Verfasst von: liefland | August 3, 2010

2. Sonntag nach Trinitatis Ausgabe Nr. 9 (1836) vom 17. Juni 2010

Wer festen Herzens ist, dem bewahrst du Frieden, denn er verlässt sich auf dich.
Jesaja 26, 3.
Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.
2. Sonntag nach Trinitatis Ausgabe Nr. 9 (1836) vom 17. Juni 2010

Neues Präsidium des Oberkirchenrats der ELKL bestätigt.
In der Sitzung des Oberkirchenrats der ELKL am 26. Mai wurde das neue Präsidium des Oberkirchenrats in seiner jetzigen Zusammensetzung von 5 Mitgliedern bestätigt.
Dazu gehören: Bischof Guntars Dimants, Propst Arnis Bušs, die Pfarrer Dzintars Laugalis. Krists Kalniņš und Aivars Gusevs.
Wie bereits gemeldet, hat das bisherige Präsidium des Oberkirchenrats am 24. März seinen Rücktritt erklärt, nachdem die Pfarrer mehrerer Propsteien ihre Unzufriedenheit mit der Art des Umganges mit den Angelegenheiten der Wirtschaft und der Situation bei der Vergütung des Dienstes der Pfarrer ausgesprochen hatten. Die Sitzungen des Oberkirchenrats werden vom Sekretär des Oberkirchenrats zusammengerufen und geleitet. Mit der Wahrnehmung des Amtes des Sekretärs des Oberkirchenrats wurde Bischof Guntars Dimants beauftragt.

Svētdienas Rīts hat einen neuen Standort Inga Reča
Seit dem 31. Mai dieses Jahres befindet sich die Redaktion von „Svētdienas Rīts“ an einer anderen Stelle. Wenn Sie in der Zukunft unsere Redaktion suchen, dann werden Sie sie in der 1. Etage des Gebäudes des Oberkirchenrats, Maza Pils iela 4, finden. Unser Telefon hat die
gleiche Nummer behalten: (00371) 67224911.
Unsere Redaktion war seit dem 5. November 2001 in der Alksnāja iela 3 zu Hause, und dort haben wir uns sehr wohl gefühlt.

Der kleine Buchladen unseres Verlages ICHTYS GmbH in einzigartigen Räumen.
Inga Reča
Am Freitag, dem 28. Mai wurde die Tür des neuen Buchladens des Verlages unserer Kirche ICHTYS für den Publikumsverkehr geöffnet, der aus den Räumen des Oberkirchenrats in einen soeben renovierten Raum im Hof umgezogen ist und dabei die alte Anschrift Mazā Pils iela 4 beibehalten hat.
Der Buchladen befindet sich jetzt in einem einzigartigen Gebäude, der Kreuzkapelle, welche auf eine 600 Jahre alte Geschichte zurückblicken kann. Das hatte der Architekt Pēteris Blūms sehr interessant skizziert, der das Projekt der Erforschung und Rekonstruktion dieses Gebäudes geleitet hat.
Die an der Südseite der St. Jakobikirche gelegene Kapelle wurde zu Beginn als Andachtskapelle sowie als Kirche der finnischen Soldaten der schwedischen Garnison genutzt. Seit 1625 wurde das Kapellengebäude zu einem Teil des von dem schwedischen König Karl XI gegründeten Lyzeums umgestaltet, der ersten höheren Schule in Riga. Bis in unsere Tage sind mehrere Teile dieser Kapelle aus dem Mittelalter sowohl sichtbar als auch verborgen erhalten Ein eindeutiges Denkmal mittelalterlicher Baukunst ist die Ostwand mit Fragmenten eines Fensters aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Als für lettische Verhältnisse einzigartig kann man Fragmente der Malereien auf der mittelalterlichen Wand im zweigeschossigen Innenraum der Kapelle betrachten.
Die Verlagsdirektorin von ICHTYS Rita Liepiņa dankt allen, die sich an den Restaurationsarbeiten und der Einrichtung des Buchladens beteiligt haben.. Der Raum dieses neuen Geschäftes ermöglicht die Erweiterung der Buchabteilung und der Abteilung für ein Warensortiment für den Bedarf der Kirchengemeinden und bietet auch die Möglichkeit der Begegnung der Autorin dieses Beitrages mit ihren Lesern.

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Der Buchladen ist ab dem 1. Juni werktags von 11 bis 18 Uhr geöffnet und von 13.30 bis 14 Uhr für eine Mittagspause geschlossen.

Ilmārs Krieviņš (1927-2010) in memoriam.
Gott hat Pfarrer Ilmārs Krieviņš mit 82 Lebensjahren, die er von Anfang an bis zu seinem Heimgang im Dienst Gottes verbracht, seiner Kirche angehört und seine vielfältigen Gaben in den Dienst Gottes gestellt hatte, ein langes und geistlich reiches Leben geschenkt.
Ilmārs Krieviņš wurde am 2o. August 1927 als Sohn von Jūlijs und Emilija Marija Krieviņš geboren. Neben ihm wuchsen in der Familie sein Bruder Arvīds und seine Schwestern Lilija und Aina auf.
Sein Vater Jūlijs war Offizier in der lettischen Armee und seine Mutter Krankenschwester. Deshalb fühlte sich Ilmārs Krieviņš sein ganzes Leben lang seinem Volk und Vaterland sehr verbunden. In der Familie wuchsen die Kinder in den Glauben hinein, dem der spätere Pfarrer bis zur letzten Stunde seines Lebens treu blieb.
Bereits nach der Besatzungszeit zog die Familie nach Jelgava, wo Ilmārs die Schule bis zum Abschluss besuchte. Nach der völligen Zerstörung von Jelgava im Zweiten Weltkrieg wird Liepāja zum Mittelpunkt seines Lebens. Sein Vater wurde dort als Polizeipräfekt eingesetzt. In Liepāja studierte Ilmārs am Technikum. Danach war er in mehreren Betrieben als Elektriker beschäftigt.
Als Einwohner von Liepāja beteiligte er sich aktiv am Dienst in der dortigen Dreifaltigkeits- gemeinde, wo er auch dem Kirchenvorstand angehörte. Die Sowjetzeit war für diese Gemeinde sehr schwer. Sehr oft drohten die Behörden mit der Schließung des Gotteshauses. Ganz besonders kritisch wurde die Situation am Anfang der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Damals beteiligte sich Ilmārs zusammen mit dem späteren Pfarrer Kārlis Ozoliņš an der Rettung des Kirchturmes, damit die Machtinstanzen keinen Anlass hätten, dieses schöne Gotteshaus zu schließen. Während dieser Zeit half er vielen Pfarrern in Landgemeinden als Organist. Durch seinen Einsatz in der Dreifaltigkeitsgemeinde lernte er auch seine spätere Ehefrau Helga kennen, mit der er am 13. Februar 1965 den Bund für das Leben schloss. Diese Ehe wurde mit zwei Kindern und später mit vier Enkelkindern gesegnet.
In der Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts war der Pfarrermangel in der lutherischen Kirche Lettlands sehr deutlich zu spüren. Die alten Pfarrer aus der Vorkriegszeit starben weg und nur sehr wenige wollten sich für den Beruf eines Pfarrers entscheiden, denn für einen solchen Entschluss brauchte man sehr viel Mut. Ilmārs fürchtete sich nicht. Deshalb trat er in das Theologische Seminar unserer Kirche ein, denn er war sich bewusst, dass er in dieser schweren Zeit sich dem Dienst in der Kirche zur Verfügung stellen musste, denn es gab kaum noch andere, die das tun wollten. Da der Pfarrermangel damals so katastrophal war, mussten alle im Seminar Studierenden sofort in den Gemeindedienst einsteigen. Dieser zusaätzliche Dienst und seine Arbeit in einem weltlichen Beruf zum Broterwerb zog sein Studium sehr in die Länge. Seine Ordination konnte erst am 3. Oktober 1978 in der St. Annenkirche in Liepāja
stattfinden.
Dieser Pfarrer strebte keine äußeren Ehrungen an. Sehr oft übernahm er den Dienst in kleinsten und in ihrer Existenz bedrohten Gemeinden, auch in solchen, deren Kirchen vom Abriss bedroht waren und denen die Sowjetmacht bereits das Todesurteil gesprochen hatte. Das eindrucksvollste Beispiel dafür ist die Kirchengemeinde Ziemupe. Einge Gemeinde gab es dort fast gar nicht mehr, die wertvolle Inneneinrichtung hatte man in das Museum von Rundāle überführt und der vorherige Pfarrer hatte sich mit der Liquidierung der Gemeinde abgefunden. Doch dann traf Pfarrer Ilmārs Krieviņš ein und versammelte um sich die übrig gebliebenen Gemeindeglieder, und die Gemeinde feierte ihre Auferstehung.

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Sein Pfarrdienst verteilte sich auf viele Kirchengemeinden der Propstei Grobiņa. Es gibt in der Propstei eigentlich keine Kirchengemeinde, in der er seinen Dienst nicht getan hätte.
Besonders große Freude bereitete Pfarrer Ilmārs Krieviņš die Zeit des nationalen Ertwachens,
während der er sich sowohl politisch als auch in der kirchlichen Bewegung „Wiedergeburt und Erneuerung engagierte. Während dieser Zeit war er in mehreren Dörfern der Initiator der Unabhängigkeitsbewegung vor Ort. Zeitweise hat er zu Beginn der 90er Jahre 9 verschiedene Gemeinden als Pfarrer nebeneinander betreut.
Obwohl ihm dieser Dienst große Freude machte, so hinderte ihn sein Alter und eine schwere Krankheit daran, diese Arbeit fortzusetzen. Deshalb ging er 2006 in den Ruhestand. Die schwere Last der Krankheit ertrug er mit Demut und Geduld Am 14. Mai 2010 starb Ilmārs
Krieviņš und wurde am 21. Mai auf dem Nordfriedhof in Liepāja bestattet.
Wir alle hoffen, dass er jetzt die Worte unseres Herrn Christus vernehmen kann: „Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!“

Es wurde der 100 Lebensjahre von vier herausragenden Geistlichen gedacht. Inga Reča
„Jeder von ihnen war in unserer Kirche eine ganz besondere Persönlichkeit. Sie waren sehr unterschiedlich, aber in Einem vergleichbar: Sie waren herausragend, ein jeder auf seinem Gebiet..“ So ehrte Pfarrer Dr. theol. Guntis Kalme seine ehemaligen Lehrer, die hervorragenden Theologen Roberts Akmentiņš,, Roberts Feldmanis, Pauls Žibeiks und Kārlis
Roberts Kalderovskis, die im April ihren 100. Geburtstag gefeiert hätten. Am Samstag, dem 29. Mai hatten sich im Dom und danach im Museum für Schifffahrt und Geschichte ihre einstigen Studenten des Theologischen Seminars und der nach der wiedergewonnenen Selbständigkeit des Landes der Theologischen Fakultät der Universität Lettlands, ihre einstigen Gemeindeglieder, ihre Angehörigen und Leute die diese Persönlichkeiten unserer Kirchengeschichte lebendig erhalten und verhindern möchten dass sie in den Tiefen von Archivschränken verschwinden, .versammelt. In einer Podiumsdiskussion teilten Erzbischof Jānis Vanags und die Pfarrer Aleksandrs Bite und Atis Vaickovskis den Anwesenden ihre Erinnerungen an ihre Lehrer und Amtsbrüder mit.
Roberts Akmentiņš – ein lettischer Patriot mit Rückgrat.
Erzbischof Vanags erinnerte sich an seine Studentenzeit im Theologischen Seminar oder, wie es damals genannt wurde, in den akademischen theologischen Kursen. Sein erstes Treffen mit diesem Rektor des Theologischen Seminars verlief recht ungezwungen, aber doch mit einer psychologischen Berechnung. Jānis Vanags: „Ich war damals noch nicht getauft, als man mich zu Professor Akmentiņš führte, um mich ihm als künftigen Seminaristen vorzustellen. Damals unterrichtete er Religionspsychologie, und er war auch wirklich selbst ein Psychologe! Wir sprachen miteinander und er sagte: „Aber möchten Sie nicht auch ein Buch durchlesen?“ Ich sagte: „Das möchte ich sehr gerne tun.“ Ich nahm das Buch an mich und er fuhr fort: „Können wir, wenn Sie das Buch durchgelesen haben, uns miteinander darüber unterhalten?“ Ich sagte: „Selbstverständlich, weshalb sollten wir nicht darüber sprechen!“ Er wieder: „Wissen Sie, ich gebe Ihnen ein Studienheft. Jetzt setze ich dort noch keinen Stempel ein, aber wenn wir miteinander über das Buch gesprochen haben werden, das Sie gelesen haben, und dieses Gespräch ist zufriedenstellend verlaufen, dann mache ich im Studienheft eine Eintragung, die den gleichen Wert hat wie eine bestandene Zwischenprüfung. Das wird noch nicht viel besagen, aber wenn Sie studieren möchten, dann werden Sie bereits einen Schritt nach vorne getan haben.“.
Der Professor gab mir das Studienheft, und bald war da auch der erste Stempel zu sehen. So geriet ich fast unbemerkt unter die Studenten des Theologischen Seminars. Ich erinnere mich

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an Professor Akmentiņš als an jemanden, der sich um die Studenten sehr aufmerksam und fürsorgend kümmerte.
Professor Akmentiņš war auch einer meiner Vorgänger im Pfarramt der St. Johannisgemeinde in Saldus. Als ich als junger Pfarrer in der Gemeinde meinen Dienst begann, kam der „alte Pfarrer“ extra angereist traf sich dort mit den Leuten der Gemeinde.und redete mit ihnen – und ich schaute hin: alle Frauen hatten Tränen in den Augen. Ich dachte: was mag er ihnen wohl gesagt haben? Dann dachte ich, dass es vielleicht nichts Besonderes war… Und dann begriff ich, dass es nicht darauf ankam, was er sagte, sondern wer er war, und was alle an ihm so beeindruckte. Er hatte in Saldus etwa zehn Jahre gewirkt, die Gemeinde betreut und sie durch die schweren sowjetischen Jahre geführt. Und das war maßgebend dafür, dass den Menschen jedes Wort, das er sprach, so zu Herzen ging. Er war in seinem Herzen auch stets ein lettischer Patriot.“
Pfarrer Atis Vaickovskis und Roberts Akmentiņš waren in einem Vorort von Riga Hausnachbarn. Atis Vaickovskis: „Ich erinnere mich, wie Roberts Akmentiņš seine Dissertationsarbeit über Augusts Saulietis, dem Erbauer des Konfirmandensaales der Neuen St. Gertrudkirche verteidigte – mit dem Referat, dem Korreferat, den kritischen Fragen und allem, was bei einem solchen Anlass öffentlich geschieht. Das war für mich schön und eindrucksvoll! Ich beobachtete das damals und bewunderte alles. Gott erhörte unsere Gebete, und Roberts Akmentiņš wurde Rektor unseres Theologischen Seminars. Er war unser Rückgrat, wenn Winde und Gegenwinde kamen und wir auch nicht von Brüchen bewahrt wurden. Er nahm alles auf seine Kappe. Als 1990 die Theologische Fakultät der Universität wieder zum Leben kam, sagte Rektor Zaķis mit großer Bewunderung: „Ich habe es nie gewusst, dass es so nah bei mir in Lettland akademische Kräfte dieses Formats gäbe!“
Pfarrer Aleksandrs Bite: „Ich kam in das Theologische Seminar in einer sehr seltsamen Zeit. –
im Jahr 1989. Es war eine unruhige Zeit mit vielen Veränderungen. Die Professoren Roberts Akmentiņš und Roberts Feldmanis waren von einem Tag auf den anderen aus ihren Ämtern als Lehrkräfte entlassen worden. Das Seminar wurde von Leuten geleitet, die dem Geschmack des Staates und der damaligen Kirchenleitung entsprachen. Der einzige von unseren heutigen Jubilaren, den man dort noch sehen konnte, war Pauls Žibeiks. Wegen seiner tiefen Demut und Zurückgezogenheit durfte er dort noch bleiben und weiter unterrichten. Als das Seminar wieder neu zum Leben kam, da erinnere ich mich, wie die legendären Persönlichkeiten Roberts Akmentiņš und Roberts Feldmanis wieder zurückkehrten….Wir hatten ihre Rückkehr lange erwartet, denn alle Studenten empfanden die große Ungerechtigkeit, die ihnen dadurch angetan wurde, dass man sie an den Rand schob und an ihrer Stelle andere Lehrkräfte einsetzte, die vielleicht nicht schlecht waren, aber bei den Studenten nur sehr wenig beliebt. Die Rückkehr der beliebten Professoren war etwas ganz besonderes.
Roberts Feldmanis – mit einem globalen Blick nach vorne.
Erzbischof Vanags: „ Ich war einer der frühen Nachfolger und Söhne im Geist von Roberts Feldmanis. Ich erinnere mich an ihn als an einen Priester vom Scheitel bis zur Sohle, als an einen herausragenden Seelsorger und Geistlichen, in dem sich seine Verkündigung, seine Lehre und seine Persönlichkeit zu einer gewaltigen Persönlichkeit zusammenfügten. Man kann sagen, dass Professor Feldmanis in unsere Kirche mehrere Dinge hereingebracht hat, die kein anderer so wiederholen könnte. Damals kamen mindestens 80 % der Theologiestudenten des Theologischen Seminars aus der von ihm betreuten Kirchengemeinde in Mežaparks. Das war wirklich bewundernswert, dass aus der kleinsten Kirche in Riga der größte Teil des Pfarrernachwuchses kam. Wenn damals viele andedre Kirchen sonntags leer blieben, so musste man damals immer in Mežaparks zusätzliche Stühle besorgen.
Professor Feldmanis war fast der Einzige, der sich für das liturgische Erbe der Alten Kirche interessierte und in seiner Gemeinde einführte, und bei den jungen Pfarrern auch die Liebe
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dazu wach rief. Doch ganz besonders interessierte die Jungen seine Persönlichkeit und die Breite seines umfassenden Wissens. Roberts Feldmanis konnte sowohl sehr lebendig in die Heilige Schrift einführen als auch über die indische Küche und die Politik der islamischen Länder berichten. Seine Kenntnis von Fakten war einfach unglaublich umfassend, und wie er diese zusammenzufügen verstand und zu verbinden wusste, das ließ manchen Hörer sprachlos werden.
Kārlis Kalderovskis – der ernste Klassiker.
Jānis Vanags: „An Kārlis Kalderovskis erinnere ich mich als an meinen Dozenten für Homiletik. Ich muss bekennen, dass ich seine Vorlesungen nicht besonders beachtete, denn er lehrte auf eine sehr klassische Weise. Er sagte, dass man die Predigt nach einem Plan vorbereiten sollte, und wenn du mit der Predigt beginnst, dann solltest du sagen, dass wir erstens darüber reden wollten, und zweitens darüber und drittens möchte ich euch darauf hinweisen. Es war so, als ob man eine Diplomarbeit für das Fach Chemie vorbereitete. Ich muss aber bekennen, dass ich in meinem Leben schon viele Predigten gehört habe, wobei ich es dem Prediger im Stillen gewünscht hatte, dass dieser doch beachtet hätte, was Kalderovskis uns gelehrt hatte! Es wäre schon gut, wenn es bei allen frei formulierten Reden ein Konzept gäbe, damit wir verfolgen kötten, was uns der Pfarrer sagen möchte…
Das Faszinierendste an ihm war, von ihm geprüft zu werden. Der Prüfer stellte eine Frage, die man sofort beantworten musste! Er war in der Lage, wirklich alles zu fragen! Als ich von Pfarrer Kalderovskis in Homiletik geprüft wurde, gab er mir eine aufgeschlagene Bibel in die Hand und sagte: „Jetzt bitte einen Predigtplan über den 23. Psalm“ Ich denke, dass nicht einmal alle erfahrene Pfarrer das können, geschweige denn ein grüner Student mit einer nur geringen Predigterfahrung. Ich durfte den 23 Psalm durchlesen und darauf den Predigtplan verkündigen, was natürlich eine große Herausforderung war. Aber irgendwie schenkte es mir Gott, dass ich einen Predigtplan zusammen bekam, was den Prüfer zur Bemerkung veranlasste: „Naja, irgendwie war das sehr gut.“ Später habe ich mich davon gelöst, dass man vor der Predigtvorbereitung bereits einen Plan ausgearbeitet haben müsste. Heute muss ich zu meinem Bedauern sagen, dass es mir sehr leid tut, dass ich bei seinen Vorlesungen nicht besser aufgepasst habe.“
Pauls Žibeiks – mit einem Funken von Demut und Dank.
An Pauls Žibeiks denkt der einstige Seminarist Erzbischof Vanags als an einen sehr liebenswerten und bewundernswert demütigen Menschen zurück: „Die Haltung, die er amliebsten bei seinen Vorlesungen einnahm, war, dass er in einer Ecke am Rande etwas gebeugt stand und sehr leise weise Dinge von sich gab, denen wir Hörer nicht so recht folgen konnten. Gelegentlich riss es ihn dazu hin, Psalmen in hebräischer Sprache aufzusagen.
Trotz seines hohen Alters hat er nie eine Brille benutzt, und als das Seminar in das Haus auf der Deglava iela neben der St. Paulskirche umzog, ging er den langen Weg zum Bus immer zu Fuß. Für uns war es ein Wunder, dass er so sportlich war. „
Pfarrer Atis Vaickovskis erinnert sich, dass Žibeiks Horaz griechisch zitierte. „Diese klangvolle Sprache zu hören, war für uns ein Erlebnis.“
Aleksandrs Bite: „Während meiner ersten Zeit im Seminar hatte ich es vor allem mit Pauls Žibeiks zu tun, denn abgesehen davon, dass damals im Seminar alles ganz anders war, so gab es drei Tage im Monat, an denen die Lehrkräfte ihren Studenten Anregungen geben und ihnen Mut machen wollten. Unter solchen Verhältnissen erschien es völlig unmöglich, sich mit alten Sprachen wie griechisch und hebräisch zu befassen. Ich erinnere mich noch an die Übungen, in denen unser außerordentlich weiser und sprachbegabter Professor uns von Lektion zu Lektion ermunterte: „Brüder, erlernt das Alphabet!“ Natürlich kann man hier nicht von einem akademischen Niveau reden, aber damals wurde in uns der Vorsatz geweckt: Wir werden davon nicht lassen und diesen Funken weitertragen, denn ohne alte Sprachen ist es nicht
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möglich, Theologie zu studieren. Und das führte dann schließlich auch zu wunderbaren Ergebnissen. Trotzdem, dass wir bei dem Studium im Seminar die alten Sprachen nicht vollkommen erlernen konnten so gab es dennoch Menschen, die es konnten. Dank des kleinen Funkens von Professor Žibeiks ist eine neue Bibelübersetzung entstanden, dank des Funkens seiner Demut, den wir mit Dank weitergeben.“
Wenn man unvergleichbares miteinander vergleichen müsste
Aleksandrs Bite: „Man kann diese Hundertjährigen nicht miteinander vergleichen, denn sie waren außerordentlich verschieden. .Professor Akmentiņš war derjenige, der immer wieder auf das Unveränderbare, auf die Tradition hinwies, die in der Zeit der Selbständigkeit zwischen den beiden Weltkriegen ihren Ursprung hatte. Er gedachte immer seiner Lehrer, er zitierte sie und erinnerte sich oft an die Begegnungen mit ihnen. Er war in bestimmter Weise noch das Bindeglied zur Universität in jener Zeit. In gewisser Weise repräsentierte er sie auch noch, ohne dass er dazu noch viel beitragen müsste.
In dieser Beziehung war Professor Feldmanis ganz anders. Er war Pfarrer in jener Zeit, da Akmentiņš alle jene Zeitgenossen gekannt hatte, doch als wir mit ihm über das Evangelium und über das lutherische Erbe sprachen, dann hörte ich sehr oft von ihm den Satz: „Das hat uns niemand gelehrt.“ Er schaute voraus und merkte, was uns noch alles fehlte. Das war es, was die Studenten und späteren Pfarrer zu ihm trieb und sie begeisterte.
Professor Žibeiks ist dagegen ganz eigene Wege gegangen. Diese Wege hat er ganz still und in sich verschlossen eingeschlagen, und ich denke nicht, dass es viele Menschen gibt, die ihn dabei begleiten könnten. Ich habe ehemalige Studenten befragt und dabei erfahren, dass sie ähnliche Empfindungen haben. Seine Welt war weniger interessant und anziehend und gleichzeitig kam ein anderer auch nicht in sie hinein. Wenn wir einen Blick in die Nachschriften der damaligen Studenten werfen, dann hat man den Eindruck, dass sie von Schreibern stammten, die kurz vor dem Einschlafen waren. Bei allen Wünschen, noch mehr von ihm zu ergattern, war es unmöglich, in seine Welt einzudringen. So tief hat er in ihr gelebt! Und dennoch – obwohl er in dieser Abgeschlossenheit lebt, hat er einen so großen Eindruck hinterlassen.“
Alle Redner erkannten, dass diese vier Dozenten einen sehr bedeutenden Teil des Lebens vieler Amtsbrüder verkörperten, oder, wie Guntis Kalme das sagte: „Sie sind unsere alte Garde. Ohne sie sind unser Theologisches Seminar und damit auch unsere nächsten Pfarrergenerationen nur schwer vorstellbar. Heute können wir ihrer als herausragende Vorbilder gedenken und zu ihrem 100. Geburtstag möchten wir zum Gedenken an ihren Dienst ein Buch herausgeben.

Ein Geschenk an Lehrer – ein Buch. Inga Reča
Das zweite bedeutende Ereignis war am 29. Mai die Vorstellung des Buches „Geschichte der Kirche Lettlands“ von Roberts Feldmanis. „Dieses ist ein großartiges Geschenk für Lehrer,“ sagte der wissenschastliche Redakteur des historischen Teiles des Buches, der Dekan der philosophischen und historischen Fakultät der Universität Lettlands Professor Gvido Straube über dieses Buch. Der Forscher der baltischen Kirchengeschichte aus Finnland Jouko Talonen annerkannte, dass diese Männer in jener Zeit, und ganz besonders in den Sowjetjahren, eine bedeutende Rolle spielten. „Sie litten während der Jahre der sowjetischen Unterdrückung, blieben aber als Diener dem Wort Gottes treu,“ sagte der finnische Historiker.
Eine Geschichte, verfasst von einer Legende.
Professor Jouko Talonen, der sich lange Jahre mit der Geschichte der lutherischen Kirche Lettlands befasst hat, hat als sein bedeutendstes Werk seine Dissertation über die lutherische Kirche unter dem Joch des Stalinismus verfasst. Während der Zeit seiner Forschung ist er Professor Roberts Feldmanis mehrfach begegnet., dessen soeben erschienenes Buch Talonen
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als Leitstern durch die lettische Kirchengeschichte bezeichnete, den jemand geschaffen hat, der selbst zu einer lebendigen Legende geworden ist. Das Buch „Geschichte der Kirche Lettlands“ ist nicht ein eigens für diesen Zweck geschaffenes Werk sondern enthält die Manuskripte seiner Vorlesungen, die Roberts Feldmanis in der Theologischen Fakultät der Universität Lettlands gehalten hatte. Der Initiator für die Sammlung dieser Manuskripte war Pfarrer Guntis Kalme, und die Bearbeitung lag in den Händen von Pfarrer Jānis Šmits. Doch das Interesse des Professors ging noch weiter zurück als bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts, als er im Theologischen Seminar Kirchengeschichte zu unterrichten begann. Besonders bedeutend ist dieses Buch auch deshalb, weil Roberts Feldmanis einer der wenigen Letten ist, welche die Kirchengeschichte Lettlands erforscht haben. Vor ihm hat damit Professor Ludvigs Adamovičs begonnen, und sein Schüler Edgars Ķiploks hat diese Arbeit fortgesetzt. Adamovičs schuf für die lettische Kirchengeschichte eine nationale Perspektive; davor war alles in der Hand deutscher Historiker.. „Während der Sowjetzeit war es nicht leicht, auf diesem Gebiet akademisch zu forschen. Feldmanis Aufgabe war es, die Pfarrer nicht in der Forschung auszubilden, sondern auch für die Zukunft der Kirche Sorge zu tragen und Pfarrer auf ihren Dienst vorzubereiten, ohne dabei die akademische Seite aus den Augen zu verlieren. Dieses Buch ist eine Frucht des Schaffens von Professor Feldmanis. Es ist ein Geschenk nicht nur an die lutherischen Studenten, sondern an die Kultur Lettlands,“ hob der finnische Professor hervor.
„Ein perfektes Geschenk für Lehrer! Ich bin darauf wirklich neidisch!“
So emotional bewegt war der langjährige Dekan der historischen und philosophischen Fakultät der Universität Lettlands Professor Gvido Straube, der gebeten wurde, das Amt des wissenschaftlichen Redakteurs dieses Werkes zu übernehmen. „Mit zweierlei Empfindungen habe ich die Vorlesungen von Roberts Feldmanis gelesen: entweder war da geschrieben, was ich längst wusste, oder ich weiß, was dort geschrieben steht. Ich hatte die Ehre, mich mit Professor Feldmanis zu treffen, denn als damaliger junger Absolvent der Universität fiel es mir ein, mit ihm über die Kirchengeschichte Lettlands zu sprechen. Im großen Ganzen stimmten wir mit unseren Überlegungen überein, doch als Professor Feldmanis bei dem 17. Jahrhundert angekommen war zu den sogenannten „guten schwedischen Zeiten“, da ging er in die Luft! Er nannte drei Punkte, die ihn daran hinderten, diese Zeiten als gut zu betrachten. Seine Argumente waren so überzeugend, dass ich mich seitdem auch an sein Konzept halte,“ sagte Dr. hist. Straube. Er hat sich auch bemüht, den besonderen Redestil von Professor Feldmanis beizubehalten. „Es mag sein, dass dieser oder jener Leser sagen wird, hier sei der Redakteur faul gewesen, denn in einigen Kapiteln wiederholen sich die Fakten; aber es war notwendig, diese so zu belassen, damit das Funktionieren der Ideen nicht verloren geht,“ erklärte Professor Straube. Ihn haben mehrere Formulierungen von Roberts Feldmanis in Bezug auf die Geschichte unseres Volkes sehr angesprochen, aber als sehr gewagt betrachtet er Feldmanis Gedanken, dass „das Gedenken an die Vorfahren aristokratisches Gehabe sei“ „Der Schlüssel dazu, dass wir bescheiden sind, um nicht einen noch schärferen Ausdruck zu gebrauchen, liegt bei unserem Defizit an Helden. Es fehlen uns in unserer Geschichte konkrete Vornamen und Zunamen. Lange Zeit waren wir ein Volk von Bauern, uns fehlt unsere Aristokratie, die ja lauter redet als andere.“ Doch es gibt von ihm auch noch andere Auslegungen historischer Fakten, denen Professor Straube sich nicht anschließen möchte, zum Beispiel der viel zu glänzenden Darstellung der Rolle des polnischen Königs Stephan Báthory in der Geschichte Lettlands. „Das Buch ist ein Geschenk nicht nur an die Gesellschaft Lettlands, des Baltikums, Europas und der ganzen Welt, sondern auch an den Autor selbst zu seinem Jubiläum. Dieses ist eins der Bücher, das ich jedem meiner Studenten
zur Lektüre empfehlen werde!“ erklärte der Dekan der historischen und philosophischen Fakultät der Universität Lettlands.

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„Was vermag schon ein Mensch?“
„Das sagen wir ab und an. Wenn wir dieses Buch in die Hand nehmen , dann sehen wir, was ein Mensch vermag! Wir sehen, dass ein Mensch sehr, sehr viel vermag!“ sagte am Ende des Tages der Vorstellung des Buches Pfarrer Guntis Kalme, dem viel Dank dafür gebührt, dass wir heute das Buch von Roberts Feldmanis „Geschichte der Kirche Lettlands“ in die Hand nehmen konnten, und dass es von heute an jedem Studenten und Interessierten zugänglich ist. Er bedankte sich auch bei allen seinen Kollegen, die am Entstehen dieses Buches beteiligt waren, sowie bei den Kirchengemeinden und Privatpersonen für ihre Spenden, die dazu beigetragen haben, dass das Buch das Licht des Tages erblicken konnte.

Drei Zeitspannen
Ansprache von Pfarrer Guntis Kalme, die er am 22. Mayi 2010, dem Gedenktag der baltischen Märtyrer, in der Auferstehungskirche in Riga an der Gedenkstätte der baltischen Märtyrer des Jahres 1919 bei der Öffnung des Buches „Pfarrer, die den Tod erlitten,“ gehalten hat.

„Und sie kamen zu einem Garten mit Namen Gethsemane. Und er sprach zu seinen Jüngern: Setzt euch hierher, bis ich gebetet habe. Und er nahm mit sich Petrus und Jakobus und Johannes und fing an zu zittern und zu zagen und sprach zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet! Und er ging ein wenig weiter, warf sich auf die Erde und betete, dass, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorüberginge, und sprach: Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst! “ (Markus 14, 32-36)
Das Buch, das wir heute aufschlagen, spricht von dramatischen Ereignissen, die vor 91 Jahren geschahen. Einen gewaltsamen Tod erlitten eine Reihe lutherischer Pfarrer kurz vor der Eroberung Rigas am 22.Mai 1919. An diesem Tage, den die Kirche heute als den Tag der baltischen Märtyrer begeht, gedenken wir aller Märtyrer des Jahres 1919, die durch die Bolschewiken ermordet wurden. Nur ein Teil von ihnen wird in dem Buch und auf dem Gedenkstein in der Auferstehungskirche in Riga bei ihren Namen genannt.
Was bedeutet uns dieses Geschehen? Garnichts, wenig, irgend etwas oder viel?
Gewöhnlich versuchen wir, an solche schlimme Ereignisse mit solchen grauenhaften Folgen nicht zu denken, denn dabei wird es uns unwohl, macht uns Angst, und führt uns zur Frage: Wie würde ich mich wohl in einer solchen Situation verhalten und was könnte dann mit mir geschehen?
Die in diesem Buch und auf den Gedenkstein genannten Pfarrer haben standgehalten. Sie wurden ohne Begründung gefangen genommen, man versuchte sie in Angst zu versetzen, sie mussten unmenschliche Verhöre über sich ergehen lassen , viele von ihnen wurden ermordet, aber sie zerbrachen nicht. Man konnte sie nur vernichten, aber nicht zerbrechen. Weshalb? Welches war die Quelle ihrer Kraft? Sie waren doch ebenso wie wir nur Menschen und keine religiösen Superhelden.
Man spricht davon, dass es zwei Lebensweisen gäbe. Bei der einen denkt man an das Überleben oder im Fall vom Wohlstand sogar an das Schlemmen, das vor allem vom vollen Geldbeutel abhängt, und im Falle der Armut oder sogar des Vegetierens von der nackten Existenz. Im zweiten Fall denkt man an das Leben im Blick auf dessen Sinn und Identität, an die Erfüllung eines Auftrages, die sich in einem sinnvollen Dienst verwirklicht Es ist wichtig, wofür wir uns entscheiden und wobei wir konsequent verbleiben.

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In dramatischen Fällen, wie sie in diesem Buch beschrieben sind, wenn im Leben nichts mehr normal verläuft, wenn eine grausame Macht eigenmächtig Menschen ermordet, wenn Menschlickkeit zu einem Fremdwort geworden ist, wenn es für den Menschen anscheinend am besten ist, gar nicht zu existieren, verbleibt nur, sich selbst die schwerste und eigentliche Lebensfrage zu stellen: unterwerfe ich mich oder überwinde ich mich? Unterwerfe ich mich einer groben Macht und erkaufe mir dadurch mein Leben, aber um den Preis eines Wurmes, der mir mein Selbstbewusstsein zerstört und mir das Selbstbewusstseins eines Kriechers hinterlässt, oder versuche ich, meine Angst, meine Befangenheit, meine Aufregung zu überwinden und damit schnell und durch viele Schwierigkeiten hindurch zur Größe meiner Persönlichkeit zu wachsen.? Was tue ich, wenn es nicht mehr möglich ist, sich aus dem Staube zu machen oder sich zu verbergen, wenn du verhaftet bist, eingesperrt und grausam verhört wirst, und es dir deutlich wird, dass deine Chancen weiterzuleben gleich Null sind? – Dann hast du nur noch die Möglichkeit, der zu bleiben, der du bist, – nicht in deiner Menschlichkeit, denn die ist schwach und manches Mal sogar verräterisch, sondern wer du für deinen Gott, für deinen Christus bist.
Sterben müssen wir auf alle Fälle, und weshalb verlassen wir diese Welt nicht, indem wir die Treue dem bekunden, der höher und mächtiger ist als meine Todesangst, der selbst den Tod und das Grab durchlitten hat? Das ist das Höchste, was wir im Glauben erreichen können.
Natürlich müssen wir für das Privileg zu glauben und für unser ganzes Leben einen Preis entrichten. Bezahlen bedeutet, etwas weggeben und dafür etwas anderes bekommen. Wichtig ist dabei, dass sich das, was ich erworben habe, auch wirklich bezahlt macht. Im Falle der im Buch beschriebenen Pfarrer verloren diese ihre Gesundheit, ja sogar ihr Leben. Was erhielten sie dafür? Das, was sie bereits während ihres Lebens im Glauben geschaut haben, das, was es nach diesem Leben geben wird – die göttliche Herrlichkeit, die Gegenwart Christi im Himmelreich, das ewige Leben, das wir Menschen mit Worten nicht zu beschreiben vermögen.
Wenn wir Gefahren und Schrecken begegnen, erblicken wir uns selbst und natürlich auch unseren Glauben – oder ist es nur die Kalkulation nach dem Prinzip „alles ist gut, solange es mir gut geht“ ?
Blicken wir noch einmal auf Jesus im Garten Gethsemane. Er war um sein körperliches, menschliches Leben sehr besorgt, und wär hätte da nicht Anst an seiner Stelle? Doch nur wenige Stunden später sehen wir ihn vor Pilatus stehen und mutig die Wahrheit bekennen, Was war zwischendurch geschehen? Jesus hatte Gott in seinem Gebet diese Worte gesagt: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“
Wenn uns Menschen alles genommen worden ist, dann bleibt uns nur eins – Die Zusage der Gegenwart Christi: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Matth, 28, 20) Im Falle jedes einzelnen Menschen ist dieses „bis an das Ende“ mit Gefahren und Schrecken verbunden, denn das kann auch das Ende des Lebens bedeuten. In diesem Augenblick stehen wir nicht über der Situation mit unserem Geist oder unserer Willenskraft, sondern Jesus richtet uns auf und zeigt uns einen größeren und weiteren Horizont als unsere natürliche Angst vor Schrecken und Gefahren. Nicht zufällig gibt es seine Verheißung „Du wirst noch Größeres als das sehen.“ (Joh. 1, 50) Was ist dieses Größere? Das, was wir in unserem alltäglichen Glaubensleben nicht bemerken, ähnlich wie in unserem weltlichen Alltag, wenn wir auf der Straße sind, und dabei in unserer Stadt die Perlen der Architektur nicht wahrnehmen, weil wir uns mit gesenktem Haupt vorwärts bewegen. Ähnlich eilen wir so durch unser ganzes Leben und wissen zwar, dass es den Himmel und dass es die göttliche Gegenwart gibt, wir aber diesen nicht die erforderliche Aufmerksamkeit widmen, weil wir zu sehr mit unserem eigenen Überleben beschäftigt sind.

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Das Wort Märtyrer bedeutet „Zeuge“ zu sein, einer, der aus eigener Erfahrung etwas aussagen kann und deshalb etwas zu sagen hat: „Ich habe es gesehen, ich bin dabei gewesen, ich bin mir dessen ganz gewiss und kann es bezeugen.“ Auch wir können in diesem Sinne sagen, dass wir Zeugen sind. Im Unterschied zu ihnen haben wir keine furchtbaren, großen und offene Gefahren erlebt. So schlimme Christenverfolgungen oder Kriegshandlungen haben wir nicht durchmachen müssen. Man sagt, dass, wenn die Christen früher den Löwen hingeworfen wurden, sie heute den Mäusen angeboten würden, was heißen soll, dass unser Glaube heute nicht auf so dramatische Weise geprüft würde, dass es aber auch heute noch sehr viele kleine Prüfungen gäbe. An unserem Glauben wird ständig geknabbert. Es gibt keine herzzerreißende Szenen. Der Mensch des Glaubens verblutet langsam, aber unaufhaltsam. Wie bestehen wir die Prüfungen heute? Können uns die in diesem Buch beschriebenen Glaubenserfahrungen dabei helfen?
Im ersten Augenblick könnte man versucht sein zu sagen, dass ihr Beispiel uns nur theoretisch helfen könnte. Doch wenn wir wirklich versuchen wollten, ihre Erfahrung ganz kurz zusammenzufassen, dann kommen wir zu Luthers Aussage „nur Jesus!“
Man sagt, dass die Antwort der Christen auf alle Fragen eigentlich jedes Mal gleich ist: „ Nur Jesus!“ Im ersten Augenblick hört sich das wie eine religiös korrekte Ausrede an, gegen die man nichts einwenden kann, als nur das, dass sie recht abstrakt erscheint.
Wir sind unterwegs auf dem Weg des Lebens und des Glaubens. Unsere Wege, die wir körperlich zurücklegen müssen, sind wie bei den hier im Buch genannten an der Entfernung gemessen sehr verschieden. Der geistliche Weg ist für uns alle gleich lang. – Wir haben drei gleiche Zeitspannen, die so lang sind wie der Abstand vom Kopf zum Herzen – vom bloßen Wissen, dass nur Jesus mein Helfer und Erretter ist bis zur Treue gegenüber dieser Wahrheit und dem täglichen Leben in ihr, jeden Augenblick, in guten und in schlechten Zeiten, in Schwierigkeiten und in der Not. Immer.
Damit können die in diesem Buch und auf der Gedenktafel genannten lettischen und deutschen Pfarrer uns weiterhin Vorbild und Anregung sein Täglich!

Die Verfolgung hat stets drei Seiten Jānis Rožkalns, Mitglied der Nationalen Widerstands-
bewegung, Ehrenoberst und Vorstandsmitglied der Bruderschaft des Drei Sterne Ordens

Die Verfolgung kenne ich nicht nur aus Berichten. Fünf Jahre war ich im Untergrund und in der Nationalen Unabhängigkeitsbewegung waren wir 20 Leute: Jānis Vēveris, Edmunds Cirvelis, Pāvils und Rita Brūvers, Gunārs Astra, Pauls Kļaviņš und andere. Gleichzeitig standen wir auch den wegen ihres Glaubens Verfolgten bei und betrieben eine christliche Druckerei im Untergrund. Dann kamen im Januar 1983 die Verhaftungen und im Herbst der Prozess vor dem Obersten Gericht der Sowjetrepublik Lettland, bei dem wir als „gefährliche Verbrecher gegen den Staat“ zu langjährigen Gefängnisstrafen unter verschärften Bedingungen in Speziallagern des KGB in Sibirien verurteilt wurden.
Von dem Kellergeschoss der Stabu iela wurden wir in das Rigaer Zentralgefängnis in der Matīsa iela verlegt, darauf wanderten wir mehrere Monate lang durch viele Gefängnisse in Russland, bis wir an unseren Bestimmungsort ankamen.- dem streng bewachten Speziallager der Tscheka BC/37 an der Grenze zwischen dem Ural und Sibirien, 3000 km von Lettland entfernt. Dort wurde alles unternommen, um unseren Geist zu zerbrechen und uns dazu zu bringen, uns von unserer Überzeugung und unserem Glauben loszusagen.
Wie entsteht Repression?
Nach meiner Auffassung hat Repression stets drei Seiten Ich bitte zu beachten: Nicht zwei sondern drei Seiten.

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Zuerst gibt es einen vom Satan besessenen Menschen oder eine solche Gruppe von Menschen, in deren Gehirn eine grauenhafte Idee das Licht der Welt erblickt. – das Volk mit Gewalt zu unterjochen, um diesem ihren Willen – in der Gestalt einer teuflischen Idee – aufzuzwingen. Immer gehört dazu auch die Unterdrückung des Glaubens an Gott, und dann, nachdem man selbst zur auserwählten Elite geworden ist, das Volk über viele Jahrzehnte zu verfolgen und aufzuhetzen, zu scheren und zu melken. So waren Stalin, Hitler. Čaušesku, Kim und viele andere Ungeheuer dieser Art.
Doch sie hätten nie etwas vermocht, wenn sie keine Helfer gehabt hätten, und das ist
.zweitens der überwältigend große Teil des Volkes! Den süßen Reden dieser Ungeheuer etwas entgegenzusetzen, dazu fehlte dem Volk ein erleuchteter Geist, Weisheit und Mut, und so konnten sie zu einem Werkzeug in den Händen jener besessener Scheusale werden. Und nur deshalb konnte diese Unterdrückung geschehen, die viele von uns. auch erleiden mussten.
Und dann kommt
drittens der Kreis jener Menschen, die bereits vom Anfang an begriffen haben, wohin die Betrogenen schließlich gelangen. Dieser Kreis hat das Volk ermahnt, diesen Irrwegen nicht zu folgen, aber man hörte nicht auf sie. Deshalb wurden nun, nachdem die Diktatur zur ordentlichen Staatsmacht geworden war, die Mitglieder der Widerstandsbewegung in die Gefängnisse und Lager gesperrt, wo man versuchte, sie zu zerbrechen und zum Schweigen zu bringen.
Jetzt, da nun nach dem Zusammenbruch der Diktatur, Geschichte geschrieben wird, Schuldige gesucht werden und man versucht, aus der Geschichte zu lernen, ist es wichtig, dass das Volk diese drei Seiten erkennt, und sich darauf die ganze Gesellschaft vor den Spiegel stellt und ein jeder seinen Anteil an dieser Schuld wahrnimmt, ihn vor den umgekommenen Opfern bereut und um erst dann, moralisch neu gefestigt, den Weg für den Staat und die Nation zu bauen.
Ist das in Lettland geschehen?
Seien wir aufmerksam! Auch heute werden bereits Wege gebaut für ein neues Regime der Verfolgung, und wieder sind es nur wenige Letten, die davor öffentlich warnen. Dass unsere Gesellschaft wieder auf dem besten Wege ist, sich an Dinge zu klammern, die in das Verderben führen, wie an den von manchen Organisation verkündeten weltweiten Liberalismus, der sich in der Ablehnung von Familie und Sittlichkeit bemerkbar macht. Das ist unmissverständlich eine Etappe auf dem Weg zu einem neuen totalitären Regime, das in einigen Ländern Europas bereits Eingang gefunden hat.
Ihr Lieben, das Gedächtnis an die Opfer der Verfolgung ruft uns auf, doch von der Geschichte zu lernen, wenn wir es wollen, dass unsere Kinder und Kindeskinder in besseren Zeiten leben können, als wir es tun mussten.
Repressionen, auch wenn sie alle voller Schrecken sind, können sich auch voneinander unterscheiden. Viele von euch wurden nach Sibirien verschleppt, ohne dass man sich für eure Überzeugung interessierte. Es genügte völlig, irgendwo in einer Liste zu stehen. Wir standen dagegen in keiner Liste, uns verschleppte man wegen unserer Überzeugung und wegen unseres Kampfes um die Freiheit des Wortes.
Und jetzt lasst uns die Frage des Verfolgung aus einer ganz anderen Perspektive betrachten.
Verfolgung und Unterdrückung sind nicht eine Katastrophe oder ein Unglück im Leben des Verfolgten. Ganz im Gegenteil. Sie sind das Sichtbar Werden der Überzeugung, des Mutes des Verfolgten und der moralische Sieg über die Verfolger. .
Verfolgungen sind gewöhnlich dramatisch, schlimm und gefährlich, aber zu ihren nicht fortzunehmenden Bestandteilen gehören das sonst nirgendwo anzutreffende Aufleuchten des Lichtes. In der Finsternis der Verfolgung stoßen immer zwei verschiedene Welten aufeinander, und dann kommt es zu Funken, und diese Funken sind, wie wir wissen, die Sterne.
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Mein Freund und eins der größten Opfer der kommunistischen Verfolgung, der lutherische Pfarrer aus Rumänien Richard Wurmbrand, der 14 Jahre in den Folterkammern Čaušeskus
in einer Einzelzelle im Keller in der Gesellschaft von Ratten verbracht hat, ist dort zu einem Invaliden geworden, doch nachdem er für westliches Geld freigekauft worden ist und sich im Westen auf einem Rollstuhl voranbewegen konnte, überraschte er die ganze Welt mit seinen Berichten über die wunderbare Gnade Gottes die er erleben konnte, als er im Schatten des Todes gewandelt ist.
Auch meine vier Jahre in den Lagern der Tscheka waren die reichsten Jahre meines Lebens.
Nicht die schönsten, sondern die reichsten. Ich könnte jetzt vieles berichten, was ich bei der Tscheka und in den Gefängnissen erlebt habe, wie es mir gelungen ist, während dieser Zeit meine Bibel zu behalten, wie ich vor einer hoffnungslosen Situation bewahrt wurde, mir wie ein alter Zigeuner etwas zu stehlen als ein „legaler Dieb“. Woraus eine herzliche Freundschaft entstand.
Ghandi hat einmal gesagt, dass es für jeden Menschen wertvoll wäre, wenn er ein paar Jahre im Gefängnis verbracht hätte.
Das Leben im Gefängnis erhält eine andere Intensitat und eine neue Tiefe.
Ich wünsche euch, dass die Erfahrung der Verfolgung und des Gefängnisses euch den Mut der Überzeugung nicht rauben möchte, in jedem Augenblick eures Lebens für die Wahrheit einzustehen, wenn das Herz und der Verstand dir sagen: „Jetzt darfst du nicht schweigen,“ und ihr euch damit den Worten Martin Luthers anschließt: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“
(Ansprache, gehalten am 22. Mai 2010 in der Auferstehungskirche in Riga.)

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Mazā Pils iela 4 – Riga – LV 1050
E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 25.06.2010 )
Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Der letzte Teil meiner Übersetzung enthält Berichte über eine Feier zum Gedächtnis der baltischen Märtyrer des Jahres 1919, unter denen der Name Traugott Hahn wohl der bekannteste sein dürfte. Als ich die Berichte im lettischen Original las, bin ich nachdenklich geworden. Dabei wanderten meine Gedanken in meine Schülerzeit zurück. Damals war der 22. Mai ein in der Öffentlichkeit viel beachteter Gedenktag. Der Unterricht fiel aus und es wurden Gottesdienste zum Gedenken der Märtyrer gehalten. Ich erinnere mich auch an die Nachkriegszeit, die ich nach meiner Entlassung aus britischer Kriegsgefangenschaft in Niedersachsen verbracht habe. Auch damals hielt die deutsch.- baltische Landsmannschaft in der Ruine der Ägidienkirche immer am 22. Mai einen Gottesdienst im Gedenken an die baltischen Märtyrer. Doch das wurde immer weniger, bis schließlich auf deutscher Seite diesem Tag keine Beachtung geschenkt wurde. Vielleicht hatte man ihn vergessen. Und nun finde ich in der lettischen Kirchenzeitung die Berichte von der Veranstaltung einer lettischen Kirchengemeinde zum Gedenken an die deutschen und lettischen Pfarrer, die 1919 wegen ihres Glaubens ermordet worden sind. Die Letten gedenken stellvertretend für uns der

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deutschen Pfarrer unter den Märtyrern des Jahres 1919. Können wir das vielleicht nicht auch als ein Zeichen für eine erfüllte Partnerschaft betrachten? So wichtig die materielle Hilfe ist (ich komme noch an einer anderen Stelle darauf zu sprechen), so wichtig ist für mich die Verbundenheit im Glauben, für die ein solches Gedenken mehr aussagt als es viele Worte vermögen.
Neben der Märtyrer des Jahres 1919 wird in dieser Ausgabe noch an vier bedeutende Theologen der Nachkriegszeit gedacht. Ich habe sie alle persönlich gekannt: Zu ihrem Gedächtnis habe ich auch diesen umfangreicheren Beitrag übersetzt als ein bescheidenes Zeichen meiner posthumen Verehrung dieser großen Persönlichkeiten. Als ich den Beitrag über die Vorstellung des Buches von Roberts Feldmanis über die Kirchengeschichte Lettlands las, fragte ich mich, ob ich nicht auch dieses Werk von ihm übersetzen müsste. Jemand, der seinen 85. Geburtstag schon vor einer ganzen Weile gefeiert hat, muss sich aber allerdings auch die Frage stellen, ob dafür die Spannkräfte noch reichen. Also zur Zeit weder ein Ja noch ein Nein auf diese Frage.
Im Anhang füge ich noch zwei Beiträge hinzu, die nicht aus der lettischen Kirchenzeitung Svētdienas Rīts stammen: Einen Bericht der Revisionskommission der ELKL über die Finanzlage der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, den ich vor dieser Ausgabe von SR übersetzt habe, und einen Artikel von Pastor Martin Grahl, dem Seelsorger der deutschen lutherischen Gemeinden in Lettland, den er für das Gustav Adolf Werk in Leipzig verfasst hat, und den meinem Schriftsatz anzufügen er mir gestattet hat, wofür ich ihm dankbar bin, und den ich nicht zu übersetzen brauche, wofür ich ihm ebenfalls dankbar bin.
Nun folgt noch ausnahmsweise ein weiteres Schreiben Ihres Übersetzers an alle seine Leserinnen von großer Geduld und an alle mit einem langen Atem begabten Leser seiner bescheidenen Übersetzungsversuche

An die hoch verehrten Leserinnen und Leser
der Übersetzungen der lettischen Kirchenzeitung
„Svētdienas Rīts“

Sehr verehrte liebe Leserinnen und Leser!

Dieses Mal ist es eine besondere Bitte, die mich dazu treibt, mich mit einem eigenen Schreiben an Sie zu wenden.
Ich bin oft gefragt worden, was mich veranlasst haben mag, seit über zwanzig Jahren jede Ausgabe der lettischen Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“ ehrenamtlich auszugsweise zu übersetzen und mit der freundlichen Hilfe der Mitarbeiterinnen im Kirchenamt der EKD aber auch anderer kirchlicher Dienststellen (denen ich an dieser Stelle dafür ausdrücklich und herzlich danken möchte) einer von Genf bis Helsinki und noch weiter verstreuten deutsch sprechenden Leserschaft zugänglich zu machen. Die Antwort auf diese Frage fiel mir nicht schwer. Als einer, der in Riga zwischen den beiden Weltkriegen zur Welt gekommen ist, gehöre ich einem Geburtsjahrgang an, der besonders viele Kriegstote zu beklagen hat, zu dem aber auch Altersgenossen von mir gehören, die von den Vertretern der sowjetischen Besatzungsmacht in die Weiten Sibiriens verschleppt wurden und von dort nie mehr zurückgekehrt sind. Dass mir das alles „ohn mein Verdienst und Würdigkeit“ (Luther) erspart worden ist, kann ich bis heute immer noch nicht begreifen, und sehe in diesen Übersetzungen eine Möglichkeit, Gott meinen bescheidenen Dank für diese unbegreifliche Bewahrung auszusprechen Durch meine lettischen Sprachkenntnisse und meine berufliche Einbindung in die lutherische Kirche lag das für mich auch sehr deutlich sichtbar nahe.
SR 9-2010 – 14 –

Nun erreichen uns immer wieder neue Meldungen, dass die lutherische Kirche Lettlands von den Auswirkungen der globalen Wirtschaftskrise besonders betroffen sei. Über dieses Thema finden Sie im Anhang dieser Ausgabe einigen Stoff. Ich möchte Ihnen aber doch mitteilen, dass mich die Chefredakteurin der lettischen Kirchenzeitung wissen ließ, dass man um das Weiterbestehen von SR sehr bangt. Ich habe darüber nachgedacht, ob wir von hier aus nicht dazu einen Beitrag leisten könnten, dass das verhindert wird.
Nach vielen Gesprächen mit guten und vertrauten mir freundschaftlich verbundenen Damen und Herren, die mir dazu Mut machten, wende ich mich an Sie mit der Frage, die gleichzeitig
eine Bitte ist:

Darf ich an Sie mit der Bitte herantreten, sich mit einem freiwilligen Beitrag monatlich oder vierteljährlich oder jährlich an einer Spendenaktion für die lettische Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“ zu beteiligen? Ich nenne dabei keinen bestimmten Betrag, um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, dass es sich hierbei um eine Art von Abonnementsgebühr handeln würde.Dennoch halte ich die Bitte um eine finanzielle Hilfe an die Rigaer Kirchenzeitung für dringend erforderlich. Dedr heutrigen Ausgabe können Sie entnehmen, dass die Redaktion ihre Räume im Haus neben der Reformierten Kirche bereits räumen musste und jetzt recht beengt im Gebäude des Oberkirchenrats untergebracht ist.

Die Spenden bitte ich auf das folgende Konto zu überweisen:

Martin Luther Bund
Kontonummer: 12304
Bankleitzahl: 763 500 00 Sparkasse Erlangen
Zweckbestimmung: Zeitung Lettland

Dabei ist die Angabe der Zweckbestimmung seitens der Spender sehr wichtig, da sonst sehr leicht die Gefahr besteht, dass der gespendete Betrag einem anderen Zweck zugeführt wird, was unbedingt vermieden werden muss.
Mit Herrn Generalsekretär Dr. Stahl vom Martin Luther Bund bin ich überein gekommen, dass wir auf einen sehr genauen Verwendungsnachweis seitens der lettischen Kirchenzeitung bestehen werden. Die Zweckbestimmung hsbrn wir kurz und leicht nachvollziehbar formuliert, da dieses die einzige Zeitung in Lettland sein würde, welche vom Martin Luther Bund eine Beihilfe bekäme.

Nun ist meine Bitte doch erheblich länger geworden als ich es ursprünglich vor hatte.
Die Beiträge im Anhang sagen viel über die dramatische Lage der Kirche in Lettland aus.
Einen barmherzigen Hinweis an alle, denen die Lektüre des Revisiionsberichtes vielleicht zu mühselig sein könnte. Man braucht ihn nicht unbedingt zu lesen, wenn man sich für finanztechnische Dinge nicht übermä0ig interessiert. Dagegen lege ich den Artikel von Pastor Martin Grahl ab der Seite 13 des Anhangs allen Lesern und Leserinnen sehr an das Herz.

In Niedersachsen haben in dieser Woche die Sommerferien begonnen. Ich wünsche Ihnen einige Wochen der Ruhe und Entspannung und bin in alter Verbundenheit weiterhin

Ihr Johannes Baumann

Anhang zu SR 9-2010 – 1 –

Bericht der Revisionskommission der ELKL über die finanzielle und wirtschaftliche
Lage im April 2010
Gedanken über die Haushalterschaft.

Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott;wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. Wer sich aber der Obrigkeit widersetzt, der widersetzt sich der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu. Denn vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, so wirst du Lob von ihr erhalten. Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut. Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht. So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt, Zoll, dem Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt. Seid niemand etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.. (Römer 13, 1-10))
Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen? Damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann’s nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten, und sagen: dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann’s nicht ausführen. Oder welchen König will sich auf einen Krieg einlassen gegen einen anderen König und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob der mit Zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit Zwanzigtausend? Wenn nicht, so schickt er eine Gesandschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden. So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein. Das Salz ist etwas Gutes; wenn aber das Salz nicht mehr salzt, womit soll man würzen? Es ist weder für den Acker noch für den Mist zu gebrauchen, sondern man wird’s wegwerfen. Wer Ohren hat zu hören, der höre! (Lukas 14, 27-35)
In diesen Schriftstellen finden wir die Wurzeln der heutigen finanziellen Sackgasse. Erstens sind der Preis für die Jüngerschaft die Schwierigkeiten des Lebens, die jeder Jünger überwinden muss. Zweitens kann dieser Kampf mit den Schwierigkeiten dieser Welt nur dann Erfolg haben, wenn wir niemandem etwas schuldig bleiben als nur das, dass wir einander lieben. Die Wirtschaftsverwaltung und das geistliche Leben der ELKL haben das in vergangenen Zeiten deutlich bestätigt. Gehälter zu zahlen, von denen man wirklich leben konnte, war nur ein kleiner Teil der Kirchengemeinden in der Lage, und der größte Teil der Pfarrer lebte von Spenden ihrer Gemeinden und von der Arbeit ihrer Hände. Die Früchte ihrer Arbeit waren, der Situation der jeweiligen Gemeinde entsprechend, sehr verschieden, und. unterschieden sich in den Gemeinden wesentlich voneinander.
Das Unvermögen kleiner Kirchengemeinden, miteinander über die örtliche Aufteilung des Dienstes des Pfarrers überein zu kommen und die Konzentration der Glieder der ELKL auf große Kirchengemeinden in den Städten schufen eine Situation, die dazu führte, dass gemeinsame Ziele und freundschaftliche Verbindungen zwischen den Geistlichen und auch

Anhang zu SR 9-2010 – 2 –

zwischen den Kirchengemeinden verloren gingen. Jede dieser Einheiten kämpfte für sich selbst und war bemüht, die eigene Existenzberechtigung abzusichern.
Die Abwicklung der Fragen für das Gehalt und die Soziale Absicherung für Geistliche (im folgenden abgekürzt GSAG) sah vor, die finanzielle Ungleichheit bei der Vergütung der Geistlichen auszugleichen und den größten Teil der Pflichten der Kirchengemeinden bei der Absicherung des Lebensunterhaltes der Geistlichen zu übernehmen. Bei sorgfältiger Berechnung der finanziellen Möglichkeiten wurde ein System entwickelt, das die Aufgabe hatte, das Geld zu beschaffen für das Wirken von GSAG. Zu der Zeit wurden aber nicht sachgemäß die Möglichkeiten anderer Entwicklungen und die Bereitschaft der Jünger (auf allen Ebenen) , das eigene Kreuz zu tragen, in den Blick genommen – einander zu lieben und zu ehren trotz der Ungleichheit bei den Eigentumsverhältnissen oder im geistlichen Reifungsprozess.
Aber die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung, und das betrifft alle – vom Bischof bis zum schlichten Gemeindeglied. Das Salz – unsere brüderliche Gemeinschaft – war bereits verdorben, ehe wir es mit Geld wieder zu verbessern versuchten. Unser Versuch, „einen höheren Turm und eine größere Kirche mit gut bezahlten Hirten zu erbauen, brachte nur unser eigentliches Problem an das Tageslicht – unser Unvermögen miteinander einig zu werden, unser Unvermögen einander zu vergeben und damit unser Unvermögen, im Glauben zu beten.
Damit ist die Zeit gekommen, noch einmal miteinander zu beraten, ob es unsere derzeitige Kapazität zulässt, einander zu bekämpfen (nebenbei zur Freude der Welt), und, wenn es noch nicht angefangen hat, dann „eine Gesandtschaft zu schicken und um Frieden zu bitten.“
Wir müssen es lernen, andere Standpunkte anzuhören und sie zu beachten, auch wenn diese uns nicht gefallen. So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid.: Steuer, dem Steuer gebührt; Zoll, dem Zoll gebührt, Furcht, dem Furcht gebührt: Ehre, dem Ehre gebührt. Seid niemand etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt, denn wer den anderen liebt, der hat das Gesetz erfüllt… sonst bleiben wir Sklaven unserer Sünde.

I DIE SITUATION DER FINANZENWIRTSCHAFT DER ELKL IM APRIL 2010.

Am 22. April 2010 trafen sich die Revisoren der ELKL Andris Sekste, Uģis Treilons, Martins Samms und Iveta Ilsuma mit dem zur Zeit geschäftsführenden Sekretär des Oberkirchenrats der ELKL Guntars Dimants, dem Leiter des Eigentumsdezernats Romāns Ganiņš, der Buchhhalterin Iveta Adītāja, dem Leiter des Finanzdezernats Hans Jensson und der Assistentin des Leiters des Finanzdezernats Līga Dolace.
Am 28. April 2010 nahmen die Revisoren der ELKL Andris Sekste und Martins Samms an der Sitzung des Kapitels der ELKL teil, und die Revisoren Martins Samms und Uģis Treilons trafen sich mit dem Direktor von „Pastorat“ GmbH Ainis Ozoliņš
Die Revisoren der ELKL stellten am 22.04.2010 auf dem Konto der ELKL einen Restbetrag von 370 000 fest.
Im Bezug auf den Haushalt des Oberkirchenrats für das Jahr 2010 stellten die Revisoren fest, dass die Situation unverändert unbeständig ist. Es wird weiterhin versucht, die Ausgaben zu reduzieren. Deshalb nehmen die Revisoren der ELKL den Haushaltsplan für das Jahr 2010 zur Grundlage, welchen sie vom Leiter des Finanzdezernats am 22.04.2010 erhielten.
A FINANZPLAN
Die vom Oberkirchenrat geplanten Einnahmen : 2900 353 Lats. Diese Einnahmen setzen sich aus zwei Posten zusammen: Einnahmen aus geistlicher Tätigkeit: 150 000 Lat, und Einnahmen der kirchlichen Immobilienagentur „Pastorat“ GmbH: 140 000 Lat.
Anhanz zu SR 9-2010 – 3 –

Vom Oberkirchenrat der ELKL geplante Ausgaben: 410 351 Lats. Nachstehend die wichtigsten Posten der Haushaltsausgaben:

* Bischofskanzlei in Riga: 100 534 Lat
* Bischofskanzlei in Liepāja 29 342 Lat
* Bischofskanzlei in Daugavpils 30 350 Lat
* Kapitel 27 058 Lat
* Kanzlei des Oberkirchenrats 111 391 Lat
* Jugendzentrum 18 877 Lat
* Lutherakademie 89 190 Lat
* St, Gregorschule 30 000 Lat
* Einkehrstätte Mazirbe 9 993 Lat
* Die übrigen Ausgaben werden von den Dezernaten erstellt,

Das Haushaltsdefizit wird für das Jahr 2010 auf 320 351 Lat eingeplant. Am 28.04.2010 wurde dem Kapitel zur Kenntnis von dem Finanzdezernat der Haushaltsentwurf vorgelegt, der Einnahmen von 290 000 Lat und Ausgaben von 590 929 Lat vorsieht, und mit einem Haushaltsdefizit von 300 029 Lat abschließt.

B. UMSETZUNG DES FINANZPLANS
Am 01.01.2010 belief sich der Restbetrag auf dem Konto der ELKL auf 145 132 Lat. Dieser Restbetrag vermag es nicht, die entstehenden Kosten der Arbeit der ELKL und von GSAG abzudecken, .nicht einmal kurzfristig. Deshalb befand das Kapitel die Aufnahme eines Kredits für notwendig, um dem geistlichen Personal den Abbruch der Vergütung seiner Arbeit durch GSAG zu ersparen, sowie die Tätigkeit des Oberkirchenrats wenigstens mittelfristig zu garantieren.
° Im Februar 2010 wurde ein Darlehensvertrag mit privaten Stellen sbgeschlossen und die ELKL erhielt 420 000 Lat. Der Kredit wurde gegen die Verpfändung der zum Verkauf zum Preise von 2,3 Million Lat angebotenen Immobilie in der Elizabetes iela 4 gewährt und im Wert von 18,2 % des Marktwertes empfangen. Dieser Kredit ist unverhältnismäßig negativ im Verhältnis zur Sicherheit bewertet, die in keiner Weise den vernünftigen Bedingungen auf dem Markt entspricht.
° Zur Zeit der Revision wurde die Tätigkeit des Oberkirchenrats der ELKL als auch von
GSAG aus Kreditmitteln finanziert.
° Die Kreditrückzahlungen betragen 5950 Lat im Monat.
° Aus der Sicht der Revisoren der ELKL müssen die Kreditrückzahlungen in den Teil der Ausgaben des gemeinsamen Haushalts des Oberkircherats als besonderer Posten der Ausgaben eingefügt werden.
° Die entliehenen Finanzmittel garantieren die Tätigkeit des Oberkirchenrats der ELKL bis zum Monat Juli 2010, für die weitere Tätigkeit des Oberkirchenrats der ELKL fehlen nach den Angaben des Leiters des Finanzdezernats bis zum Ende des Jahres noch 120 000 Lat

C MASSNAHMEN ZUR VERRINGERUNG DER AUSGABEN IM HAUSHALT
° Die Zahl der Angestellten der Kanzlei ist um 7 Personen verringert worden. 3 Angestellte verließen ihre Arbeitsstelle aus persönlichen Gründen, 4 wurden mit der Begründung der Notwendigkeit der Verringerung der Zahl der Angestellten entlassen
° Zur Zeit der Revision wurde die Verringerung der Zahl der Angestellten unterbrochen mit der Begründung der Notwendigkeit einer sorgfältigeren Analyse der Funktionen der Angestellten. Die Revisoren der ELKL stellten fest, dass vor der Entlassung der Angestellten
Anhang zu SR 9-2010 – 4 –

weder bei den Angestellten der Kanzlei des Oberkirchenrats noch bei der obersten Geistlichkeit der ELKL etwas zur Herabsetzung ihres Gehalts geschehen und dadurch eine unethische Situation bezüglich des Verständnisses des Prozesses der Verringerung der Ausgaben entstanden ist.
° Die Revisoren der ELKL nahmen bei der Sitzung des Kapitels Vorschläge zu den künftigen Möglichkeiten der Herabsetzung der Gehälter der Angestellten der Kanzlei des Oberkirchenrats und der obersten Geistlichkeit zur Kenntnis sowie sachliche Begründungen, weshalb die Reduzierung der Gehälter der übrigen Angestellten und der obersten Geistlichkeit der ELKL nicht rechtzeitig stattfand
° Die Ausgaben im Haushalt 2010 waren, verglichen mit denen des Jahres 2009 um 363 387 Lat bezw um 37% geringer, verglichen mit dem Jahr 2008 mit dem Betrag von
669 830 Lat bezw. um 52 %, was als bedeutend großer Rückgang der Ausgaben zu bewerten ist.

Die Revisoren der ELKL fassten die wirkliche Ausführung der Haushalte des Oberkirchenrates der Jahre 2004 bis 2009 und den geplanten Haushalt des Jahres 2010 zusammen, was nachstehend wiedergegeben wird.

ÜBERSICHT ÜBER DIE EINNAHMEN UND AUSGABEN DER ELKL VON 2004 BIS EINSCHLIESSLICH 2010 IN LAT

JAHR RESTBETRAG AUF EINNAHMEN AUSGABEN HAUSHALTSDEFIZIT
DEM KONTO
——————————————————————————————————–
2004 198 000 407 180 209 180
——————————————————————————————————
2005 1 939 108 448 833 599 796 150 963

2006 1 788 145 500 135 1 024 996 524 861

2007 1 263 284 515 048 1 234 173 719 125

2008 530 000 218 890 1 280 181 1 061 291

2009 151 000 307 523 973 738 666 215

2010 1 451 132 290 000 610 351 320 351
SUMME 2 478 429 6 130 416 3 651 986

Einschließlich des für das Jahr 2010 geplanten Haushaltsdefizits beträgt das gesamte Haushaltsdefizit des Oberkirchenrats der ELKL seit dem Jahr 2004 3 651 986 Lat oder nach Prozenten 59 %. Das für das Jahr 2010 geplante Defizit beträgt nach Prozenten 52,4 %. Dazu kann man feststellen, dass sich seit 2004 mit dem Haushaltsdefizit von 50 % nicht viel verändert hat. Die oben erwähnten Haushaltsdefizite entsprechen in ihrer langjährigen prozentuellen Aussage nicht den Prinzipien einer normalen Finanzwirtschaft.
Der Haushalt der Jahre 2009 und 2010 entspricht auch nicht dem Plan, den die Synode beschlossen hatte, als sie bereit war, GSAG zuzustimmen.

Anhang zu SR 9-2010 – 5 –

Das angesammelte Haushaltsdefizit von 3 651 986 Lat wurde gedeckt von angesammelten Mitteln der ELKL, die bis Anfang 2005 1 939 108 Lat betrugen sowie durch von der Kirche der Missouri Synode zur Verfügung gestellten Kreditmittel in der Höhe von 1 320 117 Lat sowie im Jahr 2010 durch ein Darlehen aus privaten Mitteln in der Höhe von 420 000 Lat.
Der Oberkirchenrat der ELKL beschloss in seiner Sitzung in Saldus folgendes zu den Prioritäten der Verwendung der Finanzmittel:: 1. Die Rückgabe überhöhter Kredite. 2. Die Absicherung der Deckung des Haushaltsdefizits einige Monate im voraus. 3. Teilweise Rückgabe der Kredite an die Investitionsfonds. 4. Verwirklichung. wünschenswerter Vorhaben.

D FESTSTELLUNGEN DER REVISIONSKOMMISSION BEZÜGLICH DER EFFEKTIVITÄT VON GSAG
° Anfang Februar waren die von der Missouri Synode gewährten Kredite, die für die Arbeit von GSAG gewährt waren in der Höhe von 1 664 511 Lat verausgabt.
° Zur Zeit der Revision wurde die Tätigkeit von GSAG aus Mitteln des letzten Darlehens der ELKL von 420 000 Lat sowie aus Einzahlungen der Kirchengemeinden finanziert
° Im Rahmen der Revision nahmen die Revisoren am 22.04.2010 die vom Finanzdezernat erstellte Übersicht über den Geldfluss zur Kenntnis, der ab dem Juli 2010 vorsieht, dass GSAG ohne Defizit tätig ist, das heißt, dass GSAG nur so viel ausgibt, wie viel die Gemeinden zur Vergütung der Geistlichen eingezahlt haben.
° Auf die bisherigen Weise wird GSAG nur bis zum Juli 2010 tätig sein können. Danach kann die Tätigkeit von GSAG auf diese Weise nicht mehr fortgeführt werden.
° Die Vertreter der Revisionskommission waren auch bei der Sitzung des Kapitels zugegen, bei der die neue Arbeitsweise von GASG ab dem 1. Mai 2010 beschlossen wurde, wobei die Einzahlungen der Gemeinden an GSAG und zusätzliche Einzahlungen in den zentralen Fonds von GSAG die Grundlage bilden.

E AUSNUTZUNG DES DARLEHENS DER MISSIOURI SYNODE
Die Revisionskommission stellte bezüglich der Ausnutzung des Darlehens der Missouri Synode fest:
° Insgesamt wurden von der Missouri Synode 2 984 628 Lat eingenommen, von denen für den Bedarf des Oberkirchenrats 1 320 117 Lat und für GASG 1 664 511 Lat ausgegeben wurden.
° Ab dem 15. Januar 2012 muss das Darlehen bis zum Jahr 2018 mit Zinsen an die Missouri Synode zurückbezahlt sein.

F DIE SITUATION BEI DEM VERKAUF VON IMMOBILIEN
Zur Situation der Immobilien der ELKL stellt die Revisionskommission fest:
° Im Jahr 2009 hat die ELKL zwei dem GASG Fonds zur Verfügung gestellte Grundstücke verkauft:
1. Ein Stück Land der Kirchengemeinde Ādaži von 0,5 ha für 12 000 Lat
2 Ein Stück Land der Kirchengemeinde Ikšķile von 0,3958 ha für 50 000 Lat
° Im Jahr 2010 wurden von der Kirchengemeinde Ropaži 30 % von den eingenommenen Beträgen für den Verkauf von Immobilien (für ein Stück Land in der Größe von 6,5 ha für 130 000 Lat) an den GASG Fonds gezahlt.
° Das Haus in der Elizabetes iela 4 in Riga wurde an Privatpersonen verpfändet, um ein Darlehen von 420 000 zu erhalten Zur Zeit der Revision hattes dieses Haus einen Marktwert von 2,3 Millionen Lat.
Anhang zu SR 9-2010 – 6 –

° Das Gebäude Domplatz 1 in Riga wird zur Zeit der Revision zum Verkauf angeboten. Mit dem Käufer verhandelt man über einen Kaufpreis von 3,5 Millionen bis 4 Millionen Lat. Im Jahr 2008 war der Schätzwert 2,2 Millionen Lat.
° Das Gebäude Antonijas iela 3 in Riga wurde zur Zeit der Revision zum Verkauf angeboten. Der Vertrag mit der Latvijas Biznes Banka belief sich auf 5,5 Millionen Lat, kam aber nicht zu Stande. Mögliche Lösungen:
° Der Verkauf des ganzen Gebäudes für 4 Millionen Lat
° Der Verkauf des von der Latvijas Biznes Banka angemieteten Teiles für 2,8 MillionenLat
° Abschluss neuer Mietverträge für 8 Euro/qm als realistischste Variante

° Das Gebäude Kalēju iela 8 in Riga, Marktwert 0,9 Millionen Lat. Gegenstand eines Gerichtsverfahrens mit dem Verband der Brüdergemeinden.
° Das Gebäude Lapu iela 17 in Riga wurde verpfändet für den Bedarf der Luther Akademie wegen der vom Staat bestimmten Garantien zur Akkreditierung als Hochschule. Der Wert beträgt 0,6 Millionen Lat. Dieses Gebäude wurde nicht beliehen.

Insgesamt hat das Eigentumsdezernat der ELKL 179 von der ELKL und den Gemeinden an GASG zur Verfügung gestellten Besitztümern für einen gemeinsamen gegenwärtigen Marktwert von 27 657 880 Lat zum Verkauf ausgeschrieben. Bisher wurden 3 Besitztümer im Wert von 192 000 Lat = 0,007 % – verkauft. Ein Darlehen wurde nicht aufgenommen.
Weiterhin sind alle von den Gemeinden zur Verfügung gestellten Besitztümer juristisch im Besitz der Gemeinden

G DIE LEITUNG DER FINANZ- UND WIRTSCHAFTSVERWALTUNG
Während der Zeit der Revision ist das Präsidium des Oberkirchenrats der ELKL in seiner vollen Besetzung von seinem Amt zurückgetreten. Bis zur Berufung eines neuen Präsidiums wird das bisherige Präsidium des Oberkirchenrats der ELKL in seiner bisherigen Besetzung dessen Pflichten geschäftsführend wahrnehmen.

II FRÜHERE FESTSTELLUNGEN UND EMPFEHLUNGEN DER REVISIONSKOMMISSION

A Die Situation der Wirtschaft und Finanzen der ELKL muss als kritisch bezeichnet werden. Das System der Wirtschafts- und Finanzverwaltung steckt in einer Krise, vor deren Entstehung die Revisionskommission der ELKL seit dem Beginn des Jahres 2007 mehrfach gewarnt hatte.

1 Die Revisionskommission erinnert nachstehend an die wesentlichsten Befunde und Empfehlungen aus dem Bericht der Revisionskommission der ELKL an die 23. Synode der ELKL im Jahr 2007. Alle Zitate sind diesem Bericht entnommen.
* Für das Jahr 2004 waren Einnahmen von 198 900 Lat vorgesehen, davon 56 500 Lat auf die Weise von Zinsen aus Depositen. Die geplanten Ausgaben betrugen 407 180 Lat. Damit überstiegen die Ausgaben die Einnahmen um 51% (was ein Haushaltsdefizit von 51 % zur Folge hatte). Insgesamt beurteilte die Revisionskommission das Finanzverfahren als unübersichtlich und schwerfällig, uneffektiv und sehr in die Breite gehend. Die Finanzsituation des Jahres 2005 ist im Blick auf den Haushalt als progressiver zu beurteilen. Der Haushalt war leichter zu überblicken und zu verstehen. Größere Aufmerksamkeit wurde den allgemeinen Bedürfnissen geschenkt und nicht so sehr der Administration..Im Jahr 2005 wuchsen die Einnahmen von 198 900 Lat im Jahr 2004 auf 448 833 Lat im Jahr 2005
Anhang zu SR 9-2010 – 7 –

prozentual um 56 % an, und die Ausgaben um 37 %. Im Jahr 2006 betrugen die Einnahmen 500 135 Lat, die Ausgaben 1 263 284 Lat. Damit überstiegen die Ausgaben die Einnahmen um 51 %, ebenso wie im Jahr 2004. Gegenüber dem Jahr 2004 wuchsen die Einnahmen um 60 % an, und die Ausgaben auch um 60%. Die angesparten Finanzmittel gingen von 1 939 108 Lat Ende 2004 auf 1 263 284 Lat Anfang 2007 zurück. Damit verringerten sich die angesparten Finanzmittel um 675 824 Lat oder um 35 %.
* Die Revisionskommission hat zuerst den Auftrag, die Fakten festzustellen und zweitens daraus die Folgerungen zu ziehen. Die Zahlen beschreiben die Situation damit, dass seit dem Jahr 2004 weiterhin keine eindeutige Verbesserung der Finanzsituation stattgefunden hat, die Ausgaben übersteigen die Einnahmen um 51 %, die von der ELKL angesparten Finanzmittel verringern sich um 35%, verglichen mit dem Jahr 2004. Daraus musste die Revisionskommission schließen, dass das Finanzsystem der ELKL weiterhin nicht genügend effektiv funktioniert.
* Für den Haushalt 2007 werden Einnahmen in der Höhe von 341 092 Lat geplant und Ausgaben von 1 132 077 Lat, von welchen für die Kanzlei 194 780 Lat, für die Dezernate 897 831 Jat, für dem Kārlis Irbe Fonds 39 466 Lat bestimmt sind. Das Finanzdefizit beträgt 790 985 Lat und der Rest der Geldmittel 152 321 Lat.
* Nach Informationen, welche die Revisionskommission erhalten hat, soll künftig, das heißt ab 2008, das Defizit aus klar prognostizierten verkauften unrentablen Besitztümern der ELKL in Riga gedeckt werden. Auch muss an den Hinweis des Leiters des Finanzdezernats Artis Eglītis erinnert werden, dass die bisher angesparten Mittel aus Geschäften mit Immobilien der ELKL stammen, die bereits vor der 21. Synode, d.h. vor dem Jahr 2004 abgeschlossen wurden.
* Wir setzen uns auf das entschiedendste für eine vollständige Offenheit im Tätigkeitsbereich der Dezernate Eigentum und Finanzen ein, erstens innerhalb der ELKL auf jedem Gebiet, und zweitens in der Verantwortung gegenüber der Botschaft, welche wir in die Welt hinaustragen sollen. Wenn der gemeinsame Besitz der ELKL nach einer ungefähren Schätzung 100 Millionen Lat wert ist, dann können wir der Welt gegenüber darauf stolz sein, dass Gott den vergangenen Generationen von Gläubigen so geholfen hat.
* Gleichzeitig rufen wir die Synode zu einem aktiven Handeln in der Zukunft auf. Es ist an der Zeit, vom Ausarbeiten irgendwelcher Strategien zum pragmatischen, praktischen Handeln überzugehen, Beschlüsse zu fassen und diese in der Praxis des Lebens viel aktiver umzusetzen. Welche Lösungen können wir dabei anbieten?

B Empfehlungen im Jahr 2007 für die künftige Finanzwirtschaft und Verwaltung der Immobilien

* Die Revisionskommission der ELKL empfiehlt, die Dezernate für Finanzen und Besitztümer mit Persönlichkeiten zu besetzen, die Erfahrung haben mit der Verwaltung der Finanzen und Besitztümer, und sich über deren Richtigkeit ein Urteil bilden können, und die sich auch für Standpunkte entscheiden können, welche sich von denen der jetzt Regierenden unterscheiden. In den Dezernaten muss eine viel größere Vielfalt der Ansichten vertreten sein als bisher, um eine Konzentration der Finanzmacht nicht zuzulassen, deren Anzeichen die Revisionskommission schon in ihren Anfängen deutlich bemerken konnte.
* Bei der Beratung des künftigen Planes für die Verwaltung des Besitzes (Entwicklung eines strategischen Planes Variante B für die Entlohnung und soziale Absicherung der Geistlichen) muss die Frage der Verantwortung unmissverständlich geklärt sein. Wer verantwortet konkret in welchem Stadium die Ausführung des Planes? Außerdem muss
Anhang zu SR 9-2010 – 8 –

der Plan bis in die Nuancen eindeutig sein und vorsehen, was in einer Situation geschehen muss, in der das geplante Modell nicht funktioniert und zum erwarteten Ergebnis führt., wie das in der gegenwärtigen Situation der Fall ist, in welcher der Plan für die künftige Wirtschaft und Verwaltung des Besitzes sich nur auf eine großzügige und ungefähre Schätzung des Wertes des Besitzes stützt.
* Es muss Abstimmungen geben über konkrete Arbeitspläne, welche klar definierte Ziele, Aufgaben, Namen und Vornamen der Personen enthalten, die für die Ergebnisse der Arbeit, die genaue Einhaltung der Termine und die zahlenmäßig festgelegten messbaren Ziele die Verantwortung tragen. Solche erstellten Pläne finden unsere Unterstützuung. Dennoch müssen die Pläne auch das vorher Geleistete berücksichtigen, worauf in einem zusammenfassenden Prüfungsbericht einzugehen ist

Bei der Zusammenfassung aller oben erwähmten Revisionen zu Beginn des Jahres 2007 kam die Revisionskommission der ELKL zum Beschkuss, dass
° das Finanzsystem der EJKL seit dem Jahr 2004 weiterhin nicht effektiv genug funktioniert.
° das Finanzdezernat unter der Leitung von Sekretär Artis Eglītis darauf hinwies, dass das Finanzdefizit im Jahr 2008 durch die Einnahmen aus dem Verkauf eindeutig benannter unrentabler Immobilien in Riga gedeckt werden würde. – Tatsächlich wurden aber 2010 rentable Immobilien zum Verkauf angeboten, um die Finanzkrise zu lösen.
° die Revisionskommission der ELKL zu einer vollständigen Offenlegung der finanziellen und wirtschaftlichen Situation aufforderte
° die Revisionskommission der ELKL empfahl, bei den Beratungen auch Standpunkte zu berücksichtigen, die sich von den im Jahre 2007 und danach Regierenden unterschieden, und sich für eine Vielfalt der Ansichten einsetzte
° die Revisionskommission aufforderte, einen viel genaueren und bis in das Detail gehenden Plan für die Entlohnung der Geistlichen zu erstellen und dabei alle Risiken zu berücksichtigen
° die Revisionskommission sich für die persönliche Verantwortung der Zuständigen im Finanzwesen und in der Eigentumsfrage aussprach.

C Die Revisionskommission der ELKL erinnert an die wesentlichsten Erkenntnisse und Empfehlungen im Bericht der Revisionskommission für die 24. Synode der ELKL im Jahr 2008. Im Bezug auf die allgemeine Finanzsituation der ELKL stellen die Revisoren
fest:
1. Im Haushalt des Jahres waren als Einnahmen 403 324 Lat geplant; tatsächliche Einnahmen: 515 048 Lat; geplante Ausgaben: 1 367 624 Lat; tatsächliche Ausgaben: 1 234 123 Lat.
2. Bei der Untersuchung der Art und Weise des Zustandekommens dieses Beschlusses im Oberkirchenrat entstand der Eindruck, dass die 2007 beschlossenen Entscheidungen für den Haushalt 2008 nicht zu Stande gekommen sind auf Grund eines völligen Verständnisses des gesamten Finanzierungsbedarfs für das Jahr 2008.

a. Im Dezember 2007 wurde der Oberkirchenrat zu einer Sitzung zusammengerufen, in der
der Haushalt für das Jahr 2008 mit geplanten Einnahmen von 362 014 Lat und geplanten
Ausgaben von 2 747 745 Lat genehmigt wurde.
b. Im Februar 2008 wurde der Oberkirchenrat zu einer Sitzung zusammengerufen, in der dem Oberkirchenrat die Notwendigkeit mitgeteilt wurde, die Ausgaben im Haushalt 2008 von den im Dezember 2007 beschlossenen 2 747 745 Lat auf 1 920 230 Lat zu reduzieren. In der gleichen Sitzung wurden auch die Richtlinien für die Haushalte des Oberkirchenrats für die Jahre 2008 bis 2018 beschlossen.
Anhang zu SR 9-2010 – 9 –

c. In der Sitzung des Oberkirchenrats der ELKL im April 2008 wurde die endgültige Fassung des Haushalts 2008, gültig ab dem zweiten Quartal 2008, genehmigt, mit Einnahmen von 331 482 Lat, und um 651753 Lat auf 2 095 992 Iat reduzierten Ausgaben.
d. Auf Grund des oben erwähnten schließen die Revisoren, dass noch im Dezember 2007 die
wahre Situation der Finanzen der ELKL nicht zur Kenntnis genommen wurde – oder genauer, dass für das Jahr 2008 noch immer kein vollwertiges Modell für eine Finanzierung des Jahres 2008 erstellt worden ist.
e. Im Jahr 2008 drohte bei einem unveränderten Finanzsystem die ELKL schwerstens von Liquiditätsproblemen gefährdet zu werden.
f. Die Veränderung des Finanzierungsmodells des Oberkirchenrats der ELKL wurde erst durchgeführt, als die Finanzen die absolut kritische Grenze erreicht hatten.

D Unter Berücksichtigung der bei der Revision getroffenen Feststellungen und mit dem Ziel, das Wirken des Oberkirchenrates zu verbessern, sind untenstehend Empfehlungen der Revisoren wiedergegeben.

1. Bei künftigen Haushaltsplanungen müssen die Merkmale der Realisierung des Haushalts Vorjahres ausgewertet und eine Erforschung der Ursachen dafür durchgeführt werden,dass die Realitätt des Haushaltes nicht dem Haushaltsplanung entsprach, und das Ergebnis dieser Untersuchung bei der Aufstellung des neuen Haushalts berücksichtigt werden.
2. Auf das Genaueste ist die Zweckdienlichkeit für jedes Haushaltsjahr und für jedes Gebiet neu zu beurteilen, damit dem Bedarf entsprechend im Rahmen des ganzen Finanzierungsmodells der ELKL Reserven für die Ausgaben erstellt werden können.
3. Der Oberkirchenrat und die Leiter der verschiedenen Abteilungen müssen, wenn Beschlüsse gefasst werden sollen, die für die ELKL mit Ausgaben verbunden sind, die realen finanziellen Möglichkeiten der ELKL zur Kenntnis nehmen und im Fall der dringenden Notwendigkeit das Finanzdezernat um die dafür erforderlichen Informationen bitten. Zusammenfassend: Die Mitglieder des Oberkirchenrats müssen aktiver von der Finanzlage der ELKL Kenntnis nehmen und diese begreifen.
4. Wenn infolge eines Beschlusses des Oberkirchenrats der ELKL negative Folgen entstehen
(z.B. Entrichtung einer Vertragsstrafe an ein Kreditinstitut) , dann müsste auf die Möglichkeit einer solchen Folge im Vertragsentwurf hingewiesen und im Vertrag selbst bestätigt werden, um dann bei dem Abschluss des Vertrages zusätzliche finanziell ungünstige Folgen und Risiken abzuwenden.

Bei der Zusammenfassung des oben stehenden- Berichtes der Revisionskommission Anfang des Jahres 2008 ergeben sich für die Revisionskommission folgende Folgerungen:
° Bei dem Beschließen des Haushatsplanes der ELKL für das Jahr 2008 hatte die Leitung der Finanz- und Eigentumsverwaltung der ELKL keine Vorstellung vom Bedarf bei einer Gesamtfinanzierung.
° Wenn man das bisherige Finanzsystem unverändert beibehält, dann droht das Finanzsystem der ELKL in Liquiditätsprobleme zu geraten
.° Die Revisionskommission der ELKL fordert zur Bildung von Finanzreserven auf.
° Die Revisionskommission der ELKL fordert auf, wirtschaftliche Beschlüsse nur zu fassen, wenn sie der finanziellen Realität entsprechen.

Anhang zu SR 9-2010 – 10 –

E. Die Revisionskommission der ELKL bringt die wesentlichsten Feststellungen aus „Gutachten über das Finanzjahr 2008 der ELKL und Beurteilung der dort festgestellten Entwicklungen und Tendenzen für das Jahr 2009“, Riga, den 9. August 2009.

(2) Weiterhin gibt es trotz der von den Erkenntnissen bestimmten Empfehlungen der Revisoren 2008 noch immer kein einheitliches und eindeutiges Abrechnungssystem, mit dem die Leiter der verschiedenen Arbeitsgebiete ihren Rechenschaftsbericht über die von ihnen geleistete Arbeit und ihren Haushalt dem Oberkirchenrat vorlegen könnten

(3) Den Revisoren wurde bestätigt, dass den von ihnen in Ihrem Bericht 2008 ausgesprochenen Empfehlungen Aufmerksamkeit geschenkt wurde, und dass sie entsprechend untersucht und in der Praxis der Arbeit der Verwaltungsinstitutionen der ELKL umgesetzt werden.

(4) Die Arbeit der Verwaltungsstellen der ELKL wurde im Jahr 2008 durch die globale Finanzkrise schwer betroffen. Ihre Folgen sind auch heute zu spüren, und es ist damit zu rechnen, dass wir sie noch lange Zeit spüren werden. Da in Lettland der Immobilienmarkt zum Stillstand gekommen ist, war es der ELKL nicht möglich, die in den Haushaltsplan eingeplanten Einkünfte aus dem Verkauf von Immobilien zu erhalten. Nach der Ansicht der Revisoren wird diese Situation mindestens bis 2011 so bestehen bleiben.

(5) Der Geldmangel hat die ELKL genötigt, ab Mitte des Jahres 2008 ihre Ausgaben zu reduzieren. Doch dabei möchten die Revisoren betonen, indem sie auf ihre Erkenntnisse in ihren Berichten aus den Jahren davor hinweisen, dass die Reduktion der Ausgaben schon eine lange Zeit davor hätte begonnen werden müssen, indem man sie verantwortungsvoll mit den Einnahmen in das Gleichgewicht gebracht hätte. Zu den heutigen Verringerungen der Einnahmen im Haushalt ist es auf Grund des Drucks von außen her gekommen und nicht durch die Umsetzung einer langfristigen professionellen Planung der Haushaltspolitik

(6) Die gegenwärtige Finanzplanung geschieht nach der Entwicklung des Defizits und der Kreditfristen bis zum Jahr 2019. Die den Revisoren vorliegenden Varianten von Finanzmodellen sind nach der Ansicht der Revisoren unbegründet optimistisch und stützen sich auf eine unkontrollierbare Erfüllung der Bedingungen (Einzahlungen der Gemeinden und Immobilienverkauf) Die den Revisoren zugänglichen Modelle der Entwicklung der Kreditbestimmungen und der Bestimmungen für die Deckung von Defiziten sind nach der Auffassung der Revisoren nicht als zu verantwortende Schritte der Verwaltungsstellen der ELKL zu betrachten, besonders in der heutigen Situation, in der die ELKL keine klaren Vorstellungen darüber hat, wie sie ihre jetzigen Kredite tilgen wird. Schon bei der Höhe der heutigen Verbindlichkeiten sehen die geplanten Modelle der ELKL für die Finanzentwicklung auf jeden Fall Schulden bis zum Jahr 2019 in der Höhe von bis zu mehreren Millionen Dollar vor!

(9) Bei der Überprüfung der Ordnung der Beschlussfassung im Oberkirchenrat entsteht weiterhin der Eindruck, dass die im Oberkirchenrat von 2008 bis Anfang 2009 gefassten
Beschlüsse im Bezug auf die Ausgaben nicht zustande gekommen sind dadurch, dass alle Stimmberechtigten vollständige Kenntnis hatten von der Finanzsituation im Augenblick der Abstimmung. Den Revisoren ist bekannt , dass der Oberkirchenrat bereits in der zweiten Hälfte des Jahre 2008 hätte Beschlüsse fassen müssen über eine viel wesentlichere Reduzierung der Ausgaben

Anhang zu SR 9-2010 -11 –

(10) Bei ihrer Revision haben die Revisoren weiterhin den Eindruck einer viel zu optimistischen Einstellung bei der Finanzplanung, denn die Ausgaben im Haushaltsplan gehen nicht von den real zur Verfügung stehenden Finanzmitteln aus, sondern von irgendwelchen geplanten Immobiliengeschäften, deren Zustandekommen und Durchführung terminlich völlig ungeklärt ist und welche die ELKL nicht beeinflussen kann. Gleichzeitig ist erkennbar, dass die ursprünglichen Termine solcher geplanten Immobiliengeschäfte bereits längst verstrichen sind. Wenn diese geplanten Immobiliengeschäfte nicht zu den von der ELKL ordentlich geplanten Terminen stattfinden können, dann erscheint Ende 2009 für die ELKL eine endgültige Finanzkrise möglich.

III ERKENNTNISSE UND EMPFEHLUNGEN AUS DER AKTUELLEN SITUATION

Bei der Durchsicht der Berichte der oben erwähnten Revisoren der ELKL für die 23. und 24. Synode, sowie der Erkenntnisse vom 3. August 2009 mussten wir feststellen, dass die Revisionskommission die Kirchenleitung der ELKL seit der Synode 2007 ununterbrochen vor einem für die Revisoren unbegreiflichen und falschen Verwaltungssystem für die Finanzen gewarnt hatten. Die Befürchtungen der Revisionskommission sind bestätigt worden.
DIE REVISIONSKOMMISSION DER ELKL HÄLT ALLE OBEN AUFGEZÄHLTEN ERKENNTNISSE UND EMPFEHLUNGEN FÜR AKTUELL UND ERINNERT DARAN; DASS DAS STÄNDIGE IGNORIEREN DER ERKENNTNISSE UND EMPFEHLUNGEN DER VON DER SYNODE GEWÄHLTEN REVISIONSKOMMISSIONEN DER ELKL DAS MISSTRAUEN GEGENÜBER DER KIRCHENLEITUNG DER ELKL VERTIEFT.

Erkenntnisse der Revisionskommission: :
1. Die Finanzkrise der ELKL wurde verursacht durch eine falsche und nicht zu begreifende bisherige Leitung der Finanz- und Wirtschaftsverwaltung seit dem Jahr 2004
2. Die Finanzkrise wurde durch eine dauerndes liberales für eine Kirche nicht zu akzeptierendes Finanz- und Wirtschaftssystem verursacht:
a. das dauernde über seinen Verhältnissen Leben und die Möglichkeit, Schulden zu machen, führte zu einem Haushaltsdefizit von 50%
b. das Zulassen übermäßiger und unvernünftiger Risiken und das Fehlen jeder Kalkulation eines Risikos.
3. Die Krise der ELKL wurde nicht durch die globale Krise, die Krise des Staates Lettland, sondern durch die bisherige Leitung der Finanzverwaltung der ELKL ausgelöst. Weshalb werden manche Länder, Unternehmen, Familien mit dieser Krise viel leichter fertig als andere? Die Antwort finden wir bei den verschiedenen Arten des Wirtschaftens.

EMPFEHLUNGEN DER REVISIONSKOMMISSION DER ELKL
1. Die Revisionskommission ist entschieden gegen eine unverhältnismäßig hohe Aufnahme von Anleihen, bei denen der Wert des verpfändeten Besitzes den Wert des Betrages der Anleihe um ein mehrfaches übertrifft. Die Leiter der Abteilungen für die Finanz- und Eigentumsgeschäfte müssen daran erinnert werden, dass die ELKL kein
Darlehen aufnehmen kann wegen des nicht vorhersagbaren Geldwertes , und das nicht einmal von respektablen Kreditinstitutionen wie Banken, geschweige denn von Kreditinstitutionen zweifelhaften Rufes oder von Privatpersonen, wie das 2010 geschehen ist. Ist die Herkunft dieses Geldes wirklich geklärt, dann stehen diese Gelder oft nicht in Verbindung mit Geschäften. welche die Kirche nie akzeptieren kann, und oft sind diese Finanzmittel nicht versteuert usw.
Anhang zu SR 9-2010 – 12 –

1. Das voraussichtliche Defizit im Haushalt des Oberkirchenrats wird ab Juli bis zum Jahresende etwa 120 000 Lat betragen und muss abgetragen werden, dass der Ausgabenanteil im Haushalt des Oberkirchenrats monatlich um 20 000 Lat in den Ausgaben verringert oder durch den Verkauf von Immobilien ausgeglichen wird.
2. Die Geistlichkeit muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass Zuschüsse zum Arbeitslohn aus dem zentralen GSAG Fonds nur möglich sein werden, wenn diese im Haushalt von GASG kein Defizit verursachen.
3. In der nächsten Zukunft muss das Wirken von GASG nach dem Prinzip verlaufen, dass die Höhe eines Zuschusses aus dem zentralen GASG Fonds von der Qualität der Arbeit der Geistlichen abhängt.
4. Die Gehälter der Angestellten der Kanzlei des Oberkirchenrats und der obersten Geistlichkeit müssen solidarisch zu den anderen Abzügen und entsprechend den Aufgaben und der bisherigen Vergütung verringert werden.
5. Dringend und umgehend sind die Vollmachten und die Vergütung des ehemaligen Sekretärs des Oberkirchenrats zu überprüfen. Es gibt weder eine moralische noch eine juristische Begründung dafür, dass der betroffenen Person nach dem Eingang seines Entlassungsgesuches immer weiter das bisherige Gehalt berechnet und bezahlt wird.
6. Ganz genau sind die Prioritäten der Prinzipien bei der Verwendung der Finanzen einzuhalten:
a. Rückzahlung überhöhter Kredite
b. Absicherung der Deckung des Haushaltes einige Monate im voraus
c. Teilweise Rückzahlung des Kredits oder Weitergabe an Investitionsfonds
d. Verwirklichung wünschenswerter Vorhaben
7. Zweite Priorität – die Absicherung des Haushaltsausgleichs ist einige Monate im voraus zu klären, nur unter der Voraussetzung, dass es nicht möglich ist, die Ausgaben im Haushalt zu reduzieren
8. Mit der Zweckbestimmung der Verminderung der Ausgaben keine Funktionen doppelt
besetzen und die Ressourcen von „Pastorat GmbH“ voll nutzen, und dabei das Eigentumsdezernat auflösen und dessen Vollmachten an „Pastorat GmbH“ übertragen.
9. Der Verkauf rentabler Immobilien ist sofort einzustellen
10. In die Verwaltung von „Pastorat GmbH“ ist einer der Bischöfe zu berufen, um eine lückenlose Kontrolle der Tätigkeit von „Pastorat GmbH“ von der Seite der Geistlichkeit der ELKL zu garantieren
11. Die aus Immobiliengeschäften eingenommene Geldmittel müssen bestmöglich investiert werden, um aus den Zinsen höchstmögliche Einnahmen zu erzielen. Einnahmen aus Immobiliengeschäften dürfen nicht in die normale Geldbewegung des Haushalts eingefügt, sondern nur die Zinseinnahmen dürfen dort investiert werden.
12. Ab 2011 ist ein defizitfreier Haushalt des Oberkirchenrats der ELKL und von GASG
vorzulegen
14. Im künftigen Geschäftsverlauf ist nur ein Haushalt ohne ein Defizit langfristig
möglich. Die Einführung dieses Grundsatzes empfiehlt die Revisionskommission der 25. Synode zur Abstimmung vorzulegen. Die 25. Synode muss grundsätzlich beschließen, ob es der ELKL gestattet ist, mit einem Defizit zu wirtschaften oder nicht, und wenn ja, dann in welchem Umfang, und wer für die ordnungsgemäße Durchführung die verantwortliche Persönlichkeit ist.

Die Revisoren Andris Sekste, Martins Samms, Iveta Ilsuma, Uģis Treilons

Anhang zu SR 9-2010 – 13 –

In der Übersetzung verwendete Abkürzungen
ELKL – Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands
GSAG Fonds für das Gehalt und die Soziale Absicherung der Geistlichen

Von Sparzwängen und der Notwendigkeit zu einem Kurswechsel
Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Lettland steckt in einer tiefen Krise

von Martin Grahl

Lettland ist eines der Länder, die von der Wirtschafts- und Finanzkrise besonders schwer betroffen sind. In der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands (ELKL) führen die Sparzwänge zu erheblichen Einschnitten. Der Haushalt der Kirche für 2010 musste korrigiert und um 45 Prozent gekürzt werden. In der Pfarrerschaft regen sich Widerstände gegen die Kirchenleitung. Martin Grahl, Pfarrer der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in Riga analysiert, wie die Kirche in diese Krise geraten konnte.
Es begann sehr verheißungsvoll. Weil die meisten Kirchgemeinden der etwa 40 000 Mitglieder zählenden Nationalkirche Lettlands ihre Pfarrer nur sehr unzureichend entlohnen konnten, suchte man nach einem einheitlichen Gehaltssystem. Der Plan war einfach und schien schlüssig: Besonders die ländlichen Gemeinden außerhalb Rigas, hatten Schwierigkeiten ihren Pfarrern ein Gehalt zu zahlen. Die Menschen dort verdienen einfach zu wenig. So sollten nun die ererbten Äcker und Immobilien aller Gemeinden es ermöglichen, die Pfarrgehälter mit Hilfe einer gemeinsamen Institution zu sichern und auszugleichen. Man nutzte die 1995 gegründete GmbH „Pastorats“, um einen gemeinsamen Gehaltsplan zu realisieren. Dazu mussten die Gemeinden 30 % ihrer Immobilien dieser GmbH überschreiben. Die Synode gab 2008 dafür grünes Licht.
Um den Plan abzufedern und ihm eine schnelle finanzielle Grundlage zu geben, benötigte man einen finanziellen Grundstock: einen Kredit, den man ohne zu große Zinsen mit der Zeit wieder zurück zahlen könnte. Diesen Kredit in Höhe von sechs Millionen Dollar bewilligte die Missouri-Synode aus den USA. Diese freute sich darüber, in der ELKL einen Partner gefunden zu haben, der mit ihr u.a. die Ablehnung der Ordination von Frauen teilt.
Da wenigstens die Hälfte der Pastoren ihren Lebensunterhalt außerhalb ihrer pastoralen Tätigkeit verdienten, um überhaupt leben zu können, wirkten die Versprechungen. Doch es gab auch Streit. War zunächst von einem Pfarrgehalt in Höhe von 500 Lat (ca. 700 Euro) die Rede, musste man die Hoffnungen schon im Vorfeld nach unten korrigieren auf 350 Lat (ca. 500 Euro), immer abhängig von der Leistung des Pfarrers, die vielfach einfach der Erzbischof frei einschätzte. Nicht alle Gemeinden stimmten den Plänen zu. Über dreißig Gemeinden weigerten sich, Immobilien zu überschreiben, sie trauten dem Projekt nicht. Ihre Pastoren haben entsprechend auch kein Geld aus dem Fond bezogen.
Schon zuvor war allerdings auch die Zentralverwaltung gewachsen. Eine Stelle nach der anderen wurde eingerichtet. Es gab Posten zu verteilen, etwa vierzig waren es am Ende. Es wurde ein „Kapitel“ geschaffen: Die vierzehn Pröpste, vergleichbar mit Superintendenten in Deutschland, kamen einmal pro Monat nach Riga, um die Kirche auf diese Weise zusammen mit Bischofskonvent und Oberkirchenrat zu leiten. Der auf Lebenszeit gewählte Erzbischof bat um Unterstützung in seiner episkopalen Tätigkeit. Neben ihm gibt es nunmehr drei Regionalbischöfe.
Das groß angelegte Gehaltsprojekt sollte in Zeiten des wirtschaftlichen Wachstums Lettlands realisiert werden, das sich allerdings bald als riesige Blase erwies.
Anhang zu SR 9-2010 – 14 –

Lettland produzierte zu wenig, die Banken trieben die Immobilienpreise in unrealistische Höhen und handelten mit Geld. Es gab für Spareinlagen über 10 % Zinsen. Die große internationale Finanzkrise erreichte Lettland nicht zufällig als eines der ersten Länder, und es ist auch jetzt noch kein Ende abzusehen. Hätten nicht schwedische und deutsche Banken in Lettland so viele Kredite in zweistelliger Milliardenhöhe gewährt, wäre der Lat stark abgewertet worden. So kam es, dass der gutgemeinte Gehaltsplan, wie Skeptiker in der Kirche schon befürchtet hatten, zusammenbrach, kaum dass er zu arbeiten begann. Mit den an die „Pastorats“ GmbH überschriebenen Immobilien konnte man keine ausreichenden Gewinne machen. Die Verantwortlichen verloren die Übersicht. Der Kredit aus Amerika ist offenbar vertan. Niemand weiß, wie man ihn zurück zahlen kann. Aber auch ein Drittel der Immobilien scheint nahezu verloren zu sein. Eine unglaubliche Bilanz nach weniger als zwei Jahren! Selbst wenn man allen Pfarrern monatlich ein Gehalt von 500 Lat ausgezahlt hätte und Arbeitgeberabgaben hinzurechnete, kommt man – meiner zugegeben sehr oberflächlichen Rechnung nach – für den Zeitraum maximal auf einen Betrag von drei Millionen Dollar. Wo ist der Rest?
Die Kirche beginnt jetzt, wertvolle Immobilien zu verkaufen. Ein Haus in der Elizabetes iela in Riga wurde hochverzinst mit Hypothek weit unter Wert (700.000 Lat statt 2 Millionen) belegt, ein Freikauf erscheint in der anberaumten Zeit unmöglich. Jetzt wird auch die Lutherakademie am Domplatz veräußert. Für den Verbleib der Lutherakademie gibt es nur erst vage Ideen, drei Monate vor dem nächsten Semesterbeginn im September. Völlig offen ist, wo die wertvolle Bibliothek der Akademie bleiben soll. Die Gehälter der kirchlichen Mitarbeiter und Pastoren sind seit April um 40 % gekürzt worden. Wenn die Verkäufe nicht realisiert werden, besteht gar keine Möglichkeit mehr, sie überhaupt noch zu zahlen. Der neue Rigaer Bischof gab in der Kirchenzeitung zu Protokoll, dass die Gemeinden wohl von nun ab wieder selbst ihre Pfarrgehälter aufzubringen hätten.
Einige Konvente verfassten Protestbriefe. Daraufhin trat das Kollegium des Oberkirchenrates zurück, tut aber weiter seine Arbeit, denn die Legislative, die Synode, tritt erst um ein halbes Jahr verspätet im Dezember zusammen. Eine Überraschung für viele war wohl die Reaktion des Erzbischofs auf die Vorwürfe. Er stimmte seinen protestierenden Brüdern in vielen Punkten zu und schlug sich gewissermaßen auf die Seite der Kritiker. Dabei war er es, der all diese Ideen durchgesetzt hatte, und der vor allem auch dafür gesorgt hatte, dass der Verwaltungsapparat so aufgebläht wurde. Auch wenn es nicht seine eigenen Ideen gewesen sein sollten, hatte er doch gemäß der neuen Verfassung alle Fäden in der Hand. Wäre der Verwaltungsapparat so bescheiden geblieben, wie er einmal war, vielleicht hätte das Projekt sogar Chancen gehabt.
Es erscheint immer einfach, von außen her mit guten Ratschlägen zu kommen. Aber man stellt sich schon Fragen: Braucht so eine Kirche vier Bischöfe? Müssen vierzehn Pröpste jeden Monat nach Riga kommen? Es gibt Bischofskonvent, Pröpstekonvent, Oberkirchenrat – drei parallele Leitungsgremien, im „Kapitel“ zusammengefasst, die zugleich eigene, parallele Entscheidungsebenen sind. Die Synode dagegen fragt man nur hin und wieder nach Grundsatzentscheidungen, die sie zu bestätigen oder abzulehnen haben, nicht aber selbst zu erarbeiten. Es war nicht einmal für nötig befunden worden, die Höhe des nun verschwundenen amerikanischen Kredits per Beschluss abzusegnen.
Charakteristisch ist der Fall Salaspils. Die Gemeinde hatte mit Genehmigung des Konsistoriums in guten Zeiten ein Grundstück für etwa 1 Millionen Lat veräußert, um sich von diesem Erlös eine Kirche zu bauen. Der Oberkirchenrat wollte gerne etwas von dem Geld ab haben und bekam 2008 tatsächlich 141 000 Lat. Die Kirchenleitung meinte aber, Anspruch auf insgesamt 30 % der Verkaufssumme zu haben, was das Ende des Kirchbaus bedeutet hätte. Die Pfarrerin von Salaspils,
Anhang zu SR 9-2010 – 15 –

eine der letzten verbliebenen ordinierten Pfarrerinnen der ELKL, wurde gegen den schriftlich geäußerten Willen der Mehrheit der Gemeinde abgesetzt. Laut geltender kirchlicher Ordnung ist das möglich, ohne auch nur mit dem Kirchgemeinderat darüber zu sprechen.
Was kann der Kirche in Lettland helfen? Hilfreich wäre der Mut, eine offenere Kirche zu werden. Weniger als 10 % derer, die sich bei der Volkszählung als lutherisch bekannt haben, sind auch Mitglieder „ihrer“ Kirche. Vor zwanzig Jahren waren es doppelt so viele. Es wird nicht helfen, von den wenigen Mitgliedern noch höhere Beiträge zu verlangen. Das wird tatsächlich zur Zeit an vielen Orten und im „Christlichen Radio“ mit Hinweisen auf den biblischen Zehnten gepredigt. Das ist aber eine unrealistische und auch von vielen als unverschämt empfundene Forderung, die höchstens zum weiteren Schrumpfen der Gemeinden führen wird. Man wird vielmehr auf die zugehen müssen, denen die Kirche jetzt viel zu streng und hierarchisch erscheint. Es wird abzuwarten sein, ob und wie die Synode im Dezember ihrer legislativen und kirchenleitenden Aufgabe gerecht werden wird.

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