Verfasst von: liefland | August 31, 2010

11. Sonntag nach Trinitatis Ausgabe Nr. 11.(1838) vom 14. August 2010.

Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird. Hebräer 12, 14.

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.
11. Sonntag nach Trinitatis Ausgabe Nr. 11.(1838) vom 14. August 2010.

Spalte der Chefredakteurin Inga Reča
Sehr unter die Haut
Der Sommer ist in diesem Jahr sehr heiß geraten, nicht wahr? Nicht nur in der Natur, sondern auch in der Gemeinschaft der Christen. Wie es unser Erzbischof in seiner Glückwunschansprache an den neuen katholischen Erzbischof erwähnte, so gab es darüber Freude oder Aufregung, aber niemand ließ diese katholische Bischofsweihe im lutherischen Dom gleichgültig. Sowohl den Katholiken als auch den Lutheranern ging diese Bischofsweihe sehr unter die Haut. Oder noch genauer gesagt – unter die Haut des Glaubens und der Überzeugung.
Im August sind es genau 15 Jahre her, seit ich in der evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands getauft und konfirmiert worden bin. Aber genau so gut hätte ich eine Katholikin sein können, denn ich bin ein Kind, das aus einer Mischehe hervorgegangen ist. Und nur, weil ich bei meiner lieben lutherischen Großmutter und meinem lieben lutherischen Großvater in Kurland und nicht bei meinen katholischen Großeltern in Lettgallen aufgewachsen bin, gab es, als ich mich Gott rief, nicht den geringsten Zweifel für mich, welcher Konfession ich angehören wollte. Obwohl ich damals bereits erwachsen war, hatte ich vom lutherischen Bekenntnis nicht die geringste Ahnung. Es war einfach so, dass mir meine geliebte lutherische Großmutter näher stand. Ich denke, dass die überwältigende Mehrheit unserer Gemeindeglieder sich auf diese Weize für ihre konfessionelle Zugehörigkeit entscheidet. Und so ist es ein großes Rätsel und ein großes Mysterium, weshalb dich Gott ausgerechnet in diese Denomination hineingestellt hat. Diejenigen, für die das Dogma (im allerweitesten Sinn) an der ersten Stelle steht, werden Theologen oder Pfarrer, aber alle anderen…?
Ja, wie ist es mit den anderen? Wie soll man es verstehen, ob du wirklich bei der richtigen oder vielleicht sogar bei der „allerrichtigsten“ Variante gelandet bist? Ganz und gar nicht möchte ich feststellen, dass alles, was ich davor geglaubt habe, nur Irrtum war…
Eine Weile lang habe ich baptistische Gottesdienste besucht. Mich hat es begeistert, dass sie dort so viel sangen und nach dem Gottesdienst nicht sofort nach Hause liefen, sondern in der Gemeinschaft zusammen blieben. Nach einer Weile kam ich mit Katholiken in engeren Kontakt. Bei ihnen gefiel mir sehr ihr praktisches Empfinden und ihre Ehrfurcht. Auch unter den Orthodoxen habe ich viele enge Freunde. Alles in der orthodoxen Kirche erscheint mir geheimnisvoll, mysteriös. Als ich einmal einen sehr berühmten Prediger der Pfingstgemeinde kennen lernte, wollte ich gerne eine ebenso glühende Christin sein wie er. Vielleicht muss man sehr standfest sein, um so zu leben wie Professor Roberts Feldmanis: „Christus und nichts anderes, Christus und kein anderer, Christus und nur er allein!“

Christus und kein anderer. Inga Reča
Am 4. August fand in der evangelisch-lutherischen Christuskirche in Riga die Feier zum Gedächtnis des 100. Geburtstages (4. August 1910 – 28. Mai 2002) des bedeutenden Pfarrers, Professors der Theologie und Kirchenhistorikers Roberts Feldmanis statt. Die Christusgemeinde ist die erste Gemeinde, in der R.E. Feldmanis im Jahr 1932 als Helfer von Pfarrer Edgars Rumba seinen Dienst begann und die langen Jahre seines Dienstes beschloss.
„Für ihn stand stets Christus im Zentrum und kein anderer und nichts anderes. Wäre das doch auch bei uns so!“ Das wünschte bei der Enthüllung einer Gedenktafel an der Christuskirche (der ehemaligen Friedhofskapelle der St. Jakobigemeinde) einer seiner einstigen Schüler,
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Erzbischof Jānis Vanags, den Anwesenden. Zu dieser Gedächtnisfeier waren neben den Gliedern der Christusgemeinde viele Menschen gekommen, die Professor Feldmanis persönlich gekannt, seine Predigten angehört und aus seinen Händen den Segen empfangen hatten Ganz besonders herzlich denken an den hochbetagten Professor diejenigen zurück, die er seine Söhne genannt hatte: Erzbischof Jānis Vanags, der Propst der Propstei Riga Linards Rozentāls, der Pfarrer der Christusgemeinde Agris Sutra, der Pfarrer der lutherischen Gemeinde Katlakalns Māris Ziemelis, der Pfarrer der lettischen Kirchengemeinde in Irland Uģis Brūklene, der Pfarrer der Kirchengemeinde Olaine Oskars Skrodelis, der Pfarrer der Kirchengemeinde Mežaparks Ilmārs Rubenis und viele andere.
Im Gedächtnisgottesdienst wurde eine Aufnahme einer Predigt von Professor Feldmanis wiedergegeben, und danach konnten alle Teilnehmer sich über das Leben und das Werk des Jubilars bei der Besichtigung einer Ausstellung informieren und bei einer Mahlzeit im Garten Erinnerungen austauschen,
R. Feldmanis ist eine der hervorragendsten Persönlichkeiten der Geschichte der Evangelisch- lutherischen Kirche Lettlands als Historiker der ELKL, als geistlicher Vater und Erzieher der jungen Pfarrer, dessen Einfluss weit über die Grenzen Lettlands hinaus reichte. Er hat in der Universität Lettlands studiert und danach in einigen Kirchengemeinden Dienst getan. Eins seiner bedeutendsten Werke ist seine Tätigkeit in der Mission. Er war ab dem Jahr 1936 bis 1938 der Sekretär der lettischen Missionsgesellschaft und hat als solcher an der Weltkonferenz in Indien 1938 teilgenommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er Pfarrer mehrerer Gemeinden in Riga, wurde 1950 verhaftet und in das Lager Kargopol im Bezirk Murmansk deportiert..
Nach Stalins Tod kehrte er nach Riga zurück und diente als Pfarrer in mehreren Gemeinden in und um Riga: Olaine, Katlakalns, Biķeri, Mežaparks und in der Christusgemeinde. Nach der Wende erlebten die von ihm betreuten Gemeinden ein intensives geistliches Erwachen. Ein großer Teil der jungen Pfarrer kam aus jenen Gemeinden, aber ganz besonders aus der Gemeinde Mežaparks. Nach der Wiedergewinnung der Unabhängigkeit Lettlands beteiligte sich Professor Feldmanis aktiv an der Aktivierung des Gemeindelebens in vielen Kirchengemeinden und am Wiederaufbau der viele Jahrzehnte geschlossenen Theologischen Fakultät der Universität Lettlands. Bis 2000 hielt er in der Christuskirche sonntags einen Frühgottesdienst.
Roberts Feldmanis ist neben der Kirche von Katlakalns bestattet.

Ein Buch für alle, „die auf der Suche nach dem Verständnis des Weltgeschehens sind“
Anda Briede
Vor Kurzem haben wir am 4. August des 100. Geburtstages des Professors, Kirchenhistorikers und Pfarrers Dr. Roberts Feldmanis gedacht. Deshalb ist es eine besondere Freude, dass am Vorabend dieses Jubiläums sein Buch „Die Geschichte der Kirche Lettlands“
erscheinen konnte, welches Vorlesungen des Professors enthält, die er in der Theologischen Fakultät der Universität Lettlands im Jahr 1992 gehalten hat. Diese Vorlesungen umfassen die Epoche von der Christianisierung Lettlands bis zum 20. Jahrhundert, als nach dem Ersten Weltkrieg die Evangelisch-lutherische Kirche Lettlands neu gegründet wurde.
Ganz kurz möchte ich bei der Überlegung verweilen, welche besondere Bedeutung dieses Buch aus meiner Sicht hat und worin der besondere Wert dieses Lesestoffes liegt.
Einen nicht hoch genug einzuschätzenden Gewinn bietet die Fähigkeit von R. Feldmanis, die Verbindung historischer, politischer, geistlicher und anderer Vorgänge miteinander zu entdecken und diese Zusammenhänge auf die Gegenwart und sogar auf die Zukunft zu übertragen Damit wird die Lektüre spannend nicht nur für den Historiker oder den an Geschichte interessierten Leser, sondern, um die Worte des Professors zu gebrauchen, auch
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„für alle, die auf der Suche nach dem Verständnis des Weltgeschehens sind.“ Das Buch ist reich an Informationen und es bietet eine spannende Reise in die Geschichte unseres Volkes und unserer Kirche an..
Die Geschichte der Kirche wird zusammen mit der Geschichte unseres Landes und unseres Volkes betrachtet. Der Autor vertritt dabei die Ansicht: „Wir können die Geschichte der Kirche Lettlands nur in einem gewissen Maß verfolgen, wenn wir das auch mit der Geschichte unseres Volkes tun. Diese beiden Vorgänge sind voneinander nicht zu trennen.“
Dr. Feldmanis schreibt: „Wenn wir die Ereignisse und Abläufe in unserem geistlichen Leben und im Leben unserer Kirche begreifen möchten, dann müssen wir uns sehr viel den Ereignissen in unserem Lande und zuweilen auch in dessen Nachbarschaft zuwenden. Es genügt nicht, dass wir uns mit einzelnen aus dem Zusammenhang herausgerissenen Elementen begnügen..“ Oder an einer anderen Stelle: „Wir können nicht einfach das geistliche Leben oder das Leben der Kirche von dem abtrennen, was sonst im Lande in jener Zeit geschah und was uns alle sehr wesentlich betraf.“ Der Professor betrachtet das Geschehen auf dem Gebiet Lettlands im Zusammenhang mit dem Weltgeschehen. Deshalb bietet sich für den Leser die einmalige Möglichkeit, auch in die Weltgeschichte Einblick zu nehmen und die Wechselbeziehung und die Unteilbarkeit des Geschehens zu begreifen. Ja, eigentlich noch mehr. Dr. Feldmanis weist darauf hin, dass Kirchengeschichte sehr wichtig und ein untrennbarer Teil der Weltgeschichte ist.
Im Buch werden an vielen Stellen Ereignisse betrachtet, die sich in weit von Lettland entfernten Ländern abspielten. So schreibt Professor Feldmanis zum Beispiel über die päpstliche Machtpolitik und die Kirchenleitung der katholischen Kirche, über die Entstehung des Staates Russland, die Entdeckung Amerikas, die Kapitulation Granadas im Süden Spaniens, den Fall Konstantinopels, den Beginn der Gemeinde der Böhmischen Brüder usw.
Bei der Geschichte Lettlands werden auch solche Fakten hervorgehoben, die weltweit einmalig sind und über deren Bedeutung nicht einmal wir selbst immer gründlich nachgedacht haben. So schreibt der Professor, wenn er auf das Geschehen des Ersten Weltkrieges eingeht: „Bitte beachtet, dass sich hier an unserer Daugava und bei Riga der Erste Weltkrieg im gleichen Maße entschied wie bei den Kämpfen um Paris und an der Marne. Wir selbst haben es kaum bemerkt, die übrige Welt hat es überhaupt nicht bemerkt. Die übrige Welt ist in diesem Sinne an uns vorbei gegangen, aber für uns gehört es sich, dass wir unsere Geschichte kennen.“ Wenn er über Herzog Jakob von Kurland spricht, dann weist der Professor darauf hin, dass der Herzog (im Gegensatz zu der damaligen Machtpolitik anderer Großmächte, (für die die Christianisierung mit der Hilfe von Gewalt und der Unterwerfung der Ansässigen kennzeichnend war) zu seinen Kolonien im Süden Afrikas und vor der Küste Südamerikas Pfarrer hinsandte, denen er den Auftrag gab, geduldig und demütig die dortigen Sprachen zu erlernen und die Ortsansässigen für den evangelischen Glauben zu gewinnen.
Der Autor des Buches erläutert auch verschiedene Termine, Traditionen und Fremdworte. So erfährt der Leser, was Lehen, Humanismus. Rationalismus bedeuten, wann und weshalb es zu der Tradition der Friedhofsfeste gekommen ist. Der Professor wendet sich auch einigen kulturhistorischen Fragen zu, so zum Beispiel der Frage der Eigenheiten des Kirchbaues während der verschiedenen Jahrhunderte, der Darstellung des Angesichtes Christi in der lettischen Malerei. Er tut auch seine Bewertung der lettischen Dichter und Schriftsteller kund.
Dann spricht er wieder in einem besonderen Absatz eines Themas von wesentlichen Fragen des Glaubens. So erläutert er an einer Stelle, was apostolische Sukzession bedeutet, welche tiefere Bedeutung der Choral hat, er spricht von der Gefahr des Götzendienstes, von der Bedeutung des Großen Bußtages,in der lutherischen Kirche, erklärt den Unterschied zwischen den Begriffen „Hölle“ und „Reich der Toten“ usw.

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Sehr breiten Raum nehmen in diesem Buch Lettland und bedeutende lettische Persönlichkeiten ein. Er meint: „Das Gedenken an die eigenen Vorfahren gehört zum Wesen der Aristokratie. Die Stärke der Aristokratie besteht darin, dass sie gleichzeitig in drei verschiedenen Zeiten zu leben vermag: nicht nur im Heute, sondern auch im Gestern und natürlich auch im Blick auf das Morgen. Ganz besonders weist der Professor auf Persönlichkeiten hin, die Vorbilder für unseren Glauben sein können..
Kaupo, Georg Manzelius, Christoph Fürecker, Gerhard Remling, Herzog Jakob, Gottfried Friedrich Stender, Ernst Glück, Johannes Brotze, Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, August Bielenstein, Georg Neiken. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der Liste der in seinem Buch behandelten Persönlichkeiten. Es werden jedoch auch noch viele hervorragende Persönlichkeiten genannt, von denen ich annehme, dass der größte Teil von uns deren Namen noch nie gehört haben wird.
Der Autor regt an, sich manches historische Ereignis und menschliches Handeln zum Beispiel zu nehmen. So schreibt er, wenn er von den Zerstörungen in Livland nach den Kriegshandlungen im 17. Jahrhundert berichtet: „Hier seht ihr eine Eigenart, die wir eigentlich als Mut, Elan, Energie und Unablässigkeit dieser ehemaligen Arbeiter bewundern sollten, mit der sie ihre Arbeit taten in solchen Verhältnissen mit grauenhaften und entsetzlichen Zerstörungen. Wir sollten uns das jetzt zum Vorbild nehmen, da wir unsere Kirchen neu erbauen müssten, die noch immer zerstört daliegen. Wir sollten nicht darauf warten, dass die Dächer sich von selbst neu erheben oder aus der Luft auf uns zufliegen oder aus einem fernen Land als Geschenk auf uns zukommen, sondern die Dinge selbst anpacken.!“
Als er von der Brüdergemeinde spricht, regt der Professor an: „Nehmt euch die zum Vorbild in euren Gemeinden, damit ihr auch eure Gemeinde vollzählig versammelt seht.“
Sehr ernst und mahnend klingen die Erkenntnisse des Professors Russland betreffend. Im 19. Jahrhundert versuchte man, viele Letten zur Orthodoxie zu bekehren. Darin erkennt er Parallelen zur russischen Politik. „Es ist bezeichnend, dass diese Sache auch politisch zu sehen ist. Bei den Russen – man beachte das, wenn man die russische Geschichte und die russische Politik betrachtet – gibt es ein Sprichwort, das besagt, dass überall, wo je ein russischer Fuß hingesetzt worden ist, bereits Russland sei… Beachtet das, die ihr in den Baltischen Provinzen lebtet: Wir sind die Eingeborenen von der Ostseeküste. Beachtet das! Auch hier hat der russische Fuß gestanden. Deshalb müssen wir nach dem Katechismus der russischen Politik uns ihrer Macht unterwerfen. Das dürfen die Letten nie vergessen! Das dürfen die Esten nie vergessen! Das dürfen die Litauer nie vergessen. Auch das nicht: „Deportationen sind keine sowjetischen Erfindungen. Deportationen waren die ständigen Begleiter des russischen Machtstrebens. Die Russen waren das einzige kriegführende Volk mit dem asiatischen Verständnis von Macht, nach dem man Menschen als Kriegsbeute betrachtete, nicht nur ihren Besitz, nicht nur die ihnen auferlegten Steuern, sondern die Menschen selbst.
Das Buch enthält nicht nur trockene Tatsachen, Gesetzmäßigkeiten, Aufzählungen und Bewertungen von Ereignissen. Die Darstellung von Dr. R. Feldmanis ist emotional, manches Mal heftig schmerzend, wenn es darum geht, was und weshalb unsere Vorfahren das alles
erdulden mussten. So weist Professor Feldmanis, als er von der Geschichte Livlands im 17. Jahrhundert spricht, auf folgendes hin: „Prägt euch periodisch und systematisch eine einzige Wechselwirkung ein, besonders bei dem Zusammenbruch Livlands, bei dem man sagen konnte, dass unser ganzes Leben nach dem folgenden Dreiklang verlief: Krieg, Pest, Zerstörung .Der Autor schreibt über das Geschehen in Kurland im Ersten Weltkrieg: „Aus Kurland entflohen zwei Drittel der Einwohner. Kurland hatte davor etwa 800 000 Einwohner, von denen etwa 250 000 übrig blieben. Unterwegs geschahen entsetzliche Dinge. Alte Leute
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blieben am Wegesrande und starben dort auch… Die Leute litten an Mangel und unter Seuchen, viele wurden verwirrt, verfielen Panik in den Ballungen und im Gedränge.“
Trotz dieser Tragik weist der Professor auf den ungebrochenen Überlebenswillen der Kirche hin: „Wenn wir diese Dinge betrachten, dann sehen wir, dass dieser grauenvolle Dreiklang – Krieg, Pest, Zerstörung – unbeschreiblich hohe Opfer forderte, doch erkennen wir gleichzeitig
das Wunder, dass dadurch die christliche Kirche nicht zu Grunde gerichtet wurde und sie ihrem geistlichen Auftrag gerecht wird und ihr Werk weiterhin ununterbrochen verrichtet.
Das Buch weist anschaulich darauf hin, wem das lettische Volk seine Entwicklung zu verdanken hat, und dass wir so sind wie wir sind. „Wenn wir uns schon so eingehend mit uns selbst, mit unseren Eigenheiten, mit unseren Vorzügen… beschäftigen, so wird es uns auch von Nutzen sein, daran zu denken, dass es auch die Eigenheiten unseres Volkes sein werden, welche unsere Zukunft in hohem Maß prägen werden.“ Der Autor behauptet: „Vieles werden wir nicht begreifen können, wenn wir uns nicht den Wurzeln, den Ursprüngen zuwenden. Diesen Wurzeln entspringen gelegentlich jene Pflanzen und jene Ereignisse, wie zum Beispiel die gleichgültige Haltung der Letten gegenüber der christlichen Kirche.“ Bei der Lektüre dieses Buches des Professors wird es dem Leser deutlich, dass das Entstehen des lettischen Volkes und des Staates Lettland eigentlich jeder Logik widerspricht. Es war die unermessliche Gnade Gottes und ein Wunder, dass wir als Volk auf dieser Erde leben, und dazu noch als ein Volk mit einem eigenen Staat.
Die Abhandlung von Professor Feldmanis ist mitreißend, sie ist geistlich erhebend und inspirierend. Im Buch ist auch die einmalige Art des Vortrages von Dr. Roberts Feldmanis bewahrt, so dass der Leser den Eindruck hat, selbst im Hörsaal zu sitzen und mit den anderen Hörern gemeinsam die Vorlesungen anzuhören.
Ich kann behaupten, dass dieses Buch jedem die einmalige Möglichkeit bietet, nicht nur die Geschichte unseres Volkes, Staates und unserer Kirche kennen zu lernen oder sein Wissen aufzufrischen und zu ergänzen, sondern auch darin das Werk der Gnade Gottes zu erkennen. Sehr herzlich empfehle ich dieses Buch jedem, der unsere lutherische Kirche und unser Land liebt. Gottes Hilfe und Segen wünsche ich jedem, der sich zur Pflege, Erhaltung und Weitergabe des geistlichen Erbes unseres Volkes in den Dienst gestellt hat.

Ein heißer Kirchentag der Diözese Daugavpils. Ligita Ābolniece.
Am 24. Juli fand der erste Kirchentag der Diözese Daugavpils statt, seitdem die ELKL in drei Diözesen aufgeteilt ist. An ihm nahmen mehr als 2oo Menschen teil, darunter auch Vertreter der Erzdiözese Riga und der Diözese Liepāja.
Der Tag begann mit einer Andacht in der Kirche von Krustpils, die vom Propst der Propstei Sēlpils (Selburg) Ainārs Spriņģis und Pfarrer Evalds Bērziņš gehalten wurde. In einer kleinen Prozession begaben sich darauf die Kichentagsteilnehmer zur Krustpils vorgelagerten kleinen Insel. Dort sprachen zu den Festgästen: der Bischof der Diözese Daugavpils Einārs Alpe, der Bischof der Diözese Liepāja Pāvils Brūvers, Pastor Helmut Brauer aus Lübeck, der Pfarrer der lettischen lutherischen Gemeinde in Irland Uģis Brūklene, der Pfarrer der St. Annen Gemeinde in Liepāja Jānis Bitāns, die Gemeindeleiterin der Kirchengemeinde St. Michaelis in Jēkabpils Lita Krūmiņa. Das Veranstaltungsprogramm wurde von der Assistentin des Erzbischofs Helēna Andersone geleitet und angesagt. Die Losung des Kirchentages war „Führe mich, Gott!“ Diese Losung war auch das Thema der Vorträge und Konzerte. In der Hitze der Sonne hörten wir auf der kleinen Insel den Vortrag von Pfarrer Jānis Bitāns „Von der Gotteskindschaft zur Fülle in Gott“. Darin zeichnete der Referent drei Lebensabschnitte nach, durch die hindurch Gott von dem Augenblick der Bekehrung bis zur vollkommenen Heiligung geleitet. Der erste Abschnitt ist der des Kindes, dem alles und nichts gehört, oder der des Sklaven, der nur das besitzt, was ihm zugeteilt wird, aber sonst nichts.
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So sieht die geistliche Erfahrung des Menschen aus. Der zweite Abschnitt ist der des jungen Menschen oder des Tagelöhners. Diese setzen ihre Kraft, ihre Mühe und Arbeit bewusst ein. Der dritte Abschnitt beginnt, nachdem der Vater den Menschen die Erfahrung der Kindheit und der Jugend hat machen und ihn hat reifen lassen, oder des Sohnes, der bei dem Vater lebt und zum Miterben geworden ist. „In unserem Herzen müssen wir wie Kinder sein, jedoch in der Erkenntnis Gottes reifen. In ihm werden wir erwachsen. Die Heiligung ist ein Merkmal dafür; wie tief und ernst meine Bekehrung gewesen ist,“ sagte J. Bitāns.
Pfarrer U. Brūklene berichtete über den Dienst der lettischen lutherischen Mission in Irland, beschrieb die besonderen Umstände und Probleme, auf die man in jenem fremden Lande stößt. „In Irland ist die Einsamkeit krasser und schreiender. Dort gibt es nicht viel Erinnerungen an die von zu Hause her gewohnte Landschaft. Ganz besonders in der Fremde lernt man alle Dinge neu zu bewerten..“ Er bat die Zuhörer um ihre Fürbitte und ihren Kontakt und Gedankenaustausch mit ihren nach Irland ausgereisten Freunden. „Gott macht durch seine Jünger andere Menschen zu Jüngern.“
Wegen der großen Hitze musste das Konzert des Quintetts des Sinfonieorchesters in Liepāja, des Opernsängers Ingus Pētersons und des Organisten Aivars Kalējs in der Kirche stattfinden.
Besonders bewegend war es, zu hören, was Petersons über Gottes heilende Kraft und über seine Genesung berichtete. Dort im Gotteshaus hielt auch Pfarrer Indulis Paičs aus der Luthergemeinde in Riga seinen Vortrag „Wie uns Gottes Stimme erreicht und wie wir auf sie reagieren.“ Der Referent erklärte, dass uns Gott hauptsächlich auf vier Weisen führt: durch unseren Charakter, unsere Merkmale, unsere Talente und unsere Fähigkeiten, die er jedem bei seiner Geburt geschenkt hat. Aber er leitet uns auch durch das Geschehen in unserem Leben, durch die oft ungeahnten und überraschenden Folgen unseres Handelns und durch sein Wort. das wir wie einen Liebesbrief Gottes an uns lesen und uns von ihm inspirieren lassen sollten. I. Paičs betonte, dass es für uns wichtig ist, einig, aber nicht gleich zu sein. „Jedem von uns hat Gott etwas anderes geschenkt. Wichtig ist es, dieses kreativ zu betrachten und etwas davon Gott zur Ehre zu nutzen.“ Der Schöpfer hat uns unser Leben nicht im voraus aufgeschrieben, und ihm sind auch alle unsere Unterschiede und Möglichkeiten bekannt. „Gottes Geleit wird uns am allerbesten nicht dann deutlich, wenn wir daran denken, sondern wenn wir mit unserem Geist seinen Geist empfinden.“
Der Abschluss des Kirchentages fand wieder auf der kleinen Insel von Krustpils statt. Dort erklangen von der Gruppe „Schwellen und Decken“ dargebotenen Gesangsvorträge und die von allen Kirchentagsteilnehmern gesungenen Choräle. Daran anschließend fand ein Gottesdienst statt, vor dem Helena Andersone Sonnenschirme und Blumen verteilte und allen dankte, sie sich um das gute Gelingen des Kirchentages verdient gemacht haben.
„Führe mich Gott!“ Eine gute Losung zum Nachdenken an einem Tage, an dem wir auf dem Lebensweg Halt gemacht haben. Führt er mich wirklich? Oder gehe ich allein und verzichte auf seine Führung? Bemühe ich mich, Gottes Geleit zu empfinden und zu vernehmen? Das werden sicher Fragen sein, welche sich die Teilnehmer an diesem Kirchentag des öfteren stellen werden.

Berichte von der Pilgerschaft in diesem Jahr.
Gott lädt uns zur Pilgerschaft ein… Rudīte Kumsāre, Glied der Kirchengemeinde Madona
Bereits seit fünfzehn Jahren veranstalten Glieder der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands in jedem Sommer eine Pilgerschaft, die jeden Beter zu dieser Wanderung einlädt, der bereit ist, auf diese Einladung zu reagieren, um mit Ihm und mit den anderen Teilnehmern auf diese besondere Weise zusammen zu sein und mit einander die Tage in der Gemeinschaft zu verbringen und einander zu dienen. Jede Pilgerschaft ist etwas ganz Besonderes und kann nicht wiederholt werden dadurch, was jeder Teilnehmer erlebt, wenn er Menschen begegnet,
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welche die Pilger bei sich aufnehmen, oder denen wir auf dem Wege begegnen, wenn wir verschiedene Orte in Lettland durchwandern. Dabei empfinden wir das Wunder, wie Gott mit uns durch sie und durch das ganze Geschehen spricht.
Das Thema der Pilgerschaft dieses Sommers war „Die Schöpfung“. Sehr tief konnten wir über Gottes Wunder der Schöpfung nachdenken, angefangen mit der Erschaffung der Welt bis dahin, wie Gott durch unsere Empfindungen und Gefühle sein Schöpfungswerk an uns fortsetzt und uns mit jedem Tag vollkommener macht. An dieser sommerlichen Pilgerschaft nahmen 73 Pilger aus 24 Kirchengemeinden teil. Die meisten von ihnen waren bereits während der 15 Jahre bei allen Pilgerschaften dabei. Die größte Gruppe von ihnen war mit 15 Leuten aus der Kirchengemeinde Dubulti, wo vor ganz kurzer Zeit ein regelmäßiger Teilnehmer an diesen Pilgerschaften, Pfarrer Ingus Dāboliņš, seinen Dienst als Pfarrer begonnen hat. Dabei war es uns eine große Freude, dass es ihm in so kurzer Zeit gelungen ist, so viele Leute aus seiner neuen Gemeinde für diese Pilgerschaft zu gewinnen. Viele Pilger kamen auch aus den Kirchengemeinden Madona und Cesvaine zusammen mit ihrem neuen Pfarrer Hans Jensson.
Als Pilger konnten wir Gott und unseren Gastgebern in den Kirchengemeinden Meņģele, Madliena, Suntaži, Mālpils, Vangaži und Krimulda ganz besonders dankbar sein, deren Fürsorge uns nicht nur jeden Tag in ihrem Gotteshaus einen Gottesdienste feiern ließ, sondern uns auch sonst auf vielfältige Weise half, dass wir ein Nachtquartier bekamen, dass wir beköstigt wurden, dass unsere Sachen zu unserem nächsten Aufenthaltsort kamen und für viele andere organisatorischen Dinge, dank derer unsere Pilgerschaft wieder so gut gelingen konnte. Vielen Dank euch allen!

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ Dace Lazdiņa, Glied der
Kirchengemeinde Dubulti.
Die Worte dieser Überschrift haben wir unzählige Male gehört und gelesen. Aber was bedeuten sie jedem von uns? Ist Christus wirklich unser Weg? Oder ganz genau: ist er mein Weg? Was bedeutet überhaupt das Wort „Weg“? Ist das eine breite Fahrstraße, auf der wir in wilder Geschwindigkeit in unserem Leben dahinbrausen und dabei unseren eigenen Träumen, Hoffnungen und Wünschen hinterherjagen? Oder ist es etwas völlig anderes – ein stiller Pfad zum Überlegen oder ein Bach, der durch sein gemächliches Fließen unsere Reise durch unser Leben in dieser Welt mit einer unermesslichen Freude, Dank und nicht enden wollendem Lob Gottes begleitet und uns, ohne dass wir es merken, Ihm und Seinem Reich immer näher bringt.? Es gibt ja doch den Weg der Gedanken, diesen langen Weg des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe… Schließlich gibt es auch den gewöhnlichsten Weg, den wir jeden Tag zu Fuß oder mit einem Verkehrsmittel zurücklegen, und dabei überhaupt nicht daran denken, dass wir jetzt gerade auf dem Wege sind. Was bedeutet dieses Wort dann, wenn meine Fortbewegungsmöglichkeit auf die Hilfe eines Rollstuhles angewiesen ist und die Überwindung einer kleinen Erhebung mit großen Anstrengungen verbunden ist?
Zu solchen Überlegungen brachte mich das große Geschenk von Gott in diesem Sommer – die Möglichkeit, zum ersten Mal in meinem Leben an der Pilgerschaft teilzunehmen. Obwohl ich bei weitem nicht die ganze Strecke von Meņģele bis zur Kirche von Krimulda vom 19. bis zum 25. Juli meinem Rollstuhl freundschaftlich verbunden blieb und deshalb Zwangspausen einlegen musste und den Pilgerweg nur teilweise schaffte, war es für mich eine wunderschöne Möglichkeit, die Worte Christi „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh. 14,16a) nicht nur zu überdenken und zu meditieren, sondern sie auch praktisch zu empfinden und zu erleben.
Einen neuen Inhalt bekamen für mich die Worte Christi: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Matth. 26,24) Wie
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alle anderen Pilger, so sollte auch ich das Kreuz der Pilger eine Strecke (von Suntaži bis Mālpils) tragen. „Das Kreuz sieht sehr groß und schwer aus. Wird es mir gelingen, es hoch zu heben und gar zu tragen?“ Sicher hat sich jeder der Teilnehmer das gefragt, als ihm diese Aufgabe und diese Prüfung bevor stand. Dieses Mal dauerten diese Überlegungen bei mir nur einen kurzen Augenblick. Und in dem Augenblick, als ich das Kreuz in die Hand nahm, wurde es mir deutlich, was der Herr Jesus mit den Worten „Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht“ (Matth. 11,30) sagen wollte. Wahrhaftig, wie leicht, gesegnet und sogar angenehm wird das Kreuz, wenn es nicht durch unser eigenes menschliches Unvermögen, unsere Zweifel und Unsicherheit, sondern durch die allmächtige Kraft, den Glauben und das Sich Verlassen auf Christus, Seine Gnade und Sein Geleit geschieht. Und nicht nur dieses Kreuz aus Holz, das dir für einen Augenblick in die Hand gegeben ist, sondern das Kreuz eines jeden von uns wird leicht. Denn eigentlich verlangt es Jesus gar nicht von uns,. dass wir unser Kreuz aus eigener Kraft tragen und darunter zusammenbrechen, schlaff werden und straucheln. Lieber Bruder, liebe Schwester, schau doch, Christus selbst trägt dein, mein und eines jeden Kreuz! Wenn wir an uns zweifeln, dann traut uns Christus weiterhin viel zu, wenn wir von Angst und Verzweiflung gequält werden Christus schenkt uns die Hoffnung, wenn uns Verzweiflung und Schuldgefühle quälen oder wir wütend werden. Christus hört keinen Augenblick auf, uns zu lieben; wenn wir unter der Last des Kreuzes im Sumpf der Sünde versinken, dann leidet und stirbt Christus für uns, um unseretwillen, an unserer Stelle, um uns mit sich gemeinsam zum ewigen Leben emporzuheben, wenn wir nur bereit sind, das im Glauben anzunehmen. Wir sind aufgerufen, das Kreuz in unsere Hand zu nehmen, es ein wenig festzuhalten (genau so viel, wie es jeder von uns vermag) damit ein jeder von uns am Werk Christi Anteil hat: an Seiner Liebe. Ich danke dir, Gott, für das Kreuz in meinem Leben, denn von dem gehen ohne Ende Ströme des Segens aus.
Man pflegt zu sagen, dass einer nie allein zu kämpfen braucht. Ich möchte diesen Satz ein wenig umformulieren, dass einer allein nicht zu gehen oder zu laufen braucht. Mindestens bei dem Pilgern nicht. Ich bleibe nicht allein. Damit ist das Pilgern eine besondere Art uns Weise, den Sinn und die Bedeutung der christlichen Gemeinschaft zu begreifen: Wie sehr wir einander brauchen, wie wichtig unsere Bereitschaft ist, einander geistlich und praktisch zu dienen, die Bedürfnisse des anderen zu erkennen, und dass nicht nur die Gebete und Gesänge
zum Lobe Gottes wichtig sind, sondern auch die feste Hand und die starke Schulter, das ermutigende Wort oder ein aufmunternder Scherz des Weggefährten, seine Bereitschaft und sein Vermögen, dir im rechten Augenblick zu helfen.
Ich möchte den Organisatoren dieses Unternehmens der Pilgerschaft meinen herzlichen Dank sagen : der Evangelistin Linda Straume, dem Pfarrer unserer Gemeinde Ingus Dāboliņš für die mir geschenkte Möglichkeit der Teilnahme, für ihre Bereitschaft, die Pilgerstrecke gelegentlich ein wenig zu ändern, um ein kompliziertes Stück des Weges meinem Rollstuhl erträglicher zu machen. Einen ganz besonderen Dank allen den lieben Menschen, die fast unbemerkt herbeieilten, um zu Schiebern, Ziehern oder Hebern meines Rollstuhles zu werden, die mir das Essen und die Getränke gebracht oder mir auf viele andere Weise geholfen haben. Herzlichen Dank allen, die uns die Übernachtung bei ihnen möglich gemacht haben, besonders der Kirchengemeinde Krimulda und Pfarrer Austris Rāviņš für die freundliche Aufnahme und Fürsorge. Einen herzlichen Dank jedem, der mir diese Pilgerschaft zu einem ganz besonderen Erlebnis gemacht hat dadurch, dass ich sie kennen lernen durfte. Ich bin davon fest überzeugt, dass wir einander bereichern konnten. Über allem steht das Lob und der Dank an Gott, der uns die ganze Zeit während dieser Pilgerschaft geleitet, gesegnet und behütet hat.
Von Herzen wünsche ich jedem, dass er mindestens einmal in seinem Leben erfahren könnte, wie der Gute Hirte seine geliebte Herde führt, ihr voraus geht und selbst zu ihrem Weg wird.
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Meine erste Pilgerschaft. Jolanta, Glied der katholischen Kirchengemeinde Ogre.
Meine Pilgerschaft zu Gott begann damit, dass ich eines Tages bei dem Hören des Christlichen Hörfunksenders Linda Straumes Einladung vernahm, an dieser eine Woche langen Pilgerschaft von Meņģele nach Krimulda teilzunehmen. Ich verspürte ein starkes Verlangen und den Ruf zu dieser geistlichen Erfüllung.
Als ich am Abend des 19. Juli in Meņģele eintraf, war ich angenehm überrascht, unter den Teilnehmern auch viele ältere Menschen zu sehen.. Bevor wir uns zur Ruhe begaben, versammelten wir uns zur Abendandacht. Groß war meine Überraschung, als ich erfuhr, dass diese Pilgerschaft von Lutheranern veranstaltet wird (ich selbst gehöre einer katholischen Kirchengemeinde an). Als ich an der Reihe war, etwas über mich zu sagen, wusste ich nicht so recht, was ich hier tue, aber ich glaube, dass Gott mit mir etwas Großes vor hat.
Die Pilgerschaft beginnt mit einem Gottesdienst in der lutherischen Kirche von Meņģele. Friede, Liebe und Helligkeit ging von jedem Teilnehmer aus, fing auch mich ein und rührte mich zu Tränen. Ganz bestimmt weiß ich, dass ich am richtigen Platz bin.
Wir machen uns auf den Weg. Wir sind mit dem Gesangbuch für Reisende, dem Tagebuch für Pilger und mit drei Pfarrern bewaffnet – Ingus Dāboliņš, Jānis Ginters und Hans Jensson – und werden in einen sonnigen Tag geleitet. Bei dem Gehen singen wir Lieder und ehren und loben damit Gott. Im Schatten der Bäume erholen wir uns von der Hitze, hören uns die Auslegung des Tagesthemas an, halten das Mittagsgebet, erholen uns und begeben uns weiter, um nach einiger Zeit unsere unermüdlichen Gedanken mit einer Meditation zu beruhigen, auf unseren Herzschlag, auf den Wind und auf Gott zu hören. Die ersten Blasen werden behandelt (auch bei mir) Am Abend treffen wir in Madliena ein.
Wir bereiten uns auf die Nachtruhe vor. Es ist eine wunderbare Möglichkeit, in der Kirche vor dem Altar zu übernachten. Das erschien mir so wunderbar und kam so unerwartet, dass ich im Gotteshaus sein und Ihm zu Füßen schlafen durfte. Die Liebe und Gnade des Herrn geht über alles.
Als ich am nächsten Morgen erwache, empfinde ich in mir Liebe und Kraft. Ich möchte am liebsten die ganze Erde umarmen und ihr sagen, dass Gott sie liebt. Gott öffnet mir mein geistiges Auge, dass ich die Menschen sehen möchte, die ich lieben, mit meinem Zeugnis stärken und ermuntern und ein Stück des Weges mit jedem zusammen gehen sollte.
Unsere Ankunft in Suntaži ist etwas ganz besonderes. Trotz der späten Abendstunde ist die Kirche hell und auf dem Altar sind die Kerzen angesteckt. Der Herr erwartet seine Kinder zum Abendgebet..
Am nächsten Tag, als wir unseren Weg fortsetzen, tritt eine Glaubensschwester an mich heran
mit dem Kreuz und sagt, dass eine Frau benötigt würde, die bereit sei, das Kreuz zu tragen. Mit Freude stimme ich zu. Am Abend davor hat mich eine Wespe in die Hand gestochen, und, um die Schwellung zu verringern, habe ich gerade eben am Wegesrande ein Blatt gefunden, nur vermag ich nicht, es an der schmerzenden Stelle zu befestigen. Und da stehe ich nun, in einer Hand das Blatt vom Wegesrande, in der anderen Hand das Kreuz. In dem Augenblick denke ich, dass es wichtiger sei, eine Möglichkeit zu finden, dass Blatt an der schmerzenden Stelle zu befestigen. Die Glaubensschwester, die neben mir steht, sagt mir, dass sie so lange das Kreuz halten würde. Als ich mich wieder dem Kreuz zuwenden möchte, hat bereits ein anderer es übernommen, das Kreuz zu tragen. Wie oft kommt unser geliebter Vater zu uns mit Geschenken, doch in dem Augenblick sind wir so sehr mit anderen Dingen beschäftigt, dass, wir für ihn keine Zeit haben.! Doch, weil er unser Vater ist, findet er immer einen anderen Menschen, der bereit ist, ihm zu gehorchen und ihn dankbar bei sich aufzunehmen.
Freitag, den 23. Juli. Am Morgen ist es ein wenig bewölkt, doch es gibt keine Anzeichen, dass uns noch ein Unwetter bevorsteht. Wir machen uns auf den Weg zum Gottesdienst in der Kirche von Mālpils. Heute beginnen wir mit den Meditationen des Kreuzweges. Groß ist mein

SR 11-2010 – 10 –

Erlebnis bei dem Tragen des Kreuzes, als ich an Jesus und seine Leiden denken muss, als er das Kreuz trug für alle Sünden dieser Welt. Wie er sich wohl gefühlt haben mag, als sie ihm eine Dornenkrone flochten und sie auf sein Haupt setzten, ihn anspuckten und demütigten und ihn mit einem Rohr auf das Haupt schlugen… Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Wie gering sind meine Leiden im Vergleich mit den Deinen, Herr!
Als wir auf unserem Kreuzweg Halt machen, um zu beten, bewölkt sich der Himmel sehr stark und es wird finster. Dennoch gehen wir weiter, obwohl es stark zu donnern beginnt und in unmittelbarer Nachbarschaft der Blitz einschlägt., der die Finsternis unterbricht, die über uns so plötzlich hergefallen ist. Es regnet sehr stark, Windstöße reißen uns um und öffnen meinen dünnen Regenmantel. Ich gehe weiter und freue mich über die Elemente der Natur und lobe den Herrn und singe „Halleluja!“ Im Herzen empfinde ich kindliche Freude und Frieden, denn ich weiß und glaube, dass Er uns behüten wird.
Der Weg bis zum nächsten Ort der Übernachtung ist noch weit, doch der Regen lässt nicht nach. Ich bin bis auf den letzten Faden durchnässt. Und dann geschieht etwas wunderbares. Um den Weg ein wenig abzukürzen, beschließen wir, einen Fußgängertunnel zu benutzen. Dieser ist so mit Wasser vollgelaufen, dass es bis über die Knöchel geht, und ich rufe aus: „Laßt uns zurückgehen!“ Neben wir fragt eine Stimme: „Weshalb?“ Ich sehe nichts, taste mich in der Finsternis nach vorne und wate weiter. Irgendwo vorne höre ich, dass dort ein Choral gesungen wird : „So nimm denn meine Hände.“ Ich begreife, dass ich auf dem richtigen Wege bin, denn am Ende des Tunnels ist bereits ein Lichtschein zu sehen. Auch auf diese Weise führt uns Gott durch die Dunkelheit, durch Angst, Unwissen, und nur dadurch, dass wir Ihm und Seiner Gnade vertrauen, können wir das Licht erreichen. Wenn mir die Kraft schwindet, dann kommt Er und hebt mich mit Seinen Händen auf. Unser Ziel an diesem Tage ist ein Gästehaus mit weichen Betten und warmem Wasser und einer großartig schmeckenden Suppe, die mir besser bekam als alle andern Suppen, die ich davor gegessen habe. Dafür der Gemeindeleiterin der Kirchengemeinde Vangaži Inga Freimane und ihren fleißigen Helferinnen, welche sich so liebevoll um uns Pilger gesorgt haben, einen besonders herzlichen Dank
Als ich am Morgen meine Augen öffne, sehe ich wieder strahlenden Sonnenschein. Das Unwetter ist vorbei, und ein schöner wunderbarer Tag bricht an. Unsere heutige Wegstrecke führt uns am Ufer der Gauja entlang. Dort nehmen wir auch Platz, um unsere Kreuzwegmeditation zu beenden, bei der wir alle Stationen mit den entsprechenden Stellen in der Heiligen Schrift durchschritten haben. Unser letztes Mittagsgebet mit der Meditation macht uns froh, aber auch ein wenig traurig.
Nur noch wenige Kilometer und schon können wir die Kirche von Krimulda sehen. Wir vernehmen die Glocke dieser Kirche, der dortige Pfarrer erwartet uns Pilger zum Gottesdienst. Ich bin so froh und bewegt, dass ich bei dem Weitergehen weinen muss.
Heute abend fahren viele bereits nach Hause. Wir versammeln uns am Lilienlabyrinth des Kaupo, um noch einmal unsere Gedanken auszutauschen darüber, was wir von dieser Pilgerschaft im Herzen behalten möchten, und was uns in den Alltag weiter begleiten wird. Vielleicht sind wir im kommenden Jahr wieder einmal zu diesem Unternehmen beisammen.
Unser ganzes Leben ist wie eine Pilgerschaft, in der es sonnige, ja sogar glühend heiße Tage und regnerische, stürmische, gewittrige Tage mit Blitzeinschlägen gibt, mit heißem Tee, welcher dem ermüdeten und durstigen Pilger gereicht wird, mit Bergen und Tälern, mit Steinen im Schuh und mit Blasen, mit einem weichen Bett und einer wohlschmeckenden Suppe, mit Dunkelheit und Helligkeit am Ende des Tunnels, mit Glauben und Zweifeln. Doch eins wissen wir ganz sicher:nach der Nacht bricht der Morgen an, und auf den Kummer folgt der Trost, denn der Herr ist mein Hirte…
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Am Sonntagmorgen ist die Sonne aufgegangen. Ich erwarte meine Lieben, die zum Gottesdienst anreisen wollten. Diese Reise habe ich meiner Mutter zum 70. Geburtstag geschenkt. Machen wir uns auf die Pilgerschaft und lasst uns Gott die Ehre geben. Gott ist wunderbar! Herzlichen Dank allen! Auf Wiedersehen bei einer anderen Pilgerschaft!

Deutsche schenken Letten ihren Kirchenschlüssel. Viesturs Pirro, Propst.
Über 16 Jahre währt bereits die Partnerschaft zwischen den Propsteien Ostholstein (früher Eutin) und Kuldīga. Die Sommerlager der Jugend finden jährlich abwechselnd in Kuldīga und in Eutin statt. In diesem Jahr fand es vom 12. bis zum 23. Juli im kleinen Ort Curau in Schleswig-Holstein in der Nähe der Ostsee statt. Dabei hatten die deutschen und lettischen Jugendlichen einen gemeinsamen Arbeitseinsatz im christlichen Kindergarten in Scharbeutz, wo sie Spielplätze einrichteten und Wege ausbauten. Doch es gab auch die Möglichkeit der Erholung am Meer, von Ausflügen nach Lübeck und Hamburg, gemeinsamer Gottesdienste und Andachten. Viel Arbeit und Liebe haben für den so erfolgreiche Ablauf des Jugendlagers Propst Matthias Wiechmann, Jugendpastor Volker Prahl, Pastor Roman Röpstorff, Diakonin Maren Griephan, der Pastor der Kirchengemeinde Curau Hans-Joachim Merker, die Mitarneiter der Kirchengemeinden uns des Kirchenkreises Ostholstein investiert.
Dazu die Leiterin der Jugendarbeit der St. Katharinengemeinde in Kuldīga Liene Blūma: „Das Lager war sehr herzerfrischend und schön.“ Tatsächlich, der gut gepflegte Park der Kirchengemeinde Curau, auch Garten Eden genannt, mit einem Teich mit den Konturen Lettlands, mit einem alten Gebäude, in dem eine Bäckerei untergebracht war, in dem der Bäcker am Ort hervorragende Pizzas zauberte – alles das war ein wunderbares Gottesgeschenk an die deutschen und lettischen Jugendlichen. Sie wurden von Propst Pirro und seiner Frau Jana, den Mitarbeiterinnen der St. Katharinengemeinde Aina Birze und Astrīda Birkmane sowie von der Deutschlehrerin Guntra Buivida begleitet. Zum Abschied überreichte Pastor Merker, auch liebevoll Hanjo genannt, Propst Pirro ein wunderbares Geschenk mit den Worten: „ Kommen Sie jederzeit, schließen Sie die Kirche auf, halten Sie Gottesdienst! Die Kirche von Curau ist auch Ihre Kirche!“ Das Geschenk war ein großer Kirchenschlüssel mit einem großen Kreuz aus Metall, auf dem die Worte stehen „Ich bin der gute Hirte.“ Es gibt nichts Besseres, was die Liebe und die herzliche Gemeinschaft zwischen unseren Gemeinden beschreiben könnte.

„Svētdienas Rīts“ macht einen Ausflug nach Livland. Inga Reča
Am 25. Juli machte sich „Svētdienas Rīts“ zusammen mit einde Gruppe von Lesern auf den Weg zu einer Reise nach Livland. Zu dieser Gruppe gehörte ein ganz besonderer Gast: die Gemeindeleiterin der lettischen lutherischen Gemeinde in St. Petersburg Ina Kārkliņa-Gorina Da wir uns bereits seit vielen Jahren einander kennen, hat Frau Ina auch in unserer Kirchenzeitung ihren Lebensweg nachgezeichnet (ihr Großvater Eduards Vīnegers war Pfarrer der lettischen Jesusgemeinde in St. Petersburg; Ende des 19. Jahrhunderts ist er von Liepāja nach Russland umgesiedelt.- die Redaktion). Dieses Mal hatten wir in der Gruppe die Möglichkeit, mit ihr persönlich zusammen zu sein. Man kann sagen, dass wir den Kontakt mit ihr in dem Augenblick geschlossen haben, als sie unsere stattliche Gruppe zu sich nach St. Petersburg eingeladen hat.
Auch dieser Sonntag war wie der größte Teil der Tage dieses Sommers heiß und drückend, aber unsere Hoffnung setzten wir auf die Gotteshäuser Lettlands, die wir besuchen wollten – Sigulda, Cēsis, Rauna und Straupe. In der Kirche von Sigulda wurden wir von Pfarrer Andris Grots erwartet zusammen mit unseren Freunden Irene Bindemane, Iveta Bērziņa und Oberküster Ēvalds Intspēteris; im Gotteshaus in Cēsis: von Maija Kalnupa und der Gottesdienstgemeinde, mit der zusammen wir den Gottesdienst feierten; in der
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Kirchengemeinde Rauna: von Pfarrer Edijs Kalniņš, von Raitis Zarinš, der uns auch den Versammlungsraum der Brüdergemeine dort vorstellte. Danach haben wir ein wenig im Flüsschen bei Rauna geplatscht, aber leider wurden wir danach in Straupe von niemandem erwartet… Nach einem gründlichen Mittagessen in Rauna sind wir wohl für unseren Bus zu schwer geworden, und während der Bus gegen einen anderen ausgetauscht wurde, war es wirklich allerhöchste Zeit für die Rückfahrt nach Riga, damit die Weiterreisenden noch ihre letzte Möglichkeit für die Heimfahrt erreichten.
Einer der Mitreisen sagte: „Wir sind wirklich mit Liebe und herzlicher Gemeinschaft gedopt worden.“

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Mazā Pils iela 4 – Riga – LV 1050
E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 26.August 2010)
Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Diese Ausgabe hat mit ihren Berichten vom Kirchentag der Diözese Daugavpils und einigen Reiseberichten einen sommerlichen Charakter. Der Sommer muss in Lettland fast unerträglich heiß gewesen sein. Um dieser Hitze zu entgehen, habe ich meine Reise nach Lettland auf den September gelegt, so dass ich die Übersetzung der nächsten Ausgabe erst nach dem 16. September beginnen können werde.
Meine Bitte um Spenden für das Weiterbestehen der lettischen Kirchenzeitung ist auf ein Echo gestoßen, das mich überwältigt hat. So hat eine von mir sehr verehrte Leserin meiner Übersetzungen ihre Gäste zu ihrem runden Geburtstag darum gebeten, von Geschenken aus diesem Anlass Abstand zu nehmen und stattdessen etwas für „Svētdienas Rīts“ zu spenden. Durch diese Bitte wurde ein Ergebnis erziehlt, das mich den Atem anhalten ließ. Dennoch bleibe ich bei meiner Bitte um weitere Spenden für die lettische Kirchenzeitung an jeden und jede, denen das möglich erscheint. Zur Sicherheit noch einmal die Angaben des Kontos, auf das die Spenden überwiesen werde können:
Martin Luther Bund
Kontonummer: 12304
Bankleitzahl: 763 500 00 Sparkasse Erlangen
Zweckbestimmung: Zeitung Lettland (Bitte unbedingt angeben!)
Mit vielen herzlichen sommerlichen Grüßen Ihr. J. B.

In der Anlage füge ich einen auf der Internetseite der ELKL veröffentlichten Kommentar von Erzbischof Vanags hinzu, in dem er zum Dialog zwischen der lutherischen und katholischen Kirche in Lettland Stellung nimmt, und hoffe, dass er auch meine hoch verehrte Leserschaft interessiert. J. B.

Anhang zu SR 11-2010

Kommentar des Erzbischofs: man sollte mit der ökumenischen Situation in Lettland behutsam umgehen und sie nicht durch übereiltes Handeln gefährden.

„Es ist angenehm, die freundschaftlichen Worte des neuen katholischen Erzbischofs über die guten Beziehungen zwischen der lutherischen und katholischen Kirche in Lettland zu lesen. Diese wirklich sehr enge und erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den Kirchen einiger Konfessionen, an die wir uns in unserem Lande so sehr gewöhnt haben, erregt tatsächlich in anderen Ländern Verwunderung. Ich kann dem zustimmen, dass in Lettland für den ökumenischen Dialog ungewöhnlich gute Voraussetzungen bestehen.
Der Dialog zwischen den Lutheranern und Katholiken findet in der Welt seit vielen Jahrzehnten statt. Sowohl die eine als auch die andere der Kirchen führt auch einen Dialog mit anderen Konfessionen. Das grundsätzliche Ziel dieses Dialoges ist die vollkommene Einheit der Kirche. Diese geht von der biblischen Aussage aus, dass die Kirche der Leib Christi in dieser Welt sei. Der Leib sollte gesund und unzerstört sein. Doch wir können es schon als Gewinn betrachten, wenn zwischen den Kirchen Missverständnisse bereinigt und das gegenseitige Vertrauen vermehrt wird. Wenn wir von der vollkommenen Einheit sprechen, dann müssen wir erst davor begriffen haben, was diese bedeutet. Dabei geht es im Wesentlichen nicht um die Vereinigung von zwei Organisationen, sondern darum, dass die lutherische und die katholische Kirche einander als vollwertige und gleichwertige Glieder der weltweiten Kirche Christi betrachten und gegenseitig das Priestertum und die Sakramente anerkennen Das würde zum Beispiel bedeuten, dass Lutheraner und Katholiken zusammen zum Heiligen Abendmahl gehen und ohne Einschränkungen in einer der Kirchen getraut werden könnten. Um das zu erreichen, müssen wir uns zuerst in einer ganzen Reihe von Fragen der Lehre einigen. Man müsste in der Vergangenheit ausgesprochene gegenseitige Verurteilungen und Exkommunikationen widerrufen. Wenn wir das erreichen könnten, dann wäre das schon ein großartiges Ergebnis, über das man sich nicht nur in der Welt, sondern noch viel mehr im Himmel freuen würde. Das ist ein großes und sehr ernst zu nehmendes Werk, mit dem sich die Lutheraner und Katholiken schon viele Jahrzehnte befasst haben. Wir in Lettland haben diesen Dialog vor einem Jahr begonnen, und haben dabei erkannt, wie groß das Feld der Diskussionsthemen ist.
Leider hat es einigen Medien gefallen, auf sensationelle Weise von einer demnächst zu erwartenden lutherisch-katholischen Wiedervereinigung oder einem Zusammenschluss zu reden. Ebenso gut könnte ich den staatlichen Anschluss der Republik Lettland an Italien am siebenten Tag des kommenden Monats bekannt geben. Um von irgendeiner Art von struktureller Einheit zu reden, genügt es nicht, dass man sich in Fragen der Lehre geeinigt hat. Auch genügt es nicht, dass es zwischen den Bischöfen irgendwelche Absprachen gibt. Dazu bedarf es einer breiten Unterstützung durch die Kirchengemeinden, die Pfarrer und des Volkes der Glaubenden. Deshalb muss der ökumenische Dialog in aller Offenheit und ohne Eile stattfinden. Den verehrten Journalisten möchte ich sagen, dass es bei dem Dialog zwischen beiden Kirchen weder geheime Protokolle noch geheime Absprachen gibt, die man aufdecken und an das Licht bringen müsste. Bisher haben wir vier Treffen gehabt, bei denen wir erst den Kreis der theologischen Themen abgezeichnet haben, welche wir in der nächsten Zeit beraten könnten. Die Gespräche waren offenherzig und interessant.“

Jānis Vanags, Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands

Übersetzung: Johannes Baumann

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