Verfasst von: liefland | November 22, 2010

23. Sonntag nach Trinitatis Ausgabe Nr. 14 (1841 ) vom 6. November 2010

Bei dem Herrn, unserem Gott, ist kein Unrecht. 2. Chronik 19,7

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.
23. Sonntag nach Trinitatis Ausgabe Nr. 14 (1841 ) vom 6. November 2010

Lettische und sächsische Lutheraner feiern ihre 20 jährige Partnerschaft Ingrīda Briede
Diejenigen, die das Gebäude des Oberkirchenrats in der Maza Pils iela betreten haben, werden ganz sicher ein recht ungewöhnliches Gemälde im Flur bemerkt haben. Darin erkennen wir den Blick auf die sächsische Landeshauptstadt Dresden, der aus vier farbigen Quadraten besteht. Dieses Bild hat die Reise von Dresden nach Riga gemacht. In Dresden entstand es am Abend der Feier der 20 Jährigen Partnerschaft zwischen den Kirchen Lettlands und Sachsens. Jeder Teilnehmer hatte die Möglichkeit, mit Hand anzulegen am Entstehen dieses Kunstwerks. Dieses möchte symbolisch daran erinnern, dass diese nun 20 Jahre alte Partnerschaft durch den Einsatz vieler einzelner Menschen entstanden ist. Am 4. und 5. September herrschte in der Dresdner Dreikönigskirche eine liebevolle familiäre Stimmung. Hier trafen sich die Freunde aus Lettland und Sachsen; vor allem die Vertreter der Partnergemeinden.. Das waren vor allem diejenigen, welche diese Partnerschaft vor vielen Jahren begonnen hatten, wie Pfarrer Michael Karstedt als damaliger Vertreter des Landeskirchenamtes, oder Marion Kunz, die sich als eine der ersten in die Richtung Lettland auf den Weg machte, in dieses ihr so unbekannte Land, um dort an einem von Kaspars Dimiters organisierten Jugendlager in Krimulda teilzunehmen, oder an Anneliese Heiland, deren von ihr vertretene Leipziger Matthäusgemeinde auf eine fast zwanzigjährige Partnerschaft mit der Kirchengemeinde in Limbaži zurückblicken kann. Zu den Anwesenden gehörten sowohl diejenigen, die seit vielen Jahren diese Partnerschaft zwischen deutschen und lettischen Kirchengemeinden pflegen, als auch diejenigen, welche die von der sächsischen Kirche veranstalteten lettischen Sprachkurse besucht haben und diejenigen. die sich erst vor Kurzem dieser Partnerschaft angeschlossen haben. So gibt es erst seit ganz kurzer Zeit die Partnerschaft zwischen der Kirchengemeinde in Usma in Kurland mit der Kirchengemeinde in Moritzburg bei Dresden. So manche der Anwesenden sprachen immer wieder von dem verehrten Herrn Johannes Baumann, der für viele der deutschen Freunde der erste Lettischlehrer gewesen ist und mit den Lettischkursen begonnen hatte.
Diese Gemeinschaft zwischen den lutherischen Kirchen Sachsens und Lettlands hat sich auf vielfache Weise entfaltet, sowohl als Partnerschaft zwischen Kirchengemeinden, als auch in der Form von Hilfe bei der Restaurierung von Kirchen, in der Form der musikalischen Zusammenarbeit, der seelsorgerlichen Hilfe für die Pfarrer und auf viele andere Weise. Davon nur wenige Beispiele: Seit 1990 reist Marion Kunz jedes Jahr mit Jugendgruppen nach Lettland. Bei diesen Reisen gehört der Besuch der Kirchengemeinde Madliena unbedingt zum Programm. Deutsche Konfirmanden haben durch eine große Spende dazu beigetragen, dass das Kellergeschoss der Alten St. Gertrudkirche in Riga (das ehemalige Gertrudheim) wieder hergerichtet werden konnte. Wo jetzt verschiedene Veranstaltungen und Kurse stattfinden können. Jugendliche aus Lettland haben mehrfach an Gospelfestivals in Deutschland teilgenommen. Vertreter der ELKL haben regelmäßig an den Synoden der Sächsischen Kirche teilgenommen. Jugendliche aus Lettland nehmen regelmäßig an den Deutschen Evangelischen Kirchentagen teil und entwickeln dort mit Jugendlichen aus Sachsen gemeinsame Projekte. Es ist wirklich unmöglich, alle gemeinsamen Projekte aufzuzählen. Einen herzlichen Dank allen deutschen Brüdern und Schwestern für diese herzliche Gemeinschaft und die nicht hoch genug zu bewertende große Hilfe für Lettland!
Die Feier der 20 jährigen Partnerschaft begann mit der gegenseitigen Vorstellung und mit Berichten über die Zusammenarbeit zwischen den Kirchengemeinden. Dem schloss sich ein Vortrag von Ilze Ķezbere über die Zeit der Reformation in Lettland an. Der Abend wurde mit

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Gesprächen und dem Austausch von Erinnerungen fortgesetzt. Auch wurde uns der Deutsche Evangelische Kirchentag vom 1. bis zum 5. Juni 2011 in Dresden vorgestellt, zu dem auch die lutherischen Freunde in Lettland sehr herzlich eingeladen sind. Den lettischen Lutheranern wird die Möglichkeit angeboten, den Kirchentag entweder als freiwilliger Helfer oder als Teilnehmer zu erleben. Das wird auch eine großartige Möglichkeit sein, unsere sächsischen Partnergemeinden zu besuchen. Die Organisatoren des Kirchentages gewähren den Teilnehmern aus Lettland einen beträchtlichen Gebührenerlass. Die Gesamtgebühr beträgt für sie nur 24 Euro und enthält auch die Kosten für Übernachtung und den Eintritt zu allen Veranstaltungen.
Am Morgen des 5. September wurde die Festveranstaltung mit einem Gottesdienst fortgesetzt, welchen der sächsische Landesbischof Jochen Bohl und der Referent für ökumenische Fragen und Partnerschaftsbeziehungen im sächsischen Landeskirchenamt Pfarrer Friedemann Oehme hielten. In diesem Gottesdienst waren wohl etwas weniger lettische Teilnehmer, da viele der anwesenden Letten bei ihren Partnergemeinden zu Gast waren. Sehr bewegend war der Augenblick, als auf den Altar die von unseren Partnerkirchen gestifteten Kerzen gestellt wurden, die wir danach als einen lieben Gruß unserer Partnergemeinden nach Lettland mitnehmen durften.

Es gibt gute Gründe, in Einigkeit weiter zu bestehen. Wir müssen es nur wollen.
Die Synode rückt immer näher, und dabei werden unterschiedliche Bewertungen und auch kritische Standpunkte laut über das, was in unserer Kirche geschehen ist. Einen Teil von ihnen konnten Sie bereits in den letzten Ausgaben unserer Kirchenzeitung lesen. Um den Standpunkt der Kirchenleitung zum Geschehen zu erfahren, haben wir Erzbischof Jānis Vanags zu einem Gespräch eingeladen. Inga Reča und Ivars Kupcis
Den ganzen September haben sie sich zu einer Einkehr in die Stille zurückgezogen. Was bringt die für einen Geistlichen ein und was hat sie Ihnen gebracht?
Ich habe mich noch einmal davon überzeugen können, dass die Einkehr etwas ganz Wichtiges ist, besonders für uns Geistliche. In der Apologie zum Augsburgischen Bekenntnis heißt es, dass ein Pfarrer in seinem Dienst vor der Gemeinde an der Stelle Christi stände. Wenn das so ist, dann ist es besser, wenn der Pfarrer den Menschen das sagt, was Gott sagt – das sagt unser Rektor Dr. Weinrich immer wieder unseren Studenten. Die Worte kommen von Gott, wenn man in einer tiefen und nahen Übereinstimmung mit der Bibel ist. Die bestimmten geistlichen Übungen, die ich mitgemacht habe, waren eine solche Möglichkeit, sich in die Schrift zu vertiefen, wie ich sie noch nie in meinem Leben gehabt habe. Es hat mich ein wenig überrascht, dass niemand, nicht einmal der Leiter dieser Übungen, dort nichts erzählte, nichts lehrte, nur verschiedene Schriftstellen zu lesen aufgab und mir half, sie zu betrachten, hauptsächlich auf dem Wege der Vorstellungskraft bei der Betrachtung. Das heißt sich auf das Geschehen im Evangelium voll und ganz einzustellen, als ob man selbst dabei wäre und mit Jesus, einem Apostel oder einem Engel sprechen könnte. Ich bekam öfters die Aufgabe, zu Matthäus 26, zum letzten Abendmahl zurückzukehren. Kurz danach erblickte ich in einer Kirche einen Altar mit einer Skulptur, auf der die Szene des Heiligen Abendmahles dargestellt war. Mein erstes Empfinden war: das kenne ich doch, an dem Tisch bin ich doch schon einmal gewesen. So habe ich 31 Tage verbracht und sieben Stunden täglich in der Schrift gelesen und gebetet, und plötzlich begreifst du alles, was dir Gottes Wort und Gottes Geist offenbaren möchte. Nur dir, denn die Früchte der Übung sind bei jedem anders. Bei einer solchen Einkehr lernst du die Bibel anders lesen und betrachten. Auch das war für mich ein großer Gewinn. Als stille Einkehr kann man sie nur bedingt bezeichnen. Es ist wahr. Das Telefon blieb ausgeschaltet, das Internet auch, so dass ich nichts von dem erfuhr, was zu

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der Zeit in der Welt oder bei uns in Lettland geschah. Ein Gespräch nur mit dem Leiter gab es immer morgens etwa eine halbe Stunde lang. Andererseits ist jede Meditation von einer Stunde Dauer ein Gespräch in Gedanken mit handelnden Personen des Geschehens im Evangelium, denn du wirst einer von ihnen. Das geht alles mit einem langen Gespräch mit dem Herrn Jesus zu Ende über das, was du in der Meditation soeben erfahren hast und über alles, was du auf dem Herzen hast. Zum Schluss hast du das Empfinden, dass du viel geredet hättest. Wichtig ist auch die Betrachtung deiner selbst. Während seines Alltages kann der Mensch nicht so tief in sich selbst hineinschauen wie bei einer solchen Einkehr. Wahrscheinlich hat mir niemand das gesagt, was ich mir selbst während dieser 30 Tage gesagt habe. Doch das Bedeutendste ist die Gnade, die ich während der Zeit der Übungen von Gott erbeten habe – die Gnade, von ganzem Herzen Jesus zu erleben und kennen zu lernen, um ihn vollkommener zu lieben und ihm noch intensiver nachzufolgen. Ich kann sagen, dass ich nach dieser Einkehr unseren Herrn besser kenne als davor. Eine solche Einkehr hilft ganz bestimmt, in der Liebe zu Gott zu wachsen, und das ist für einen Christen, und ganz besonders für einen Geistlichen ganz besonders notwendig. Und auch deshalb war für mich diese Einkehr so wertvoll. Ich empfehle es jedem, sich für die Möglichkeiten der Einkehr bei uns in Mazirbe zu interessieren. Dreißig Tage werden dort allerdings nicht angeboten, aber eine Woche der Einkehr ist auch gut.
– Ich habe gelesen dass auch Mönche eine einen Monat lange Einkehr nur wenige Male in ihrem Leben praktizieren. Ist das auch ein Hinweis darauf, dass dieses ein ganz besonderer Augenblick in Ihrem Leben war?
– Das ist physisch und emotionell ein Unterfangen, welches einen ganz fordert, und dem sich nur sehr wenige stellen. Auch ist es nicht einfach, sich dafür so viel freie Zeit zu nehmen. Weiter verbreitet sind acht Tage lange Einkehrzeiten. Die vollen Übungen werden Menschen empfohlen in besonderen Situationen, wenn sie wichtige Entscheidungen treffen müssen. Ein Teil dieser Übungen ist der etwa zwei Wochen lange Prozess des „Auswählens“, während dessen der Mensch betend und horchend zu erfahren versucht, welches der Wille Gottes ist. Dabei sind mehrere Grundsätze zu beachten, zum Beispiel sollte man im Zustand der Erschöpfung nichts beschließen, was das Leben entscheidend verändern könnte, oder sich später von einem Beschluss lossagen, der in einem Augenblick des göttlichen_Friedens und Zuspruchs gefasst worden ist. Ich habe Gott auch die Frage vorgebracht, wie er sich künftig meinen Dienst an Christus und der Kirche von mir wünscht – im Amt des Bischofs oder auf eine andere Weise. Von allen Möglichkeiten gibt es eine, die sich für mich ganz deutlich abzeichnet. Obwohl unsere Verfassung die Abwahl oder Neuwahl oder die Verlängerung der Vollmachten eines Bischofs nicht vorsieht, habe ich beschlossen, die Synode um ihre Anweisung zu bitten, ob ich meinen Dienst als Bischof fortsetzen soll oder nicht. Ich hoffe, durch die Kirche die Stimme Gottes vernehmen zu können und bitte die Synodalen, darüber auch Gott zu befragen.
– Welches sind nach Ihrer Ansicht die größten Schwierigkeiten, die wir als Kirche zur Zeit durchstehen müssen?
– Am Anfang dieses Jahres trat die Finanzfrage sehr scharf in Erscheinung. Dadurch, dass die wirtschaftlichen Pläne nicht verwirklicht werden konnten, war es nicht mehr möglich, die Vergütung der Pfarrer und die Arbeit der kirchlichen Abteilungen (Dezernate) auf dem bisherigen Niveau fortzusetzen. Das verursachte viele Spannungen und Diskussionen. Doch zur Zeit ist die Geldfrage anscheinend an die zweite Stelle gerückt. Viel mehr haben wir jetzt über unsere lutherische Identität, über die ökumenischen Kontakte, über die Prinzipien der

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Verfassung und der kirchlichen Verwaltung im Allgemeinen zu diskutieren. Das sind gute Fragen, die uns zu unseren wesentlichen Schwierigkeiten führen werden – zu den objektiven Schwierigkeiten, die wirtschaftlich und durch das Bankkonto gelöst werden können, oder zu den subjektiven Schwierigkeiten, die in unseren Herzen und Köpfen gelöst werden müssen. Nach lettischem Maßstab sind wir eine vergleichsweise große Kirche, die verschiedene Epochen und Eindrücke der Geschichte durchschritten hat Wir sind nicht nach einem Maß geschneidert und auf den gleichen Leisten gespannt worden. Zur Zeit erleben wir das als besondere Herausforderung. Doch die wahre Herausforderung an uns ist, dass wir begreifen, dass wir unter uns keine Gegner haben, sondern Gesprächspartner bei Fragen, die uns alle im gleichen Maße betreffen.
– Sind diese unterschiedlichen Weisen der Betrachtung der lutherischen Identität und der Organisation des wirtschaftlichen Lebens eigentlich ein Mangel oder ein Gewinn unserer Kirche, und kann die Kirche bei so vielen so unterschiedlichen Richtungen, die wir haben, überhaupt noch als einheitliches Ganzes weiter bestehen?
– Ich möchte auch nicht unsere Verschiedenheiten übertreiben. Blicken wir doch auf andere Kirchen in Europa, blicken wir auf den Lutherischen Weltbund. Dort sind die Unterschiede viel, viel größer. Die Unterschiede der Meinungen haben zueinander Distanzen errichtet. Und dennoch halten sie zusammen. Für die Lutheraner wird doch die Grundlage der Einigkeit nicht dadurch gebildet, in welcher Farbe das Gewand des Pfarrers ist oder auf welchem Ton wir die Psalmen singen. Auch darf es bei den Lutheranern nicht nur die eine Kirchenverwaltung geben, sondern sie darf auch sehr verschieden sein – sie kann episkopal oder synodal – episkopal ausgerichtet sein, wie zum Beispiel die Kirchen in Skandinavien oder im Baltikum, bis zu den rein kongregational oder synodal geprägten Kirchen in Amerika. Jede Kirche entscheidet sich dafür, was sie in ihren Verhältnissen für zweckmäßig hält, und das hat wirklich nichts mit der lutherischen Identität zu tun. Die einigende Grundlage der Lutheraner ist keins von diesen Dingen, sondern die Einmütigkeit bei der Lehre des Evangeliums. Vielleicht kann mir dieser oder jener nicht zustimmen, aber ich denke, dass in unserer Kirche die Unterschiede in äußeren Dingen größer geworden sind – bei den liturgischen Gewändern, bei den Formen des Gottesdienstes oder den Ansichten über den Gottesdienst, bei den Prinzipien der Verwaltung. Bei der Lehre und dem Erlernen des Evangeliums sind wir ein gutes Stück weiter gekommen nicht nur im Sinne der Eintracht, sondern auch in der Ausrichtung auf die lutherische Identität. Und wie sollte es dabei auch anders sein? Zur Zeit besteht der größte Teil der Pfarrerschaft aus Absolventen der Luther Akademie, denen sowohl solche in der ganzen Welt anerkannte bekenntnistreue lutherische Theologen wie die Professoren R. Slenczka und W. Weinrich als auch unsere eigenen Lehrkräfte, auf die kein Schatten eines Zweifels fällt, die systematische Theologie und die lutherischen Bekenntnisschriften nahe gebracht haben. Wo mag der Verdacht auf unsere große Abwendung vom Luthertum aufgekommen sein? Zu Beginn dieses Jahres behauptete der Propst der Letten in Amerika Vilis Vārsbergs, dass in unserer Kirche die Lehre vom Fegefeuer wieder in Kraft setzte, die Verehrung von Reliquien ebenso einführte wie den Heiligenkult und den Sündenablass. Erstens ist das nicht wahr, und dann erscheint es mir sehr rätselhaft, wie es sich der geehrte Propst vorstellt, dass solche Dinge von Pfarrern getan werden könnten, die auf der Luther Akademie ausgebildet worden sind? Es mag sein, dass er das von der Theologischen Fakultät hat, die seinerzeit unter seiner Leitung sich von jeder konfessionellen Identität distanziert hatte und in der weiterhin Dozenten aus verschiedenen Konfessionen lehren. Doch wie sollte eine zielstrebige kirchliche Politik aussehen, die ihre Ausbildung bekenntnistreu lutherisch ausrichtet? Das ist völliger Unsinn. Ich habe weder die Zeit noch die Kraft, mich mit solchen Behauptungen auseinanderzusetzen, die man in jüngster

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Zeit oft zu hören bekam. Bevor man denen glaubt, sollte man darüber nachdenken, wie sie mit wesentlichen und überprüfbaren Dingen im Leben unserer Kirche übereinstimmen. Wenn wir wirklich der Auffassung sind, dass die Einheit der Kirche in der Lehre des Evangeliums gegründet ist, dann haben wir die besten Voraussetzungen, um in diesen Einigkeit weiter zu bestehen, wenn wir es nur wollen.
– Woher kommen eigentlich die Spannungen und Sorgen über das „Hinlenken nach Rom“?
– Ich habe den Eindruck, dass es da einen ganzen Haufen von Anlässen gibt. Ich gebe zu, dass ich dazu auch selbst einiges beigetragen habe. Ich bin einer von denen, welche die Reformation als die Rückkehr zu den evangelischen Wurzeln der Urkirche verstehen. Ich sehe die lutherische Kirche in der historischen Kontinuität. Ignatius von Antiochia ist unser Kirchenvater. Bonaventura ist unser Kirchenvater. Luther ist unser Kirchenvater. Bonhoeffer, Rumba und Feldmanis sind unsere Kirchenväter. Ich fühle mich sehr wohl inmitten dieses historischen Erbes und möchte vieles davon frei nutzen, was dem Gottesdienst und der Würde der Sakramente dient. Mir hat immer eine entfaltete Liturgie und alte Kirchenmusik gefallen. Das ist mein Empfinden und die lutherischen Bekenntnisschriften lassen mir auch diese Freiheit. Und dabei bin ich weder im weltweiten Luthertum noch hier der einzige. Ich denke, dass es gut ist, dass auch solche Menschen in unserer Kirche ihren Platz einnehmen dürfen. Wo es den einen Glauben gibt, dort stört die Vielfalt der Traditionen nicht. Luthers Kampfgefährte und der Verteidiger der Reformation Philipp Melanchton schreibt:: „Wir behalten in der Kirche die alten Traditionen, denn diese sind nützlich und fördern den Frieden in der Gemeinde; wir deuten sie evangelisch und weisen die Ansicht zurück, dass sie gerecht machen würden. Wir verwerfen nicht die Messe, sondern halten sie gottesfürchtig weiter und setzen uns für sie ein. Auch die Ordnung der gewohnten Zeremonien, der Schriftlesungen, der Gebete, der Gewänder der Pfarrer und ähnlicher Dinge wird beachtet… Mit größter Sorgfalt waren wir bestrebt, die Würde der Messe zu erhalten. In unseren Gemeinden werden die Kirchendisziplin gottesfürchtige Zeremonien sowie fromme kirchliche Bräuche sorgfältig beachtet.“
Das sagt er über die Römische Messe seiner Zeit, des 16. Jahrhunderts. Deshalb können diese Formen, wenn sie evangelisch ausgelegt werden, für sich allein nicht unlutherisch sein. Eine andere Sache ist, dass sie nicht überall notwendig sind, sondern nur dort, wo sie „nützlich“ sind, und die Gemeinde bereit ist, sie anzunehmen. Doch als Seelsorger habe ich es wirklich versäumt zu beachten, dass alles, was ich tue, in der Öffentlichkeit nicht als meine persönliche liturgische Entscheidung aufgefasst wird, sondern als etwas Programmatisches, was alle betrifft, als Zeichen für irgend eine Richtung. Der Gebrauch von Glöckchen und Weihrauch im lutherischen Gottesdienst ist eine Angelegenheit der freien Entscheidung, doch in einem Gottesdienst, der vom Fernsehen übertragen wird, kann das wirklich viele Menschen aufregen, welche das in ihren Gemeinden noch nie gesehen haben, und denen das fremd vorkommt und sogar verdächtig erscheint. Objektiv betrachtet, könnte man sagen, dass hier ein Sturm im Wasserglas entfacht wird. Vielleicht ist durch die in der Öffentlichkeit vorgetragenen Standpunkte der Eindruck entstanden, dass diese liturgischen Formen in der ELKL planmäßig und mit Gewalt eingeführt würden. Tatsächlich hält sich der größte Teil der Gemeinden an die alte Ordnung des Gottesdienstes, viele fühlen sich wiederum mit der entfalteten A-Ordnung wohl und wollen nicht mehr zur alten C-Ordnung zurückkehren, aber die Gemeinden, die Weihrauch gebrauchen, kann man an den Fingern einer Hand abzählen. Dabei geht es immer um die Frage des Übereinkommens zwischen dem Pfarrer und seiner

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Gemeinde. Dennoch war es für mich eine Lehre, dass ich als Bischof die Adiaphora mit größerer seelsorgerlicher Sensibilität behandeln muss.
– Um noch einmal auf unsere Unterschiede zurückzukommen. Müssen wir uns alle bemühen, einander gleicher zu werden, oder sollten wir dennoch den Standpunkt eines anderen Menschen als dem unseren gleichwertig achten?
– Wir sollten begreifen, dass die Gleichheit in allen äußeren Dingen in einer Kirche wie der unseren unmöglich und auch gar nicht zu wünschen ist. Niemand wird dadurch glücklich werden. Den eigenen Geschmack anderen aufzuzwingen, das ist Tyrannei. Wir müssen es wirklich lernen, andere Standpunkte zu achten, und sollten damit aufhören, alles in „schwarze“ und „weiße“ Gruppen aufzuteilen und jede Meinungsverschiedenheit zur Bekenntnisfrage zu machen. Professor Leons Taivans schrieb einmal sehr zutreffend über die große globale Tradition und die kleine örtliche Tradition. Es gibt Theologen, welche die lutherische Kirche weniger für eine reformierte Urkirche und eher für eine neue Kirche der Reformation halten. Sie betonen stärker das Zerschneiden der alten Bindungen, die Distanzierung vom Ehemaligen und den Beginn von etwas Neuem. Ihnen erscheinen die alten Akzente unnötig und fehl am Platz. Das kann man verstehen und achten. Dennoch sollte man beachten, dass es dabei nicht nur um eine Diskussion über das Wesen des Luthertums geht, sondern um die Treue gegenüber der Tradition, je nach dem, welche man am liebsten hat. In unserer Kirchenzeitung hat Pfarrer Ralfs Kokins sehr emotionell seine Liebe zu unserer „kleinen“ örtlichen im 19. Jahrhundert in Lettland entstandenen gottesdienstlichen Tradition bekannt. Diese ist wirklich zu ehren und uns teuer. Auch ich fand durch sie den Weg in die Kirche und halte den größten Teil der Gottesdienste nach dieser Ordnung. Nicht so gut ist es, dass er genau so emotionell diese Tradition der großen Tradition gegenüberstellt, von der der Theologe der Kirche der Missouri Synode K. Pipkorn sagte: „Zu allererst sind wir katholische Christen, danach sind wir westliche Christen und drittens lutherische Christen.“ Ich könnte dem noch folgendes hinzufügen: Viertens sind wir Christen der ELKL. Diese Dinge stehen nicht miteinander im Konflikt. Sie müssen zusammengehören.
– Wenn wir an die Vorwürfe denken, die im Zusammenhang mit den Gesprächen mit den Katholiken laut wurden, dass wir uns in äußeren Dingen wie Gewändern und ähnlichem den Katholiken sehr annäherten, entsteht der Eindruck, dass wir als Lutheraner nur begreifen können, wer wir sind, wenn wir auf die Katholiken schauen. Was ist nach Ihrer Ansicht lutherische Identität, wenn wir nicht auf die anderen, sondern auf uns selbst schauen.
— Schauen Sie, jetzt sind wir bei dem angekommen, mit dem man am schwersten etwas anfangen kann. – bei den irrationalen Verdächtigungen. Einfache, längst bekannte Dinge werden von Menschen mit einem schlimmen Inhalt behaftet. So haben wir zum Beispiel Kathedralen und Dekane. Ist das für unsere Kirche wirklich etwas ganz Neues? Ich habe hier ein Schriftstück mit der Unterschrift des damaligen Kanzlers des Konsistoriums Kārlis Gailītis, dass am 2. September 1985 entsprechend einem Antrag des Dekans der Kathedrale Jānis Liepiņš dem Studenten des Theologischen Seminars J. Vanags vom Konsistorium die Genehmigung erteilt wird, an den Gottesdiensten der Kathedrale, der St. Johanniskirche, teilzunehmen. Aber dass wir im Jahr 2010 Kathedralen und Dekane haben, scheint für manche ein Zeichen für einen Paradigmenwechsel und ein unwiderlegbarer Beweis dafür zu sein, dass der Kurs der ELKL in die Richtung Roms gelenkt würde. Ich denke, dass wir uns vor der Seuche der Verdächtigungen nach Kräften hüten sollten. Im Buch der Schöpfung wird der Böse als Schlange dargestellt, die bei Eva den Verdacht lebendig werden lässt. Die Verdächtigung fängt an, die Beziehungen zwischen Eva, Adam und Gott zu zerstören, ebenso wie sie das bei allen Beziehungen in der Familie, der Kirche und sonst wo zu tun pflegt. Es

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bedarf nur eines kleinen Senfkornes von Verdacht, und schon beginnt unser Verstand zu arbeiten und fügt die kleinen unbedeutenden einzelnen Bestandteile zu einem schlimmen Modell zusammen, das sich in unserem Kopf deutlich festsetzt. Die Verdächtigung findet immer Beweise für ihren Verdacht. Das führt zum Empfinden von Misstrauen und zur Unfähigkeit, jemand anderem als nur sich selbst oder seiner Gruppe zu vertrauen. Damit kommt es zu Spaltungen. So funktioniert das. Nehmen wir als Beispiel unseren Dialog mit der katholischen Kirche. Ich habe viele Male gesagt, dass ich nie die Andeutung eines Gedankens gehabt hätte an irgendeinen Anschluss an Rom. Ich habe immer gesagt, dass beide Kirchen die Einheit nur finden können, wenn sie Einmütigkeit in der Lehre auf Grund der Heiligen Schrift erreicht haben. Das alles geschieht und wird geschehen in der Form eines offenen Dialogs. Das Gleiche haben auch die katholischen Vertreter gesagt. Die Zusammenkünfte waren öffentlich und jedes Mal waren auch Zuhörer anwesend. Die Gespräche wurden aufgenommen und konnten im Internet abgehört werden. Nirgendwo gab es irgendwelche Anzeichen von Verschwörung. Aber nein, die Verdächtigung sagt, dass man dem nicht trauen dürfte, und dass wir die Öffentlichkeit ganz bestimmt nicht alles wissen lassen wollten, und dass es ganz bestimmt irgendwelche geheime Treffen und listige Absprachen gegeben hätte, und deshalb müsste man die Bajonette aufsetzen, sich in die Schützengräben begeben und auf die nicht abzuwendende Stunde warten, zu der das Luthertum verraten würde. Das erinnert mich an den Film „Der wunderbare Verstand“, dessen Hauptfigur ein hoch talentierter Wissenschafler ist, der von Zeit zu Zeit von Agenten eines Geheimdienstes besucht wird, die ihn mit der Durchführung verschiedener Aufgaben beauftragen. Doch diese Agenten sind Trugbilder, welche nur in seinem großartigen Verstand existieren. Und solange er nicht begriffen hat, dass das nur Trugbilder sind, lassen diese ihn unvernünftig handeln und dadurch sich selbst und andere gefährden. Wir müssten uns von unnötigen Verdächtigungen und allerlei Trugbildern lösen Wir sollten das erkennen, was wirklich existiert – das Bestehen unserer Kirche auf dem Grunde und der Autorität der Heiligen Schrift und der Auffassung, dass die lutherischen Bekenntnisschriften diese richtig auslegen. Wir sollten begreifen, dass das nicht nur in der Präambel unserer Verfassung steht, sondern auch die Predigt und Praxis unserer Kirche betrifft. Das ist unsere Identität, die sich auf unseren Glauben gründet, und nicht auf irgendwelche äußerlichen Zeremonien oder auf die Gegnerschaft gegenüber anderen. Sicher sind wir nicht vollkommen, aber wir haben einen langen Weg zurückgelegt, um dorthin zu kommen. Das betrachten viele Kirchen der Welt ebenso Weshalb fällt es uns so schwer, das recht zu beurteilen?
– Viele regen sich über die engen ökumenischen Kontakte mit der katholischen Kirche auf. Wie könnten Sie die Aufregung Ihrer Schafe beruhigen?
– Vor Kurzem hatte ich die Möglichkeit der Begegnung mit Vertretern unserer Kirchengemeinden bei einer Diözesanversammlung. Ich stellte ihnen die Frage, ob ihnen unsere ökumenischen Kontakte mit der katholischen Kirche zu eng erschienen und sie beunruhigten. Die Reaktion unserer nicht ordinierten Synodalen war viel gelassener und verständnisvoller als die von einigen ihrer Hirten. Nur einer des Anwesenden ließ mich wissen, dass diese ihn wirklich aufregten. Alle Übrigen reagierten auf unsere ökumenischen Kontakte ruhig und verständnisvoll. Einige von ihnen sagten sogar, dass wir mit den Katholiken noch enger freundschaftlich zusammenarbeiten sollten. Natürlich müssen die Hirten achtsam sein und darauf bedacht, dass der Wolf sich nicht an ihre Herde heranschleicht. Deshalb möchte ich niemandem einen Vorwurf machen. Wir sollten aber darauf achten, dass übermäßige Verdächtigungen den Wolf nicht zurückhalten werden, sondern die Helfer und die Hirtenhunde abschrecken und die Flucht ergreifen lassen. Ich kann nur wiederholen, dass es keine geheimen Absprachen gibt. Alles geschieht in der

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Öffentlichkeit und wird dort auch weiter geschehen, und es liegt bei uns, wie wir die Grenzen ziehen und bis zu welchem ökumenischen Prozess zu gehen wir bereit sind. Hier gibt es noch andere Aspekte, über die man gewöhnlich nicht laut redet, aber die sich auf die Einstellung gegenüber dem Dialog mit der katholischen Kirche sehr auswirken. Hier und dort redet man und ab und an schreibt man sogar darüber, dass Papst Benedikt XVI der Antichrist und die römisch – katholische Kirche das apokalyptische Ungeheuer sei, deren Ziel es sei, das wahre Christentum zu vernichten. So redet man darüber, dass Lettland dafür als Laboratorium und Versuchsfeld auserwählt sei. Natürlich ist aus einer solchen Sicht jede Annäherung als gefährliche Schändlichkeit zu betrachten. Das erklärt wirklich die große Aufregung über jede Annäherung an die Katholiken, ganz zu schweigen von der Weihe eines katholischen Erzbischofs im Dom zu Riga. Aber solche Argumente muss man offen auf den Tisch legen, damit alle sie sehen, beurteilen und verstehen, ob wir als Kirche uns einer solchen Sicht anschließen und ihr folgen möchten. Solange solche Verdächtigungen Nahrung finden, bleibt es bei dem Kampf mit Gespenstern und Trugbildern. Andererseits denke ich, dass der Herr Jesus es möchte, dass wir gute, freundschaftliche und vertrauensvolle Beziehungen mit den Christen anderer Konfessionen pflegen, und dabei natürlich unserem eigenen Glauben und Bekenntnis treu bleiben.
– Sie haben während der letzten Jahre die Finanzplanung unserer Kirche als fehlerhaft und unbedacht bezeichnet. In welchem Maße waren die Bischöfe an der Aufsicht über die Wirtschaft der Kirche beteiligt, und müssen die Bischöfe die Vorgänge im wirtschaftlichen Leben der Kirche nicht auch mit verantworten?
Die Pflicht der Bischöfe, das wirtschaftliche Leben zu beaufsichtigen, betrachte ich von zwei Aspekten her. Wenn ich an das, was geschehen ist, denke, kann ich zugeben, dass ich während der letzten Jahre bei der Haushaltsplanung des Oberkirchenrats Dinge gesehen habe, die ich nicht verstanden habe, und derer ich mir nicht ganz sicher war. Zum Beispiel bei dem großen Haushaltsdefizit. Die Verfassung teilt den Bischöfen keine wirtschaftlichen Leitungsfunktionen zu. Dennoch genügten meine inoffiziellen Möglichkeiten des Einflusses völlig, um die Genehmigung eines solchen Planes zu erwirken. Hätte ich es getan, dann hätte es sein können, dass manche Probleme heute geringer wären. Doch ich habe es nicht getan. Ich kann auch erklären, weshalb: Erstens bin ich dazu weder ausgebildet noch ordiniert, um in diesem Maße auf die Wirtschaft der Kirche Einfluss zu nehmen. Ich bin der Auffassung, dass Menschen, denen dieser Einfluss anvertraut war, in Finanz- und Eigentumsangelegenheiten viel kompetenter waren als ich. Auf diesen Gebieten wird meine Meinung immer die eines Amateurs bleiben. Zweitens entdecke ich in der Verfassung den Satz, dass der Oberkirchenrat mit dessen Sekretär an der Spitze für alle Dinge der Wirtschaft in der Kirche zuständig sei. So verstehe ich die Verteilung der Zuständigkeiten nicht nur auf dem Papier, sondern auch im Leben. Doch ich muss zugeben, dass ich, wie immer die Anlässe gewesen sein mögen, während der letzten Jahre meine Leitungs- und Aufsichtsfunktion nicht so wahrgenommen habe, dass die kirchlichen Finanzen vor unbedachten Plänen und Handlungen hätten bewahrt werden können. Welche Verantwortung ich dafür übernehmen muss, dazu hat die Synode bereits nach einem Monat die Möglichkeit sich zu äußern.
Wenn ich auf die Zukunft schaue, wer dann auch immer der Erzbischof sein mag, so sollte man ihn und die anderen Bischöfe von der Pflicht und Verantwortung der Leitung und Beaufsichtigung der kirchlichen Finanzen entlasten. In der Verfassung ist das ja schon formuliert. Wir sollten einfach die ungeschriebenen Vorstellungen über das Bischofsamt korrigieren. Wenn man die Bischöfe verpflichtet, die Eigentumsverwaltung, die Haushaltsplanung und Haushaltsdurchführung und alle übrigen Dinge der Verwaltung zu beaufsichtigen, die Gemeinden zu visitieren, sich um die Mission, die Diakonie und den

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Religionsunterricht an öffentlichen Schulen zu kümmern, und die Pfarrer seelsorgerlich zu betreuen und vieles andere mehr, dann kann das nur ein Dienst werden, der auf zwei hinkenden Beinen geleistet wird. Dabei kann weder in der geistlichen noch in der verwaltungsmäßigen Leitung der Kirche etwas Gutes herauskommen. Die Verwaltung sieht einen Sekretär beziehungsweise einen Präsidenten des Oberkirchenrates vor. Nach meiner Vorstellung sollte das kein bunt ausgestopfter Vogel sein, sondern ein wahrer Leiter der kirchlichen Verwaltung und Aufsichtsführender der kirchlichen Wirtschaft.
– Unsere Kirche musste die Ausgaben nach den Bestimmungen für die Vergütung und Sozialversicherung von Geistlichen (BVSG), die damals große Hoffnungen erweckten, empfindlich zurückfahren. Wie betrachten Sie heute die Idee von der zentralisierten Vergütung der Pfarrer und deren Verwirklichung in unserer Kirche?
– Ich sehe darin keinen besonderen Gewinn für unsere Kirche, dass das ganze System zentralisiert worden ist. Damals war das Ziel nicht etwas zu zentralisieren, sondern alle kirchlichen Hilfsquellen zu mobilisieren, damit die Pfarrer eine akzeptable Vergütung ihres Dienstes bekämen. Diese Notwendigkeit bleibt weiterhin bestehen. Auch heute vermögen es viele Gemeinden nicht, die Vergütung ihres Pfarrers aufzubringen. Und dann ist es sehr gut, wenn es die BVSG gibt, die etwas für die Vergütung dazutun können. Zur Zeit haben wir 70 bis 80 solcher Pfarrer. Was wäre aus ihnen geworden, wenn es dieses System nicht gegeben hätte? Was wäre aus ihnen geworden, wenn BVSG nicht die Zahlung ihrer Steuern übernommen hätte? Was wäre aus den Gemeinden geworden, zu denen die Pfarrer nicht mehr hinfahren konnten? Unsere ausländischen Partner haben uns immer wieder gesagt, dass einer der entscheidenden Gründe für unsere wirtschaftlichen Schwierigkeiten darin läge, dass wir unsere vielen viel zu kleine Gemeinden behalten möchten, die nicht in der Lage sind, ihre Pfarrer zu vergüten. Und dennoch möchten wir die dünn besiedelten Landgemeinden nicht verlassen. Gerade dort ist BVSG wichtig.
Dieses System ist ja nicht einfach gekommen, um ein anderes gut funktionierendes System zu unterhöhlen. Im Jahr 2007 betrug der durchschnittliche Monatslohn eines Pfarrers weniger als 100 Lats, und die Unzufriedenheit war gewaltig. Natürlich kann man heute die Entwicklung bedauern und nach Möglichkeit Fehler korrigieren, die gemacht wurden bei der Verwirklichung des Vorhabens. Ich muss zugeben, dass ein anderes Projekt von BVSG besser gewesen wäre.
– War es nicht so, dass BVSG blühende Traditionen in manchen Gemeinden zuschüttete? Die Gemeinden brauchten nicht mehr für die Vergütung ihrer Pfarrer zu kämpfen, denn für sie tat das BVSG.
– Das wäre menschlich verständlich, doch müssen wir uns davon überzeugen, ob das wirklich so ist. Ich erinnere mich an den Bericht eines Propstes in einer Versammlung seiner Propstei, dass während der Krise die Summe der Spenden nur um 2 % zurückgegangen sei. Es ist nicht so, dass die Gemeindeglieder zu spenden aufgehört hätten, aber ihre Möglichkeiten haben sich verringert. Es kann durchaus sein, dass BVSG es den Gemeinden ermöglichte, sich hinzustrecken und die Vergütung des Pfarrers nicht mehr als ihre Priorität zu betrachten. Sollte das der Fall sein, dann sollte man wenigstens erkennen, dass man der Vergütung des Pfarrers wieder größere Beachtung schenken müsste. Wir reden doch von vernünftigen Menschen, von unseren Gemeindegliedern.
– Es ist schon überraschend zu sehen, wie sehr die Vorgänge in der Kirche und in der Gesellschaft insgesamt einander ähnlich sind. In den fetten Jahren waren wir leichtfertig, und in den Zeiten der wirtschaftlichen Krise sind wir gezwungen, unsere Tätigkeit einzuschränken. Was ist dafür die Ursache?

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– Was soll ich dazu sagen? Offenbar waren die Beschlüsse und Methoden unserer Kirchenleitung denen in der Gesellschaft ähnlich. Offensichtlich waren viele Wunschvorstellungen und Motivationen einander ähnlich. Als wir sahen, dass der Wert unseres Besitzes in astronomische Höhen kletterte, beschlossen wir, dass wir alles können würden und Vollgas geben könnten. Das war ja gut gemeint und die Pläne waren auch nicht unbegründet. Wir hatten Eigentum und unterschriebene Verträge. Alles hätte eigentlich gelingen müssen. Doch während meiner Einkehr musste ich darüber nachdenken, ob diese Vorgänge, selbst bei einem guten Gelingen nicht mit der „dritten Art der Demut“ zu vergleichen wäre: Christus so sehr zu lieben, dass man an seinem Schicksal Anteil haben möchte und daher Gott darum bittet, mich in Seinen Dienst zu stellen in der gleichen Verstoßenheit, Erniedrigung, mit den gleichen Verletzungen und in wirklicher Armut wie Ihn? Ich weiß nicht, ob viele von uns in der Lage gewesen wären darum von Herzen zu beten, als wir BVSG planten? Und wenn das der Fall gewesen wäre, dann wäre unser Dienst ganz anders gewesen, vielleicht auch das Spenden und Miteinander Teilen. Aber wir gingen in eine andere Richtung, denn wir haben nicht viel in diesen Kategorien gedacht. Sehen Sie, dort erkenne ich meine nicht geleistete Arbeit, wofür ich viel mehr Vorwürfe verdient hätte als für die versäumte Aufsicht bei den Finanzen.
– Nach ihrem Aufbau ist unsere Kirche synodal – episkopal. Wie betrachten Sie die Rolle der Synode und der Bischöfe bei der Arbeit der Kirche?
– Das können wir in der Verfassung nachlesen. Dort werden diese Rollen recht erschöpfend beschrieben. Die Rolle der Synode wird zur Zeit durch deren Zusammensetzung behindert. Sie hat die allergrößten Vollmachten. Doch diese große Versammlung vermag es nicht, operativ tätig zu werden. Die Behandlung und Beratung von Fragen dauert lange und ist schwerfällig. 2001 gab es in der Synode den Antrag, sich mit einem Bestand von 40 sachkundigen Mitgliedern zu begnügen, die zwei Mal im Jahr zusammenkommen. Dann könnte die Synode auch über den Haushalt abstimmen, und auch auf anderen Gebieten würde ihre Bedeutung wachsen. Stattdessen war auch eine Kirchenversammlung in der Stärke der jetzigen Synode vorgesehen, die einmal in drei Jahren zusammentritt und die Beschlüsse fasst über wichtige gemeinsame Dinge, wie die Verfassung, die Agende oder das Gesangbuch. Diesen Antrag lehnte die Synode ab, und das führte dazu, dass der Oberkirchenrat und die Bischöfe größere Vollmachten bekamen. Ganz allgemein ausgedrückt, ist die Synode die Gesetzgeberin und die Bischöfe machen von diesen Gesetzen Gebrauch. Ich bin der Ansicht, dass der Dienst der Bischöfe sich stärker auf die Predigt, die Lehre, die Aufsicht über die Lehre, die Mission, Diakonie, den Unterricht beziehen und die wirtschaftliche und verwaltungsmäßige Seite der Kompetenz des Oberkirchenrats überlassen sollte.
– Ist es möglich, die jetzige Ordnung schnell zu ändern?
– Eine Verfassung ist keine Angelegenheit, die sehr schnell verändert werden darf. Wie ich bereits sagte, ist der Weg der Verhandlungen in der Synode lang und schwerfällig, besonders bei solchen Fragen. In der Synode im Dezember wird es nicht möglich sein, diese Fragen auf die Tagesordnung zu setzen. Sicher aber bis zur Synode 2013. Doch davor muss sorgfältig überlegt werden, denn es geht um große Veränderungen, die sorgfältig beurteilt werden müssen. Vielleicht würde es auch einfach mit Änderung der Zusammensetzung des Oberkirchenrats, der Wahlordnung und der Verteilung der Aufgabengebiete genügen.
Manches Mal höre ich, dass die neue Verfassung sehr episkopal geworden sei, und dadurch ihren synodal – episkopalen Charakter verloren hätte. Darüber kann man diskutieren. Ich würde meinerseits sagen, dass in ihr die Rechte und Pflichten der Bischöfe deutlicher beschrieben werden. In der Verfassung des Jahres 1928 sind sie sehr allgemein formuliert. So heißt es zum Beispiel dort „der Bischof gibt den Pröpsten, Pfarrern und geistlichen

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Mitarbeitern Anweisungen.“ Was für Anweisungen? Offensichtlich irgendwelche. Eigentlich bedeutet das doch entweder gar nichts, oder dass seine Befugnisse uneingeschränkt sind. Die neue Verfassung beschreibt viel deutlicher, was und in welchen Fällen der Bischof etwas bestimmen darf. Oft wird als Beispiel angeführt, dass ein Bischof jetzt Pröpste einsetzt. Doch hier sollte man die ganze Wahrheit sagen. Der Bischof setzt sie auf Grund einer von der Propsteiversammlung vorgelegten Liste der Kandidaten ein. Diese Ordnung ist tatsächlich synodal – episkopal und trägt dazu bei, die Sicherheit zu gewähren, dass der Propst das Vertrauen seiner Propstei genießt und gut mit seinem Bischof zusammenarbeiten kann. Vergleichen wir das mit der schwedischen Kirche. Dort kann ein Bischof einen Propst nach seinem Gutdünken einsetzen, und so ist das auch in einnigen anderen lutherischen Kirchen. Übrigens stützt sich die neue Verfassung nirgends auf das römisch – katholische Kirchenverständnis, wie es hier und dort behauptet wird. Als wir im Jahr 1994 daran zu arbeiten begannen, nahmen wir uns den Aufbau der schwedischen Kirche zum Vorbild. Kürzer ausgedrückt: die neue Verfassung mag nicht vollkommen sein, und wir können fortfahren, sie immer vollkommener zu machen, aber ich entdecke in ihr keine solchen Vergehen, wie man sie ihr andichtet.
– Was denken Sie über den im Aufruf der Pfarrer der Propstei Riga enthaltenen Vorschlag, dass die Synode den Oberkirchenrat wählt, dass die Propstei den Propst wählt, dass der Kirchenvorstand den Pfarrer wählt und darüber, dass ein Bischof nicht auf Lebenszeit gewählt wird und die Synode darüber entscheidet, ob er seinen Dienst als Bischof fortsetzen darf?
– Zu der Wahl eines Propstes habe ich bereits etwas gesagt. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass bei Angelegenheiten der Gemeinde und bei Fragen des Dienstes eines Pfarrers das gegenwärtige Kapitel, in dem die Propstei durch den Propst vertreten ist, eine viel bessere und arbeitsfähigere Lösung ist als seinerzeit das von der Synode gewählte Konsistorium. In jeder Propstei ist ein Mitglied des Oberkirchenrats zugegen, das alles weiß, was dort beschlossen wird und weshalb das geschehen ist. Im Kapitel ist jemand zugegen, der die Kirchengemeinden, die Propstei und die Anliegen der Pfarrer kennt. Diesen Aufbau zu zerstören, wäre für die Kirche ein großer Verlust. Das würde auch die Stellung eines Propstes im Gesamtaufbau der Kirche undeutlicher machen. Die Ordnung, dass auch die Leiter der Dezernate zum Oberkirchenrat gehören, war vielleicht keine glückliche Lösung, denn so müssen sie über ihren eigenen Haushalt und die eigenen Pläne mit abstimmen. Hier werden sicher Veränderungen notwendig sein, doch mit Bedacht.
Die Idee, dass eine Gemeinde ihren Pfarrer selbst wählt, scheint mir sehr gut zu sein. Bisher war sie nur schwer zu verwirklichen, denn wir hatten großen Pfarrermangel, und wir mussten darauf achten, dass nicht ganze Gebiete ohne den Dienst eines Pfarrers blieben. Im Augenblick haben wir nicht mehr so viele Vakanzen und es studieren viele Ordinationskandidaten, so dass die Gemeinden Pfarrer berufen und wählen können. Nur darf das nicht die einzige Weise sein, nach der ein Pfarrer in eine Gemeinde kommt. Vor einiger Zeit war eine Kirchengemeinde längere Zeit vakant. Sie hatte 18 Pfarrer angesprochen, doch keiner von ihnen wollte kommen. Es muss jemanden geben, der die Sache einer Lösung zuführen kann, zum Beispiel im Dezernat für Angelegenheiten der Kirchengemeinden.
Komplizierter ist die Frage nach der Verlängerung der Vollmachten eines Bischofs. Ich sage das nicht, weil ich dabei an mich selbst denke, denn dieses Mal möchte ich selbst die Synode darum bitten, das zu tun. Einerseits kann man bei dieser Lösung Vorteile entdecken. In anderen Kirchen werden die Bischöfe meistens erst gewählt, wenn sie mindesten 50 Jahre alt sind. Und dennoch erscheint die Zeit bis zur Emeritierung recht lang. Unsere Geistlichen sind im Durchschnitt recht jung, so dass man davon ausgehen kann, dass sie 30 Jahre oder länger

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im Amt bleiben, und das ist sehr lange. Wenn ein Bischof müde wird, oder ihm sein Dienst aus einem anderen Grunde nicht gelingen will, hat er leichter die Möglichkeit eines Wechsels. Das vergrößert aber auch seine Verantwortung gegenüber der Kirche. Doch ich erkenne auch Mängel.. Eine solche Amtsverlängerung wird weder im Text und den Prinzipien der Verfassung des Jahres 1928 noch des Jahres 1996 erwähnt Nicht deshalb, weil die Gründerväter sie möglicherweise einzutragen vergessen hätten, sondern weil eine Neubestätigung nicht den in unserer Kirche bestehenden Grundsätzen vom Bischofsamt entsprach. Auch in der Bibel werden Bischöfe, Presbyter oder Diakone nicht neu bestätigt oder neu gewählt. Eine solche Neubestätigung erweckt den Eindruck, dass die Kirche ihre Bischöfe eher als Präsidenten betrachtete, und dadurch sich von den Prinzipien der Verfassung des Jahres 1928 distanziert hätte. Periodische Um- oder Neuwahlen machen einen Bischof zu einer politischen Figur und bringen in die Kirche regelmäßig die Wahlkampfatmosphäre hinein. Ich sehe auch praktische Schwierigkeiten, wie man die besten Bewerber um das Bischofsamt dazu überreden könnte. Ich weiß wirklich nicht, ob ein in seiner Gemeinde sehr erfolgreicher Pfarrer bereit wäre, seine gut aufgebaute Gemeinde zu verlassen, und einem Ruf in ein kurzfristiges Bischofsamt und damit in eine unsichere Zukunft zu folgen. Auf jeden Fall: Sollte die Synode für eine periodische Verlängerung des Bischofsamtes stimmen, dann müsste sie konsequent sein und das auch bei den Pfarrern tun. So könnte eine Kirchengemeinde alle drei Jahre darüber abstimmen, ob sie ihren Pfarrer noch länger behalten möchte. Das mag das Verantwortungsgefühl eines Pfarrers gegenüber seiner Gemeinde stärken und auch dem dienstbereiten Nachwuchs die Möglichkeit schaffen, sich um eine neue Stelle zu bewerben.
– Sie sagten, dass es der Zweck, sich in die Einkehr zurückzuziehen, gewesen sei, den Willen Gottes im Blick auf Ihr Leben zu vernehmen. In gewissem Maße vertrauen Sie der Synode, dass sie diejenige ist, die Ihnen Gottes Willen mitteilt.
– Ja, das ist die Hauptsache, doch es gibt auch weitere Gründe. Erstens denke ich, dass nach allem aufregenden Geschehen die Synode die Gelegenheit haben müsste, ihren Willen in Bezug auf die Verantwortung der Kirchenleitung auszusprechen, deren erster Repräsentant ich bin. Wenn die Verfassung auch eine solche Abstimmung nicht vorsieht, ist es nur recht und billig, dass ich sie selbst herbeiführe. Zweitens kursieren sowohl in lettischer Sprache als auch in anderen Sprachen Bekanntmachungen um die Welt, dass niemand mehr unserer Kirchenleitung vertraut. Sollte das wirklich so sein, dann gibt es für mich keinen Anlass, nur noch einen Augenblick im Amt zu bleiben. Aber auch dann, wenn das nicht der Fall ist, so ist diese Meinung in den Medien und in privaten Kanälen weit verbreitet worden. Und deshalb kann ich nicht erkennen, wie ich ohne ein Votum der Synode mein Amt als Bischof fortsetzen und damit unsere Kirche gegenüber der Gesellschaft in Lettland und gegenüber anderen Kirchen vertreten könnte.
-Was wird das Erste sein, was Sie tun werden, falls die Synode Sie bitten sollte, im Amt des Erzbischofs zu verbleiben?
– Wenn die Synode das nicht tut, dann möchte ich fröhlich in den Gemeindedienst zurückkehren, denn ich bin dazu berufen und ordiniert, zu predigen, zu lehren, die Sakramente zu spenden und Seelsorge zu betreiben. Gott hat mir für die Finanzen und für die Wirtschaft keine Gaben geschenkt. Und wenn Gott jemandem keine solche Gaben beschert, dann beruft er ihn wohl auch nicht dazu. Wenn unser Bischofsamt so nah an die Wirtschaft und Finanzen herangerückt wird, dann bin ich offensichtlich auch nicht dazu berufen. Doch sollte die Synode der Meinung sein, dass ich meinen Dienst in diesem Amt fortsetzen sollte, dann werde ich zuerst bestrebt sein, einen Sekretär für den Oberkirchenrat zu finden, der in der Lage ist, die volle Verantwortung über die ganze Wirtschaft und Verwaltung des

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Oberkirchenrats zu übernehmen. Spätere Sekretäre können von der Synode gewählt werden, aber jetzt müssen wir ernsthaft überlegen, wie wir dem Prinzip der Auslese gerecht werden. Ich habe bereits einige bekannte Glieder unserer Kirche angesprochen, die erfolgreiche Unternehmer sind, ob sie nötigenfalls bereit wären, uns mit ihrem Rat bei wirtschaftlichen Fragen zu helfen.
Natürlich können Bischöfe die Verantwortung auch bei wirtschaftlichen und verwaltungsmäßigen Fragen nicht abschieben, wenn sie die Gemeinden, Pfarrer, Dezernate und weiteres betreffen. Doch für das Wesentlichste am Dienst eines Bischofs halte ich die Visitation der Gemeinden, die Förderung der Bereitschaft zur Mission, die Begegnung mit Menschen, Kontakte mit den Schulen zu suchen und anderen dabei zu helfen, zum Beispiele Vorträge über die Verantwortung des Christen heute anzubieten. Falls notwendig, den Kirchengemeinden bei der Herstellung von Kontakten mit den Behörden zu helfen. Die Bischöfe müssen besser hörbar werden in der Gesellschaft, besonders bei sozialen Fragen. Es wird an Arbeit nicht mangeln, es müssen nur die Prioritäten richtig festgesetzt werden. Doch zu allererst möchte ich den Pfarrern und kirchlichen Mitarbeitern helfen, tiefere Erfahrungen mit der Bibel und mit Gott zu machen, was für mich so hilfreich und heilsam war. Ich möchte ein Helfer im Dienst und Seelsorger sein. Das habe ich für mich beschlossen, ganz gleich in welchem Amt oder Status. Davor habe ich allerdings das Bedürfnis, ein wenig Zeit dem Studium zu widmen, um für die Aufgaben gerüstet zu sein.
Ich habe aber den Eindruck, dass es auch nach der Synode manche Dinge geben wird, die noch nicht angesprochen wurden.. Diskussionen, die soeben begonnen wurden, müssen fortgesetzt werden. Dafür müssen Zeit und Möglichkeiten geschaffen werden. Das betrifft die hier angesprochenen Fragen ebenso wie alles, was wir sonst noch auf dem Herzen haben. Nur die Form sollten wir verändern. Es wäre konstruktiver, wenn man zu mir oder zum Bischofskollegium käme, um das mit uns zu besprechen und es dann, falls es als notwendig erscheint, in einem größeren Rahmen zu verbreiten. Das Versenden von Bekanntmachungen sollte erst der letzte Schritt sein
– Haben die Bischöfe bei der Vorbereitung der Synode eine bestimmte Vision, die sie vorlegen möchten: Was für eine Kirche möchten wir sein und in welche Richtung möchten wir gehen?
– Die Tagesordnung der Synode sieht Berichte der Bischöfe vor, und etwas werden sie ganz bestimmt sagen wollen. Heute möchte ich nur soviel sagen: Die Richtlinien für eine Vision hat uns unser Herr selbst gegeben: Lebt miteinander wie Brüder und Schwestern und seid so gesinnt wie es Christus auch war. Tut das zu meinem Gedächtnis. Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Sorgt für die Armen, die Witwen und Waisen. Dem kann man nicht mehr viel hinzufügen oder fortnehmen, sondern darauf achten, wie man es noch besser machen kann. Ich denke, dass es noch fruchtbarer ist als die Vorstellung irgendwelcher Visionen vor irgendeinem großen Publikum, wenn jede Kirchengemeinde ihre eigene Vision entdeckt in der bestimmten Situation, in der wir sind. Dort wo wir sind, darüber, was wir erreichen möchten, und welche Möglichkeiten wir haben, um das zu bewirken…

Auch mir erscheint das wichtig Romāns Ganiņš, Leiter des Eigentumsdezernates.
Während der vergangenen Jahre habe ich es vermieden, mich an den Debatten über die aktuellen Dinge in der ELKL zu beteiligen, und das aus zwei Gründen: Ich war durch die Arbeit im Eigentumsdezernat sehr stark ausgelastet und nie der Ansicht, dass die inneren Angelegenheiten der Kirche (nach der Aussage der Heiligen Schrift) nicht in der Öffentlichkeit beraten werden dürfen. Während der gleichen Zeit habe ich an allen Versammlungen teilgenommen, zu denen ich eingeladen war, um mit den Anwesenden zu

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reden, wo es vorgesehen war (darunter auch bei den Konventen der Propstei Riga). Bei dem Lesen des Berichtes über den Konvent am 9. Oktober in unserer Kirchenzeitung mit dessen offenen Brief der Teilnehmer sowie dem Beitrag von Indulis Paičs „Was uns wichtig erscheint“ fühlte ich mich aufgefordert, meinen Standpunkt den Lesern von SR darzulegen. Über das in den verschiedenen Beiträgen Gesagte habe ich mir sehr viele Anmerkungen gemacht, doch möchte ich nur auf einige, und zwar auf die nach meiner Meinung wichtigsten Aussagen im Beitrag von Indulis Paičs in SR Nr. 13 (der auch in der deutschen Übersetzung der Nr. 13 vorliegt) eingehen.
Über die Methoden in den Dingen des Reiches Gottes. Der Autor des Beitrags sagt in der Einleitung, dass „bei den Dingen des Reiches Gottes die Methoden nicht selten wichtiger seien als konkrete Erfolge“. Amen! Auch ich bemühe mich, nach diesem Prinzip zu leben und meinen Dienst zu tun. Doch weiter können wir bedauerlicherweise eine Menge entstellter Informationen lesen. Zum Beispiel: „Schließlich wurde zum Krisenpreis das wertvollste Gebäude der ELKL auf dem Domplatz 1 veräußert.“ Erstens ist dieses Gebäude nicht das wertvollste Gebäude der ELKL und auch nicht zum Krisenpreis , sondern für einen sehr guten Preis verkauft worden. Das kann jeder in Immobiliendingen bewanderte Experte bestätigen. Leider waren wohl die Berater von Indulis Paičs darauf aus gewesen, den Autor falsch zu informieren. Denn wie sollte es sonst zu erklären sein dass solche unwahren Dinge (von denen ich nur dieses eine als Beispiel nenne) in seinen Beitrag gekommen sind, und ob das die richtigen Methoden des Umgangs im Reiche Gottes sind.?!
Merkwürdig ist auch der Teil des Textes im Aufruf der Teilnehmer am Konvent, dass der Dialog zwischen der Kirchenleitung der ELKL und den Pfarrern, Kirchengemeinden und Propsteien unbefriedigend sei, weil viele Amtsträger des Oberkirchenrats trotz der Aufforderung der Propsteikonvente, von ihren Ämtern zurückzutreten, ihre Tätigkeit dort fortsetzen würden. Ist das wirklich ein Dialog, wenn die eine Seite ohne Einwände die ultimativen Forderungen der anderen Seite erfüllt? Traurig erscheint mir auch die Tatsache, dass man in einigen Pfarrkonventen in meiner Abwesenheit mir einige Sünden und Übertretungen angedichtet hat, und dabei offensichtlich keiner der Redner auf den Gedanken gekommen ist, sich an die in der Heiligen Schrift bestimmte Ordnung zu halten – zuerst darauf in einem Gespräch unter vier Augen aufmerksam zu machen, und wenn dadurch nichts erreicht wird, Zeugen hinzu zu bitten, und wenn dadurch auch nichts erreicht wird, die Sache der Gemeinde vorzutragen. Niemand ist zu mir gekommen und hat mir etwas Konkretes vorgetragen, was geändert werden müsste! Mich persönlich stört es nicht, dass man über mich hinter meinem Rücken redet, aber wohl, dass dieses von Pfarrern getan wird. Ich rufe alle, die etwas gegen mich vorzubringen haben, dazu auf, zu mir zu kommen und mir das zu sagen. Ich bin noch nie solchen Gesprächen ausgewichen, denn ich weiß, dass ich nicht frei von Fehlern bin. Ich habe mich bemüht, meine Fehler auch in Diözesanversammlungen einzugestehen. Sollte es noch weitere geben, dann sagt sie mir! Ich denke, dass das die richtigen Methoden im Reich Gottes sein werden.
Über den Rücktritt vom Amt. Bereits im März habe ich den Teilnehmern am Propsteikonvent in Riga bei der Beantwortung dieser Frage erklärt, dass ich keinen Augenblick an diesem Amt kleben und es unverzüglich verlassen würde, wenn das die Kirchenleitung der ELKL beschließt würde – das sind nach der Verfassung das Bischofskollegium und das Kapitel, die täglich mit der Arbeit der Dezernatsleiter in Berührung kommen und diese objektiv beurteilen können. Ich meine, dass ich als Dezernatsleiter mich selbst nicht genügend objektiv beurteilen kann und habe das denen anvertraut, denen die Verfassung das zuspricht, und daran glaube, dass dadurch auch Gottes Wille im Bezug auf meinen weiteren Dienst offenbar werden wird. Ebenso habe ich auch

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betont, dass ich zur Fortsetzung meines Dienstes bereit bin, und auch dafür zu kämpfen, die Kirche aus der Finanzkrise hinauszuführen. Ich denke, dass verantwortliches Handeln kein Ausweichen und Entfliehen von zugelassenen Fehlern bedeutet, sondern das Eingeständnis der Fehler und das Bemühen, sie mit Gottes Hilfe zu korrigieren. Da das Kapitel beschlossen hatte, dass ich meinen Dienst fortsetzen sollte, habe ich das auch von ganzem Herzen gerne getan. Und dabei ist es mir nie gleichgültig gewesen, welcher Auffassung die Vertreter der Kirchengemeinden waren. Dabei habe ich sowohl kritische als auch zustimmende Standpunkte angehört, welche die Mehrheit bildeten (mindestens bei denen, die mir persönlich vorgetragen wurden). Dank dieses Ansporns durch die Vertreter vieler Kirchengemeinden habe ich meinen Dienst in dem Bewusstsein fortsetzen können, dass er in der Kirche benötigt würde. Dafür danke ich allen.
Über die Verfassung. Bei dieser Sache gibt es einige Dinge, die auf die Unvollkommenheit der Vorschläge des Konvents der Propstei Riga hinweisen.
1. Die im Jahr 2007 beschlossene Verfassung wird als uneffektiv bezeichnet. Es ist jetzt sicher verfrüht, Schlüsse zu ziehen, weil ja die Verfassung soeben beschlossen worden ist und man über deren Effektivität erst frühestens nach fünf bis zehn Jahren ein Urteil abgeben können wird, nachdem die beschlossenen Korrekturen in Kraft getreten sind.
2. Die Vorschläge enthalten auch die Aufforderung sich der Verfassung des Jahres anzuschließen, in der die Bischöfe die geistliche und nicht die verwaltungsmäßige Macht vertreten würden. Gleichzeitig wird dazu aufgerufen, alle sechs Jahre zu beschließen, ob die administrativen Vollmachten eines Bischofs verlängert werden sollten. Ist das nicht ein Widerspruch?
3. Im Aufruf setzt man sich sehr für die Verfassung des Jahres 1928 ein, nach der alle Propsteien durch eine Vertretung im Oberkirchenrat vertreten seien. Auch die Verfassung des Jahres 2007 garantiert die Vertretung alles Propsteien im Oberkirchenrat. Alle Pröpste sind Mitglieder des Kapitels als dem wichtigsten Gremium des Oberkirchenrates.
4. Einige Autoren dieses Aufrufes unterstützen sehr die demokratischen Prinzipien, doch gleichzeitig haben sie bei ihren Korrekturen sehr undemokratische Prinzipien verkündigt- die Abstimmung in drei Kammern bei der Synode, bei der eine Minderheit jeden Mehrheitsbeschluss blockieren könnte. Nach diesem Vorschlag könnten sogar 2 Stimmen einen von 400 Stimmen für etwas gefassten Beschluss blockieren. Weshalb diese fehlende Übereinstimmung zwischen Worten und Taten?
5. Jetzt regen einige Autoren dieser Vorschläge sogar eine neue Version an. Sie möchten zur Verfassung des Jahres 1996 zurückkehren! Wo bleiben da noch die Konsequenzen?
Bei dem Lesen und Anhören dieser widersprüchlichen, nicht überzeugenden und inkonsequenten Vorschläge zur Einführung einer neuen Verfassung bezweifle ich, ob die Verfasser überhaupt begriffen haben, wozu sie aufrufen möchten. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass der Verfassung (die ja von Menschen erstellt wird) eine viel zu große Bedeutung angedichtet wird, und dass diese Autoren es versäumt haben, ihren Standpunkt durch die Heilige Schrift zu begründen. Ich denke, dass die jetzt geltende Verfassung gut genug ist und nur ganz geringfügiger Korrekturen bedarf. Ich bin auch davon überzeugt, dass die gegenwärtige Verfassung nicht die Ursache für die jetzige finanzielle und geistliche Krise ist, und dass deren Veränderung auch nicht die Überwindung der einen oder anderen bedeuten würde. Die wahren Ursachen liegen bei uns selbst, und wenn wir uns selbst ändern werden, dann werden wir auch die Situation in unserer Kirche ändern. Nur müssen wir dann auch uns alle ändern.! Dann werden wir auch gemeinsam die geltende Verfassung ändern und in Kraft setzen können.

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Über das Anhören und die Diskussion aller Argumente. In seinem Beitrag bezweifelt Indulis Paičs, dass die Synode in der Lage gewesen sei, aus Zeitgründen alle Argumente zur Kenntnis zu nehmen. Darüber wurde viel geredet, und auch die Vertreter der Revisionskommission haben darauf hingewiesen, dass die Debatten und Diskussionen eigentlich bereits davor in den Propsteisynoden und nicht auf der Synode der ELKL stattfinden müssten. Das war bereits vor der letzten Synode der Fall und wird auch jetzt der Fall sein. Ich danke allen, die es für notwendig erachtet haben, sich an diesen Versammlungen zu beteiligen und ihr Scherflein dazu beizusteuern. Wir haben sehr wertvolle und hilfreiche Vorschläge erhalten. Einer von ihnen ist, dass man diese Versammlungen jedes Jahr stattfinden lassen sollte. Diesem Vorschlag möchte ich mich auch anschließen, denn auf die Synode müssen wir uns lange vor dem festgesetzen Termin vorbereiten. Deshalb empfehle ich dringend, die Beratung dieser Fragen von den Massenmedien auf diese Versammlungen zu verlagern.
Ein Pfarrer hat mich einmal gelehrt, dass es nicht diejenigen seien, die uns lieben, sondern diejenigen, die uns krtisieren, und die wir am schwersten ertragen können, welche unser geistliches Wachstum fördern, denn durch sie entdecken wir unsere Unvollkommenheit. Das glaube ich auch und werde fortfahren, für alle zu beten – sowohl für die, welche mir beipflichten, als auch für die, welche mich kritisieren. Und ich bitte euch, dasselbe zu tun, damit unsere Kirche durch unser gemeinsames Bemühen besser würde und schließlich so aussehe, wie sie nach der Heiilgen Schrift aussehen müsste und sich nicht im Streit um Wirtschaft, Verwaltung und einzelne Paragraphen der Verfassung zerriebe.

Über den lutherischen Gottesdienst Vilis Kolms
Ich habe den Beitrag von Herrn Dekan Dr. Ralfs Kokins „Ein lutherischer Pfarrer denkt über die Situation unserer Kirche nach“ in unserer Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“ gelesen. Auch ich mache mir Sorgen um unsere lutherische liturgische Tradition, und ich bin Herrn Dr. Kokins für seinen Impuls zur Diskussion sehr dankbar.
Durch den ganzen Beitrag hindurch kann man die schmerzliche Frage verspüren, ob in unserer Kirche nicht Dinge geschehen, die ihr nach ihrem Wesen fremd sind.? Dabei wendet er sich an einigen Stellen dem Ablauf des Gottesdienstes zu. So schreibt Dr. Kokins: „Der Protestantismus empfindet alle äußerlichen Handlungen in der Messe (mit Gewändern, Prozessionen, Verbeugungen, Weihrauch, Glöckchen, dramatischem Sich Bekreuzigen, zu Boden Fallen und Liegenbleiben und dabei „mea culpa“ zu intonieren und anderen seltsamen Gebräuchen) reichlich theatralisch aufgesetzt und als einen traurigen Leergang, wenn sie in einer evangelischen Kirche geschehen.“ Dann beschreibt er das lutherische Ideal eines Gottesdienst recht kurz:: Der lutherische Gottesdienst ist bewundernswert in seiner Schlichtheit, Herzlichkeit und aristokratischen Würde. „
Mein erster Einwand entsteht bei mir bei der Beschreibung unserer liturgischen Situation. Der Beitrag lässt eine Szene entstehen, die den Eindruck macht, dass die Gemeinden ganz andere Messen feiern würden, in dem die Gemeindeglieder in Begleitung des Klanges von Glöckchen und dramatischem Sich Bekreuzigen zu Boden fallen und lateinisch das „mea culpa“ intonieren würden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man die von Dr. Kokins beschriebenen Elemente im Ablauf des Gottesdienst auf keinen Fall als in unserer Kirche allgemein übliche Praxis bezeichnen kann, und ich hoffe, dass sich der Autor bei dieser Schilderung nicht von eigenen Erfahrungen hat leiten lassen.
Mein zweiter Einwand entsteht bei der Betrachtung des lutherischen Gottesdienstes insgesamt, und was dabei als lutherisches Kennzeichen beschrieben wird.: Schlichtheit, Herzlichkeit und aristokratische Würde. Natürlich ist es nicht töricht, den lutherischen

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Gottesdienst so zu beschreiben, und auf ähnliche Weise hat der Vater unserer liturgischen Erneuerung Professor Roberts Feldmanis auch über den Gottesdienst gesprochen. Dennoch können das nicht die einzigen Kriterien sein. Es ist möglich, den Gottesdienst im schwarzen Talar mit einer hoch entfalteten Gottesdienstordnung zu halten (zum Beispiel einen Gottesdienst, dessen Ordnung durch Vorträge von Gastkünstlern unterbrochen wird, welche dem Inhalt eines Gottesdienstes in keiner Weise entsprechen), und es ist möglich, den Gottesdienst in liturgischen Gewändern zu feiern mit einem Einzug zu Beginn und mit einem Auszug am Ende des Gottesdienstes.und dem Sich Bekreuzigen in einem ganz schlichten Gottesdienst von aristokratischer Würde. Offensichtlich ist es nicht nur die Schlichtheit und die aristokratische Würde, was den Gottesdienst prägt und die lutherische Messe ihrem Wesen nach von der römisch – katholischen Messe unterscheidet (ganz bewusst gebrauche ich bei den Gottesdiensten westlicher Prägung in beiden Fällen den Ausdruck „Messe“, denn auch Luther bezeichnet die beiden von ihm erstellten Gottesdienstordnungen als Messen und im Augsburger Bekenntnis wird sehr stark betont, dass die Vorwürfe, die gegen die Reformatoren erhoben würden, dass sie die Messe abschaffen wollten, jeder Wahrheit entbehrten). Der Zugang Luthers zum Gottesdienst war ganz einfach. Die Form des Gottesdienstes wäre nicht von entscheidender Bedeutung (deshalb war es den Zeitgenossen Luthers lange Jahre nicht möglich, ihn dazu zu überreden die Ordnung eines Gottesdienstes als Muster zu erstellen, das der reformatorischen Theologie entspricht). Das Wichtigste ist für Luther, dass der Gottesdienst der Träger des Evangeliums in das Volk ist. Er ist der Ort an dem sich das Wort Gottes, das er zu den Menschen spricht und die Antwort der Menschen, die sie Gott geben, treffen, also an dem sich, kürzer ausgedrückt, Gott und der Mensch begegnen. Dr. Kokins schreibt: „Gott redet mit seinem Volk/ seinen Kindern/ seiner Gemeinde durch Wort und Sakrament und wir antworten Ihm mit Gebet und Lobgesang.“ Dieses ist ein geringfügig erweitertes Zitat aus einer Predigt Luthers, die er im Jahr 1546 bei der Weihe der Schlosskirche zu Torgau gehalten hatte, und in der er sehr zutreffend das beschreibt, was im Gottesdienst geschieht, und in der er auch alles erwähnt, was der oben erwähnte Beitrag von Dr. Kokinsals als für einen lutherischen Gottesdienst fremd bezeichnet (wie Prozessionen, Niederknieen usw) , was seinem Wesen nach dem Grundsatz „Gott redet mit uns und wir reden mit Gott“ nicht widerspricht, wenn wir von den wesentlichen Unterschieden zur römischen Messe des Mittelaltrers sprechen. Diese Unterschiede werden an einer völlig anderen Stelle deutlich: bei der Kritik an der Theologie des Messopfers, die von der lutherischen Lehre von der Gnade und Rechtfertigung ausgeht und bei der die Verkündigung des Evangeliums dem Volk den Hauptakzent erhält. Die lutherische Kirche betont, dass der Dienst Gottes an den Menschen an der ersten Stelle steht und nicht der Dienst der Menschen an Gott. Das unterstreicht Dr. Kokins ganz zu Recht. Ich kann es wirklich nicht glauben, dass irgendeine lutherische Kirchengemeinde in Lettland mit Worten, Werken oder auf eine andere Weise es versuchen sollte, das Messopfer nach mittelalterlichem Verständnis wieder einzuführen. Ein weiteres Kennzeichen für den lutherischen Gottesdienst ist die Austeilung des Abendmahles nach dem Evangelium in beiderlei Gestalt. Somit behält der Gottesdienst in jeder lutherischen Gemeinde, wie auch immer er sich äußerlich darstellen mag, seine Kennzeichen bei: dort wird Gottes Wort gepredigt und die Gemeindeglieder erfüllen ihren Auftrag des Allgemeinen Priestertums und sind am Gottesdienst aktiv beteiligt durch Gebet und Lobgesang und empfangen im Abendmahl den Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus nach Seiner Verheißung. Wenn in einer Kirchengemeinde etwas von dem oben Erwähnten ausfällt, dann könnte man solch einen Gottesdienst eher als nicht lutherischen Gottesdienst betrachten. Gleichzeitig können wir auch bemerken, dass wir die Bilder, auf denen Luther bei seinem Dienst am Altar im Messgewand dargestellt wird,

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beiseite schieben und die Tatsache übersehen, dass die Abschaffung der Gewänder nicht auf Luther und die Reformation zurückgeht, sondern eher auf die Zeit der Aufklärung. Gott redet uns nicht nur verbal an, sondern auch mit Zeichen und Symbolen. Deshalb bedeutete Luther die Elevation (das Hochhalten der gesegneten Oblate und des gesegneten Kelches) im Heiligen Abendmahl sehr viel. Auch die Gemeinde antwortet nicht nur verbal, sondern auch durch das Hinknien und Aufstehen und durch das Einsammeln des Dankopfers. Unsere Vorstellung vom lutherischen Gottesdienst ist eigentlich die Vorstellung von seiner Gestalt im 19. Jahrhundert. Diese hat sich über viele Generationen von lettischen Lutheranern erhalten, und das sollten wir auch respektieren. Gleichzeitig sollten wir aber auch nicht ängstlich auf die Entwicklung unseres Gottesdienstes während der letzten Jahrzehnte schielen, denn die eine oder andere Empfehlung Luthers wird dort mehr beachtet als früher. Ganz sicher betrifft das die aktive Teilnahme der Gemeinde am Gottesdienst und das neue Verständnis von der Feier des Heiligen Abendmahles nach der Heiligen Schrift und dem Brauch in der Urkirche und der Kirche der Reformationszeit. Die Konsequenzen dieses neuen Verständnisses werden auch in der liturgischen Entwicklung deutlich und sie bedrohen in keiner Weise unser Luthertum.
Schließlich haben wir Lutheraner, unsere Identität zu pflegen und dabei nicht auf andere Konfessionen ängstlich zu blicken und uns darüber aufzuregen, wenn etwas, was wir in unseren Gottesdiensten tun, sich auch bei ihnen wiederfindet. Wenn uns das stören sollte, dann dürften wir auch nicht unseren Sonntagsgottesdienst feiern, denn – auch wenn uns das nicht gefallen mag – so singen wir ebenso wie die römischen Katholiken und die russischen Orthodoxen das „Herr, erbarme dich“ und das „Heilig“, sprechen das Glaubensbekenntnis, lesen in der Heiligen Schrift, sprechen das Gebet des Herrn und bekennen, dass unser Herr und Heiland im Heiligen Sakrament des Abendmahles leibhaftig zugegen ist.

„Initiative“ trifft sich dieses Mal in Riga. Ingrīda Briede
„Initiative Europa“ ist eine Organisation, die 1996 in Deutschland entstanden ist mit dem Ziel Menschen in ihren Berufen zu festigen, und das möchte sie in christlicher Verantwortung tun. Was dabei alles möglich ist, zeigen die etwa 550 Mitglieder dieser Organisation, die in der Volkswirtschaft, der Kirche, in Hochschulen tätig sind oder auch schöpferische Berufe vertreten. In 12 europäischen Ländern bietet „Initiative“ Seminare an über wirtschaftliche Themen, berät in wirtschaftlichen und unternehmerischen Fragen und lädt junge christliche Unternehmer aus osteuropäischen Ländern zu Hospitationen (Praktika) nach Deutschland ein. Wie beliebt und gefragt diese Aktivitäten sind, zeigt, dass nicht alle Interessierten einen Praktikumsplatz in Deutschland bekommen können, weil sie sich vorher einem Ausleseverfahren stellen müssen. Die Letten gehören hier zu den aktivsten Interessenten für ein Praktikum in Deutschland. Auch in diesem Jahr waren neue und aktive lettische Unternehmer bei deutschen Unternehmern zu Gast. So war Līga Pommere, der die Firma „Balt-go“ gehört bei der Firma „Ikarus Tours“ zu Gast, Kristīna Liepa von der Stiftung Dreifaltigkeitskirche in Liepaja (Libau) besuchte die Stiftung Dresdner Frauenkirche, Ināra Krīgere lernte Friseurgeschäfte in Deutschland kennen. Aiva Valdmane, von Beruf Lederkünstlerin, besuchte das Schuh- und Ledermuseum in Offenbach, traf sich mit mehreren Lederkünstlern in Deutschland und arbeitete mit ihnen und lernte dabei neue Technologien kennen. In diesem Jahr nahmen an diesen Praktika in Deutschland sowohl Letten als auch Russen aus Königsberg, Polem, Ungarn, Rumänen und ein Chinese aus Estland teil. Die große lettische Aktivität bei der Teilnahme an den Praktika war auch einer der Gründe dafür,

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weshalb der diesjährige Kongress von „Initiative“ vom 8. bis zum 10. Oktober in Riga und nicht in Deutschland stattfand. „Mit dieser Veranstaltung in Riga möchten wir uns bei der deutschen Gesellschaft „ Initiative“ für die Seminare und Praktika bedanken, sowie für den Erfahrungsaustausch mit deutschen Unternehmern und die Veranstaltung von Fahrten nach Deutschland.“, sagte Māra Liguta, die Vorsitzende von „Initiative Lettland“ Auch sie ist eine der mehr als 170 Hospitanten, die während der 10 Jahre sich zum Praktikum nach Deutschland auf den Weg gemacht hatten. Zur Zeit ist sie als vereidigte Revisorin tätig und Glied der Rigaer Luthergemeinde. Während der Konferenz konnten Praktikanten dieses und anderes aus dem vergangenen Jahr von dem berichten, was ihnen das Praktikum in Deutschland gegeben hat: Neue Ideen, Wissen und Geschäftskontakte. Sie waren voll des Lobes über die große Gastfreundschaft und das ihnen entgegengebrachte Interesse und alle Hilfe bei den Versuchen, die deutschen Traditionen und Kultur näher kennen zu lernen.
Diese Jahreskonferenz versammelte 150 Mitglieder von „Initiative Lettland“ und ehemalige Hospitanten im Hotel Radisson. Sie stellten den Gästen aus dem Ausland die wirtschaftlichen Probleme in Lettland sowie die lettische Kultur und die lettischen Traditionen vor. So hatten alle die Möglichkeit einen Vortrag von Landwirtschaftsminister Kampars über die Entwicklung der Landwirtschaft in Lettland anzuhören und den Dom zu Riga, die Altstadt und das Jugendstilviertel zu besichtigen und an Konzerten teilzunehmen. Es wurden auch Preise verliehen. So bekam in diesem Jahr Ilze Mediņa, der als Unternehmerin eine Bäckerei, ein Geschäft und ein Café in Talsi gehören, den Preis von „Initiative“.

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Mazā Pils iela 4 – Riga – LV 1050
E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 18.11.2010)
Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Diese Ausgabe enthält das längste Interview, das Erzbischof Vanags jemals der lettischen Kirchenzeitung gegeben hat. Ich habe es ungekürzt übersetzt, und dadurch nehmen die jetzt stattfindenden Auseinandersetzungen über die Lage, einschließlich des Vorhabens des Erzbischofs, der Synode die Vertrauensfrage zu stellen, den bei weitem größten Raum in meiner Übersetzung ein.
Der erste Beitrag dieser Ausgabe spricht von der nunmehr 20 Jahre langen Partnerschaft mit der Ev.-luth. Landeskirche Sachsens. Ich bitte meine geduldigen und ausdauernden Leserinnen und Leser um Entschuldigung, dass ich bei der Übersetzung auch den Satz hineingenommen habe, in dem man sich meiner so freundlich erinnert hat. Im letzten Beitrag geht es um die Kontakte zu Unternehmern in Deutschland. Ich hoffe, dass ich meinen verehrten Leserinnen und Lesern damit nicht gar zu viel Lesestoff zugemutet habe, aber es gibt ja doch wieder eine Pause.
Ich wünsche allen lesebereiten Freunden und Freundinnen einen gesegneten Beginn eines neuen Kirchenjahres und nicht gar zu viel vorweihnachtliche Hektik. J. B.

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