Verfasst von: liefland | Mai 31, 2010

Ausgabe Nr. 8 (1835 ) vom 15. Mai 2010.

Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Hebräer 10,35

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.

Sonntag Exaudi. Ausgabe Nr. 8 (1835 ) vom 15. Mai 2010.

Gedächtnis des 100. Geburtstages von vier bedeutenden Geistlichen. Inga Reča

Am 29. Mai um 13 Uhr findet unter der Überschrift „Gedenket eurer Lehrer“ im Dom zu Riga eine Andacht mit einer anschließenden Veranstaltung zum Gedächtnis des 100. Geburtstages von vier bedeutenden Geistlichen statt. Dieses 100 jährige Jubiläum würden in diesem Jahr Dr. theol. Roberts Akmentiņš, ehemaliger Propst in Saldus, Professor, Leiter des Lehrstuhles für Philosophie und Psychologie, Rektor des Theologischen Seminars und später Dekan der theologischen Fakultät der Universität Lettlands, Kārlis Roberts Kalderovskis, Pfarrer und Dozent am Theologischen Seminar, Dr. theol. Pauls Žibeiks, 62 Jahre (!) lang Propst der Propstei Bauska, Professor, Leiter des Lehrstuhles für Altes Testament im Theologischen Seminar, sowie Dr. theol. Roberts Emīls Feldmanis, Oberpfarrer, Professor im Theologischen Seminar und der Theologischen Fakultät der Universität Lettlands, Leiter des Lehrstuhles für Kirchengeschichte feiern können.

Die Andacht wird Erzbischof Vanags leiten. Danach findet im Museum für Geschichte und Schifffahrt die Vorstellung des jetzt neu erschienenen Buches von Dr. theol. Feldmanis „Geschichte der Evangelisch.Lutherischen Kirche Lettlands“ statt, an der auch der Historiker Jouko Talonen aus Finnland und der Dekan der Historischen und Philosophischen Fakultät der Universität Lettlands Dr. hist, Gvido Straube teilnehmen werden.Im Rahmen dieser Veranstaltung findet auch eine Podiumsdiskussion statt und Absolventen des Theologischen Seminars werden über ihre Erinnerungen an diese Theolpgen berichten.

Meldungen aus der Erzdiözese Riga,

* Pfarrer Arnis Bergmanis hat am 18. April seinen Ruhestand angetreten. Am Sonntag Trinitatis wird Propst Linards Rozentāls Pfarrer Ģirts Prāmnieks in das Amt des Pfarrers der St. Pauls Gemeinde in Riga einführen.

* Mit seiner Konsekration zum Bischof am 10. April 2010 verlässt Guntars Dimants seinen Dienst in den Kirchengemeinden Dubulti und Bulduri sowie sein Amt als Propst der Propstei Jūrmala. Bis zur Wahl eines neuen Propstes wurde Pfarrer Dzintars Laugalis mit der Wahrnehmung des Dienstes des Propstes der Propstei Jūrmala beauftragt.

* Am Sonntag Trinitatis beginnt Ingus Dāboliņš, der bisher als Pfarrer der Kirchengemeinden Madona und Cesvaine sowie als Propst der Propstei Madona seinen Dienst versehen hat, seinen Dienst als Pfarrer der Kirchengemeinden Dubulti und Bulduri. Pfarrer Magnus Bengtson, der zur Zeit die Geschäfte des Propstes der Propstei Gulbene wahrnimmt, ist ab Pfingsten auch mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Propstes von Madona beauftragt.

* Hilfspfarrer Zigmārs Ziemanis, der bisher in den Kirchengemeinden Rubene und Dīkļi als Pfarrer tätig gewesen ist, wird am 1. Juni seinen Dienst als Pfarrer der Kirchengemeinden Smiltene und Palsmane beginnen. Künftig wird in der Kirchengemeinde Dīkļi neben den Kirchengemeinden Burtnieki und Ēvele Hilfspastor Aldis Kalncenavs tätig sein, während Pfarrer Kārlis Rūdolfs Zīkmanis in Valmiera gemeinsam mit Propst Arnis Bušs mit der Betreuung der Kirchengemeinde Rubene beauftragt wurden.

* Es hat bei einigen Kirchengemeinden auch eine Neureglung ihrer Grenzen stattgefunden. Auf eigenen Wunsch hat sich am 1. Februar 2010 die Kirchengemeinde St. Johannis in Madona mit der Kirchengemeinde Ļaudona vereinigt, und am 28. April 2010 hat sich die Kirchengemeinde Carnikava der Kirchengemeinde Ādaži angeschlossen..

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Die Idee vom gemeinsamen Wohl muss wachgehalten werden. Inga Reča. Ivars Kupcis

Seit dem 10. April hat die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands einen vierten Bischof

In der Erzdiözese Riga wird neben Erzbischof Jānis Vanags der ehemalige Pfarrer der Kirchengemeinden Dubulti und Propst der Propstei Jūrmala Guntars Dimants als Bischof tätig sein. An seinem ersten Arbeitstag waren wir bei ihm zu Gast. In seinem Arbeitszimmer liegen auf dem Tisch nur eine Bibel und ein transportabler Computer. Äußerlich kann man nichts von seinem neuen Status bemerken. Wir sprachen mit ihm über die Berufung, seine Bereitschaft, ihr nachzukommen, und die Änderungen, welche sie mit sich bringt.

– Können Sie sich noch daran erinnern, wann Sie sich berufen fühlten, Pfarrer zu werden?

– Anfang der 90er Jahre, als alle ihre Kinder taufen lassen wollten, gab es in unserer Familie dieselbe Situation – wir beschlossen, unseren Sohn taufen zu lassen. Wir selbst waren als Kinder getauft worden. Wir gingen zur nahe gelegenen Kirche in Sloka, die zum Glück einen solchen Pfarrer hatte, der es nicht zuließ, dass wir diese Frage nur auf ganz formelle Weise regelten Er bestand darauf, dass wir selbst zuerst zum Konfirmandenunterricht gingen, uns konfirmieren ließen, unsere Ehe in der Kirche einsegneten und dann das Kind taufen ließen. Das war mein erster Anstoß in die Richtung der Kirche.

Die Situation damals, als wir nicht zusammen den Konfirmandenunterricht besuchen konnten, trug dazu bei, dass ich nicht nur zuhörte, sondern mich in alles tiefer versenkte. Unser Sohn war damals nur ein Jahr alt und wir besuchten abwechselnd den Unterricht, und am Abend musste derjenige, der dort war, berichten, was an jenem Tage im Unterricht dran war. Das war für jeden schon etwas wie eine Homilie: Du hörst zu, machst dir Notizen, kommst nach Hause und berichtest alles dem anderen. Das nötigte dazu, sehr aufmerksam zuzuhören, und das war wohl die Zeit , in der ich zum ersten Mal die Erfahrung machte, was es bedeutet, die Botschaft, die du vorher selbst vernommen hast, einem anderen weiter zu geben.

Auf diese Weise kamen wir auf eine sehr lebendige Weise in diese Gemeinde hinein, die schon damals sehr aktiv war. Zuerst waren es die wirtschaftlichen und technischen Dinge, bei denen wir mit großer Freude mitmachten: das Aufräumen und Reinigen der Kirche, Arbeitseinsätze im Freien, Hilfe bei Renovierungsarbeiten in der Kirche. Pfarrer Aivars Beimanis lud uns zur Sonntagsschule ein, und wir begannen, als Sonntagsschullehrer aktiv mitzumachen. Bald wurde ich in den Kirchengemeinderat gewählt und dort zum Verwalter des Eigentums ernannt. Ich gehörte zum Kreis, der das Sommerlager organisierte. Das war ein rasches Hereinkommen sowohl in die wirtschaftlichen Dinge als auch in das geistliche Leben der Kirche.

Es war eine große Herausforderung, auf die Bitte des Pfarrers meine erste Bibelarbeit zu halten. 1994 fand der erste Kurs für Evangelisten statt, an dem ich teilnahm und nach dessen Ende in das Amt eines Evangelisten eingeführt wurde. Ich begann in Sloka, zusammen mit dem Pfarrer Gottesdienste zu halten und Konfirmandenunterricht zu leiten. Dann kam die Anfrage des Konsistoriums, ob ich bereit sei, in der Kirchengemeinde Bērze und später auch in Ķemeri für den Dienst zur Verfügung zu stehen. 2001 wurde ich zum Pfarrer ordiniert. Später diente ich als Pfarrer in den Kirchengemeinden Dubulti und Bulduri..-

– So kann man sagen, dass Sie ganz unten angefangen haben, mitten unter den

Menschen der Gemeinde und danach alle Phasen durchlaufen haben. In diese Reihe kann man doch auch Ihren Dienst als Propst einordnen.

– Ja. 2004 wurde ich zum Propst der Propstei Riga-Land gewählt, um die Aufsicht über die Arbeit der Gemeinden der Propstei wahrzunehmen. Nach der Aufteilung dieser größten Propstei Lettlands in zwei Propsteien – die Propsteien Ikšķile und Jūrmala – setzte ich meinen Dienst als Propst der Propstei Jūrmala fort.

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– Wie war Ihre erste Reaktion auf Ihre Berufung zum Bischof?

– Ich hatte keinerlei erhabene Empfindungen, ich war verwundert und dachte: was es alles in diesem Leben gibt! Aber dass es gleich so schlimm kommen muss! Ich hatte nie daran gedacht, Bischof zu werden, denn ein Bischof trägt eine große Verantwortung, wenn man auf die Geschichte zurückblickt. Der Bischof überwacht die Lehre der Kirche. Das ist eine seiner wichtigsten Aufgaben. Die zweite bekannte Bezeichnung für einen Bischof kommt mit dem Wort Pontifex (Brückenbauer) aus dem Lateinischen. So schien es mir, dass es hier nicht nur um die große Verantwortung geht, sondern dass da jemand sein muss, der die Kirchengeschichte und die Lehre der Kirche großartig beherrscht und der einen gewaltigen geistlichen und intellektuellen Schatz und eine große Lebenserfahrung mitbringt.

Als der Erzbischof mir sagte, dass ich einer von denen sei, die als Kandidaten für dieses Bischofsamt benannt worden seien, da fühlte ich mich wie von einem Blitz aus heiterem Himmel erschlagen. Als die erste Überraschung und der erste Schock vorbei waren, war das einzige, was ich sagen konnte: wenn er das wirklich so sähe, aber auch noch andere der Auffassung wären, dann könnte ich es zum Wohl der Kirche versuchen. Aber ich bitte um Bedenkzeit.

Eine ganze Zeit konnte ich kaum etwas anderes als dieses bedenken. An jedem Morgen bei meiner Andacht, bei dem Lesen der Schrift und bei dem Gebet. Und ich erhielt eine Antwort durch ein Schriftstelle aus dem Alten Testament, dass mich Gott nicht verwerfen wird.. Dass viele es in der Kraft Gottes zu tun vermochten, was Gott ihnen zu tun anvertraut hat.

Die Kirche ist etwas wie ein großer Organismus, die auch Einzelne in ihren Dienst beruft. Ich habe immer das ernst genommen, was Luther über die innere und äußere Berufung gesagt hat. Und ich habe begriffen, dass eine Berufung durch die Kirche etwas sehr Wichtiges ist, und dass sie nicht ohne Gottes Einverständnis erfolgen kann. Wenn Gott es sagt, dann möchte ich nicht experimentieren, wie es Jona getan hat. Ich beschloss, diesen Ruf ohne großen Widerstand anzunehmen, ohne damit etwas über meine Qualitäten auszusagen. Paulus schrieb: wenn wir überhaupt etwas zu tun vermögen, dann kommt das nicht von uns. Jemand kann eine große Erfahrung und ein großes Wissen aufweisen, aber an vielen Stellen in der Bibel ist es anders: So bei David und Mose; Jesu Jünger waren Fischer und Jesus hat den Beruf eines Tischlers erlernt. Ich hatte begriffen, dass Gott im Blick darauf keine Grenzen setzt, und dass Er den Menschen nicht äußerlich betrachtet. Und wenn Gott sagt, dass es so sein soll, dann nehme ich es so an, wie es ist.

– Was halten Sie für die größte Herausforderung bei Ihrer Berufung zum Dienst eines Bischofs?

– Der Erzbischof brauchte jemanden, der ihm bei den wirtschaftlichen Dingen hilft und dabei etwas von der Arbeit, den Dezernaten und der Zusammenarbeit mit deren Leitung versteht. Man könnte von den unterschiedlichen Zielen und den großen Ereignissen sprechen, aber jetzt muss das gelöst werden, was heute aktuell ist. Die Hauptaufgabe ist heute, die Situation wieder in den Griff zu bekommen, in der die Kirche zur Zeit mit der Vergütung ihrer Pfarrer und ihrer Verwaltungsarbeit steckt, wir müssen sehr bald unsere Wirtschaftssituation verantwortungsvoll und mit einer Strategie ordnen, die sie in die Lage versetzt, die gegenwärtige Situation zu überleben. Wir müssen erreichen, dass die Kirche weiter bestehen bleibt und offen ist, dass die Gemeinden versorgt sind und die Pfarrer satt werden und irgendwo leben können. Im Blick auf die mir anvertrauten Wirtschaftsfragen sind das jetzt meine Prioritäten.

– Wir haben berichtet, dass der Sitz des neuen Bischofs Cēsis sein soll, dass Sie aber den größten Teil ihrer Arbeitszeit in Riga verbringen werden. Wir wird das möglich sein?

– Das ist eine der Fragen, die mir jetzt sehr häufig gestellt werden. Die Menschen begreifen es nicht, wie das miteinander vereinigt werden kann. Um das in einem Bilde darzustellen: Wenn

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jemand an einem Festtag den Gottesdienst im Dom zu Riga besuchen möchte, dann wird er sich vorstellen können, dass der Erzbischof den Gottesdienst hält, denn dort befindet sich sein Sitz.

Der Sitz des Bischofs dient zu seiner Repräsentation. In meinem Fall fiel die Entscheidung zu Gunsten von Cēsis, weil dort auch einmal der Sitz eines Bischofs war. Professor Feldmanis hat einmal gesagt, dass jeder Zentimeter des Gebäudes der St. Johanniskirche in Cēsis davon Zeugnis gäbe, dass dieses eine Kathedrale sei.

Wirklich wird es voraussichtlich darauf hinauslaufen, dass ich zu den Gottesdiensten an den hohen Feiertagen in Cēsis sein werde. Wenn wir von den Visitationen sprechen, dann könnte Cēsis eine Basis sein, von der aus ich mich zu den Gemeinden begebe. Für viele ist diese Stadt leichter zu erreichen. Deshalb muss ich dort auch Sprechstunden einplanen. Aber zur Zeit ist diese Frage noch offen, denn gegenwärtig bin ich sehr an Riga angebunden. Der Einzug des Bischofs in den Gottesdienst in seiner Kirche soll möglicherweise im Mai stattfinden.

– Sie sagten, dass jetzt eine ihrer vordringlichen Aufgaben sei, die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Kirche so zu ordnen, dass die Kirche überleben kann. Was werden Sie dabei tun?

– Man kann schon nach vielen Lösungen suchen, aber immer wird man zur realen Situation zurückkehren müssen. Wenn wir sagen, dass eine der heutigen Prioritäten die Finanzen der Kirche seien, dann müssen wir uns voll und ganz darauf konzentrieren, wie wir alles ökonomisch richtig ordnen, ohne dabei aus dem Gleichgewicht zu kommen. Eine der wichtigsten Sachen, über die begründete Kritik laut geworden ist, was weder das Kapitel noch das Bischofskollegium in Abrede stellen, sind die Fragen, die sowohl dem Kapitel als auch dem Bischofskollegium vorgelegen haben und dort ausdiskutiert worden sind, und dennoch von ihnen niemand wusste, was in der „Küche“ eigentlich geschah. Die hauptsächlichen Änderungen bestehen jetzt darin, dass an allen Diskussionen und Verhandlungen das Bischofskollegium beteiligt ist. Das ist eine der wichtigsten Änderungen, welche die Fassung wichtiger Beschlüsse betreffen, denn wir haben begriffen, wer die „Küche“ ist, von der wir gesprochen haben. Wenn wir vom Eigentumsdezernat sprechen, dann haben wir begriffen, was und wie dort alles abgewickelt worden ist. Wenn wir vom Haushalt der Kirche sprechen, dann darf er sich nicht mehr auf abstrakte Versprechen verlassen, die uns verheißen, dass das Geld kommen und alles gut sein würde, sondern dass wir nur von Geld sprechen dürfen, das wir eingenommen haben. Und wenn es nicht eingenommen wird, dann dürfen wir uns nicht auf Wunder verlassen, die irgendwie alle Finanzprobleme der Kirche lösen werden, sondern dass wir nur in einem bestimmten finanziellen Rahmen weiter wirtschaften dürfen.

Nach meiner Meinung sind die strategischen Nuancen zur Zeit nur sehr schwer abzustecken. Das, was wir sehr deutlich erkannt haben, ist folgendes: In der Verwaltung des Oberkirchenrats ist jetzt nur ein Minimum von Angestellten beschäftigt, ohne die gar nichts mehr weitergehen kann und dass wir einen bestimmten Geldbetrag benötigen, um für die Beiträge für den Lohn und die Sozialversicherung, ganz gleich in welcher Höhe, aufkommen.

zu können.

– Ist bei allen diesen Überlegungen nur von einer stärkeren Einbeziehung der Bischöfe bei den Entscheidungen oder ganz allgemein von einer größeren Offenheit die Rede?

– Dazu möchte ich sagen, dass es hierbei um eine größere Offenheit geht. Die Bischöfe haben erklärt, dass sie größere Detailkenntnisse haben möchten. Denn wenn es zu den wichtigen Aufgaben eines Bischofs gehört, mit ihren Pfarrern im Gespräch zu bleiben, dann muss er auch über die Details informiert sein. Wenn ein Bischof nicht in der Lage ist, mit seinen Pfarrern über Details zu sprechen, dann kann er sagen, was er will, aber wenn er die Fragen

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in den Details nicht beantworten kann, dann steht er sehr dumm da. Das sind die Erfahrungen bei Pfarrkonferenzen, dass der Bischof in allen Vorgängen stecken muss, auch wenn diese nicht unmittelbar sein Bischofsamt betreffen – wie Beschlüsse über Finanzen, über kirchlichen Besitz und Haushaltsfragen. Jetzt in dieser Situation erkennt das Bischofskollegium, dass das richtig sei. Das Bischofskollegium ist einmütig der Ansicht, der sich auch das Kapitel einmütig anschließt. Wir können nicht über einen Haushalt abstimmen, wenn wir nicht ganz genau erkennen können, was dahinter steckt. Jetzt, da ich auch die Aufgaben des Sekretärs des Oberkirchenrats wahrnehmen muss, kann ich sagen, dass mich wirklich jedes Detail interessiert: wer was wofür erhält, welchen Lohn er erhält und welchen Pflichten er nachkommen muss.

– Ist es schon bekannt, wie ab Mai die Vergütung der Pfarrer geregelt ist?

– Im Mai können die Pfarrer ihre Gehälter in der Höhe erhalten, in der sie ihre Gemeinde auszahlt. Damit nirgendwo die Situation entsteht, dass es Pfarrer gibt, die einen Lohn bekommen, der unterhalb des Existenzminimums liegt, überprüfen wir zur Zeit die Dienstpläne der Pfarrer. Wir haben die Pröpste beauftragt, die Pfarrer ausfindig zu machen, die im finanziellen Schwierigkeiten stecken. Ob zum Beispiel hohe Darlehensschulden abzuzahlen hat oder ob es im Haushalt ihrer Familien zu Veränderungen gekommen ist dadurch, dass ein Familienglied arbeitslos geworden ist.

Zur Zeit ist es eine der wichtigsten Aufgaben der Pröpste, in Gesprächen mit ihren Gemeinden zu ergründen, wie hoch sie ihren Pfarrer vergüten können. Der Rechenschaftsbericht über die Finanzen einer Gemeinde ist eine Sache, aber im Gespräch wird es oft deutlich, dass eine Gemeinde durchaus in der Lage ist, ihren Pfarrer besser zu bezahlen. Die Idee des Fonds für die Gehälter und die Sozialversicherung der Pfarrer , dass die Gemeinde zahlte und der Fonds zuzahlte, um ein optimales Gehalt zu erreichen, mit dem der Pfarrer und die Gemeinde gut leben konnten. Jetzt müssen wir sagen dass wir uns nicht mehr mit einer großen Finanzierung am Fonds beteiligen können und die Verantwortung für die Vergütung der Pfarrer wieder den Kirchengemeinden zurückgeben müssen.

– Wie wird es künftig den kleinen Gemeinden ergehen, die nicht in der Lage sind, ihre Pfarrer zu vergüten?

– In der Erzdiözese Riga gibt es solche Gemeinden oder Kirchen, die geschlossen oder zusammengefügt werden müssten, nicht. Wir haben Gemeindekomplexe geschaffen, bei denen vier Gemeinden von einem Pfarrer betreut werden, wie es bereits in vielen Fällen gewesen ist, wo nicht in jeder der kleinen Gemeinden an jedem Sonntag ein Gottesdienst stattfinden kann, und die Möglichkeit besteht, die Gottesdienste zusammenzulegen. Bei nicht registrieren Gemeinschaften von Gläubigen, wäre es nicht von Nutzen dorthin zu fahren, sondern lieber Möglichkeiten zu schaffen, dass sie zum nächsten Gotteshaus kommen.

Die Vereinigung von Kirchengemeinden ist nur eins der Modelle, denn es ist gar nicht einfach, eine Kirche zu schließen. Es ist ein Besitz mit einem sakralen Innenraum. Und wenn die Kirche sich abgelegen in der Einsamkeit befindet, erhebt sich die Frage, wer sie bewachen soll? Da werden Verhandlungen mit der Gemeindeverwaltung notwendig sein. Ob diese bereit ist, sich für die Sicherheit der Kirche zuständig zu fühlen und sie zu öffnen und zu schließen, wenn eine Gruppe von Touristen sie besichtigen möchte. Zur Zeit sind solche konkrete Verhandlungen noch nicht geplant. Doch es könnte geschehen, denn wir haben recht viele Kirchen, deren Dorfzentren sich im Laufe der Jahrhunderte verlagert haben.

– Sie sind jetzt mit den Pflichten des Sekretärs des Oberkirchenrats betraut worden. Auch vorher waren Sie bereits im Präsidium des Oberkirchenrats. Wie beurteilen Sie die Arbeit des jetzigen Oberkirchenrats? In den Resolutionen aus den Propsteien gab es viel Kritik in die Richtung des Oberkirchenrats. Dessen mangelhafter Einsatz wird oft als Ursache für die schwere Situation der Kirche angesehen.

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– Von innen her betrachtet habe ich den Eindruck, dass der Hauptgegenstand der Kritik darin bestanden hat, dass die Pläne des Oberkirchenrats zu weitschweifig gewesen seien und es

schwer gewesen sei, diese Weitschweifigkeit zu bündeln und eine Zielrichtung festzulegen., welche der realen Finanzsituation entspricht. Jede einzelne Idee war gut und zu begrüßen, aber sie entsprachen nicht der Wirklichkeit. Alle Fragen, die in den Sitzungen des Präsidiums des Oberkirchenrats verhandelt wurden, an denen ich selbst auch teilgenommen habe, und die dann auch bestätigt wurden, waren auf die Annahmen gebaut, dass der Finanzierungsprozess ganz bestimmt sofort „losgehen“ könnte, und dass wir getrost alles machen könnten, was uns in den Sinn kam. Es gab keine Klarheit über die wahre Situation. Wenn in einer Familie ein Kind sich ein Fahrrad wünscht und ein anderes nach Litauen fahren möchte, um sich dort die Delphine anzuschauen, dann freuen sich die Eltern, dass sich ihre Kinder überhaupt für etwas interessieren. Aber wenn dann der Vater sagt, er sei sich nicht sicher, ob er im nächsten Monat überhaupt noch etwas verdienen würde, weil er möglicherweise entlassen werde, dann wird es uns schwer fallen, uns in die Finanzplanung dieser Familie hinein zu versetzen. Sollen dann die Eltern zu den Nachbarn gehen und sie bitten, ihnen Geld zu leihen und ihnen versprechen, ihnen den Betrag nach anderthalb Monaten wieder zu erstatten? In Wirklichkeit würden wir die ganze Sache aufschieben, bis zu dem Augenblick, da wir wieder ein Monatsgehalt auf unserem Konto haben. Dann würden wir sehen, welchen Wunsch unserer Kinder wir erfüllen können.

Natürlich war es nicht so, dass wirklich allen Vorhaben grünes Licht gegeben worden ist. Aber das waren auch die Vorhalte der Bischöfe, dass sie alle mit dem Eindruck eines der Realität nicht entsprechenden Optimismus zufrieden gestellt werden sollten, statt allen längst zu sagen dass die Lage sehr schlecht sei. Wenn man begriffen hat, dass die Lage schlecht ist. dann ist es viel einfacher, über die Reduzierung der Aufgaben und die Entlassung von Mitarbeitern zu sprechen. Wenn aber gesagt wird, dass sei nur eine Strategie, dass man Mitarbeiter entlässt, denn im Herbst würde die Situation viel besser, dann erkennt man plötzlich, dass die Situation noch viel komplizierter ist. Wenn aber die wirkliche Situation allen bekannt ist, dann braucht man den Menschen gegenüber keine Winkelzüge zu machen, sondern man kann ihnen die Situation so darstellen, wie sie wirklich ist, in der wir auf manches verzichten müssen. Es ist schon ethisch schwer, sich bei einem Mitarbeiter, der entlassen werden soll, für seinen Einsatz zu bedanken, wenn er in seiner Familie der einzige ist, der einer Arbeit nachgeht.

– Sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kirche können wir manches Mal einen Mangel an Vertrauen und Zusammenhalt beobachten, wenn wir alle etwas unternehmen oder für etwas eintreten sollten. Ist es nicht auch eine der Hauptaufgaben eines Bischofs, sich für den Zusammenhalt einzusetzen?

– Vor Zeiten hatte Thomas von Aquin einen sehr wichtigen Ausdruck geprägt. Er sprach vom gemeinsamen Wohl. Wenn wir heute die Situation unseres Landes betrachten, dann müssen wir feststellen, dass unsere staatlichen Behörden und auch die Gesellschaft insgesamt davon noch sehr weit entfernt sind. Wenn für eine Gesellschaft das gemeinsame Wohl das Hauptanliegen ist, um das sie sich schart, dass ist sie auch bereit, Opfer zu bringen und zu spenden, denn es ist unser gemeinsames Wohl, für das wir eintreten. Wir müssen nur definieren, wer zu der Gesellschaft gehört – die Familien, Rentner, die sozial nicht versicherten Menschen. Aber die Bereitschaft, für einander einzutreten und zu spenden, muss auf allen Ebenen vorhanden sein. Und die fehlt uns zur Zeit, denn niemand interessiert sich für das gemeinsame, sondern vor allem für das eigene Wohl.

Deshalb ist es heute sehr wichtig, diesen Zusammenhalt wach zu rufen. Um diesen Prozess voranzubringen, muss auch die Leitung bereit sein, für das gemeinsame Wohl einzutreten.

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Wenn das gemeinsame Wohl Offenheit und Ehrlichkeit erfordert, dann muss es Offenheit und Ehrlichkeit geben. Wenn es bei uns wirtschaftlich bergab geht, dann sagen die Leiter: Ich

schließe mich dem an und gehe auch bergab. Es muss eine gemeinsame Sache geben, für die wir bereit sind, etwas zu tun. und auf etwas zu verzichten.

Die heutige Gesellschaft der Konsumenten ist nicht auf das gemeinsame Wohl hin orientiert, sondern auf das Individuum. Sie wird vom Konkurrenzdenken, von der Begierde und von Missgunst geprägt. Das ist ein Problem unserer Zeit. Die Kirche muss unter denen sein, welche die Idee vom gemeinsamen Wohl wach halten. Wenn die Kirche eine lebenswichtige Wahrheit zu verkündigen hat, dann wird sie zwangsläufig auch die Gesellschaft und einzelne

Menschen beeinflussen, die in dieser Gesellschaft aufwachsen.

– Was sagte Ihre Familie zu Ihren neuen Aufgaben? Wie reagierten Ihre Frau und Ihre Söhne?

– Sehr fröhlich waren sie darüber nicht, zumal das mit einem Umzug weg von Jūrmala verbunden ist. Aber sie sind inzwischen schon einigen Wechsel gewohnt, der zu meinen ständigen Begleitern gehört, Alles begann damit, dass ich die Wände der Sakristei angestrichen habe, dann wurde ich Evangelist, Pfarrer und Propst. Und nun bin ich Bischof. Glücklicherweise kann da nichts weiteres mehr kommen, das ist wenigstens ein Trost, der mir die Sicherheit gibt, dass jetzt mit einem weiteren Wechsel nicht mehr zu rechnen ist.

Ich habe es begriffen, dass es nicht gut ist, sich in diesem Leben an einen bestimmten Ort festzuklammern, sondern man sollte immer zu Änderungen bereit sein. Dann werden einem diese immer etwas leichter fallen.

Neue Saison hat in der Einkehrstätte in Mazirbe begonnen. Līga Bitmane.

Zur Frühjahrs- und Sommersaison lädt die Einkehrstätte Mazirbe herzlich Gäste ein sowohl zu den bereits geplanten Einkehrtagungen als auch für die Möglichkeit in Mazirbe eine Zeit allein oder mit der eigenen Familie zu verbringen.

Die Einkehrstätte von Mazirbe liegt im schönsten Teil des Nordens von Kurland. im Nationalpark von Slītere, 20 km von der Spitze von Kolkas Rags entfernt. Mazirbe ist ein von Gott besonders gesegnetes Stück Land.abgelegen von allem Lärm und allem Gedränge einer Stadt. Hier konnte die ELKL mit der Hilfe aus Sachsen und dem Pfarrerbund in Baden die Idee einer Einkehrstätte Wirklichkeit werden lassen und eine Stätte schaffen zum Schöpfen von Kraft und Freude und den Dienst der Liebe der Mitarbeiter dankbar entgegennehmen. Mehrere Male im Jahr finden hier veranstaltete Einkehrtagungen für Pfarrer und Mitarbeiter und deren Familien und für andere Interessenten statt.

In der Einkehrstätte haben Gäste die Möglichkeit des Aufenthaltes in drei Häusern, die mit allen Notwendigkeiten ausgestatteten sind und in denen 5 bis 7 Menschen untergebracht werden können. Die Unterbringung in diesen kleinen Häusern ist für Pfarrer. Mitarbeiter der Gemeinden sowie für andere Interessenten gedacht. Die Gebäude stehen auf dem Gelände des alten Pfarrhofes mit einem Garten und neben einem Park mit Spazierwegen. Zum Meer kommt man zu Fuß in 20 Minuten hin.

In der Einkehrstätte kann man Gemeindeseminare, Sitzungen, Sommerlager und Einkehrtage veranstalten. Übernachtungsmöglichkeiten bestehen für Gruppen bis zu 29 Personen.. Im Sommer können wir auch einen Zeltplatz und einen Platz für ein Lagerfeuer anbieten.

Jeder Gast ist herzlich eingeladen, auch bei der Pflege und Reinigung der Umgebung mitzumachen. Interessierte, die gerne längere Zeit in der Einkehrstätte leben möchten und bereit sind, bei verschiedenen Arbeiten mitzuhelfen und sich an den Andachten zu beteiligen, bietet die Einkehrstätte auch eine solche Möglichkeit an. Freiwillige Helfer können in dem Gebäude des Pfarrhauses kostenlos wohnen, am Alltag in der Einkehrstätte teilnehmen und damit einen Beitrag zur weiteren Entwicklung der Einkehrstätte leisten.

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Der Seelsorger der Einkehrstätte ist Pfarrer Armands Klāvs, für die Betreuung der Gäste sind Rūta Vilde und Evangelist Ainārs Kostanda zuständig.

Bischof Pāvils Brūvers sagt über die Einkehrtage der Stille: „Ich bin davon überzeugt, dass die Tage der Stille, die in Mazirbe bereits begonnen haben, für unsere Kirche von großem Segen sein werden. Im vergangenen Jahr hatte ich die Gelegenheit, an solchen Tagen der Stille teilzunehmen, die bei mir Spuren hinterlassen haben, die nicht fortgewischt werden können. Es war eine Woche, welche ich im Zwiegespräch mit Gott verbracht habe, in der ich den Blick nach oben gerichtet habe.und darüber nachdenken konnte, was wesentlich ist, und alles beiseite schieben konnte, was unwesentlich ist, und uns nach unten zieht. Während dieser Woche gibt es keine Gespräche, welche die Gedanken auf weltliche Dinge ablenken könnten. Wenn es überhaupt Gespräche gibt, dann nur mit dem Leiter der Einkehrtage, der hilft, das Herz dem Wort Gottes zu öffnen. Inmitten der Sorgen, Pflichten und der Eile des Alltags kommen wir oft nicht dazu, unser Herz dem Wort Gottes zu öffnen. Doch wenn wir still werden und Ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten, dann vernehmen wir, dass Christus an die Tür unseres Herzens klopft und seine Worte in Erfüllung gehen: „So jemand meine Stimme hören und die Tür auftun wird, zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“

Die Umgebung von Mazirbe bietet viele Möglichkeiten, die Einsamkeit der Begegnung mit Gott zu finden. – sei es in dem eigenen kleinen Zimmer, in der Stille des Gartens, bei einem Spaziergang durch den Wald oder am Meeresufer, Ich denke, dass jeder Christ und ganz besonders jeder Pfarrer mindestens einmal im Jahr eine Woche in dieser engen Gemeinschaft mit Christus verbringen sollte, denn der Segen einer solchen Begegnung bleibt nicht nur bei einem isoliert, sondern nimmt Besitz vom ganzen Geist des Menschen, der Seele und dem Leib und erfüllt ihn mit neuer Kraft und mit neuer Freude für den Dienst an Gott und dem Nächsten.

Informationen über die Einkehrstätte und Kontakte

1. Līga Bitmane. Telefon 00371-63423431

Mobil: 00371-29181152

Email: liga.bitmane@lelb.lv

2. Rūta Vilde: Mobiles Telefon: 00371-26463803

Email: ruta.vilde@gmail.com

Beide Damen sprechen englisch und sind bestens über die Aufenthaltsmöglichkeiten informiert. In einem Telefonat, das ich mit Frau Bitmane hatte, sagte sie mir, dass man sich dort über Gäste aus dem Ausland freuen würde.

Bereits geplante Einkehrtage im Jahr 2010.

13-18. Juni: Tage der Stille für Pfarrer und Gemeindeglieder

22.-28. August: Tage der Stille für Pfarrer uns Gemeindeglieder

Im September (das genaue Datum liegt noch nicht fest) Einkehrtage für Pfarrer und ihre Familien

12.-19. Dezember Einkehrtage in der Stille der Adventszeit.

In der Einkehrstätte finden nach einer bestimmten Ordnung Gottesdienste und Andachten statt:

9 Uhr Gottesdienst mit Abendmahl

13 Uhr Mittagsgebet

20 Uhr Vesper.

Sonntags findet in der Kirche von Mazirbe um 14 Uhr Gottesdienst mit Abendmahl statt.

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Der Chor der Kirchengemeinde Talsi trägt künftig den Namen „Amenda“ Inga Reča

Am 18. Apri lfeierte der Chor der Kirchengemeinde Talsi seinen 15. Geburtstag mit einem Konzert „Das Erbe“. Seit diesem Frühjahr trägt der Chor der Kirchengemeinde den Namen „Amenda“. Das sollte keine Großtuerei mit der Geschichte und dem Erbe der Kirchengemeinde sein, sondern nach 15 Jahren ernsthafter Arbeit etwas vom Können des Chores und seines Leiters zeigen. Kann man überhaupt etwas anderes tun als in der Kirchengemeinde, in der der Freund Beethovens und der Lehrer der Kinder Mozarts Pfarrer Karl Ferdinand Amenda 34 Jahre als Pfarrer tätig gewesen ist?

Vom Konzert am Ersten Sonntag im Advent bis zum Liederfest.

Als jemand, welche die ersten Anfänge dieses Chores mit verfolgt hat, kann ich bezeugen, dass der Chor von vorne herein sein Können auf ein sehr hohes Niveau gestellt hat. Als der Pfarrer der Kirchengemeinde Māris Ludviks 1995 aus seinem kanadischen Exil wieder nach Lettland zurückkehrte und seinen Dienst in der Kirchengemeinde Talsi begann, hatte er sich viel vorgenommen. Er wollte nicht, dass der Chor in die Reihe der vielen kleinen Chöre in Kleinstädten gestellt würde, sondern dass er sich von vorne herein um hohe Qualität bemühen sollte. Es gelang dem Pfarrer, die Pädagogin an der Musikschule Talsi Benita Paegle zu überreden, die Aufgaben der Chorleiterin zu übernehmen. Und da Chorleiterin und Pfarrer im Blick auf die Qualität dieses Chores einer Meinung waren, konnten die Proben für das erste Konzert am Ersten Sonntag im Advent beginnen, welches die Gemeinde überraschte und begeisterte. Im Laufe der 15 Jahre seines Bestehens hat der Chor mehrere 100 Konzerte gegeben, nach denen immer wieder unter den Zuhörern die Frage aufkam: „War das wirklich der Chor einer Kirchengemeinde, der heute gesungen hat?“ Diese Reaktion gab es nicht nur bei Leuten der Kirche, sondern ganz besonders überraschte der Chor bei dem Wettbewerb bei dem Allgemeinen Liederfest im Jahr 2001, dessen Zuhörer diesen Chor vorher noch nie und ds zum ersten Mal gehört haben. Von den 60 Chören, die sich diesem Wettbewerb gestellt hatten, gewann der Chor aus Talsi den zweiten Platz.. Darauf folgte im Rahmen von „Riga 800“ 2003 im Dom zu Riga ein geistliches Konzert. Bei dem Liederfest 2008 wurde der Chor eingeladen, im Festgottesdienst im Dom zu Riga anlässlich der Einführung der Staatspräsidentin in ihr Amt, zu singen. Zu großen Erfolgen führten den Chor auch die Dirigenten Normunds Priednieks und Imants Mežaraupis.

Was verbirgt sich hinter den Zahlen?

Einmal im Monat singt der Chor am Sonntagmorgen in seinem Gotteshaus und an anderen Sonntagen ist er bei anderen Kirchengemeinden aber auch im Ausland zu Gast. Während dieser 15 Jahre hat der Chor in 40 Gotteshäusern in Lettland gesungen, war in Schweden zu Gast, mehrfach in Deutschland, den Niederlanden, in Österreich, Dänemark und Finnland. 2009 besuchte der Chor die Landsleute in Irland und 2010 sang er bei dem ökumenischen Kirchentag in München. Seine erste CD „Talsi, die Stadt auf dem Berge“ produzierte der Chor 2002.

Wenn wir alle Einsätze des Chores zusammenrechnen, dann hat er 550 mal gesungen. Das Repertoire des Chores umfasst 375 Stücke, darunter 5 Großwerke vorwiegend von lettischen Komponisten, 10 Kompositionen des Dirigenten Imants Mežaraups sowie 22 Weihnachtslieder..

Während der 15 Jahre ist der Chor zahlenmäßig gewachsen – von 20 auf 52 Sänger und Sängerinnen. 20 von ihnen singen im Chor seit dem Tag seiner Gründung im Jahr 1995 mit. Zu Beginn jeder Saison werden neue Mitglieder geworben. Sie müssen Noten lesen können und Schüler der Musikschule gewesen sein. Der Chor ist auch für heranwachsende eine Möglichkeit, praktische Erfahrungen zu sammeln. Mehrere heute bekannte Dirigenten sind aus diesem Chor hervorgegangen.

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Seit seinem Bestehen arbeitet der Chor auch an seiner Kirchenzugehörigkeit. Alle Chormitglieder sind entweder Gemeindeglieder oder sie bereiten sich auf ihren Eintritt in die Gemeinde vor.

Das musikalische Können.

Mit dem Anwachsen des Repertoires wächst auch der Umfang der Arbeit, denn neben den Werken der Kirchenmusik muss auch das Programm für die Liederfeste einstudiert werden. 1007 wird Chorleiterin Benita Paegle von Normunds Priednieks abgelöst, 2003 folgt ihm Imants Mežaraups nach. Da Imants auch Komponist ist, kommen auch Werke von ihm in das Repertoire. Das umfangreichste Werk davon ist das Oratorium „Wir bauen einen neuen Turm“ für Chor, Streicher und Solisten. Bei dem Wachsen des Könnens des Chores werden die Werke musikalisch immer anspruchsvoller. Jetzt wagt er sich an die Kantate von Lūcija Garūta „Gott, dein Land brennt“ heran (entstanden 1944 kurz vor dem Einmarsch der Sowjetarmee) In der Festschrift zum 15. Geburtstag des Chores schreibt die langjährige Sängerin Ina Poļevska: „Das Einstudieren dieser Kantate dauert sehr lange, ist aber nie langweilig“.. In Talsi erklang diese Kantate zum ersten Mal am 9. November 2008 zum 90. Jahrestag der Unabhängigkeit Lettlands. Die Uraufführung dieser Kantate war am 30. März 1945 . Der Kammerchor „Ave Sol“ unter Imants Kokars hat sie am 14. April 1995 hier gesungen. Weiter schreibt Ina Poļevska: „Wir sind bewegt und begeistert, denn unser Können erwies sich als größer als unsere Zweifel. Wir sind über unsere Dirigenten begeistert und ihnen dankbar, die sich selbst vertrauten und bei ins keine Zweifel aufkommen ließen. Wie ein Bergsteiger, der die prächtige Höhe lange aus der Ferne betrachtet hat, allmählich die Schwierigkeiten des Aufstieges verliert, erreichten auch wir das Ziel.“

Wir empfinden uns immer als Kirchenchor

Die Chorleiterin und gleichzeitig die Seele des Chores Benita Paegle beurteilt diese 15 Jahre im Rückblick, dass dieses ein interessanter und auch komplizierter Weg gewesen sei.. „In dieser Zeit haben wir mehr erreicht als ich am Anfang zu hoffen gewagt hatte. Der Anfang der Chorarbeit war noch recht laienhaft, aber dennoch von Segen. Den Chor nach seinem bisherigen Verständnis weiterzuentwickeln, das vermochte ich nicht, und der neue Weg war riskant und unbekannt. Und dennoch empfanden wir von Anfang an bei unseren ersten Einsätzen die Hilfe einer unsichtbaren Kraft. Wir beteten immer, wir lernten zu beten und Gott zu vertrauen. Als Chorleiterin war es mir immer wichtig, den Mittelweg zu finden, den die beschreiten konnten, die nicht musikalisch hoch gebildet sind und die, welche schon eine lange musikalische Ausbildung absolviert haben. Die Anforderungen dürfen nicht zu niedrig sein, aber auch nicht zu hoch, damit sich keine Unzufriedenheit einstellt. Im Chor bedarf es eines großen gegenseitigen Verständnisses, gegenseitiger Hilfe und großen Vertrauens. Ich denke, dass die Hauptaufgabe des Chores in der Fortsetzung der Arbeit liegt, ungeachtet aller Umstände der Zeit.

Mit Amendas Namenn

Bei der Vorbereitung der Feier des 15. Geburtstages des Chores empfanden wir immer stärker die Notwendigkeit, diesem Chor einen Namen zu geben. „Der Vorschlag Amenda war so überzeugend, dass die Mehrheit des Chores für ihn stimmte,“ berichtet Ina Poļevska. Der Name Karl Ferdinand Amenda ist für Talsi ein wichtiges Merkmal. Obwohl er dort im 19. Jahrhundert – von 1802 bis Anfang 1836 – gewirkt hatte, so wird er doch bis heute als bedeutender Pfarrer und Musiker verehrt. Als Nachkomme einer deutschen Pfarrerfamilie erhält er eine gute musikalische umnd theologische Ausbildung, reist durch ganz Europa, arbeitet als Hauslehrer bei der Familie Mozart. Bei einem Musizieren lernt er Ludwig van Beethoven kennen. Das hat einen regen Briefwechsel zwischen diesen beiden Musikern zur Folge. Bis zum heutigen Tage ist noch ein Brief erhalten, der die Anschrift trägt „An Carl Amenda zu Wirben in Kurland“. Für die Aktualisierung des Namens von Amenda ist dem

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Heimatforscher Juris Jansons zu danken, der über die Beziehung zwischen Amenda und Beethoven eine Dokumentation erstellt hat. Daraus einige Überschriften: „Du kommst mir tausendfach in den Sinn,“ „Wie es zu der Ode an die Freude bei Beethoven kam Beethoven und der Kurländer Amenda.- die Resonanz einer Freundschaft“. Jansons hat auch Nachkommen von Amenda in Deutschland und Schweden besucht, die wiederum öfter die inzwischen zur Tradition hgewordenen Amenda Tage in Talsi besucht haben.. Diejenigen, die schon einmal im Pfarrhof in Talsi gewesen sind, wissen, dass hier Pfarrer Amenda gelebt hat mit seiner geliebten Ehefrau Janette und 13 Kindern. Beide sind auf dem Hügel neben dem Pfarrhof bestattet. Die Ruhestätte der Familie Amenda ist ein beliebtes Reiseziel für Touristen

Geworden. Im Sommer 2002 fanden in Talsi die ersten Amenda Tage statt zu seinem Gedenken und zu seiner Verehrung. In der lutherischen Kirche von Talsi wurde ein Relief von ihm enthüllt. Und nun trägt der Kirchenchor von Talsi seinen Namen.

P.S Bei dem Entstehen dieses Beitrages haben mir meine Amtsschwester in der Zeitung „Die Stadt auf dem Berge“ und eine der Chorsängerinnen seit 15 Jahren Ina Poļevska und Elina Miervalde sehr geholfen, denen ich dafür herzlich danken möchte.

„Wenn ich nichts mehr zum Essen habe, dann werde ich stehlen.“ Inga Reča

Das sagte ein soeben aus dem Gefängnis Entlassener zu Pfarrer Valdis Baltruks. Leider ist das kein Ausnahmefall, dass der Pfarrer solche „Ankündigungen“ fast jede Woche zu hören bekommt. Das einzige Argument, das er dem entgegenhalten kann, ist ein Laib Brot. Manches Mal sind es sogar mehrere, und manches Mal kommt ein Stück Wurst dazu. Das ist heute die beste Botschaft Christi – Lieben und mit dem Anderen Teilen.

Allen etwas geben, welche kommen.

Als ich Pfarrer Valdis Baltruks fragte, wie ich ihn in der Rūjiena iela finden könnte, in der ich noch nie gewesen bin, sagte er mir, dass ich das selbst sehen würde. Als ich mich dem „Büro“ des Pfarrers näherte, sah ich eine Schlange von etwa 50 Menschen. Und das ist so an jedem Mittwoch und Donnerstag. Ganz gleich, ob es regnet oder die Sonne scheint oder ob es minus 20 Grad kalt ist. Gleich ist es 10 Uhr und der Pfarrer verteilt dann Brot. Er unterscheidet nicht zwischen Menschen, die sich in seiner Kartei befinden oder nicht, wenn er genügend Brot hat. Dann bekommt jeder etwas, der gekommen ist. Heute nur je einen kleinen Laib. Nach zehn Minuten hat sich die Schlange aufgelöst, aber seine Sprechstunde dauert drei Stunden. Während dieser Zeit kommen noch einige Dutzende.

„In den Räumen der Gefängnisseelsorge habe ich meine Sprechstunden für die Menschen, die inzwischen aus dem Gefängnis entlassen sind. Ich helfe ihnen, mit ihrer Arbeit zurecht zu kommen oder eine Wohnmöglichkeit zu finden. Offen gesagt – sie werden oft betrogen. Natürlich sind einige von ihnen schräge Vögel, aber sie wissen oft nicht, wohin sie gehen und an wen sie sich wenden sollen. Man sagt ihnen oft, es gäbe für sie keinen Wohnraum – und das ist es dann auch. Ein ehemaliger Gefangener kann noch so oft behaupten, dass dieses seine letzte Möglichkeit sei. Aber wenn auf seiner Karte steht, dass er zu Freiheitsentzug verurteilt sei, dann… — Vor meinen Augen habe ich einige Menschen, die ordentlich aus dem Gefängnis entlassen sind und danach zu „Straßenmenschen“ wurden, weil sie keinen Ort hatten, an dem sie sich niederlassen konnten.. Ich möchte ihnen helfen und gehe zum Wohnungsamt und zeige ihnen, wie sie in diesem Prozess weiter kommen. Sie sind wie große Kinder und sie müssen auch so angefasst werden. Man kann sie leicht betrügen. Sie vertrauen sich leicht irgend jemandem an und verstehen nicht mit Geld umzugehen. Manchen konnte ich helfen,“ sagt Pfarrer Baltruks.

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Dank der „Hanse Bäckerei“ und „Lido“

„Für die Menschen ist es sehr wichtig, dass sie irgendwo Hilfe finden, eine Stelle, von der sie wissen, dass sie einmal in der Woche dorthin kommen können und dass man ihnen dort zuhört..“ Pfarrer Baltruks zeigt mir seine Kartei. Diese enthält Menschen, die aus der Strafanstalt entlassen sind – mit ihrem persönlichen Kennzeichen, ihrer Anschrift, der Grund ihrer Verurteilung. Ich habe auch eine noch größere Kartei, aber die „laufende“ enthält etwa 150 Namen. „Wenn ich Brot verteile, dann kommen Hunderte. Ich habe der „Hanse Bäckerei“ für diese Möglichkeit sehr zu danken, denn sie hilft mir sehr, denn neben den ehemaligen Gefangenen kommen auch Rentner und kinderreiche Familien, denen ein paar Stücke Brot weiter helfen. Wie ich das Brot verteile, hängt davon ab. Wie viel ich habe. An jedem Mittwoch kommen regelmäßig 50 Laib von der Hanse Bäckerei., und an einem Freitag ruft mich Ilze an und sagt: „Valdis, komm her und hol bei uns 1000 Stück ab. Dann fahre ich einen Teil davon nach Koknese und verkaufe sie dort auf dem Marktplatz. Ein Laib kostet 50 Santim, ein anderes Mal erhalte ich großes süß-saures Brot, das 80 Santim kostet. Die Menschen sind glücklich, dass sie dieses Brot bekommen können. Lido bringt mir Fleischwaren einige Dutzend Kilo, die nur für ehemaliged Strafgefangene bestimmt sind. Einmal im Jahr erhalte ich von der Firma Dzintars Seifen und Wasch- und Haarwaschmittel. Über alle erhaltenen Gaben wird sorgfältig Buch geführt. Am Ende des Jahres wird darüber ausführlich berichtet..

Die Gefangenenbetreuung besteht seit 1998. Diese Arbeit wird im Auftrag des Oberkirchenrats der ELKL von Pfarrer Valdis Baltruks durchgeführt, und dieser Dienst wird mit 100 Lat im Monat unterstützt. „Dieser Dienst ist nicht einer der Leichtesten. Dabei ergeht es einem sehr unterschiedlich.,“ sagt der Pfarrer und holt zwei verrostete Messer vom Schrank herunter. „Die hätten auch mich treffen können, aber gut ist es, dass ich es vermocht hatte, mich mit dem Stuhl zu wehren.“

Menschen am Wegesrande.

„Ein völlig normaler Mensch kommt gewöhnlich nicht in das Gefängnis. Ich möchte das nicht von allen sagen, aber viele von ihnen sind psychisch gestört – sie stehlen und vergehen sich auf andere Weise. Es steckt in ihren Genen und bricht dann in verschiedenen Situationen ihre Lebens aus. Dir fällt es doch nicht ein, etwas zu stehlen, aber bei vielen von ihnen gehört es zum Alltag. Psychisch krank ist doch nicht nur jemand, der mit Schaum vor dem Munde herumtobt und schreit. Ihnen kommt das normal vor, was in den Augen der Mehrheit der Gesellschaft unnormal ist.

Es sind Menschen am Wegesrande, an denen die Richtigen meistens vorbei gehen..Und wir wissen nicht, weshalb der Mensch an den Wegesrand geraten ist.. Aber vielleicht hat Jesus einen von ihnen vor unsere Haustür gelegt, um uns zu prüfen, wie wir darauf reagieren.

Einmal wurde ein Versuch veranstaltet. Man suchte Menschen aus, die bereit waren, durch die Wüste zu wandern mit einem Minimum an Lebensmitteln und Wasser. Doch hinter ihnen fuhr ein Wagen mit Wasser und verschiedenen Wohltaten. Und alle diese Menschen hielten den Versuch durch. Alle!! Dadurch wurde bewiesen, dass ein Mensch zugrunde geht nicht deshalb, weil ihm die Mittel zum Überleben fehlen, sondern durch das Bewusstsein, dass er in der Einsamkeit hilflos und allein gelassen ist. Und deshalb bin ich hier. Die Menschen haben in einer Woche fünf schwere Tag, aber an zwei Tagen können die zu Valdis kommen, mit ihm reden und ihm ihr Herz ausschütten, vielleicht einen Rat erhalten und etwas Essbares bekommen. Das ist sehr wichtig. Damit hat ein glaubender Mensch einen Vorteil dadurch, dass er nie allein ist, sondern dass er stets Gott an seiner Seite hat.. Gott ist mit allen, aber wichtig ist es, dass man sich Seiner Nähe bewusst ist.“ Das sind die Gedanken des Pfarrers, ständig unterbrochen vom unermüdlich klingelnden Telefon und von Besuchern.

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Alltagsgespräche

Ich konnte Zeugin sein bei Gesprächen mit ehemaligen Gefangenen und auch mit einem sehr ordentlich aussehenden etwa 20 Jahre alten Mann, der vor wenigen Tagen aus dem Gefängnis entlassen worden ist. Das Gespräch mit ihn schockierte nicht nur mich, sondern auch den Pfarrer, der bereits seit 20 Jahren in der Gefängnisseelsorge tätig ist. Ein Wort gab das andere, und es erwies sich, dass dieser bereits im Kindesalter 9 Straftaten ausgeübt hatte! Alle hingen mit dem Diebstahl von Computern zusammen. Im Gefängnis hatte er nur einmal während der letzten vier Jahre „eingesessen“, denn davor war er noch minderjährig.. Natürlich hat er keinen Beruf und hat die Absicht, sich in das Ausland zu begeben. „Nun ja, dort gibt es vielleicht noch schickere Computer“, sagt der Pfarrer zwischen den Zähnen.. Nein, nein, das eine Mal im Gefängnis hätte ihm genügt. „Vielleicht kann man diesen Knaben noch reparieren, und er spielt jetzt einfach den Gefangenen“, sagt der Pfarrer in seinem übergroßen Optimismus, aber ganz überzeugt ist er davon nicht und große Zuversicht klingt in seiner Stimme nicht mit.. „Ein Amtsbruder sagte mir einmal: Solchen Verbrechern kann ich nie und nimmer helfen! Aber Jesus hatte, als er gekreuzigt wurde, an seiner Seite auch zwei Verbrecher, für die er auch gelitten hatte. Dieses ist ein ganz besonderer Dienst, doch persönlich fühle ich mich viel wohler mit diesen Menschen als mit jenen angemalten Seelen, die an der Macht sind und die vielleicht noch viel größere Verbrechen auf dem Buckel haben.

Diese sind noch jung, aber sie sind ehrlich.

In das Gefängnis kommt der Ramsch der Gesellschaft. Hier habed ich einen ehemals Drogenabhängigen. Als wir miteinander redeten, da erwies es sich, dass er für seine Drogen 20 Lats am Tage brauchte. Ich fragte ihn: „Wo verdienst du 20 Lats am Tage?“ Er sagte: „In den Geschäften stehle ich seit zwei Jahren täglich.“ Zwei Jahre bestahl er die Geschäfte und erst danach hatte man ihn erwischt.

„Einmal kam zu mir jemand, und ebenso wie heute schaute ich auf seine Karte – Diebstahl.“.

Ich fragte ihn: „Was hast du gestohlen?“ Er sagte: „Ich habe Geschäfte beklaut.“ „Und jetzt wirst du doch nicht mehr stehlen?“ Er sagte: „Pfarrer, wenn ich nichts zu essen habe, dann werde ich stehlen.“ Bitte notiere dir diese Worte und unterstreiche sie. Was ist an ein paar Laib Broten großes dran? Was können wir den Menschen schon damit großes geben? Aber vielleicht halten wir damit jemand davon ab, dass er ein Geschäft bestiehlt. Das ist ein kleines Gegengewicht gegen seinen Diebstahl. Denn wenn er nichts zu essen hat, dann wird er sowieso stehlen gehen. Ein Mensch kann ohne vieles auskommen, aber das Essen ist die Grundlage unserer Existenz.. Es ist gut, dass wir auf der Kr. Barona iela das orthodoxe Kloster haben, die Vereinigung der Teresa, die Suppenküchen unserer Diakonie. Ihre Adressen sind den Hungrigen bekannt. Einmal am Tage bekommst du dort eine Mahlzeit und kannst satt werden.

Der Dienst an den Gefangenen als Berufung

Pfarrer Valdis Baltruks hat längst begriffen, dass es seine Berufung ist, diesen Menschen zu dienen. „Manche fühlen sich zum Dienst als Krankenhausseelsorger berufen, und unter denen gibt es wieder welche, die sich besonders der Krebskranken annehmen. Ganz sicher würde ich das nicht vermögen. Es gibt Pfarrer, die ganz besonders für die Arbeit mit Kindern begabt sind. Ich habe einige Stunden lang die Sonntagsschule geleitet, und danach war ich völlig nassgeschwitzt. Ich komme mit Kindern nicht in das Gespräch, aber mit Knaben verstehe ich mich sehr gut. Wenn sie versuchen, mich zu ärger, dann komme ich mit ihnen gut zurecht.

Aber diese Arbeit ist für mich von Segen und es macht mir Freude, wenn ich jemandem etwas geben und ihm helfen kann.“

Als die Gefängnisseelsorge gegründet wurde, waren bei ihr mehrere Pfarrer tätig, doch aus verschiedenen Gründen sind welche aus diesem Dienst ausgeschieden.. „Bei dieser Arbeit

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gibt es einen hohen Anteil an unzufriedenen Kollegen. Ich selbst bin mehrfach bestohlen und betrogen worden, man hat mir meine Tasche, mein mobiles Telefon und Geld weggenommen.

Einmal besuchten mich junge Männer zu Hause und erleichterten meine Frau um wertvolle Bücher. Sie sagten ihr, ich hätte sie beauftragt, ihr zu sagen, dass sie diese Bücher ihnen geben möchte.

Ein anderes Mal wurde ich gebeten, einen Gefangenen in einer Strafanstalt zu besuchen. Ich ging in seine Zelle, und als er mich erblickt hatte, rief er aus: „Ach, der Pfarrer ist gekommen. Was suchst du bei mir? Fang bloß nicht an, mir etwas über Gott zu erzählen!“ Ich sagte ihm: „Ich möchte mit dir nicht über Gott, sondern über das Leben reden.“

Und so fingen wir wirklich an, über seine Jugend zu sprechen, über Scheidewege und Veränderungen, wobei er mit seinem Zug in eine falsche Richtung weiter gefahren ist. Ich habe ihn einige Male besucht. Bei einem meiner letzten Besuche sagte er mir: „Valdis, ich habe möglicherweise Gott gesehen.“ Inzwischen ist er entlassen, und noch heute korrespondieren wir miteinander. Ich kann nicht sagen, dass er inzwischen sehr fromm geworden wäre,. aber er fängt an zu begreifen, was das für eine verändernde Kraft ist, die mich zu ihm gesandt hatte.“
PS. Pfarrer Valdis Baltruks möchte betonen, dass er der Hanse „Bäckerei“ und dem Restaurantunternehmen „Lido“ für ihr Verständnis und ihre große Hilfe sehr dankbar ist, denn ohne die würde ihm sein Dienst viel schwerer fallen.
Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Alksnāja iela 3 .- Riga- LV 1050

E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 28.05.2010))

Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck

Telefon: 04791-13356

E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers

Meinen nachsichtigen Lesern und noch geduldigeren Leserinnen geht die lettische Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“, wie bereits angekündigt, wegen deren neuen Erscheinungsrhythmus von einem Mal im Monat noch seltener als früher zu. Ich habe mir vorgenommen, außerhalb der Reihe immer wieder in die Internet Seite der ELKL hineinzuschauen, und, wenn es dort etwas Interessantes zu lesen gibt ,für meine geduldigen Leser und ausdauernden Leserinnen zu übersetzen und ihnen das außerhalb dieser Reihe zukommen zu lassen. Ich füge dieser Ausgabe den Text der Pfingstbotschaft von Erzbischof Vanags bei, und bitte alle diejenigen, die sie schon bekommen haben sollten, freuindlich um Entschuldigung..

Eine Ergänzung zum Artikel über die Einkehrstätte Mazirbe. Liga Bitmane hat mir nachträglich etwas über die Preise bei einem eventuellen Aufenthalt für Gäste mitgeteilt, die nicht Glieder der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands sind:

Der Aufenthalt in einem Häuschen (mit 5 Schlafmöglichkeiten) kostet pro Tag und Haus 36 Euro. Für jeden, der zu diesen 5 Hausgästen noch dazu stößt, sind 7 Euro pro Tag zu entrichten. Bei einem etwas längeren Aufenthalt sind Ermäßigungen möglich. Könnte es möglich sein, dass jemand aus dem Kreis meiner hoch verehrten Leserschaft vielleicht geneigt ist, diese hier angebotene Möglichkeit zu nutzen? J. B.

Pfingstbotschaft des Erzbischofs der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands

Vor seinem Tod am Kreuz hinterließ unser Herr Jesus Christus ein Testament. Seine Seele befahl er Gott an. Seinen Körper hinterließ er Joseph von Arimathäa zur Bestattung in dessen Grabe. Seine Mutter vertraute er dem Apostel Johannes an. Die Soldaten kamen in den Besitz seiner Gewänder. Aber was vermachte Christus seinen Jüngern, die alles verlassen hatten, um Ihm nachzufolgen? „Den Tröster, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.“ (Joh. 14,17) Einer der Jünger fragt Ihn überrascht: „Herr, was bedeutet es, dass du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt?“ Aus seiner Frage spricht ehrfurchtvolles Erstaunen – die Propheten haben ihn erwartet, Könige wollten ihn sehen, aber du, Herr willst dich nur uns offenbaren, und nicht ihnen, der Welt? Ist das Auserwählt Sein Deiner Jünger wirklich so groß? Tatsächlich ist von den hohen Kirchenfesten der Tag der Ausgießung des Heiligen Geistes vor allem das Fest der Jünger.

Wir Christen sind der Tempel Gottes und der Geist Gottes wohnt in uns. (1. Kor. 3,16) Die Welt empfängt nicht einfach den Heiligen Geist, sondern sie kann ihn überhaupt nicht empfangen, da sie zum Vater in Opposition steht. „Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt “.(1. Joh. 2,16) Die Welt versinkt im Bösen , und das Böse kommt von dem, der ein Lügner und der Vater der Lüge ist. Wie kann dann die Welt überhaupt den Geist der Wahrheit bei sich empfangen? Im Alten Testament lesen wir , dass das Salböl als Symbol des Geistes nach dem Willen Gottes das Blut des Schuldopfers reinigen sollte. (3. Mose 14,17).

Damit wird in der Zeichensprache vorweg erklärt, dass diejenigen den Heiligen Geist empfangen sollen, die durch das Blut des Einen Hohenpriesters geheiligt sind. (siehe Hebräer 10, 14-15) Der fleischliche Mensch begreift und versteht es nicht, was vom Geist kommt. Diejenigen, die nicht von oben her wiedergeboren sind, können das Reich Gottes nicht sehen., aber denen, die an Ihn glauben, die durch Wasser und Geist wiedergeboren sind, sagt Christus: „Ihr kennt den Geist, der ständig bei euch ist und in euch lebt.“ Am Pfingstfest rüstete Christus Seine Jünger mit der Kraft aus der Höhe aus, damit sie die Botschaft von der Versöhnung in die Welt brächten. Doch dadurch erschuf er Seine Kirche zu etwas völlig anderem als die Welt, dass Er ihr den Geist gab, den die Welt nicht zu empfangen vermag.

Daher können wir begreifen, wie besonders wertvoll dieses Geschenk ist. Doch was fangen wir mit ihm an? Die Antwort entnehmen wir dem Testament Christi: „Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren… und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen..“ (Joh. 14, 18+21+23) Jesus redet nicht von einem weit entfernten Gott, der nur schwer ansprechbar und hörbar ist. Er redet von Gott, der bei uns wohnt, der mitten unter uns wirkt wie bei der Erschaffung der Welt und mit uns ruht wie am Sabbat.. Das ist Gott, der Sein Leben mit uns teilt. Für unser Leben bedeutet das etwas ganz Besonderes: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.“

Nach diesem von Gott gesegneten Frieden sehnt sich jeder in dieser von Unruhe zerrissenen Welt.. Die Gegenwart des persönlichen Gottes wünscht sich jeder Christ. Doch es gibt ein Hindernis, das uns noch im Wege steht, und das der Lebenserfahrung eines Christen entspricht. Jesu Verheißung ist auch mit einer Bedingung verbunden: „Wer meine Gebote hat und hält sie, der ists, der mich liebt, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.“ (Joh. 14, 21) Es gibt einen großen Unterschied zwischen den sentimentalen Gefühlen, die wir gegenüber Jesus haben, und der rauen Wirklichkeit. Der Apostel Johannes sagt: „Meine Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“ (1. Joh. 3, 18). Der Glaube ist die Wurzel, deren schöne Blüte und gute Frucht der Gehorsam ist, welcher nicht über die Notwendigkeit stolpert, Opfer bringen zu müssen

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und auf dem Wege nicht stehen bleibt, selbst wenn dieser schwer und finster ist. Durch den Gehorsam gegenüber Christus ziehen die Nähe Gottes, Friede und Freude in unser Leben ein, den die Welt uns weder zu geben noch zu nehmen vermag.

Dennoch kann Gehorsam auch dazu führen, dass er Unsicherheit und Unruhe auslöst. Bin ich wirklich gehorsam? Wie kann ich die Gebote Christi halten, wenn mir schon die Zehn Gebote zu schwer erscheinen? Auch daran hat Jesus in seinem Testament gedacht: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten.“ Das ist keine Aufforderung oder Messlatte, sondern eine Verheißung. Nicht unsere Willenskraft oder Charakterfestigkeit, sondern unsere Christusliebe ist es, die auch den Gehorsam selbstverständlich mit sich bringt. Die Liebe ist als erste Frucht des Geistes nicht unsere Errungenschaft, sondern Werk des Heiligen Geistes. in uns. „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Friede, Geduld, Freundlichkeit und Treue.“ (Gal. 3, 22) Gewiss fühlen wir, dass wir nirgendwo, weder in der Liebe noch im Gehorsam, vollkommen sind. Auch der Apostel Paulus muss zugeben: „Nicht dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage dem aber nach, ob ich es wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin“ (Phil. 3, 12) Selbst der Apostelfürst Petrus konnte die Frage Jesu „Hast du mich lieb?“ nicht damit stolz beantworten, dass er darauf hinwies, dass er in der Stunde der Gefahr standgehalten hätte, sondern nur sagen: „Herr, Du weißt alles, Du weißt, dass ich Dich lieb habe.“ (Joh. 21, 17) Bei dem Gehorsam ist die Voraussetzung der Wunsch, oder wie Paulus es sagt:: „Nun aber vollbringt auch das Tun damit, wie ihr geneigt seid zu wollen, ihr auch geneigt seid zu vollbringen nach dem Maß dessen, was ihr habt.“(2. Kor. 8,11) „Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, uns etwas zuzurechnen als etwas von uns selber; sondern, dass wir tüchtig sind, ist von Gott, der uns tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“ (2. Kor. 3, 5-6)

Oft schätzen wir es nicht richtig ein, wie groß das Geschenk ist, dass uns Gott zu Pfingsten gemacht hat und räumen dem in unserem Leben recht wenig Platz ein, obgleich wir ihm gegenüber eine tiefe, ehrfürchtige und dankbare Bewunderung empfinden sollten. Hier schlägt eigentlich das Herz unseres Lebens. Paulus vergleicht den Alltag eines Christen mit einem Wettkampf. Bei dem geht es nicht um einen Wettbewerb mit anderen um die schönen Dinge dieser Welt. Es ist auch kein Wettlauf, bei dem man mehrere Kontrollpunkte erreichen muss, was notiert wird, und ich dann Gott etwas vorzeigen kann, was eine ähnliche Bedeutung hat wie eine Eintrittskarte in den Himmel. Es ist ein geduldiger Wettkampf mit mir selbst, bei dem ich lernen muss, mich dem Wirken des Heiligen Geistes nicht zu widersetzen. Christus hat uns die Werkzeuge dafür in die Hand gegeben. Da ist zuerst die Abkehr von der Sünde in mir. Dann hat Er Sein Wort und die Sakramente geschenkt und die Möglichkeit mit Ihm zu reden wie mit unserem Vater im Himmel, und das allein oder in der Versammlung der Gemeinde, sowohl ernst in der Stille, als auch lautstark im fröhlichen Lob. Er hat alles vorbereitet und uns zugedacht. Nehmen wir es dankbar an und machen davon mit Freude Gebrauch. Dann schenkt uns der Geist täglich die Abkehr von den Sünden, den Glauben an das Evangelium, die Liebe zu Christus, die Lebensfreude, den Frieden mit Gott, den Menschen und mit mir selbst, und alles, was meine Seele braucht, um glücklich zu sein. Dann wird mein Leben zum Segen für andere und auch für Gott annehmbar, weil es sich die Christusliebe und das Halten Seines Wortes zum Ziel gesetzt hat. Das ist der Sinn des Lebens und der Sieg über die Welt.

Das Pfingstgeschenk Gottes erleuchte uns stets in den Realitäten unseres Lebens und Wirkens

im Alltag.! Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen.

Herzlich grüßt Euch Euer Erzbischof Jānis Vanags (Übersetzung: Johannes Baumann)

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