Verfasst von: liefland | Oktober 5, 2011

Ausgabe Nr 9 (1851) vom 17. September 2011

,In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis. Kol. 2,3.

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.
13. Sonntag nach Trinitatis Ausgabe Nr 9 (1851) vom 17. September 2011

Spalte der Chefredakteurin Inga Reča
(Bemerkung des Übersetzers: Inga Reča ist kurz vor dem Abfassen ihres Wortes der Chefredakteurin von einem Deutschkurs bei dem Martin Luther Bund in Erlangen zurückgekehrt. Außerdem standen in Lettland (am Samstag, den 17.09.) die Parlamentswahlen unmittelbar bevor. So ist dieses Wort sowohl von den bevorstehenden Wahlen in Lettland als auch vom Deutschkurs in Erlangen geprägt. J.B,)
Etwas über die Äpfel und die Ordnung.
Ich hoffe, dass diejenigen, die heute am 17. September „Svētdienas Rīts“ ihrem Briefkasten entnehmen, bereits bei der Wahl ihre Stimme abgegeben haben. Wenn nicht, dann möchte ich sie bitten, es zu tun! Wenn auch die Kirche und der Staat voneinander getrennt sind, so sind wir doch auch Bürger unseres Staates Lettland, und somit es das auch die Pflicht eines und einer jeden, wenn wir es wirklich wollen, dass dieses Land weiter bestehen sollte.
Kürzlich habe ich folgenden Gedanken gelesen: Um zur Ordnung zu kommen, muss er davor Chaos gegeben haben oder mindestens Unordnung.
Hmmm – das ist schon eine interessante Behauptung, von der ich sagen muss, dass sie sich recht alltäglich anhört. Auch mir geht es so, dass ich, wenn ich beginne, eine Meldung oder ein Interview schriftlich wieder zu geben, ich in meinem Kopf nur einen Haufen von Wörtern habe, die sich bei dem Entstehen des Textes in Sätze gliedern, so dass am Ende die Gedanken durchaus lesbar werden. Manches Mal muss man aber auch etwas dafür tun, um das Chaotische fort zu bekommen.
Nun hatte ich vor Kurzem die Möglichkeit, fast einen Monat in Deutschland zu verbringen, um dort in Erlangen an einem vom Martin Luther Bund veranstalteten Deutschkurs teilzunehmen. Jedes Mal, wenn ich in Deutschland bin und mir dort Fotos aus der Nachkriegszeit ansehe mit den verwüsteten Städten und zerstörten Kathedralen, möchte ich sie besuchen und selbst in Augenschein nehmen, um mich davon zu überzeugen, dass dem mit Wissen, Verstand, zwei Händen und einem Herzen begabten Menschen wenn schon nicht alles, so doch vieles möglich ist. Meine persönliche These, zu der ich im Laufe von vielen Jahren gekommen bin, geht dahin, dass ich eigentlich einmal im Jahr ein paar Tage in Deutschland verbringen sollte, um mich davon zu überzeugen, dass Ordnung und ein geordneter Staat möglich sind. Natürlich, natürlich gibt es auch dort so manche Unvollkommenheit, aber dennoch…
Das Einzige, was mir in Deutschland fehlte (außer den mir nahen und lieben Menschen), das war der Geschmack unserer Äpfel, unseres Brotes, unserer Butter und unserer Milch. Denn sogar der Himmel über meinem Kopf war unserem Himmel sehr ähnlich…
Verbirgt sich das Gefühl von Heimat tatächlich in der Würze des Geschmackes?
Und – sind ein geordneter Staat und der Geschmack unserer Äpfel (Milch, unseres Fleisches und unseres Brotes ) wirklich Begriffe, die nicht miteinander zu vereinen sind?
Daran habe ich gedacht, als ich auf dem Wege war, um meine Stimme bei der Parlamentswahl abzugeben.

„Kein schöner Land…“ Inga Reča
„Kein schöner Land in dieser Zeit,/ als hier das unsre weit und breit,/ wo wir uns finden wohl unter Linden zur Abendzeit.“ Dieses schöne Lied aus dem 19. Jahrhundert ist eine von jenen drei volkstümlichsten Weisen, die man in fast jedem Kreis singt, der sich in Deutschland versammelt hat. Nach einem bei dem Martin Luther Bund bei dem Deutschkurs verbrachten

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Monat, der vom 16. August bis zum 10. September in Erlangen stattfand brannte sich dieses Lied wie ein Laserstrahl in meinem Herzen fest zusammen mit dem unbeschreiblichen Gefühl, das lutherische Brüder und Schwestern aus verschiedenen Ländern mit so unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und politischen Systemen miteinander vereint.
Einen herzlichen Dank den ungarischen Brüdern.
2012 ist es bereits 30 Jahre her, seitdem in der Zentrale des Martin Luther Bundes (MLB) in der Universitätsstadt Erlangen in der Nähe von Nürnberg im Bundesland Bayern die Deutschkurse jährlich stattfinden. Den entsprechenden Einfall hatten ungarische Pfarrer, die den Wunsch aussprachen, die deutsche Sprache im deutschen Umfeld zu erlernen. Seit 1982 wird den ausländischen Partnern der deutschen Kirche – Pfarrern und Laien – die Möglichkeit geboten, fast einen Monat bei aktivem Studium der deutschen Sprache in Erlangen zu verbringen.( Das muss ich sofort dadurch ergänzen, dass diese Kurse nur ein winzig kleiner Teil aller Vorhaben sind, die der MLB bei der Zusammenarbeit mit fast allen lutherischen Kirchen Europas verwirklicht. Auch unsere Kirchenzeitung, die Sie jetzt in der Hand haben, kann seit zwei Jahren nur deshalb erscheinen, weil uns der MLB eine bedeutende Unterstützung gewährt.)
In diesem Jahr gehörten wir beiden aus Lettland – die Verfasserin dieser Zeilen und Pfarrer Juris Morics – zu den 22 glücklichen Kursteilnehmern aus 14 verschiedenen Staaten.
Der heiße Monat in Erlangen
Ich schreibe von den „glücklichen“ Kursteilnehmern deshalb, weil die Emotionen noch heute weiter große Wellen schlagen und dass man anders unseren fast einen Monat andauernden Seelenzustand nicht beschreiben kann. Die Menschen, die Geld gespendet haben, um uns die Möglichkeit zu schenken, die deutsche Sprache in Deutschland zu erlernen, haben wirklich für alles gesorgt – auch für die hoch zu lobenden Möglichkeiten der Unterbringung, für die gute Verpflegung und sogar für die Möglichkeit, deutsche Traditionen und deutsche Kultur kennen zu lernen. Echte deutsche Ordnung bei allen Dingen, für die der Hausvater der MLB Rainer Stahl sorgte, der jeden Tag gemeinsam mit Frederike Hirschmann und Pfarrer Martin Dietz mit uns verbrachte, und die vielen Helfer in der Küche und in der Wirtschaft des Hauses. Einen sehr, sehr herzlichen Dank ihnen dafür !
Bei der Rückschau auf diesen Monat den wir (hier gebrauche ich die Mehrzahl, denn ich weiß, dass mein Bruder in Christus Juris Morics ähnlich empfindet) zusammen mit den Brüdern und Schwestern aus Estland, Litauen, Russland, Finnland, der Slowakei, aus Slowenien, Ungarn, Tschechien, Polen, Rumänien, den Niederlanden und Italien verbrachten, müssen wir auch zugeben, dass dieses kein gewöhnlicher Sprachkurs war. Jeder Morgen begann mit einer Andacht in der schönen Kapelle, die sich danach zu einem Unterrichtsraum für unseren kleinen Kreis verwandelte. Zwei Mal in der Woche fanden die Abendandachten und an den Sonntagen die Gottesdienste jedes Mal in einem anderen Gotteshaus statt. Durch das alles konnten wir fast körperlich die große Liebe und den großen Segen Gottes spüren – bei dem gegenseitigen Verhalten der Menschen und bei allen unseren Veranstaltungen. Auch im Unterricht und sogar in der Natur. Zuerst hatten wir es mit einer gewaltigen Hitze zu tun, bei der das Termometer 34 Grad anzeigte. Diese Hitze wurde von warmem Wetter abgelöst, worauf sich plötzlich in einem Augenblick der Herbst einstellte. Den freien Teil des Abends konnte jeder so nutzen, wie es ihm um das Herz war. Dabei konnte er in dem nahe gelegenen städtischen Schwimmbad im Freien plantschen, eine Tour mit dem Fahrrad zum in der Nähe gelegenen Wald machen, Gespräche führen usw. Unser italienischer Bruder Claudio, Organist der Kirchengemeinde Genua, verbrachte die Mittagspause jedes Tages damit, dass er in der Erlanger Neustädter Kirche Orgel übte. Da in Italien in den Kirchen eine echte Orgel eine

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Seltenheit ist und er in seiner Kirche eine elektronische Orgel spielen muss, war für ihn diese
Möglichkeit, wie er selbst zugab, ein wahres Gottesgeschenk. Ebenso war es ein Geschenk Gottes an uns, dass wir täglich dem wunderbaren Orgelspiel von Claudio lauschen konnten.
Fröhliche Klassengefährten und geduldige Lehrer
Natürlich haben wir die längste Zeit mit dem Studium der deutschen Sprache verbracht. Um zu fruchtbaren Ergebnissen zu kommen, wurden die Teilnehmer nach ihrem Wissensstand in drei Gruppen aufgeteilt. Weil Juris und ich bisher nur ein Jahr im Goethe Institut in Riga deutsch gelernt hatten, wurden wir beide der Gruppe der Anfänger zugeteilt. Unsere kleine Gruppe mit sieben Menschen, war sehr bunt zusammengesetzt, denn zu ihr gehörten: Martha – eine polnische medizinische Assistentin, die bereits seit 12 Jahren in den Niederlanden lebt,
Eunika, eine Tschechin mit diesem griechischen Vornamen, deren Vater und Großvater Pfarrer sind und sie selbst Theologie studiert, Andreas, ein ehemaliger armenischer Ingenieur, der jetzt Prediger ist, der in Saratow (in Russland an der Wolga) die lutherische Kirche aufzubauen hilft; Natalija, eine Russin aus der geschlossenen Stadt Krasnoturinsk im Ural, eine treue Mitarbeiterin ihrer Kirchengemeinde, denn sie verbringt ihre ganze Zeit vom frühen Morgen bis zum späten Abend im Gotteshaus, sowie der Liebling aller Claudio, Toningenieur und Organist der lutherischen Gemeinde in Genua, und wir beiden Letten. Unsere wunderbare Lehrerin Frau Evelin Albrecht, emeritierte Pastorin aus Hamburg hatte keine leichte Aufgabe, die Grundlagen der deutschen Sprache in verschiedenen Sprachen (nur nicht in der deutschen) weiter zu vermitteln, und dazu auch an so temperamentvolle Leute, die alle – ich weiß nicht, weshalb – auf einer Welle der Freude surften. Gelegentlich vergaßen wir sogar, dass wir alle schon Menschen in einem würdigen Alter waren, die sich aber ab und an um Jahrzehnte in ihre Schulklasse zurück versetzt fühlten… Die Sprache erlernten wir sowohl durch die komplizierte deutsche Grammatik, wobei uns der Dativ und Akkusativ bis in den Traum hinein verfolgten, als auch durch Scherze und durch Lachen. Und tatsächlich, dank dieser so lockeren Kommunikation, stellte sich die Sprache bei uns ganz ungezwungen ein. Ganz ehrlich gesagt, ich wäre selbst im Traum davor nicht auf den Gedanken gekommen, dass ich im Laufe eines knappen Monats mich vom Ausgangspunkt Null so weit nach vorne bewegen könnte, dass es mir möglich gewesen wäre, kleine Geschichten zu Papier zu bringen sowie mich mit meiner gastgebenden Familie über die Möglichkeiten des Einkochens von Hollunderbeeren zu unterhalten. Und das alles – weit entfernt von jeder grammatikalischen Vollkommenheit – dennoch in deutscher Sprache. Ist das nicht auch ein Wunder Gottes?
Die Perlen Deutschlands – das Land der Bayern und Franken
An jedem Samstag und Sonntag hatten wir die Möglichkeit, die lobenswerte Deutsche Bahn zu benutzen, um die Städte in der Nähe besichtigen zu können, die wahre Perlen deutscher Kultur und Architektur sind. Die barocke Stadt Bamberg, das nach dem Zweiten Weltkrieg fast ganz neu wieder aufgebaute Nürnberg, die Stadt Richard Wagners Bayreuth, sowie die Fränkische Schweiz mit den wunderschönen Berglandschaften. Dank unserer Lehrerin Frau Albrecht, die uns mit ihrem BMW (ein wahres bayerisches Symbol) in das eigentliche Herz Bayerns München entführte. Ein unersetzbarer Teil der bayerischen Kultur ist das Essen und das Trinken. Du bist eigentlich nicht in Bayern gewesen, wenn du nicht Nürnberger Bratwürste und Münchener Weißwürste und dazu Salzkringel und das örtliche Bier getrunken hast. Dazu muss ich bemerken, dass sich an jeder Ecke in Bayern eine Bierbrauerei befindet (mindestens gab es bei uns in Erlangen gleich um die Ecke eine) und dass die Bayern diejenigen sind, die in der Welt das meiste Bier verkonsumieren. Und dazu muss ich auch noch sagen, dass mein Patriotismus im Bezug auf das lettische Bier einen Knacks erhielt,

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denn so gut wie in Bayern hat mir noch nie ein anderes Bier auf der Welt geschmeckt.
Einen besonderen Kolorit verleiht der bayerischen Landschaft im Unterschied zu der übrigen globalisierten Welt der Boom von Volkstrachten, und dass diese von alten und jungen Leuten auch getragen werden
Was ist eigentlich Bayern und das zu ihm gehörende Franken? Wenn wir die Karte betrachten, ist das Land der Franken das einstige Territorium der Franken, und dieses befindet sich im Zentrum Bayerns – wo Nürnberg, Bamberg und Erlangen liegen. Man kann auch sagen, dass Franken der protestantische Teil Bayerns ist, denn hier hat sich die lutherische Reformation durchgesetzt. Dagegen haben sich im übrigen Teil Bayerns, wie zum Beispiel in München, die Protestanten erst zu Beginn des 19.Jahrhunderts blicken lassen.
Grüße an Lettland von alten Freunden
Einen besonderen Liebesglanz strahlte in Deutschland das Treffen mit alten Freunden aus, mit Brüdern und Schwestern in Christus, die alle ihre Freunde in Lettland grüßen ließen! Als wir erfuhren, dass wir alle – die Schwester aus der lettischen Kirchengemeinde in St. Petersburg, Erzbischof Elmārs Ernsts Rozītis und ich zum Treffen der Letten aus drei Ländern im 200 km entfernten Bad Neustadt an der Saale ( was nach deutschen Vorstellungen sehr nahe ist), und was wir bereits bei dem Kirchentag der Diözese Liepaja verabredet hatten. Dank der Gastfreundschaft unserer deutschen Freunde hat dieses „internationale“ Treffen der Letten bereits stattgefunden.
Und es musste auch wirklich so sein, dass der in Lettland von vielen hoch verehrte langjährige Rektor der Luther Akademie in Riga Reinhard Slenczka und seine Ehefrau Gisela ausgerechnet in Erlangen leben. Mit großer Liebe und Gastfreundschaft nahmen sie Juris und mich bei sich auf und zeigten und Bamberg und die fränkische Schweiz. Wir besuchten sie auch in ihrer Wohnung, wo wir uns Fotos von ihren Söhnen und deren Familien anschauten und uns berichteten, was sie jetzt täten. Bei diesem Treffen gab es auch die Gelegenheit zu ernsthafteren Gesprächen. Sie sind eifrige Lesung unserer Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts.“
Besonders betrübt hat den Professor die betrübliche Nachricht, dass bei dem Umzug der Luther Akademie ein Teil der Bibliothek der LA erheblichen Schaden genommen hätte. Einen großen Teil seiner Zeit nimmt die Erarbeitung seines Standpunktes zum Beschluss der EKD in Anspruch, der es homosexuellen Paaren gestattet, von denen einer Pfarrer ist, in einem Pfarrhaus zusammen zu leben. Der Professor sagte, dass er keine Zeitungen mehr lesen würde, aber mit Ungeduld die nächste Ausgabe unserer Kirchenzeitung erwartete, denn nach seiner Ansicht sei „Svētdienas Rīts noch eine der wenigen echten Kirchenzeitungen. Ist sich die Kirche Lettlands wirklich der Rolle bewusst, die sie im europäischen Kontext zu spielen hat?
Alle unsere Gespräche fanden in lettischer Sprache statt. Wir waren sehr überrascht, dass sowohl Frau Gisela als auch der Professor sich noch so gut an diese Sprache erinnern! Und weshalb auch nicht – denn jeden Morgen üben sie sich in dieser Sprache dadurch, dass sie einige Stunden damit verbringen, dass sie komplizierte lettische Texte lesen und übersetzen. Nebenbei erfuhren wir, dass Frau Gisela inzwischen ein großer Fußballfan geworden sei, die kein Spiel auslässt, was der Professor halb im Scherz mit dem Satz kommentiert: „Ich habe inzwischen ein Alter erreicht, in dem ich tun darf, was ich möchte.“
Summa summarum
Wie können wir diesen Monat zusammenfassen? Das können wir mit einem Satz aussprechen: Dank sei Gott und den Menschen für diese wunderbare Liebesgabe!

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Der Dom zu Riga wurde in diesem Jahr 800 Jahre alt. Inga Reča, Gunita Āre
Im Juli sind genau 800 Jahre vergangen, seit in einer feierlichen Handlung unter der Leitung von Bischof Albert im Jahr 1211 der Grundstein für den Dom zu Riga gelegt wurde. Dieser bedeutenden Handlung gedachte die Domgemeinde in Riga sowohl mit einer Festwoche vom 25. bis zum 31 Juli als auch mit dem wertvollen Projekt der Restaurierung, an dem sich auch die Kommunalverwaltung und die Europäische Union mit einem Gesamtbetrag von etwa 4
Millionen Lats beteiligen werden. Der Dom zu Riga ist für Touristen das beliebteste Objekt ihrer Besichtigungen, wenn sie die Hauptstadt Lettlands Riga besuchen. Die umfangreichen Restaurierungsarbeiten müssen bis zum Jahr 2014 abgeschlossen sein. wenn Riga Kulturhauptstadt Europas sein wird.
Der Dom zu Riga, der schon selbst ein einmaliges Denkmal der Kultur ist, birgt in sich viele Schätze – darunter die sterblichen Überreste St. Mainhards, des ersten heute noch bekannten Missionars Livlands. Der Kanonikus Meinhard des Augustinerklosters im unweit von Lübeck gelegenen Segeberg traf in Livland etwa im Jahr 1180 ein
Das kürzlich restaurierte Wandgemälde am nördlichen Eingang des Domes „Die Krönung St. Mariens“ halten Kunstwissenschaftler für das älteste erhaltene Wandgemälde im Baltikum, das mit dem Datum Anfang des 14. Jahrhunderts versehen ist. Der Altar, das Altargestühl, die Farbfenster, die Grabsteine und die Gemälde – fast alles, was sich im Dom befindet, ist von einmaliger Bedeutung für die Kultur, – auch die Markierung, mit der der Wasserstand bei der Flut des Jahres 1709 angezeigt wird.
Der Dom zu Riga ist die Kathedrale des lutherischen Erzbischofs. Mindestens einmal im Monat predigt der derzeitige evangelisch-lutherische Bischof Jānis Vanags hier im Gottesdienst. Nach der Ansicht des Pfarrers der Domgemeinde Elijs Godiņš gehören zu den stärksten Seiten des Domes die Ökumene und die kirchenmusikalische Tradition.
In der ganzen Welt bekannt ist die unvergleichbare Orgel des Domes zu Riga. Als sie damals in den Jahren 1883-1884 gebaut wurde, war sie die größte Orgel der Welt. Heute hat sie allerdings diesen Ruhm nicht mehr, aber Experten halten sie für eine der weltweit wertvollsten historischen Orgeln, die nicht umgebaut und dem Geschmack der Zeit angepasst wurden, die ihr altertümliches Aussehen und ihre ursprüngliche Intonation bewahrt haben. Der Bau der Domorgel war am Ende des 19. Jahrhunderts ein Ereignis von europäischem Rang im Kulturleben des Kontinents. Der berühmte Komponist Franz Liszt hat aus diesem Anlass eine Fantasie über den Choral „Nun danket alle Gott“ komponiert. Auch in der heutigen Zeit finden alle Konzerte von höchstem Prestige im Dom zu Riga statt.
Zur Bedeutung und zum Standort des Domes ist zu bemerken, dass sich der Dom im Zentrum der Altstadt von Riga befindet, und dass es kaum eine Gruppe von Touristen gibt, die an ihm vorbei geht. Doch ist dieses Gotteshaus für jeden Letten etwas ganz Besonderes – sei es durch seine Gottesdienste, die Konzerte oder durch die Zeit der Barrikaden, bei der im Januar 1991 (kurz nach dem Zusammenbruch der UdSSR) sich der Dom in ein Lazarett oder eine Stätte, in der Erste Hilfe geleistet wurde, und zu einem Ort des seelsorgerlichen Beistandes für die Wächter Rigas verwandelt hatte.
„Wir möchten eine Stätte werden, in der alle Platz haben, und in der man bei aller Verschiedenheit in Liebe zusammen leben kann. Das heißt nicht, dass wir unsere Identität verlieren möchten, sondern uns sehr vielen und sehr unterschiedlichen Menschen öffnen wollen, sowohl denjenigen, die hier nur Musik anhören und die kulturhistorischen Schätze bewundern, als auch denjenigen, die ein intensives geistliches Leben haben und die das Heilige Abendmahl täglich empfangen möchten. Diese Möglichkeit haben wir, denn an jedem

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Morgen eines Werktages beginnt um 8 Uhr ein Frühgottesdienst. Wir sind froh und dankbar, dass wir so vielen und so unterschiedlichen Menschen dienen und sie auf ihrem Wege zu Christus ansprechen können,“ sagt Domdekan Elijs Godiņš.

Luther Akademie wählt neue Leitung. Ivars Kupcis
Am 23. August fand die erste Sitzung der Verfassungskommission der Luther Akademie statt, in der die neue Leitung der Luther Akademie (LA) gewählt und deren neue Verfassung bestätigt wurde. Die Sitzung begann mit einer Andacht, an der die Studenten und Dozenten der LA teilnahmen und die von Erzbischof Vanags gehalten wurde. In der Versammlung der Verfassungskommission wurden darauf die leitenden Institutionen, der Rektor und der Senat der LA gewählt. Zum neuen Rektor der LA wurde mit einer überzeugenden Mehrheit der Erzbischof der ELKL Jānis Vanags gewählt. Der zweite Bewerber um das Amt des Rektors war Pfarrer Dr. Didzis Stilve.
Als Mitglieder des neuen Senats der LA wurden gewählt der Dozent der LA Pfarrer Dr. Guntis Kalme, Pfarrer Dr. Didzis Stilve, Dr. Sandra Gintere, Vilis Kolms, Pfarrer und Seelsorger der LA Juris Zariņš, der bisherige Leiter der Verwaltung der LA Pfarrer Indulis Paičs, die Studenten der LA Kaspars Bērziņš und Romāns Kurpnieks sowie als Vertreterin der ELKL Helēna Andersone. Die Verfassungskommission wählte auch in dieser Sitzung die Schiedskommission der LA, zu der nun Pfarrer Dzintars Laugalis, Pfarrer Aivars Gusevs, Laila Čakare und Ilze Sprance gehören. Als Revisoren wurden die Mitglieder der Revisionskommission der ELKL Juris Narkevičs, Iveta Ilsuma und Māra Līguta wieder gewählt Zur Verfassungsversammlung der LA gehören Vertreter die das Personal und die Studentenschaft sowie die Gründerin der LA – die ELKL – aus ihrer Mitte gewählt haben Von der Seite des Personals der LA nahmen an der Sitzung Dr. Didzis Stilve, Laila Čakare, Ilze Sprance, Vilis Kolms, Juris Zariņš und Indulis Paičs teil. Die Studentenschaft der LA wurde durch Kaspars Bērziņš und Romāns Kurpnieks vertreten und die ELKL durch Bischof Pāvils Brūvers und die Assistentin des Erzbischofs Helēna Andersone vertreten.
Zum ersten Mal seit dem Bestehen der LA wurde auch die Verfassung der LA beschlossen, welche die Arbeitsprinzipien dieser Bildungsinstitution festschreibt. Nach dem Gesetz muss dir Verfassung aber noch vom Bildungsministerium und vom Wissenschaftsministerium der Republik Lettland genehmigt werden. Die LA setzt den Prozess der Anerkennung der LA durch die staatlichen Ministerien fort und hofft, dafür die nötigen Unterlagen noch in diesem Herbst vollständig zusammen zu haben. Pfarrer und Dozent Indulis Paičs erläutert das damit, dass die staatliche Anerkennung eine gewisse Qualität für den weiteren Studienverlauf in der LA garantiert und den Absolventen der LA die Möglichkeit verschafft, diesen Abschluss mit der staatlichen Anerkennung zu beenden. Im neuen Studienjahr hat die LA für das Theologiestudium für das Pfarramt 5, für das Studium der Kirchenmusik 3 und für die Ausbildung von Mitarbeitern der Kirchengemeinden 7 Studierende aufgenommen. Am 9. September begann auch die Kleine Luther Akademie (KLA) mit ihren Kursen, die sich in diesem Semester mit der Exegese des Buches des Propheten befassen und die von Laila Čakare geleitet werden und gibt unter der Leitung von Anete Sviķe eine Einführung in die christliche Kunst.

Meldungen aus der Erzdiözese Riga
– Mit Wirkung vom 8. Mai wurde der Pfarrer Aivars Gusevs zum Pfarrer der Kirchengemeinde Sloka ernannt. Davor hat er den Pfarrdienst in den Kirchengemeinden St.

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Annen in Jelgava, Kalnciema-Klīve, Sesava und Dalbe wahrgenommen. Hilfspfarrer Varis Bogdanovs begann am 18. August seinen Dienst als Pfarrer der St. Trinitatisgemeinde in Riga..
– Am 3. Mai fand das Ordinationsexamen von 3 Kandidaten statt (Haralds Biete, Atis Freipičs und Ainars Rendors) .Zum Examen für Evangelisten hatten sich 11 Bewerber gemeldet, von denen einer aus Gesundheitsgründen nicht zur Prüfung erscheinen konnte. Alle anderen bestanden die Prüfung mit Erfolg.
– Am 15. Juni fand in einem Gottesdienst zum Abschluss des akademischen Jahres der LA ein Gottesdienst statt, in dem der Propst der Propstei Riga Linards Rozentāls folgende Evangelisten für ihren Dienst einsegnete: Kaspars Bērziņš (zum Dienst in der St. Johanniskirche in Riga), Kārlis Irbe, der zum Dienst in der Jesusgemeinde in Riga zur Verfügung steht. Am Sonntag Trinitatis wurde in der Kirche von Lazdona Guntars Agris Paegle in das Amt eines Evangelisten eingeführt. Er steht ab sofort mit seinem Dienst dem Propst von Madona zur Verfügung
– Am 17. Juli wurde in der Kirche von Sloka Vladimirs Pejuškēvičs in das Amt eines Evangelisten eingesegnet und am 11. September wurde Evangelist Aigars Vančenko in seinen Dienst in der Kirchengemeinde Garkalne im dortigen Gotteshaus eingeführt.
– Der Evangelist Agris Pilsums wurde zusätzlich zu seinem Dienst in der Kirchengemeinde Kalnsava mit Wirkung vom 1. Juli mit der Hilfeleistung auf Anweisung des Propstes von Madona in den Kirchengemeinden Madona und Cesvaine beauftragt.
– Ab dem 9. August wird bis auf weiteres Pfarrer Jānis Ginters seinen Dienst in der Neuen St. Gertrud Gemeinde in Riga nicht wahrnehmen. Der Dienst wird dort für das erste von den Pfarrern Juris Zariņš und Elijs Godiņš stellvertretend wahrgenommen.
– Seinen Dienst in den Kirchengemeinden Dubulti hat Pfarrer Ivo Grantiņš am 1. September beendet und Pfarrer Gundars Bērziņš wird seinen Dienst in der Kirchengemeinde Ādaži am 25. September beenden.
– Am 3. September führte Erzbischof J. Vanags Pfarrer Magnus Begtson in das Amt des Propstes von Gulbene ein.
– Pfarrer Dainis Markovskis ist seit dem Beginn seines Dienstes in der Kreuzkirchengemeinde in Melbourne in Australien aus dem Verzeichnis der Pfarrer der ELKL gestrichen worden.
– Sieben den Dienst eines Pfarrers ausübenden Hilfspfarrer hat Erzbischof J. Vanags zu Pfarrern ernannt. Am 2. Oktober wird der Erzbischof um 11 Uhr im Gottesdienst der St. Johanneskirche in Cēsis an Pfarrer Ainis Ozoliņš das Umhängekreuz als Dienstzeichen eines Pfarrers überreichen. Als Pfarrer wird er künftig dem Propst von Cēsis zur Hilfeleistung zur Verfügung stehen, aber gleichzeitig ist er auch der Leiter des Unternehmens der Kirche „Pastorat“, das für die die kirchlichen Immobilien zuständig ist.
– Am 8. Oktober um 11 Uhr wird der Erzbischof das Amtszeichen des Pfarrers in der St. Simoniskirche in Valmiera Ģirts Kalniņš, Edijs Kalekaurs und Andris Vilemsons überreichen, und am 23. Oktober um 11 Uhr wird Bischof Guntars Dinants das Amtszeichen an Zigmars Ziemanis in der Kirche von Smiltene überreichen.
– Zu Pfarrern wurden außerdem Roberts Otomers und Krišjānis Bulle ernannt
– Das Kapitel der Erzdiözese Riga kam am 16. Juni und 31 August zu zwei Sitzungen zusammen.

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Bei der Kirche von Limbaži wird der Turm restauriert. Ingrīda Briede
Im Sommer dieses Jahres haben viele Einwohner von Limbaži bestimmt ihren Blick auf einen der höchsten Punkte des Ortes gerichtet – auf den Kirchturm des lutherischen Gotteshauses von Limbaži. Dieser ist mit Strickleitern versehen worden, so dass die Alpinisten der Firma „Natur AG“ ihre Restaurationsarbeiten am Kirchturm beginnen können.
Die Holzkonstruktion des Kirchturms und die Deckung des Turmes wurden ausgewechselt. Dass diese Arbeiten durchgeführt werden konnten, ist dem Thüringer Gustav Adolf Werk und der staatlichen Denkmalsinspektion und vielen Spenden aus der Kirchengemeinde zu verdanken. Es wurde auch ein Blitzableiter eingebaut. Die Menschen in Limbaži möchten aus den bitteren Erfahrungen der Vergangenheit etwas lernen, denn im Geschichtsbuch der Kirche können wir lesen, dass der Kirchturm im 18. Jahrhundert durch Blitzschlag abgebrannt ist. In den nächsten Jahren muss die Turmspitze restauriert werden. Nun muss sich die Kirchenge- meinde den Kopf zerbrechen, wo sie die Mittel für diese Renovierung her bekommt, denn schon jetzt ist es klar, dass dieses kein billiges Vergnügen sein wird.
Dank des Ergebnisses bei einem Preisausschreiben konnte das Gemeindehaus einen neuen Anstrich seiner Fassade erhalten. Zur Zeit entsteht dort die Freitreppe, die aus Holz ist und in dem für sie typischen Stil wieder hergestellt wird. Diese Arbeiten werden vom Leiter des Forschungszentrums des Museums von Limbaži beaufsichtigt. Der grüne Innenhof des Gemeindehauses, der von der Kirchengemeinde im Sommer gerne für Veranstaltungen genutzt wird, bekommt dadurch wieder einen neuen Akzent.

„Zwanzig Jahre in Liebe zu Jesus.“ Ligita Ābolniece
Am 10. September gedachte die Kirchengemeinde Kārsava der 20 Jahre, seit dem sie nach dem Ende der sowkjetischen Besatzung wieder erstanden war. Den Festgottesdienst hielten der Bischof der Diözese Daugavpils Einārs Alpe, der Pfarrer der Kirchengemeinde Rēzekne Reinis Kulbergs und der Pfarrer der Kirchengemeinde Kārsava Mārtiņš Vaickovskis.
Zu diesem Ereignis hatten sich sehr viele Menschen zusammen gefunden. Es waren Gäste aus den Kirchengemeinden Balvi, Viļaka, Tilža, Rēzekne und Ludza angereist, und zu den Besuchern gehörten auch Glieder der Adventistengemeinde in Kārsava. Zum Fest sprachen auch die Vertreter der Kommune ihre Glückwünsche aus – die Bürgermeisterin Ināra Silicka und der Gemeindedirektor Pēteris Labanovskis. Den allerweitesten Weg hatte aber ein Gast aus Deutschland zurückgelegt – unser alter treuer Freund Michael Mauersberger, der die Glückwünsche der Partnergemeinde Grobern in der Ephorie Meißen und der Partnergemeinde der Kirchengemeinde Balvi in Meißen überbrachte. Das Jubiläumskonzert veranstalteten die Schüler der Musikschule von Kārsava, das Jugendensemble „Konsonanzen“ unter der Leitung von Ligita Žukovska und ein Ensemble aus Salnava unter der Leitung von Elvīra Bliene. Einer der wichtigsten Wünsche, die ausgesprochen wurden, war der, dass der Kirchengemeinde nie die Kraft ausgehen möge, die Kirche zu renovieren,
Die Kirchengemeinde nahm ihre Arbeit wieder auf nach dem nationalen Wiedererwachen 1991. Während der sowjetischen Besatzungszeit musste die Kirche als Kino herhalten. Als die Kirchengemeinde die Kirche wieder in ihren Besitz nehmen konnte, befand sich diese in einem entsetzlich schlechten Zustand. Die Fenster waren zugemauert, es gab keinen Strom, der Kirchturm war abgerissen, das Gebäude völlig umgebaut und Anbauten daneben gesetzt. In diesem Jahr renovierte ein Team der Kirchengemeinde die heilige Stätte Gott zur Ehre und sich selbst zur Freude. Es wurden die Gegenstände aus dem Besitz der Kirchengemeinde aufgearbeitet, es wurde ein neuer Altar errichtet. An der Stelle des einstigen Altarbildes

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befindet sich jetzt ein von Pfarrer Ķemeris gemaltes Bild, der selbst in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg Pfarrer dieser Kirchengemeinde war, und das den Guten Hirten darstellt.
Während der Sowjetzeit wurde dieses Bild im Bethaus von Baltinava aufbewahrt. In die Kirche wurden inzwischen zwei Fenster eingesetzt und eine Renovierung der Decke durchgeführt. Mit der Hilfe der Kirchengemeinde Grobiņa hat die Gemeinde wieder Bänke in der Kirche und mit der Hilfe unserer deutschen Partner sind wir wieder zu einer Glocke gekommen. Wir uns Gemeindeleiterin Aina Zandere berichtete, ist die Kirchengemeinde mit 18 Gliedern nur eine kleine Kirchengemeinde, aber zu den Gottesdiensten kommen oft mehr als 20. Die Gottesdienste finden einmal im Monat statt. In der Kirchengemeinde ist auch die Diakonie am Werk. Sehr aktiv sind an der Gemeindearbeit Ārija Smoļaka, Ksenija Krūmiņa und andere eingebunden. Bereits seit einem Jahr erscheint einmal monatlich unser Gemeindeblatt, für das Oskars Smoļaks verantwortlich zeichnet. Zu unserem Jubiläum ist jetzt eine Ausgabe erschienen unter dem Titel „20 Jahre in der Liebe zu Jesus“. An den großen Festtagen findet hier jedes Mal am Nachmittag ein Festessen statt. In unserer Kirchengemeinde haben die Pfarrer Einārs Alpe und ab 2007 Mārtiņš Vaickovskis gewirkt. „Seit den Jahren des Dienstes von Einārs Alpe hat sich zwischen unserer Kirchengemeinde und den Brüdern und Schwestern der Kirchengemeinden Balvi, Viļaka und Tilža – also mit allen Kirchengemeinden, in denen unsere Pfarrer auch ihren Dienst versehen – ein sehr schönes freundschaftliches Verhältnis entwickelt. Das Verhältnis zu ihnen ist oft weitaus besser als zu unseren eigenen Verwandten. Jedes Jahr unternehmen wirq1 gemeinsame Ausflüge. In diesem Jahr nahmen wir am Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dresden teil.“ In der Kirchengemeinde haben wir auch einen Büchertisch, an dem man Bibeln und geistliche Literatur haben kann. Zur Zeit haben wir in unserer Kirchengemeinde das Projekt, dass wir unsere Gemeinderäume wieder herrichten möchten, damit wir uns dort versammeln können, auch im Winter zum Gottesdienst. Doch unsere ganz wichtige Hoffnung ist, dass wir unseren Kirchturm wieder in Ordnung bringen können. A. Zandere sagte: „Ich danke allen, die für die Renovierung unserer Kirche Geld gespendet haben: Dem Rat der Gemeinde und des Landkreises, der Familie Rein und allen Gemeindegliedern, die ihre Zeit und ihre Finanzen in den Dienst unserer Kirchengemeinde gestellt haben. Zur Zeit der ersten freien Republik Lettland vor dem Zweiten Weltkrieg hieß die Kirche Auferstehungskirche in Kārsava. Wir berufen uns auf diese einstige Hoffnung, dass die Kirche mit uns zusammen auferstehen möge.“ Gott helfe uns, dass diese Hoffnung wahr werde!

Die Kirche von Dignāja feiert ein doppeltes Jubiläum Ligita Ābolniece
Am 27. August feierte die lutherische Kirchengemeinde Dignāja mit einem Festgottesdienst und einem entfalteten Konzert mit klassischer und heutiger Musik das 200jährige Bestehen ihres Gotteshauses und das 444 jährige Gedenken des Bestehens der Kirchengemeinde. Den Gottesdienst leiteten der Bischof der Diözese Daugavpils Einārs Alpe, der Propst der Propstei Sēlpils Ainārs Spriņģis, der Pfarrer der Kirchengemeinde Krustpils Ēvalds Bērziņš und der Pfarrer der Kirchengemeinde Dignāja Ivars Dzelme, der in dieser Kirchengemeinde seit 2000 seinen Dienst tut.
Nach dem Gottesdienst konzertierten der Frauenchor „Variācija“ aus Dunava unter der Leitung von Laine Zeile und als Solist Lauris Goblickis. Im Gottesdienst musizierten Anita
Ķituke an der Orgel und der Landsmann Arvīds Klišāns
Licht aus alten Zeiten
Die älteste Kirche wurde um 1576 erbaut. Es war eine Holzkirche mit einem Strohdach. An dieser Stelle stehen jetzt alte Lindenbäume. Das sind in Dignāja die Bäume, die die Hoffnung

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und den Glauben verkörpern. Bei dem Bau der neuen Kirche, die am 3. Dezember 1811 geweiht wurde, und die auch noch heute besteht, haben die Bauleute Kalkstein aus der Nähe verwendet. Während der Zeit des Kirchbaues ist hier eine große Schlucht entstanden. Während des Ersten Weltkrieges wurde die Kirche schwer beschädigt. Sie wurde während der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts wieder aufgebaut. In der Kirchengemeinde gibt es einen Kirchenchor, einen Frauenkreis, der diakonische Hilfe leistet, und in jedem Jahr erscheint ein Jahrbuch der Kirchengemeinde. Während des Zweiten Weltkrieges hat die Kirche nur wenig gelitten. Nach dem Kriege wurden mehrfach Renovierungsarbeiten durchgeführt. Die Gemeinde konnte ihre Arbeit die ganze Zeit über fortsetzen und hat es nicht zugelassen, dass die Sowjetmacht aus ihr ein Materiallager machte. In der Kirche befinden sich viele wertvolle alte Schätze. Dazu gehören ein Grabplatte aus dem Jahr von A. Velinka aus dem Jahr 1575, die in die Wand der Sakristei eingemauert ist und vom Staat als historisches Denkmal anerkannt ist. Der Standort der Kirche und die alten Grabsteine sind archeologische Dekmäler von örtlicher Bedeutung. In diesem Gottesdienst wurden wir außer vom Sonnenlicht auch vom Leuchter aus Kristall – einer heute noch erhaltenen Stiftung des Gutsbesitzers – bestrahlt
In sehr lebendiger Erinnerung ist für die Leute in Dignāja Pfarrer Karl Julius Weirich (1814-1863), der sich sehr um die Bildung der Menschen gemüht hatte, die noch unter der Leibeigenschaft leben mussten. Er ist für Dignāja ebenso bedeutend wie der alte Stender für Sunākste. Er liebte den Gesang und unterrichtete seine Leute darin. 1859 erschien der von ihm verfasste „Kranz von Liedern, gewunden für die lieben lettischen Jünglinge und Kinder zu neuer Freude“, der sich einer außerordentlich großen Beliebtheit erfreute. Weirich organisierte auch für den Chor von Dignāja die ersten Liederfeste. Er ist im Friedhof an der Daugava bestattet.
Lass deine Seele auf Flügeln emporschweben
Der größte Schatz einer jeden Kirchengemeinde sind die Menschen. In seiner Ansprache sagte Bischof E. Alpe: „Die Menschen, die vor 200 Jahren in dieses Gotteshaus gekommen sind und wir heute haben das aus dem gleichen Grunde getan – mit Gott zu sprechen, Gott zu danken und seine Gegenwart zu empfinden.“ Der Gottesdienst war außerordentlich gut besucht, so dass die große Kirche von Menschen überfüllt war. Es waren auch viele Gäste und Gratulanten aus Zasa, Līvāni, Jēkabpils, Riga, Daugavpils und aus anderen Orten zugegen. Die Kirchengemeinde ist mit 34 Gliedern nur eine kleine Kirchengemeinde. Die Kraft der kleinen Kirchengemeinden ist im Blick auf ihre Geschlossenheit, Herzlichkeit und Offenheit größer als die mancher großer Kirchengemeinden. Wie Gemeindeleiterin Aina Zaharevska berichtete, welche dieses Amt seit 2000 bekleidet, „hat die Kirchengemeinde in den vergangenen drei Jahren sehr viel erreicht. Sie hat ihre Besitzverhältnisse im Blick auf ihren Immobilien- und Grundbesitz wieder neu regeln können, das Dach der Sakristei ausgewechselt, den Glockenturm und die Kirchentür renoviert. Weiterhin notwendig bleibt die Renovierung der Innen- und Außenwände der Kirche und des Daches. Doch dafür fehlen der Kirchengemeinde zur Zeit die Mittel.“ Der Gemeinde hat es nicht an Ideen gefehlt, die Wände mit Laub und Blumen zu schmücken, um in dem Raum die wahre Festtagsstimmung entstehen zu lassen, damit die Gottesdienstbesucher ihre Herzen dadurch erwärmen könnten.
Im Gottesdienst war auch die unsichtbare Welt bei uns. Kurz nach der Austeilung des Heiligen Abendmahles flog in die Kirche durch die offene Tür ein brauner Schmetterling herein. Er überflog die Reihen der Gottesdienstbesucher, als wollte er sagen: „Jemand schaut dich an! Spürst du es? Es kommt die Arbeit des Herbstes, die schwer sein wird. Schwebe mit deiner Seele auf Flügeln empor! Tu das wenigstens heute. Verbring einen Augenblick im Sumpf – und schon weißt du, was es für dich bedeutet, zu fliegen.

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Im Gemeindetag in Krustpils wurde über die Vaterlandsliebe gesprochen. L. Ābolniece
Am 3. September fand in der evangelisch-lutherischen Kirche von Krustpils der Tag der Gemeinde statt. Er hatte ein sehr breites und interessantes Programm, aber leider einen recht geringen Besuch. Der Tag begann mit einer Andacht, die vom Pfarrer der Kirchengemeinde Ēvalds Bērziņš gehalten wurde.
Der Vorsitzende der Verwaltung des Lutherischen Erbes Juris Uļģis stellte den Anwesenden die Arbeit der Verwaltung des lutherischen Erbes vor. Im Laufe von 20 Jahren hatte sie die Möglichkeit, für die Kirchengemeinden neue Bücher anzuschaffen. Im Konzert sang der Männerchor der Senioren der Kirchengemeinde unter der Leitung von Romāns Kielbickis und der Kirchenchor Aizkraukle unter der Leitung von Sulamīte Spriņģe. Auf der Violine spielten die Lehrer der Musikschule Jēkabpils Ieva Bērziņa und Jeļena Skurjate und auf der Orgel die Organisten Sulamīte Spriņģe klassische Stücke und die Verfasserin dieser Zeilen trug Ausschnitte aus ihrer Sammlung von Bühnenstücken „Zu Hause“
vor. Bischof Alpe war bei diesem Gemeindetag auch zugegen.
Im Mittelpunkt dieses Gemeindetages stand ein Vortrag von Pfarrer Dr. Guntis Kalme „Biblische Grundlagen des Patriotismus.“ Der Vortragende leitete den Patriotismus vom Bericht von der Schöpfung her ab. In der Bibel ist immer ein bestimmter Ort für das Geschehen bestimmend. Die erste Heimat des Menschen war der Garten Eden (heute auf dem Gebiet Mesopotaniens gelegen). In der ganzen Bibel ist das Geschehen mit konkreten Orten verbunden. Im Alten Testament zog das Volk in das Gelobte Land. In den Prophezeiungen, die sich auf Jesus beziehen, wird immer auf Orte hingewiesen, die im Leben Jesu von Bedeutung waren. Der Vortragende wies darauf hin, dass auch im Zeitraum die menschliche Existenz wichtig ist. Einen großen Wert stellt der Leib des Menschen dar, der bei der Überwindung aller Höhen und Tiefen eine große Geschwindigkeit erreicht. Für das Leben des Menschen ist nicht nur dessen leibliche Existenz, sondern auch dessen Bestimmung notwendig.. Der Mensch hat nicht nur das Recht, frei zu sein, sondern auch die Pflicht. Freiheit ist ein Befehl! Der Mensch ist derjenige, der bestimmt und bewirtschaftet. „Ohne einen Ort, ohne den Leib und ohne Freiheit ist menschliches Leben unmöglich.“ Der Ort muss mit der Möglichkeit verbunden sein, in ihm frei handeln zu können. Ebenso wie der einzelne Mensch, so braucht auch das Volk seinen Ort und die Freiheit, das Land bestellen zu können. „Die Fähigkeit des Volkes, das Land zu bewirtschaften, das Gott für das Volk bestimmt hat, garantiert einen Staat.“ Nur in seinem Land hat ein Volk die Möglichkeit, sich zu verwirklichen. Gott hat uns Lettland geschenkt, und für dieses Land müssen wir sorgen und bereit sein, es zu verteidigen. Der Vortragende wies darauf hin, dass es fast jeder Generation aufgetragen worden ist, für die Freiheit ihres Volkes einzutreten. „Der Baum der Freiheit ist mit Blut besprengt.“ Die Freiheit gibt es nie gratis. G. Kalme sagte, dass von den unzähligen Völkern auf dem Erdkreis nur 196 ihr eigenes Land hätten. Zu ihnen gehört auch Lettland. Es ist wichtig, dass sich jeder dafür einsetzt, dass das Land dem Volk gehört und nicht irgend welchen sozialen Schichten. „Wir brauchen eine nationale Ideologie. Das ist die Gesamtheit der Ideen und Werte, die unser Selbstbewusstsein bestimmen. Eine nationale Ideologie ist für die Existenz eines Volkes notwendig.“ Diese nationale Ideologie ist mit dem christlichen Glauben verknüpft. Im vierten Gebot „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, dass dir der Herr, dein Gott, geben wird“ (2. Mose 20,12) ist eine Verheißung ausgesprochen.
Die Liebe der eigenen Familie und der Heimat ist der Inhalt des christlichen Patriotismus. Unser Leben läuft nicht irgendwo zwischen Himmel und Erde ab, sondern zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort. Unser Haus, unsere Wohnung ist der Ort, den wir

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zu unserer allerpersönlichsten Stätte machen dadurch, dass wir dort leben. Unsere Häuser vereinen sich in der Gemeinschaft zu unserer Heimat. Der Mensch wird in seiner Heimat geboren. Er ist kein abstraktes Wesen, das sich irgendwie sozialisiert und eine Zeit irgendwo verbracht hat. Das Wort „Vaterland“ nimmt Bezug auf unsere Vorfahren. Das lateinische Sprichwort „Wo es dir gut geht, da ist deine Heimat“ sollte besser eine andere Reihenfolge haben „Wo deine Heimat ist, da geht es dir gut.“ Ebenso wie ein Baum und eine Pflanze braucht der Mensch seine Wurzeln. Unsere Nationalhymne „Gott, segne Lettland“ bringt den christlichen Glauben mit dem Patriotismus zusammen. Sie ist ein Gebet und ein Bekenntnis unseres Glaubens. Der Referent sprach die Hoffnung aus, dass unser Volk durch christlichen Patriotismus wiedergeboren werden möge, denn dadurch ist es entstanden.
Bei allen Veranstaltungen dieses Tages der Kirchengemeinde war die patriotische Stimmung nicht zu überhören. Dieses Thema klang in der Ansprache bei der Morgenandacht ebenso wie bei den Chorgesängen an.

Bei den Altgläubigen an der Küste des Peipus Sees Ingrīda Briede
Er gibt einen Ort in unserem Nachbarland Estland, zu dem ich von Zeit zu Zeit hinfahren und dabei auch meine Freunde mitnehmen möchte. Das ist eine ganz eigenartige Welt – diese Dörfer der Altgläubigen Kolkja, Mustve, Kallaste und Raja am estnischen Ufer des Peipus Sees. Von Lettland her ist der Weg nicht allzu weit – etwa 80 km von der Grenzstadt Valka bis nach Tartu und dann noch 40 bis zur Küste des Peipus Sees. Einst stand hier die Kultur der Altgläubigen in voller Blüte, die Menschen lebten hier in einer abgeschlossenen Umgebung, und der Glaube und die Tradition prägten die Leute sehr stark. Nun herrscht auch hier wie überall das Globale, die Traditionen machen sich nicht mehr eindeutig bemerkbar, die Jugend hat sich bei ihrer Arbeitssuche über alle Welt verstreut, aber dennoch ist hier etwas von dem Vergangenen zu bemerken. Die Menschen vor Ort befürchten, dass die Welle der Touristen die letzten verbliebenen Traditionen zerstören könnte, aber vielleicht kommt es dadurch zu etwas ganz anderem und trägt dazu bei, dass die Tradition erhalten bleibt, denn viele Touristen suchen das Ursprüngliche und Echte.
Wenn man zum Peipus See fährt, dann sollte man auf jeden Fall in Tartu Halt machen und dort die Universität und die Antonius Gilde, das Haus der Handwerker, besuchen, einen Spaziergang durch die Altstadt machen und den Domberg besteigen. Die Einwohner der Stadt sind stolz auf ihre St. Johanniskirche in der Mitte der Altstadt. Dort kann man etwas ganz besonderes sehen – Tausend winzige Terrakottaskulpturen aus dem Mittelalter. An anderen Orten in der Welt gibt es vielleicht an einer Stelle 400, aber hier tatsächlich Tausend. Dabei ist es interessant, zu erfahren, dass es noch bis zum Zweiten Weltkrieg nicht bekannt war, dass solche Skulpturen überhaupt existierten, aber während des Krieges wurde durch eine Explosion die Stukkatur niedergerissen und dadurch diese Schätze aus vergangenen Zeiten an das Licht gebracht. In der Kirche kann man auch eine Ausstellung besichtigen und dort befindet sich auch ein kleines christliches Geschäft, und sehr oft finden dort Konzerte statt. Die Domruine steht auf dem Domberg über Tartu seit der Zeit der Reformation. Eins war das Bistum Tartu ein eigenes Bistum. (Über die Livländische Zeit kann man auch viel im Museum der Burg von Turaida erfahren.)
Der Peipussee, Zwiebeln und geräucherter Fisch
Eine neu erbaute Autostraße führt uns von Tartu zur Küste vom Peipus See und zum Dorf Varnja. Dort beginnt ein langer Weg, an dessen Rande viele kleine Häuser im russischen Stil mit ihren Vorgärten stehen. Dieser Weg erstreckt sich mit kurzen Unterbrechungen fast an der ganzen Küste vom Peipus See entlang. Und nun sollte man die Augen sehr weit aufmachen,

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denn hier gibt es viel zu sehen. Im Frühjahr sind es die Holzfällerarbeiten, später die Arbeiten des Säens und Pflanzens und noch später das Einbringen der Ernte vor allem der Zwiebeln in jedem Hof. Unsere Fremdenführerin im Museum der Altgläubigen Anna berichtet: „Für die Einwohner der Dörfer ist die Arbeit sehr wichtig. Im Frühjahr schauen wir nach, ob die Nachbarn noch draußen sind und im Garten arbeiten., wenn sie das nicht tun, dann ist ihr Leben zu Ende gegangen. Denn alle, die sich noch bewegen können und leben, die arbeiten – die Frauen im Garten und die Männer sind unterwegs zum Fischen.“ In jedem Garten gibt es erhöhte Zwiebelbeete, und eins der Souvenirs, dass man immer von hier vom Peipus See mitnehmen sollte, ist ein prächtiges Gerät zum Sieden der Zwiebeln. Früher haben die Einwohner am Peipus See das ganze Gebiet von Helsinki und Petersburg bis hin nach Riga mit Zwiebeln versorgt. Von der einstigen Weite dieses Gebietes ist heute nur noch ein Viertel übrig geblieben. Ebenso beschäftigen sich die Menschen vor Ort mit der Fischerei. Auch jetzt ist der Peipus See eine beliebte Stelle für das Angeln im Winter und die Hauptsaison für den Tourismus ist hier der Winter, an dem sich die Männer zusammentun, die keine Angst davor haben, die kältesten Tage im Winder auf dem See zu verbringen, viele Kilometer vom Ufer entfernt. Am Peipus See gibt es auch eine Fischkonserven Fabrik, und in dem kleinen Geschäft in Mustve kann man alle Arten von Fischkonserven kaufen.
Kolkja – Geschichte und Kultur der Altgläubigen
Wenn man nach Kolkja kommt, sollte man zuerst das neu erbaute Informationszentrum vom Peipus See besuchen. Hier berichten uns die freundlichen Mitarbeiterinnen, was in der Umgebung sehenswert ist. Im Geschäft kann man verschiedene Souvenirs einkaufen und sich mit einer Tasse Kaffee stärken. Zu den Souvenirs gehören Handarbeiten, selbst hergestellter Zucker und Tee. Die Handarbeiten stammen von den Frauen aus den Dörfern oder werden im großen Saal des Informationszentrums angefertigt. Auf jeden Fall sollte man in Kolkja das Museum der Altgläubigen besuchen. Die gut informierte Fremdenführerin Anna gibt uns Einblick in die Traditionen der Altgläubigen und demonstriert uns, wie die Altgläubigen ihre Gebete singen. Inzwischen bin ich dort mehrfach gewesen, aber jedes Mal erfuhr ich viel Neues. Die Kultur der Altgläubigen ist bewundernswert tief und eigenartig.
Die Bewegung der Altgläubigen entstand um 1654, als der Moskauer Patriarch Nikon eine Revision der Gebet- und Gesangbücher durchführte und damit an die griechisch orthodoxe Kirche näher heranrücken wollte. 1666 trennte sich eine Gruppe von Menschen, die diesen Reformen nicht zustimmen wollte, von der russisch orthodoxen Kirche. Die größten Unterschiede zwischen den orthodoxen und den altgläubigen gibt es in der Liturgie. So bekreuzigen sie sich auf verschiedene Weise, oder in der Osternacht umschreiten sie die Kirche unterschiedlich (die Altgläubigen in Uhrzeigerrichtung und die Orthoxen gegen die Uhrzeigerrichtung). Auch haben sie verschiedene Kreuze. Die Altgläubigen haben keine eigenen Priester, aber die Väterchen aus der Mitte der Dorfbewohner, die das Amt eines Sprechers wahrnehmen Sehr wichtig ist für sie die Beichte. Jeder von ihnen muss einmal im Jahr zur privaten Beichte gehen. Wenn jemand gestorben ist, dann betrachtet man zuerst sein Kirchenbüchlein, ob er während der letzten Jahre gebeichtet hat. Wenn das geschehen ist, dann verläuft das Bestattungsritual in der vollen Länge und der Verschiedene wird mit seinem vollen Namen genannt. Liegen keine Eintragungen vor, dann werden in der Liturgie ganz andere Psalmen gelesen und die Bestattung verläuft anonym, das bedeutet, dass bei der Bestattung der Name des Verstorbenen nicht erwähnt wird. Eigentlich sollte jedes Dorf seinen geistlichen Leiter haben, doch das ist jetzt nur selten der Fall. Daher haben es die Altgläubigen mit der Beichte heute oft leichter. Sie geschieht für alle Männer eines Dorfes gemeinsam, und von ihnen getrennt für alle Frauen. Da wird das Sündenbekenntnis aus einem Buch vorgelesen

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und darauf bekennen alle gemeinsam ihre Sünden. Für die Altgläubigen ist auch das Fasten sehr wichtig. Dabei verzichten sie auf verschiedene Lebensmittel und auf den Geschlechtsverkehr. Jemand hatte einmal ausgerechnet, dass es im Jahr nur 50 Tage gäbe, an denen die Altgläubigen nicht zu fasten brauchten. Die Kinder werden innerhalb einer Woche nach ihrer Geburt getauft. Dabei muss das Wasser „lebendig“ sein, das heißt es darf nicht der Wasserleitung entnommen werden, sondern muss einem See oder Fluss entnommen sein. Unsere Fremdenführerin Anna erinnert sich daran, dass ihr Brüderlein mit Seewasser getauft wurde, auf dem noch Eisstücke schwammen. Für die Altgläubigen ist die Trauung kein Sakrament. Das junge Paar bat die Eltern um ihren Segen für die Ehe und richtete dann ihre gemeinsame Wohnstätte ein. In späteren Jahren verlangte der Staat die standesamtliche Trauung. Die Altgläubigen achteten sehr streng darauf, dass die Familie ihre Mahlzeiten aus ihrem eigenen Geschirr einnahm und dass man einem Fremden auf keinen Fall ein Getränk in einem Gefäß anbieten dürfte, das die Familie benutzt, sondern dass es für Gäste besondere Gefäße gab. Ebenso musste auch ein Mann aus der Familie, wenn er seine Arbeit irgendwo in der Ferne verrichten musste und dann nach längerer Zeit wieder nach Hause zurückgekehrt war, sich zwei Wochen lang einer Art Quarantäne unterziehen und durfte dann nicht bei den Mahlzeiten die Gefäße der Familie benutzen. Nach zwei Wochen musste er sich in der Sauna gründlich reinigen und durfte danach wieder das Geschirr der Familie benutzen.
Bereits im 16. Jahrhundert suchten die Altgläubigen außerhalb Russlands im heutigen Baltikum nach Möglichkeiten, in ihrer Glaubensfreiheit zu leben. Die größte altgläubige Gemeinde gibt es heute in Daugavpils. An dem Ufer vom Peipus See entstand eine geschlossene Gemeinschaft mit ihren Traditionen. Und dennoch hatten die Altgläubigen auch hier nicht immer ein ruhiges Leben. Im 18. Jahrhundert konnten die Altgläubigen friedlich leben und ihre Traditionen ungestört pflegen, doch etwa 1820 begannen die Verfolgungen. Die Altgläubigen durften nicht mehr eigene Bethäuser erbauen und Gottesdienste halten mit ihren Zeremonien. Es wurden Vorfälle beschrieben, dass man Bethäuser der Altgläubigen zu orthodoxe Kirchen umbaute, den Eltern ihre Kinder wegnahm, diese orthodox taufte und sie an orthodoxe Familien zur Erziehung weiter gab. 1833 wurde es den Altgläubigen wieder erlaubt, Kirchen zu bauen und Gottesdienste zu halten. 1905 trat das Gesetz von der Freiheit des Glaubens in Kraft, und seitdem konnten die Altgläubigen ihre Gemeinden und Organisationen offiziell registrieren lassen.
Die Jahre des freien Baltikums zwischen den beiden Weltkriegen vergingen an der estnischen Küste vom Peipus See friedlich, aber die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg brachten wieder neue Einschränkungen mit sich. Nachdem Estland jetzt wieder seine Freiheit zurück gewonnen hatte, konnten die Altgläubigen im vollen Maße ihr geistliches Leben führen, altgläubige Museen erbauen und in den Schulen den Kindern die Grundlagen des Glaubens vermitteln.
Eine weitere Attraktion in Kolkja ist das Restaurant der Altgläubigen. Hier wird die Möglichkeit angeboten, sich traditionelle Mahlzeiten aus dieser Küstengegend schmecken zu lassen – Fischsuppe, gebackenen Fisch, Zwiebelgerichte, sich bei dem Nachtisch die Piroggen schmecken zu lassen und sich ein Stück Zucker seitlich in den Mund zu stecken und dazu grünen Tee aus dem Samowar zu trinken
Der Friede, wie er nur am Peipus See möglich ist.
Als nächsten Halt empfehle ich das kleine Dorf Kallaste. Auf dem Wege kann man die Burg Alatskivi betrachten, was wie ein Rückzug von der Kultur des Altgläubigen anmutet. Die Burg weist Elemente der estnischen, deutschen und schottischen Bautraditionen auf. Im kleinen Dorf Kallaste lohnt es sich, den Weg am See entlang einzuschlagen und dann den

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Weg zum Friedhof der Altgläubigen zu nehmen. Die Verstorbenen von Kallaste ruhen auf einer Höhe über dem Uferrand unmittelbar neben dem See. Besonders merkwürdig sehen die Kreuze der Altgläubigen aus. Auf dem oberen Querholz steht altslawisch geschrieben „Vater des Lichtes“ und „Jesus“; auf dem nächsten Querholz „Gottes Sohn“, doch das untere schräge Querholz enthält den Namen des Verstorbenen und erinnert an die beiden Schächer, die zur Seite Jesu auf Golgatha auch rechts und links von ihm gekreuzigt wurden. Wenn wir am Zaun des Friedhofs entlang gehen, kommen wir wieder an das Ufer vom See und an den kleinen Badestrand. Das andere Ufer – das russische – kann man nicht sehen, so dass der Eindruck entsteht, manwäre an dem Ufer eines Meeres.
An der Küste vom Peipus See gibt es sehr viele Übernachtungsmöglichkeiten. Über sie sowie über weitere Ziele für eine Besichtigung sowie über das Museum kann man zu den Gschäftszeiten des Büros und des Dorfkruges und im Internet unter http://www.peipsi.ee weitere Einzelheiten erfahren. Schwerer wird es mit Übernachtungsmöglichkeiten für größere Gruppen. Eins der größten Nachtquartiere ist „Kadrinas hosteli“ einige Kilometer vom Seeufer entfernt. Das hat der Holzbildhauer Taavi Pikk mit seiner Frau erbaut. Unweit vom Nachtquartier hat der Holzbildhauer seine Werkstatt, und auf dem Hof kann man Holzskulpturen betrachten, welche der Künstler selbst hergestellt hat., auch Möbel aus Holz und kleine Märchenhäuser fürKinder.
Am nächsten Tag der Exkursion kann man den Ausflug entlang der Küste vom Peipus See damit fortsetzen, dass man in eines der Bethäuser der Altgläubigen einkehrt, sich eine Kollektion von Samowaren ansieht, sollte das Waagenmuseum in Muste besucht. Nach Lettland kann man wieder zurückkehren, wenn man einen Umweg über Peltsama macht und dort den Rosengarten betrachtet und dort eine Kostprobe vom estnischen Wein nimmt und durch das schöne Städtchen geht.

„Ich hoffe, dass sich die Werte erneuern werden.“ Ingrīda Briede
Noch vor wenigen Wochen waren alle Straßen mit aufgeregten, aber auch fröhlichen Kindern und Jugendlichen gefüllt mit Gladiolen, Astern und Rosen in ihren Händen, und am Abend sind wir vielleicht einer der Lehrerinnen begegnet, die jetzt nach Hause zurückkehrt, mit einem Haufen von Blumen beschenkt. Vielleicht erinnern wir uns selbst daran, wie wir einst zur Schule gegangen sind und mit guten Gedanken und Gebeten unserer Lehrer gedachten, deren Lehrstoff uns in mancher Situation unseres Lebens von Nutzen gewesen ist
Es gibt kaum einen schöneren Beruf als den des Lehrers. Das habe ich von meinem Ausbilder in der Berufsschule von Limbaži Jānis Valainis gelernt, und das denke ich selbst auch heute noch,“ gesteht Taiga Plitniece, die Direktorin der Grundschule von Lādezers, Mutter von fünf Kindern und liebende Oma von sieben Enkelkindern, Glied der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde in Limbaži. Ich kenne Taiga schon sehr lange, zuerst als Mutter einer Klassenfreundin und später als Schwester im Glauben in meiner Kirchengemeinde, und deshalb rede ich sie auch in diesem Interview mit „Du“ an.
– Ist es eigentlich schon dein Kindheitstraum gewesen, Lehrerin zu werden?
– Ich wollte eigentlich gerne Verkäuferin werden, wie fast alle Kinder in jenem Alter. (lacht) Aber ernsthaft, es war mir deutlich, dass ich gerne mit Menschen zusammenarbeiten möchte. Dass ich eines Tages den Beruf einer Lehrerin ausüben würde. das wurde mir erst viel später deutlich In unserer Familie waren wir sechs Kinder und ich bin von ihnen die jüngste, wir vier Schwestern sind alle Lettischlehrerinnen geworden. Und haben in Lēdurga, Mālpils, Ogre und Lādezers gewirkt. Das war auch der unerfüllte Wunsch meiner Mutter, denn sie selbst wurde, als sie Pädagogik hätte studieren können, nach Sibirien in die Gegend von Tomsk

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deportiert, wo ich auch geboren wurde. Meine Mutter Austra rief uns immer wieder zu: Lest, Mädchen, lest, denn das, was ihr im Kopf habt, das kann euch niemand wegnehmen! Zu Hause hatten wir stets Bücher, die Mutter per Post bestellt hatte. Mutter sprach vier Sprachen, sie war hoch intelligent und lebenserfahren. Im Gymnasium von Alūksne hatte sie ihr Abitus bestanden. Ich bin voller Bewunderung darüber, eine wie stabile Ausbildung damals in den Gymnasien vermittelt wurde! Mama wurde aufgefordert, für den sowjetischen Geheimdienst mitzuarbeiten und über Menschen aus ihrer Umgebung zu berichten, doch sie weigerte sich, das zu tun, und deshalb wurde sie nach Sibirien deportiert mit der Begründung, sie sei eine Nationalistin. Mama war der optimistischste Mensch, den ich kenne, und auch ich habe viel von ihrem Optimismus geerbt.
Was hast du an deine Zeit in Sibirien noch für Erinnerungen?
– Wenn ich an Sibirien zurückdenke, dann fallen mir die grünen Wälder und die blauen Seen und Flüsse ein, und immer wieder sage ich es allen, dass ich dort eine schöne Kindheit hatte. Mama lehrte mich, die russischen Menschen zu achten und überhaupt jeden Menschen zu lieben und dabei im Blick auf die Hautfarbe oder die Sprache keine Unterschiede zu machen. Die Russen vor Ort haben uns am Anfang sehr geholfen, denn sie waren ja selbst einst Deportierte. Als wir nach Lettland zurückkehrten, waren wir Mädchen eifrige Pionierinnen, Komsomolzinnen und standen voll unter dem Einfluss der Ideologie jener Zeit. Mama wollte, dass wir nicht zu leiden brauchten und in der Schule aktiv wären.
Du bist in einer Familie mit sechs Kindern aufgewachsen und auch du hast zusammen mit deinem Ehemann Jānis eine stattliche Kinderschar.
– Wir haben fünf Kinder und sechs Enkelkinder. Unser ältester Sohn ist in der Holzverarbeitung beschäftigt, unsere Schwiegertochter Aiga ist Sekretärin in einer Schule und bei beiden wachsen ihre Kinder Zanda und Mārtiņš auf, unsere älteste Tochter Inga ist in Norwegen als Sozialarbeiterin beschäftigt und hat die Kinder Andreas und Marts. Ilze lebt in Halifax in Kanada und hat einen Sohn Markus. Ieva ist bei der Bank „Nordea“ in Riga angestellt und hat ihre Tochter Anna und nun auch unseren Liebling den kleinen Klāvs. Unser Nesthäkchen Madara ist der Schutzengel der Familie, sie kümmert sich um alle, um die Freunde, die Verwandten und die Nachbarn und will jetzt ihre Ausbildung zu ihrem Traumberuf beginnen – sie möchte Zahnärztin werden.
– Erzähl mir doch bitte etwas über deine Arbeit und deinen Beruf!
– Nach dem Gymnasium arbeitete ich in der Bibliothek von Lēdurga und dort auch im Haus der Kultur und dann im Technikum in Limbaži Dann kamen die Kinder zur Welt. Ich nahm eine Stelle im 3. Kindergarten von Limbaži an in der Hoffnung, für meine Kinder einen Platz im Kindergarten zu bekommen. Nach acht Jahren kehrte ich nach Lēdurga zurück, und bald darauf wurde ich in der neu gegründeten Grundschule von Lādzers als Lehrerin angestellt. Es ist kaum zu glauben, aber dort arbeite ich jetzt bereits seit achtzehn Jahren, zuerst als Lehrerin und seit fünfzehn Jahren als Direktorin.
– Als Direktorin hast du gemeinsam mit den anderen Kollegen große Möglichkeiten, das Leben in der Schule zu gestalten. Welches sind die wichtigsten Prinzipien der Grundschule von Lādezers?
– Ich habe das beste Team von Lehrern und Mitarbeitern, das man sich vorstellen kann und nur als schöpferisches Team können wir viel erreichen. Ich denke, dass wir in diesen 20 Jahren das erreicht haben, was unsere Schule unter vielen anderen Schulen besonders hervorhebt.

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Die Grundschule von Lādezers ist die größte in der Region und eine der zwei Grundschulen, die nach der Zeit des nationalen Erwachens entstanden sind. Zur Zeit geht die Zahl der Kinder wie überall in Lettland auch hier zurück, aber nicht in kritischem Maß. Die Eltern vertrauen uns, weil sie sehen, dass hier der Unterricht von hoher Qualität ist. Viele unserer Absolventen sind inzwischen selbst Lehrer und zum Teil auch Dozenten an Hochschulen geworden. In unserer Schule lassen wir uns von den Prinzipien der humanistischen Pädagogik leiten. Wir sind bemüht, diese sowohl an die Kinder als auch an ihre Eltern weiter zu geben. Wir denken sehr viel an die außerschulische Fortbildung. Die Kinder vom Lande haben das Recht, in der Schule die gleichen Voraussetzungen vorzufinden wie die Kinder in der Stadt. Jetzt haben wir hier einen Tanzkreis, einen Schachkreis, viele sportliche Aktivitäten und verschiedene andere Kreise. Wir sind sehr glücklich über die gute Zusammenarbeit mit der Musikschule in Limbaži, wir setzen Busse ein, um die Kinder zu den verschiedenen Veranstaltungen hinzubringen. Auf hohem Niveau ist die Arbeit des Folklorekreises unter der Leitung unserer Lehrerin Sandra Jabsone. Auf Landesebene haben wir erste und zweite Preise bei Liederfesten ersungen. Zu manchen Unterrichtstunden versammeln sich in der Schule auch die Eltern der Kinder, um sogar ein Jahr lang in das Thema Gesundes Verhalten einführen zu lassen. In der 1. bis 3 Klasse besuchen fast alle Kinder den Unterricht in christlicher Ethik. In diesem Jahr waren es nur drei Kinder, deren Eltern sie von dem Unterricht in diesem Fach abgemeldet hatten. Seit 12 Jahren haben wir hier am Ort die Sonntagsschule, die zuerst von Dace Gaile, doch jetzt von Elita Makāne geleitet wird. Obwohl die Sonntagsschule keine Einrichtung unserer Schule ist, findet deren Unterricht, der von Kindern unterschiedlichsten Alters besucht wird, in den Räumen unserer Schule statt.
– Was haben die Kinder von diesem Unterricht?
– Ich glaube, dass den Kindern im Religionsunterricht die Grundlagen des Lebens vermittelt werden, und dass sie wissen, dass es den Einen gibt, der sie behütet und bewacht, und dass sie zu diesem Grunde jederzeit in ihrem Leben zurückkehren können. Unser Religionsunterricht verläuft nach einem bestimmten Programm und ist oft mit dem Prädikat „Ausgezeichnet“ bedacht worden. Dem können wir entnehmen, dass auch hier die notwendigen Grundkenntnisse vermittelt werden. In unserem Raum für den Religionsunterricht steht auch ein Klavier, so dass die Kinder, die Klavierunterricht haben, hirt eine Übegelegenheit finden. Ich denke, dass die Musik und der Religionsunterricht sehr eng miteinander verbunden sind, und dass es eine gesegnete Zeit ist, die sie in diesem Arbeitsraum verbringen, ganz allein und nur zusammen mit den Noten. Am Ende eines Schuljahres finden christlich inspirierte Freizeiten statt. An ihnen nehmen die Kinder teil, die fleißig den Unterricht in christlicher Ethik du die Sonntagsschule besucht haben. Die Teilnahme an diesen Freizeiten ist für alle Kinder kostenlos. Die Schule ist darum bemüht, diese Freizeiten selbst zu finanzieren. Viel hat ihr dabei die schwedisch-lettische Stiftung geholfen. Bei jeder solcher Freizeit machen wir Ausflüge zu den Kirchen der Region, um unser Wissen und unsere kulturhistorischen Erkenntnisse zu bereichern: Und was für Fragen stellen uns die Kinder nach einem solchen Auflug! Diese Freizeiten sollen nicht in erster Linie dem Spiel und dem Vergnügen dienen, sondern vor allem der ernsthaften Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen. Wenn die Kinder das Empfinden hätten, dass diese Freizeiten unnötig wären, dann hätten sie jederzeit die Möglichkeit, an ihnen nicht teilzunehmen. Doch im Laufe des Schuljahres ist die Freizeit für sie eins der größten Ereignisse!
– Ich möchte noch ergänzen, dass die Schule von Lādezers stets auch für verschiedene kirchliche Veranstaltungen und Freizeiten geöffnet war, die von den Kirchengemeinden
Veranstaltet wurden. Wir haben uns hier immer wie zu Hause gefühlt. Danke!

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– Auch ich selbst habe an solchen Freizeiten teilgenommen und von dort viel Segensreiches nach Hause mitgenommen.
– Die Schule von Lādezers wird oft auch Kerzenschule genannt.
– Ja, in unseren Räumen sind viele Kerzen aufgestellt. Die als lebendiges Licht sehr oft brennen. Wenn an einem Morgen die Kerzen nicht brennen, dann kommen die Kinder zu einer Lehrerin und bitten sie, sie möchte es ihnen gestatten, dass sie die Kerzen anmachen. Als bei uns die Kommission war, um zu überprüfen, ob die Schule die Voraussetzungen für die staatliche Anerkennung erfüllte, war sie über die vielen Kerzen in unserem Hause überrascht und fragte, ob die nicht gegen die Feuerschutzbestimmungen verstießen. Doch dann erkannten sie, dass diese Kinder auch die Ehrfurcht gegenüber dem Feuer erlernten, dass man zum Beispiel mit dem Feuer nie spielen darf. Bei der Beurteilung der Möglichkeiten für die staatliche Anerkennung hob die Kommission ganz besonders das erzieherische Moment an der Schule hervor. Nicht durch Verbote sondern durch das Erlernen des rechten Umgangs kommen wir weiter. Manches Mal lohnt es sich, darüber nachzudenken.
– Wie sah dein eigener Weg zu Gott aus?
– In meiner Kindheit lebte unsere Familie wie viele Menschen damals zweigleisig. Das eine Leben fand zu Hause statt mit der Feier des Christfestes – und im anderen Leben gab es die Ideologien in Schule und Gesellschaft. In meiner Kindheit führte mich meine Mama gelegentlich zur Kirche nach Alūksne, wo ihre Schwester Küsterin war. Somit war mir die Kirche nicht fremd. Auch das Vaterunser konnte ich seit meiner Kindheit beten. Bei christlichen Veranstaltungen in der Schule und bei der Sonntagsschule fühlte ich mich als Christin. Doch ich war noch nicht getauft. Alle meine Töchter sind bereits vor mir getauft worden, aber ich noch nicht. Meine jüngste Tochter redete mir gut zu, dass ich mich taufen lasen sollte. Durch die Sonntagsschule, die Alphakurse und die Freizeiten begriff ich, dass es besser sei, sich taufen zu lassen als es zu versäumen. Und so wurde ich 2010 getauft und konfirmiert. Sehr lebendig ist mir meine erste Sonntagsschulfreizeit in der Erinnerung, die am Livländischen Strand stattfand. Mit meinen eigenen Augen sah ich, das eins der Kinder vor einem Auto auf dem Wege herlief, der durch den Hof hindurch führte, in dem unsere Freizeit stattfand, und wie das Vorderrad den Kopf des Kindes zusammendrückte und das Hinterrad über den Rücken des Kindes fuhr. Oh! Sofort wurden das Kind in die Universitätsklinik gebracht, um die notwendigen Operationen durchzuführen. Ich kann mich daran erinnern, wie ruhig sich die damals noch sehr jungen Leiterinnen der Freizeit Dace und Rota verhalten haben und alle Freizeitteilnehmer für die verunglückte Rita zu beten begannen. Für mich ist das bis heute ein unbegreifliches Wunder und eine Bestätigung der Kraft des Gebetes, dass sie genesen konnte und heute eine hervorragende Sportlerin ist. Ihre Mutter ist auch Christin. Eigentlich habe ich mein ganzes Leben lang Gottes Hilfe an mir selbst oder an mir nahe stehenden Menschen oder unerwartete Lösungen in schweren Situationen erfahren. Ich habe die Ruhe und Gewissheit, dass alles, was geschieht, zu meinem Wohl ist.
– Was in deinem Leben ist anders geworden, seitdem du Christin bist?
– Durch meine Taufe gewann ich die innere Freiheit. Früher hatte ich Angst, etwas zu sagen, auf irgendeine Weise meine Meinung auszusprechen, ich hatte Angst davor, was wohl die anderen sagen würden, wenn sie ihre Meinung aussprächen. Und noch etwas – früher habe ich es mir nie vorstellen können, dass ich fähig wäre, am Morgen eine halbe Stunde eher aufzustehen, um die Bibel zu lesen. Ich ließ mich nicht von inem bestimmten Plan leiten, manches Mal las ich nur zehn Minuten, ein anderes Mal eine halbe Stunde. Die dort gelesenen Worte waren von Nutzen für den ganzen Tag. Ich lese lieber das Neue Testament, weil es mir näher un verständlicher ist als das Alte Testament. Am Abend habe ich meine Gebetszeit.

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Gewöhnlich bete ich für meine Kinder und Enkelkinder, für alle Menschen, die mir lieb und nahe sind, für die Schule und für Lettland insgesamt. Und dann danke ich für den verbrachten Tag.
– Wenn du etwas an unserem Bildungssystem ändern könntest, was würdest du tun?
– Ich würde alles gerne so ordnen, damit es etwas geordneter verläuft und dass nicht, wie es jetzt geschieht, eine Reform die Reform davor ablöst. Ich bin der Ansicht, dass Schüler im Alter von 18 Jahren das Abitur bestanden haben müssten. Unsere Kinder sind so klug, dass man sie mit 6 Jahren getrost zur Schule schicken kann. Natürlich muss es dort die richtigen Unterrichtsmethoden und die richtigen Lehrmittel geben.
Es ist sehr schade, dass der Staat für die Bildung und für die Gehälter der Lehrer so wenig Geld zur Verfügung stellt. Es fehlen die Mittel nicht nur für die moderne Technologie, sondern für die einfachsten Dinge. Außerdem würde ich, wenn ich die Möglichkeit dazu hätte, das verändern, dass Kindern ohne herausragende Zeugnisnoten der Zugang zu fachbezogenen Schulen von vorne herein verbaut wird und sie von der Gesellschaft abgeschnitten werden mit Bemerkungen wie „Der war ja doch nur auf der Hilfsschule“ Diese Kinder könnten auch auf Normalschulen nach besonderen Methoden unterrichtet werden. Die Sonderschulen sollten nur für Kinder mit schweren geistigen Behinderungen bestimmt sein. Leider ist es zur Zeit so, dass Schulen für besonders begabte Kinder kein Schulgeld nehmen und Eltern aus sozial problematischen Familien ihre Kinder in solche Schulen schicken, weil ihnen dadurch weniger Unkosten entstehen. Unser größtes Problem im Bildungssystem ist, dass wegen der Überalterung der Gesellschaft der Lehrerschaft der Nachwuchs fehlt Das Prestige des Lehrerberufs ist tief gesunken im Vergleich zu Finnland, wo der Beruf des Lehrers zu den am höchsten geachteten Berufen der Gesellschaft gehört
– Du sagtest, dass du eine Optimistin seiest. Mit welchen Hoffnungen blickst du in die Zukunft?
– Zur Zeit hat in der Gesellschaft die Negation und der Zynismus die Oberhand weit über den geistlichen Dingen. In der Gesellschaft gibt es eine geistige Krise. Doch ich hoffe sehr, dass sich unsere geistigen Werte erneuern werden. Ebenso hoffe ich auch, dass wir in Lettland aus dem Sumpf herauskriechen können werden und es nicht so sein wird, wie es im Sprichwort behauptet wird, dass auf dem Flughafen der letzte Abreisende das Licht ausmachen würde. Wir sollten unseren jungen Menschen vertrauen, ihre Gedanken ernst nehmen und ihnen auch das, was die Zukunft bringen wird, mittragen helfen.

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Mazā Pils iela 4 – Riga – LV 1050
E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 27.09.2010)
Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Dieses Mal ist es wieder viel Lesestoff, den ich Ihnen zumute ehe ich mich mit meiner Frau drei Wochen lang nach Karlsbad zurückziehe, um dort etwas für unsere Gesundheit zu tun. Die nächste Ausgabe wird dann vermutlich am Ende des Monats Oktober bei Ihnen anlangen.

SR 9-2011 – 20 –

Ganz herzlich möchte ich noch einmal allen danken, die mit ihrer Spende dazu beigetragen haben, dass SR weiter erscheinen kann. Trotzdem kann ich nicht verheimlichen, dass die ELKL weiterhin in großen finanziellen Nöten steckt. Als ich vor einigen Tagen mit Inga Reča telefoniert habe, sagte sie mir, dass sie mir über die Zukunft der lettischen Kirchenzeitung nach wie vor nichts bestimmtes sagen könnte. Aber etwas Erfreuliches möchte ich doch auch wiedergeben. In diesem Telefonat erzählte mir Inga von ihrer Teilnahme an dem Deutschkurs des Martin Luther Bundes in Erlangen. Dabei sei es ihr eine große Überraschung gewesen, wie vertraut allen Kursteilnehmern ihr Name war. Nach einigem Nachfragen erfuhr sie, dass alle Kursteilnehmer eifrige Leser dieser Übersetzungen seien, und dass diese auch mit dazu beigetragen hätten, dass ihr Name inzwischen in vielen Ländern Europas nicht mehr unbekannt ist. Wenn meine aufmerksamen Leserinnen und geduldigen Leser den Beitrag „Kein schöner Land in dieser Zeit“, in dem sie etwas über den Deutschkurs in Erlangen berichtet, lesen sollten, dann werden sie es spüren, mit welchen Begeisterung Inga aus Erlangen wieder nach Lettland heimgekommen ist.
Sollte es jedoch bezüglich des weiteren Erscheinens von SR Veränderungen geben, so habe ich mir vorgenommen, aus anderen Quellen das zu übersetzen, was mir für den treuen Kreis der Leser meiner bescheidenen Übersetzungsklimmzüge lesenswert erscheint. Auf jeden Fall verspreche ich, dass der Kontakt zwischen uns auch künftig bestehen bleiben soll.
Mit herzlichen spätsommerlichen Grüßen
Ihr Johannes Baumann

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