Verfasst von: liefland | August 25, 2011

8. Sonntag nach Trinitatis Ausgabe Nr. 8 (1850) vom 13. August 2011

In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis. Kolosser 2, 3

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.
8. Sonntag nach Trinitatis Ausgabe Nr. 8 (1850) vom 13. August 2011

Sei getreu: Ein Rückblick auf den Kirchentag der Diözese Liepāja
Vom 8. bis zum 10. Juli fand in Jaunpils der Kirchentag der Diözese Liepāja der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands statt, der um sich über 700 Teilnehmer aus 73 Kirchengemeinden scharte. Darüber, was sie in Jaunpils erlebt hatte, berichtet Inga Reča.

Die Losung dieser Veranstaltung war „Sei getreu!“ Damit wurde jeder Teilnehmer aufgerufen, Gott, unserer Kirche und unserer eigenen Berufung treu zu bleiben. Jeder, dem Gott einen Teil der Haushalterschaft in unserer Kirche anvertraut hat, wird das auf seine Art verstanden haben, was es heißt, treu zu sein, aber es ist stets auch nützlich, sich das anzuhören, was die Leiter und die Geistlichen unserer Kirche darüber zu sagen haben. „Treue zur Kirche heißt zuerst, dass wir begreifen, was die Kirche ist. Die Kirche ist keine Organisation, welche die Menschen für sich erfunden haben, sondern sie ist der Leib Christi. Dass die Kirche dafür da ist, dass wir das Werk Christi fortsetzen und Seine Botschaft, Sein Wort und Seine Sakramente in die Welt bringen. Meiner Kirche treu sein, heißt, dass ich die Lehre meiner Kirche kenne und ihr gegenüber treu bin. Treu sein heißt, sich an der Gemeinschaft des Priestertums aller Gläubigen zu beteiligen, den Gottesdienst zu besuchen und die persönliche Frömmigkeit zu beachten.“ Das sagte in seinem Vortrag Erzbischof J. Vanags. „Unser Leben ist ein Weg, dessen Ziel nicht wir bestimmen, sondern welches nur Gott kennt. Nur Er weiß, wohin wir gelangen sollen und dass wir auch dorthin gelangen werden. Das Wichtigste, was wir dabei tun müssen, ist, Gott zuzutrauen, dass Er diesen Weg kennt, und dass Er es sein wird, der uns der Erfüllung entgegenführt,“ sagte in seiner Ansprache mit dem Thema „Gottvertrauen und Vertrauen gegenüber dem eigenen Leben“ Pfarrer Indulis Paičs. Der Referent verglich das menschliche Leben mit einem Labyrinth, das sich die Nachfolger Christi des öfteren anfertigten, um das Leben eines Christen mit Gott darzustellen. „Zum Zentrum des Labyrinths führt nur (und dabei nannte er als Beispiel das berühmte Labyrinth in der Kathedrale von Chartres in Frankreich) schließlich ein einziger Weg hin, der sich davor in verschiedene Richtungen gewunden hatte, bis wir das Ziel erreicht haben. Wenn viele gleichzeitig dieses Labyrinth durchwandern, hat man den Eindruck, dass jeder in eine andere Richtung geht, doch am Ende jeder das Zentrum erreicht. Dabei ist es interessant, dass für uns, kurz bevor wir das Ziel erreicht haben, der letzte Umweg der allerweiteste ist, weil er an dem äußersten Rande des Labyrints entlang führt.“

Das Programm dieses drei Tage dauernden Kirchentages der Diözese war reich gesättigt, manche Veranstaltungen überlagerten sich gelegentlich gegenseitig, so dass man sich entscheiden musste, wohin man vom Herzen oder vom Verstand mehr gezogen wurde.

Am Freitagnachmittag wurde der Kirchentag der Diözese vom Vokalchor der Musikschule von St. Petersburg in der Kirche von Jaunpils eröffnet. Die 13 bis 18 Jahre alten Jugendlichen überraschten die Anwesenden mit ihrer Meisterschaft bei dem Singen. Nach dem Konzert kamen viele nach vorne und sprachen ihre Anerkennung aus und den Wunsch, man möchte diesen eingeschlagenen Weg fortsetzen. Schade nur, dass die Jugendlichen aus Petersburg nicht mehr die Möglichkeit hatten, kirchenmusikalische Werke weiterer russischer Komponisten vorzutragen. Interessant war es, dabei zu erfahren, dass der Großvater von

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zweien dieser jungen Menschen – von Katrīna und Dmitrija Homenčuks, Edvards Vīnegers – um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert Pfarrer der lettischen Kirchengemeinde in St. Petersburg war, sie selbst aber in der heutigen lettischen lutherischen Kirchengemeinde in St. Petersburg getauft sind.

Auf diesen musikalischen Genuss folgte ein Konzert im Hof der Burg von Jaunpils, wo unter dem Moto „Gott, ich danke dir“ professionelle Künstler wie das nordlettische Kammerensemble Livonia und die bekannten Solisten der Nationaloper Lettlands Inga Šļubovska (Sopran) und Ingus Pētersons (Tenor) die Anwesenden erfreuten.

Bei allmählich einsetzender Abenddämmerung begaben sich die Teilnehmer am Kirchentag auf den Kreuzweg. Auf ihrem Weg um den See und um die Mühle von Jaunpils herum konnte bei dem Überdenken des Kreuzweges und des Leidensweges Jesu Christi jeder das nacherleben, was der Himmlische Vater ihm besonders zugedacht hatte. Für mich persönlich war es der berauschende Duft der Lilien, der von den umliegenden Gärten herüberwehte, der Gedankenaustausch mit dem Erzbischof der lettischen Kirche im Ausland Elmārs Ernsts Rozītis , mit dem zusammen wir diesen Weg beschritten, sowie die Erinnerungen an meinen Großvater. Viele Fakten aus dessen Leben werde ich ganz sicher nicht mehr erfahren, aber dass er in der Kirche von Jaunpils konfirmiert wurde, das weiß ich ganz sicher, denn in meinem Archiv ist sein Konfirmationsschein aufbewahrt. Dieser wurde Alfrēds Ansons 1929 ausgehändigt, aber die Qualität seiner Farben ist so, dass man meinen könnte, dass er heute gedruckt worden wäre.

Weil der Kreuzweg länger dauerte als geplant, mussten im Ablauf des Abendprogramms einige Änderungen vorgenommen werden. Sehr komisch war es, an einer Veranstaltung teilzunehmen, von der der Veranstalter vorher angekündigt hatte, dass sie gar nicht stattfinden würde. Während der größere Teil der Teilnehmer einer Aufführung des Jugendstudios „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“ beiwohnte, eröffneten die Journalistin Kristīna Soloha und der Leiter des Dezernates für gesellschaftliche Beziehungen Ivars Kupcis im Saal der Burg von Jaunpils die Podiumsdiskussion, die eigentlich gar nicht stattfinden sollte, mit den Pfarrern Rolands Eimanis, Raimonds Mežiņš und Artis Druvietis sowie mit Erzbischof Rozītis. Die Diskussion war von Anfang an sehr lebendig und interessant, deshalb war es besonders schade, dass wegen der missverständlichen Ankündigung anfangs nur wenige Teilnehmer daran teilgenommen haben. Im Laufe des Abends wurden unter anderem folgende Fragen diskutiert. Weshalb gibt es in der Kirche nur so wenig Männer? Wovor habt ihr am meisten Angst? Was ist die Gemeinde? Kommen Ärzte, die Abtreibungen durchführen, in die Hölle? Darf man den Kelch mit einem Lappen reinigen? Wann werden Lutheraner endlich bei den Katholiken zum Tisch des Herrn gehen können? Weshalb werden in Lettland keine Frauen ordiniert? Gibt es auf anderen Planeten Formen des Lebens? Weshalb ist der Kirche die Vergebung und das Mitgefühl abhanden gekommen? Nach dem Ende der Vorstellung schlossen sich ein Teil der Zuschauer und andere der Diskussion an, die dann nach 1 Uhr in der Nacht ihr Ende fand.

Der Samstagmorgen begann mit einem Gottesdienst in der Kirche von Jaunpils, und dann bekam der Ablauf des Tages eine große Dichte und verlief sehr schnell. Den Vortrag von Erzbischof Vanags und Pfarrer Paičs hörten sich die Teilnehmer auf der Estrade unter den mächtigen Linden an. Die Anwesenden mussten sich dabei mit dem Thema „Sei getreu!“

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auseinandersetzen., konnten aber ihre Nasen mit dem wunderbaren Duft der Linden erfreuen, der alle und alles erfüllte. Nach dem Referat teilten sich alle in zwei Diskussionsgruppen auf. Pfarrer Uģis Brūklēne und Harina Brūklēne leiteten die Diskussion „Treue in der Familie“ und Andris Dekants und Artis Druvietis „Sei dem Auftrag der Mission treu.“ Die dritte Diskussionsgruppe „Treu dem Wort und den Zeichen“ unter der Leitung von Pfarrer Jānis Bitāns wurde auf die frühen Abendstunden verlegt. Kaspars Ozoliņš von der Bewegung

„Wahre Liebe wartet“ leitete die Diskussion der Jugendlichen „Treue in den Beziehungen“.
Die zweite Hälfte dieses Tages verging sehr schnell mit einem Rundgang durch Jaunpils und mit einer Stunde der Anekdoten im Burghof unter der Überschrift „Lach darüber oder nicht!“ sowie mit verschiedenen Werkstätten – Malerei, Herstellen von Spielzeugen, Aktivitäten der Pfadfinder, Kinder- und Sportveranstaltungen. Im Burgmuseum gab es eine Veranstaltung „Kaffee mit dem Pfarrer“. Diese Veranstaltung wandte sich mehr an den Einzelnen, und damit wird dieses Kaffeetrinken bei jedem, der daran teilgenommen hat, besonders nachklingen

Am Samstagabend konnten sich die Musikliebhaber an Perlen aus der Welt der Musik erfreuen. In der Kirche von Jaunpils musizierten das Vokalensemble „Vocalica“ und der Chor „DoMino“ Und im Großkonzert am Abend „Lehre mich glauben, Herr“ mit den vereinigten Kirchenchören der ELKL unter verschiedenen Chorleitern, einem Kammerorchester und verschiedenen Solisten wie dem Saxophonisten Artis Gāga, Pfarrer Mārtiņš Burke-Burkevics,
Valdis Indrišonoks, Lība Ēce-Kalniņa, Gabors Goldmanis, Ginta Latiša, Elīza Godiņa u.a. Der Tag endete mit einer Lichterprozession, bei der alle Teilnehmer mit Kerzen in der Hand Gott anbeteten. Daran schlossen sich bis 3 Uhr nachts Filmvorführungen im Freien an und ein
Feuerwerk der Jugend im Hof der Burg.

In seinem Rückblick auf diesen Kirchentag sprach Bischof P. Brūvers seine Empfindungen
aus: „Als wir mit den Vorbereitungen auf diesen Kirchetag begannen, gab es zunächst viel Unsicherheit und die Ungewissheit, ob bei vielen die Begeisterung nicht verfliegen würde, denn die Reaktion war zuerst nicht so groß wie wir sie erhofft hatten. Manches Mal dachten wir: „Blasen wir die Sache einfach ab. Vielleicht ist sie doch nicht notwendig. Jetzt weiß ich, dass unsere Leute sich erst im letzten Augenblick melden, und dass schließlich alle froh und dankbar sind. Die Kopfschmerzen haben sich gelohnt, damit wir diesen Kirchentag wieder veranstalten können.“

Der erste Kirchentag der Diözese Liepāja wurde mit einem gemeinsamen Gottesdienst an der Estrade von Jaunpils am Sonntag, dem 10. Juli beschlossen. Als Wegzehrung möchte ich gerne den Hausvater und Pfarrer der Kirchengemeinde Jaunpils Pfarrer Jānis Smilgainis
zitieren: „Unser größter Schatz, der uns anvertraut ist, bleibt die Gnade Gottes. Der wollen wir treu bleiben!“

Die Luther Akademie nimmt neue Studenten auf Inga Reča
Das vorige Studienjahr war im Laufe des 14 jährigen Bestehens der Luther Akademie möglicherweise das komplizierteste Jahr. Nach den Worten des Vorsitzenden der Verwaltung der Luther Akademie Pfarrer Indulis Paičs war es die Hauptsache, die Möglichkeit zu bewahren, die Arbeit der Akademie fortzusetzen und den begonnenen Prozess in die Richtung der staatlichen Anerkennung der Studienprogramme weiterzuführen. Bis zum Ende des

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Monats August läuft noch die Anmeldefrist für die neuen Studenten aller drei Studienbereiche – für Pfarrer, für Mitarbeiter der Gemeinden und für Kirchenmusiker. Im Herbst nimmt auch die Abteilung ihre Arbeit auf, die sich an alle Interessierte wenden möchte – die Kleine Luther Akademie.
– Wie ist es der Luther Akademie im vergangenen Jahr ergangen?
– Mit Gottes Hilfe konnten wir die Arbeit der Luther Akademie weiterführen. Die Studenten, die davor bereits ihr Studium in der Luther Akademie begonnen hatten, konnten dieses programmgemäß fortsetzen. Das war unsere Hauptaufgabe und unsere wichtigste Pflicht und das bereitete uns auch die größte Freude. Das Jahr war aber tatsächlich sehr kompliziert, voll von Fragen und Versuchen, wie man mit der Arbeit am besten fortfahren sollte. Doch zum Schluss sind wir zur deutlichen Erkenntnis gekommen, dass die Akademie unbedingt ihre Arbeit fortsetzen sollte, da unsere Kirche dieses Bildungsinstitut dringend benötigt und die Luther Akademie eine der wesentlichsten Investitionen in die Zukunft der Kirche ist. Die Kirchenleitung hat uns ihre Unterstützung zugesagt und uns versprochen die Arbeit der LA mit allen ihr möglichen Mitteln zu fördern. Wir möchten möglichst alle in den vergangenen Jahren begonnenen Vorhaben fortführen, wenn es die komplizierte Finanzlage nur irgend gestattet und möglichst das Anerkennungsverfahren bei den Studienbereichen der Theologie und der Kirchenmusik zu Ende führen.
– Müssen wir uns im kommenden Studienjahr auf Änderungen in den Studienprogrammen gefasst machen?
– Einen Augenblick konnte es erscheinen, dass die finanziellen Veränderungen so dramatisch sein würden, dass die Akademie einfach nicht mehr in der Lage sein würde, ihr Wirken nach gewohnter Weise fortzusetzen. Damals ergriff Dr. Guntis Kalme die Initiative, ein alternatives Studienprogramm zu erstellen für den Fall, dass wir nicht mehr in der Lage wären das bisherige Programm in der Weise fortzuführen, wie es mit der staatlichen Lizenz erforderlich wäre. Doch konnte eine minimale Finanzierungsmöglichkeit gefunden werden und damit die Möglichkeit, das staatlich anerkannte Programm weiter zu verwirklichen. Auch die neuen Studenten, die in dem neuen Studienjahr ihr Studium beginnen, werden nach dem staatlich anerkannten Programm ausgebildet.
– Im vergangenen Jahr waren die Kosten bei dem staatlichen Anerkennungsverfahren eine ihrer Hauptsorgen.
– Die staatliche Anerkennung kann man von zwei Aspekten aus betrachten. Wenn wir dabei an das anerkannte Programm nach seinem vollen Verständnis denken und dieses langfristig einplanen, wie das eigentlich bei idealen Voraussetzungen sein müsste, dann würde das gewiss sehr bedeutende Mittel erfordern. Unsere staatliche Gesetzgebung ist darauf orientiert, dass im Lande nicht übermäßig viele kleine Hochschulen entstehen, sondern dass sich die wissenschaftliche Arbeit auf nur wenige Wissenschaftszentren konzentrierte. Trotzdem haben
wir einen Vorzug – es gibt das „Gesetz über die ELKL“, in dem deutlich darauf hingewiesen wird, dass die Kirche berechtigt ist, eine eigene Hochschule zu gründen und deren Ordnung für das Ausbildungsprogramm zu bestimmen. Danach können wir den Anerkennungsprozess fortsetzen und versuchen, ihn zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen auch ohne allzu hohe augenblickliche finanzielle Investitionen. Natürlich müssen wir auch über die Zukunft weiter nachdenken, wie wir zu einer zusätzlichen weiteren Finanzierung kommen, um für die Dozenten eine zumutbare Vergütung zu garantieren. Im Augenblick müssen wir für eine kurze Weile alle Kräfte und Finanzquellen zusammenlegen. Ich möchte hoffen, dass es in unserer Kirche immer noch Dinge gibt, die wir mit Begeisterung tun und dem gemeinsamen Verständnis, wie wichtig sie für uns sind.

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– Wird es in diesem Jahr bei der Arbeit der Akademie irgendwelche Änderungen geben?
– Es wird einige Änderungen bei der Zusammensetzung des Lehrkörpers geben. Leider ist die Dienstzeit in Lettland des bisherigen Rektors William Weinrich abgelaufen. Deshalb stehen wir vor der Frage der von der Verfassung bestimmten Einberufung einer Versammlung zur Wahl eines neuen Rektors. Im Ganzen bleibt die Zusammensetzung des Lehrkörpers aber unverändert. Wir überlegen auch, wieder Gastdozenten Aus dem Ausland einzuladen, die hierher zu Intensivkursen kommen könnten.
Auch bei dem Zeitplan bei dem Studium wird es keine Veränderungen geben. Das Studium wird hauptsächlich abends stattfinden (bei der Ausbildung künftiger Pfarrer) und samstags (für die Mitarbeiter der Gemeinden). Die Ausbildung der Kirchenmusiker findet im Wesentlichen im Einzel- und Gruppenunterricht nach einem besonderen Plan statt. Die einzige Veränderung im Studienplan ist, dass wir künftig jede Woche mit einem Gottesdienst am Montag in der St, Johanniskirche beginnen möchten.
Ich möchte noch einmal betonen – zum größten Teil wird die Arbeit der Akademie auf die gleiche Weise fortgesetzt, wie sie bisher war. Das ist eine der Aufgaben der Leitung der Akademie – den Studienprozess in der Zeit des Überganges zu garantieren, in der wir diese Schwierigkeiten mit unseren Finanzen haben.
– Wie sieht die Struktur der Leitung der Akademie zur Zeit aus?
– Nach den gesetzlichen Bestimmungen der ELKL hat die Kirche selbst das Recht der Bestimmung – also der Oberkirchenrat, das Bischofskollegium. Dennoch wird der Rektor in einer durch die Verfassung bestimmten Versammlung gewählt, zu der die Dozenten, Studenten und die Vertreter des Oberkirchenrates gehören. Ich denke, dass wir uns dieses Mal für einen Rektor aus der Mitte der Bewerber aus Lettland entscheiden sollten.
– Die Akademie hat inzwischen ein neues Amt – das eines eigenen Seelsorgers.
– Dieser Seelsorger ist ein Pfarrer, dem es anvertraut ist, sich aus geistlicher Sicht um die Studenten zu kümmern, ihnen ein Ratgeber und Helfer zu sein. Die Notwendigkeit eines Seelsorgers haben wir bereits seit Langem empfunden, und wir sind sehr froh darüber, dass das Bischofskollegium dieses Amt Pfarrer Juris Zariņš anvertraut hat. Dieser hat in den vergangenen Jahren schon viel bewirken können, er hat für unsere Studenten Einkehrtage veranstaltet und war mit ihnen in verschiedenen Situationen zusammen. Dafür sei ihm von Herzen Dank gesagt!
– Wieviel Studenten werden zur Zeit in der Akademie ausgebildet?
– In der Abteilung für Pfarrer gibt es zur Zeit 28 und in der Abteilung für Mitarbeiter der Gemeinden 10 Studierende.
– Wie fühlen Sie sich in den neuen Räumen in der Alksnaja iela?
– Für den Studienprozess war das Haus am Domplatz besser geeignet, aber diesem Räume hier haben eine eigene Atmosphäre und eine eigene Geschichte. So hatte hier auch einmal
Professor Feldmanis gelebt. Obwohl wir erst vor Kurzem alle Räume zum Gebrauch überlassen bekommen haben, die für uns vorgesehen waren und manche noch dazukommen müssen, haben diese neuen Räume für uns einen eigenen Charme. Die Studenten haben sich an diese neuen Räume gewöhnt.
– Bei diesem Umzug machte Ihnen jedoch die Bibliothek die größten Sorgen.
– Ja, das ist wirklich ein gewaltiges Problem, das uns sehr schmerzt und Sorgen macht, denn die Bibliothek ist ein unersetzbarer Bestandteil des Studienprozesses. Unsere Bibliothekarin hat schwer und selbstlos geschuftet, und dennoch hat ein Teil der Bücher bei dem Prozess des Umzuges gelitten, was uns allen große Herzschmerzen bereitet.

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– Wie sieht der Veranstaltungsplan der Kleinen Lutherakademie im nächsten Jahr aus?
– Nähere Informationen über alle Studienprogramme und Vorlesungen wird es Ende August im Internet geben.
– Auch wenn im Augenblick die Situation nicht leicht erscheint, so haben Sie doch bestimmt eine Vision davon, wie Sie die Lutherakademie in der näheren und ferneren Zukunft sehen möchten?
– Es gibt mehrere Dinge, über die wir nachgedacht und die wir in der Verwaltung und unter den Dozenten der Akademie besprochen haben. Dabei haben wir unsere Priorität darauf ausgerichtet, dass unser Wirken unserer Kirche, in der wir unseren Dienst tun, Frucht und Segen brächte. Wir möchten unseren Studenten akademisches Wissen und praktisches Können für ihre Arbeit in ihren Gemeinden vermitteln. Nach wie vor gibt es die großen Fragen für unsere Studenten, die Pfarrer werden möchten, zu ihrem praktischen Dienst und die Vorbereitung darauf auf dem Wege der Erfahrung. Hier haben wir noch viel zu tun. Diese Sache der Umsetzung des Wissens, das sie bei dem Studium erhalten haben, in der praktischen Gemeindearbeit und bei den wirklichen Erfordernissen der Gemeinden ist von besonderer Wichtigkeit. Ein anderes Gebiet, das ich nicht unerwähnt lassen möchte und mit dem wir uns unbedingt bald befassen müssen ist die Frage nach einem anderen noch anzuerkennenden Zweig des Studiums – die Ausbildung zum Diakon und Sozialarbeiter. Das wäre für viele Menschen eine Möglichkeit, ihnen bei ihrem Einstieg in die Sozialarbeit und in die Diakonie zu helfen. Erst damit könnte unsere Vision über den geistlichen Dienst erst völlig wahr werden. Dort haben wir die Bischöfe, die Pfarrer und die Diakone, wie wir es der Heiligen Schrift von Anfang an entnehmen können. Auf diesem dritten Gebiet muss Fortbildung geschehen, die auf allen Gebieten des kirchlichen Dienstes erforderlich ist. Dann wäre die Akademie nicht nur ein Bildungsinstitut, das Menschen für einen Beruf ausbildet, in das Leben hinaus schickt und sie dort allein lässt. Die Akademie muss auch zu einem Ort werden, an dem Bildung und Erfahrung ausgetauscht werden kann, und an dem ehemalige Studenten und auch andere, die in der Kirche arbeiten und wirken, jederzeit Zugang haben, um hierher zurück zu kehren, um ihr Wissen und Können aufzufüllen. In der Zukunft muss die Akademie zu einem Ort werden, an dem sich die besten theologischen Ressourcen und Kräfte sammeln, um ihr Wissen und Können zu ergänzen. Da möchte ich auch den bescheidenen Hinweis auf die Möglichkeit geben, ein theologisches Journal herauszugeben. Auf jeden Fall steht an der ersten Stelle der Gedanke, dass alle unsere Pläne unserer Kirche und unserer Gesellschaft praktisch und geistlich von Nutzen sein müssen, zu deren Dienst uns Christus berufen hat.
– Womit könnten Sie jemandem zum Studium Mut machen, der sich noch nicht sicher ist, ob er studieren soll oder nicht?
– Ich möchte den Menschen Mut machen, der Stimme ihres Herzens und dem Ruf Christi zu folgen und sich nicht vor möglichen Schwierigkeiten zu fürchten, sondern zu kommen, um hier zu studieren. Eine gute theologische Ausbildung ist die Voraussetzung dafür, dass wir unseren Dienst effektiv versehen und einander in unserer Kirche helfen können. Die Akademie ist geöffnet und das Studium ist kostenlos (!) Das ist eine historisch einmalige Möglichkeit! Ich möchte wirklich hoffen dass wir mit gemeinsamen Kräften das Ziel erreichen, dass die Akademie zu einem der wichtigsten Motoren (wenn nicht zum wichtigsten Motor) für das weitere Wachstum auch auf theologischem Gebiet unserer Kirche wird. Kommt und seht euch alles an, was gut ist, und helft uns, es noch besser werden zu lassen.

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Wunderbare Erfahrungen der Reisegruppe von „Svētdienas Rīts“ in Semgallen.
Inga Reča
Nach ihren Reisen auf Luthers Spuren in Deutschland und nach St. Petersburg machte sich unsere reisende Gemeinschaftsgruppe nach Zemgale auf den Weg – zu den lieben Freunden der Kirchengemeinde Bauska und zum Schloss Rundāle. Wenn sich jede Reise als etwas ganz Besonderes offenbart hatte, hatten wir dieses Mal das Empfinden, dass diese letzte Reise die aller- aller- allerbesonderste gewesen sei! Damit Sie nicht sagen, dass ich Ihnen etwas vorschwindeln möchte, lesen Sie es bitte selbst. Am Samstag, dem 10. Juli machten wir uns in die Richtung Bauska auf den Weg, und machten in Ķekava Halt, um Mitreisende aus Baldone und aus Aizkraukle mitzunehmen. Dort aber erwartete uns die erste Überraschung – Sarmīte und Dainis aus der Kirchengemeinde Aizkraukle kamen nicht mit einem Auto, sondern mit einem Motorrad angereist und hatten auch gleich einige Freunde vom Christlichen Motorradfahrerclub Lettlands mitgebracht. Das bedeutete für uns, dass unser weißer Bus bis zur Kirche von Bauska und nachher auch nach Rundāle von drei Motorradeskorten begleitet wurde. Dadurch kamen wir alle uns besonders wichtig vor – etwa wie Präsidenten oder… In Bauska wurden wir von einer langjährigen Freundin von Svētdienas Rīts erwartet, der Leiterin unseres Büchertisches Zenta Paļulone. Dort gab es eine weitere Überraschung. Heute sind wir dort nicht die einzigen Gäste, denn außer uns sind weitere alte Freunde von uns hier eingetroffen – Leute aus Litauen, der lettischen lutherischen Kirchengemeinde in Elkišķi mit ihrer Gemeindeleiterin Rasma Vasiļūniene, ihrem Organisten Valdis und ihrem Pfarrer Jouzus Mišeikis. Mit ihren Autos waren auch Leute aus Blīdene und Meņģele angereist. Was für eine Begegnung! Wir waren in Bauska nicht nur mit Leuten aus dem ganzen Lettland beisammen, sondern in einer internationalen Gruppe.von Freunden unserer Kirchenzeitung. Wie Sie verstehen werden, nahmen die vielen Umarmungen eine beträchtliche Zeit in Anspruch, denn ein solches Wiedersehen ist unendlich schön, weil sich hier wieder Menschen begegneten, die nicht nur Tausende von Kilometern gemeinsam zurückgelegt haben, um ihnen bisher unbekannte Orte kennen zu lernen, sondern etwas, was viel viel schwerer wiegt…
Mit der Vorstellung des Gotteshauses von Bauska begann Pfarrer Aivars Siliņš, und danach führte uns unsere Zenta weiter durch die Jahrhunderte des Bestehens der Kirche. Nach dem Gottesdienst tauschten wir Grußworte und Geschenke aus. Unsere Redaktion bekam ein Säckchen mit Pfefferminztee: „Das ist dafür, dass du, Inga, im kommenden Winter nicht krank wirst!“ Zenta führt uns zum kürzlich renovierten Gemeindehaus. Mehrere unserer Mitreisenden sagen, dass für ihre Kirchengemeinde von einem solchen Gemeindehaus nur träumen könnten!
Die Freunde in Bauska haben uns soviel Suppe zubereitet, dass es noch für weitere 50 Mitreisende gelangt hätte! Viele haben Gastgeschenke mitgebracht – Zaiga erfreut unseren Gaumen mit selbst hergestelltem Käse, einige Mädchen haben einen Kringel mitgebracht. Jeder hat sich darüber Gedanken gemacht, womit er seine alten und neuen Freunde erfreuen könnte. Wir müssen recht flink essen, denn wir haben für diesen Aufenthalt nicht sehr viel Zeit. Ilga Balode erwartet uns bereits im Museum für Heimatkunde und Kunst, wo uns eine weitere Überraschung erwartet. Ganz selten wird es sich jemand vorstellen können, dass ein städtisches Museum so attraktiv sein kann. Die Ausstellung ist so eingerichtet, dass wir den Eindruck hatten, einen Spaziergang durch die Jahrhunderte alten Straßen von Bauska zu machen. In einem Gebäude erwartet uns ein Laden mit der Verkäuferin, in einem anderen ein Frisiersalon, ein Fotosalon und ein Buchladen und ein Büro der Tschekisten sowie eine Wohnung aus den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts und vieles andere. Wie schade, dass wir für den Rundgang durch die Stadt nur so wenig Zeit hatten. Aber unserer Fremdenführerin

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möchten wir herzlich danken, dass sie uns während dieser kurzen Zeit mit so vielen Eindrücken bereichert hat, dass der Wunsch, noch einmal hierher zu kommen, sehr lebendig geblieben ist
Wir beeilen uns, um zum Schloss Rundāle zu kommen. Dort blendet uns nicht nur die heiße Sonne, der die Ebene von Semgallen besonders zu gefallen scheint, und die sich so intensiv mit uns befasst und heute sogar einen Hitzerekord dieses Sommers erreicht. Aber blendend schön ist zweifellos das Schloss, von dem man den Blick nicht abwenden kann! Aber dort erwartet uns eine weitere Überraschung, die wir als ein Geschenk des Himmels empfinden: Der Herr des Schlosses Imants Lancmanis bietet uns einen Rundgang sowohl durch das Schloss als auch durch den Schlossgarten an. Außerdem hat er dafür Sorge getragen, dass wir noch ein weiteres Wunder zu sehen bekommen, das sonst normalen Touristen verschlossen ist
und das im Pferdestall des Schlosses noch auf seine Restaurierung wartet. Dabei geht es um eins der einmaligen Werke barocker lettischer Holzbildhauerei. In seinem Interview sagte Imants Lancmanis im vergangenen Herbst unserer Kirchenzeitung: „Die Restaurierung des Innenraumes der Kirche von Lestene ist ein gewaltiges Vorhaben, für welches das ganze Lettland Sorge tragen muss.“ Natürlich muss sich, wenn das geschehen soll, ein jeder zuerst dieses Wertes bewusst werden. Ganz besonders natürlich die Leute der Kirche. Der erste Schritt dazu ist, die Sache zu betrachten und anderen darüber zu berichten, was für wunderbare Werte der Kunst wir besitzen. In Begleitung unserer Fremdenführerin Benita geben wir uns dem Zauber des Schlosses hin, ebenso wie wir vor einigen Wochen uns vom Zauber des von Rastelli erbauten Schlosses der Katharina in St. Petersburg gefangen nehmen lassen konnten. Und so kommen wir ungewollt zum Vergleichen. Das Schloss der Katharina in Puschkin ist groß und mächtig, doch Rundale ist behaglich und lieblich. Natürlich wird das auch dadurch bewirkt, dass wir das 40 Jahre dauernde Wiederherstellen des Schlosses aus einem entsetzlichen Zustand bis zu seinem heutigen Anblick mit unseren eigenen Augen verfolgen konnten….
Wir sind emotionell übersättigt und durch die heiße Sonne ermüdet. Vom Rosenduft im Schlossgarten begleitet, machen wir uns auf den Heimweg. Mit der Hilfe unserer Kirchenzeitung senden wir herzliche Grüße und Glückwünsche zu seinem Geburtstag an Herrn Lancmanis, den er Ende Juli feiern konnte! Gott segne sein Leben und Werk auch weiterhin!
Das war unsere neunte (!) gemeinsame Leserreise. Das ist doch wunderbar, nicht wahr?! Auf Wiedersehen bei unserer zehnten gemeinsamen Reise mit dem Ziel des Königreiches der Wenden.

Eine starke Familie, dem Geist Lettlands eng verbunden. Inga Reča.
„Lettland nahm von mir zusammen mit der lettischen Sprache Besitz. Damit habe ich immer gelebt und das sind auch die stärksten Eindrücke meiner Kindheit,“ sagte die Journalistin Olga Homenčuka eine Nachfahrin von Letten in St. Petersburg in der vierten Generation. Um die Jahrhundertwende vom 19, zum 20. Jahrhundert war Olgas Urgroßvater Pfarrer der lettischen lutherischen Kirchengemeinde in St. Petersburg. Im Juli brachte sie ihre Kinder, die Teenager Katrīna und Dimitrijs, die sich beide mit Vokalmusik befassen, in das Land ihrer Vorfahren. Als SR im Juni die Leserreise nach St. Petersburg veranstaltete, war Olga unsere Fremdenführerin und sorgte für uns. Andererseits nahmen die Reisenden vom Juni die Nachfahren von Letten aus Petersburg mit den jungen begabten Künstlern bei sich in ihren Kirchengemeinden auf.
– Wie wollen wir uns miteinander unterhalten . lettisch oder russisch?

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– Die lettische Sprache gehört zu meinem Wesen. Ich bin zwar eine Person, aber in Petersburg lebt in mir auch die Lettin mit. Manches Mal schlüpft die lettische Sprache aus mir heraus, aber das passiert mir recht selten, denn es gibt Bindungen zu den Sprachen. Wo kann ich dort die lettische Sprache überhaupt verwenden? Eigentlich nur im Konsulat und in der Kirchengemeinde. Und deshalb laß uns miteinander lettisch reden.
– Was hast du noch für Erinnerungen an dein erstes Eintreffen in Lettland?
– An mein erstes Eintreffen kann ich mich nicht mehr ertnnern, weil das in meiner frühen Kindheit war. Wenn ich aber die Fotos aus jener Zeit betrachte, dann sehe ich mein Schwesterlein Īna im Alter von einem Jahr. Ich selbst war damals vier Jahre alt. Ich sehe darauf unsere Familie. Unser Vater ist inzwischen verstorben. (Olgas Vater war der verstorbene Schauspieler des russischen Theaters Pēteris Gorins. Die Red.), und mit meiner Mutter (der Gemeindeleiterin der lettischen lutherischen Gemeinde in St. Petersburg Ina Kārkliņa-Gorina) und mit meiner Großmutter sind wir oft auf dem Lande in Rundāle. Heute gibt es den modernen Ausdruck Retraite (Einkehr, Entspannung). Wenn ich diese Landschaft sehe, dann genügt es einzuatmen und hinzuschauen, und schon sind die Erinnerungen an die Kindheit wieder da..
Was kommt dir über Lettland in den Sinn aus der Zeit deiner bewussten Erinnerungen?
– Einige Jahre verbrachten wir jeden Sommer in Rundāle dann gab es eine kürzere Pause, ich ging zur Schule, und dann fuhren wir an einen anderen Ort, doch von meinem 12. Lebensjahr bis zum Schulabschluss und auch danach während meines Universitätsstudiums fuhr ich jeden Sommer hierher. Wir wohnten auf dem Lande, taten dieses und jenes, sammelten Äpfel und aßen Beeren… An diese Zeit kann ich mich gut erinnern. Damals kamen viele Leute aus Russland, die wir eingeladen hatten, hierher. Meine Tante hatte nichts dagegen. Alle Leute, die dort waren, arbeiteten dort vom Morgen bis zum Abend, aber du kennst ja meine Mutter – jetzt lädt sie das halbe Lettland nach St. Petersburg ein, und sonst das halbe Russland nach Rundāle. Dorthin kamen Künstler, Ärzte und Schauspieler – alle sind mit uns verwandt. Da gab es immer eine gute Stimmung und viel Lachen, aber es gab auch stille Tage, wenn ich das wahre Leben in Lettland einatmen konnte. Mutter hatte einen befreundeten Professor, der ganze Tage lang am Ufer stand und angelte. Wenn wir über Lettland sprechen, dann steht mir eine Böschung vor Augen, die wir hinauf und herab liefen, und die Felder darum herum. Und die Menschen waren uns näher als in St. Petersburg; auch mit Fremden konnten wir uns sehr schnell anfreunden. Wir warteten jedes Jahr auf den Sommer, in dem wir uns wieder mit unseren Freunden und Verwandten treffen konnten.
– Du hattest mir gegenüber auch manches Mal deine liebe Großmutter erwähnt, welche dich in St. Petersburg die lettische Sprache gelehrt hätte.
– Sie hat mich die lettische Sprache nicht gelehrt, sie hat sie einfach gesprochen. Sie hieß Erna Kārkliņa und wir nannten sie Eņička. Mamika nannten wir die Großmutter meiner Mutter, die ja eigentlich die Mama der ganzen Familie war – eine sehr starke Frau aus Lettland. Die war die Frau von Eduards Vinegers und Eņička war ihre Tochter – ein wahrer Engel und eine sehr liebe Frau. Nicht ein einziges Mal in ihrem Leben hat sie ihre Stimme erhoben. Sie saß still da, redete nicht viel, aber scharte die ganze Familie um sich. Wer in unsere Familie hereinkam, der wurde Lutheraner. So war zum Beispiel Inas Mann orthodox, wurde aber Lutheraner, und alle Kinder auch.
– Ihr seid eine so starke Familie, dass alle Angehörigen einer anderen Konfession, die in eure Familie hereinkommen, auch Lutheraner werden?
– (sie lacht) Ja, oder sie halten das alles nicht aus, wie zum Beispiel mein Mann. Ja, wir sind eine sehr starke Familie, und das hängt mit dem lettischen Geist zusammen,

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– Eine der Grundlagen deiner Sippe ist das Luthertum. Wie bist du überhaupt zum Glauben gekommen?
– Ich brauchte nicht erst dahin zu kommen, denn den gab es schon immer bei uns zu Hause. Auch als die Kirchen geschlossen waren, haben wir immer Weihnachten und die anderen Feste der Kirche gefeiert. Meine Mutter singt die Choräle immer noch in ihrer alten Textfassung, die sie von ihrer Großmutter gelernt hatte. Meine beiden Kinder sind getauft, aber noch nicht konfirmiert.
– Bei dieser Reise nach Lettland habt ihr alle bekannten Grabstellen eurer Vorfahren besucht.
Ich habe nur davon etwas gehört., aber ich habe einen sehr unternehmungslustigen Vetter, der uns alle dorthin entführt hat. Wir erblickten ein Grabkreuz und das hat uns sehr bewegt. Auf dem Friedhof in Jelgava in der Nähe des Schlosses ruht mein Urururgroßvater Kārlis Vinegers. Er wurde 1850 geboren und starb1911. Wir sahen uns das Grab an und stellten fest, dass wir zum Grab genau 100 Jahre nach seinem Tod gekommen sind… Das war doch sehr symbolisch, er war auf dem Gut der Buchhalter, aber er muss ein so guter Buchhalter gewesen sein, dass die Baronesse ihn gerade dort bestatten ließ. Er stammte nicht von höheren Kreisen ab, aber er war eine Persönlichkeit und in seinem Familienverband eine große Autorität. Er hatte sehr viele Kinder – 13 von seiner ersten Frau und danach sehr viele Kinder von seiner zweiten Frau. Das war schon eine sehr, sehr große Familie! Ich glaube, dass der Vater meiner lieben Großmutter Eduards Karlovičs, der später Pfarrer in Petersburg war, sein ältester Sohn war. Ich weiß, dass die ganze Sippe ständig nach St. Petersburg gereist ist, und immer haben welche davon bei Eduards gelebt. Aber sie verehrten ihren Vater Kārlis sehr, in dessen Briefen er über sein Ergehen nicht mit den Worten „uns geht es gut“ sondern mit dem Satz „wir haben ein gutes Werk getan“ berichtet hat. Für die Kinder war es sehr wichtig, dass der Vater ihnen sagte: „Gut, Kinder, das habt ihr richtig gemacht.“
– Weshalb wolltest du deine Kinder gerade jetzt nach Lettland bringen?“
– Damit meine Kinder etwas von Lettland mitnehmen. Das sollte man mit ihnen bereits in ihrer Kindheit tun, aber es waren damals sehr verwirrende Zeiten; denn sie wurden geboren, als die Grenzen bereits geschlossen waren. Und heute ist es für uns leichter, nach Deutschland zu verreisen als nach Lettland. Und heute ist alles auch nicht leicht. Meine Kinder sprechen nicht lettisch; irgendwie ist es uns nicht gelungen, zu Hause lettisch zu sprechen, denn meine Mutter wohnte getrennt von uns und es schien uns, als hätten wir nie Zeit dafür… Jetzt sagen meine Kinder, wenn wir das tun: „Was redet ihr da, wir möchten es auch verstehen.“ Ich hoffe, dass ihnen das eines Tages auch gelingen wird. Jetzt können sie auch als junge Menschen nicht nur nehmen, sondern auch etwas geben. Es ergab sich eine gute Gelegenheit, dass wir nach Lettland zusammen mit ihren Freunden – Schüler der Gesangsabteilung der Musikschule mit ihren Lehrern, in den Kirchen Lettlands zu singen.
– Im Laufe einer Woche habt ihr Konzerte in Sigulda und in der St. Johanniskirche in Riga gegeben und auch ein großes Konzert bei dem Kirchentag der Diözese Liepāja in Jaunpils. Die jungen Leute traten auch bei dem Fest der Alten Musik im Schloss von Rundāle auf. Was hat das alles bei euch für Eindrücke hinterlassen?
– Alles erschien uns so leicht und alles war sehr gut organisiert. Die Menschen, die bei der Leserreise mit „Svētdienas Rīts“ mitfuhren und die ich in Petersburg kennen gelernt habe, waren wirklich einmalig! Wenn meine Mutter früher erzählt hatte, wie wunderbar hier die Menschen seien, da habe ich oft gedacht, dass sie doch ein wenig übertreiben würde….Aber als Mama sich den Fuß gebrochen hatte und daher nicht eure Fremdenführerin in Petersburg sein konnte, empfand ich, als ich an ihrer Stelle bei euch in Petersburg in den Bus einstieg,

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sofort, dass ich es mit wunderbaren Menschen zu tun habe. Uns ist in Petersburg alles gut gelungen, aber in Lettland war es noch schöner, denn wir wurden dort überall liebevoll erwartet. Zuerst waren wir in der Kirchengemeinde Sigulda bei lieben Menschen, und dann in der St. Johanniskirche in Riga, wo uns Pfarrer Juris Zariņš erwartet hat. Sehr gut versorgt hat uns Pfarrer Ivars Jēkabsons. In Jaunpils war es auch wunderbar; dort sind wir so vielen lieben Menschen begegnet! Ich habe mich sehr wohl gefühlt. Die Kinder hatten die gute Möglichkeit, an schönen Stellen zu singen. Sie singen geistliche Musik, aber die singen wir in St. Petersburg in den Klassen, weil die Orthodoxen keine solche Musik haben, die man in den Kirchen singen kann. Hier hatten wir die Möglichkeit, in solchen alten Kirchen zu singen, wie ihr sie in Lettland habt. Das Fest der Alten Musik in Rundāle war für uns auch ein sehr interessanter Eindruck.
– Wie sehen eure Zukunftspläne aus?
– Alle möchten hierher zurückkehren. Nicht nur meine Kinder, sondern auch alle Pädagogen, Eltern und Kinder waren wie verzaubert. Die Schule unserer Gesangslehrerin Lidija Stojanova ist einmalig, aber auch bei uns verstehen viele sie nicht. Sie fragen, weshalb die Kinder eine so komplizierte Musik wie die geistliche Musik erlernen und singen müssten? Aber wenn sie gehört haben, wie unsere jungen Menschen diese Musik singen, dann begreifen sie, dass dieses für sie die richtige Schule ist. Ich denke, dass wir allen das Beste zeigen müssen, was die Menschen machen können. Auch international. Nach den Konzerten waren eine Reihe von Musikschulen an Zusammenarbeit interessiert. Der ehemalige lettische Generalkonsul in Petersburg Juris Audariņš sagte, dass er seinen Augen nicht getraut hatte, dass so viele junge Menschen zur Kirche kamen – 13 und 15 Jahre alt, die auf diesem so hohen Niveau singen konnten.
– Was von dieser Reise ist dir am eindrucksvollsten haften geblieben?
– Das kann ich noch nicht analysieren, doch ich bin voll von Empfindungen – voll von Musik. Gefühlen, geistlichen Erfahrungen und Emotionen. Hier haben wir das volle Leben erfahren, wie es im Idealfall sein sollte. Es war eine solche Fülle von Dingen, von denen mir nichts leid getan hat. Für uns war es eine große Arbeit, aber Gott hat uns dafür die notwendige Kraft geschenkt.

Eine Reise zu den wichtigsten Stätten des Lebens und des Wirkens der ersten lettischen Bischofs der ELKL Kārlis Irbe Voldemārs Lauciņš, Glied der Kirchengemeinde Mežaparks
Am 7. August sind 150 Jahre vergangen, seit im Dorf Gaiķi dem Pächter Kristaps Irbe und seiner Ehefrau Lavīze geb. Dišlere der Sohn Kārlis geboren wurde, der am 23. Februar 1922 zum ersten Leiter der Lutherischen Kirche Lettlands gewählt wurde. Dieses bedeutenden Jubiläums von Kārlis Irbe wurde auf vielfache Weise sowohl in der Kirche als auch in den Breiten der Gesellschaft gedacht – durch Treffen, Konferenzen und Augenblicke des Gedenkens, mit der Absicht sich vertieft mit dem Leben und Werk dieser so bedeutenden Persönlichkeit zu befassen, die nicht nur durch die zeitliche Entfernung sondern durch die heutige so völlig andere wirtschaftliche und soziale Situation den Menschen der Gegenwart ohne Grund zu entgleiten droht.
Dieser Beitrag zu diesem großen Jubiläum möchte die Eindrücke wiedergeben, die man erhalten kann, wenn man die für das Leben von Kārlis Irbe wichtigsten Stätten in Lettland bereist. Sie sind entstanden bei mehrfachen Reisen und Veranstaltungen im Sommer 2011 und vom Interesse daran angetrieben, ob man wohl auch die Leser dieser Zeilen näher mit den Stätten bekannt machen könnte, an denen Irbe gelebt und gewirkt hat. Eine solche Reise gewährt einen Einblick, wenn auch keinen allzu großen, in die Umgebung, in der Irbe geboren

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wurde, aufwuchs und sich geistig gefestigt hatte. Kārlis Irbe – der Christ, ein bewusstes Glied der Gesellschaft und der Kirchenleiter. Unsere Reise macht an drei Stationen Halt, die im Leben Irbes eine wichtige Rolle gespielt haben – in seinem Geburtsort Gaiķi, in Dzērbene und Drusti, wo er über siebzehn Jahre seines Lebens Dienst getan hatte. Diese Reise findet natürlich in Riga ihren Abschluss.
Das Dorf Gaiķi
Der Tage der Kindheit von Kārlis Irbe im Dorf Gaiķi wird nur sehr wenig gedacht. Weder er
selbst noch jemand, der ihm eng verbunden war, hat diesen Lebensabschnitt des Bischofs beschrieben. Der Forscher unserer Tage muss sich mit den wenigen zufrieden geben, was aus einigen wenigen späteren Aussagen von Kārlis und aus einigen Bemerkungen von Zeitzeugen hervorgeht. Eine der wenigen Kindheitserinnerungen von Irbe an seine Kindheit ist eine vergleichende Betrachtung der Zeit der Gegenwart mit der Zeit seiner Kindheit. „Damals gab es noch keine Flugzeuge, Autos, keine Studentenverbindungen, keine Dauerwellen, keine Lippenstifte, keine Lebensmüdigkeit, keinen Selbstmord, keine Wechsel. Damals gab es kein Kind, das die 10 Gebote nicht kannte, es gab kein gefälschtes Geld und keine Diebe. In unserem Dorf gab es wohl einen , aber der war nicht voll zurechnungsfähig und stahl nur alte Stricke und alte Schuhe. Die Türen wurden einfach zugemacht, damit das Vieh nicht in das Zimmer herein kam. Ja, damals gab es fast nichts von dem, was wir in unseren „dunklen Zeiten“ die Fülle hatten. Aus Dokumenten geht hervor, dass er in der Familie mit vier Kindern das jüngste war. Sein Vater starb, als er noch ein Kind war. Seine älteren Brüder versorgten ihn mit Sandalen. Die Irbes waren zuerst Pächter aber sie rückten später in den Stand des Hauswirts auf. Somit wurden während seiner Kindheitsjahre die Grundlagen für sein späteres handwerkliches Können gelegt.
Das Dorf Gaiķi liegt etwa 20 km von Saldus entfernt fast direkt in nördlicher Richtung. In diese Richtung bewegen wir uns auch, um die Heimatforscherin des Dorfes Gaiķi Hermine Edelmane zu besuchen. Ein Schotterweg führt zum einstigen Gut, in dessen Knechtshaus der spätere Bischof Kārlis Irbe geboren wurde. Doch damals diente dieses Haus nicht zum Wohnen für die Knechte, sondern für den Landpfleger des Gutes und liegt an einem Abhang, auf dem ein Bach zum Fluss Imula hinfließt. Eine schöne Schlucht mit einem Einschlag von Bäumen öffnet den Blick auf eine liebliches Panorama weiter als bei einer Ebene.
Unser Weg führt uns weiter zum Pfarrhof, wo der Pfarrer von Gaiķi Kārlis Irbe getauft hat und die Kinder ihren ersten Religionsunterricht erhalten haben. Jetzt ist dort alles zugewachsen und liegt in Trümmern, der „Zahn der Zeit“ hat kräftig an dem genagt, was der Krieg noch verschont hatte Vor über achtzig Jahren war Irbe in Gaiķi zum letzten Mal zu Gast und hat dabei auch in den Pfarrhof hineingeschaut. Die lettischen Gemeindeglieder mussten, wenn sie zum „Herrn Pfarrer“ wollten, durch die Küche gehen und mussten im Sprechzimmer stehen, denn der einzige Stuhl, der dort stand, kam nur dem Pfarrer zu.
Unser letzter Haltepunkt in Gaiķi ist das Haus, das mehr als sieben Jahrzehnte (1856-1920) die Dorfschule beherbergte. In den „Blütezeiten“ haben über 150 Kinder diese Schule besucht. Die Ausmaße der Schule lassen mich nachdenken und nachfragen. Heimatforscherin Hermine Edelmene wiederholt das mit sicherer Stimme und fügt dem einen interessanten Bericht hinzu darüber, dass die Kinder ihre mitgebrachten Kartoffeln hier gekocht haben. Jeder von ihnen tat sie in das eigene Töpfchen, und wenn die Kartoffeln gar waren, zogen sie ihren Sack mit der Verpflegung heraus, öffneten ihn und aßen. Kārlis Irbe hat hier sein erstes Schuljahr verbracht. Seit die Schule in den ersten Jahren des Bestehens der Republik Lettland in das einstige Gutsgebäude verlegt worden ist, wurde dieses Haus vergrößert und diente als Haus des Gemeinderates. Heute befindet sich hier die Bibliothek des Dorfes Gaiķi und dient

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damit weiterhin der Fortbildung der Einwohner des Ortes.
Nachdenklich verlassen wir diesen Ort. Hier wurde Kārlis Irbe geboren, hier ist er aufgewachsen und hier hat er seine ersten Schritte getan bei seiner Entwicklung zu einem der bedeutendsten Pfarrer, zu dieser bedeutenden Persönlichkeit der Gesellschaft und zum mutigen Bekenner des Glaubens.
Dzērbene und Drusti
In Livland hatten bereits vor der Unabhängigkeit des Staates Lettland die Letten in vielen Kirchengemeinden das Recht, Mitglieder des Kirchengemeinderates zu sein und damit die gleichen Rechte zu haben wie die deutschen Barone bei Entscheidung wichtiger Fragen wie bei der Wahl eines neuen Pfarrers. Zur gleichen Zeit wurden dagegen in Kurland durch die deutschen Gutsbesitzer die Rechte der lettischen Gemeindeglieder vermindert. Zu der Zeit verbreitete sich in Piebalga und in anderen lettischen Kulturzentren wie auch in Dzērbene und Drusti der Ruhm des am Ende seines Theologiestudiums an der Universität Dorpat stehenden Kārlis Irbe. Deshalb machten sich die lettischen Verantwortlichen in dem Augenblick, als die Kirchengemeinden Dzērbene und Drusti ohne Pfarrer waren, zu den Deutschen auf den Weg, und gaben ihnen bekannt, dass sie sich für Irbe entschieden hätten. Die Vertreter der deutschen Gutsherrenschaft hatten keine Einwände, obwohl es ihnen bekannt war, wie aktiv sich Irbe für die Angelegenheiten der Letten einsetzte. So wurde er hier zum Pfarrer berufen und eingeführt.
Die zur Propstei Cēsis gehörenden Kirchengemeinden Dzērbene und Drusti wurden als einander benachbarte Kirchengemeinden von einem Pfarrer betreut, bis die Kirchengemeinde Drusti nach dem Ersten Weltkrieg eigenständig wurde. Hier hat Kārlis Irbe mehr als 17 Jahre seines Lebens verbracht, und damit war das der Ort in seinem Leben, an dem er sich am längsten im Amt eines Geistlichen aufgehalten hatte. Während dieser Zeit wurde Irbe zum ersten lutherischen Propst lettischer Volkszugehörigkeit gewählt und berufen
Kārlis Irbe lebte damals im Pfarrhof in Dzērbene, der sich im Zentrum zwischen beiden Kirchengemeinden befand. Bis zur Kirche von Dzērbene hatte er einen Fußweg von 5 bis 10 Minuten. Das Wohnhaus dieses Pfarrhofes steht zwar noch, aber nach den langen Jahrzehnten der sowjetischen Besatzungsmacht ist von der ehemaligen Einrichtung und vom einstigen Aussehen kaum noch etwas übrig geblieben.
Wenn ein Fußgänger zur Kirche von Dzērbene hinkommen möchte, dann muss er den Weg bergauf zurücklegen. Dort steht das Gotteshaus stolz da, das sich vom Aussehen her stark von anderen „traditionellen“ lutherischen Kirchen unterscheidet. Davor steht eine Kolonade, welche sehr an die in alten Filmen zu sehenden Portale von Häusern russischer Gutsbesitzer erinnert. Die Einwohner von Dzērbene weisen des öfteren auf die Ähnlichkeit mit den Häusern deutscher Wolga-Kolonisten im Inneren Russlands hin. Nur ein kleiner Turm mit einer runden Kuppel und einem Kreuz darüber machen darauf aufmerksam, dass es sich hier um ein Gotteshaus handelt. Öffnet der Kirchenbesucher die Tür, so betritt er einen Vorraum unter dem Glockenturm. Wenn die Kirchenbesucher jetzt weiter gehen, so kommen sie in das Kirchenschiff hinein. Dieser rechteckige Raum wird mit der Kanzel auf der linken Seite und dem Altar an der Außenwand abgeschlossen. Zu beiden Seiten vom Altar gibt es Türen, die zur Sakristei und zu anderen Nebenräumen führen. Über der Tür zum Kirchenschiff ragt eine Empore in die Kirche hinein, auf der sich auch die Orgel befindet. Mit ihrem mächtigen Klang vermag sie leicht den Kirchenraum zu füllen. Mitarbeiter der Gemeinde berichten, dass die Orgel dringend einer Renovierung bedarf, doch die Ohren eines Laien lassen sich leicht vom sicheren Klang der Melodien täuschen und dadurch die Nuancen überhören. Doch der

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Zahn der Zeit macht sich unaufhaltsam weiter bemerkbar, und es fällt der Kirchengemeinde nicht leicht, ihr prächtiges Haus zum Lob Gottes zum Gebet und zur Anbetung in Ordnung zu halten. Während unseres Besuches ist der Glockenturm eingerüstet für die notwendigen Restaurierungsarbeiten.
Die Kirche von Dzērbene überrascht mit ihrem Unterschied im Aussehen zu den „gewohnten lutherischen Gotteshäusern“ aber auch durch ihre Ähnlichkeit mit der Kirche von Drusti. Beide Kirchen wurden fast gleichzeitig erbaut – in den 30er und 40er Jahren des 19. Jahrhunderts. Die Unterlagen belegen, dass das Gotteshaus von Drusti als erstes vollendet wurde, und erst darauf die Kirche von Dzērbene folgte. Um des Vergleichs willen sind alle Leser eingeladen, beide Kirchen nacheinander kennen zu lernen. Natürlich sind die Unterschiede bei den Details der Altarbilder nicht so wichtig, weil jede Kirche ihr eigenes Gemälde hat, und dass die Krche von Dzērbene ein wenig größer ist als die von Drusti, welche nicht so auffallend auf einem Hügel liegt. Doch der Reisende, der beide Gotteshäuser nacheinander besucht, wird das Empfinden bei der zweiten Kirche nicht los, „dass er hier doch bereits gewesen sei.“
Der Kirchengemeinde Drusti ist es besser gelungen, ihr Gotteshaus zu erhalten als der Kirchengemeinde Dzērbene. Wunderbarerweise konnte auch dort das Denkmal für die im Ersten Weltkrieg und in den Freiheitskämpfen gefallenen Söhne der Kirchengemeinde mit der Inschrift „Gott, segne Lettland“ die vergangenen Jahre des antichristlichen und gegen die Unabhängigkeit Lettlands gerichtete Bekämpfens durch die Besatzung überstehen.
Die unterschiedlichen Zeiten und die verschiedenen Erbauer waren stets bemüht, an der ihnen am nächsten gelegenen Art des Kirchbaues festzuhalten, und dabei die finanziellen Möglichkeiten zu berücksichtigen. Nach dem Durchschreiten beider Gotteshäuser hat der Gläubige oder der Besucher des Gotteshauses zwei Gotteshäuser besichtigt,, die sich voneinander durch ihre architektonische Lösung von anderen Kirchengebäuden unterscheiden und dadurch den Eindruck von der Vielfalt lutherischer Gotteshäuser bereichern. Dieser Rundgang durch beide Kirchen lässt mich unwillkürlich über die Zeit nachdenken, in der Kārlis Irbe dort gewirkt hatte. Den Reisenden des Jahres 2011 trennen mehr als ein Jahrhundert von jenen Jahren. Die uns zugänglichen Informationen machen uns deutlich, dass an den Gotteshäusern seit dem keine größeren Veränderungen vorgenommen worden sind. Somit können wir ganz sicher davon ausgehen, dass Kārlis Irbe damals die gleiche Tür geöffnet hat, durch die gleichen Reihen von Kirchenbänken geschritten ist und die gleiche Kanzel bestiegen hat, die wir auch heute vor Augen haben.
Nicht vergessen dürfen wir, etwas zu erwähnen, worauf die Leute in Drusti ganz besonders stolz sind – ein Gemälde, auf dem Kārlis Irbe dargestellt ist, in der Sakristei. Das ist ein ganz seltenes Gemälde. Darauf ist er bereits als Bischof zu sehen mit dem Überhang des Bischofs und mit dem Hirtenstab in der Hand. Dieses Bild ist offensichtlich zu Beginn seines Dienstes als Bischofs hergestellt worden.
Andere Orte, die im Leben von Kārlis Irbe von Bedeutung waren.
Am Beginn des Lebens spielten mehrere Städte in Kurland wie Aizpute, Saldus und Kuldīga noch eine Nebenrolle. In diesen Städten hat er als Schüler gelebt. Wenn auch die Zeit in Aizpute und Saldus ein Jahr nicht überschritt, so war K. Irbe sechs Jahre lang bis zum Jahr 1880 Schüler des Klassischen Gymnasiums in Kuldīga. Zu seinen liebsten Fächern gehörte nicht nur Religion, sondern auch Griechisch und Latein. Während dieser Zeit lebte er in einem kleinen Haus in einem kleinen Zimmer in der Rumbas iela. Noch 1927 als er als Bischof dienstlich in Kuldīga war, schritt er dort die Wege seiner Jugend ab und betrachtete das kleine Haus in der Rumbas iela.. Ein Jahr später brannte dieses ab. Mit 15 Jahren wurde K. Irbe in Kuldīga konfirmiert am 12. Dezember 1876, dem 3. Sonntag im Advent.

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Zwei Abschnitte seines Lebens hat K. Irbe in Riga verbracht. Der erste von 1905 bis 1917 war die Zeit, als er im nach Voldemārs Maldonis benannten Mädchengymnasium Religion und Deutsch unterrichtete.und später dessen Direktor wurde. Seine Tochter, die Missionarin Anna Irbe weist in einer Autobiographie darauf hin, dass ihr Vater zu der Zeit auch in einer der größeren Kirchengemeinden Rigas dienstlich tätig gewesen sei, aber die Biographie von K. Irbe verschweigt das. Die zweite und sehr bedeutende Epoche in Riga von 1920 bis 1934 hängt mit seinem Dienst zum Wohle der ganzen Kirche zusammen. Zwischen diesen beiden Epochen stehen der Erste Weltkrieg, die Revolution und die Freiheitskämpfe. Das Leben des Bischofs ist in dieser Zeit von tragischen Ereignissen geprägt. Seine Ehefrau Lūcija verstirbt und auch bei seiner Tochter Anna versterben ihr Ehemann und ihr Sohn..
Das Leben von K. Irbe in Riga ist mit zwei Kirchen verbunden – mit dem Dom und der St. Jakobi Kathedrale. Beide sagen sehr deutlich etwas über das Verhältnis zwischen dem Staat und der Kirche aus. Bis zum 10. Juni 1923 gehörte die St. Jakobi Kirche den Lutheranern und war auch gleichzeitig die Predigtkirche des lettischen lutherischen Bischofs. Die neue Regierung der Republik Lettland nahm den Lutheranern diese Kirche weg und übergab sie den Römischen Katholiken. Die Diskussionen über die Jakobikirche prägten den Beginn des Dienstes dieses Bischofs und viele seiner theologischen Ansichten und sein Verständnis von Kirchenleitung. Die Kontoverse um die Domkirche hängt indirekt mit dem Geschehen mit der Jakobikirche zusammen, und diese geschah gegen Ende seines Dienstes als Bischof. Auch der Streit un die Domkirche gibt Zeugnis von der theologischen Konsequenz Irbes. Hier tritt er, der sonst ganz lettisch und patriotisch ausgerichtet ist, gegen die von lettischen Nationalisten entfachten Leidenschaften auf, um die innerkirchliche Gemeinschaft unter den Christen zu verteidigen. Diese Ereignisse zeigen den Christen K. Irbe, dessen Fundament seines Lebens in die biblische Lehre und seine Leidenschaft, diese Lehre in der Praxis zu verwirklichen, eingebettet war.
Dennoch ist es sehr gut möglich, dass das bedeutendste Zeugnis über das Wirken von Kārlis Irbe seine Lieblingsidee vom Kirchlichen Gymnasium war. Sie begann mit einigen Klassen, bis ein eigenes, der Kirche gehörendes Schulgebäude erbaut war. Sein Interesse an der christlichen Erziehung der Kinder und der Jugend ist einer der größten Aspekte während der ganzen Zeit des Wirkens von K. Irbe sowohl während seiner Zeit als Pfarrer der Kirchengemeinde Dzērbene-Drusti und auch später als Bischof. Immer haben die Kinder und die Lehrer anerkennend die pädagogischen Fähigkeiten Irbes bei den Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gewürdigt. Sein erstes und umfangreichstes Druckerzeugnis ist das der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zugedachte „ABC der Glaubenslehre.“ In diesem Werk hat K. Irbe die biblische Lehre, Martin Luthers Katechismus und die neuesten pädagogischen Methoden mit dem Ziel, das Kind und den Jugendlichen mit Freude an die Lehre des Wortes Gottes heranzuführen, zusammengefasst, denn das stellt das ganze Leben auf den richtigen Grund.
Die soeben erwähnte Leidenschaft für die christliche Erziehung der Kinder und der Jugend motivierte den Bischof, den Bau des Gebäudes für das Christliche Gymnasium besonders aufmerksam zu verfolgen. Er war nicht nur bereit, Mittel aus seinem persönlichen Besitz dafür zur Verfügung zu stellen, sondern bezog ein bescheidenes Quartier neben dem Bauplatz, um jederzeit dabei zu sein. Der Bau war vor der außerordentlichen Synode des Jahres 1931 vollendet, in der Kārlis Irbe seinen Rücktritt vom Bischofsamt erklärte. Das neue Gymnasium war nicht nur ein moderner Bau sondern wollte auch daran erinnern, dass sich weltliche Weisheit dem Willen Gottes fügen müsste. Das wurde durch den Glockenturm mit einem illuminierten Kreuz darüber deutlich.. Zu Beginn der sowjetischen Besatzung wurde

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dieses kirchliche Gebäude konfisziert. Auch das Kreuz wurde zur Besatzungszeit abmontiert, aber dennoch diente das Gebäude weiter dem Schulunterricht. Heute ist dieses Gebäude in der Zvārdes iela 1 das Englische Gymnasium.
Das Ende der Reise
Der Lebensweg von K. Irbe reichte weiter als nur bis zu den Grenzen unserer Heimat, aber um das zu beschreiben fehlt uns die Zeit und der Platz. Deshalb lasst uns unsere Reise zu den Orten in Lettland, die im Leben von K. Irbe von Bedeutung waren, und bei der wir manches Mal unser Tempo verlangsamten und manches Mal beschleunigten, nun beschließen. Dem möchte ich noch einige zutreffende Worte von Kārlis Kundziņš Senior über K. Irbe hinzufügen: „Wer es erfahren und sehen konnte, dass die Bindung und Gewissenhaftigkeit des „armen Sünders“ Kārlis Irbe gegenüber dem Gesetz Gottes nicht auf der Stelle stehen blieb, sondern sich zur Freiheit der Kinder Gottes durch die Kraft des Evangeliums Jesu Christi leiten und einsetzen ließ, und wer das aufrichtig, freudig und glücklich tat, der kann auch bezeugen, wie freundlich, duldsam, mitleidend und helfend unser alter Vater Bischof Irbe ganz bewusst die Wahrheit des Wortes des Apostels Paulus erfahren hat: „Mir ist Erbarmung widerfahren!“
Soli Deo Gloria!

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Mazā Pils iela 4 – Riga – LV 1050
E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 23.08.2011)
Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Trotz des Umfanges habe ich auch bei dieser Übersetzung einige Beiträge nicht mehr einbeziehen können, wie den langen Bericht über das Gemeindeleben der lettischen Lutheraner in Irland. Aber da ich die Langmütigkeit meiner hoch verehrten Leserschaft nun bereits seit Jahrzehnten kenne, kann ich auch dieses Mal SR mit dem sicheren Empfinden beiseite legen, dass sie mir auch dieses Mal diese Unterlassung nicht allzu sehr ankreiden wird und statt dessen einige hoffentlich noch schöne Sommertage genießt, mit vielen herzlichen Grüßen begleitet von Ihrem Johannes Baumann

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