Verfasst von: liefland | April 4, 2011

Ausgabe Nr. 3 (1845) vom 12. März 2011

Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Jesaja 66, 13

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.
6. Sonntag vor Ostern – Invocavit Ausgabe Nr. 3 (1845) vom 12. März 2011

Pastoralkollegtreffen in Talsi Ingrīda Briede.
„Hier haben wir lebendige, diakonisch ausgerichtete Gemeinden erlebt, die ihre Glaubensüberzeugung und den Dienst am Nächsten trotz der schweren Verhältnisse wahrnehmen,“ sagte am Ende des Seminars in der Stadt mit den sieben Hügeln Talsi einer von dessen Teilnehmern. Das vom Pastoralkolleg der Nordelbischen und Vorpommernschen Kirchen in Ratzeburg veranstaltete Seminar findet jährlich im Februar in einem der Baltischen Staaten oder in Deutschland statt. An diesem Seminar des Pastoralkollegs nahmen Pfarrer, Evangelisten und kirchliche Mitarbeiter aus den erwähnten Ländern teil.
Dieses Seminar „ Ihr seid der Leib Christi“ begann in Lettland mit einem Gottesdienst in der Luthergemeinde in Riga, die in jener Woche das Fest ihres 120 jährigen Bestehens feierte und wurde mit Gesprächen in deren neu erbautem Gemeindezentrum fortgesetzt. Viele der deutschen Gäste waren zum ersten Mal in Lettland, und schon der erste Gottesdienst ließ bei ihnen Fragen entstehen, die sie in den Diskussionen an die lettischen, litauischen und estnischen Pfarrer in den nächsten Tagen weiter stellten. Im Gemeindehaus in Talsi ging es um die liturgische Tradition im Baltikum, um die Bedeutung des Bischofsamtes und der Gemeinde in der ELKL. Der zweite Tag begann mit einem Referat des Pfarrers der deutschen Gemeinden in Lettland Dr. Martin Grahl über die Kirche als der Leib Christi. Damit ging er auf das Thema des Seminars ein. Am Nachmittag konnte man ein wenig durchatmen bei der Vorstellung der Kirchengemeinde Talsi, deren Aktivitäten und Dienste. Darauf folgte eine Fahrt zur christlichen Familienstätte und zum Krisenzentrum der Kirchengemeinde Talsi, Gründungen der Kirchengemeinde. Mehrere der anwesenden Gäste sprachen danach ihre Bewunderung der Leistungen der Kirchengemeinde Talsi , den Dank für die Wunder Gottes und die von ihm geschenkte Zeit der Gnade aus, welche die Gemeindeglieder durch ihren Zuspruch und ihren Dienst ihrer Stadt und ihren Mitmenschen weitergeben. Das Krisenzentrum in Talsi ist eins der sieben Krisenzentren in Lettland, in denen Frauen und Mütter mit Kindern aus dem ganzen Lande, die Gewalt erleiden mussten, professionelle Hilfe erhalten können. Am Abend gab es eine Begegnung mit Vertreterinnen des lettischen Theologinnenverbandes, die in Gemeinden der Umgebung von Talsi tätig sind.
Am dritten Tage des Seminars fand ein Ausflug statt. Das erste Ziel war die Einkehrstätte in Mazirbe, wo eine Bibelarbeit und Gespräche mit den Mitarbeitern der Einkehrstätte stattfanden. Darauf folgte die Besichtigung der Kirchen von Mazirbe und Dundaga und eine Exkursion zur Orgelbauwerkstatt in Ugāle. In einem guten und geschliffenen Deutsch stellte Orgelbauer und Pfarrer Jānis Kalniņš seine Werkstatt vor und das, was in ihr geleistet wird. Es ist eine Freude, dass in dieser Werkstatt viele junge Menschen tätig sind, die hier eine Arbeitsstelle gefunden haben, und die, falls sie diese nicht gefunden hätten, sich heute in Irland oder an einem anderen Ost der Welt befinden würden. Der Tag wurde mit einem Besuch des Diakoniezentrums und der Besichtigung der St. Katharinenkirche in Kuldiga abgeschlossen.
Am vierten Tage fuhren die Seminarteilnehmer nach Riga, wo sie sich mit Mitarbeitern der ELKL und mit Bischof Guntars Dimants trafen. Auf dem Rückweg gab es einen Halt in Tukums, wo die Historikerin Frau Dišlere einen Einblick in die Geschichte der Kirchengemeinde Tukums gab. Das Seminar ging mit einer Begegnung mit dem Bischof der Diözese Liepāja Pāvils Brūvers zu Ende, der den Teilnehmern die Arbeit in seiner Diözese vorstellte und ihnen über die neuesten Aktualitäten berichtete, wie der kürzlich stattgefundenen Visitation in Skrunda.
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Andris Grots: In Lettland habe ich das entdeckt, was man Heimat nennen möchte.
Inga Reča.
1993 siedelte Pfarrer Andris Grots von Amerika nach Lettland um, und am 24. Februar dieses Jahres gedachte er seiner Ordination vor 20 Jahren. Seine Feuertaufe mit der Realität seines Vaterlandes erhielt er als Abgeordneter der Saeima, aber seine enttäuschenden und bitteren Erfahrungen mit der Politik hielt der Pfarrer in einem Buch „Ich habe die Kanzel mit einer Tribüne vertauscht“ fest. Genugtuung ist wirklich ein schönes Wort, aber eine nicht zu vergleichende größere Befriedigung empfängt er durch seinen Dienst als Pfarrer der Kirchengemeinden Sigulda und Allaži. Von Zeit zu Zeit vertritt der Pfarrer im Gottesdienst auch die Organistin, doch seit seiner Schulzeit ist die Kriegsgeschichte, das Planen und die moderne Technik von Schlachten seine Leidenschaft geblieben.
– In Lettland leben Sie nun seit 18 Jahren, während die Mehrzahl der Auslandsletten nach dem Wiedergewinnen der Unabhängigkeit dennoch nicht mehr nach Lettland zurückkehrte, um hier weiter zu leben. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass sie sehr patriotisch erzogen worden seien. War Ihre Rückkehr nach Lettland ein gesetzmäßig vorher bestimmter Schritt?
– Nach meinem Wesen bin ich ein Gewohnheitsmensch. Ich bin nun hier und halte es für selbstverständlich, als einen Teil meines Lebens. Aber das wäre nicht geschehen, wenn ich zu Beginn der 1990 Jahre die Zeit meines Praktikums bei Propst Beimanis und in der Kirchengemeinde Mežaparks nicht gehabt hätte. Schon damals lernte ich hier das ganze Erbe des Kommunismus kennen und erlebte das, was man Heimat zu nennen pflegt.
– In Amerika war doch sicher die Bewahrung des eigenen Lettentums eher etwas theoretisches?
– O nein, wenigstens für mich war das etwas ganz praktisches! Der größte Teil meiner Freunde bestand aus Letten, alle Aktivitäten im Sommer geschahen seit dem Beginn der 1970er Jahre zusammen mit anderen Letten mit den Scouts, in dem lettischen Sommergymnasium, in den Lagern. Ich lebte und diente nur in einer lettischen Kirchengemeinde. Ich lebte in Boston und die einzige Gelegenheit englisch zu sprechen hatte ich bei dem Benzintanken oder in der Autowerkstatt. Mein ganzes übriges Leben in Boston fand nur in lettischer Sprache statt.
– Während der Zeit Ihres theologischen Praktikums haben Sie in einer Reihe von lettischen Kirchengemeinden gedient. Was hat Sie nach Lettland gezogen?
– Mehrere Dinge. Als ich Ende der 1980er Jahre Theologie studierte, wurde im Westen fortwährend davon gesprochen, dass die lettischen Kirchengemeinden in Amerika aussterben würden. Ich war der Ansicht, dass es meine Berufung sei, das Wort Gottes in der lettischen Sprache zu verkündigen, und der einzige Ort, an dem ich das logischerweise tun könnte, Lettland sei. Natürlich haben die lettischen Kirchengemeinden im Westen viel länger überlebt
als viele Pessimisten es vorausgesagt hatten.
Zweitens ist Lettland, weil ich nicht hier geboren bin, nicht meine Heimat, aber das Land meiner Väter. Pfarrer Feldmanis sagte mir einmal, dass ich ein Mensch sei, der seine Heimat verlassen hätte, um in das Land seiner Väter zurückzukehren und dort zu leben. Und so habe ich als Heranwachsender mich im Blick auf meine Freunde und auf meine Arbeit zur lettischen Gemeinschaft hin orientiert in der Gewissheit, dass ich die lettische Gemeinschaft am deutlichsten in Lettland wiederfinden würde.
– Wie würden Sie Ihren Dienst in der lettischen Kirchengemeinde in Boston mit Ihrem Dienst in Kirchengemeinden Lettlands vergleichen?
– In Lettland ist der Dienst viel intensiver. Meine ehemaligen Gemeinde in Boston, die weiterhin besteht, war die Trinitatisgemeinde auf dem Jamaikaplaine. Sie war und ist mir weiterhin sehr lieb, und einmal im Jahr fahre ich dort hin, um sie zu besuchen. Sie laden mich
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ein, bei ihnen zu predigen, und ich bin immer glücklich, wenn ich bei ihnen bin. Aber die Gemeinde ist inzwischen sehr alt geworden. In Boston habe ich kein einziges Mal Konfirmandenunterricht gehalten und während dieser zweieinhalb Jahre hat dort keine einzige Konfirmation stattgefunden. In Lettland finde ich alle Generationen vor, die Gemeinden bilden einen Querschnitt durch alle Altersgruppen auch im Blick auf die Anforderungen. In Boston hatte ich es nur mit einer Kirchengemeinde zu tun, aber hier habe ich zwei und seit fünf Jahren habe ich einmal im Monat Dienst im Zentralgefängnis.
– Im Laufe dieser 18 Jahre hat sich auch in Lettland vieles verändert. Wie war Ihr Dienst damals, als Sie ihn in der Kirche vom Bolderāja begannen und wie sieht er heute in Sigulda und Allaži aus?
– Zu Beginn der 1990er Jahre war der Unterschied zwischen kleinen und großen Kirchengemeinden sowie zwischen Stadtgemeinden und Landgemeinden nicht annähernd so groß wie heute. Dabei denke ich nicht so sehr theologisch, sondern eher wirtschaftlich, also an den Haushalt der Kirchengemeinden und an ihren Wunsch , wie sie ihren kirchlichen Dienst gestaltet sehen möchten. Hier können wir zwischen den Gemeinden große Unterschiede feststellen. Ich habe Kirchengemeinden besucht, in denen die Mitarbeiter ganz und gar dagegen waren, dass in dem zurück gewonnenen Gemeindehaus Abendgottesdienste, Bibelstunden und Gebetskreise stattfänden. Weshalb das? Weil man danach den Raum reinigen muss! Es sei doch viel besser, wenn dort nichts geschähe, die Räume schön und still und sauber blieben und „es dabei allen gut ginge!“ In den lettischen Kirchengemeinden im Westen wäre eine solche Einstellung undenkbar.
– Sie waren doch auch in der Politik tätig gewesen. Ich habe Ihr Buch „Ich habe die Kanzel mit einer Tribüne vertauscht“ gelesen
– Meine Frau hat mir sehr zugeredet, dieses Buch zu schreiben nur deshalb, dass ich mir alle Enttäuschungen und alle Bitterkeit vom Herzen schriebe.
– Sind Sie von den Letten enttäuscht?
– Gewiss nicht von allen, sondern von einer ganz besonderen Schicht. Aber ich habe mich daran gewöhnt. Das half mir bei meinem Erlernen der Demut, als ich begriff, dass wir Letten nicht besser sind als andere. Wir haben alle unsere positiven und negativen Seiten und sind alle Sünder. Während der 18 Jahre habe ich mich daran gewöhnt und das als Realität akzeptiert und kann damit leben. Aber in den 1990er Jahren konnte ich das nicht erkennen. Die zwei Kirchengemeinden, denen ich am meisten gedient hatte, waren die Kirchengemeinden Sloka und Mežaparks. Es ist eine Sache, an einem Sonntag zu kommen, dort zu predigen, eine halbe Stunde bei einer Tasse Tee zusammen zu bleiben und sich dabei über das Leben und die Kunst zu unterhalten, doch eine völlig andere Sache ist es, in eine Kirchengemeinde zu kommen und dort Wochen, Monate, Jahre Dienst zu tun. Damals hatte ich in den Kirchengemeinden nur vereinzelt Dienst getan.
– Das nennt man Leben.
– Nun ja – man könnte schon sagen – ach du liebe Zeit, wenn ich damals bereits alles gewusst hätte, was ich heute weiß. Natürlich wäre das damals eine Hilfe gewesen, aber jetzt weiß ich das, was ich heute weiß!
– Verspüren Sie nicht heute ab und an den Wunsch, sich politisch zu betätigen?
– Diesen Wunsch verspüre ich nicht. Einmal sprach man davon, dass ich im Rat der Stadt Sigulda mitarbeiten sollte. Wenn jemand mich aus sachlichen Gründen gewollt hätte, dann hätte ich es erwogen, aber ich hätte es nie gesagt, dass ich es gewollt hätte. Sachliche Gründe wären es, wenn eine Gruppe gemeint hätte: dieser Mensch hat das Wissen und die Erfahrung für ein bestimmtes Amt. Ich habe das Wissen und die Erfahrung in Angelegenheiten der Wirtschaft und Verteidigung, doch in der Kommunalpolitik nützt einer, der sich in modernen

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Waffensystemen etwas auskennt, nicht viel. Doch bei der Aufstellung eines Haushaltsplanes könnte ich helfen.
– Haben Sie es nicht schon einmal etwas bedauert, dass Sie nicht bei ihrer ersten Spezialität – der Wirtschaft – geblieben sind?
– Nicht besonders. Ich hatte in Boston ein Jahr lang die Möglichkeit, in einer „typischen Stelle“ von 9 bis 17 Uhr zu arbeiten. Ich kam damit zurecht, aber ich kann nicht sagen, dass mich diese Arbeit so begeistert hätte, dass ich am Montagmorgen mit sehr großer Freude dorthin geeilt wäre. Eher habe ich ungeduldig auf den Freitagnachmittag gewartet, um am Samstag und Sonntag auszuruhen.
– Können Sie etwas über ihre jetzigen Kirchengemeinden Sigulda und Allaži berichten? Das sind doch Gemeinden, die sich sehr voneinander unterscheiden
– Die Kirchengemeinde Sigulda hat über 300 Gemeindeglieder und die Kirchengemeinde Allaži etwas über 60. Die Hälfte von ihnen wohnt im Seniorenheim. Mit Gottes Hilfe haben wir beide Kirchen herrichten können zu Schmuckstücken. Nur die Renovierung der Orgel in Allaži steht noch aus, alles andere ist – einschließlich der Heizungssysteme in beiden Kirchen in Ordnung. Die Kirchengemeinde Allaži mit ihrem Seniorenheim hat einige Besonderheiten. Im Winter halten wir im Haus auf der halben Strecke Bibelstunden.
– Was ist das Haus auf der halben Strecke?
– Das ist ein Heim, in dem Menschen wohnen, die dort selbständiger sind als in anderen Heimen. Sie sind für ihre Beköstigung, für die Reinigung der Räume und ihrer Kleidung und für manches andere verantwortlich. Es gab auch ein Ehepaar, das so große Fortschritte gemacht hatte, dass es von dem Haus an der halben Strecke nach Riga umziehen konnte, wo sie jetzt in einer normalen Wohnung leben und einen normalen Beruf ausüben. Dazu sagen sie selbst, dass sie das Heim in Allaži absolviert hätten. Die Insassen des Hauses auf der halben Strecke genießen eine größere Selbständigkeit und tragen damit auch eine viel größere Verantwortung als die Bewohner anderer Heime..
Ja, der größte Teil der Teilnehmer an den Bibelstunden kommt aus diesem Hause, und dabei haben wir oft sehr interessante Diskussionen.
– Sigulda ist stets ein Mekka für Touristen und neu vermählte Paare gewesen, und damit ein Ort, der Ihnen als Pfarrer ganz besondere Aufgaben stellt.
– Die Kirche von Sigulda ist täglich, also 365 Tage im Jahr, im Winter von 10 bis 16 Uhr und im Sommer von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Weil sie nicht nur den Einwohnern der Stadt zum Gebet und zur Meditation offen steht, sondern auch den vom Frühjahr bis zum frühen Herbst besonders vielen Touristen, führe ich selbst mindestens einmal in der Woche die Aufsicht, erzähle ihnen etwas über die Geschichte der Kirche und biete Orgelbesichtigungen an. Auf der Orgelempore sind auch Gemälde von Valdis Atāls ausgestellt. Natürlich kann man im Sommer auch den Kirchturm besteigen. Dazu muss ich sagen, dass die Aussicht von unserem Kirchturm schöner und eindrucksvoller ist als der Blick vom Turm der Burg Turaida!
– Im Gotteshaus von Sigulda finden auch Konzerte von hoher Qualität statt. So war zum Beispiel im vergangenen Sommer dort Gidon Kremer mit seiner „Kremerata Baltica“ zu Gast und gab dort ein Konzert.
– Im Rahmen des Opernfestivals gibt es bei uns sehr viele Konzerte. Unsere Organistin Laila Putniņa ist nicht nur selbst eine hervorragende Organistin, sondern hat auch viele Kontakte zu Musikerkreisen in Lettland. Von denen laden wir viele gute Musiker zu Konzerten ein.
– Über welche Aktivitäten Ihrer Gemeindeglieder freuen Sie sich am meisten? Auf den Reisen unserer Kirchenzeitung haben wir wunderbare Menschen aus Ihrer Gemeinde
kennen gelernt – den Küster Ēvalds Intspēteris, die diakonische Mitarbeiterin Irene Bindermane und die Leiterin der Diakonie Iveta Bērziņa…

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– Ich bin darüber sehr froh, dass die heutige Zusammensetzung des Kirchengemeinderates so harmonisch ist, auch wenn wir verschiedene Generationen vertreten, ein jeder mit seinen eigenen Erfahrungen. Im Kirchengemeinderat sind die Rentner, Geschäftsleute und Verwaltungsangestellten vertreten. Die Zusammenarbeit und die Arbeitsfähigkeit sind in diesem Gremium hervorragend! Wir haben eine gemeinsame Vision, den gemeinsamen Willen, etwas zu tun. Es ist sehr wichtig, das der Kirchengemeinderat und der Pfarrer in einem Tor stehen. Zur Zeit ist unser größtes Vorhaben der Bau eines Gemeindehauses. Wir hatten die Hoffnung, dass das in diesem Jahr geschehen würde, die Pläne waren bereits geschmiedet, wir haben viele Tausend Lats an Mitteln gesammelt.
Der Gemeindeleiter in Allaži Māris Malcenieks spielt dort eine außerordentlich große und wichtige Rolle. Auch dort haben wir begriffen, was wir wollen und versuchen das nach unseren Kräften und mit Gottes Hilfe zu verwirklichen. Ich muss sagen, dass Gott beide Gemeinden angelächelt und ihnen seine Hilfe nicht versagt hat.
– Was bereitet Ihnen bei Ihrem Dienst als Pfarrer die größte Genugtuung.
– Das ist eine sehr gute Frage… Anscheinend tue ich bei allem meinem Stolpern auch etwas nach dem Willen Gottes. Es war sehr interessant, einen Augenblick in der Politik mitzuarbeiten. Man hatte sogar davon geredet, dass man mich als Verteidigungsminister vorschlagen würde., aber ich denke nicht , dass mich das sehr tief befriedigt hätte. Genugtuung ist ein prachtvolles Wort, vielleicht zu prachtvoll, so dass ich lieber von seelischer Befriedigung sprechen möchte. Ich denke, dass Gott mich nicht unbedingt in der Politik sehen möchte, zumal es in Lettland genug Politiker gibt, und dass er mich nach Lettland als Pfarrer gerufen hat, weil es mindestens damals einen großen Pfarrermangel gab.
– Dabei ist es interessant, dass Ihr Vater Anwalt ist und Ihr Großvater Senator war. In Ihrer Familie zeichnete sich für Sie Ihr Weg eher in die Richtung des Rechtswesens ab.
– Gott sei Dank, dass das nicht der Fall ist. Ich denke nicht, dass ich als Jurist etwas getaugt hätte, denn ich kann mich nur sehr schlecht in die Arbeit am Detail vertiefen, was zu einem jeden Juristen gehört. Als ich meinen Dienst in Boston ausübte, lebte ich bei meinen Eltern, und da haben wir oft darüber gelacht, dass wir als Ärztin, Anwalt und Pfarrer unter einem Dach in der Lage sind, jedem Menschen fast jedes Problem zu lösen.
– Vor mehreren Jahren haben Sie in der Kirchengemeinde Sigulda mit etwas ganz Besonderem begonnen: mit theologischen Debatten. Sagen Sie uns doch bitte, wie das vor sich geht!
– Es war interessant, dass es Menschen gibt, die ich kenne , und die große Erkenntnisse und ein großes Verständnis bei bestimmten Fragen haben, die ihre Basis in der Heiligen Schrift haben, und sie dennoch Standpunkte ausdrücken, die sich vom meinen Ansichten unterscheiden. Da dachte ich, dass es, wenn mich ihr Standpunkt so sehr interessiert, vielleicht auch noch andere Menschen geben könnte, die sich auch dafür interessieren würden. Die Debatten finden nicht statt, damit es an deren Ende einen Sieger und einen Besiegten geben sollte. Auch gibt es da keine Abstimmungen und Bewertungen, sondern nur Brüder und Schwestern in Christus, die ihre eigenen biblisch begründeten Auffassungen haben, und wenn diese mit anderen ebenfalls biblisch begründeten Ansichten nicht übereinstimmen, und die darüber hinaus auch noch interessant sind, dann nehme ich an, dass das andere auch interessieren könnte.
– Bisher hatten Sie zwei Debatten. Einige der Teilnehmenden sagten mir, dass sie es sich wünschten, dass diese öfter stattfinden würden.
– Das hätte ich auch gerne, aber das Problem ist dabei, ein Thema zu finden, das alle interessiert, und danach zwei gleich kluge Amtsbrüder oder Gemeindeglieder zu finden, die über dieses Thema in gleicher Augenhöhe debattieren könnten. Es darf nicht so sein, dass der eine so klug ist, dass er den anderen einfach um den Finger wickelt. Es gibt solche Pfarrer,
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mit denen ich überhaupt nicht versuchen möchte zu debattieren, weil ich von vorne herein weiß, dass er mich zu Boden treten würde, bevor ich den ersten Satz ausgesprochen habe. Was hat das noch für einen Sinn?! Ich muss Menschen vom gleichem Niveau finden, die ihr Thema beherrschen und sich an ihm ereifern, aber mit gegensätzlichen Ansichten, denn es hat keinen Sinn, eine Debatte zu veranstalten, wenn beide einander nur zustimmen. Ich denke schon über das nächste Thema nach, aber es gibt auch Probleme bei der Zeitabstimmung.
– Erzählen Sie uns doch etwas über Ihre Familie. Was machen Ihre Frau und Ihre Kinder?
– Mein Pflegesohn studiert, meine älteste Tochter ist Schülerin in der 11. Klasse, unsere jüngste Tochter geht noch in den Kindergarten. Meine Frau hilft mir als Evangelistin und vertritt mich bei Bedarf in beiden Kirchengemeinden im Gottesdienst. Wir haben das System, dass, wenn an einem der vielen Sonntage die Organistin verhindert ist, wir nicht lange zu suchen brauchen. Dann hält meine Frau den Gottesdienst und ich sitze an der Orgel.. In diesem Fall erinnere ich meine Frau immer daran, dass sie sich bei dem Gastorganisten bedanken sollte. Wir haben auch unsere kleine Landwirtschaft mit einer Kuh, einer Ziege und Hühnern. Wir sind Menschen vom Lande. Nach Sigulda sind wir 2001 gezogen und haben uns dort ein Landhaus gekauft.
– Damit wird deutlich, dass Sie sich nicht nur für moderne Waffensysteme, sondern auch für Musik interessieren…
– In Boston wohnten einige lettische Frauen, die mich mehrere Jahre lang im Klavierspiel unterrichteten. Das Orgeldpiel habe ich mir selbst beigebracht. Wahre Sachverständige werden den Unterschied zu einem Profi erkennen, aber immerhin spiele ich auf einem Niveau, dass die Gemeinde nicht fluchtartig die Kirche verlässt. In den Abkündigungen am Sonntag vor einem meiner Einsätze als Organist habe ich die Gemeinde angeregt, Watte für die Ohren mitzunehmen, doch, soweit ich das sehen konnte, hat das niemand getan.
– Wie erklären Sie anderen Ihr Interesse an modernen Waffen Mich als Frau interessieren sie nicht übermäßig, doch es gibt ja auch Männer, welche unsere Zeitung lesen.
– Seit langem ist Kriegsgeschichte eins meiner Freizeitvergnügen schon seit der Zeit, bevor ich auf das Gymnasium kam. Und durch dieses Interesse an der Kriegsgeschichte lernte ich auch die Taktik und Strategie bei den Schlachten kennen und begreifen, was auf dem Schlachtfeld geschieht, einschließlich der modernen Waffen. Durch den Zugang im Internet kommst du auch an eine atemberaubende Fülle von Informationen. Ganz gewiss beschäftige ich mich damit nicht aus beruflichem Interesse sondern zur eigenen Freude. Seit 1996 gehöre ich dem Grenzschutz an. Ich habe die Fahne unseres Battaillons geweiht, habe Angehörige unseres Bataillons getraut, beerdigt usw. Wenn der Gedenktag des 11. November näher rückt, dann halten wir in beiden Gemeinden einen Gottesdienst, zu dem dann auch das Grenzschutzbataillon eingeladen ist. Das mögen die Menschen vor Ort sehr gerne, und dieser Tag erinnert sie an die Opfer, die unsere Soldaten in vergangenen Zeiten bei den Frreiheitskämpfen gebracht haben, und an die, welche heute, wenn notwendig, bereit sind, Lettland mit der Waffe in der Hand zu verteidigen.
– Im ersten Augenblick machten Sie mir den Eindruck, dass Sie ein strenger und harter Mensch seien. Jedoch habe ich von Leuten der Kirchengemeinde Sigulda gehört, dass Sie nur eine laute Stimme hätten und viel Sinn für Humor.
– Was soll ich dazu sagen? Es ist noch nie passiert, dass man in einer Kirche, in der ich als Pfarrer meinen Dienst tat, eine Lautsprecheranlage einbauen musste. In meiner ehemaligen Gemeinde in Boston habe ich immer vor dem Beginn des Gottesdienstes die Lautsprecheranlage abgeschaltet.

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– Nun haben Sie 20 Jahre als Pfarrer Ihren Dienst getan. Vieles haben sie erreicht, aber alles ist noch nicht geschafft. Worauf hoffen und wovon träumen Sie?
– Als ich anfing, über das Theologiestudium nachzudenken, schien die Freiheit Lettlands noch sehr fern zu sein und nicht so schnell erreichbar, wie es dann plötzlich geschah. Ich bin immer ein Optimist gewesen, aber auch ich habe es nicht erwartet, dass es so schnell geschehen würde. Einmal habe ich darüber mit meinem Vater gesprochen. Damals sagte er mir: „Ja, einmal wird Lettland wieder frei sein, aber ich weiß es nicht, ob ich das noch erleben werde.“ Mein Vater lebt noch heute und fährt zweimal im Jahr nach Lettland, und Lettland ist bereits seit einer guten Zeit frei. Als ich ernsthaft an das Theologiestudium zu denken begann, fragte ich mich, wie es wohl sein würde, wenn ich Pfarrer sein würde, aber die lettischen Gemeinden im Westen aussterben und Lettland noch immer Moskau unterworfen ist. Damals war ich nicht bereit, nach Lettland umzusiedeln. Das war damals nicht möglich. Dann dachte ich an ein Pfarramt irgendwo in einer Kirchengemeinde einer Kleinstadt.
Der schönere von meinen Träumen ging in Erfüllung… Ich lebe in einer schönen, sehr sympathischen Kleinstadt und bin in dieser Kleinstadt der Pfarrer. Und das alles im freien Lettland! Eine gute Sache, die ich mit meiner Erfahrung in der Saeima mitbrachte, dass mir jeder Ehrgeiz abhanden gekommen ist, den ich davor vielleicht hatte. Wenn es nach mir ginge, dann würde ich sehr gerne meinen Dienst in meinem Sigulda und in meinem Allaži weiter tun bis zu meinem Ruhestand. Alle Ehre der historischen Stadt Riga! Aber jedes Mal, wenn ich dort gewesen bin, fühle ich mich glücklich, dass ich in Sigulda wohnen darf. Wenn ich wirklich die freie Wahl hätte, dann würde es mich nicht interessieren, an einem anderen Ort zu arbeiten, als an dem, wo ich bin. Ich bin in einer Kirchengemeinde in Riga gewesen. Danke, das war sehr interessant, aber ich habe überhaupt kein Interesse an einer größeren Gemeinde und einer Kirche mit Prestige – ganz und gar nicht!
– Anscheinend habe ich jetzt alle Frage, die ich stellen wollte, vorgebracht.
– Danke, das war ein besonders schönes Gespräch!

Die Kirchen rufen auf, das Problem der Gewaltanwendung gemeinsam zu lösen.
Jānis Gabrāns
Im Zentrum für Erwachsenenbildung in Cēsis fand die Vorstellung des von der ELKL herausgegebenen Buches „Die Kirchen sagen NEIN zur Gewalt an Frauen“ statt. Zu dieser Veranstaltung waren eingeladen der soziale Dienst der regionalen Regierung Livlands und andere Vertreter der Regierung, die diakonischen Leiter der Kirchengemeinden und andere Interessierte. An der Vorstellung nahm auch Erzbischof Vanags teil, der sich mit einer Ansprache an die Versammelten richtete.
Das Buch ist vom Lutherischen Weltbund zusammengestellt und finanziert worden, der auch den Zugang zu diesem Buch in der Landessprache gefördert hatte. Von denen ist die lettische die 34. auf diese Weise zugängliche Sprache
Das Buch betrachtet das Problem der Gewalt an Frauen aus der Sicht und von dem Standpunkt der christlichen Welt. Im Buch werden die verborgen gehaltenen und offenen Formen der Gewalt an Frauen dargestellt, auf Formen der Hilfe hingewiesen, die notwendig sind, um die Opfer von Gewalt aus dieser Rolle zu einem menschenwürdigen Leben zu führen. Das Buch enthält auch wertvolle Informationen für Frauen, die leiden, und für diejenigen, die ihnen helfen möchten.
Pfarrer Artis Eglītis wies bei der Vorstellung des Buches darauf hin, dass es wichtig sei, die Ursache für das entstellte Verhältnis zwischen Männern und Frauen zu ergründen.
„In unserer Gesellschaft mag es vielleicht nicht so viel körperlich entstellende Gewalt gegenüber Frauen geben, wie sie in diesem Buch geschildert wird. Doch gibt es bei uns seelische Demütigungen in einem beängstigenden Ausmaß, und die Unfähigkeit der Männer,
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dafür die Verantwortung zu übernehmen. Deshalb wäre es wichtig, die Bitte um Verzeihung zu erlernen für die falsch verstandenen Beziehungen miteinander. Ohne künstlich geschaffene Spannungen müssen wir weiter kommen, in deren Mittelpunkt die Frage steht, welches von beiden Geschlechtern das stärkere sei, und darum kämpfen, dass zwischen Männern und Frauen ehrenvolle Beziehungen entstehen, was viel weniger Gewaltanwendung an Frauen zur Folge hätte.“
Über ihre Erfahrungen berichteten auch diejenigen, die es täglich mit Frauen zu tun haben, die Opfer von Gewalt geworden sind.
Der Leiter des Heimes „Martha“ Juris Dilba wies darauf hin, dass es schwer sei, die reale Situation in Lettland zu erfassen. Es gäbe nur wenige statistische Daten, und auch die gäben die wirkliche Situation nicht wider. Eine Umfrage ergab, dass 37 % aller Menschen Fälle von Gewalt bekannt sind. Damit geht es um ein sehr aktuelles Thema. Offensichtlich schildert die offizielle Statistik nur das, was man als die Spitze eines Eisberges herausragen sehen kann. Darauf wies J. Dilba hin und anerkannte, dass nicht nur von der körperlichen Gewaltanwendung geredet werden sollte, sondern auch von der emotionalen und wirtschaftlichen Gewalt in vielerlei Gestalt. Übrigens darf die Gewalt in der Öffentlichkeit nicht verschwiegen werden. „Dabei war ein Werbeplakat in einem Kaufhaus ein sichtbares Beispiel, bei dem im Rahmen der Aktion „Kaufe zwei und bezahle nur eins“ ein Bräutigam mit zwei Bräuten zu sehen war. Hier wurde die Frau auf die Ebene einer Ware gerückt, die man nach Belieben kaufen kann. Leider gibt es viele Frauen, die über dieses Problem nicht sprechen möchten, und es als Normalität betrachten, an der man doch nichts ändern kann. Umso wichtiger wird hierbei die Rolle der Mitmenschen bei der Lösung dieses Problemes.“
Die Mitarbeiterin des regionalen Frauenheims „Dardedze“ in Livland Eva Sāre, wies darauf hin, dass es im Staat offensichtlich keinen Etat für die Hilfe an Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, gäbe. Sie machte deutlich, dass vieles auch von denen abhinge, die Gewalt erlitten haben, denn eine wirksame Hilfe ist nicht möglich, wenn die betroffene Frau nicht bereit ist, diese anzunehmen. Erzbischof Vanags betonte, dass dieses Buch keins wäre, in dem die Kirche drohend den Finger erheben und diejenigen, die sich vergangen haben, anklagen würde. „Es weist eher auf uns selbst hin und darauf, dass wir uns bei dieser Frage selbst prüfen müssten. Es ist kein bequemes Buch, das man am Abend in einer gemütlichen Ecke lesen könnte. Ich möchte als Leiter einer Kirche sagen, dass es auch für mich ein unbequemes Buch ist ebenso wie für mich als Mann und Glied der Gesellschaft, das mich über viele Dinge nachdenken lässt. Ich hoffe, dass es seine aufrüttelnde und nachprüfende Funktion in der ganzen Gesellschaft wahrnehmen kann bei allen, die es lesen.“ Er wies darauf hin, dass dieses Werk ein Versuch sei, bei dieser Frage den Blick der Gesellschaft zu öffnen Hinter jedem Fall von Gewalt steht das Leben eines Menschen, das man nicht mehr wenden und neu beginnen kann.
„Um dieses Problem zu lösen, genügt es nicht, dass wir versuchen, das Selbstbewusstsein der Frau zu heben, sondern der Mann sollte sich zuerst seiner Männlichkeit bewusst sein, seiner Rolle in der Familie und in der Gesellschaft. Alle haben dabei noch viel zu tun, um dem biblischen Modell eines Mannes gerecht zu werden, denn die Bibel spricht sehr deutlich davon, dass Haupt der Familie zu sein nicht Ausübung von Gewalt bedeutet, sondern Verantwortung und Dienst,“ sagte Jānis Vanags.–
Nach der Veranstaltung konnte jeder Besucher ein Freiexemplar des Buches bekommen zur eigenen Verwendung. Die Assistentin von Erzbischof Vanags im Oberkirchenrat Helene Andersone bemerkte dazu: „Es ist unser Auftrag, zu erreichen, dass dieses Buch in jeder Kommunalverwaltung, in jedem Sozialamt, in jeder nichtstaatlichen Organisation und überall, wo es benötigt wird, vorrätig ist.“

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Menschen, denen ich in Sigulda begegnet bin Inga Reča

Wenn du nicht zur Kirche gehen kannst, dann kommt die Kirche zu dir…
Līvija Barone Helferin der Kirchengemeinde bei geöffneter Kirche
Am Tage, als die Kirchengemeinde Sigulda den 20. Jahrestag der Ordination ihres Pfarrers Andris Grots feierte, feierte Līvija ihren Namenstag. Dennoch blieb sie auch an jenem Tage auf ihrem Posten auf einer Bank in der Nähe des Kircheneingangs, wo sie als Aufsichtsführende Besucher erwartet, ihnen den Weg zum Kirchturm oder zur Ausstellung weist, ihnen die Kirche erklärt und Bücher und Ansichtskarten zum Verkauf anbietet. Das Gotteshaus in Sigulda ist täglich geöffnet, sowohl im Winter, als auch im Sommer, und immer ist dort ein Gemeindeglied anwesend. Oft ist das Līvija. Ebenso arbeitet sie im Kirchgarten, schaufelt die Schneehaufen weg und hilft, wo es nötig ist.
In Sigulda hat sich Līvija 1986 niedergelassen, davor hatte sie in Riga gelebt und dort verschiedene Kirchen besucht, sowohl die St. Paulskirche als auch die Jesuskirche. Ihre Mutter hatte ihr den Glauben nahe gebracht, und dadurch ist sie der Kirche stets nahe gestanden. Ihre erste Kirche war die Kirche von Sniķere, in der Nähe der Grenze nach Litauen, wo diese im Kriege und während der Sowjetzeit zerstörte Kirche immer noch als ein Torso steht. Am Freitagabend kommt in der Wohnung von Līvija der Gebetskreis zusammen. Dazu ist es auf eine ganz einfache Weise gekommen. Als in der Kirchengemeinde damals dieser Gebetskreis entstand und Līvija sagte, dass sie zum Gotteshaus nicht kommen könnte, weil sie Fußschmerzen hätte, hätte der Pfarrer gesagt: „Nun, dann kommen wir zu dir!“ Diese Zusammenkünfte leitet Pfarrer Andris Grots. Die Menschen berichten von allem, was sie sich wünschen, und dann beten sie füreinander. Die treue Schwester der Kirchengemeinde Sigulda berichtet, dass sie schon viele Gebetserhörungen erfahren hätte. Sie teilt uns ihre Erkenntnisse mit. „Wir sollten uns bei Gott für alles bedanken und ihm vor allem vertrauen. Leichter ist es, ihm zu glauben und zu ihm zu beten, aber schwerer, ihm zu vertrauen und sich auf ihn zu verlassen, dass er helfen würde. Im Laufe der Jahre fällt das leichter.“ Līvijas Mann ist vor einigen Jahren gestorben und sie ist kinderlos. Doch sie betet weiter, verlässt sich auf Gottes Hilfe, und erhält sie auch.
Sie geht in das Gotteshaus und packt die Arbeit an.
Diāna Špēla, Wirtschaftsleiterin und Finanzverwalterin der Kirchengemeinde
Diāna, der Mutter von vier Kindern, sind die Wirtschaft und Finanzen der Kirchengemeinde anvertraut. Mit technischen Dingen – wie Wasserhähnen und mancherlei Maschinen kommt sie großartig zurecht. Die Kassenbücher und alle Papiere sind hervorragend und übersichtlich geordnet. Dianas Bericht darüber, wie sie den Weg zur Kirchengemeinde gefunden hat, ist ein Zeugnis über Gottes Geleit, und dafür, wie wichtig und bedeutend es ist, dass die Kirche von Sigulda täglich geöffnet ist, und dass dabei immer jemand anwesend ist, den man ansprechen kann. Dienstags ist das immer die diakonische Leiterin Irēna Bindermane. Die Kirche steht am Rande des Weges, der zu der Verwaltung des Nationalparks Gauja, zur Burgruine führt, und dadurch kommen viele Menschen in die Kirche herein, sowohl als Touristen als auch als Einwohner der Kleinstadt. Viele von ihnen finden den Weg in das Gotteshaus wiederholt und fühlen sich dort wie zu Hause. Diāna hat die Kirche an einem Dienstag zum ersten Mal betreten, um an den Altar zu treten und dort zu beten. Irēna bemerkte sie erst, als sie sich anschickte, die Kirche zu verlassen. Als sie Diāna ansprach, antwortete diese ihr, dass sie das,
weswegen sie in die Kirche gekommen sei, bereits erledigt und ihr Gebet gesprochen hätte. Dennoch blieb sie noch zu einem Gespräch in der Kirche. Damals brauchte die Kirchengemeinde dringend eine Wirtschaftsleiterin und Diana brauchte eine Stelle. Und so kam Diāna dort zu der Arbeit und die Kirchengemeinde zu einer Wirtschaftsleiterin. Irēna Bindermane kommentiert das heute so: „Das ist ein Zeugnis dafür, dass Gott, wenn wir ihm
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unsere Probleme anvertrauen, diese auch zu einer Lösung führt.“ Diāna bestätigt das, was Irēna sagte: „Gottes Geleit habe ich bei vielen alltäglichen Dingen erfahren. Wenn die Kirche zum Beispiel für ihre Arbeit Geräte oder Werkzeuge braucht, dann lege ich diesen Bedarf in Gottes Hand und warte. Und schon gibt es nach einer kürzeren oder längeren Zeit ein Angebot oder eine Anzeige, dass wir das, was wir dringend brauchen, zu einem erträglichen Preis erhalten können.“
Alles, was Gott tut, wird gut. Irēna Bindermane, diakonische Leiterin der Kirchengemeinde
Irēna Bindernane ist vielen in der Gemeinde seit der Zeit bekannt, als sie noch Mitarbeiterin der St. Paulsgemeinde in Riga, der Kirchengemeinde Skulte und eines Heimes in Rauna war.
Jetzt brennt ihr Herz für die Aktivitäten von „Wiege der Familie“ . Eigentlich wohnt sie in Līgatne, aber sie legt sehr oft den Weg zur Kirche von Sigulda zurück. Folgendes möchte sie jedem an das Herz legen: „Alles, was Gott tut, das führt zum Guten, obwohl es uns manches Mal schwer fällt in Augenblicken, in denen es uns schlecht geht, daran zu glauben. Nicht selten passiert es, dass Gebete von neu zum Glauben gekommenen Christen schneller und wunderbarer erhört werden, als von jemandem, der auf dem Wege des Glaubens schon länger gewandelt ist. Für letzteren kann es lange Zeiten der Prüfung und des Lernens geben. Es ist leicht, zu sagen, dass man Gott vertrauen soll, wenn es mir gut geht, aber in Zeiten der Prüfung fällt es schwer. Dennoch sollten wir ihm bis zum Ende vertrauen, bis zum Augenblick der Lösung.“
Irēna Bindermane hat oft das Fehlverhalten von Menschen erlebt, die zur Kirche kamen, um dort Stärkung zu finden und die Bestätigung ihrer Pläne und Szenarien. Und dann gibt Gott keine Antwort oder handelt ganz anders. Das macht unzufrieden. Doch wenn sich jemand Gottes Führung anvertraut, dann hadert man weniger mit seinem Schicksal und lernt es, sich auch über kleine Dinge zu freuen, und nicht nur darauf zu schauen, was mir fehlt, und andere darum zu beneiden, was sie haben, sondern Gott dafür zu danken, was er mir geschenkt hat.
Irēna freut sich über viele Augenblicke, die sie in der Kirche verbringen konnte, als Menschen kamen, um dort Hilfe und Trost zu suchen und beides dort auch erhielten. Sie hat schwere Gespräche und geistliche Kämpfe erlebt, aber auch deren Lösung. Sie hat Taufen und Konfirmationen erlebt und ist Menschen begegnet die ihr Leben im Vertrauen auf Gott neu geordnet haben.

Der Kampf geht weiter. Guntis Kalme, Pastor
Jesus sprach zu ihm: Weiche von mir, Satan (Matthäus 4, 10)
These: „Solange es noch einen Letten auf dieser Erde gibt, wird es Lettland geben!“
(Roberts Feldmanis)
Konfrontation
„Weiche von mir, Satan!“ Das sind Worte, die wir nicht jeden Tag hören. Auch Jesus hat sie selbst nicht oft ausgesprochen. Er sprach sie aus bei seiner Begegnung mit dem Herrn der Finsternis, der ihn mit materiellem Wohlstand, Ehre und Ruhm versuchen wollte, oder bei dessen Angeboten, ihn vor dem Kreuz zu bewahren. (Matth. 4,1-10; 16, 21-23; 8,31-33). Das geschah, um Jesus von seinem Auftrag abzuhalten. Deshalb das „Weiche von mir!“
Solche Worte werden ausgesprochen, wenn gewöhnliche Umgangsformen, die von Achtung, Geduld, Höflichkeit geprägt sind, sich erschöpft haben, wenn das Geschehen bis zum Letzten angelangt ist – zur geistlichen Konsequenz, bei der nicht mehr von persönlichen Präferenzen
und Standpunkten die Rede ist, sondern von der Zugehörigkeit zu einem ganz bestimmten Geist, zu bestimmten Werten und Antiwerten. Dann werden die Dinge bei dem richtigen Namen genannt und die Werke ihnen entsprechend durchgeführt, denn es ist nur noch die Konfrontation übrig geblieben – entweder Gott oder der Teufel, entweder das Licht oder die Finsternis, entweder die Wahrheit oder die Lügen.
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Was geschieht, wenn…
Die Frage nach dem 16. März ist keine Frage nach der persönlichen Präferenz oder nach der eigenen Meinung, wie man es hier und da aufzufassen pflegt. Es ist kein Gedanke unter vielen anderen. Betrachten wir die Frage von ihrem Wesen her. Welchen Stellenwert hat dieser Tag in der Geschichte Lettlands und welche Rolle spielt er dort?
Was geschieht, wenn wir uns äußerem politischen Druck und äußerer Propaganda beugen und die Seite der Legion aus dem Buch der Geschichte Lettlands herausreißen?
Unserer Geschichte wird man schnell zustimmen können, wenn man nur bestimmte Knotenpunkte hervorhebt: den 18.11.1918; den 11.11.1919; den 17.06.1940; den 14.06.1941; den 16.03.1944; den 25.03.1949; den 20.01.1991; (Dieses Verzeichnis könnte man durch andere Daten ergänzen, doch das würde an der Gesamtsicht nichts ändern.)
Nehmen wir aus dieser Kette von Daten den 16.03.1944 heraus, was geschieht dann? Nehmen wir in die Geschichte Einblick, dann waren die Deportationen des 14.06.1941 einer der wesentlichsten Anlässe für die Gründung der Legion, und eigentlich nichts Besonderes. Es war kein Hieb auf den lebendigen Leib unseres Volkes, sondern eher eine Schramme, „der freiwillige Anschluss eines Teiles unseres Volkes an die weit entfernten Regionen der großen Sowjetunion.“ Dann war der 17.06.1940 auch keine Besetzung, sondern der freiwillige Eintritt Lettlands in die UdSSR. Dann waren der 18.11.1918 und der 11.11.1919 nur kleine Missverständnisse in einer Provinz des russischen Imperiums.
Zur gleichen Katastrophe kommen wir, wenn wir heute einen Blick auf die Deportationen des 25.03.1949 werfen. Dann sind diese auch nicht die Strafe für den Widerstand unseres Volkes gegen dieses Regime, sondern eine pädagogische Hilfe bei der Kollektivierung. Aber dann wird es völlig unverständlich, dass wir auf die Barrikaden gestiegen sind und weshalb wir unsere Unabhängigkeit wieder hergestellt haben.
Die logische Folge dessen wäre, den 16. März aus der Geschichte unseres Volkes herauszunehmen und damit den russischen und sowjetischen Imperialismus zu rechtfertigen! Das ist das Angebot an das lettische Volk und seinen Staat, geistigen Selbstmord durchzuführen. Die Forderung, auf diese Weise die Geschichte unseres Volkes „neu zu bewerten“ nötigt uns, das Unglück und die Tragödie unseres Volkes als eigenes Verschulden anzuerkennen und dafür Buße zu tun. Das würde bedeuten, dass wir dem zustimmen, dass aus den Opfern die „sündigen Söhne unseres Volkes würden, die ihre gerechte Strafe verdient haben,“ und die wir in die Reihe der Sündenböcke einfügen können, wenn die Großmächte solche benötigen.
Vier und Vierzig Tausend.
Der 16. März ist ein Symbol für den eigentümlichen Widerstand des Volkes mindesten gegenüber einem der Besatzer. Die Letten gingen nicht in die Legion, um für Großdeutschland zu kämpfen. In einem Bericht des Oberkommandierenden der 15. deutschen Division heißt es: „Sie sind Letten und sie wünschen sich einen selbständigen lettischen Staat. Vor die Wahl zwischen Russland und Deutschland gestellt, haben sie sich für die deutsche Oberherrschaft als dem kleineren Übel entschieden.“ Der Hass der Letten gegenüber den Russen verschärfte die Härte der russischen Besatzung. Die Legionäre haben gekämpft, um ihre Heimat vor der roten Pest zu bewahren. Das wird dadurch verdeutlicht, dass etwa 4000 Legionäre nach der deutschen Kapitulation ihren Kampf gegen denselben Gegner als Partisanen fortsetzten. Der Krieg war zu Ende, aber der Kampf wurde fortgesetzt. Sie wurden
zu Kommandeuren und zu aktiven Kämpfern. Die Zahl der Partisanen und ihrer Helfer betrug etwa 40000, oder anders ausgedrückt : etwa 70% der lettischen Bevölkerung betätigten sich entweder als Partisanen oder Helfer im Nachschub- oder Sanitätsdienst an diesem Kampf. „Ein so großer Widerstand und eine aus tiefstem Herzen kommende Gegnerschaft, wie sie die

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Letten nach den Jahren 1944/45 gezeigt haben, ist noch nie einer anderen Macht oder Herrschaft entgegengesetzt worden.“
Man kann es nicht!
Diese Kämpfer zeigten uns und unseren Feinden damals und der Welt heute, dass man Geschehenes – gegenüber unserem Land – nicht ungeschehen machen kann. De Staat Lettland und seine Armee existierten nicht mehr, aber das Volk gab es weiterhin! Und dieses setzte den Kampf fort. „Kein Vertreter irgendeiner Macht hat es mobilisiert und in den Kampf geschickt. Jeder musste sich selbst für den Kampf entscheiden, und es waren viele, die das taten. Ein jeder folgte dabei seiner inneren Berufung. Wenn überhaupt jemand einen Einberufungsbefehl erlassen hatte, dann war es das Gewissen und die Vaterlandsliebe der Menschen.“ Die Roten vermochten und zerstörten vieles, doch etwas konnten sie nicht vernichten – die von Gott eingesetzte Institution des menschlichen Gewissens. Dieses sprach die „Einberufungsbefehle“ aus, rief auf und machte Mut. Dieser heldenhafte und selbstlose Kampf , für den es in der Geschichte unseres Langes nichts Vergleichbares gibt, erinnert uns weiterhin an die gerechte Wahrheit, dass ein Staat in erster Linie aus dessen Bürgern besteht, denn „die Verantwortung des Volkes endet auch nicht bei der Auflösung des Staates,“
Bis zum Sieg.
Das war ein Kampf nach dem Prinzip: „Bis zum Sieg, ganz gleich, wann der sein wird!“ Der Kampf der Partisanen endete, als die letzten Kämpfer nach diesen 12 Jahre dauernden Kämpfen zwischen so verschieden starken Kräften ermordet wurden. Doch der Widerstand kam danach aus den Reihen der Intelligenz, der Jugend und jedes die Freiheit ersehnenden Letten. Die gleichen Legionäre und Partisanen, die Gefangenschaft und Deportation überlebt haben, nahmen später aktiv am Geschehen des Nationalen Wiedererwachens teil und stiegen mit uns auf die Barrikaden.
Der Lauf der Geschichte
Es ist unsinnig, den Legionären und Partisanen den Vorwurf zu machen, ihnen hätte jeder Sinn für die politische Wirklichkeit gefehlt, weil sie das Empfinden der Gesellschaft nicht gekannt hätten. Sie hatten große Hoffnungen auf die Atlantic charta gesetzt. Erst jetzt wissen wir, dass es militärische Pläne der Verbündeten gegeben hatte für den Kampf gegen die UdSSR, die aber aus politischen Gründen nicht zum Tragen kamen. Unseren Kämpfern vorzuwerfen, dass sie die Hilfe ihrer historischen Verbündeten erhofften, um ihre staatliche Selbständigkeit zu erhalten, würde in letzter Konsequenz bedeuten, ihnen den Vorwurf zu machen, dass sie ihre staatliche Selbständigkeit wiederhaben wollten. Nach dem Ersten Weltkrieg hat uns die internationale Gesellschaft nicht den Vorwurf gemacht (und uns auch noch nicht als historischer Fehler angerechnet) , dass wir mit den Deutschen kooperiert hätten (das hatten uns die Verbündeten damals verboten) , um 1919-1920 in den Freiheitskämpfen gegen die Kommunisten zu kämpfen. Am Ende des Zweiten Weltkrieges haben wir gehofft, dass sich die Geschichte wiederholen würde. So war es nur folgerichtig, anzunehmen, dass die gleichen Verbündeten, die uns einmal zu unserer staatlichen Selbständigkeit verholfen haben, auch jetzt helfen würden, sie wieder zu erlangen. Doch das Kräfteverhältnis war dieses Mal anders. Die Sowjetunion gehörte zu den Siegermächten und diktierte eigentlich den anderen Siegermächten ihre Bestimmungen. Aber 1991 hatte sich das internationale Kräfteverhältnis zu unseren Gunsten noch einmal verändert. Nun konnten wir das Verlorene zurück bekommen.. Nur hat sich diese Zeit voller Hoffnungen sehr in die Länge gezogen. Sie zog sich über ein halbes Jahrhundert hin, währenddessen wir es dennoch vermocht haben, unseren inneren Widerstand gegenüber dem Regime der Besatzer am Leben zu erhalten
Stets
Das eben Gesagte beweist es: Wir haben stets so für unsere Freiheit gekämpft, wie es uns in der konkreten historischen Situation möglich war. Doch das Ergebnis – unsere Freiheit oder
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Unfreiheit – hing vom Kräfteverhältnis der politischen Großmächte ab. Wie dem auch sei, wir haben unsere Hausaufgaben – den Kampf gegen die Besatzer – stets gemacht!
Wir haben eine ruhmreiche Vergangenheit, wir können uns unserer Freiheitskämpfer rühmen, unserer Opposition, unserer religiösen und politischen Dissidenten. Dessen sollten wir uns bewusst sein, wir sollten das weiter erforschen und im Volk verbreiten.
Weshalb?
Aber weshalb ist unsere Gegenwart so bedauernswert? Weshalb haben wir damals vieles vermocht, was wir heute nicht vermögen? Man spricht heute gerne vom fehlenden Patriotismus, aber gleichzeitig erkennen wir eine würdelose Einstellung der staatlichen Stellen zu den Legionären. Was in krassem Widerspruch zur Erklärung der Saeima im Jahr 1998 zur Lettischen Legion steht. Dem Druck Russlands gehorsam, haben wir 2000 den 16. März aus dem Verzeichnis der Gedenktage gestrichen. Auf Offiziere und Beamte wurde Druck ausgeübt und sie wurden deshalb beschimpft, „weil sie das internationale Ansehen Lettlands diskreditiert hätten,“ weil sie es gewagt hatten, an jenem Tage zusammen mit den Legionären zum Freiheitsdenkmal zu gehen.
Missfallen
Weshalb missfällt den postkommunistischen Kräften der 16. März so sehr? Sie sind bereit, den 18. November zu akzeptieren, denn von unserer staatlichen Unabhängigkeit ist nicht mehr viel übrig geblieben. Sie machen die Augen zu bei unserem Gedächtnis der Deportationen, denn da waren wir nur die Opfer. Aber am 16. März gedenken wir unserer Kämpfer. Das ist etwas anderes, denn in dem Augenblick, in dem jemand eine Waffe in die Hand nimmt, ist das die unmissverständliche Aufforderung: „Weiche von mir!“
Erinnerung
Der 16. März zieht eine Grenze zwischen der Wahrheit und den Lügen und erinnert uns daran, dass wir besetzt wurden, und dass wir weiter besetzt bleiben. Oft wird darauf hingewiesen, dass man den 16. März nicht „politisieren sollte, und dass es nur ein historischer Gedenktag sei, an dem wir unserer gefallenen Verwandten gedenken. Nein, hier geht es nicht nur um Geschichte. Dieser Tag möchte uns an die Unabhängigkeit und an die Besatzung Lettlands erinnern, nicht nur als ein Stück Geschicht sondern als eine weiterhin politische Frage. Wenn wir sehen, wie der Bürgermeister von Riga am 9. Mai und am 13. Oktober zu Ehren der Armee, die hier getötet, gefoltert und vergewaltigt hat, und gegen die unsere Legionäre gekämpft haben, dann wird damit deutlich, dass die Front zwischen unserem Volk und der Armee der Besatzer weiterhin besteht. Das ist auch eine Erinnerung daran, welche Unabhängigkeit Lettlands wir wiederherstellen wollten. Damit ist der 16. März auch ein Vorwurf an die egoistischen Verkäufer unseres Landes. Und deshalb ist der 16. März bei vielen von unseren Politikern und anderen Vertretern der Macht des Staates so unbeliebt Doch vor allem möchte dieser Tag als symbolhaftes Bekenntnis zur Selbstlosigkeit dazu dienen das hohe Kriterium der Liebe zur lettischen Heimat wach zu halten. Der Kampf mit der Waffe in der Hand bedeutet die Bereitschaft, sein Leben einzusetzen und für die Heimat alles zu opfern
Das kennen wir.
In einem Gedicht von Fricis Bārds mit dem Titel „Im Waggon“ wird ein Gespräch zwischen einem Offizier und diesem Dichter beschrieben.:
„Wohin? Woher? – Vom Kampf. In den Kampf. Da kommt mir plötzlich die Frage: „Sie in den Kampf? Aber was erhalten Sie dort? Sie haben doch bereits alle Auszeichnungen an der Brust.“ Verwirrt schaut er mich an und fährt darauf fort: „Ich habe sie… und doch auch nicht
Das eigentliche fehlt mir. Es fehlt mir noch ein Kreuz – ein weißes Kreuz aus Birkenholz am Waldesrande. Es ist kein Zufall, dass in vielen Ländern die militärischen Auszeichnungen in der Form eines Kreuzes angefertigt sind – auch bei den Streitkräften Lettlands. Es ist ein
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Abglanz, der an den Herrn Christus erinnern möchte. Das Kreuz Christi spricht vom Sieg über die Sünde, den Tod und den Teufel. Und dass wir dem Herrn der Finsternis absagen. Es erinnert uns daran, dass dieser Kampf nicht zu Ende ist. Auch das hören wir aus dem Wort Christi heraus: „Weiche von mir!“

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Mazā Pils iela 4 – Riga – LV 1050
E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 31.03.2011)
Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Obwohl Lettland seit vielen Jahren der Europäischen Gemeinschaft angehört, kann es, wie in diesem Fall 2 ½ Wochen dauern, bis die lettischen Kirchenzeitung ihren Weg von der Redaktion zum Übersetzer per Post zurückgelegt hat. Das isr der Grund dafür, dass ich die Übersetzung der Ausgabe vom 12. März erst heute abschließen und an die hoch verehrte Leserschaft weiterleiten kann.
Ich hoffe, dass der Inhalt auch dieses Mal Ihr freundliches Interesse findet. Er berührt mehrere Themenkreise. Ingrīda Briede berichtet über eine deutsch-lettische Pfarrertagung in Talsi. Der in Amerika aufgewachsene lettische Pfarrer hat sich vor längerer Zeit in Lettland beständig niedergelassen und berichtet unserer Chefredakteurin in einem Interview über die Erfahrungen die er als Pfarrer der Kirchengemeinde Sigulda in Lettland gemacht hat und vergleicht das Leben einer lettischen Kirchengemeinde im Westen mit dem in Lettland Dazu stellt Inga Reča der Leserschaft eindrucksvolle Persönlichkeiten aus der Kirchengemeinde Sigulda vor.
Schließlich habe ich noch einen Beitrag von Guntis Kalme übersetzt, der sich schon lange mit der Geschichte der lettischen Legion im Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Er versucht in diesem Beitrag die oft missverstandene Rolle, die die Legion damals gespielt hatte, zurechtzurücken. Der Anlaß zu dieser Abhandlung ist der 16. März, an dem in Lettland der Gründung der Legion gedacht wurde, in dem das ganze Land mit der Ausnahme des Kurlandkessels von der Sowjetarmee zurück erobert wurde, unter anderem auch mit einem Gottesdienst im Dom zu Riga gedacht wird. Guntis Kalme ist durch seine Vorfahren, von denen ein Teil während des Zweiten Weltkrieges in die Rote Armee einberufen wurde und ein anderer Teil sich der Legion angeschlossen hatte, ganz besonders und ganz persönlich betroffen, was man seinem Beitrag auch anmerkt.
Hinweisen möchte ich auch auf den Beitrag auf den Seiten 7-9 der Übersetzung, der auf die Gewaltanwendung gegenüber Frauen eingeht.
Schließlich habe ich dieser Sendung auch den Bericht von Erzbischof Rozītis über die lettische Synode in Riga im Dezember des vorigen Jahres als Anlage hinzugefügt, nachdem ich von ihm dafür ausdrücklich seine Genehmigung erhalten habe. Den Bericht hat er für seine lettischen Gemeinden im Ausland in lettischer Sprache verfasst und selbst in das Deutsche übersetzt. Ich denke, dass der Inhalt dieses Berichtes auch noch heute für viele getreue Leser und Leserinnen meiner Übersetzungen aktuell ist. J.B

Anlage zu SR 3-2011Erzbischof Elmārs Ernsts Rozītis
Lett. Ev. Luth. Kirche im Ausland

Viele GEGENstimmen, aber weiter, wie bisher
Die 25. Synode der Ev. Luth. Kirche Lettlands
(Übersetzung meines ursprünglich in lettischer Sprache verfaßten Berichts)

88 Synodale stimmten dagegen, daß Erzbischof Jānis Vanags weiter sein Amt ausüben soll, 251 waren dafür. Damit zeigte es sich, daß es nicht nur eine Handvoll Unzufriedener war, sondern über ein Viertel der Pfarrer und Gemeindedelegierten, die die Vorfälle als so schwerwiegend betrachteten, daß nach ihrer Ansicht Erzbischof Vanags zurücktreten müßte. In den Tagen vor der Synode und auch in seinem Synodenbericht hatte Erzbischof Vanags seine Person mit der konservativen Identität der Ev. Luth. Kirche Lettlands (ELKL) verknüpft. Als er darüber hinaus mit seiner Entschuldigung versprach, das ihm von einer Gemeinde geschenkte Grundstück in Ikšķile und sein mit einem zinslosen Darlehen der ELKL errichtetes Privathaus zurückzugeben, wollte die Mehrheit der Synodalen nicht schärfer reagieren. Rigaer Pfarrer hatten verlangt, daß der Erzbischof in seinem Bericht dieses Grundstücksgeschenk erwähnt, mit dem verschiedene Fragen verknüpft sind, und ein Darlehen in Höhe von wohl 80.000 Lettischen Lats (entspricht ca. 115.000 EURO), das mit 100 Lats monatlich zu tilgen war. Samstags, am ersten Synodentag, wurde davon eingehend in Presse und Fernsehen berichtet, und in der Synode berechnete ein Redner, daß Erzbischof Vanags noch ungefähr 70 Jahre leben müßte, um in dieser Weise das Darlehen zurückzuzahlen.

Die 25. Synode der ELKL, die am 3. und 4. Dezember 2010 in der Rigaer Lutherkirche stattfand, nahm nach kontroversen Diskussionen mit 145 Jastimmen, 102 Neinstimmen und 54 Enthaltungen die Leitlinien für das Budget der ELKL in den Jahren 2011-2013 an. Die Erläuterungen übernahm Bischof Guntars Dimants. Noch immer decken die vorgesehenen Einnahmen nicht die Ausgaben, aber das ist das langfristige Ziel. Es wurden Zweifel ausgesprochen, in welchem Maße die Einnahmen in dieser Weise sich verwirklichen werden. Auch in Zukunft wird viel Geld für die Lutherakademie vor-gesehen. Leider wurde mit dem 1. Januar 2011 das Gehalt für die Leiterin der Sonntagsschulabteilung und einzigen zentralen Sonntagsschularbeitskraft Ilga Gulbe gestrichen, obgleich nicht eigens darüber abgestimmt wurde und sie in der Synode nicht dazu gehört wurde.
Über die Einführung von GASN, dem zentralen Besoldungssystem für Geistliche und den dies-bezüglichen Finanzplan für die Jahre 2011-2013 berichtete der Leiter der Immobilienabteilung der Kirche Romāns Ganiņš. Auch hier waren die Ansichten recht kontrovers: für einige war es eine „Glaubensfrage“ im positiven Sinne, andere betrachteten es als „gottloses Projekt, das der Kirche und der Evangelisation schadet“. Die Abstimmung ergab 149 dafür, 64 dagegen, 51 Enthaltungen.

Wichtige Entscheidungen am 4. Dezember waren zugunsten der erleichterten Ordnung bei Änderungen der Verfassung der ELKL (nämlich mit einfacher Stimmenmehrheit der Synodalen) bis zum 31. Dezember 2013, sowie zugunsten der Regelungen hinsichtlich Verfassungsänderungen in der Zeit vom 2. Januar 2011 bis 31. Dezember 2013 und betreffs der künftigen Geschäftsordung der Synode. Letztere wurde mit wesentlichen Verbesserungen angenommen. Zum Beispiel war im Entwurf als Synodenleitung die 3 Bischöfe und 2 vom Oberkirchenrat bestimmte Glieder vorgeschla-gen, während die verbesserte Geschäftsordnung nun den Erzbischof und 4 von der Synode selbst bestimmte Personen vorsieht. Im Zusammenhang mit dieser Verlängerung bis 2013 wurde in der Synode die Frage der Frauenordination (Ziel: deren Ausschluß) doch nicht vorgebracht.

Zum Abschluß wurden nach dem Bericht der Leiterin der Musik- und Liturgieabteilung der ELKL Ilze Sprance die Leitlinien für den Inhalt des Neuen Kirchengesangbuchs und der Liturgische Kalender der Kirchlichen Fest- und Feiertage bestätigt, einschließlich des 15. Augusts als des Entschlafens Mariens und des 8. September als Mariä Geburt. Am Kirchengesangbuch arbeiteten und arbeiten die Musikkommission, die Textkommission und die Liturgische Kommission, aber man brauche noch eine theologische Aufsicht. Hinsichtlich des Erhalts kirchlicher Medien erläuterte der Leiter der Abteilung für gesellschaftliche Beziehungen Ivars Kupcis einen Plan, wie die Zeitschrift „Svetdienas Rits“ als Zeitschrift erhalten werden könnte, die zumindest einmal im Monat erscheint, wobei zusätzlich eine aktuelle Internetseite http://www.svetdienasrits.lv die Informationen ergänzt.

Zusammen mit mir und meiner Frau nahmen an der 25. Synode der ELKL auch die Vorsitzende der Nordamerikapropsteien und meine geistliche Stellvertreterin Pröpstin Lauma Zusevica sowie unser derzeitiger Pfarrer in Berlin Talis Redmanis (früher Pfarrer der Annenkirche in Mitau-Jelgava), Vertreter der Nordelbischen Kirche und die Europasekretärin des LWB Dr. Vogel-Mfato teil.

Nach dieser Übersetzung meines ursprünglich lettisch verfaßten Berichts bleibt noch zu erwähnen, daß alle Berichte des 25. Synode schriftlich und/oder als Audiomaterial vorliegen – bis auf den Bericht von Erzbischof Vanags, der auf der Synode eigens versprochen war. Noch jetzt (Mitte März) ist zu lesen, daß er in Kürze vorliegen werde. Auf Nachfrage war aber Erzbischof Vanags der Ansicht, er halte es nicht für richtig, den Bericht vorzulegen, da es sich dabei um eine Sache nur zwischen ihm und der Synode gehandelt habe.

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