habe ich an alle Leser, Pfarrer und Mitarbeiter unserer Kirchengemeinden, denen Gott die Gabe des Schreibens geschenkt hat, die Bitte: „Schickt uns Nachrichten, Fotos, Beiträge, Briefe. Ab heute müssen wir mehr als je zuvor Svētdienas Rīts mit gemeinsamen Kräften entstehen lassen.
Doch es gibt auch noch eine gute Nachricht. Endlich haben wir begonnen, einen lange geträumten Traum unserer Journalistin Ingrīda Briede zu realisieren.: Ausflüge mit Lesern unserer Kirchenzeitung zu veranstalten, wie sie schön längst von Kirchenzeitungen in anderen Ländern veranstaltet werden. So veranstalten Kirchenzeitungen in Deutschland Reisen zu den Stätten unseres Vaters im Glauben Martin Luther. Weshalb sollten wir das nicht auch tun?
Die Jahreslosung spricht davon, dass Jesus gesagt hat: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“

Vom April an erscheint „Svētdienas Rīts“ einmal im Monat. Inga Reča
Die Verringerung des Haushaltes der ELKL hat sich auch auf das Erscheinen der lettischen Kirchenzeitung „Svētdienes Rīts“ ausgewirkt. Das Kapitel und der Oberkirchenrat der ELKL
Beschlossen in der vergangenen Woche, dass die lettische Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“ ab April nur einmal im Monat erscheinen würde. „Demnach wird der verminderte Zuschuss der Kirche an die Kirchenzeitung bedeuten, dass diese nur einmal im Monat ihre Abonnenten
erreichen können wird. Eingehende Erläuterungen wird es in in der Ausgabe des Monats April geben. Wir bitten alle Abonnenten der Kirchenzeitung um Entschuldigung.!“ Das sagte der Sekretär des Oberkirchenrats Artis Eglītis. Das Erscheinen von SR hängt vom Zuschuss
SR 5-2010 – 2 –

der Kirche ab, denn die Abonnementsgebühren decken nur erin Drittel der Kosten der Kirchenzeitung ab.

Der Oberkirchenrat der ELKL genehmigt Veränderungen in der Arbeit der Dezernate und reduziert den Haushalt.
Am 25. Februar genehmigte der Oberkirchenrat der ELKL den Haushalt 2010. Dabei wurde die Zahl der angestellten Mitarbeiter erheblich und der Haushalt um etwa 45 % reduziert.
Das Kapitel beschloss auf seiner Sitzung am 27. Februar die Reform des Aufbaus der Dezernate Ein Teil von ihnen – die Dezernate für die Geistlichkeit und die Kirchengemeinden – unterstehen künftig der Aufsicht des Bischofskollegiums. Etwa die Hälfte der Dezernate setzt die Arbeit wie bisher fort, aber in einer reduzierten Besetzung.
Die bisherigen Leitlinien für den Haushalt waren in großem Maß geleitet von den Voraussagen im Blick auf den Verkauf von kirchlichen Immobilien und Landbesitz. Dabei dachte man die daraus erworbenen Mittel in einem Investitoinsfonds anzulegen. Weil sich aber die Voraussagen in Bezug auf den Verkauf sehr zu unseren Ungunsten mehrfach verändert haben und die Kirche die erhofften Einnahmen nicht erreichen konnte, hat der Oberkirchenrat in der vergangenen Woche einen wesentlich reduzierten Haushalt für das Jahr 2010 beschlossen und dabei erhebliche strukturelle Änderungen für die weitere Arbeit des Oberkirchenrates eingeführt. Auf Grund dieser Änderungen hat der Oberkirchenrat ein Volumen der Ausgaben für 2010 in Höhe von 610 000 Lats festgesetzt, wovon alle notwendigen Funktionen des Oberkirchenrats und der wichtigsten Dezernate, ein Zuschuss für die Arbeit der Luther Akademie und an die (seltener erscheinende) Kirchenzeitung abgedeckt werden. Gleichzeitig wird die Arbeit mehrerer Dezernate auf ein absolutes Minimum reduziert, die Zahl der bisher 30 angestellen Mitarbeiter um mindestens 50 % gekürzt.
In diesem Augenblick soll das Vergütungssystem für Geistliche wie bisher fortgesetzt werden, das zur Zeit aus Mitteln der Einzahlungen der Kirchengemeinden und Darlehen der Partnerkirchen finanziert wird. Doch künftig wird es bei der jetzigen Finanzsituation kaum möglich sein, die Vergütung im bisherigen Umfang fortzusetzen. Um künftig die Mittel für die Vergütung aufzubringen, werden wir um wesentliche Änderungen nicht herum kommen. Wahrscheinlich werden wir die Kirchengemeinden an der Vergütung ihrer Pfarrer noch stärker beteiligen müssen. Über die alle Pfarrer betreffenden möglichen Lösungen wurde auch auf der Pfarrkonferenz der lettischen Pfarrerschaft am 3. März eingehend diskutiert. In den kommenden Monaten finden Konferenzen in allen Propsteien statt, um die Gemeindeglieder und Synodalen über die entstandene Situation zu informieren.
Der Oberkirchenrat gab auch in der Sitzung am 25. Februar das Datum für die nächste Tagung der Synode bekannt. Sie wird am 3. und 4. Dezember dieses Jahres stattfinden. Bis dahin müssen die Vorschläge der Propsteien für Änderung, die der Synode vorliegen müssen, vorliegen, damit darüber beschlossen werden kann.

Man hofft, in Deutschland für die schöne Braut einen guten Brautwerber zu finden.
Inga Ciša
In der Einigkeitsgemeinde in Jelgava war der Nordelbische lutherische Oberkirchenrat, Pfarrer und Mitglied der Kārlis Irbe Fonds Volker Thiedemann zu Gast.
In seiner Predigt verglich der hohe Gast das Wirken Jesu zu unserem Heil mit der ihm sehr wohl vertrauten Arbeit eines Juristen. „Ich musste als Anwalt viele Angeklagte verteidigen
Manche von ihnen baten das Gericht um Gnade und gaben ihre Schuld zu. Aber das Gericht musste diese Bitte mit der Ablehnung beantworten: Für die Reue ist es jetzt zu spät.
Als Christen werden wir mehrfach versucht. Sind wir eigentlich immer ehrlich? Lügen wir nie, machen wir uns nie etwas vor, brechen wir nie die Ehe? Was können wir vom Jüngsten
SR 5-2010 – 3 –

Gericht für unser Handeln erwarten? Im Hebräerbrief wird Jesus mit einem Anwalt verglichen, der für uns eintritt. Denn in Jesus wurde Gott Mensch. Jesus kannte die Erschöpfung, Kälte, erlebte Hass und Streit, man folterte ihn und ermordete ihn schließlich. Er kennt uns und wegen seines Verdienstes können wir ein Urteil voller Liebe und Gnade empfangen. Jesus hat bereits für uns gelitten, und deshalb werden wir nur von Liebe erwartet. Wir, liebe Schwestern und Brüder, sind zusammen und treten vor Gott, um von ihm Gnade zu empfangen..
Nach dem Gottesdienst gab es ein Treffen von Oberkirchenrat Thiedemann und dem Pfarrer der Gemeinde Ralfs Kokins mit den Gottesdienstbesuchern, die sich die Zeit für ein Gespräch mit dem Gast wünschten. Später betonte er, dass er die Gemeinde als sehr offen, freundlich und entgegenkommend empfunden hätte. Bei einer Tasse Tee mit Gebäck sprach man über die Arbeit der Kreise der Kirchengemeinde. Unser Gast schlug vor, in Deutschland eine Partnergemeinde zu suchen. Diese Anregung fand ein freudiges Echo, ganz besonders deshalb, weil diese Kirche vor dem Zweiten Weltkrieg von einer deutschen Gemeinde genutzt wurde, aber auch, weil das eine gute Möglichkeit wäre, gute Anregungen für die Entfaltung der Gemeindearbeit zu erhalten. In Deutschland gibt es schon viele Gemeinden mit einer Partnerschaftsbeziehung, und jetzt kommt auf Volker Thiedemann nach seinen humorvollen Worten der Auftrag zu, für die schöne Braut einen guten Bräutigam in Deutschland zu finden.
Diese Idee war eine gute Anregung für unsere Kirchengemeinde. So sollten wir Deutsch lernen, und diesen Deutschunterricht wollen wir an keinem anderen Ort als in unserer Gemeinde veranstalten. Diejenigen, welche die deutsche Sprache beherrschen, könnten ihre Kenntnisse an andere weitergeben.

Ein glücklicher Tag in Blīdene Inga Reča
„O happy day!“ – O glücklicher Tag. Mit diesen Worten beginnt eins der bekanntesten Gospels., das auch vom Chor des Jugendzentrums der ELKL gesungen wird, der am 13. Februar in Blīdene musizierte. Das waren keine übertrieben laute Worte, denn dieses war tatsächlich ein glücklicher Tag für über 100 Brüder und Schwestern in Christus, die hergefahren waren, um die Kirchengemeinde Blīdene zu besuchen. Zu dem alljährlichen Treffen im Februar waren trotz des Schneegestöbers und des eisglatten Weges Vertreter aus 12 Kirchengemeinden , 7 Pfarrer und der Bischof der Diözese Pāvils Brūvers angereist.
Mit offenen Herzen und wohl schmeckenden Kuchen.
Solche Tage der Gemeinschaft veranstaltet die Kirchengemeinde bereits seit 2004. Der Initiator dieser Tage war der bereits heimgegangene Leiter der Gemeinde Edgars Vanags. Doch das Gen des offenen Herzens blieb, wie man sehen konnte weiter erhalten. Diese Tradition wird jetzt von seiner Tochter und jetzigen Gemeindeleiterin Sanita Vanaga fortgesetzt mit der Hilfe von Frauen aus der Gemeinde und ihrer Mutter Ritma Vanaga. Die Leute in Blīdene nehmen die Freunde zwei Mal im Jahr bei sich auf – im Herbst zum Erntedankfest in der „grünen Kirche“ an der Ruine der einstigen Kirche, und im Winter im Hause der Kultur. Zuerst war das nur ein Treffen mit den nächsten Nachbarn, aber jetzt haben sich dieser Gemeinschaft viele Kirchengemeinden in Kurland und aus dem Grenzgebiet nach Litauen sowie aus Livland angeschlossen. Auch dieses Mal waren die „alten“ Freunde angereist – aus Vecauce, Ruba, Apriķi, Lipaiķi, der Jesusgemeinde in Riga, aus Remte, der Luthergemeinde in Liepāja, und die „neuen“ Freunde aus den Kirchengemeinden Gramzda, Klostere, Ropaži, Mālpils und Pampāļi.
Auch „Svēdienas Rīts“ gehört zu den „alten“ Freunden, denn es ist sehr schwer, der Gastfreundschaft dieser Kirchengemeinde zu widerstehen, doch die Gemeinschaft im Heiligen Geist, die man bei diesen Treffen körperlich empfinden konnte, kann man nicht entweichen. Auch wen bei diesen Treffen die ;Mahlzeiten gar nicht notwendig gewesen
SR 5-2010 – 4 –

wären, so kommt man nicht umhin, sich bei den fleißigen Hausfrauen – den Schwestern aus der Kirchejngemeinde – zu bedanken, die jedes Mal ein Essen wie bei einer Hochzeit zubereitet haben.. Das ist wirklich kein Scherz, denn der Tisch war für 120 Gäste gedeckt! Auch die Aufstellung von langen Tischen im Haus der Kultur entsprach keineswegs mehr einer bescheidenen Kaffeetafel am Nachmittag.
Die Freunde laden zum Gegenbesuch ein
Im Laufe der Jahre ist es üblich geworden, dass nach dem ernsthafteren Teil im Haus der Kultur sich ein kleines Konzert anschloss (dieses Mal war es der bereits oben erwähnte Gospelchor) mit Schriftlesungen und Ansprachen des Bischofs und der Pfarrer und der darauf folgende Gemeinschaftsabend. Dabei stellten sich die „neuen“ Freunde vor und berichteten aus dem Leben ihrer Gemeinden, was oft auch mit einer Einladung zu einem Kirchenjubiläum verbunden war oder zu einem anderen wichtigen Ereignis. So berichtete der Pfarrer der Kirchengemeinde Vecauce Valdis Bercs von dem bevorstehenden 265 jährigen Jubiläum seiner Kirche, und wie mit der Hilfe von Schwestern aus der Gemeinde viel Not gelindert werden konnte. Weil die Vertreter der St. Petrigemeinde in Klostere in Blīdene zum ersten Mal zu Gaste waren, stellte deren Gemeindeleiter Juris Vītols den anderen die hoch interessante Geschichte seiner Kirchengemeinde vor. Wiederum lud Pfarrer Didzis Skuška alle Anwesenden zum 380 jährigen Jubiläum der Kirche in Lipaiķi am 17. Juli ein. Auch die Gemeindeleiterin der Kirchengemeinde Apriķi Gunta Smiltniece lud alle Anwesenden zur Feier des 370 jährigen Jubiläums ihrer Kirche am dritten Sonntag im Juni ein.
Überraschende junge Talente
Ein besonderes Bonbon an diesem Tage der Gemeinschaft waren die musikalischen Beiträge.
So erfreuten zwei junge Gesangssolistinnen aus der Kirchengemeinde Gramzda Baiba Kadeģe
Salija Tančus und der Tenor Kārlis Klučs mit ihren Darbietungen. Eine Überraschung war auch das Spiel von Oskars Jomans, und der Vortrag von Ruta Pešika auf der Mundharmonika ging vielen so zu Herzen, dass sie weinen mussten.
Als Tradition hat sich das gemeinsame Singen der liebsten Choräle entwickelt. Zu diesem Zweck hat Sanita Vanaga ein besonderes Beiheft angefertigt.
Eine Kirche ohne Gebäude
Eine Schwester bestätigte mir am Esstisch, dass die Leute in Blīdene keine Angst hätten, so viele Leute einzuladen. Ich hätte nur den Mut, eine Gemeinde einzuladen… Ist sich eigentlich jeder Redner bewusst gewesen, dass die Organisation dieser Tage der Gemeinschaft einen hohen Einsatz gefordert hat? „Einen tiefen Dank und hohe Anerkennung an diese Kirchengemeinde, die es versteht, ein so schönes Treffen zu veranstalten. Das ist wirklich eine Kirche, sogar dann, wenn ihr die Kirchenwände fehlen,“ sagten die Schwestern aus der Jesusgemeinde in Riga anerkennend.. Und tatsächlich – wir haben noch nie vernommen, dass eine „große“ Kirchengemeinde in Riga oder in irgend einer anderen Stadt ein solches (großes) Treffen zustande gebracht hätte. Möge das Beispiel von Blīdene vielen anderen Kirchengemeinden zum Vorbild dienen, dass es wirklich und wahrhaftig möglich ist, solche Treffen zu veranstalten, selbst wenn die Gemeinde keine eigene Heimstätte hat! Dazu sagte Pfarrer Krists Kalniņš: „Auch wenn ihr keine Kirche als Gebäude habt, so habt ihr eine Kirche mitten unter den Menschen. Und die Menschen heute merken, dass ihr eine Gemeinschaft seid, die in der wahrhaftigen Liebe zwischen Brüdern und Schwestern lebt.
Ja, wirklich, was nützt ein schönes Kirchengebäude, wenn in ihm die Liebe nicht alles bestimmt…
Die Arbeit schweißt die Kirchengemeinde zusammen.
Es war mir eine besonders große Freude, diese „Exkursion“ zu unternehmen zum vor kurzer Zeit wieder zurück erhaltenen Pfarrhof in Blīdene, wo die Kirchengemeinde wieder ihre Arbeit aufgenommen hat.. Da die Sowjetverwaltung, wie sie das in vielen Pfarrhöfen
SR 5-2010 – 5 –

Lettlands zu tun pflegte, nicht übermäßig ordentliche Bewohner hineingesetzt hatte, kann man sich vorstellen, welche Arbeit es gekostet hat um die während der letzten 60 Jahre zurückgelassenen „Kulturschicht“ zu entrümpeln. Die über Jahrzehnte aufgestapelten Christbäume, die unter dem vorspringenden Dach aufgetürmt waren waren nur eine Kleinigkeit, verglichen mit den Haufen von fortgeworenen Schnapsflaschen der „Einwohner“.Den Frauen der Gemeinde standen sicher die Haare zu Berge, als sie das alles sahen, aber das alles musste noch beseitigt werden. Die mit eigenen Kräften erbaute und gestaltete Kapelle, in der heute bereits Gottesdienste stattfinden. Der neue Pfarrer der Gemeinde Kārlis Rozentāls , der seinen Dienst hier erst vor einem Jahr begonnen hat, sagt anerkennend, dass die gemeinsame Arbeit die Leute enorm zusammengeschweißt hätte. Viele Pfarrer, darunter auch Kārlis, behaupten, dass die Wirtschaftskrise auch manches Gute gebracht hätte: weil kein Geld vorhanden ist, mit dem man die Bauarbeiter hätte bezahlen können, muss man alles mit eigenen Kräften bewältigen. Man braucht kein neues Amerika mehr zu entdecken, sondern man greift zur alten, bewährten Methode: Arbeit schweißt zusammen und vereint. So wurde dieses Mal der Gedanke laut, dass es nicht nur von Segen wäre, in dieser Gemeinschaft zusammen zu kommen, sondern dass man im Sommer ein „Arbeitslager“ veranstalten müsste, in dem alle Freunde mit Hand anlegen könnten, damit die Freunde in Blīdene mit diesem Hause noch eher eine würdige Unterkunft hätten. Die Partnergemeinde in Amerika hat auch ihre Hilfe zugesagt, und weshalb sollten die Letten das nicht auch tun? Pfarrer Kārlis Rozentāls versprach, diesen Vorschlag weiter zu erwägen. Bischof P. Brūvers sagte zum Abschluss: „Christus ist heute unter uns, damit wir unsere Bettelsäcke, unsere bescheidenen Ziele, fortwerfen, und fortschreiten, um die großen Werke anzupacken, zu denen er uns berufen hat.“

Ist es bei unseren Nachbarn besser? Ingrīda Briede
Oft hört man, dass Estland weiter sei als Lettland. Das käme vom zusammengesparten Geld im staatlichen Haushalt, und deshalb wäre dort die Wirtschaftskrise weniger zu spüren, es gäbe berechtigte Hoffnungen zur Einführung des Euro während der nächsten Jahre, die Kultur würde effektiver gefördert, es gibt eine neue Nationalbibliothek und ein neues Kunstmuseum.
Anlässlich meiner Teilnahme am Pastoralkolleg in Tallinn nutzte ich die Gelegenheit und schaute mich dort um, mit der Absicht, festzustellen, ob es unsern Nachbarn wirklich besser geht?
Das alte und das moderne Tallinn
Als wir am Abend in Tallinn eintrafen, fühlten wir uns wie in einem Märchen. Die Türme und Straßen der Altstadt sind beleuchtet und der Schnee unter den Füßen sieht aus wie Speiseeis mit dem Belag von Schokoladenstückchen. Die Esten bekämpfen den Schnee nicht mit Salz sondern mit winzigen Steinchen, die sie hier in Estland zusammengelesen haben, die man nachher im Frühjahr wieder zusammen fegt und in Behältern bis zum nächsten Jahr aufbewahrt. Und Eiszapfen fallen nicht von den Dächern und um Schneehaufen braucht man keinen Bogen zu machen. In der Altstadt von Tallinn ist es recht still, im Zentrum von Riga ist es viel lauter. In der estnischen Hauptstadt sieht man abends fast nur Touristen, die nach einer Weile in einem Restaurant oder in einem Souveniergeschäft verschwinden. Unsere Unterkunft war in einem Hofhaus neben der Heilig Geist Kirche, welche man für eine der ältesten Kirche Tallinns hält. In dieser Kirche verspürt man wirklich den Atem der Antike, den von vielen Füßen abgetretenen Fußboden aus Holz, dänische Fähnchen auf den Holzschnitzreien (die daran erinnern möchten, dass Tallinn von Dänen gegründet worden sei, obwohl Historiker eine andere Meinung haben), viele Bilder auf den Rändern der Emporen mit Szenen aus den Evangelien. Der Pfarrer könnte über sie an jedem Sonntag predigen, und hätte dabei Stoff für mehr als ein Jahr.
SR 5-2010 – 6 –

Obwohl ich es mir vorgenommen hatte, in meiner Freizeit das berühmte Kunstmuseum „KUMU“ und die Nationalbiblothek zu besuchen, habe ich diesen Vorsatz nicht wahr machen können. Mich begeisterten die Buchgeschäfte, besonders die Bildbände und die Regale mit Materialien aus der Völkerkunde. Natürlich fand ich dort ausch im Ausland herausgegebene Alben, aber auch Unmengen von in Estland erschienenen Bildbänden. Ich hatte den Eindruck, dass es von jeder Stadt, jeder Insel, jedem Stück Natur ein Buch gäbe! Dann gab es Stapel von Büchern mit historischen Fotos. Die Völkerkunde scheit hier zum „Stil“ zu gehören. Somit ist Ethnographie nicht etwas Verstaubtes, Historisches, sondern kann den Stil prägen! Ja, die Esten möchten Ethnographie gerne modern und unserer Zeit entsprechend präsentieren. In jedem Jahr wird auch ein Preis für Formgestaltung verliehen, und um den zu erhalten muss man Gegenstände mit einem ethnographischen Hintergrund schaffen. Die Ethnographie wird auch von Herstellern der Gegenwart benutzt. So bietet die Strumpfindustrie volkstümliche Socken Säckchen und Handschuhe an, die als Geschenke gut
zu verwenden sind. Große dicke Bücher mit Fotos und technischen Zeichnungen und vielen anderen Details berichten von den verschiedenen Gewändern des Volkes. Ebenso gibt es in den Sammlungen der Museen Bücher mit Forschungsergebnissen auf vielen Gebieten, historischedn Karten. Ich habe Esten gefragt: Woher kommt es, dass es bei euch so viele schöne Bücher gibt? Sie antworteten: Es sind die Projekte, die Projekte und noch einmal die Projekte.
Doch es gibt auch ein Aber… Die Bücher in Estland sind sehr teuer. Viel teuerer als in Lettland. Deshalb habe ich mich über sie sehr gefreut, viele durchgeblättert und keins nach Lettland mitgenommen. Überhaupt unterscheidet sich das Zedntrum von Tallinn von der Altstadt von Riga durch seine Preise, so dass man den Eindruck hat, dass die Stadtmitte nur für die Touristen gedacht ist, und sich das eigentliche Leben etwas außerhalb der Altstadt abspielt.
Lettische Töne in Tallinn
Plötzlich höre ich in lettischer Sprache: „Ich freue mich sehr, Sie hier zu sehen und mit ihnen lettisch sprechen zu können.“ Der das mit leuchtenden Augen sagte, war kein in Estland lebender Lette, sondern der Pfarrer der deutschen und auch einer estnischen Gemeinde Matthias Burghard. In diesen Tagen ist er der allergrößte Polyglott. Mit den Esten spricht er in einem singenden Estnisch, mit den Deutschen redet er deutsch und mit den Letten lettisch. Eine Station auf dem Lebensweg von Matthias war auch Lettland. Dort hat er zwei Jahre lang die deutschen Gemeinden betreut, danach kehrte er nach Deutschland zurück, und weil danach die Stelle des deutschen Pfarrers in Riga besetzt war, begab er sich nach Estland. Nach seinen eigenen Worten versieht Matthias in Estland vier verschiedene Stellen. Erstens ist er der Pfarrer der deutschen Gemeinde, die eine Gemeinde der Estnischen Evangelisch-lutherischen Kirche ist. Von der Zahl her hat sich die deutsche Gemeinde inzwischen verfünffacht, und deshalb ist inzwischen die Kapelle des Theologischen Institus viel zu eng geworden,. Deshalb finden jetzt die deutschen Gottesdienste im Haus der schwedischen Kirche statt. Seine zweite Stelle ist der Dienst als Hilfspfarrer in einer estnischen Kirchengemeinde – in Nomme, einem Vorort von Tallinn. Die dritte Arbeitsstelle des deutschen Pfarrers ist die eines Lehrers im Englischen Gymnasium, wo er Religion und Philosophie unterrichtet. Viertens begleitet er deutsche Reisegruppen bei ihren Reisen durch das Baltikum, und fünftens korrigiert er die deutschsprachigen Arbeiten von Doktoranden. Im Seminar haben wir gesehen, dass er in Estland am rechten Platz ist, denn Matthias ist gleichzeitig ein deutscher Botschafter in Estland und ein estnischer Botschafter bei den Deutschen. Er ist aujch ein aktives Mitglied der deutschen Gesellschaft, deren Treffpunkt das deutsche Café ist, welches den Eindruck macht, als wäre es aus einer deutschen Kleinstadt hierher geflogen. Doch die Lösung ist ganz einfach: Der Inhaber des Cafés hat die Kunst der
SR 5-2010 – 7 –

Brot- und Kuchenbackens in Deutschland erlernt und danach in Tallinn dieses Café nach deutschem Vorbild mit dem entsprechenden Sortiment eingerichtet.
Doch – weshalb ist Matthias in Estland und nicht in seiner Heimat tätig? Er berichtet, dass er in Deutschland alle Möglichkeiten des Arbeitens und Lebens gehabt hätte, was für ihn und seine Familie eine sichere Existenz bis zu seinem Lebensende bedeutet hätte. Doch der Pfarrer hatte das Empfinden, dass sich bei einer Absicherung dieser Art sein Denken und Empfinden verändert hätte und ihm sein Vertrauen auf Gott abhanden gekommen wäre, dass Er es ist, der den Auftrag erteilt und sich auch um die Existenz dessen kümmert, dem Er den Auftrag erteilt hat. Für ihn wäre es das Wichtigste, dem Willen Gottes gehorsam zu sein, auch wenn die Zukunft oft völlig ungewiss erscheint und man mit wenigen Mitteln auskommen muss. Deshalb hätte er sich nach Estland begeben. Für Matthias ist es wichtig, nicht anders da zu stehen als seine estnischen Amtsbrüder und Gemeindeglieder:, mit dem gleichen Einkommen und vielen Arbeitsstellen. „Ich sehne mich nicht nach Deutschland zurück! Auch wenn ich nicht nie sage! In Estland kann ich viel Neues anfangen!“ Auch hat Matthias Lettland noch nicht vergessen, das ihm noch in sehr guter Erinnerung ist.. Deshalb wagte ich es, ihn zu fragen, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Letten und Ersten er wahrgenommen hat. Der Pfarrer antwortet mir darauf, dass die Esten zurückhaltender seien und man sie am besten durch den Verstand erreichen würde, während die Letten emotionaler und herzlicher wären. Das, was manche Letten dächten, wäre nicht wahr: das sich Esten für bessere Menschen hielten als die Letten. Nein, die Esten lieben ihre Nachbarn und interessieren sich für sie. So haben sich die Esten von Herzen über die olympischen Erfolge der Letten gefreut.
Zwei Kirchen.
In Estland habe ich mehrere Kirchen besichtigt, doch möchte ich ganz besonders zwei erwähnen, die sich sehr voneinander unterschieden. Die erste ist die St. Jakobikirche in Viimsi, unweit von Tallinn. Sie wurde 2007 vollendet und ist so asketisch gestaltet, wie es nur möglich ist. Vom Eingang her betritt der Besucher die Eingangshalle, von der aus man in die Sakristei oder in den großen Gottesdienstraum kommen kann. Hinter dem Altarfenster wiegt sich eine reich mit Tannenzapfen besetzte Tanne im Wind. An den Wänden sehen wir Bilder mit christlicher Thematik. Die Architektur der Kirche macht keinen spezifisch estnischen Eindruck, sondern erinnert eher an in den 60er Jahren erbaute Kirchen in Deutschland. Für diese Kirche wurden viele Jahre lang Spenden gesammelt und der Patron dieser Kirche war der ehemalige estnische Staatspräsident Lennard Meri, der auch in der unmittelbaren Nachbarschaft zur Kirche wohnte. Die Kirche war eigentlich viel größer und breiter geplant, aber es fehlte an Mitteln, und deshalb musste das Vorhaben verkleinert werden.
Als wir an die Alexanderkirche in Narwa heranfuhren, waren wir überzeugt, dass wir gleich ein orthodoxes Gotteshaus betreten würden, denn von außen her erinnerte es an eine orthodoxe Kirche – mit einer gewaltigen Kuppel. Und was für ein Gotteshaus sollte sich uns sonst in dieser Stadt so nah an der russischen Grenze zeigen, in der 80 % der Einwohner nur russisch sprechen? Doch wenn man die Kuppeln der Kirche aufmerksamer betrachtet, dann wird deren Spitze nicht mit einem orthodoxen Kreuz sondern mit dem bei lutherischen Kirchen üblichen Hahn geziert. Somit ist es ein lutherische Gotteshaus. Es wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts als Garnisonskirche erbaut und bildete seit langem das lutherische Zentrum von Narwa. Wenn man den Innenraum der Kirche betritt, nimmt es einem den Atem, und man muss den Kopf schon sehr drehen, wenn der Blick die Decke erreichen soll. Der Raum ist gewaltig groß, und wenn man ihn wieder restaurieren wollte, dann bedürfte es noch einer gewaltigen Menge Geldes. Damit es der Gemeinde gelingt, diese Restaurierung sensibel durchzuführen und damit die dort herrschende schöne und ganz besondere Atmosphäre keinen Schaden nähme, bedarf es vieler Vorbereitungen. Der große Turm der Kirche ist
SR 5-2010 – 8 –

bereits restauriert. Die vielen Etagen der Kirche sind durch einen Lift verbunden. In den ersten beiden Etagen wurde eine kleinere Kapelle für die Gottesdienste erbaut, denn es ist nicht möglich, im Winter die Kirche zu beheizen. Auf den oberen Etagen ist ein Museum der Kirche eingerichtet und ein kleines Café mit dem Blick auf die Stadt. Nicht weit von dort verläuft unten die estnisch-russische Grenze. In der Alexanderkirche finden zur Zeit estnische, finnische und russische Gottesdienste statt, was dieser Stadt entspricht, die eine Einwohnerschaft mit einer so vielfältigen Volkszugehörigkeit hat.
Somit – ist bei unseren Nachbarn besser als bei uns?
Auf diese Frage habe ich keine Antwort gefunden. Doch auf meiner Suche nach Unterschieden habe ich viel mehr Gemeinsames gefunden. Im estnischen Historischen Museum habe ich mir den Film „Die singende Revolution“ angesehen, der über die jüngere Geschichte berichtet und dabei die Tradition der Chor- und Liederfeste ausbreitet und die Bilder des estnischen Fotografen Ingmar Mustikus betrachten lässt. Dabei konnte man einfach nicht übersehen, wie viele Parallelen es in den Traditionen und in der Geschichte unserer Länder gibt. Man sollte eher von einer gemeinsamen Geschichte sprechen – die Liederfeste, die Chortradition, die Volkstrachten, die Freiheitskämpfe, die Republik zwischen den beiden Weltkriegen, die Besatzungen, die Waldbrüder und die von Gesang erfüllte Stimmung. Eigentlich ist es schade, dass wir so wenig über unsere Nachbarn im Norden wissen. Und es hört sich wirklich paradox an: damit das alles geschehen konnte, hat mir die Nordelbische Kirche in Deutschland geholfen, die uns dieses Patoralkolleg geschenkt hat, für das ich herzlich danken möchte. Obwohl mich mein Weg öfter nach Estland führt, so weiß ich ich komme trotzdem wieder!

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Alksnāja iela 3 .- Riga- LV 1050
E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 19.03.2010)
Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Für eine kurze Weile konnte die lettische Kirchenzeitung zwei Mal im Monat erscheinen. Vom April an wird sie das nur angesichts der katastrophalen Finanzlage nur einmal im Monat tun können. Davon berichtet Inga Reča auch in der Spalte der Chefredakteurin.in dieser Ausgabe. So kann es passieren, dass ich mich, wenn ich nicht aus anderen Quellen beliefert werde, mich etwas seltener bei Ihnen zu Worte melden werde, was ja dem Rhythmus eines Greises wie mir durchaus entspricht. Mein Kontakt zu Ihnen , sehr verehrte Leserinnen und geduldige Leser, soll weiter verhalten bleiben. In dieser Ausgabe nimmt ein Bericht von Ingrīda Briede (die auch ein Opfer der Welle der Entlassungen in der ELKL geworden ist, und der ich sehr herzlich für die bisherige Zusammenarbeit danken möchte) über ihre Reise nach Estland anlässlich des dort von der Nordelbischen Kirche veranstalteten Pastoralkollegs
ein, an dem sie teilnehmen konnte. Sie stellt den Bericht unter die Überschrift „Was ist bei unseren nördlichen Nachbarn anders als bei uns“?, ohne auf diese Frage eine Antwort zu finden.
Lassen Sie sich herzlich grüßen von Ihrem Johannes Baumann,

.

.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: