Verfasst von: liefland | April 6, 2010

Ausgabe Nr. 6 (1833 ) vom 20. März 2010

Vergeltet nicht Böses mit Bösem. 1. Petrus 3,9

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.

2. Sonntag vor Ostern – Judika Ausgabe Nr. 6 (1833 ) vom 20. März 2010

Gottes Werk in den Gemeinden Milda Klampe, Evangelistin

Am Samstag, dem 13. März, fand im Gemeindezentrum der Luthergemeinde in Riga eine Versammlung der Propstei Riga statt. In der Andacht zu Beginn betrachtete Propst Linards Rozentāls den 23. Psalm und legte dabei den besonderen Akzent auf Vers 6: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ Unser gemeinsames Treffen ist ein Innehalten im Lauf des Alltages, um auch ein anderes Leben zu betrachten. Erstens laufen wir selbst der Gnade hinterher, und merken nicht dass die Gnade uns hinterher läuft, und wir ihr zu entfliehen versuchen. Gnade können wir nicht dadurch verdienen, dass wir ihr hinterher laufen. Gnade können wir uns nur schenken lassen. Zweitens: wie können wir unsere Gemeinden zu Häusern erbauen, in denen einer auf den anderen zugeht und Beziehungen entstehen, in denen einer den anderen annimmt, und in denen die Menschen zur Umkehr bereit sind? Weisen wir einander den Weg nach Hause, wo wir Christus begegnen.

Die Bibelarbeit von Pfarrer Indulis Paičs hatte das Thema „Möglichkeiten des Interpretation des Verständnisses des Opfers Christi.“ Wenn wir uns fragen, weshalb es so viele so verschiedene Interpretationen gibt, dann wird uns das nicht schaden, wenn wir uns dem Werk Christi voll und ganz anvertrauen.

1. Die älteste Theorie (nach Irenäus, Athanasius und Gregor) – die Idee von Christus als Sieger – ist die, was Gott durch Jesus getan hat. Christus ist gekommen, um die Werke des Teufels zu zerstören. Dadurch schenkt Gott der Welt die Rettung und befreit sie von dem Verderben des Teufels. Auch der Apostel Paulus betont immer wieder, dass Gott der Welt die Rettung geschenkt hat dadurch, dass er sie von den Werken des Teufels befreit hat. (Z.B. im Brief an die Kolosser.)

2. Die Theorie der Erlösung des Leibes (nach Irenäus) Die menschliche Natur hat schwer gelitten, doch wenn Jesus kommt, dann setzt er einen Prozess der Verwandlung in Gang, der mit einem Blutwechsel verglichen werden könnte. Der Unterschied zur ersten Theorie besteht darin, dass unser Blick nach innen gerichtet wird. Gott wird Mensch, und dann heilt es uns. Durch Christus werden wir vollkommen verwandelt. Heute ist diese Heilsidee sehr erweitert

Christus hat die ganze Schöpfung bei sich aufgenommen – auch das Irrende und Böse.

3. Die Theorie der Genugtuung (nach Anselm von Canterbury). Weshalb wurde Gott Mensch? Durch den Sündenfall haben wir Gottes Ehre und Gerechtigkeit verspielt. Dafür gibt es zwei Lösungen – entweder du leistest Genugtuung oder du wirst bestraft. Nur Gottes Sohn konnte durch sein Werk und sein Leiden, dem er sich unterwarf, Gott seine Ehre und Gerechtigkeit wiedergeben, die ihm zukommt. Dieser Theorie der Stellvertretung begegnen wir heute in den USA bei 90 % aller Christen.

4. Während der vergangenen Jahrzehnte war die Theorie der Anteilnahme (zuerst bei Barth und Bultmann) aktuell. Wir sind in Jesus Christus eingefügt. In ihm werden ale Menschen vereint, und wir übernehmen von Jesus dessen Eigenschaften.

In der Aussprache über den Vortrag betonte Pfarrer A. Bite, dass wir beachten sollten, dass die Menschen auf ihre Weise das ausdrücken, was sie selbst erlebt haben. Doch wir möchten gerne verstehen , wie diejenigen es verstanden haben, die es vorher noch nicht begriffen haben. So spricht der Apostel Paulus zum Beispiel vom Christentum deshalb, weil die Menschen es nicht begriffen hatten.

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Einen Bericht über die Situation der Gemeinden in der Propstei gab Propst Linards Rozentāls.der zu Beginn sagte: „Wir können täglich Gottesdienst halten, doch wenn wir einander nicht beistehen, zueinander freundlich sind, dann wird uns unser Glaube auch nicht helfen, denn dann wird er leer sein, weil wir alles haben, außer Gott. Dann ist da auch nicht Christus, wo wir die Kerzen auf dem Altar anstecken, außer dass Menschen sich miteinander um die Einigkeit im Glauben und einander helfen.“ Die Gemeinde ist die Familie Gottes, in der es keinen Unterschied zwischen Mächtigen und Geringen gibt. Oft erscheint es uns, dass alles unmissverständlich sein würde, aber der Glaube an Christus ist etwas Ungewöhnliches. Er lässt uns zu Menschen werden, die sich von dem verabschieden, was in uns gestorben ist, und dem nachfolgen lässt, was in uns neu geboren ist.

Die Propstei Riga hat 24 größere und kleinere Kirchengemeinden. Propst Rozentāls rief jede Gemeinde auf, das zu ergründen, womit sie den Nächsten und der Gesellschaft ganz besonders dienen könnte. Wenn wir das gefunden haben, dann werden wir merken, dass wir das tun sollten, was wir zu tun haben. Das wird uns die Augen öffnen. In dieser Zeit ist es wichtig, „mit den Augen und den Herzen unsere Mitmenschen und ihre Perspektiven zu begleiten.“ Deshalb ist es auch wichtig, für diese Wegbegleitung besomdere Gruppen zu ihrer Hilfe in das Leben zu rufen, die eine Ehescheidung erleben mussten oder die ihre Arbeitsstelle verloren haben oder die einen nahen Menschen durch den Tod verloren haben. Wir können weder den Regen, noch die Wolken oder den Sturm beeinflussen, aber wir können unseren Nächsten mit dem Regenschirm schützen. Dabei ist es wichtig, dass der Regenschirm dicht ist und keine Löcher hat.

Zur Zeit verrichten in den Kirchengemeinden in der Propstei 33 Pfarrer, 2 Pfarrvikare und 9 Evangelisten ihren Dienst, also 44 Geistliche. Das ist eine große Schar. Zur Situation der Gemeinden: nur 54 % der Gemeinden haben ihren Jahresbericht eingereicht, so dass wir im Blick auf die Situation keinen objektiven Überblick haben. Das mag mit dem neuen Verfahren bei dem Einreichen des Jahresberichtes zusammenhängen.

Um einen orientierenden Überblick über die Arbeit der Gemeinden in der Propstei zu erhalten, hat sich der Propst mit den Daten der größeren Kirchengemeinden befasst. Im vergangenen Jahr hat es einen leichten, aber durchaus spürbaren, Rückgang bei der Zahl der Gemeindeglieder (5,5 %=471 Personen) gegeben. Die Zahl der Konfirmanden ist um 23 % gesunken. Einer der Gründe dafür ist, dass sich immer weniger Menschen dafür entscheiden, sich trauen zu lassen. In Krisenzeiten kommen auch weniger Menschen zum Gottesdienst. Daraus schließt der Propst, dass die Krise nicht nur die Finanzen betrifft, sondern das wir deren Probleme bei uns selbst suchen müssen, weshalb bei den Menschen der Eindruck entsteht, dass wir ihnen nicht mehr helfen können. Aber diejenigen, die weiterhin kommen, unterstützen auch jetzt weiterhin ihre Gemeinden wie bisher oder sogar noch mehr, so dass die gemeinsamen Einnahmen nur um 2 % zurückgegangen sind..

L. Rozentāls betont: „Die Hauptsache ist unsere Arbeit in den Gemeinden. Dass unsere Kirche auch in schweren Zeiten durchgehalten hat, können wir nur unseren Gemeinden verdanken. Das, wie wir arbeiten, welches Zeugnis wir über uns selbst abgeben, wie wir es vermögen, die frohe Botschaft von Christus an die Menschen so weiterzugeben, dass sie sie vernehmen und begreifen, das ist entscheidend. Dass die Menschen unsere Gemeinden als ihre geistliche Heimat empfinden, kann nur geschehen, wenn wir ihnen bei ihren Schmerzen,

Bedürfnissen und Nöten zur Seite stehen.“

Mit der finanziellen und wirtschaftlichen Situation der ELKL machte der Leiter der Eigentumskommission R. Ganiņš die Anwesenden vertraut. Er sprach von eingefrorenen Vorhaben und deren Entwicklung, über die gegenwärtige Situation, den Folgerungen und Empfehlungen. Er gab zu, dass schwere Fehler gemacht worden seien und dass es zur Zeit auch keine Alternativen gäbe, die aus dieser Krisensituation herausführen würden. Nach einer

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sehr scharfen und sachkundigen Diskussion beschloss der Propsteikonvent eine Resolution, mit der er zur Situation Stellung nimmt. Sie wurde von einem besonderen Arbeitskreis am 11. März erstellt und allen Pfarrern der ELKL zugesandt.

Familie in Deutschland spendet füe die Dreifaltigkeitskirche in Liepaja.

Kristīne Liepa, Leiterin der Stiftung für die Restaurierung der Dreifaltigkeitskirche

Für die Schilder der Register der resstaurierten Orgel der gibt es bisher nur eine provisorische Lösung aus Papier, aber sehr bald wird das abgelöst werden können durch kleine Tafeln aus Porzellan, welche die Namen und die Numerierung der Register enthalten.

Mit großer Freude können wir mitteilen, dass die Stiftung eine Spende der Familie von Eickstedt in der Höhe von 1400 Euro erhalten hat, die es uns ermöglichen wird, die neue Beschilderung der Orgelregister in der allernächsten Zeit durchzuführen. Die Stiftung ist mit dem Orgelbaumeister Jānis Kalniņš überein gekommen, dass diese Arbeiten bis zum 30. April dieses Jahres durchgeführt werden könnten. Für diese riesige Orgel mussten 158 kleine Schilder aus Porzellan bestellt werden, jedes mit dem Namen und der entsprechenden Nummer des Registers..

Schritt für Schritt gehen die Arbeiten an der Restaurierung der Orgel der Dreifaltigkeits-kathedrale voran. Im vergangenen Jahr konnte bereits das Vorhaben der Restaurierung des Spieltisches und der Barkermaschine durchgeführt werden, die von der vereinigten Stiftung Kurland in Deutschland ermöglicht wurde . Darauf folgte der Einbau einer neuen Stromanlage für das ganze Orgelgehäuse, für das das lettische Denkmalsamt 2500 Lats zur Verfügung gestellt hat.

Damit die Restauraqtionsarbeiten fortgesetzt werden könnten, nicht nur bei der Restauration der Orgel, sondern damit die Erhaltung der ganzen Kirche ermöglicht würde, der der Zusammenbruch droht, durch welchen die Kirche ernsthaft gefährdet ist, ist die Kirche auf die Spende jedes Gliedes unserer Gesellschaft dringend angewiesen.

Jetzt ist mit dem Neubau der sanitären Anlagen in der Kirche und um die Kirche herum und

mit der Stabilisierung des Fundaments der Kirche und mit der Senkung des hohen Grundwasserspiegels begonnen worden

(Zu allem dem eine bescheidene Bemerkung des Übersetzers, der für sich keineswegs den Anspruch erhebt, ein Experte in Angelegenheiten des Kirchen- und Orgelbaues zu sein, sondern sich seines Status als blutiger Laie sehr wohl bewusst ist: Es hat sich nach meiner Kenntnis die Praxis sehr gut bewährt, bei solchen gewaltigen Vorhaben den Orgelbau als allerletztes Element einzusetzen. Anderenfalls würde durch Staub und anderen Schmutz sehr viel Schaden angerichtet, was ausgerechnet in dieser schweren Zeit, in der die Kirche im Blick auf ihre Finanzen um ihr Überleben ringt, zu astronomisch hohen unnötigen Kosten führen dürfte, deren Verursachung durch unrichtige Planung unbedingt vermieden werden sollte. J. B.)

Aufruf, unsere Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“ zu abonnieren. Pfarrer Juris Zariņš

Im Namen der Abonnenten unserer Kirchenzeitung SR wende ich mich an jeden Leser und jede Leserin mit der Bitte, jeweils einen Menschen zu finden, der bereit ist, für den Rest dieses Jahres unsere Kirchenzeitung zu bestellen.

Es wäre für die Leiter unserer Kirchengemeinden und unsere Diakone eine sehr große Freude, wenn man alten und einsamen Menschen in unseren Kirchengemeinden damit eine unerwartete Freude bereiten könnte! Jetzt hat das Kapitel der ELKL beschlossen, dass unsere Kirchenzeitung ab dem 1. April nur einmal im Monat erscheinen und einen Umfang von 16 Seiten haben soll. Es wäre wirklich sehr traurig, wenn wegen Geldmangels das verloren gehen müsste, was viele Menschen getröstet und geistlich gestärkt hat.

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Mit großem Erfolg hat sich unsere Redaktion seit über zwei Jahrzehnten darum gemüht, eine interessante Zeitung zu gestalten. Mir schien es, dass man mit dem Erscheinen von zwei Ausgaben im Monat eine gute und der schweren Situation gerecht werdende Lösung gefunden hat. Das gab den Lesern auch Zeit zum Nachdenken über das stets umfangreiche Material, und wir haben Zeit für die Vorbereitung der nächsten Ausgabe. So hat uns die Krise auch eine gute Möglichkeit geschenkt..

Wegen der Qualität und der guten Ideen unserer Kirchenzeitung rufe ich alle auf, es nicht zuzulassen, dass unsere Kirchenzeitung von unseren Büchertischen verschwindet. Diese Zeitung ist unser Bindeglied und unterscheidet sich wohltuend von allen anderen Presseerzeugnissen.

Deshalb lasst uns dafür sorgen, dass jeder von uns einen weiteren Abonnenten für unsere Kirchenzeitung findet, damit sie möglichst zweimal im Monat erscheinen kann.

.Bittet, so wird euch gegeben! Ligita Ābolniece

Inta Zarkeviča, ist Psychologin, Magisterin der Psychologie, Mitglied des Kirchen- gemeinderates der St. Michaelisgemeinde in Jēkabpils, Koordinatoein der diakonischen Arbeit in der Propstei Sēlpils, eine hoch begabte starke Frau, von der auch viel erwartet wird.

– Dein Weg zu Gott begann bereits in den Jahren der Sowjetherrschaft. Dabei ist es interessant, dass sich deine Mutter deiner Zuwendung zur Kirche angeschlossen hatte. Erzähl mir doch bitte darüber etwas!

– Als ich in die 10. Klasse ging, wurde dort eine Diskussion über die Religion veranstaltet. Dabei begriff ich, dass die dort ausgesprochenen Erkenntnisse mich nicht überzeugen konnten. Zu Hause aprachen weder meine Eltern noch meine Großeltern von Gott. Nur ab und an sagten sie, dass alles Gute, was in dir steckt, von Gott, und das Böse vom Teufel sei. Eines Tages sagte ich meinen Eltern, dass ich mich taufen lassen möchte. Das machte meiner Mutter Angst, denn sie war von Beruf Lehrerin. Trotzdem kam sie mit Pfarrer Arturs Kamiskis überein, und der hat mich getauft. Das geschah 1985. Danach studierte ich ein Jahr in Jelgava. Ganz romantisch kam es mir vor, „heimlich, still und leise“ zur Kirche zu gehen. Nach einem Weihnachtsgottesdienst in einer der lutherischen Kirchen von Jelgava, nahm ich mir vor, mich im kommen den Sommer konfirmieren zu lassen. Im Jahr 1988 waren wir in der Konfirmandengruppe 12 junge Menschen, was für die damalige Zeit sehr viele waren. Meine Mutter wandte sich der Kirche immer mehr zu und fragte sich zuerst verwundert, was ich da wohl entdeckt haben mochte. Und allmählich wurde es ihr immer deutlicher, was in der Kirche für viele Menschen so „anziehend“ ist. Als mein Vater starb, ließ sie sich auch selbst „anziehen“ und leitete viele Jahre die Sonntagsschule.

– Bereits seit 10 Jahren berätst du im Gemeindehaus Menschen, zuerst als Krisen-beraterin und später als Psychologin. Welche Erfahrungen hast Du dabei gemacht?

– Meine erste Erfahrung war das Fallen der Hemmschwelle. Vor zehn Jahren hatte ich noch mehr Illusionen über die Einflussmöglichkeiten dieses Berufes und damit mehr Angst vor der Verantwortung.. Ich hatte das Empfinden, dass das, was ich als Psychologin zu sagen hatte, etwas ganz Besonderes und von ungeheuerer Bedeutung sei

Zweitens habe ich gelernt, den Menschen das Vermögen zurückzugeben, ihr eigenes Leben selbst zu beherrschen, und dabei nicht die Verantwortung dafür zu übernehmen, was sie selbst tun. Wenn wir in einem Gleichnis reden , so habe ich begriffen, dass ich, wenn ich als Psychologin mit der Zeit gehe, und mich dabei selbst wie in einem Spiegel betrachte. Ich gehe heran und entdecke dabei zum Beispiel meine Frisur.. Weiter ist es meine Entscheidung, was ich weiter mit meinen Haaren mache., wie ich sie kämme, ob ich mir den Kopf wasche.. Das einzige, wovon ich in diesem Augenblick überzeugt sein könnte, ist, dass derjenige, der zu mir gekommen ist, es mir, wenn er mich verlässt, nicht sagen wird, ob er das gemerkt hat. Am

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meisten habe ich mit mir selbst zu tun, um den Spiegel sauber zu halten, damit er kein schiefes Bild wiedergibt.

Drittens habe ich begriffen, dass der Psychologenberuf ein Privileg ist. Ich brauche mich nicht um die Zeit meines Alterns zu sorgen, über meine Rente, die immer älter werdende Gesellschaft, dass ich körperlich etwas nicht mehr schaffen könnte. Je älter ich werde, umso größer wird meine Arbeits- und Lebenserfahrung, und umso wertvoller werde ich.

– Vielleicht bist du deshalb ein Mensch geworden, der mehrere Berufsaubildungen durchlaufen hat. Welche?

– Das Lernen und die Ausbildung mag ich sehr und das gelingt mir auch gut. Ich meine, dass man als Psychologe ein ganzes Leben lang lernen muss. 2001 beendete ich mein Studium an der Pädagogischen Hochschule.mit dem Grad eines Bachelors in Psychologie und der Qualifikation als Familien- und Schulpsychologin. Im Herbst des gleichen Jahres erwarb ich in St. Petersburg die Qualifikation als Erwachsenenpsychologin. Dann habe ich mit meinem Studium der Familienpsychotherapie begonnen, das sich jetzt seinem Ende nähert. Ich habe auch noch andere Ausbildungen durchgemacht, wie zum Beispiel das Anwenden der milden bioenergetischen Methode, ich bin ausgebildet worden für das Zertifikat für die Arbeit mit gewaltgeschädigten Kindern, in der Märchentherapie, wofür ich 2005 den Magistergrad in Psychologie erhielt. Jetzt bereite ich mich auf meine Promotion vor. Dabei wird mein Forschungsgebiet die Arbeit mit Migranten sein, die aus Lettland ausreisen. Mich interessiert die Frage, was geschehen muss, dass Menschen zornig und verletzt fortreisen mit dem Vorsatz, nie wieder in die Heimat zurückzukehren?!

Mein ganzes Studium ist schwerpunktmäßig auf die Familienpsychologie gerichtet.. Je kleiner ein Kind ist, umso weniger kann ich als Psychologin es beeinflussen, wenn es wieder in das gleiche Umfeld zurückkehrt, aus dem es kommt. Deshalb ist die Arbeit mit der ganzen Familie viel effektiver.

– Sind die Menschen in dieser wirtschaftlich so instabilen Zeit mehr auf der Suche nach psychologischer Hilfe?

– Zur Zeit habe ich weniger Klienten. Den Menschen fehlt das Geld. Die leiblichen Bedürfnisse sind übermächtig. Einige Beratungen an Gemeindeglieder mache ich kostenlos., doch sonst ist die Beratung nur gegen Bezahlung- Es kostet mich Zeit und Kraft. Manches Mal frage ich mich, ob für mich die Psychologie Beruf oder Hobby ist. Mit dem, was ich dabei verdiene, kann ich gerade so eben meine Ausgaben decken.

Wenn während des Sowjetjahre mein Weg zu Gott begann, dann versuche ich in dieser Zeit der Krisen, diesen Weg mit Gott zusammen zu gehen, Wenn es auch bisher noch keine Tragödien bei mir gegeben hat, so ist es doch nicht einfach, dem Druck von aßen her stand zu halten, der durch die Fülle von negativen Informationen entsteht. Ich kann nicht sagen, dass ich immer die Spuren des Einen im Sand sehe, der mich auf seinen Händen trägt, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie Menschen ohne Gott diese Zeit überleben können.

– Hast du vielleicht nicht typische Kennzeichen bemerkt, die sich bei Menschen oft wiederholen?

– Ja, Menschen vertrauen ihre Sorgen Gott an, doch plötzlich greifen sie wieder nach ihnen. Dazu ein Beispiel. Eine Frau ließ ihr Haus reparieren. Sie war gläubig und vertraute Gott.. Sie fand Handwerker, die die Arbeiten für einen erschwinglichen Presi machen wollten. Aber dann sagte die Frau: „Aber ich habe dennoch den Eindruck, dass sie die Bretter nicht richtig zugeschnitten und zu viele Nägel eingeschlagen haben..“ Darauf sagte ich ihr: „Wenn du dich auf Gott verlässt und er dir geholfen hat, diese Handwerker zu finden, weshalb denkst du dann, dass Gott nicht in der Lage sei, besser als du die Nägel zu zählen?“ Oft verhalten wir uns so in unserem Leben. Wir überlassen Gott den Bau unseres Hauses, aber die Nägel möchten wir gerne selbst zählen.

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Ich habe bemerkt, dass wir uns als Volk zu gering einschätzen. Wir glauben, dass mit uns etwas nicht stimmt, und dass wir unbedingt beweisen müssen, wie gut wir sind. Denken wir an den Skandal mit dem Meteoriten. Man kann wirklich nicht sagen, dass das ein guter Scherz gewesen ist, aber das Fernsehen zeigt oft noch viel stumpfsinnigere Werbung. Ich begreife nicht, weshalb sich jemand vor aller Welt zum Narren machen muss. Damit alle Welt zum Ort des angeblichen Geschehens anreisen sollte in der Begleitung von Wissenschaftlern und der Polizei? Das war ihre Pflicht. Und wenn es wirklich ein Meteorit gewesen wäre? Diese so ungewöhnliche Werbung hat die Menschen etwas von der Krise abgelenkt und ihre Aufmerksamkeit auf globale Dinge gerichtet und nicht darauf, was sich täglich ständig wiederholt – dass eine Bank wieder Konkurs angemeldet hat. Wir wurden daran erinnert, dass es Sterne und Meteoriten gibt, die weiterhin fallen…

– In einem Interview hast du vor mehreren Jahren gesagt, dass „Gott der beste Psychologe sei.“ Macht es einen Unterschied, Menschen zu beraten, die an Gott glauben, oder Menschen, die noch auf dem Wege sind und nicht glauben?

– Wenn wir bedenken, dass die Stätte meiner Beratungen (das diakonische Zentrum der Kirchengemeinde) wohl kaum von völlig ungläubigen Menschen aufgesucht werden dürfte, möchte ich bemerken, dass es bei mir auch noch Grenzen gibt, welche durch meinen Beruf bedingt sind. Weder eine Psychologin, noch eine Psychotherapeutin beschäftigt sich so mit geistlichen Fragen wie es ein Pfarrer tut. Auf direkte Weise versuche ich nicht, jemanden Gott zuzuwenden. Wenn ich es aber mit Fragen der Vergebung und tiefer Beschuldigungen zu tun kriege, dann kann ich mit andeutenden Fragen auch über die Beziehung des Klienten zu Gott ihm helfen. Mir ist es gewiss nicht gleichgültig, ob mein Gesprächspartner an Gott glaubt oder nicht. Ich kann für ihn beten, auch wenn es nicht unser Beratungsgespräch unmittelbar betrifft. Wenn mein Gesprächspartner gläubig ist, dann empfehle ich ihm, Hilfe im Gebet zu suchen. Dann weiß ich, dass er nicht einsam und allein bleibt.

Es ist mir aufgefallen, dass es Christen oft schwerer fällt zu vergeben als anderen Denn Christen leben oft mit der irrigen Ansicht, dass uns Gott mit dem Empfinden dafür beschenkt hat, was verboten ist, und was nicht. Zum Beispiel der Zorn. Gott hat den Menschen ihm zum Bilde und Gleichnis geschaffen, das heißt, dass Gott derselbe bleibt gestern und heute und in alle Ewigkeit. Wenn wir das Alte Testament aufschlagen, dann können wir dort sehr viel über den zornigen Gott lesen. Eine ganz andere Frage ist dem Menschen nicht klar – dass man nicht unbedingt mit dem Zorn leben muss. Wenn jemand es sich selbst verbietet, zornig zu sein, dann treibt er seinen Zorn sehr tief in sich hinein. Manches Mal kann Gott uns nicht finden, wenn wir uns selbst getäuscht haben. Er kann uns nur dort finden, wo wir sind, und nicht dort, wo wir nicht sind. Wenn ich sage: Ich bin ohne Zorn, dann sagt Gott: Das stimmt nicht. Du bist auch dort, wo dich der kleine Ärger umtreibt und dir das weh tut.

– Du hast auch sicher manches persönlich erlebt, von dem ich gerne etwas erfahren möchte.

– Als Christ habe ich schon manches erlebt. Ich musste Menschen vergeben, und anscheinend hatte ich auch vergeben. Es vergingen 18 Jahre. Und dann las ich in einer Zeitung die Anzeige, dass dieser Mensch gestorben war. Bei mir kam darüber ein Gefühl von Freude auf. Wenn ich daran zurückdenke, so war das bei mir eine völlig unnormale Reaktion., denn ich pflege auf eine Todesanzeige. eines fremden Menschen nie so zu reagieren. Da begriff ich, dass ich mich selbst getäuscht hatte . Ich habe jenen Menschen entschuldigt, indem ich Tausende von Gründen für sein Verhalten gefunden habe, abedr ich habe nicht dem freien Menschen vergeben, der so nicht zu handeln brauchte, aber dennoch so gehandelt hat.. Dabei half mir die Therapie, die mir meine Verletzungen wieder in die Erinnerung rief, die mir

seelisch und leiblich weh taten, ich darauf meinem Zorn freien Lauf lassen und schließlich vergeben und mich mit dem anderen versöhnen konnte.

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Ich bin zur Beichte gegangen. Ich war zornig. Ich berichtete meinem Beichtvater von meinem Problem. Wir beteten zusammen, und dann bat ich ihn, dass er mit Gott darüber weiter sprechen möchte. Interessant war es aber, dass , nachdem ich die Stadt kaum verlassen hatte, in der das alles geschehen war, das Telefon bei mir läutete, und dieser Mensch wieder versuchte, mir weh zu tun. Aber das berührte mich nicht mehr. Gott hatte das alles bewirkt.

– Bereits seit zwei Jahren koordinierst du die diakonische Arbeit in der Propstei Sēlpils

Was kannst du über die diakonische Arbeit während dieser Zeit sagen?

– In dieser Propstei gibt es 30 Kirchengemeinden, Es wäre sicher sinnvoll, diese große Propstei in mehrere kleinere aufzuteilen. Wir veranstalten zeitweise diakonische Seminare und Fortbildungskurse für die diakonischen Leiter in den Gemeinden. Das passiert alle zwei Monate und diese Veranstaltungen dauern jeweils einen ganzen Tag. Immer schicke ich an alle 39 Kirchengemeinden Briefe, auch an diejenigen, die sich bisher noch nie gemeldet hatten. Das geschieht mit der Absicht, diejenigen zu informieren, die immer teilgenommen haben, ganz gleich, wann und wo das Seminar stattfand, und diejenigen, die bisher noch nicht reagiert haben. Ich habe mich für die Form des Briefes entschieden, denn die telefonische Benachrichtigung hat sich als eine sehr unsichere Sache erwiesen.

Ich habe für die Zukunft die Perspektive, dass es für die Gemeindediakonie wichtig wäre, ihre ursprüngliche Bedeutung zurückzugewinnen. Schon seit der Zeit Martin Luthers war die Diakonie einer der drei Pfeiler, auf die sich die Gemeinde stützen konnte. Das sind: der Gottesdienst, die Verkündigung und der Dienst der Nächstenliebe. Die Diakonie ist für die Identität der Kirche ein durch nichts anderes zu ersetzender Bestandteil. Diakon zu sein, steht unter dem ganz besonderen Segen Gottes. Es ist eine ganz besondere Berufung diesen Pflichten nachzukommen. Ich möchte wünschen, dass dieses mein Empfinden über die Stellung der Diakonie in der Gemeinde an jedem diakonischen Mitarbeiter und an allen Gemeinden „kleben“ bleibt.

– Im Gemeindehaus befindet sich auch das gut eingerichtete Arbeitszimmer der Psychologin, und du hast bereits mehrere Vorhaben entworfen, um Spenden für die diakonische Arbeit flüssig zu machen.

– Dieses Arbeitszimmer habe ich mit meinen persönlichen Geldmitteln renovieren lassen. Als ich damit begann, war das die trostloseste beschädigte Ecke des ganzen Hauses. Damals hatte ich den Gedanken: Wenn ich das hier renovieren kann, einschließlich der Tragebalken, dann sollte es doch eine Möglichkeit geben, Mittel für den Bau eines Diakoniezentrums in der ersten Etage aufzutreiben. Aber leider gehen große Vorhaben, die mit umfangreichen Renovierungsarbeiten verbunden sind, nur sehr langsam voran, denn dazu bedarf es vieler Finanzmittel, die wir zur Zeit nicht haben. Doch die Vorhaben werden entworfen, aber die Mittel werdedn vor allem für die diakonische Arbeit in der Propstei genutzt. Dazu gehört auch die Veranstaltung von Sommerlagern, Freizeiten für einsame Mütter, sozial gefährdete Familien, Opfern von Gewalt usw. Die Lager können gute Erfolge vorweisen, denn danach hatten viele Kinder den Weg zu Gott gefunden.

– Vom Rande betrachtet könnte es vorkommen, als seiest du jemand, der keine Probleme hätte: eine einträchtige Familie, einen interessanten Beruf, ein Haus und eine Gemeinde. Doch dir sind auch zwei Kinder mit besonderen Bedürfnissen anvertraut. Woher nimmst du die Kraft, mit diesen Problemen fertig zu werden ?

– Bei allen Problemen kann mir letztlich nur Gott helfen. Bei meinem Weg zusammen mit ihm und auch bei meinem Beruf habe ich es gelernt, dass der Weg eines jeden mit Gott etwas Enzigartiges ist. Jeden Menschen hat er einzigartig geschaffen, ein jede hat seine eigene Bestimmung.die Gott für ihn eingerichtet hat, und wo Gott ihn „abfängt“.

Das kann ich ganz besonders von meiner jüngsten Tochter Anna sagen, durch die uns Gott ganz besonders nahe gekommen ist. Ich hatte eigentlich nicht mehr vorgehabt, ein weiteres

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Kind zu bekommen. Als es sich aber anmeldete, hielt ich das für ein Wunder Gottes. Aber Gott und Anna hatten ganz besondere Pläne. Mein Arzt ließ es mich wissen, dass das Kind nicht sehen und gehen und möglicherweise auch nicht reden können werde. Ich haderte mit Gott. Ich hatte da nicht mehr viele Möglichkeiten. Ich bat die Luthergemeinde im Rigaer Stadtteil Torņakalns um ihre Fürbitte.und sogar in der Kirche sowie in der Klinik betete ich das Glaubensbekenntnis. Damals begriff ich, dass das Glaubensbekenntnis auch ein Gebet ist. Bis dahin hatte ich es nur als eine Formalität angesehen. In der Klinik begriff ich, dass es außer dem dreieinigen Gott – dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist – keinen anderen Gott gibt, der mir helfen und in den Gang der Dinge eingreifen kann. Es war wieder an einem Tage, an dem ich zur Kirche ging. Als ich durch die Tür in die Kirche hineinging, wurde gerade die Lesung vorgetragen: „Bittet, so wird euch gegeben, klopfet an, so wird euch aufgetan, suchet, so werdet ihr finden.“ Ich begriff, dass das mir galt und ich glaubte daran! Auch heute glaube ich noch daran, dass mit Anna alles gut gehen wird. Wann das geschehen wird, das liegt in Gottes Hand.

– Ist es nicht so, dass Gott Kinder mit besonderen Bedürfnissen besonders starken Eltern schenkt, die nicht unter der Last der Sorge um dieses Kind zerbrechen?

– Ja und Nein. Eigentlich bedeutet meine Kraft gar nichts. Gerade das hat mich dieses Kind gelehrt – verlass dich nicht auf deine eigene Kraft. Es ist nicht meine Kraft, die irgend etwas verändern kann. Offensichtlich brauchte ich noch dieses zweite Kind mit seinen besonderen Bedürfnissen, um endlich zu begreifen, dass mein eigenes Handeln gar nichts bewirkt. Ich muss es zulassen, dass Er handelt! Ja, ich bin davon fest überzeugt, dass alles gut ausgehen wird. Natürlich weiß ich nicht, was Gott unter gut versteht. Ich bin davon überzeugt, dass Er weiß, was ich darunter verstehe. Und wenn Er das verheißen hat, dann wird es auch geschehen.

Es ist nicht leicht. Ich muss im Glauben sehr stark sein. Für Annas Gesundheit brauche ich viel Geld. Sied ist auf die Hilfe einer Masseurin, einer Physiotherapeutin und einer Logopädin angewisen. Ich möchte ihr gerne eine psychophysiologische Behandlung und eine Pferdetherapie ermöglichen. Notwendig wäre auch die Prozedur der Stabilisierung der Tätigkeit des Gehirns, die sehr kostspielig ist. Sie hat eine schwere Operation hinter sich. Mit allen diesen Krankheiten kämpfen wir wie mit einem Drachen mit neun Köpfen: sobald man einen abgehauen hat,, wächst ein anderer nach. Dennoch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass Anna gehen können wird!

– Jeder Mensch hat einen Schutzengel. In einer extremen Lebenslage hast du ihn gesehen. Erzähle etwas darüber.

– Ja. Ich habe ihn gesehen. Vor zwei Jahren bemerkte ich, weil die Warnlichter nicht funktionierten, nach einem anstrengenden Arbeitstag nicht einen herankommenden Zug. Früher fragte ich mich, weshalb jemand in einer solchen Situation nicht aus dem Auto springen würde, aber hier habe ich begriffen, dass es gar nicht möglich ist. Ich hatte das Gefühl, dass das Auto nur eine dünne Hülle aus Metall sei, wenn man es mit dem Zug verglich. Ich war angeschnallt, und seit dem achte ich immer sehr genau darauf, dass sich alle anschnallen. Als das Auto durch die Luft flog, zog mir mein Leben nicht in Gedanken vorbei, sondern das waren Augenblicke, die mir sehr lang vorkamen…. Der einzige Gedanke, den ich hatte, war: So ist es! In diesem Moment erblickte ich hinter mir die goldene Gestalt eines Engels. Das Auto wurde gegen den Schrank einer Elektroanlage geschleudert, drehte sich und landete in einem tiefen Graben auf den Rädern – und ich hatte keine einzige Schramme! Deshalb möchte ich glauben, dass es mein Schutzengel war. Wenn Gott mir seinen Engel gesandt hat, dann hat er mit mir auch einen Plan.

– Was hilft dir in schweren Augenblicken, und was möchtest du den Lesern unserer Kirchenzeitung wünschen?

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– Das Gebet. Wenn ich bete, dann stärkt mich das. Ganz besonders empfinde ich das bei dem Sprechen des Glaubensbekenntnisses und des Gebetes von Thomas von Aquin. In Augenblicken großer Verzweiflung hilft mir das Wort Jesu: „Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich, wie die Welt gibt.“ Auch allen anderen wünsche ich den Frieden, den uns Gott schenkt.

Kirchenzeitung „Eesti Kirik“ wieder 20 Jahre alt. Inga Reča

Am 4. März gedachte die estnische lutherische Kirchenzeitung „Eesti Kirik“ ihres Wiedererscheinens vor 20 Jahren. Der Dankgottesdienst fand in der Domkirche zu Tallinn statt. Darauf folgte eine Feier im Konsistorium der estnischen evangelisch-lutherischen Kirche. Weil sich die Wege unserer Kirchen im Laufe der Jahre mehrfach gekreuzt hatten, war auch die Chefredakteurin von SR von ihren estnischen Kollegen zur Feier dieses ganz besonderen Anlasses eingeladen.

Eestii Kirik – eine Kanzel, welche die Freudenbotschaft verkündigt,

Das ursprüngliche Erscheinen der Kirchenzeitung unseres Nachbarlandes ist ebenso wie bei „Svētdienas Rīts“ auf das Jahr 1920 zurückzuführen, dem Jahr des Entstehens der freien Republik Lettland. Die erste Ausgabe von „Eesti Kirik“ erschien 1923. Und ebenso wie bei SR folgte seit dem Beginn der Sowjetzeit eine Unterbrechung von vielen Jahrzehnten. Die erste Ausgabe von „Eesti Kirik“ erschien am 4. März 1990..

Desn Festgottesdienst hielt Erzbischof Andres Pöder gemeinsam mit Joel Luhamet und Tiit Salumae und mehreren anderen Pfarrern. Auch die Chefredakteurin Sirje Semme nahm an der Prozession teil, die auch die Schriftlesung vortrug..

Propst Joel Luhamet, der selbst von 1990 bis 1992 Chefredakteur der estnischen Kirchenzeitung war, stellte in seiner Ansprache die Frage: Was sagt ihr, was die Kirchenzeitung „Eesti Kirik“ sei. Dabei nahm er Bezug auf Lukas 9, wo Jesus seinen Jünger eine ähnliche Frage in Bezug auf seine Person stellte. Wie eine Antwort auf die heutige Frage nach der Zeitung erklang der Satz: Ich glaube, dass du eine Dienerin Christi bist..

Die Zeitung kann sich nach ihrer Ausstattung und ihrem Umfang nicht mit den großen Tageszeitungen messen. Dennoch war sie die erste, welche die Tür zu Gott öffnete. Ebenso wie vor 20 Jahren ist sie etwas wie eine hohe Kanzel, von der aus unermüdlich einer großen Leserschaft die Freudenbotschaft verkündigt wird. Das sagt die Journalistin Lina Raudvassare über die Feier des Bestehens der Kirchenzeitung.

Die Kirchenzeitung wird durch die Krise nicht schwer betroffen.

Ich danke meinen estnischen Kollegen, dass sie mich nicht ohne „mein Ohr“ allein gelassen haben (es gab wenigstens eine Übersetzung in das Englische!) Mari Pearnurma war meine Begleiterin und konnte mir auch berichten, wie es „Eesti Kirik“ heute geht. Zur Zeit erscheint die Kirchenzeitung in Farbdruck an jedem Mittwoch im Umfang von 8 Seiten. An der Zeitschrift arbeiten die Chefredakteurin Sirje Semma, 5 Redakteure und ein Reporter in Tallinn (die Redaktion der estnischen Kirchenzeitung befindet sich in Tartu, wo das Konsistorium für den Bedarf der Redaktion in einem Hause eine halbe Etage gekauft hat.).. Natürlich gehören dort zu den Mitarbeitern auch ein Modellierer und ein Korrektor. Von der Seite der Kirche wird die Kirchenzeitung von einem theologischen Berater beaufsichtigt. Von großer Bedeutung ist Juri Ehasal für die Zeitung, der den Posten eines Finanzberaters bekleidet Seine Hauptaufgabe ist die Geldbeschaffung für Eesti Kirik. In dieser Hinsicht sind unsere estnischen Brüder und Schwestern in einer sehr guten Situation.. Ihr Haushalt wird aus fünf Quellen gespeist: Staatliche Zuschüsse, ein Zuschuss des Konsistoriums, und eine Beihilfe des Martin Luther Bundes in Deutschland. Die Esten verstanden es, ein Abkommen zwischen dem Staat und der Kirche zu erreichen, mit dem Ergebnis, dass die kirchliche Presse ebenso wie kulturelle Einrichtungen erhebliche Zuschüsse erhalten. Auch wenn die estnischen

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Kollegen sagten, dass auch sie die finanzielle Krise verspürten, kann man das nicht entfernt mit den dramatischen Verlusten vergleichen, die „Svētdienas Rīts“ zur Zeit erleiden muss.

Man wird sich des Wertes einer Kirchenzeitung erst bewusst, wenn man sie verloren hat.

Werfen wir einen Blick auf einen Beitrag einer estnischen Journalistin, die schrieb: „Bei dem Empfang im Konsistorium gab es viele gute Wünsche und Worte der Anerkennung.von Freunden aus Estland und dem Ausland. Die Chefredakteurin der größten finnischen Kirchenzeitung Mari Teinila verglich die Arbeit des Journalisten mit der Arbeit des alten Mannes im Roman von Vivi Luige „Der siebente Friedensfrühling“ Dieser alte Mann, der in seinem Leben bereits viel durchmachen musste, trug mit sich stets eine mit Apfelkernen gefüllte Streichholzschachtel.. Die Chefredakteurin sagte, dass die Berufung eines Journalisten mit der dieses alten Mannes zu vergleichen wäre: Aus jedem dieser kleinen Kerne erwächst ein großer Baum, von dem wir hoffen, dass er gute Früchte trägt.

Von unserer Seite wünschen wir unseren estnischen Brüdern und Schwestern, dass sie es nie zu erleben brauchten, dass ihnen das klare Wasser ausgeht!

(Herzlichen Dank an Pfarrer Mārtiņš Samms für seine Hilfe bei dem Zustandekommen dieses Beitrages.)

Ein kleiner Ort von einer großen Bedeutung. Ikšķile zum 825. Inga Reča.

Am 6. März fand in Ikšķile eine bedeutende Konferenz statt, die sich mit der Geschichte eines unserer ältesten Gebiete in Lettland befasste – mit dem 825 jährigen Bestehen von Ikšķile. Eine der Veranstalterinnen dieser Konferenz war die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands. Jeder der sieben Referenten – Theologen und Historiker – entdeckte einen interessanten Aspekt bei der Erforschung der Geschichte dieses Ortes.im Zusammenhang mit Livland, dem Baltikum, Westeuropas und sogar des Mittleren Ostens und Byzanz. Die Anwesenden erwähnten immer wieder die Heimatforscherin Vaida Villeruša (1930-2009) die gerade dann 80 Jahre alt geworden wäre. Ihr Buch „Gājums“ (der Gang) wird bis zum heutigen Tage als das wichtigste Werk zur Erforschung dieses Gebietes betrachtet, welches jetzt einem größeren Leserkreis zugänglich ist.

Bethlehem und Ikšķile.

Erzbischof J. Vanags verglich Ikšķile mit Bethlehem. Der Ruhm dieser beiden Städte übertrifft bei weitem ihre Größe. „Im Blick auf dieses Gebiet kann man Ikšķile bei weitem nicht zu den größten bewohnten Orten Lettlands rechnen, doch es ist ein Ort von großer Bedeutung für das Entstehen der Identität des lettischen Volkes, welche sich aus der Folklore und der christlichen Tradition heraus entwickelt hat..“

Ikšķile wurde einst von den Liven an der Düna bewohnt, und der Name dieses Ortes geht aus den livischen Worten „uks kula“ (ein Dorf) hervor.

Natürlich spielt bei der Geschichte dieses Ortes auch der Name des Bischofs Meinhard eine bedeutende Rolle, denn mit seinem Eintreffen hier am Unterlauf der Düna wurde dieser Ort zum Ausgangspung für das Sich Ausbreiten des Christentums in Lettland und im ganzen Baltikum.

Nicht nur in der weit zurück liegenden Vergangenheit sondern auch heute leben in Ikšķile Menschen von großer Bedeutung für unser Land. Der Professor an der Universität Daugavpils Kaspars Kļaviņš nannte Ikšķile scherzhaft „die kleine lettische Landeshauptstadt, in der Mildronat lebt.“ (Bei Mildronat dachte er an ein Medikament, das Ivars Kalviņš, ein Glied der hiesigen lutherischen Kirchengemeinde, erfunden hatte)

Ein Punkt der Berührungen und der Zusammenstöße.

Der Direktor des historischen Instituts der Universität Lettlands Dr. hist. Guntis Zemītis berichtete über den Ort Ikšķile und seine Rolle im Baltikum aus der Sicht des Geschehens im 12.-13. Jahrhundert. Und bezog sich dabei auf die Beiträge von Professor Graudonis.

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Während der Sowjetzeit war das Interesse an archeologischen Forschungen recht negativ, wie man das vielen Beiträgen aus der Sowjetpresse entnehmen kann. „Von den Burgbergen der Vorfahren wirst du nicht viel zu sehen bekommen.“ Professor Graudonis versuchte dagegen anzugehen, in dem er zum Beispiel mit den Einwohnern am Ort „Feste zum Abschluss archeologischer Arbeiten“ veranstaltete. Solch ein Fest gab es in Ikšķile 1975.

„ Die archeologische Erforschung des Ortes, der Burg aus Stein, des Friedhofs und der Kirche

gaben Zeugnis von den ältesten Gebäuden aus Stein in Lettland.. Traditionell wird Ikšķile mit zwei Weltanschauungen in Verbindung gebracht – dem Zusammenstoß zwischen dem Heidentum und dem Christentum .in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Doch der Umfang der Probleme war größer. Ikšķile und dessen Umgebung waren auch eine Zone der Fühlungnahme zwischen Völkern – zwischen den Balten und Skandinaviern. In Ikšķile und Umgebung stießen nicht nur das Heidentum und das Christentum, sondern auch die römisch katholische Westkirche und die griechisch orthodoxe Ostkirche aufeinander, was die endgültige Zuwendung des Baltikums zum westlichen Christentum zur Folge hatte.

Zwei Glauben, zwei Kulturen. Zwei Identitäten.

Christentum und Heidentum im Livland des 12. und 13. Jahrhunderts. Mit diesem Thema befasste sich der Dozent der Universität Lettlands Dr. hist. Andris Šnē.

In seinem Vortrag betonte er dass die Annahme des neuen Glaubens – des Christentums ein politischer und wirtschaftlicher Kompromiss war, denn sogar im 16. Jahrhundert schrieb ein deutscher Theologe: „Die örtlichen Bewohner beten die Sonne und die Bäume an… Sie tragen zwar christliche Namen, aber sie wissen nichts über Christus.“ „Während der Zeit der Kreuzzüge wurde das Baltikum eine der Grenzregionen des katholischen Europas, in der sie auch mit dem Heidentum in Berührung kamen. Dort gab es historische katholische und orthodoxe Kultstätten. Dennoch ist noch mehrere Jahrhunderte nach der Christianisierung ein großer Teil der örtlichen Bevölkerung heidnisch geblieben, was sowohl aus archeologischen Zeugnissen als auch aus später entstandenen schriftlichen Quellen hervorgeht. In der Zeit der Kreuzzüge im 12. Jahrhundert war es in beidseitigem militärischen, politischen und Handelsinteresse und nicht eine religiöse Offenbarung, welche das Verhalten der örtlichen Gesellschaft gegenüber den Kreuzträgern und damit auch gegenüber den Christen bestimmte, und sie damit vor die Wahl zwischen der Annahme oder Ablehnung des Christentums stellte. Auf diese Weise kam es während der Zeit der Kreuzzüge bei dem Zusammenstoß verschiedener Kulturen später zu dem für den Raum Livland typischen Dualismus auf dem Gebiet der Religion und des sozialen Empfindens. Er unterlag einem ständigen Wechsel zwischen Zusammenarbeit und Konfrontation Auf dem Gebiet Livlands gab es zwei Gemeinschaften, von denen jede ihre eigenen Wurzeln und ihre historischen Erfahrungen, ihre Kultur und ihre sozialen Identität hatte“, sagte Andris Šnē

Sind die Kreuzzüge zu Ende?

Diese Überlegungen setzte in seinem Vortrag „St. Meinhard, seine Zeit und seine Mission“ auch Dr. theol. Guntis Kalme fort, der dabei die damalige geopolitische Situation in dieser Region schilderte. Vom Osten her griffen die Russen unentwegt an, vom Westen her waren es die Dänen, vom Süden her die Litauer. Die lettischen Stämme bewohnten den Weg der Esten nach Litauen. Damit befanden sich die lettischen Stämme unentwegt im Kriegszustand. Es war ein Krieg aller gegen alle. Damals gab es nur unter den Völkern zwei Arten der Beziehung: Handel oder Krieg,“ sagte Guntis Kalme. „Wir“ – und damit meinte er die lettischen Stämme – waren nicht so stark, dass wir eine Art „dritter Kraft“ bilden konnten. Er beschrieb Bischof Meinhard als einen friedliebenden Christen, der nur um Christi willen und um dessen Wort zu predigen, als alter, ehrwürdiger Mann von der Mündung der Düna flussaufwärts gefahren ist. Doch nach seiner Mission im 12. Jahrhundert fand man keine gemeinsame Sprache mit den örtlichen livischen Stämmen. Deshalb beschloss er, seine

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friedliche Mission abzubrechen, aber das gelang ihm nicht. „Die Vergänglichkeit kann man nur begreifen, wenn man schwere Fragen stellt und sinnvolle Antworten findet. Weshalb hatte die friedliche Mission Meinhards so wenig Erfolg? Weshalb waren die Erfolge des wesentlich aggressiveren Bischofs Albert anscheinend größer? Das sind die Fragen nach dem Verhältnis zwischen der Institution und der Frohen Botschaft. Weshalb gibt es diesen Widerspruch zwischen dem friedfertigen Charakter des Christentums und der gewaltsamen Verbreitung? Dessen muss sich die Kirche als auch die Gesellschaft bewusst werden,“ sagte Pfarrer Kalme in seinen Überlegungen. Pfarre Indulis Paičs setzte es fort, schwere Fragen zu stellen.

„Die Geschichte ist eine eigene Wissenschaft. Weshalb befassen wir uns mit deren Erforschung? Anscheinend sagen unsere historischen Interpretationen mehr über uns selbst als über die Geschichte aus.“ Er forderte auf, darüber nachzudenken, wie sich der wahre Sinn der Ereignisse in der Zukunft offenbart (offenbaren wird). Zum Beispiel der Angriff auf die Türme des World Trade Centers in New York, der Eintritt Lettlands in die EG. In diesem Zusammenhang könnte man fragen: Hat es überhaupt die Christianisierung Lettlands gegeben? Wenn man die Kommentare im Internet betrachtet, die sich täglich mit dem Christentum beschäftigen, dann muss man diese Frage mit Nein beantworten. Die Mythen der Kreuzzüge und späten die Mythen der Aufklärungszeit sind weiterhin lebendig.

Für alles ist die Interpretation entscheidend.

Der Geschichtsprofessor der Universität Daugavpils Kaspars Kļaviņš wies anschaulich darauf hin, wie sehr es auf die Interpretation historischer Fakten ankommt, und eine wie entscheidende Rolle dabei der Gesichtspunkt des Forschers spielt. Der Professor wies darauf hin, dass zwei Drittel der europäischen Geschichte aus literarischen „Folgen“ besteht. Als Beispiel nannte er einen Wald in einer Bescheibung eines arabischen Reisenden im 12. Jahrhundert, den er als einen „reichen Ort beschrieb, wo die Menschen das Feuer anbeteten.“ Es ist durchaus möglich, dass in dieser Beschreibung auch von der Daugava die Rede ist, was der Historiker, der diese Bemerkungen des arabischen Reisenden als „Duna“ übersetzt hat. „Wenn wir selbst diesen Text zu interpretieren hätten, dann kämen wir möglicherweise zu einem anderen Ergebnis,“ sagte Professor Kļaviņš. Er sagte auch, dass unsere Historiker zur Zeit die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit dem Nahen Osten hätten – zum Beispiel mit den Universitäten in Kairo und Alexandria, deren Professoren und Studenten sehr an der baltischen Forschung interessiert seien, ganz besonders im Blick auf die Kreuzzüge. Auch französische Wissenschaftler interessieren sich ganz besonders für die Geschichte von Ikšķile

Er erinnerte auch an die Ruinen der ältesten Burg aus Steinen in Lettland, die im 12. Jahrhundert von den berühmtesten Handwerkern im West- und Nordeuropa der damaligen Zeit – den Meistern aus Gotland – erbaut wurde. In der damaligen Zeit waren Burgen aus Stein eine Ausnahme. Der Professor demonstrierte das am Beispiel der Burg von Stanford in England und an deutschen Burgen, die anschaulich bewiesen, dass das traditionelle Baumaterial damals Holz war. Burgen aus Stein wurden in Europa erst im 14. und 15 Jahrhundert sichtbar. „Wir können zwischen Europa und uns keine Grenze ziehen. Im 13. und 14. Jahrhundert gehörten wir mehr zu Europa als heute,“ sagte K. Kļaviņš. So wurden die Liven und Lettgaller damals getauft, als ein Teil der Deutschen noch überhaupt nicht getauft war. Der Professor zeigte ein Gemälde, auf dem Kreuzritter abgebildet waren, die über Bauern herfallen. „Sie werden sicher denken, dass hier deutsche Kreuzritter zu sehen sind, die die Liven überfallen, doch eigentlich sehen Sie auf diesem Bilde flämische Kreuzritter, die deutsche Bauern unterdrücken. Kreuzzüge fanden damals auc in Europa statt. Unter ihnen hatte das deutsche Volk mehr zu leiden als die Liven.“

Professor Kļaviņš ar auch ein sichtbares Beispiel für den subjektiven Zugang zur Interpretation der Geschichte. Die geschichtlichen Fakten trug er so erfrischend, fesselnd und attraktiv vor, dass ich mir vorstellen kann, dass seine Vorlesungen in der Universität

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Daugavpils ganz bestimmt sehr gut besucht sind. „Die Periode der Romantik in der Geschichte wird fortgesetzt, die Periode der Wissenschaft hat noch nicht begonnen,“ stellte der Professor am Ende seines Vortrages fest.
Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Alksnāja iela 3 .- Riga- LV 1050

E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 1.4.2010)

Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck

Telefon: 04791-13356

E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers

Dieses Nachwort zu schreiben fällt mir am heutigen Gründonnerstag nicht leicht, weil es in einer Zeit entsteht, in der es der lettischen Kirche während der letzten zwanzig Jahre noch nie so schlecht gegangen ist wie heute. Als ein Freund und Leser dieser Übersetzungen aus Sachsen in Riga anrief und fragte, wie wir in dieser schweren Zeit helfen könnten, bekam er die Antwort, dass im Augenblick die lettische Kirchenzeitung am meisten gefährdet sei, verbunden mit dem Hilferuf, alles zu unternehmen, um die Einstellung des Erscheinens dieser Zeitung zu verhindern. Was 1940 die sowjetische Besatzungsmacht vermocht hatte, wird heute durch die Finanzkrise fortgesetzt: die Existenz dieser Kirchenzeitung wird in Frage gestellt. Ebenso wie meinem Freund aus Sachsen stellt sich auch mir die Frage, wie wir der lettischen Kirchenzeitung helfen könnten. Offensichtlich genügt es nicht, dass ich über zwanzig Jahre die Zeitung auszugsweise übersetzt habe, damit sie unter der deutsch sprechenden Leserschaft verbreitet werden könnte, ohne dafür irgendeine Vergütung oder Erstattung meiner Unkosten zu erwarten. Uns bleibt die Frage bestehen: Was können wir sonst noch dazu beitragen, dass die Zeitung nicht eingeht?

Auf der Seite 9 dieser Übersetzung beginnt der Bericht von Inga Reča über die Feier des Gedächtnisses des Wiedererscheinens vor 20 Jahren der estnischen Kirchenzeitung Eesti Kirik. Bei dessen Übersetzung bin ich etwas nachdenklich geworden, als ich zu Papier bringen musste, auf welche Zuschüsse die Zeitung der estnischen Schwesterkirche zurückgreifen kann: Da gibt es staatliche Zuschüsse, da gibt es Zuschüsse des Martin Lutherbundes und manches andere. Das sind Möglichkeiten , von denen die lettische Kirchenzeitung nur träumen kann. Ich dachte dann weiter nach, und hatte das Empfinden, dass sich nach der Meinung meiner verehrten Leserschaft meine Übersetzungen hinter denen der estnischen Kirchenzeitung, die von der EKD dankenswerter Weise an die interessierte Leserschaft mit versandt werden, anscheinend nicht zu verstecken brauchten. Da kann sich doch niemand wundern, wenn ich darüber nachgrüble, weshalb die estnische Kirchenzeitung im Gegensatz zu der lettischen mit einer Beihilfe z. B. des Martin Luther Bundes bedacht wird? Wenn das nicht als Bewertung der Qualität der lettischen Kirchenzeitung zu verstehen ist, dann möchte ich mich der Bitte von Frau Brūvers aus Riga anschließen, auch von hier aus alles zu unternehmen, um die lettische Kirchenzeitung weiter am Leben zu erhalten. Durch meinen Einsatz sollen, wie in den 20 Jahren zuvor, niemandem irgendwelche finanzielle Belastungen entstehen.

Zum Schluss wünsche ich meinen hoch verehrten Leserinnen und Lesern ein gesegnetes Osterfest. J. B.

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