Verfasst von: liefland | August 4, 2010

6. Sonntag nach Trinitatis Ausgabe Nr. 10 (1837) vom 10. Juli 2010

Eines jeden Wege liegen offen vor dem Herrn, und er hat acht auf aller Menschen Gänge
Sprüche 5,21
Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.
6. Sonntag nach Trinitatis Ausgabe Nr. 10 (1837) vom 10. Juli 2010

Neuer Erzbischof von Riga in der Römisch Katholischen Kirche.

Information, vorbereitet vom Informationszentrum der Römisch Katholischen Kirche
Aigars Brinkmanis. Riga, den 19.06.2010

In der Katholischen Kirche wurde zum Erzbischof von Riga Zbigņevs Stankevičs nominiert,
denn Kardinal Jānis Pujats vollendet in diesem Jahr sein 80. Lebensjahr (Nach den kirchlichen Bestimmungen reicht ein Bischof, wenn er das 75. Lebensjahr vollendet hat, dem Papst einen Antrag ein, ihn von den Pflichten der Leitung einer Diözese zu entbinden)

Gemeinsam mit dem Vatikan berief Kardinal Pujats am 19. Juni 2010 um 12.45 Uhr eine außerordentliche Sitzung der Priester der Diözese Riga ein. Der Anlass für diese Einberufung war die Nominierung eines neuen Erzbischofs von Riga. Nach Umfragen, die mehrfach unter den Geistlichen, den kirchlichen Gemeinschaften und Organisationen sowie unter allen Katholiken durchgeführt wurden, bekam der Direktor des Rigaer Akademischen Wissenschaftlichen Instituts und der Geistliche Vater der Priesterseminars der Metropolie Riga Priester Zbigņevs Stankevičs den größten Zuspruch.

Kurzer Lebenslauf von Zbigņevs Stankevičs

Z. Stankevičs wurde am 15. Februar 1955 im Dorf Lejasciems im Kreis Gulbene geboren.
1970 beendete er die Volksschule in Eglaine und 1973 das Gymnasium in Ilūkste.

1978 absolvierte er das Polytechnische Institut in Riga mit der Fachrichtung „Ingenieur von automatischen Steuerungsanlagen“ . 1996 erhielt er in der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Ļubļin in Polen den Grad eines Magisters. 2004 wurde er Lizenziat der Fundamentaltheologie in der Pontifikalen Lateran Universität in Rom. 2008 wurde ihm der theologische Doktorgrad der Pontifikalen Lateran Universität in Rom verliehen.

Professor Z. Stankevičs ist in der Verwaltung und in der Seelsorge wie folgt tätig gewesen:
Von 1978 bis 1990 war er als Ingenieur angestellt. 1980-1990 Mitglied der ökumenischen christlichen Gemeinschaft. 1996-2001 Vikar der St. Franziskusgemeinde in Riga. 1999-2001
Geistlicher Vater des Priesterseminars. 1996-2002 Verantwortlich für die charismatische Gemeinschaft „Effata“

Von 1996 bis 2002 Dozent am Geistlichen Seminar der Metropolie Riga und am Katechetischen Institut. 2001-2002 Vikar an der St. Jakobikathedrale und Jugendseelsorger in der Altstadt von Riga. 2005-2006 Direktor des Studentenkonvents „Beato Pio XI der Pontifikalen Lateran Universität in Rom

2008 Dozent für Fundamentaltheologie im Theologischen Institut und im akademisch wissenschaftlichen Institut für Religionswissenschaft; Vicarius cooperator an der Christ König Gemeinde. Ab 8.12.2008 Direktor des akademisch wissenschaftlichen Instituts für Religionswissenschaft und Geistlicher Vater des Priesterseminars der Metropolie Riga.

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8 wissenschaftliche Publikationen hat er veröffentlicht – davon 5 in Fremdsprachen, und als Referent an 5 wissenschaftlichen Konferenzen teilgenommen. Er betreibt aktiv Sport und hat die 1. Klasse für Leichtathletik erhalten. In seiner Freizeit widmet er sich dem Bergsteigen. Seine Sprachkenntnisse erstrecken sich auf folgende Sprachen: lettisch, polnisch, russisch, italienisch, englisch, er vermag sich auch französisch und deutsch zu verständigen und in diesen beiden Sprachen die Literatur zu nutzen

Die Bischofsweihe des römisch-katholischen Erzbischofs von Lettland findet im Dom zu Riga statt. Inga Reča
Die Bischofsweihe des neuen römisch-katholischen Erzbischofs von Riga Metropolit Zbigņevs Stankevičs findet am 8. August im Dom zu Riga statt.
Voraussichtlich werden an diesem Gottesdienst sehr viele Menschen teilnehmen; des wegen haben Vertreter der römisch-katholischen Kirche die lutherische Kirche gebeten, ihnen bei diesem wichtigen Ereignis mit dem Zur Verfügung Stellen von geeigneten Räumen in einer der großen Kirchen Rigas – entweder im Dom oder in der St. Petrikirche – auszuhelfen. Der Erzbischof hat diese Bitte dem Bischofskollegium vorgetragen. „Da die Besitzverhältnisse bei der St Petrikirche weiterhin ungeklärt sind, konnten wir nur über den Dom einen Beschluss fassen. Verglichen mit der St. Jakobikathedrale ist der Dom sehr viel größer, und hat für viele Menschen einen bequemen Zugang,“ sagte Bischof Guntars Dimants Svētdienas Rīts.
Erzbischof Vanags sagte, dass dieses ein Ausdruck für unsere guten nachbarschaftlichen Beziehungen sei. Es sollte unter Christen selbstverständlich sein, dass sie ihren Nachbarn helfen, wenn ihnen etwas fehlt.

Mit einem behutsamen Start voran: Interview mit dem nominierten römisch-katholischen Erzbischof von Riga Zbigņevs Stankevičs

Dieses Interview gab Zbigņevs Stankevičs Svētdienas Rīts vor seiner Einführung in sein Amt als römisch-katholischer Erzbischof und Metropolit von Riga
Ein Wechsel in der Kirchenleitung ist stets ein bedeutender Augenblick nicht nur für die eigene Kirche, sondern auch für das Leben der ganzen Gesellschaft, aber auch für die Beziehungen zwischen den Konfessionen. Lettland nimmt bei diesem Anlass sogar weltweit eine besondere Stellung ein, denn es gibt nur ganz selten ein Land in denen die Beziehungen unter den Christen der verschiedenen Konfessionen von so nahen und freundschaftlichen Verbindungen bestimmt werden. So war der soeben nominierte neue römisch-katholische Erzbischof bereits vor seiner Einführung in sein Amt zu einem Interview mit der lutherischen Kirchenzeitung bereit. Er löst in diesem Amt Kardinal Jānis Pujats ab, der 19 Jahre lang als Oberhaupt der Katholischen Kirche Lettlands gewirkt hat,

Die Fragen stellten Ivars Kupcis und Inga Reča

– Am 19. Juni wurde es bekannt, dass Papst Benedikt XVI Sie zum nächsten Erzbischof und zum Metropoliten der Lettischen Katholischen Kirche nominiert hätte. Kam diese Nominierung für Sie überraschend oder zieht sich der Ernennungsprozess eines Bischofs in Ihrer Kirche sehr in die Länge? Und betrifft es nur Lettland, dass ein neuer Bischof eigens von Papst ernannt wird?
– Für mich war es eine Überraschung, welche ich am 16. Juni erfuhr, als mir der Nuntius das Nominierungsschreiben überreichte. Davor sagte er mir, dass er mich gerne sprechen möchte und mich deshalb um ein Treffen bäte. Er führte mich in seine Kapelle, überreichte mir das
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Schreiben und ging hinaus. Ich las das Schreiben durch und dabei blieb mir fast das Herz stehen. Ich war wie geblendet… In meinem Herzen hatte ich zwar schon eine Ahnung, dass ich vielleicht einer der Kandidaten sein könnte, aber dieser Prozess verläuft sehr diskret. Die Befragungen finden auch vor Ort statt. Nach den kanonischen Bestimmungen benennt der zuständige Bischof drei von seinen Priestern, aber behält diese Namen in seinem Herzen. Danach überreicht der Bischof dem Nuntius die Namen dieser drei Kandidaten, und danach ist es dem Nuntius aufgetragen, zu erforschen, wer nach seiner Ansicht der am besten Geeignete ist. Der Papst ist auch berechtigt, alle vorgeschlagenen Kandidaten abzulehnen. Wie es die kanonischen Bestimmungen vorsehen, hat Kardinal Pujats bereits im Alter von 75 Jahren sein Entlassungsgesuch eingereicht, doch der Papst sagte ihm: Arbeite weiter, aber kümmere dich um deine Nachfolge. Seitdem sind vier Jahre vergangen.
– Sie erlebten Gefühle, die andere nur sehr selten erleben können, als Sie zum Leiter einer Kirche ausersehen wurden…
– Als ich dieses Schreiben erhielt, war ich so schockiert, dass mir die Tränen kamen. Und dann dachte ich nach: Was soll ich tun? Ich muss den Herrn fragen und mich an Ihn wenden. Da in der Kapelle das allerheiligste Sakrament ausgesetzt war, blickte ich es an und fragte: „Herr, was soll ich tun?“ Und dann erinnerte ich mich daran, dass ich, als der Kardinal sein Entlassungsgesuch eingereicht hatte, in Rom studierte. Deshalb habe ich ihn damals auch zum Papst und später zum Flughafen begleitet. Ich war über die Dinge informiert und habe während der letzten Jahre fast täglich darum gebetet, dass Gott dem Nuntius und allen, die damit zu tun hatten die Gabe des Erkennens schenken möchte und die Klarheit zu wissen, wer der rechte Kandidat sei. Das es ein vom Heiligen Geist Gesalbter sein möchte, der zu diesem Amt berufen wird und dort das tut, was Gott von ihm erwartet. Und so kam in meinem Herzen die Frage auf: „Glaubst du, dass das die Antwort auf deine Gebete ist? Und vertraust du mir, dass ich durch die Kirche zu dir spreche?“ Da begriff ich, dass es nichts mehr zu sagen gab, und ich sagte: „Ja“ Ich sagte das auch sofort dem Nuntius. Darauf musste ich eigenhändig einen Brief an den Papst verfassen. Darin dankte ich ihm für das mir erwiesene Vertrauen und sagte, dass ich bereit bin, das als Gottes Willen anzunehmen, der sich auf diese Weise kundgetan hat. Das geschah am 16. Juni. Das war ein interessantes Zusammentreffen, denn vor 14 Jahren wurde ich am 16. Juni zum Priester geweiht.
Bei diesem Ereignis gibt es noch ein weiteres Zusammentreffen eines Datums. Nach sehr langen Überlegungen beschloss ich am 8. August 1990 zu meinem geistlichen Vater Viktors Pentjušs zu gehen, um ihn zu fragen, was er davon hielte, dass ich mich zum Priester berufen fühlte. Wie es ein Ingenieur zu tun pflegt, habe ich in zwei Kolonnen alles aufgeschrieben, was dafür und was dagegen spricht, aber keine der Wagschalen war schwerer… Doch als er seinen Mund aufmachte, war mir nach drei Minuten alles klar. Und nun diktieren es sogar noch die Verhältnisse, dass meine Bischofsweihe am 8. August um 11 Uhr stattfinden soll.
– Sie wurden Priester als einer der bereits Erfahrungen hatte durch eine Ausbildung in einem völlig anderen Fach. Was ließ Sie damals Ihr Leben so radikal verändern?
– In den Tiefen meines Herzens empfand jch die Sehnsucht nach etwas anderem als nach der Arbeit eines Ingenieurs, da ich erkannte, dass mir diese Arbeit nicht die Erfüllung schenken würde.
– Es gibt ein Sprichwort, welches sagt, dass ein Soldat schlecht sei, wenn er nicht den Wunsch hätte, General zu werden. Wie war das in Ihrem Fall ?
– Ich hatte in meinem Herzen wirklich den Wunsch, Bischof zu werden, denn vor vielen Jahren hatte ich ein Buch gelesen, dass man mit der Bischofsweihe die Fülle des Priestertums empfinge. Damals sprach mich das sehr an: „O, ich möchte gerne die Fülle des Priestertums haben.! Ich möchte gerne bis an mein Ende Priester sein!“ Ja, ich hatte diesen Wunsch, und als ich um einen neuen Bischof betete, kamen bei mir Zweifel auf, ob dieser Wunsch nicht
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von meinem eigenen ehrgeizigen Bestreben geleitet war. Ich kann ehrlich sagen, dass ich fleißig daran gearbeitet habe, alles in Gottes Hand zu legen und diesen Wunsch von jeder Beimischung zu reinigen. Und da gibt es ein weiteres „Zusammentreffen“. Wenige Wochen vor dem 16. Juni empfand ich plötzlich in meinem Herzen, dass mich etwas verlassen hatte, so dass ich in völliger Freiheit des Herzens sagen konnte: „Herr, dein Wille geschehe! Ich bin bereit, alles aus deiner Hand anzunehmen, was du mir bestimmt hast! Ich bin bereit, auf jeden zu hören, den du mir sendest. Ich will ihn ehren und will ihm gehorchen.“ Zwei Wochen danach kam dann die große Überraschung
– Was könnten Sie sich als ihre Hauptaufgaben vorstellen?
– Ich sehe als meine Priorität an, mein Herz vor Ambitionen zu hüten und in tiefer Gemeinschaft mit Gott zu bleiben. Man nennt das auch Theozentrik. Gott soll das Zentrum meines Lebens sein. Er soll wie die Sonne sein, um die sich mein Leben dreht. Das ist die Grundlage aller Grundlagen für alles übrige. Denn Gott ist es, der uns das Leben schenkt. Das habe ich hundertfach erfahren, ganz besonders während der vergangenen Jahre, in denen ich Pflichten übernehmen musste, die meine Fähigkeiten weit überschreiten. Denn wenn du dir von ihm die Lebenskraft schöpfst, bist du unbesiegbar. Dann kannst du alles tun und alles wird geschehen. Aber sobald du es dir leistest, dich von ihm zu trennen, und aufhörst, das Wasser des Lebens aus seiner Quelle zu schöpfen, dann verlierst du diese Kraft.
– Sie haben mehrfach das Wort Ambitionen gebraucht. Wie kann man den Willen Gottes von den eigenen Ambitionen unterscheiden?
– Der Schlüssel liegt bei der Theozentrik. Wer steht bei dir an der ersten Stelle? Wenn bei dir Gott an der ersten Stelle steht und du dich ihm geöffnet hast, dann lass den Heiligen Geist in dir wirken. Und der Heilige Geist erweckt in dir Sehnsüchte und Wünsche, auch die, Bischof zu werden, oder auch das Amt des Staatspräsidenten zu übernehmen oder Abgeordneter im Parlament zu werden oder ein Topjournalist zu werden. Auch solche Dinge können vom Heiligen Geist kommen. Denn Gott hat eine sehr weite Sicht – sowohl im Blick auf die ganze Welt, als auch auf Lettland, im Blick auf jede Konfession und jede Gemeinde. Und in dieser weiten Sicht hat er jedem seinen Platz zugeteilt und jeden Menschen mit besonderen Gaben und Charismen ausgestattet, die notwendig sind, um diese Pläne zu verwirklichen.
Wenn wir im Heiligen Geist leben, wenn Gott der Mittelpunkt meines Lebens ist und ich mit ihm in einer tiefen Gemeinschaft verbunden bin, dann lässt er mich seine Pläne wissen und erfüllt mein Herz mit Wünschen, und das sind dann keine Ambitionen, sondern: Herr, ich komme, um deinen Willen zu erfüllen. Denn es kann der Geist Gottes sein, der dich anstößt, große Dinge zu tun. Aber es kann auch dein Ehrgeiz sein, über anderen zu stehen, eine höhere Stellung einzunehmen. Dann sind das Ambitionen.
Wenn ich erkenne, dass Gott die Quelle des Lebens ist und ich mich zu dieser Quelle halten möchte, dann bin ich mit dieser Quelle vereint und von ihr erfüllt. Dann bin ich auch fähig, dieses Leben weiter zu geben. Und das ist alles. Alles andere sind nur Folgen.
– Die lutherischen Bischöfe haben dem zugestimmt, dass Ihre Bischofsweihe am 8. August im Dom zu Riga stattfinden könnte. Wie kam es zu dieser Bitte auf der Seite der Katholiken?
– Das ist eine gut durchdachte, ausgewogene und ganz bewusste Bitte. Denn in meinem Herzen trage ich den sehr großen Wunsch, die Gemeinschaft mit den lutherischen Geschwistern fortzusetzen, den Dialog mit ihnen weiterzuführen. Damit alles weiter voran kommt brauchen wir die Zusammenarbeit auf allen Ebenen. Je mehr, umso besser.! Dieses war wieder eine wunderbare Möglichkeit, einen Schritt in diese Richtung zu tun, und das umso mehr, weil unsere Kathedrale für dieses Geschehen viel zu klein ist. Offensichtlich war das wieder die göttliche Vorsehung, die mir diesen Anstoß gegeben hat, mich auf Euch

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zuzubewegen.. Denn die Domkirche ist eine Kathedrale, sie ist die Kirche Nummer eins in Lettland.
– Und historisch ist sie auch einmal eime katholische Kirche gewesen.
– So ist es. Scließlich befinden sich hier die sterblichen Überreste von Bischof Meinhard, dort ist auch das erste Baptisterium aus Ikšķile, und von Anfang an war der Dom der Verehrung der Jungfrau Maria geweiht. Seit dem 13. Jahrhundert nannte man Lettland Terra Mariana. Wenn wir die Einheit anstreben möchten, dann müssen wir zu den gemeinsamen Grundlagen zurückkehren. Jetzt haben wir eine gute Möglichkeit, ein Zeichen dafür zu geben, dass es in Lettland diese Einheit bereits gibt auf der Stufe, wie wir sie haben. Keiner von uns verzichtet auf das Erbe seiner Konfession, auf seine Identität, und dennoch möchten wir uns immer mehr des gemeinsamen Erbes bewusst werden, welches wir haben.
– Können Sie sich die Möglichkeit vorstellen, dass in der St. Jakobi Kathedrale auch einmal ein lutherischer Gottesdienst stattfindet?
– Es lohnt sich wirklich, über diese Frage nachzudenken. In einem ökumenischen Gottesdienst im vergangenen Jahr hatte ich die Ehre, persönlich jeden Vertreter einer anderen Konfession anzureden. Dabei sagte ich, weshalb es nicht möglich sein sollte, in einer universalen Kirche den armenisch orthodoxen Ritus oder den evangelisch-lutherischen Ritus oder den baptistischen oder orthodoxen Ritus zu feiern? Ich denke, dass das eine Perspektive sein könnte. Ich bin von ganzem Herzen überzeugt, dass es das Endziel unserer Zusammenarbeit sein sollte, dass wie alle in Christus eins sind in der Kirche, die er gegründet hat, die sein Leib ist. Dass wir nicht nur Glieder eines unsichtbaren Leibes sind, denn Christus hat um die sichtbare Einheit gebetet. Er hat gebetet, das alle Eins sein möchten. Und deshalb hat er sein Leben dahingegeben, damit er die verstreuten Kinder Gottes zusammenführte. Und wenn wir nicht alles tun, was uns möglich ist, werden wir es zu verantworten haben, wenn wir einst vor ihm stehen werden.. In Lettland leben wir in einer ganz besonders bevorzugten privilegierten Situation., die es so in keinem anderen Lande gibt. Denn wenn ich im Ausland darüber berichte, wie die Zusammenarbeit zwischen den Konfessionen hier bei uns in Lettland geschieht, dann wundern sich alle! Sie sagen: Das gibt es bei uns nicht! Damit kann vom kleinen Lettland eine positive und starke Botschaft in die ganze Europaunion, ja in die ganze Welt ausgehen. Das ist unser Beitrag…Gott hat uns viele Jahrhunderte lang vorbereitet, und jetzt meine ich, dass das Feld reif zur Ernte ist. Mit dem Kairos haben wir jetzt von Gott eine ganz besondere Zeit geschenkt bekommen. Völlig unabhängig von mir, ohne dass ich es gesucht oder verlangt hätte, wandte sich das Netz der Satellitenkanäle Polonia an uns mit der Bitte, den Gottesdienst zu meiner Amtseinführung weltweit zu übertragen. Wir sprachen mit dem Generaldirektor unseres Fernsehens, ob er Möglichkeiten für eine Lifesendung sieht. Der hat er sehr gerne zugestimmt. Das wird eine positive Botschaft an unsere gespaltene Gesellschaft sein, deren Glieder sich gegenseitig bekämpfen. Wir brauchen für Lettland ein positives Programm. Und deshalb möchte ich wirklich alle, die sich um Lettland Sorgen machen, zur Arbeit rufen und alle, ganz besonders die Intelligenz und alle, die diese Sorge im Herzen tragen, aufrufen, sich die Köpfe zusammen zu zerbrechen. Vielleicht habe wir diese Sorge jahrelang mit uns herumgetragen und ohnmächtig erkennen müssen, dass wir nichts tun können. Ich denke, dass wir zuerst darum beten und zur Quelle des Lebens zurückkehren müssen, aus ihr Seine Kraft und Weisheit schöpfen, aber dann an die Arbeit gehen. Nach dem Vorbild eines Turbomotors – mit einem behutsamen Start und dann volle Kraft voraus.
– In jüngster Zeit ist der Vatikan in ökumenischen Fragen sehr aktiv geworden. Wenn ich mich nicht irre, so hat Kardinal Kasper im Luthergarten der in Wittenberg als Bekenntnis zur Einheit der Kirche angelegt worden ist, einen Apfelbaum gepflanzt. Was bedeutet nach dem Verständnis der katholischen Kirche Ökumene und weshalb betrachtet sie diese als eine wichtige Aufgabe?
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– Erstens, weil es der deutlich ausgesprochene Wille Christi ist, der es wollte, dass seine Jünger Eins sein sollten. Er sagte, dass alle sie daran erkannt würden, dass sie Seine Jünger seien, dass sie einander liebten. Leider haben wir uns zwei Jahrtausende lang nicht von unserer allerbesten Seite gezeigt. Wir sind einfach oft dem schlechten Beispiel der Welt gefolgt, was sich als ein gewaltiges Hindernis für die Evangelisation erwiesen hat. Das verdunkelt das Licht des Evangeliums und blockiert die Kraft, die in ihm steckt. Damit ist Ökumene der Prozess der Reinigung der Botschaft des Evangeliums von vielen Anschwämmungen, die sich im Laufe der Jahrhunderten festgesetzt haben. Ökumene ist Einssein in der Wahrheit. Das heißt nicht, dass wir alle absolut gleich werden, somdern unsere wahre Identität finden. Einheit in der Vielfalt. Das heißt: Die Hauptsache ist die Einheit, darauf folgt die Freiheit, aber über allem steht die Liebe. Seht, das ist Ökumene.
– Aus Befragungen entnehmen wir. dass der größte Teil der Bevölkerung Lettlands sich als zu einer der traditionellen Konfessionen zugehörend betrachtet. Doch gleichzeitig treffen wir in den Gotteshäusern dieser Konfessionen bestenfalls 10 % dieser Leute an. Sind die Gründe für diese Situation in der Gesellschaft oder in den Kirchen selbst zu suchen?
– Sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft. Doch ist der wichtigste Anlass dafür bei dem einzelnen Menschen zu suchen., der sich entweder dafür entscheidet, bis zum Ende nach der Wahrheit zu suchen, oder welcher sich vor der Wahrheit versteckt, weil sie ihm nicht gefällt. Natürlich steckt darin auch ein Auftrag an unsere Gemeinden: wir sind aufgerufen, darüber nachzudenken, zu beten und uns selbst die Frage zu stellen, weshalb zu uns die Menschen nicht zum Gottesdienst kommen? Denn wenn sie nicht kommen, dann muss es dafür einen Grund geben. Es können äußere Gründe sein wie der geistige Zustand der Gesellschaft oder der Einfluss der Medien; es können auch Einflüsse destruktiver Faktoren sein, die es heute reichlich gibt, aber da gibt es auch innere Gründe. Vielleicht ist das Klima in einer Gemeinde so, dass es Menschen abstößt, vielleicht ist es die Kälte, mit der man einander begegnet. Die Menschen gehen zur Kirche, um sich aufzuwärmen, doch wenn man ihnen mit einer gewissen Starre entgegentritt, dann möchten sie nicht dorthin gehen.
– Worin sehen Sie den Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit bei der Leitung der Römisch-Katholischen Kirche Lettlands als Erzbischof?
– Eine der wichtigsten Aufgaben wird die Festigung der Gemeinschaft in der Kirche sein, die Festigung der Gemeinschaft innerhalb der Kirche zwischen den Bischöfen, Priestern und dem Volk der Christen, dass dort neues Leben entstehen könnte. Dass wir uns auf einer Welle weiter bewegen, dass wir mit Herz und Seele miteinander vereint sind. Weiter ist mir die Zusammenarbeit mit den anderen Konfessionen sehr wichtig, denn wir müssen alles zu tun versuchen, dass wir zum Zusammenklang kommen, gemeinsame Ziele anstreben, die Sorgen gemeinsam tragen und miteinander in Eintracht leben. Wenn wir diese Eintracht haben, dann können wir Berge einstürzen lassen.
Weiter ist die Evangelisation der Gesellschaft durch einen offenen Dialog sehr wichtig. Lasst uns nicht den Problemen ausweichen, sondern uns ihnen stellen und sie lösen. Hierin liegt der Schlüssel.- alles andere wird sich im Laufe der Zeit verwirklichen lassen.
– In Ihrem ersten offenen Brief haben Sie sich mit zwei Fragen beschäftigt, mit denen die Gesellschaft und die Kirche des öfteren konfrontiert wird – mit der Einstellung der Kirche gegenüber den Homosexuellen und der Pädophilie. Weshalb haben Sie gerade diese Fragen betont?
– Weil mir diese Fragen vorher gestellt wurden; und ich wollte sie klar und unmissverständlich beantworten. Eine meine wichtigen Aufgaben ist, Verdachtsmomente in der Gesellschaft gegenüber der Kirche und den Christen zu zerstreuen. Und bei diesen beiden Fragen gibt es Verdächtigungen. Im Bezug auf die Homosexuellen – dass die Kirche ihr Feind
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sei. Ich wollte damit sagen, dass die Kirche nicht ein Feind der Homosexuellen ist, sondern dass die Kirche sie als Menschen annimmt, die wir ebenso lieben wie alle anderen Menschen, und dass wir ihnen wie allen anderen die Vergebung ihrer Sünde anbieten und die Möglichkeit, ihre Seele in Ordnung zu bringen.
Im Blick auf die Pädophilie herrscht der falsche Verdacht, dass die katholische Kirche sie verdeckte und tolerierte. Hier musste ich klar und deutlich sagen, dass Pädophilie ein schreckliches Verbrechen ist, von dem sich die katholische Kirche entschieden distanziert und
das sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen wird. Von Zudecken kann wirklich keine Rede sein.
– Es war für uns sehr interessant, die ersten spontanen Reaktionen vieler Menschen zu vernehmen, als wir ihnen sagten, dass wir zum neuen katholischen Erzbischof gingen, um ihn zu interviewen. Sie sagten: „Fragen Sie ihn doch, wann die katholische Kirche den Zölibat aufheben wird.“ Soeben erreichte uns eine Meldung aus Österreich, dass dort 80 % aller Priester für die Aufhebung des Zölibats sei. Wie ist Ihre Einstellung zu dieser Frage?
– Der Zölibat ist ein besonderes Geschenk Gottes an die katholische Kirche, welches hilft, alle Gaben und Fähigkeiten eines Priesters ungeteilten Herzens in den Dienst Gottes und der Menschen zu stellen. Wir haben es nicht vor, auf dieses Geschenk zu verzichten.
– Vor allem wünschen wir Ihnen Gottes Geleit bei Ihrem Dienst mit allen Verpflichtungen und der großen Verantwortung, der Ihnen bevorsteht! Gestatten Sie uns noch die Frage: Was wünschen Sie jetzt der Lutherischen Kirche Lettlands und ihren Gemeinden?
– Zuerst habe ich die Bitte, dass Sie darum beten, dass alles Gute, was zwischen uns begonnen hat, fortgesetzt wird und sich weiter entwickelt.. Lasst uns allen Versuchen widerstehen, diesen Prozess zu zerstören und unser gegenseitiges Vertrauen zu verletzen, welches zwischen uns entstanden ist. Lasst uns in der Gemeinschaft und in der geschwisterlichen Liebe wachsen und uns für die Zukunft Lettlands und dessen geistlicher und weltlicher Wiedergeburt verantwortlich wissen. Solange die geistlichen und moralischen Grundlagen noch auf einem schwankenden Boden stehen, können wir nicht erwarten, dass die Wirtschaftskrise gelöst wird.
Wir können von Euch im Blick auf die Diakonie viel lernen. Das ist für uns eine Herausforderung, die uns noch bevorsteht, denn die Menschen brauchen die Diakonie. Auf diesem Gebiet seid Ihr uns voraus, und hier sollten wir viel enger zusammenarbeiten.

Die Orgel der Dreifaltigkeitskathedrale in Liepaja muss schweigen.
Die Windversorgung der Orgel der Dreifaltigkeitskathedrale in Liepāja hat aufgehört zu funktionieren. Nach dem Urteil des Restaurators und Orgelbauers Jānis Kalniņš, Inhaber der Orgelbauwerkstatt in Ugāle ist zur Zeit die weitere Nutzung der Orgel nicht möglich, wenn man nicht wieder gut zu machende Schäden an der Orgel vermeiden möchte. Wenn man die Orgel wieder spielbar machen und die Hörer weiter erfreuen möchte, ist eine grundlegende Restauration der Windversorgung unbedingt notwendig, die mindestens 20.000 Lats kosten würde. Somit ist zur Zeit die weitere Nutzung der Orgel verboten. Das bedeutet, dass die für Juli geplanten jährlich stattfindenden Orgeltage bis auf weiteres ausfallen müssen.

Lutherakademie setzt ihre Arbeit fort. Inga Reča
Am 18. Juni feierte die Lutherakademie der ELKL ihre 10. Entlassung von dieses Mal 21 Absolventen. Ihr Diplom erhielten 5 Absolventen der Abteilung für Pfarrer, 3 Kirchenmusiker und 13 Gemeinde Mitarbeiter. Nach einem festlichen Gottesdienst im Dom zu Riga begaben sich die nun ehemaligen Studierenden zu ihrer Alma mater auf dem Domplatz 1. Dieses wird
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das letzte Mal an dieser Stelle gewesen sein, denn die Lutherakademie wird ihr Studienjahr 2010/2011 in der Mārstaļu iela 10 (der einstigen Reformierten Kirche) beginnen. Wegen der gegenwärtigen Wirtschaftslage unserer Kirche wird auch das Studium in der Lutherakademie ein anderes Profil bekommen als bisher. Wie das aussehen wird, das berichtet unserer
Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“ Bischof Guntars Dimants.
– Das Kapitel der ELKL hat am 16. Juli in seiner Sitzung beschlossen, in diesem Jahr für die Ausbildung zum Pfarramt keine Studierenden in der Lutherakademie aufzunehmen. Womit hängt das zusammen?
– Diese Situation ist durch den Haushalt unseres Oberkirchenrats und der für uns zur Verfügung stehenden Finanzmittel entstanden. Vor dem 16. Juni hatten wir eine Verhandlung mit Rektor Dr. William Weinrich, bei der wir die Fianzsituation und den Finanzbedarf miteinander besprachen und dabei feststellten dass es uns nicht möglich ist, den Finanzbedarf zu decken. Das bedeutet, dass die Akkreditierung der Akademie ebenfalls nicht möglich sein wird, denn wir wissen nicht, ob wir bei der derzeitigen Finanzsituation im Staat uns als akkreditierte Hochschule werden halten können.
Bei der Betrachtung dieser Fiananzsituation der Kirche und bei dem Überlegen, was wir uns künftig noch für die Akademie leisten können, war der Rektor der Ansicht, dass wir zu größeren Einsparungen kommen würden, wenn wir in diesem Jahr keine Studienbewerber für den Studiengang für das Pfarramt aufnehmen würden. Natürlich sind das keine erfreulichen Aussichten, aber auf diese Weise könnte sich die Akademie weiter halten. Wegen dieser Situation stimmte das Kapitel für die Version, welche die wirtschaftlichste zu sein scheint. Doch der Beschluss dieses Jahres schließt die Möglichkeit nicht aus, im kommenden Jahr wieder Auszubildende für das Pfarramt in die Lutherakademie aufzunehmen, sollte sich die Finanzsituation verändert haben und die N0twendigkeit dafür bestehen.
– Wie wird es mit Bewerbern für das Kirchenmusikstudium oder für die Ausbildung als Gemeindemitarbeiter weitergehen?
– In einem Gespräch mit Prorektor Gatis Līdums, kamen wir überein, auch in diesem Jahr Bewerber für die Ausbildung als Gemeindemitarbeiter weiter aufzunehmen. Die Ausbildung der Gemeindemitarbeiter verursacht verglichen mit der Pfarrerausbildung nur einen ganz geringen Teil der Kosten. Da die Arbeit dieser Abteilung nur an den Wochenenden stattfindet, wäre hierbei die Einsparung von Geldmitteln nur sehr gering.
Ganz deutlich haben wir begriffen, dass wir uns die Finanzierung der Kirchenmusikerausbildung nicht leisten können. Sie können gerne an den Vorlesungen der Abteilung für Pfarrerausbildung und Ausbildung von Gemeindemitarbeitern teilnehmen, aber die bei weitem höchsten Kosten bei dieser Abteilung werden durch den Einzelunterricht verursacht. Die Kirchenmusiker haben viel Einzelunterricht, und der reißt ein großes Loch in unseren Haushalt., denn die Dozenten müssen für jede Einzelstunde vergütet werden. Wir haben die Kirchenmusikabteilung gebeten, für die Kirchenmusikerausbildung einen neuen Fonds oder ein neues Projekt zu erstellen, das vielleicht von einer unserer Partnerkirchen finanziert werden könnte Verglichen mit den Ausgaben für die Ausbildung der Pfarrer oder Gemeindemitarbeiter sind die Kosten für die Ausbildung eines Kirchenmusikers viel höher. In der Situation, in der wir heute stecken, werden wir uns diese nicht mehr leisten können.
– Werden die Kirchenmusiker, die zur Zeit in der Lutherakademie ausgebildet werden, ihr angefangenes Studium noch beenden können?
– Das wird davon abhängen, ob wir dafür noch Finanzierungsmöglichkeiten finden. Eine Möglichkeit wäre, dass die Studierenden einen Teil der Kosten selbst tragen. Wenn er Organist einer Kirchengemeinde ist, wo er den Organistendienst versieht, dann könnte ihm seine Kirchengemeinde dabei helfen.

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So sieht die gegenwärtige Situation aus. Unser Hauptbestreben ist zur Zeit, dass wir einen Haushalt anstreben ohne Defizit.. Dabei könnte man zuerst an ein Defizit von 10-20 % des Haushalts eines Jahres denken. Bisher hat die Kirche aber noch nie einen Haushalt gehabt, der so ausgesehen hat. Der Haushalt war immer ausgeglichen . Doch der Unterschied zu heute besteht darin, dass die Kirche seit den 90er Jahren immer mit einem großen Defizit gewirtschaftet hat, das wiederholt mit Geldern der Partnerkirchen gedeckt worden ist. Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir mit einem Defizit leben können. Doch heute ist eine völlig andere Lage entstanden. Die weltweite und die europäische Finanzkrise und die inzwischen vergangene Zeit haben dazu geführt, dass unsere Partner uns bei dieser Art der Finanzierung nicht mehr unterstützen möchten. Wir müssen damit beginnen, unsere Situation wirklichkeitsnah zu betrachten und dürfen uns nicht darauf verlassen, dass irgendwann ein sehr großes Wunder geschehen und irgendjemand auf unsere Konten eine riesige Millionensumme überweisen würde. Deshalb müssen wir unseren Haushalt so gestalten, dass wir nur mit den Mitteln wirtschaften können, die wir aus Spenden der Gemeindeglieder oder aus Einnahmen von Mieten Pachten oder aus sonstiger Wirtschaft mit dem kirchlichen Besitz auf unserem Konto haben.
– Die Lutherakademie zieht um. Wo wird sie künftig sein und wo wird der Unterricht stattfinden?
– Nach dem Programm, das Prorektor Gatis Līdums vorgelegt und vorher mit dem Rektor der Akademie Dr. William Weinrich ausgearbeitet hatte, und in dem auch die Zusammenlegung von Kursen vorgesehen ist haben in der Marstaļu iela 10 und in der Mazā Pils iela 4 für den Unterricht genügend Raum. Natürlich werden wir nicht mehr auf so große und elegante Räume wir auf dem Domplatz 1 zurückgreifen können. Verhandlungen über die Einrichtung und Ausstattung dieser Räume haben mit der Kirchenleitung stattgefunden, welche die Räume besichtigt und ihre Wünsche und Notwendigkeiten ausgesprochen hat.
– Ganz bestimmt wird sich doch auch die Art des Studiums in der Lutherakademie jetzt verändern?
– Die Lutherakademie ist eine Einrichtung mit einer eigenen Leitung und sogar mit einer eigenen Buchführung. Wofür die Kirchenleitung die Verantwortung trägt, das ist die Aufteilung der Finanzen in der ganzen Kirche. Zur Zeit hat der Oberkirchenrat Mittel in der Höhe von 35.000 Lats für die Akademie für das Studienjahr 2010/2011 aufgetrieben und der Akademie zugeteilt.. Damit muss die Leitung der Lutherakademie jetzt ein Programm erstellen und die Lehrkräfte berufen. Der Oberkirchenrat hat dabei vorgeschlagen, zur Form des einstigen Theologische Seminars zurückzukehren. Natürlich müssen am Lehrbetrieb der Akademie so viele Pfarrer im Amt beteiligt werden, die die entsprechende Ausbildung und Begabung haben, und die neben ihrer Arbeit in den Gemeinden sich am Unterricht der Akademie beteiligen können. Die Lutherakademie hat das beachtet, und das ist der einzige Weg, um Geldmittel zu sparen.
Ich möchte noch einmal betonen, dass all unser Bestreben darauf gerichtet ist, die Akademie zu erhalten, damit sie uns nicht verloren geht, denn etwas aufzuhören ist leicht, doch damit erneut zu beginnen, ist sehr kompliziert. Natürlich können wir im Augenblick nicht viel voraussagen, was die Zukunft bringen wird, doch es mag möglich sein, dass wir nach einem Jahr wieder ein die Abteilung für die Pfarrerausbildung neue Studienbewerber aufnehmen können.
– Hat jemand ausgerechnet, wie viele Pfarrer die ELKL eigentlich benötigt? Man hört es hier und da, dass wir möglicherweise gar nicht so viele Pfarrer brauchten.
– Diese Frage könnte man von mehreren Gesichtspunkten aus beantworten. Einer davon ist die mathematische Berechnung. Wir können berechnen, wie viele Gemeinden wir haben und wie viele Pfarrer, die in den Ruhestand gehen, wo der Stress gar zu groß ist usw. Wenn wir
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das auf diese Weise berechnen, dann sehen wir, dass wir in der Akademie zur Zeit 20 Studenten haben, die ihr Studium noch beenden müssen, dann könnten wir sagen dass wir für die nächsten 20 Jahre nicht mehr Pfarrer brauchen. Doch wenn wir die Sache vom Auftrag der Kirche her betrachten, bei dem Christus gesagt hat, dass es der Auftrag der Kirche sei, alle Völker zu Jüngern zu machen, sie zu taufen und zu lehren, dann sieht für uns die Szene völlig anders aus. Da stellt sich die Frage nach der Fortbildung der Pfarrer, denn der Pfarrer ist verpflichtet, immer etwas für seine Fortbildung zu tun. Eine weitere Sache ist, dass die Kirche immer auf die Mission ausgerichtet sein soll. Wenn wir betrachten, wie viele bewohnte Orte wir in Lettland haben ohne Gotteshäuser, dann sehen wir, wie groß das Potential der Mission ist. Wir dürfen nicht darauf warten, dass die Menschen zu uns kommen
und die vorhandene Kirche besuchen, sondern die Kirche muss zu den Menschen gehen. Wenn wir die Angelegenheit von diesem Gesichtspunkt her betrachten, dann hat die Luther- Akademie mindestens zwei Aufgaben: die Ausbildung der Pfarrer fortzusetzen und die Pfarrer auf ihren Missionsauftrag so vorzubereiten, dass sie fähig sind, auch dem nachzukommen. Wenn wir sagen, dass die Akademie eng mit dem Missionsauftrag der Kirche verbunden ist, dann ist die Lutherakademie ein Bestandteil der Kirche mit einem eigenen Auftrag und einer eigenen Rolle. Daher können wir zwar sagen, dass wir jährlich zwei Pfarrer brauchten, aber wir können auch sagen, dass wir unentwegt an der Fortbildung der Pfarrer weiterarbeiten müssen – sowohl bei den Pfarrern im Amt als auch bei den werdenden Pfarrern. Wir sind bestrebt, die Sache von mehreren Seiten zu betrachten. Im vergangenen Jahr wurden wir durch die Verhältnisse gezwungen, die Dinge viel realistischer zu betrachten, ohne den eigentlichen Auftrag der Kirche aus den Augen zu verlieren. Die Akademie hat eine Zukunft. Das hat niemand auch nur einen Augenblick bezweifelt. Aber zur Zeit sind wir durch die Finanzlage in unseren Möglichkeiten sehr eingeschränkt und können unseren Haushalt nur mit dem Geld zusammenstellen das wir auch wirklich haben.

Mit „Svētdienas Rīts“ bei Freunden in Kurland. Inga Reča.
Endlich fuhren wir am 13. Juni mit 42 Reisenden im Bus von Riga aus ab, um uns zu unseren Freunden in Kurland auf den Weg zu machen. Dazu gehoren die Kirchengemeinde Blīdene mit ihrer „grünen Kirche“, die wertvollen bewundernswerten Fenster der Kirche in Valtaiķi, die Kirche von Apriķi, eine Perle Kurlands, die St. Petrikirche in Klostere (Kloster-Klosterhof), die ganz vor Kurzem renoviert worden ist, die Kirche von Lipaiķi und zum Schluss den „Dom“ von Kuldīga mit Propst Viesturs an der Spitze.
Vorweg ein paar Bemerkungen zu der Reisegruppe von Lesern unserer Kirchenzeitung, die sich im Mai dieses Jahres gebildet hatte, als unsere Kirchenzeitung ihre erste Reise anbot zu den Stätten unseres Vaters im Glauben Martin Luther. Schon während dieser Fahrt sprachen mehrere Mitreisende (zur Gruppe gehörte der Kern unserer Kirche, die aktiven Mitarbeiter unserer Kirchengemeinden, die die Stützpfeiler der Gemeindearbeit sind, Gemeindeleiter, diakonische Mitarbeiter, Leiter der Büchertische, Kirchenmusiker, Lektoren, Aufsichtsführende bei geöffneter Kirche und andere aktive Mitarbeiter. Die Redaktion) den Wunsch aus, nicht nur ferne Länder zu bereisen, sondern auch unsere Glaubensgeschwister in unserem lieben Lettland kennen zu lernen und deren Kirchen zu besichtigen. So entstanden ganz spontan zwei Reiseziele – zuerst nach Kurland, und am 25. Juli wollen wir nach Livland fahren. Ich denke, dass es nicht nur meine Erkenntnis ist, dass diese Gemeinschaft das Empfinden geschaffen hat, dass wir alle zusammengehören und damit eine Stärkung der Niedergeschlagenen und Ermüdeten ist und damit den Glauben stärkt und die Kraft des Heiligen Geistes verleiht, wieder aufzustehen, zu gehen und Menschen zu Jüngern zu machen. Zu Leben!
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Am Sonntagmorgen erwartete uns die Gemeindeleiterin Sanita Vanaga der Kirchengemeinde Blīdene in ihrer„grünen Kirche“ mit der allerhöchsten Decke (dem Himmel). Hier neben der Kirchenruine halten die Leute von Blīdene in der warmen Jahreszeit ihre Gottesdienste. Es sind bereits ein paar Jahre vergangen, seit die Kirchengemeinde ihr Pfarrhaus wieder zurückbekommen hat. Dort wurden einige Wände abgerissen und ein größerer Raum zu einer Kapelle umgestaltet, in der die Gemeinde in der kalten Jahreszeit ihre Gottesdienste hält. Auch am 13. Juni hielt Pfarrer Kārlis Rozentāls den Gottesdienst in der Kapelle, denn wir alle machten uns Sorgen darum, dass es kräftig regnen würde.
Aber dennoch geht die Liebe durch den Magen. Wir wurden mit dem Glanzstück von Ritma Vanaga erwartet: zwei selbst gebackenen Torten! Auch von den Schwestern der Kirchengemeinde gebackenen Plattenbroten und Piroggen. Wir wussten es damals nicht, dass diese Bewirtung der Anfang von einer Reihe von Festmahlzeiten sein sollte..

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Im Gotteshaus von Valaiķi erwarteten uns Herr Puķītis und unbeschreibliche Kunstwerte: die 15 schönsten Farbfenster Lettlands. Darin werden allegorische Darstellungen und Begebenheiten aus dem Neuen Testament dargestellt. Von dem enormen Wert dieser Farbfenster gibt der damals für sie entrichtete Preis Zeugnis. Die Anfertigung eines Farbfensters kostete damals 700 Goldrubel. (Zum Vergleich: Eine Kuh kostete damals 3 Goldrubel…) Der Hahn auf dem Kirchturm ist zur Zeit abgebaut, denn es müssen 13 Treffer von Geschossen aus dem Zweiten Weltkrieg beseitigt werden.
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Die St. Petrikirche in Klosteri befindet sich im Dorf Turlava im Kreis Kuldīga. Sie ist dadurch bedeutend, dass ein sehr reicher Gutsherr mit Besitztümern in Aizpute und Klosteri damals 500 Taler gestiftet hat. Dieses Gotteshaus hat mehrere Schließungen erdulden müssen: in den Jahren 1902 und 1969. Nach der zweiten Schließung wurde das sakrale Gebäude als Kartoffelspeicher und als Pulverlager für Medikamente genutzt. Die Leute in Klosteri sind sehr stolz auf ihre berühmten Bürger wie dem sehr berühmten lettischen Chordirigenten Edgars Račevskis, dessen Großvater und Mutter Olga Organisten dieser Gemeinde waren. Jetzt hat der energische Gemeindeleiter Juris Vītols die Restaurierung der Kirche mit fester Hand angepackt . Unter seiner Aufsicht wurden bereits mehrere Vorhaben verwirklicht (die architektonische Planung, die Weißung des Innenraumes, die Anfertigung eines gepflasterten Weges und manches andere. Juris betätigt sich auch als Fremdenführer, der den Besuchern des Ortes Einblick gibt in die Geschichte des Dorfes und den Besuchern den Einblick „von der Innenseite her“ gibt.
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In der Perle der sakralen Kunst Kurlands, in der Kirche von Apriķi, werden wir von Gunta Smiltniece erwartet, von Beruf Medizinerin und Mitglied der Kirchengemeinderates in der fünften Generation. Auch hier gibt es Bewundernswertes mit den einmaligen Holzschnitzereien und Deckengemälden. Die letzte Renovierung war noch vor dem Zweiten Weltkrieg, aber alles erscheint frisch bemalt. In Erinnerung bleibt, dass die Kirche keinen Strom und keine Heizung hat. Die Gemeinde bereitet sich auf die Feier ihres 370. Geburtstages vor.
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Der nächste Haltepunkt war das Gotteshaus von Lipaiķi, wo uns die Gemeindeleiterin Velta Krūmiņa und Pfarrer Didzis Skuška bereits ungeduldig erwarteten. Da am 17. Juli die Kirchengemeinde ihren 370. Geburtstag feiern möchte, hatte Velta alle Hände voll zu tun. In der Nacht davor wurde die Pflasterung des Fußweges zur Kirche beendet und wir wurden mit gregorianischen Gesängen und duftenden Blumen empfangen. Velta führte uns auch zum
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Geburtshaus von Karl Ferdinand Amenda, des Freundes von Beethoven und Lehrer der Kinder Mozarts und späteren Pfarrer von Talsi. In der Kirchen gibt es wertvolle Dinge wie die Wappen der von den Herzögen von Kurland geadelten Freiherren.
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Während der Fahrt haben der „Oberküster“ der Kirchengemeinde Sigulda Ēvalds Intspēteris und Velta miteinander Freundschaft geschlossen. Evalds hatte Velta ein besonderes Gastgeschenk mitgebracht in der Gestallt von Heidelbeerpiroggen. Vielen Dank an Velta für das königliche Mahl, das sie der Truppe der Reisenden zubereitet hat – echte kurische sauere Grütze mit Erbsen und Bohnen.
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Mitten im Herzen von Kurland wurden wir im Zentrum von Kuldīga von unserem langjährigen Freund und Förderer Propst Viesturs Pirro empfangen, der bei uns die Rolle des Fremdenführers übernommen hatte und uns an die Hand nahm und in eine ferne Vergangenheit führte – in die Zeit der Herzöge von Kurland, als hier Herzog Jakob geherrscht hatte, nach den Worten des Propstes „ein echter Mann Gottes und kein Namenschrist“. Das Herzogtum Kurland hat nicht über viele Jahrhunderte bestanden, aber auf seine Anordnung wurden in Kurzeme, Zemgale und Sēlija sehr viele Gotteshäuser gebaut, die bis zum heutigen Tage vielen Menschen Geborgenheit schenken. Die wunderschöne weiße St.Katharinenkirche in Kuldīga hat auch Pferdeställe und Futterlager vorgesehen. Während der sowjetischen Besatzung musste die Gemeinde diese Kirche räumen. Stattdessen wurde sie als Konzertsaal genutzt, bis dann 1989 die Gemeinde wieder in ihr Gotteshaus einziehen durfte und bald danach Propst Pirro dort seinen Dienst begann. Wir als seine alten und neuen Freunde haben ihn an seiner Wirkunsstätte, dem „Dom von Kuldīga“, der St. Katharinenkirche besucht. Alle sind herzlich eingeladen, sich unserer lesenden und reisenden christlichen Gemeinschaft anzuschließen. Unser nächstes Reiseziel wird am 25. Juli Livland sein.
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Die Kirche von Lipaiķi wird 380 Jahre alt Inga Reča
Am 17. Juni um 12 Uhr erwartet die Kirchengemeinde Lipaiķi viele Gäste zur Feier ihres 380. Geburtstages.. Doch wenn ihr euch nach Lipaiķi auf den Weg macht, dann werdet ihr möglicherweise zur Feier gar nicht hinkommen, denn einen bewohnten Ort dieses Namens gibt es heute in Lettland gar nicht. Diesen Ort und diese Kirche können wir zwar im Herzogtum Kurland finden. Die Kirche von Lipaiķi wird in Dokumenten im Jahr 1567 zum ersten Mal als kleines Holzgebäude erwähnt. Die heutige Kirche aus Stein wurde 1630 erbaut, 1783 und 1896 umgebaut. Der letzte Umbau wurde 1909 vorgenommen. Die Kirche ist voll von Kunstdenkmälern und Farbfenstern und Wappen. Die Orgel ist erhalten. Als Kunstdenkmäler können wir auch den gegen Ende des 18. Jahrhunderts angefertigten Altar und die Kanzel bezeichnen.
Doch am meisten wird die Kirche mit der Kulturgeschichte im Zusammenhang mit dem Namen des Freundes Ludwig van Beethovens Karl Ferdinand Amenda verbunden, dessen Vater Pfarrer dieser Kirchengemeinde war. Dessen Sohn hat dem Vater in seinem Dienst als Pfarrer geholfen und auch die Orgel gespielt. Auf einer Reise nach Österreich lernte er den genialen Komponisten Ludwig van Beethoven kennen. Von dieser ganz besonderen Freundschaft sprechen noch heute einige Briefe und Kompositionen, die Beethoven diesem Freund gewidmet hatte. Doch im heutigen Lettland gibt es Persönlichkeiten, deren Namen sich mit dem Gotteshaus von Lipaiķi verbinden. So mit dem bedeutenden Chordirigenten Maestro Edgars Račevskis, der in seiner Jugend diese Orgel gespielt hatte, oder auch seine Mutter und ehemalige Organistin von Lipaiķi Olga, an deren 100. Geburtstag demnächst gedacht wird.

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Gemeindeleiterin Velta Krūmiņa ist voller Vorbereitungen auf das Fest., zu dem der Zaun unter anderem neu angestrichen wurde, und wartet darauf, dass die Studierenden der Kunsthochschule in Liepāja eine 3 Meter hohe Skulptur aus Holz herbringen, auf der betende Hände dargestellt werden . Vor ein paar Jahren fertigten die Künstler aus Liepāja für den Kirchgarten die Schöpfungsgeschichte an mit 7 kleinen Holzbänken, von denen jede einen der Schöpfungstage darstellt

Vorbemerkung des Übersetzers:
Nicht nur in Ländern Westeuropas muss man sich mit dem Problem der Pädophilie gerichtlich auseinandersetzen. Auch die Kirche Lettlands ist davon betroffen. Einem Vikar der lutherischen Kirche Agris Lēvalds wurde Pädophilie zum Vorwurf gemacht. Er wurde verhaftet und später gegen eine Kaution bis zum Beginn der Gerichtsverhandlung frei gelassen. Kollegen von ihm haben das Geld für die Kaution aufgebracht und dadurch seine Freilassung bewirkt. Dieser Vorgang hat die Medien sehr beschäftigt und natürlich auch aufgeregt. In der Internetseite der Kirchenleitung hat Erzbischof Vanags zu dem Vorgang Stellung genommen. Nachstehend gebe ich meine Übersetzung dieser Stellungnahme wieder.

Der Erzbischof: Man muss mit der Möglichkeit rechnen, dass Lēvalds nicht schuldig gesprochen wird.
Stellungnahme von Erzbischof Vanags zur Entlassung des Vikars Agris Pāvils Lēvalds gegen eine Kaution aus dem Gefängnis.

In diesen Tagen wurde in den Medien die Nachricht verbreitet, dass der wegen Vergehen an Kindern angeklagte Vikar Agris Lēvalds bis zum Beginn des Prozesses gegen eine Kaution aus dem Gefängnis entlassen worden sei. Die Kaution haben mehrere Kollegen von ihm zusammengebracht, die von seiner Unschuld überzeugt sind. Alles ist geschehen bei voller Beachtung der gesetzlichen Bestimmungen, und dennoch… Der Ekel und der Zorn gegenüber der Pädophilie ist bei den Menschen mit Recht so groß, dass ein solches Gerichtsurteil die Grenzen einer normalen Gerichtsverhandlung überschreitet. So wurden viele – auch ich – mit der Notwendigkeit konfrontiert, ihren Standpunkt in dieser emotional widersprüchlichen Situation kund zu tun. Bei dessen Formulierung meinte ich, zwei Prinzipien beachten zu müssen. Erstens ist es unbedingt notwendig, dass ein Verbrechen vor einem gerechten Gericht verhandelt wird. Zweitens – und nicht weniger wichtig – ist die Frage nach unserer Rolle, wenn wir einem Verbrechen begegnen.
Unter den vielen Kommentaren im Internet finden wir zahlreiche Vorschläge zu dem, was getan werden müsste. Aufhängen, kastrieren, an den Füßen, dem Hals oder an anderen Körperteilen erhängen. Nicht einen verurteilten Verbrecher, sondern einen ganz bestimmten Menschen, Agris Lēvalds, auf den die Medien bereits mit dem Zeigefinger hingewiesen und damit das Denken der Gesellschaft völlig in eine Richtung und zu einem Urteil hingelenkt haben: Pädophilie. Der Zorn und der Abscheu gegenüber der Pädophilie ist nur zu verständlich und völlig begründet. Doch wenn er sich auf einen bestimmten Menschen richtet,
dann muss es vollkommen deutlich sein, dass er wirklich schuldig geworden ist. Ist das alles im Fall von Agris Lēvalds wirklich vollkommen klar? Es wird immer solche geben, denen die Schlagzeilen einer Zeitung genügen, um jemanden zu kastrieren, zu erschießen oder zu erhängen. Ich hoffe jedoch, dass es noch mehr Menschen geben möchte, die bereit sind, sich in eine Sache zu vertiefen und sie zu begreifen. Deshalb, auch nicht einmal wegen Lēvalds, sondern um unseres eigenen Gerechtigkeitsbewusstseins willen, übernehme ich den gewiss nicht sehr populären Auftrag, an das zu erinnern, was bisher noch nicht bedacht worden ist. Vor dem Gerichtsurteil müssen wir nicht nur mit der Annahme sondern sogar mit der realen
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Möglichkeit rechnen, dass Agris Lēvalds nicht schuldig ist. Nach meiner Ansicht ist es völlig unzulässig, sich ihm gegenüber so zu verhalten wie gegenüber einem Verbrecher. Das tun zur Zeit die Medien und ein großer Teil der Gesellschaft. Natürlich gibt in diesem Zusammenhang seine Entlassung aus dem Gefängnis gegen eine Kaution kein gutes Bild. Aber wenn Lēvalds wirklich als nicht schuldig befunden wird? In welchem Licht steht dann alles da, was wir zur Zeit erleben?
Werden die Möglichkeiten für ein gerechtes Verfahren wirklich größer, wenn die Ermittlungen in den Medien ausführlich beschrieben werden, schon bereits vor dem Bekanntwerden der Anklage, unter der Nennung von Namen und der Wiedergabe von Fotos? Auf keinen Fall. Bei einem gesteigerten Hin und Her der Ansichten und Meinungen in der Gesellschaft wird es den Richtern und Beisitzern schwerer fallen, objektiv zu urteilen. Bewirkt das für die Gesellschaft etwas Gutes? Doch wohl eher das Gegenteil. Wenn das Gericht Lēvalds für nicht schuldig befinden sollte, werden dann die Menschen plötzlich ihren bereits gefällten eigenen Urteilsspruch ändern können? Ganz bestimmt nicht, und das wird das Empfinden vermehren, dass es auf dieser Erde keine Gerechtigkeit gibt und dass es in Lettland nicht möglich ist, ein gerechtes Gerichtsverfahren zu finden. Und schließlich: sollte sich Lēvalds als nicht schuldig erweisen und mit einem Freispruch den Gerichtssaal verlassen: wie wird seine Rückkehr in das Leben aussehen? Wird das Gerichtsurteil im öffentlichen Raum der Gesellschaft, das ja schon lange vor der Gerichtsverhandlung fest stand, etwas anderes bewirken als den Blutrausch der Massen zu steigern? Natürlich ist es leichter, sich diese Fragen nicht zu stellen, und dennoch müssen sie gestellt werden.
Man hat mich gefragt, weshalb Lēvalds bis zum Beginn der Gerichtsverhandlung nicht im Gefängnis hätte bleiben können. Ich habe diese Frage an die Pfarrer weitergegeben, welche sich darum bemüht hatten, die Kaution zusammen zu sammeln. Nach ihrer Aussage hätte es passieren können, dass er diese Zeit nicht lebendig überstanden hätte. Er leidet unter schwerem Diabetes und im Gefängnis konnte man die dafür erforderliche Behandlung nicht garantieren. Deshalb waren seine Gesundheit und sein Leben auf das schwerste bedroht. In letzter Zeit hatte er unter Ohnmachtsanfällen zu leiden. Einige werden bestimmt sagen, dass er die auch haben müsste. Aber noch einmal: wenn Lēvalds nicht schuldig berfunden wird, was dann? Auf keinen Fall wäre es richtig, jemanden im Gefängnis vor seiner Gerichtsverhandlung zu töten. Die Kollegen, die Lēvalds schon lange kennen und für ihn die Kaution zusammengebracht haben, sind von seiner Unschuld überzeugt.und haben das nach ihrer Ansicht einzig Richtige getan. Ihr Schritt beeinträchtigt das öffentliche Ansehen der Kirche schwer. Und das ist für die Glieder der Kirche nur schwer zu ertragen. Doch ihre Motivation kann man verstehen und respektieren. Manche haben auch die Frage gestellt, ob
die Kaution nicht aus den Mitteln entnommen sei, die sie selbst gespendet haben. Als ich diese Frage weitergab, erhielt ich die Antwort, dass das ganz bestimmt nicht der Fall sei. Das Geld wird auch nicht ausgegeben oder verschwendet, sondern wird den Einzahlern erstattet werden, wenn der Angeklagte vor Gericht erscheint.
Dieses Geschehen dcarf nicht missverstanden werden. Die irgendwo zu hörende zusammenfassende Behauptung „die Kirche hätte einen Pädophilen freigekauft, damit er seiner Strafe entginge“ ist von vorn bis hinten falsch. Weder die Geber der Kaution noch die Kirche insgesamt möchten damit die Ermittlungen behindern. Die Gerichtsverhandlung wird stattfinden, und ich hoffe, dass sie gerecht verlaufen wird. Lēvalds und alle anderen werden verurteilt werden, und ich hoffe, dass jeder schuldige Verbrecher für sein Vergehen gerecht bestraft wird. Ich hoffe auch, dass niemand unschuldig bestraft wird. Menschen sind von einer Menge leicht zu lynchen, ganz besonders wenn diese professionell aufgehetzt wird. Für das Gericht wird es schwer sein, zu einem professionellen und gerechten Urteil zu kommen. Ich denke, dass wir alle den Vorzug haben, uns nicht mit dieser schweren Verantwortung beladen
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zu müssen, sondern diese den Richtern zu überlassen. Mögen diese leidenschaftslos urteilen und sich dabei von Fakten und Beweisen leiten lassen, die wir „Richter der Gesellschaft“ nicht kennen. Das Beste, was wir für die Gerechtigkeit tun können, ist, dass wir sie nicht stören. Die Kirche tut es nicht und jeder andere sollte es auch nicht tun. Wenn die Gerichtsverhandlung zu Ende und das Urteil gesprochen worden ist, werden wir die Wahrheit kennen. Dann möge den Schuldigen die gesetzliche Strafe und die Ächtung der Gesellschaft treffen. Dann werden sie sich dem Urteil voll unterwerfen müssen. Doch was sagen wir den Nicht Schuldigen, wenn es solche geben sollte?

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Mazā Pils iela 4 – Riga – LV 1050
E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 2. August 2010)
Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Inzwischen haben sich meine in ihrer Geduld geprüften Leser und Leserinnen sicher bereits daran gewöhnt, dass sie erst recht spät in den Besitz meiner Übersetzungen kommen, und das nur einmal monatlich. Ich habe vernommen, dass meine Bitte um finanzielle Unterstützung der Arbeit der lettischen Kirchenzeitung, die ich in der letzten Ausgabe ausgesprochen habe, bereits einer wohlwollende Resonanz bei den Lesern und Leserinnen dieser Übersetzungen begegnet ist. Für alle Fälle teile ich nachstehend für Überweisungen die Kontonummer des Martin Luther Bundes mit, der es freundlicherweise übernommen hat, dafür zu sorgen, dass die Spenden zur richtigen Stelle hinkommen:
Martin Luther Bund
Kontonummer: 12304
Bankleitzahl : 763 500 00 Sparkasse Erlangen
Zweckbestimmung: Zeitung Lettland (bitte unbedingt angeben!)
Das späte Eintreffen dieser Ausgabe kommt daher, dass ich nach zehn Tagen noch immer kein Exemplar der Kirchenzeitung zum Übersetzen in der Hand hatte. Ich habe die Versandstelle der lettischen Kirchenzeitung angerufen, die aber auch nicht feststellen konnte, wohin das mir zugedachte Exemplar seinen Weg genommen hat. So hatte ich diese Ausgabe erst über 14 Tage nach ihrem Erscheinen in Riga in meiner Hand.
In dieser Ausgabe ist viel vom neuen katholischen Erzbischof Lettlands die Rede. Nach dem Urteil meiner lettischen Freunde und Gesprächspartner scheint er eine interessante Persönlichkeit zu sein, den Lutheranern gegenüber sicher noch mehr als aufgeschlossen. Die Beiträge über ihn sagen da auch schon etwas aus. Jedenfalls ist es bei katholischen Bischöfen nicht allgemein üblich, dass sie in einer lutherischen Kirchenzeitung ein so ausführliches Interview geben und dabei auch so viel über ihre eigene Person berichten. Unter den Lutheranern Lettlands hat man den Eindruck, es mit einem Mann zu tun zu haben, welcher der Ökumene aus ganzem Herzen zugewandt ist. Auch ist es sicherlich nicht alltäglich, dass eine katholische Bischofsweihe in einem lutherischen Dom stattfindet. Wegen aller dieser Dinge bitte ich um freundliches Verständnis, dass ich dieser Persönlichkeit und diesem Anlass in dieser Ausgabe bei der Übersetzung so viel Raum gegeben habe.

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Ein zweiter Themenschwerpunkt ist die Zukunft der Lutherakademie, die jetzt ihr Domizil auf dem Domplatz 1 räumen muss und in die (ehemals) reformierte Kirche umzieht, wo sie sich mit wesentlich bescheideneren Räumen zufrieden geben muss.
Die Orgel der Dreifaltigkeitskathedrale in Liepaja muss schweigen, weil die Windversorgung ganz und gar zu funktionieren aufgehört hat, wovon in dieser Ausgabe auch berichtet wird.
Schließlich mit dem sommerlichen Ausflug der Freunde der lettischen Kirchenzeitung SR nach Kurland noch etwas sommerliches.
Die nächste Ausgabe hoffe ich bis zum Ende des Monats August übersetzen zu können, ohne wieder von solchen unangenehmen Verzögerungen bei dem Postversand überrascht zu werden.
Mit herzlichen sommerlichen Grüßen bin ich stets Ihr J.B.

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