Verfasst von: liefland | März 1, 2011

Ausgabe Nr. 1 vom 2011

Christus spricht: „Komm und folge mir nach!“ Matthäus 19,21.

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.
18. Sonntag nach Trinitatis Ausgabe Nr. ) vom 2009

Die Gertrud-Akademie beginnt mit ihrem Unterricht. Guna-Anna Sniedziņa
Die Alte St. Gertrudgemeinde startet in diesem Jahr mit einem neuen Projekt – mit der Gertrud-Akademie. Es wurde mit dem Ziel entwickelt, den Menschen bei ihrem Hineinwachsen in das Verständnis des Wortes Gottes, der Grundfragen des Christentums sowie anderer apologetischer Fragen der Ethik und des christlichen Glaubens, zu denen wir als Christen bei den Diskussionen mit der ungläubigen Welt Stellung beziehen müssen, zu helfen. Der Unterricht wird von Dozenten gehalten, die auf diesen Gebieten Experten sind. Neun Mal im Jahr werden wir uns einige Stunden damit beschäftigen, um uns in verschiedene Fragen des Christentums zu vertiefen.
In unseren Gemeinden haben wir immer mehr Menschen, die sich für andere Menschen verantwortlich fühlen. – in den Alphakreisen, in den Pfarrämtern, unter den Leitern von Hauskreisen und anderen. Wenn es dem Menschen nicht ermöglicht worden ist, diese Fragen intensiver zu bedenken, dann fühlt er sich bei seinem Dienst am Nächsten unsicher. Die Gertrud-Akademie möchte versuchen, für diese Situation eine Lösung zu finden. Und eine Möglichkeit für jeden von uns für die Fortsetzung seines Hineinwachsens in das Verständnis des Christentums.
Die Themen der Gertrud-Akademie haben im Jahr 2011 das gemeinsame Ziel, die Bibel besser kennen und verstehen zu lernen. Im ersten Halbjahr wird uns Pfarrer Mažis durch das Alte Testament führen, und in der zweiten Jahreshälfte will uns Indulis Paičs helfen, das Neue Testament besser zu überblicken. Der Unterricht der Gertrud-Akademie findet im Kellergeschoss der Alten St, Gertrudkirche (dem ehemaligen Gertrudheim) im Luthersaal an jedem dritten Samstag im Monat von 9 bis 13 Uhr statt.

Spalte der Chefredakteurin Inga Reča
Es bedarf eines kräftigen Durchatmens.
Zuerst einen herzlichen Dank allen für ihre guten Wünsche zum Christfest und zum Neuen Jahr! Auch ich wünsche Euch die Fülle der Gnade Gottes im Jahr 2011!
Dass wir die Gnade Gottes dringend immer wieder neu brauchen, das bekunden verschiedene Sendungen im Fernsehen über das Hochwasser in Deutschland und Australien, das manche Journalisten bereits als Sintflut bezeichnet haben, die Überfälle der Selbstmordterroristen im Mittleren Osten. Wie brauchen gar nicht in die weite Welt zu verreisen, um auf Naturkatastrophen zu stoßen. Auch in unserem Lande können wir Naturkatastrophen, heftigen Schneefall erleben, und vielen Lesern von SR auf dem Lande wird es durchaus vertraut sein, dass sie vom Stom lange Stunden im Stich gelassen werden
Weil wir wissen, dass uns kein übermäßig leichtes Jahr bevor steht, müssen wir kräftig Luft holen. Da gibt es unschädliche Stärkungsmittel, die uns Distanzen leichter überwinden lassen.
Nach meiner Ansicht sind uns Christen viele solcher Stärkungsmittel geschenkt worden: Gottes Wort und Sakrament, die Gemeinschaft die brüderliche und schwesterliche Liebe usw. Eine Anregung können dabei für uns auch die Lebensberichte von Menschen sein. Soweit ich es in meinem Leben als Journalistin beobachten konnte, ist es oft so, dass ein Mensch freundlicher wird, wenn ihn ein schweres Schicksal getroffen hat. Am Ende des vergangenen Jahres bin ich nach St. Petersburg verreist, um dort meine liebe Freundin, die Leiterin der dortigen lettischen lutherischen Kirchengemeinde Ina Kārkliņa-Gorina zu besuchen. Sie hat

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viele liebe Freunde in Lettland, die sie grüßen lässt. Wenn Gott es uns schenkt, dann werden wir uns mit Lesern von SR im Sommer dieses Jahres auf den Weg nach Petersburg machen
Ina ist ein Mensch, der sich seine Ideale lebenslang bewahrt hat. Ich wünsche mir, dass ihr ungewöhnlicher Lebensbericht in dieser Ausgabe und die Art, wie sie auf besondere Situationen des Lebens zugeht, auch Euch berühren möge.
Wir haben auch die Kreuzkirche in Riga besucht und dort den Hauswart Aivars Putniņš
getroffen, der in diesem Herbst mit der höchsten Auszeichnung der Kirche für Laien – dem Schild des Vertrauens – geehrt wurde. Wie er selbst sagte, hätte er den Riss in seiner Kirchengemeinde geschlossen. Ich hoffe, dass auch Euch Aivars Einstellung zu seine Kirchengemeinde und zu seiner Kirche inspiriert.
Nun ja, vielleicht sind wir jetzt noch nicht zu großartigen Heldentaten in der Lage.. Einen Marathonlauf kann man ohne Training nicht schaffen. Deshalb ist es besser, mit kurzen Entfernungen zu beginnen, indem man jemandem ein freundliches Wort sagt, die Mama anruft, sich die Sorgen anderer anhört und sich für Fehler, die man gemacht hat, bei anderen entschuldigt. Wenn bei Dir nach einer gewissen Zeit die geistlichen Muskeln gewachsen sind, dann kannst Du Dich noch wichtigeren Vorhaben zuwenden.
Möge das uns allen in diesem Jahr gelingen!

Das wertvollste himmlische Wesen ist die menschliche Seele. Inga Reča
Im Dezember, als Staatspräsident Valdis Zatlers seinen Staatsbesuch in Russland machte, bin ich nach St. Petersburg gereist. Um mich mit einem einmaligen Menschen zu treffen – mit der Gemeindeleiterin der lettischen Jesusgemeinde Ina Kārkliņa-Gorina. Einen solchen Lebenslauf wie den von Ina zu hören, das passiert einem nur selten. Ihr Großvater hat in dieser Kirchengemeinde um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert als Pfarrer gedient, und ihr Vater hat sich als „junger Romantiker“ nach Petersburg auf den Weg gemacht, um dort eine „Revolution zu veranstalten.“ Doch beide Männer erlitten im Jahr 1937 das gleiche Schicksal. Ina – mit Herz und Seele und auch Zeit ihres Lebens Künstlerin – wird nach der Deportation und ihrer Rehabilitierung eine Ingenieurin, die sowohl im Kino als auch im Kriegsinstitut, im Volksmund „russisches Pentagon“ genannt, arbeitet. Doch ihre Forschungsarbeit ist überaus revolutionär, so dass sie diese nicht weiterführen kann und dieses Arbeitsgebiet verlässt und zu einer Anwältin in sozialen Angelegenheiten wird. und dort für Recht und Gerechtigkeit kämpft. und sich für diejenigen einsetzt, die nicht in der Lage sind, für sich selbst Sorge zu tragen. Das liegt Ina im Blut. Viele Jahre war sie Präsidentin von „Stars von Petersburg – lebenden Legenden“ Zu ihrem Schulabschluss wurde sie mit der Silbermedaille ausgezeichnet (die goldene konnte sie nicht bekommen, weil sie Lettin war). Das Biographische Institut in den USA nahm sie in das Verzeichnis der 500 erfolgreichsten Frauen der Welt auf.
– Du bist eine Lettin, die in St. Petersburg geboren ist und dort ihr ganzes Leben verbracht hat. Wie fühlst du dich dabei als Lettin?
– Ich bin hier geboren, meine Mutter wurde hier geboren, mein Vater, mein Großvater und
meine Großmutter kamen hierher aus Lettland. Nach meiner Volkszugehörigkeit bin ich Lettin, denn meine Eltern waren Letten. Früher war in meinem Pass „latiška“ zu lesen. Zu Hause sprachen wir miteinander nur lettisch. Meine Großmutter kam aus Letgallen und dadurch bin ich auch ein wenig letgallisch geprägt.
Seit 1947 fuhren wir jährlich nach Lettland, denn mein Onkel, den ich nach dem Krieg in Bauska gefunden hatte. sagte „Von heute an lebt ihr und eure Familien in Lettland, denn ihr seid Letten.“ Im vorigen Sommer fuhr ich zum Schloss Rundāle zu dessen Direktor Imants Lancmanis und sagte ihm: „Sie wirken hier seit 40 Jahren und wir kennen das alles seit 1947.

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Mit meiner Cousine Elina bin ich barfuß durch das ganze Schloss gelaufen, und im großen Saal gab es ein Klavier, das meine Freundin Austra gespielt hatte. Damals war ich 12 Jahre
alt. Später, als meine Töchter Oļa und Ina bereits geboren waren, und auch danach fuhren wir regelmäßig nach Lettland, auch mit unseren ältesten Enkelkindern. Doch dass ich von lettischem Blut bin, habe ich eigentlich erst in diesem Sommer richtig empfunden, als ich an einem Morgen um fünf Uhr vor dem Hause meines Vetters Janka in der Tēriņu iela stand und gen Himmel schaute. Ich dachte, dass ich inzwischen dort in St. Petersburg Präsidentin, Anwältin der sozial Benachteiligten der Stadt, Gemeindeleiterin der lettischen Jesusgemeinde geworden bin und dass man mich in Amerika kennt, und dass ich eine Lettin bin! Das machte mich unsagbar stolz!“
– Aber das Leben deiner Eltern und Großeltern verlief doch im damaligen St. Petersburg und späteren Leningrad sehr tragisch…
– Ich bin Gott so dankbar, dass er bei uns auf Erden erschienen ist, denn auch mich hätte es sonst nicht mehr geben können. Als erster wurde mein kleiner Bruder Eduards geboren. Er wurde nur 9 Tage alt, nachdem er sich im Krankenhaus erkältet hatte.
Das waren sehr schlimme Jahre, denn man deportierte einen nach dem anderen Mein Vater Julijs Kārkliņš, der nach Petersburg auswanderte, als er 17 Jahre alt war, versuchte eine Revolution zu veranstalten. und war somit ein Romantiker. Doch weil er sehr intelligent war, hat er als Genetiker die Timirjanov Akademie absolviert und neue Rassen von Kühen und Pferden gezüchtet. Während seiner letzten Jahre hat mein Vater bei Iwan Pawlow gearbeitet, der viele Wissenschaftler vor dem Untergang bewahrt hatte, der aber meinen Vater davor nicht bewahren konnte. Ich wurde 1935 geboren. Als ich 2 ½ Jahre alt war, wurde als erster mein Großvater verhaftet. Als grau bekleidete Männer meinen Großvater, den Ingenieur und Pfarrer Edmunds Vinegers abführen wollten, versuchte mein Vater, sie mit diesen Worten davon abzuhalten. „Er ist unschuldig. Er ist ein heiliger Mann.“ Darauf sagten sie nur „Das wird sich erweisen.“ und führten meinen Großvater fort.
Nach einer Woche musste mein Vater seine Dissertation verteidigen. Er ging fort, um ein dickes deutsches Wörterbuch zu kaufen. Als er zurückkam, warteten zwei Männer bereits auf ihn. Mein Vater verabschiedete sich von meiner Mama und von allen anderen, und zuletzt von mir und sagte: „Das ist bestimmt ein Missverständnis.“. Später lief Mama zum bekannten großen Haus und stellte sich in die lange Schlange, um für Vater ein Päckchen abzugeben. Dort standen alle Angehörigen der Festgenommenen.. In den Bezirken Leningrad und Archangelsk wurden Ende der 30er Jahre 40.000 erschossen. Doch wir dachen, sie lebten noch alle… Jetzt ist ein Buch erschienen mit dem Titel „Märtyrer von Leningrad“ , in dem, die Namen aller genannt sind, die damals ermordet wurden. Großvater wurde am 8. Dezember 1937 erschossen, mein Vater wurde am 19. Dezember 1937 verurteilt und am 4. Januar 1938 erschossen. Aber uns sagte man während der ganzen Zeit, dass sie lebten und wir sie nach 10 Jahren wiedersehen würden, ihnen aber nicht schreiben dürften.
– Du wurdest zusammen mit deiner Mutter und Großmutter deportiert.
– Nach der Verhaftung meines Vaters wurden uns 24 Stunden zum Kofferpacken gewährt. Ich erinnere mich noch an den Weihnachtsbaum am Haus der Pioniere in Leningrad. Dort schenkte man mir eine kleine Kugel aus silbernem Glas. Ich nahm sie und lies sie nicht aus meiner Hand. Mit meiner Mutter wurde ich zum Bahnhof gebracht und in einen Zug gesetzt. Die Kugel blieb die ganze Zeit in meiner Hand… Meine Cousine Elina, die ein Jahr älter als ich war, weinte und schrie, als wir das Haus verließen. Sie und ihre Familie erlebten die deutsche Blockade, aber wir verbrachten den Krieg im Ural, von wo aus wir als „Volksfeinde“ deportiert wurden. Chruschtschow rehabilitierte alle und wir konnten nach Leningrad zurückkehren.

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– Gott hat dich mit reichen Gaben ausgestattet, aber du hast dich für einen technischen Beruf entschieden. Was würdest du werden wollen, wenn du dich noch einmal entscheiden könntest ?
– Soll ich das wirklich sagen?
– Ja, bitte.
– Von Anfang an wollte ich eine Künstlerin werden. Aber was sagte meine Familie dazu? Du kannst gerne eine Künstlerin werden oder nicht, aber davor solltest du ein vernünftiges Studium absolvieren Als ich meinen Schulabschluss machte, wurde mir eine Medaille
verliehen, keine goldene, sondern eine silberne. Die Schuldirektorin rief meine Mama nach vorne: Das Zeugnis Ihrer Tochter besteht nur aus den Noten „Sehr gut“, aber eigentlich dürfen wir sie mit keiner Medaille auszeichnen.
– Weshalb das?
– Weil ich eine Lettin bin und mein Vater als Volksfeind erschossen wurde. Obwohl es mir vorher nicht gesagt worden ist, dass er erschossen wurde, wusste ich es… Ich lief zu drei prestigeträchtigen Hochschulen, wo man nur den Namen und Vornamen meines Vaters auf meinem Fragebogen zu lesen brauchte, um sofort die ablehnende Antwort zu wissen, obwohl sonst alle Medaillenträger aufgenommen wurden. Am nächsten Tag vernimmt meine Tante Metiņa auf ihrem Weg zur Arbeit, dass man einen Kinoingenieur mit einer Autobiographie suchte. Ich wurde angestellt und begann wie eine Bestschülerin zu lernen. Man wollte mir sogar das Stalin-Stipendium verleihen, aber als Lettin konnte ich es nicht bekommen.
– Dabei ist es höchst interessant, dass du drei Jahre lang als Tonregisseurin in einem Filmstudio in Riga gearbeitet hast.
– Als ich meine Ausbildung beendet hatte, waren hier einige Menschen aus einem Filmstudio in Riga, zu Gast, und da ich die lettische Sprache beherrschte, nahmen sie mich sofort mit.
Das war schicksalhaft, dass ich damals nach Riga mitfuhr, denn dort bin ich meinem Pēteris begegnet. Da es inzwischen üblich geworden ist, dass alle ihre Liebesgeschichten verbreiten, möchte ich nicht erzählen, welche Liebesgeschichten ich davor hatte, denn wir sind in einer völlig anderen Familie aufgewachsen, welche die eigene Kultur zu achten, und diese rein und in Ehren halten möchte. Als ich aus Leningrad anreiste, haben alle darauf auch Rücksicht genommen.. Ich wohnte bei meiner Tante in der Artilerijas iela. Dort hatten wir nur ein kleines Zimmer, in dem meine Tante das Bett benutzte und ich auf dem Sofa schlief. Über uns gab es ein genau so kleines Zimmer. Als ich einmal erkrankt war, hörte ich, dass dort jemand Holz hackte. Wie haben unser Holz auf dem Hof gehackt. Ich fragte meine Tante, wer da wohl in seinem Zimmer Holz hackte. Sie sagte, dass sei ein Künstler mit dem Namen Pēteris Er wäre in unserem russischen Theater in Riga angestellt. „Hast du ihn noch nie gesehen? Nun, das ist schon so ein Schöner.“ Nach einigen Jahren hatte es sich erwiesen, dass er mich damals bereits einige Male auf der Treppe gesehen hätte. Aber damals hatten sich unsere Wege noch nicht gekreuzt, denn ich ging nicht in das russische Theater. Ich ging zum Dailes Theater und in andere lettische Schauspielhäuser, und dort hatte ich viele Freunde. Die sagten mir, dass es in dem russischen Theater den sehr guten Schauspieler Pēteris Gorins gäbe, doch dort ging ich überhaupt nicht hin.
Meine große Liebe galt damals einem anderen Schauspieler, aber da dieser verheiratet war, begriff ich, dass er für mich nicht in Frage käme. Dieser Liebeskummer ging mir sehr zu Herzen.. In Leningrad bekam ich Besuch von meiner Großmutter, mit der ich viel darüber sprach, und die mir versicherte, dass ich eines Tages ganz bestimmt den Mann treffen würde, der für mich bestimmt wäre.
Pēteris habe ich noch zwei Mal getroffen, aber nach dem dritten Mal blieben wir zusammen. Wir hatten keine Gelegenheit, andere Hochzeiten mitzufeiern. So haben wir miteinander korrespondiert und saßen ab und zu in einem Café. Eines Tages bekam er einen Ruf nach
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Moskau. Nach einem Jahr zogen wir zu mir nach Leningrad, wo Pēteris an einem der großen Theater eine Anstellung erhielt. Inzwischen war er berühmt und spielte dort vor allem die Hauptrollen. Er wirkte auch bei Filmen mit. Im Laufe von 10 Jahren hat er bei 600 Vorstellungen mitgewirkt, von denen ich 300 besucht habe. Wir haben zwei Töchter Olga und Ika. Aus Olga ist inzwischen eine Journalistin geworden. Während ihrer Ausbildung hatte sie sehr gut gelernt und ist sehr musikalisch. Ika ist schön und sehr energisch und jetzt als Psychologin tätig. Doch davor hat sie einige Umwege gemacht: Sie absolvierte die Kunstakademie, studierte im landwirtschaftlichen Institut, arbeitete als Schwester bei Patienten im Trauma und hat eigentlich alles ausprobiert. Sie hat drei Kinder und Olga hat zwei. Alle sind hoch musikalisch und haben bereits an internationalen Wettbewerben teilgenommen.
– Wie bist du als Mensch vom Film zu deiner Stelle am Kriegsinstitut gekommen?
– Als ich aus Riga und danach aus Moskau wieder nach St. Petersburg zurückkehrte, dachte ich daran, eine Künstlerin zu werden. Ich wollte zu Lenfilm gehen. Aber mein Pēteris war darauf sehr eifersüchtig.. Er lief sofort zu seinem Freund im Filmstudio und sagte: „Morgen kommt meine Frau hierher. Bitte sage ihr, dass ihr für sie keine Arbeit habt.“ So war es dann auch, Als ich kam, sagte man mir: „Bitte entschuldigen Sie, leider haben wir zur Zeit keine Arbeit für Sie“ Früher wäre das gar nicht möglich gewesen, dass jemand keine Arbeit bekommen konnte. Weil ich jetzt rehabilitiert war, ging ich zum Kriegsinstitut, das man in Amerika einst das „russische Pentagon“ nannte. In einem Jahr schaffte ich die Ausbildung in einem anderen Institut, dem Institut für Flugzeugbau in der Abteilung für Funkangelegenheiten.in Leningrad.

– Wie ist es möglich, dass sich eine Frau für solche Funkangelegenheiten interessiert?
Das ist eine interessante Frage. Danach habe ich am Kulturinstitut in Leningrad Informatik studiert. Damals dachte man bei der Informatikausbildung nur an die Bibliothekare. Ich bestand alle erforderlichen Examina und innerhalb von drei Monaten hatte ich meine Doktorarbeit geschrieben. Ich habe sie aber in Moskau verteidigt, da das in meinem Institut nicht möglich war.. Wenn man jemanden loswerden wollte, musste man einen Grund für eine Verwarnung haben. Man wollte mich mit einer Arbeit beschäftigen, bei der es sich um Sendungen handelte, für die man sehr viel Energie benötigte. Ich weigerte mich, und sofort war ich entlassen. So war ich am Morgen arbeitslos und am Abend war ich bereits im Berginstitut angestellt. Als man meine Arbeit in Moskau gelesen hatte, sagte man, dass dort in St. Petersburg eine großartige Kraft sei mit der Fähigkeit, die Spreu vom Weizen, und damit das Gute vom Schlechten zu unterscheíden. Dort gab es ein sehr wirksames System für Expertisen. Sie sagten, dass man sich mit dieser meiner Doktorarbeit keine Lorbeeren verdienen könnte, sondern eher das Gegenteil. Sie sagten, dass es dabei um eine Arbeit mit dem Effekt einer Atombombe ginge, und dass man sich mit ihr keine Freunde, sondern ganz bestimmt Gegner schaffte. Denn wenn man sich meiner Methodik bedienen würde, dann könnte man zum Beispiel alle Institute optimieren. So würden dort, wo 2000 angestellt waren, nur noch 500 übrig bleiben. Als ich zum Beispiel im Berginstitut arbeitete, erstellte ich eine Analyse. Als Ergebnis blieben von 150 Bergwerken nur noch 50 übrig. Aber auch diese Arbeit wusste man nicht zu würdigen. Aber ein Mensch hat meine Arbeit durchgelesen, der bei der Staatsanwaltschaft angestellt war. Das war Dimitrij Kozak, ein sehr kluger Mann, der heute bei der russischen Regierung angestellt ist.. Er regte die Staatsanwaltschaft in Leningrad an, bei sich selbst die Ergebnisse meiner Arbeit anzuwenden. So schrumpfte der bürokratische Apparat von 200 Menschen nach der Lektüre meiner Arbeit auf 50 zusammen. Doch plötzlich wurde auch er aus seiner Stelle entlassen. Dadurch fürchteten alle dieses System,

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dessen Grundvoraussetzung die Durchsichtigkeit ist. Auch bei den Finanzen wollte man alles am liebsten geheim halten.
– Du hast doch auch mit dem damals als progressiv geltenden Bürgermeister von Leningrad Sobčak gut zusammengearbeitet.
– Ich bin Sobčak drei Mal begegnet. Bei dem ersten Mal hatte er den Beschluss über die Gründung der Stiftung „Soziale Psychatrie und Rehabilitation“ unterzeichnet, deren Vertreterin ich war. Der Zweck dieser Stiftung war, alle psychisch Kranken aus den psychiatrischen Kliniken heraus zu bekommen, die man damals „Anstalten für Anders Denkende“ nannte. Dort waren viele Menschen eingesperrt nur deswegen, weil sie Solženicin gelesen hatten.. Damals wurden dort alle anders Denkenden mit der Diagnose latente Schizophrenie eingeliefert. Diese Diagnose öffnet viele Möglichkeiten, einem Menschen etwas anzuhängen. Man könnte fast von jedem Menschen sagen, dass er latent schizophren sei.. Die Psychiater in Leningrad haben nie jemandem diese Diagnose gestellt, aber das ZK in Moskau sagte: Macht ihn zu einen Psycho und so wurde er dort zum Psycho gemacht. Uns ist es gelungen, den Kasachen Oman, einen akademisch gebildeten Journalisten, von diesem Ruf zu befreien, der wegen dieser Diagnose 19 Jahre lang gezwungen war, Straßen zu kehren.
Ich ging zum Gericht, fuhr nach Kasachstan. Er war wohl der einzige Mensch in der Sowjet-
union, bei dem uns solche Bemühungen gelungen sind. Danach wurde uns dieses Klappfenster zugemacht.
Als ich sah, wie schwer das alles ist, beschloss ich, Anwältin dieser Menschen zu werden. Und nun bin ich seit über 30 Jahren damit beschäftigt, Menschen zu verteidigen. Ich bin Sozialanwältin. Zusammen mit Sobčak ist es mir gelungen 200 Kriegsversehrten Wohnungen zu beschaffen. Das dritte Mal bin ich ihm an seinem eigenen Grabe begegnet.

– Erzähl mir doch etwas über dein Buch „Petersburger Stars – lebende Legenden.“
– Manches Mal lachen wir und sagen: „eigentlich müssten wir ein Buch schreiben über uns als lebenden Legenden, als Petersburger Knappen, da unser Club den Namen Knappen trägt. Ich habe diesen Club vor etwa 25 Jahren gegründet, und jetzt gehören zu ihm Menschen, die 80 bis 100 Jahre alt sind: ehemalige Akademiker, Wissenschaftler, Künstler, Lehrer, die jetzt allein geblieben sind und um die sich niemand kümmert. Anfangs waren wir 50, doch mit jedem Jahr werden wir immer weniger. Doch wir tun alles, um jedem zu helfen, der unsere Hilfe braucht. Ich habe mich immer vor Geld gefürchtet. Deshalb haben wir kein Konto auf den Bank, damit niemand sagen kann, wir hätten es verschwendet. Wenn jemand Geld für seine Behandlung braucht oder für einen anderen Zweck, dann geben wir anderen seine Anschrift und sagen: Gebt ihm das Geld selbst. Wenn man jemandem aus irgendeinem Anlass gratulieren soll, dann muss mir meine ganze Familie dabei helfen – meine Töchter, meine Schwiegersöhne, und nun auch schon meine Enkelkinder. Sie alle arbeiten mit und jeder trägt mit seinem eigenen Opfer das Seine für diese Hilfe bei, denn sie wissen, was wir tun und denken dabei an meinen Vater und Großvater.
Wenn wir schon jetzt davon sprechen, was ich alles habe tun können und was mir alles gelungen ist, dann dürfen wir nicht vergessen, dass ich das allein nie geschafft hätte, sondern nur ein Werkzeug in Gottes Hand gewesen bin.

– Wendest du dich eigentlich immer, ohne zu zögern, an die obersten Behörden in Russland, wenn du merkst, dass dir etwas nicht gelingen möchte?
– Ja, ich schicke an Medwedjew und Putin in Moskau Telegramme. Ich habe ihnen viel über meine lebenden Legenden geschrieben. Als ich erfuhr, dass Geschäftsleute eine Schule kaufen wollten, die Zur Zeit von Peter I einem Minister seiner Regierung gehörte, die sie aber jetzt zu einer Bank machen wollten, verfasste ich über Nacht einen Text, rief am Morgen die Zentrale
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an und sagte: „Ich bitte ein Telegramm anzunehmen nach Moskau in den Kreml an Medwedjew und Putin.“ Später hat mir mein Schwiegersohn diese Telegramme bezahlt.
Keiner hat das je abgelehnt, wenn ich ihn darum gebeten habe. Sogar nach einer grundlegenden Renovierung der Schule wurde ich zu deren Wiedereinweihung eingeladen. In meiner Ansprache sagte ich: „Lernt weiter und lebt friedlich miteinander, denn für uns sorgt der Präsident Russlands persönlich..“

– Wann ist eigentlich die Idee entstanden die lettische lutherische St. Petrigemeinde wieder entstehen zu lassen?
– Meine Tante und meine Mama sind regelmäßig zur Kirche gegangen. Zur Sowjetzeit gingen sie zur Katharinenkirche, in der sich die Russlanddeutschen versammelten. Dort wurde auch meine Ika getraut. Pfarrer Josef Baronas wollte weiter alle lutherischen Lutheraner in der ehemaligen Sowjetunion vereinigen, doch dann fuhr er nach Rom, um dort an einer Akademie zu studieren. Ich sagte ihm: „studiere du dort ruhig. Fünf Jahre lang werde ich die Letten mit den Deutschen zusammenhalten.“ Doch später begriffen wir, dass wir eine eigene Gemeinde sein wollten. Wir schrieben an Erzbischof Rozītis und er hat uns als Gemeinde der lettischen lutherischen Kirche im Ausland aufgenommen.

.- Kannst du dich daran erinnern, wie die Jesuskirche in St. Petersburg ausgesehen hat, in der dein Großvater Pfarrer war, und die man nach dem Zweiten Weltkrieg gesprengt hatte?
– Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich kann mich nur an den Ort und die betreffende Station der Metro erinnern, Das ist der Ort für unsere Kirche, und dort darf niemand etwas bauen. Die lettische Jesusgemeinde in St Petersburg wurde 1851 gegründet. Das bedeutet, dass sie im Jahr 2011 160 Jahre alt wird.

– Neben allen deinen anderen Gaben hast du kürzlich auch deine malerischen Gaben entdeckt. Wie ist das geschehen?
– Seit meiner Kindheit habe ich immer ein wenig gezeichnet. Doch eines Tages dachte ich darüber nach, dass ich so viele Menschen kenne – 50 – die alle eine interessante Vergangenheit haben. Sie waren Architekten, Musiker, Schriftsteller, Lehrer, Akademiker. Wie könnte ich sie alle richtig kennen lernen? Ich hatte damals Fußschmerzen und musste am Fuß operiert werden, und dann saß ich mit dem verbundenen Fuß da , und dabei habe ich 28 Aquarelle gemalt.. Die standen da in der Bibliothek wie bei einer Ausstellung. Meine Töchter deckten einen schönen Tisch , wir luden alle unsere Freunde ein, und es kamen der lettische Generalkonsul Juris Audariņš, Konsul Juris Balodis, viele andere Freunde und Stars, um meine Ausstellung zu betrachten. Und dort aßen und tranken wir, unterhielten uns über das Leben und lernten so einander kennen.

– Deine Tochter Olga sagte, dass sie dich sehr verehrt, weil du während deines ganzen Lebens den Idealismus nicht verloren hättest, der dir in die Wiege gelegt ist. Fällt dir das Leben nicht schwer, wenn du begreifst, dass du so völlig anders bist als andere Menschen?
– Weißt du, was meine jüngere Tochter gesagt hat? Du lebst gar nicht für dich selbst, mach doch ein wenig Halt! Doch wie soll ich Halt machen? Jeder Mensch blickt in die Welt durch sein eigenes Fenster. Fenster sind wie Augen. Ich erblicke die Welt auch durch ein solches Fenster. Oben sehe ich eine Kuppel und unten ein Weizenfeld, dessen Halme sich nach oben strecken. Einmal habe ich es mir aufgeschrieben, dass ich Gott dafür danke, dass ich die Welt gerade so sehe .und nicht anders sehen möchte.
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Diese Zeit wird vom Geld regiert. Aber mein ganzes Leben lang habe ich mich vor Geld gefürchtet. Ich hatte keins, und dennoch konnten wir leben. Wie es die Bibel von den Vögeln
sagt. Sie säen nicht, sie ernten nicht, aber irgendwie leben sie weiter. Als wir deportiert wurden, lebten wir in einem 4 Quadratmeter großen fensterlosen Zimmer. Später bekamen wir ein Zimmer mit einem Fenster. Aber wir waren glücklich. – man kann vielleicht auch
auch dann glücklich sein, wenn man von sich sagen kann, dass man lebt.
Was ist das Wichtigste? Du kannst während deines Lebens noch so reich gewesen sein. Eines Tages kommt der Augenblick, in dem du alles hinwerfen musst. Auch wenn dich Gott nach oben zieht, stehst du doch vor ihm nackt da. und musst die Frage bantworten, was du auf Erden getan hast. Auf meiner Visitenkarte steht, dass ich eine Expertin für Lenksysteme sei. Aber ich sage, dass die menschliche Seele das wertvollste himmlische Wesen ist. Jedes Auto hat Megabites. Wie sehen die Megabites eines Menschen aus? Wie steht es um deine Fähigkeiten, und wovon hängen sie ab? Weshalb hat der eine solch eine Seele, und der andere eine andere? Ist derjenige, der gerade die Straße erreicht hat, mit einer vollkommenen Seele ausgestattet und hat sie ruiniert? Ich bin vielseitig gebildet, habe gute Schulen absolviert, nur hat mir niemand diese Fragen beantworten können. Deshalb denke ich am frühen Morgen oft über dieses so komplizierte und wertvolle Wesen nach – die menschliche Seele.

Jemand, der Risse schließt. Gunita Āre
Aivars Putniņš empfing Anfang Oktober im Gottesdienst zum 100. Geburtstag der Kreuzkirche in Riga das Schild des Vertrauens für seinen treuen Dienst bei dem Aufbau und der Wiederherstellung der Kreuzkirche und der Kreuzkirchengemeinde in Riga Er ist am 31. Oktober, am Reformationstag geboren.
„Er hat alles, was ihm die Welt nur bieten konnte, verlassen, und mit seiner ganzen Familie sein ganzes Leben in den Dienst der Kreuzkirche und der Kreuzkirchengemeinde gestellt.“ Dieses Zeugnis stellt ihm der Pfarrer der Kreuzkirchengemeinde Ivars Jekabsons aus.
Aivars erhielt, als er sich dieser Kirchengemeinde anschloss, den Ruf Gottes durch das Wort aus dem Propheten Jesaja „Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wist wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne.“ (Jesaja 58,12) Diesem Ruf aus dem Wort Gottes ist Aivars Putniņš während aller dieser Jahre treu geblieben
Dieser Kirchengemeinde gehört er seit 14 Jahren an. Er war Gemeindeleiter, und jetzt ist er der Haushalter der Kirchengemeinde. Er ist mit seiner Ehefrau Ilze verheiratet. In dieser Familie sind zwei Kinder aufgewachsen.

Dieses ist eins jener Gespräche, dem man wünschen möchte, dass es so nicht zustande kommen sollte. Verspätung, Missverständnisse… Dennoch sind wir beide bei der Sache geblieben und haben miteinander eifrig Kontakt gehalten, und siehe da, eines Tages sitzen wir mit dem Haushalter der Kreuzkirchengemeinde in deren schönem Gotteshaus einander gegenüber. Mein Gesprächspartner ist einer der wenigen Menschen, denen die ELKL die höchste Auszeichnung für einen Laien verliehen hat.
– Wie sind Sie gerade in diese Kirchengemeinde gekommen?
– Daran ist eigentlich meine Frau schuld, denn sie suchte eine Kirchengemeinde. Damals hatte ich keine Beziehungen mit der Kirche. Ich habe vielmehr das Lebendige gesucht, was in uns allen steckt. Dieses Suchen war schwer. Da war mein Selbstbewusstsein , mein Stolz, mein eigener Wille. Ich ließ mich von meinem EGO leiten und habe dabei vieles versucht, aber doch schließlich begriffen, dass alle Versuche in einer Sackgasse endeten. Das war der Augenblick, als ich danach zu suchen begann, woher ich komme und wer ich bin. Leider
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geschah das erst sehr spät, obwohl, wenn ich jetzt mit meinem geistigen Auge zurückbliche, mich Gott schon früher angesprochen hat, ich aber darauf nicht reagiert habe.
– Wie fühlen Sie sich heute in dieser Kirchengemeinde und in diesem Gotteshaus?
– Einfach wundervoll. Ich bin ja so dankbar, dass ich dieser Familie angehöre, die Gott sich hier gebaut hat. Hier hat Gott mich angeredet, als ich zum ersten Mal hergekommen war, um Gottes Wort anzuhören. In der Mitte der Predigt sagte ich zu meiner Frau: Hier habe ich meinen Platz!
– Sie sind einer der zur Zeit sehr Wenigen, die für ihren langjährigen und treuen Dienst mit der höchsten Auszeichnung für Laien, dem Schild des Vertrauens, geehrt worden sind. Was haben Sie empfunden, als Sie diese Auszeichnung empfingen?
– .Das war für mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel, denn davor habe ich nicht einmal etwas von der Existenz einer solchen Auszeichnung gewusst.! Es steht doch geschrieben, dass man keine Ehre von Menschen annehmen und nur dem Herrn die Ehre geben soll, die Ihm allein gebührt. Deshalb habe ich über Auszeichnungen auch nicht sehr viel nachgedacht. Diese Auszeichnung wurde mir im Festgottesdienst zum 100. Geburtstag der Kreuzkiche in Riga durch Erzbischof Jānis Vanags überreicht. Als ich nach vorne gerufen wurde, habe ich das noch gar nicht begriffen, was mit mir geschehen sollte. Doch als ich die Worte des Erzbischofs hörte, bat ich den Herrn in der Stielle: „Bitte nicht ich! Bitte nur nicht ich!“ Ich war sehr verwirrt. Schließlich nahm ich diese Auaszeichnung im Namen der ganzen Kirchengemeinde entgegen. Dieses Schild des Vertrauens gilt doch allen, mit denen ich während aller dieser Jahre beisammen war, sowohl körperlich, als auch geistlich. Auch Christen müssen in ihrem Leben auf dieser Welt , in der wir leben, Schweres durchstehen. Hier haben wir nicht das Paradies, denn der Herr hat uns einen neuen Himmel und eine neue Erde verheißen. Und auf die sollen wir uns vorbereiten.. Hier auf Erden kann es keine größere Auszeichnung geben als die Gnade Gottes. Wenn uns die Liebe und Gnade des Herrn umfängt, dann ist das die höchste Auszeichnung, die wir hier auf Erden erhalten können. Aberf vielen herzlichen Dank für diese Bewertung meines Dienstes, ich bin dafür sehr froh und dankbar.
– Wieviel Zeit schenken Sie als Haushalter Ihrer Kirche?
– Es gibt Gelegenheiten, bei denen ich der Kirche alle 24 Stunden eines Tages widme. Ich bin nicht immer hier zur Stelle, aber mit meiner Kirche und meiner Kirchengemeinde stehe ich
immer in Verbindung. Dabei geht es oft um technische Fragen, die gelöst werden müssen. Wenn es zum Beispiel keinen gibt, der ein altes Mütterchen aus der Kirchengemeinde zum Arzrt bringen kann, dann tue ich es. Dabei macht es für mich keinen Unterschied, ob ich eine Birne in eine Lampe einschraube oder einen Pinsel in die Hand nehme. Wenn ich die Räume hier betrete, dann höre ich im Geist die Worte: „Man hält dich für jemanden, der Risse schließt.“ Ein solcher habe ich eigentlich immer sein wollen. Ich war kein Küster, habe aber dessen Amt sehr oft ausgeübt, ich war kein Pförtner, bin aber oft als Pförtner tätig gewesen, ich war kein Lektor, habe aber immer, wenn es erforderlich war, im Gottesdienst aus Gottes Wort vorgelesen, Das war während aller dieser 14 Jahren immer so. Die einstmals kleine Familie ist zu einer großen Familie herangewachsen. Solange die Gemeinde aus unter 100 Leuten bestand, versuchten wir, irgendwie zurecht zu kommen. Meine Frau war dabei auch Putzfrau, Bibliothekarin und passte auf kleine Kinder auf. Doch als es überf 100 Menschen wurden, ging das alles über die Kräfte und wir fingen an, Gott um Hilfe zu bitten. Gott hat uns erhört. Jetzt haben wir Küster, Sonntagsschullehrerinnen und Bibliothekare. Das hat uns dafür frei gemacht, mit etwas anderem zu beginnen. So hat meine Frau eine Ausbildung als Floristin beendet und sorgt nun für den Blumenschmuck in der Kirche. Wir leben von dem, was Gott uns schenkt. Und wir beten darum, dass Gott allen, die es haben, das Herz öffnen möchte. Und so können wir das, was uns aus diesen geöffneten Herzen zufließt, benutzen,
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um unsere Kirche zu renovieren. Natürlich gibt es auch Verzögerungen, aber die haben uns nie dazu gebracht, dass wir einen Gottesdienst ausfallen lassen mussten. Gott sei Dank für
dieses Verständnis seitens unserer Kirchengemeinde sowie seitens unseres Pfarrers. Alle haben es begriffen, dass das Gotteshaus renoviert werden sollte, und dass die Gottesdienste dennoch stattfinden müssten.
– Welche dieser vielen Arbeiten liegt Ihrem Herzen am nächsten?
– Da mache ich keine Unterschiede. Mir macht es am meisten Freude, dass Gott mich gebrauchen kann. Das kann er auf verschiedene Weise tun. Wenn ich zum Beispiel irgendwann in meinem Herzen Unruhe empfinde, gehe ich, weil ich in der Nähe der Kirche wohne, zur Kirche. Neben der Kirche sehe ich jemanden stehen. Ihn hungert nach einem Gespräch mit Gott, und ich kann ihm helfen. Mehrere Menschen, denen ich so oder auf eine andere Weise begegnet bin, sind jetzt Glieder unserer Gemeinde. Ich danke Gott für die heilsame Unruhe, durch die er mich aufweckt und mich auf den Weg schickt. In solchen Augenblicken begreife ich, dass Gott mich gebrauchen möchte. Es gab eine Zeit, wo wir unser Kirchengebäude mit einer Baptistengemeinde teilten. Diese ließen die Kirche Tag und Nacht bewachen, denn sie befürchteten Einbrüche. So bewachten wir damals gemeinsam die Kirche. Und da wir damals noch keine Telefonseelsorge hatten, riefen viele Menschen in der Kirche an, da sie wussten, dass sie dort jemanden Tag und Nacht erreichen konnten. Es gab Gespräche, die mehrere Stunden dauerten, mit Menschen, die selbstmordgefährdet waren. Ich glaube fest daran, dass sich nach diesen Gesprächen niemand etwas angetan hat und sie alle lebendig blieben. Ob und wie sie sich danach auf Gott berufen haben, das ist eine andere Frage. Ich glaube aber, dass Gott ihnen durch unser Gespräch nahe gewesen ist.
– Hat es während dieser 14 Jahre nicht auch Augenblicke der Versuchung gegeben, alles wegzuwerfen?
– Ich möchte es ganz offen sagen, dass es sie gegeben hat. Einmal war es so, dass ich mich auf eine Bank neben der Kirche gesetzt und gesagt hatte: „Du siehst es, himmlischer Vater, dass ich mir vielleicht zu viel vorgenommen habe Ich kann nicht mehr!“ Doch als ich danach das Vaterunser gesprochen hatte, wurde mein Herz durch irgend etwas erfüllt, dass ich aufstehen und weitergehen konnte. Einen echten Augenblick des Zusammenbrechens hatte ich vor zehn Jahren, als mir die Pflichten und Arbeiten in der Gemeinde zu viel wurden. Da begriff ich, dass ich unbedingt Helfer brauchte, und dass ich nicht mehr alle Risse schließen könnte. Wir schlossen uns im Gebet zusammen und allmählich fanden sich Helfer ein, so dass sich die Risse wieder schließen konnten.
– Sind jetzt alle Risse geschlossen?
– Ja, mehr oder weniger, doch immer wieder möchte man noch mehr Menschen erreichen und alles besser machen. Zur Zeit macht es uns sehr froh, dass es uns gelungen ist, die Jugend in der Gemeinde zu sammeln. Jetzt haben wir die Evangelistin Agnes Kapče und den Küster Jānis Kārkliņš. Durch deren Einsatz hat die Jugend auch ihren Platz in der Gemeinde gefunden. Dort kommt sie zusammen, betet und spricht miteinander. Das waren lange Jahre unsere Schmerzenskinder, mit denen uns nichts so recht gelingen wollte. Doch endlich ist es gelungen, auch diesen Riss in unserer Gemeinde zu schließen. Doch darum haben wir viele Jahre gebetet. Das Kriterium für alles sind doch die Früchte. Steht es nicht geschrieben: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.! Die Früchte kann ich nicht beurteilen, doch ich sehe, dass viel getan worden ist, aber ich möchte gerne noch mehr erreichen. So wäre es schön, wenn wir mit Jugendgottesdiensten beginnen könnten.
– Was möchten Sie selbst hier noch gerne erleben?
– Bei uns sind zwei Kinder herangewachsen, die beide bereits konfirmiert sind. Meine größte Freude wäre es, wenn sie durch diese Gemeinde in ihrem weiteren Leben nicht von der Gnade des Herrn abweichen würden, die ihnen schon jetzt geschenkt ist. Im weiteren Sinne wünschte
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ich es mir, dass unser ganzes Volk sich so weit wie möglich zur Familie Gottes zugehörig empfinden möchte. Nicht nur die Letten, sondern auch Menschen anderer Volkszugehörigkeit, die in diesem Lande leben. Sie alle sind herzlich eingeladen, zu kommen und sich an der Liebe Gottes aufzuwärmen. Möge dieses Feuer der Liebe nie verlöschen, sondern mit dem Beistand des Heiligen Geistes durch die Brüder und Schwestern weiterlodern und wärmen. In unserem Leben haben wir die Vollkommenheit erst erreicht, wenn wir sagen können: Ja, Herr, ich bin bereit, aus diesem Leben zu scheiden. In meinem Leben gab es vor zwei Jahren einen schweren Augenblick, als ich sehr krank war. Damals hatte ich begriffen, dass ich noch nicht bereit war, zum himmlischen Vater zu gehen und dass ich noch vieles bei mir in Ordnung bringen und bereinigen müsste. Wir alle auf dieser Erde sind sündige Menschen in Gedanken, Worten und Werken. Gott gebe es, dass wir eines Tages auch die Worte Christi sprechen können: Es ist vollbracht! Das ist auch mein Wunsch, dass ich am Ende meines Lebens sagen könnte: Es ist vollbracht!

5 Thesen zur wach machenden Wahrheit
Gedanken eines Pfarrers am Vorabend zum 20. Jahrestag des Gedächtnisses an die Barrikaden im Jahr 1991. Guntis Kalme , Pfarrer der Auferstehungsgemeinde in Riga
Am Tag der Barrikaden ist es Tradition geworden, einander die Frage zu stellen: „Wenn sich heute ähnliches wiederholen würde, würden Sie dann auch wieder auf die Barrikaden gehen?“
Wer diese Frage mit „Ja“ beantwortet, der wird für einen Patrioten gehalten. Wer „nein“ sagt, den hält man für einen Skeptiker und Pessimisten. Wahrscheinlich sollte man die Frage anders stellen: „Was ist von den Werten übrig geblieben, für die wir sogar bereit waren, unser Leben einzusetzen? Was sind das für Werte? Gibt es sie heute immer noch? Was können wir tun?“
Wir wollten, die Identität des Volkes der Mehrheit, der Letten, erhalten und bewahren Wir wollten nicht zu einer unwichtigen Provinz Europas oder zum „demographischen Material“ (so nennt man heute in der Geopolitik die Einwohner) auf dem Bahnhofsplatz einer von der Emigration betroffenen Durchgangsstation werden. Wir wurden und werden auch weiterhin demographisch geschädigt. In der Folge des Zweiten Weltkrieges haben wir viele Gefallene und Flüchtlinge verloren. Viele gingen durch die Deportationen der Jahre 1941 und 1949 zu Grunde. Während der Sowjetjahre wanderten bei uns 920000 sowjetische Migranten ein, von denen 800000 für immer hier blieben. Die Erneuerung der Unabhängigkeit des Staates Lettland hätte offensichtlich der Augenblick sein müssen, um die Werte der westlichen Demokratien in unserem Leben Wirklichkeit werden zu lassen. Das bedeutet nicht nur den Abzug der militärischen, sondern auch der zivilen Besatzer.. Statt dessen wurde Lettland, damit das internationale Recht seinen Triumph feiern könnte, die Integration der zivilen Besatzer aufgenötigt.
Die Migration der Wirtschaft hat inzwischen die Ausmaße der durch den Krieg hervorgerufene Menge der Flüchtlinge erreicht. Als für die Zukunft unvermeidlich und verpflichtend wird uns verkündet, dass es normal und richtig sei, dass statt der Flüchtlinge jetzt die vielen Migranten anreisen, die wir aufnehmen und ihre Integration finanzieren müssten., für ihre soziale Sicherheit aufkommen usw…
Wir wollten für unseren Staat unsere Sprache zur Sprache unseres Staates erklären. Doch das Gesetz, welches das bestimmt gibt es nur „auf dem Papier.“ Es funktioniert nicht einmal bei den staatlichen Behörden. Dort können ohne Probleme Menschen angestellt werden, die unsere Sprache nicht beherrschen, und diejenigen, die eine Bescheinigung vorlegen, dass sie diese Sprache nicht sprechen wollten (und es gibt viele, die das grundsätzlich nicht wollen), dort angestellt werden können. Aber die russische Sprache muss man beherrschen und oft wird man dazu gezwungen (selbst bei Begegnungen mit Menschen einer Altersgruppe, die
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ihren Schulabschluss erst nach dem Wiederentstehen des lettischen Staates gemacht haben und während ihres Schulbesuches pflichtgemäß die lettische Sprache erlern haben. Aber wenn sie diese Sprache nicht sprechen möchten, dann ist das ihr Recht) Die einzigr „Errungenschaft“, deren wir uns erfreuen können, ist, dass neben der russischen Sprache Englisch zum Pflichtfach geworden ist..
Wir wollten die Eigentümer dieses Landes sein und wirtschaftlich unabhängig werden. Aber jetzt ist ein großer Teil des Bodens, der Immobilien und Produkte Lettlands an Bürger anderer Staaten verkauft worden. Wir haben sogar die Krümel einer wirtschaftlichen Unabhängigkeit verloren, und das bedeutet, die Möglichkeit zu verlieren, unsere eigene Wirtschaft zu bestimmen und dabei die monetären politischen Werkzeuge zu nutzen. .
Wir wollten die staatliche Unabhängigkeit zurückgewinnen und weiter bewahren. Aus einer „Republik der Sowjetunion“ sind wir zu einer „Region der EU“ geworden. Und Abrene haben wir selbst freiwillig weggegeben, ohne dafür etwas wiederzubekommen. Unsere Armee wird bei sogenannten Friedensmissionen eingesetzt. Und nicht zur Verteidigung unseres eigenen Territoriums. (Für den Partisanenkrieg und das Verhalten bei zivilem Widerstand werden unsere Soldaten nicht ausgebildet. Die Ausbildungsstätte dafür hat man diskret liquidiert.) Unsere Soldaten begeben sich in fremde Länder, um dort zu sterben. Das ist der Preis, den wir für unsere Mitgliedschaft in der NATO zahlen müssen. Weil wir wissen, dass hier die USA vorherrschend sind, ist es auch uns deutlich, dass wir für die Ziele fremder Mächte eingesetzt werden (dabei wird auch die Erinnerung wachgerufen, dass unsere jungen Männer ebenso wie einst als Soldaten der Sowjetarmee sich als Soldaten der NATO in das gleiche Afghanistan begeben müssen).
Wir wollten ein geistiges Aufwachen. Statt dessen werden wir mit dem politisch gefördertem Vergnügen und dem Perversionenkult beschert, wofür in den Medien geworben wird. Die Kirche, obwohl ihr formell viele zugehören, kann den sozialen und geistigen Prozess im Staat kaum spürbar beeinflussen.
Zusammengefasst: Wir als Mehrheitsnation besitzen unser Territorium nicht mehr, wir können unsere Grenzen nicht mehr kontrollieren, wir haben bei unserer Politik und Wirtschaft nichts mehr zu bestimmen, die Sprache des Staates funktioniert nicht richtig, bald werden wir keine eigene Währung haben, unsere Armee vermag es nicht, uns zu verteidigen. Diese Aufzählung könnte man fortsetzen, wenn man dafür Experten hinzuzieht.. Das Einzige, was wir als Erfolg verbuchen könnten, ist das Sozialsystem. Doch das ist zu wenig, als dass es sich lohnte, es gegenüber allen Verlusten an den anderen „Frontabschnitten“ aufzuwiegen.
Was ist hier zu tun? Die Wiedergeburt der Gesellschaft beginnt bei deren geistigen Werten. und nicht bei den Interessen der politischen Oberschicht.
Der erste geistige Wert ist die Wahrheit. Die weist nämlich darauf hin, worum es eigentlich geht. Und stellt alles auf den rechten Platz. Sie unterscheidet wirklich Illusionen, Wahn., den Kampf um das Aufwachen verloren haben. Lieber die bittere Wahrheit als gefällige Lügen. Das müssen wir ohne Einschränkungen als Anerkennung von Fakten einsehen, denn erst dann können wir den nächsten Kampf beginnen.. Somit bedeutet die Wahrheit als Wert, dass wir uns selbst nicht belügen und es nicht zulassen, dass andere (zum Beispiel internationale Organisationen) uns anlügen. Das können wir nur konsequent verwirklichen, wenn die Wahrheit und keine vorläufigen Interessen unseren höchsten Wert darstellt. Das bedeutet, dass wir anderen und auch uns selbst die Wahrheit sagen und danach handeln, nicht, um uns in tiefere Depressionen zu stürzen, ( was können wir da schon tun, wir sind doch allein und schwach!), sondern der Wahrheit den Platz zurück erobern als unser eigenes Aufmarschgebiet.

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In der Wahrheit steckt Kraft, aber in der Kraft steckt nicht die Wahrheit. Nicht zufällig hat A. Solžeņicin gesagt, dass ein Wort der Wahrheit die ganze Finsternis stürzen könnte. Die Wahrheit ist qualitativer und nicht von quantitativer Natur. Deshalb ist es so wichtig, dass
jeder einzelne Mensch bei der Wahrheit bleibt. Weshalb hat das Sowjetregime sich vor Gunārs Asars so sehr gefürchtet? Weil er kompromisslos für die Wahrheit eingetreten ist.
Wie ererben wir die Wahrheit?
Die Wahrheit verändert zuerst uns selbst. Jesus sprach: Wenn ihr bleiben werdet in meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen.
* „Wenn ihr bleiben werdet in meinem Wort.“ Das bedeutet einen festen Standpunkt gegenüber der Wahrheit einnehmen, das heißt sich zur Jüngerschaft bekennen und nicht, sich bemühen, die Wahrheit zu manipulieren.
* „Ihr werdet die Wahrheit erkennen.“ Der Begriff „erkennen“ wird in der Bibel im intimen Sinn gebraucht (z. B. Matth. 1,25) In dieser Bedeutung resultiert sich „erkennen“ als empfangen. Das heißt, dass ich in meinem Organismus etwas anderes, etwas lebendiges aufnehme. Das hat Folgen – in dir wächst etwas lebendiges heran. Dieses Empfangene ist die von uns empfangene Wahrheit, der wir von nun an zugehören.
* „Die Wahrheit wird euch frei machen.“ denn sie ist überweltlicher Gestalt (Johannes 14,6) und hat überweltliche Kraft. „Denn wir vermögen nichts wider die Wahrheit sondern nur etwas für die Wahrheit“ (2. Kor. 13,8), wogegen man mit uns in der Realpolitik ein falsches Spiel betreiben und uns unterwerfen wird. Die Wahrheit macht uns auch frei von der Notwendigkeit, „selbst etwas zu erfinden“, zum Beispiel irgendwelche superspezielle Methoden und Verfahren zu produzieren. Wie stand es damit bei Jesus und mit seinem die Wahrheit enthaltenden und freimachenden Wort?
Die Maßeinheit für die Aneignung der Wahrheit ist die Zugehörigkeit zu ihr und das entsprechende Handeln. Das wird unvermeidlich auch Opfer bedeuten (Verzicht auf Selbstsucht – in letzter Konsequenz sogar auf das eigene Leben, das höchste Zeichen für die Zugehörigkeit zur Wahrheit ) „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab“ (Joh. 3, 16a) „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“ (Joh. 15,13). Martin Luther hat einst bekannt: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Solange wir noch anders können, und nicht konsequent mit der Wahrheit leben, solange werden wir auch anders handeln, aber dann dürfen wir auch nichts Besseres erwarten. Vielleicht geht es uns noch nicht schlecht genug, um es nicht mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen, dem Rückenmark zu begreifen, dass wir ohne die Wahrheit nicht leben können? Vielleicht sind alle um uns herum noch nicht so übel, dass wir uns so sehr nach der Wahrheit sehnen, dass wir um ihretwillen Opfer bringen können und wollen. Ist es wirklich so?
Was sollen wir tun? Wieder bei Null anfangen? Alles bei Null! Bei der Stelle, an der wir zur Zeit stehen. Dazu kann uns Mut machen, dass das nicht zum ersten Mal in unserer Geschichte geschieht. Womit haben in den Jahren 1944 und 1945 und danach unsere nationalen Partisanen, unsere politischen und religiösen Widerstandskämpfer, die Helsinki Gruppe und wir selbst in den Jahren des nationalen Wiedererwachens begonnen? Kompromisslos und ohne darum besorgt zu sein, ob man wirklich uns und die Prinzipien unseres Kampfes und der Wahrheit „verstanden“ hat, und nicht wegen irgendwelcher sichtbaren Erfolge.
Jesus sprach: „ Wenn ihr bleiben werdet in meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen. Ja! So einfach ist es, und doch nicht leicht! Aber nur das ist der Weg zur Wahrheit!

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Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Mazā Pils iela 4 – Riga – LV 1050
E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 23.01.2011)
Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Mit meinen herzlichsten Segenswünschen zum Neuen Jahr übersende ich Ihnen die Übersetzung der ersten Ausgabe der lettischen Kirchenzeitung in diesem Jahr. Trotz ihrer 14 Seiten sind es bei weitem nicht alle Beiträge dieser Ausgabe, die Sie jetzt vor sich liegen haben. Ich hoffe, dass Sie inzwischen einige andere Beiträge, bei denen es sich nicht um Übersetzungen aus SR handelt, erhalten haben. Das kann möglicherweise in nächster Zeit des öfteren geschehen, da ja die Abstände bei dem Erscheinen der Kirchenzeitung nur einmal im Monat doch recht groß werden. So werde ich mir erlauben, meinen sehr verehrten Leserinnen und Lesern außerhalb der Reihe etwas zuzuschicken, wenn sich im Internet Lesenswertes findet.
Auf die Übersetzung der folgenden Beiträge dieser Ausgabe habe ich dieses Mal verzichtet:
Auf einen sehr ausführlichen Bericht der lettischen Jugendvertreter über das Taizetreffen in Rotterdam, über ein Seminar für Ehepaare in der Alten St. Gertrudkirche, die Berichterstattung über die Lage der Christen im Mittleren Osten, eine sehr ausführliche Stellungnahme einer Leserin zur Synode. Ich habe auf deren Übersetzung verzichtet, weil sie eigentlich keine wesentlich neuen Aspekte zur Sprache brachte. In einem sehr ausführlichen Beitrag nimmt ein Theologe der Kirche der Missouri Synode aus den USA zum Prinzip der Leitung in der lutherischen Kirche Stellung, mit dessen Übersetzung. ich mich selbst und meine hoch verehrte Leserschaft nicht überfordern wollte.
Bis zum nächsten Mal bin ich mit meinen herzlichsten Grüßen und guten Wünschen
Ihr Johannes Baumann

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