Verfasst von: liefland | November 11, 2011

Ausgabe Nr 10 (1852) vom 15. Oktober 2011

IIn Christus haben wir Freimut und Zugang zu Gott in aller Zuversicht durch den Glauben an ihn. Epheser 3,12

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.
17. Sonntag nach Trinitatis Ausgabe Nr 10 (1852) vom 15. Oktober 2011

Mitteilung an die treuen Leser der Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“ .
Auf Grund der Finanzlage der ELKL und eines Beschlusses des Kapitels der ELKL vom 21.09.2011 wird mit dem Jahr 2012 das regelmäßige Erscheinen und die Möglichkeit des Abonnements der Kirchenzeitung der ELKL Svētdienas Rīts eingestellt. Auf der Suche nach einer Lösung für die Fortsetzung der Arbeit an unserer Kirchenzeitung und deren Fortbestand bitten wir auch Sie um Ihre Hilfe durch Spenden.

Spalte der Chefredakteurin Inga Reča
„Nun, was gibt es – was wollen wir tun?“
Heute, als wir die Druckvorlagen für die laufende Ausgabe unserer Kirchenzeitung fertig stellten, klingelte das Telefon in der Redaktion ohne Unterbrechung. Wenn wir uns meldeten, dann hörten wir nur eine einzige Frage: „Was ist geschehen? Weshalb finde ich im neuen Katalog, in dem auf die Abonnierungsmöglichkeiten von Presseerzeugnissen hingewiesen wird, Svētdienas Rīts nicht mehr?“ Und wir Mitarbeiter müssen immer wieder geduldig erklären, dass dieses durch die Finanzlage unserer Kirche und durch einen Beschluss des Kapitels vom 21. September 2011 verursacht worden ist, der besagt: „Das regelmäßige Erscheinen unserer Kirchenzeitung Svētdienas Rīts und die Möglichkeiten zum Abonnement werden ab dem Jahr 2012 eingestellt.“
Ich habe bereits mehrfach geschrieben, dass der Marttin Luther Bund in Deutschland uns bei dem Erscheinen von Svetdienas Rits geholfen hat, sich aber jetzt nicht mehr in der Lage sieht, mir einer so freizügigen Beihilfe uns zur Seite zu stehen. Davor wurde während aller der Jahre Svetdienas Rits aus dem gemeinsamen Haushalt der ELKL finanziert Doch die bei der vorigen Synode beschlossenen Haushaltsrichtlinien sehen einen außerordentlich großen Rückgang bei der Finanzierung des Haushaltes 1012 vor. Wenn sich dieser Rückgang weiter fortsetzen sollte, dann werden wir davon ausgehen müssen, dass wir sogar die Internet Ausgabe unserer Kirchenzeitung streichen müssen.
Wir haben Spender im Ausland um ihre Hilfe gebeten, aber mit deren Antwort werden wir uns noch gedulden müssen.
Doch was sind wir selbst zu tun bereit?
Hier in dieser Situation fehlt uns wirklich jemand wir Professor Roberts Feldmanis, nach dessen Namen am 1. Oktober eine Straße benannt worden ist. „Wo Menschen keinen Ausweg mehr sahen, wo Menschen ihre Hände sinken ließen, wo der Zweifel am Gelingen eines Vorhabens Überhand nahm – also im Augenblick der Verzweiflung und der Auswegslosigkeit – sagte Roberts Feldmanis: ‚Nun was gibt es, was wollen wir tun?’ So wies uns Feldmanis den Weg und lehrte uns durch das Vorbild seines Dienstes und tut das auch noch heute, dass Christus der Herr und der Herrscher des Himmels und der Erde ist, auch in Situationen der Ausweglosigkeit und in Zeiten, die für die Kirche anscheinend ungünstig sind.und vom menschlicher Skepsis begleitet werden. Feldmanis hat viele Gemeinden und Kirchen neu erbaut. und Gott und dem Mitmenschen gedient,“ sagte Kalme bei der Namensgebung der Straße.
Bis zum neuen Jahr sind es nur noch gut zwei Monate. Wenn Ihr, geliebte Leser bereit seid, durch Eure Spende das Weitererscheinen von Svetdienas Rits zu unterstützen, dann tut das bitte mit Gottes Hilfe!

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Bemerkung des Übersetzers: Dieser Bitte von Inga Reča schließe ich mich aus ganzem Herzen an, danke sehr herzlich für alle eingegangenen Spenden, die der Zeitung bisher zum Überleben entscheidend geholfen haben, und gebe zur Sicherheit das Konto in Deutschland an, durch das wir unseren Beitrag zum Überleben vom SR geleistet haben und weiter leisten können:
Martin Luther Bund
Konto Nr.: 12304
Bankleitzahl: 763 500 00 Sparkasse Erlangen
Zweckbestimmung: Zeitung Lettland (Bitte unbedingt angeben).

Zum ersten Mal in der Geschichte des unabhängigen Lettlands wird eine Straße nach einem lutherischen Pfarrer benannt.
Ilmārs Rubenis, Pfarrer der Kirchengemeinde Mežaparks
Die Straße, auf der sich die Gustav Adolf Kirche befindet, in der die geistliche Erneuerung in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts ihren Anfang genommen hatte, wurde am 1. Oktober nach Pfarrer Roberts Feldmanis benannt.und heißt von nun an Mācītāja Roberta Feldmaņa iela (Pfarrer Roberts Feldmanis Straße). Bei dieser Feier wandten sich Erzbischof Jānis Vanags, der Vizebürgermeister von Riga Andris Ameriks, Pfarrer Dr. Guntis Kalme und der Abgeordnete des Rates der Stadt Riga Pfarrer Jānis Šmits mit Ansprachen an die Anwesenden. Mit musikalischen Beiträgen und persönlichen Erinnerungen an Roberts Feldmanis trugen die Musiker Ieva Akurātere und Kaspars Dimiters viel zur Programmgestaltung bei. Abschließend versammelten sich alle um den traditionellen Gemeinschaftskringel zu Gesprächen und zum Austausch von Erinnerungen an Roberts Feldmanis. Mit diesem Geschehen wurde eine weitere Seite in der Geschichte unserer Kirche aufgeschlagen.
Auf ihr werden spätere Generationen lesen können, auf welche Weise wir bestrebt waren, das Wort aus der Heiligen Schrift in die Wirklichkeit umzusetzen: „Gedenkt an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach.“ (Hebräer 13,7)
Es war das Beispiel, das uns Pfarrer Roberts Feldmanis vorlebte und wie er seinem Herrn und Heiland Jesus Christus nachfolgte, das uns den Anlass gab, ihn besonders hervor zu heben. Gott hat unserer Kirche viele bedeutende und begabte Diener Seines Wortes beschert, und dennoch ist Pfarrer Roberts Feldmanis durch den Umfang und die Auswirkungen seines Dienstes eine ganz besondere Persönlichkeit, denn sein Einfluss reichte bedeutend weiter als bis zu seinen nicht großen Gemeinden, und wirkte sich auf unsere ganze Kirche aus. Das machte sich ganz besonders bei der Einführung einer ganzen Generation junger Pfarrer (der geistlichen Söhne und Töchter von Roberts Feldmanis) in das Pfarramt eindrucksvoll bemerkbar und macht ihn vorläufig zum Einzigen, dem Gott diesen Dienst in unserer Kirche bisher anvertraut hat. Das Gotteshaus von Mežaparks wurde zu einem Zentrum dieser geistlichen Erweckung und zu einer Stätte der Begegnung für viele. Deshalb ist es begründet, die Straße, auf der sich dieses Gotteshaus befindet, nach Roberts Feldmanis zu benennen.
Zu diesem Vorgang sagte der Erzbischof, dass wir damit nicht die Persönlichkeit des Pfarrers Feldmanis verehren möchten, sondern das Beispiel seiner Nachfolge und Zugehörigkeit zu Jesus Christus. „Wir gedenken heute an Roberts Feldmanis. An ihm können wir sehr gut erkennen, dass er eigentlich ein Werkzeug Gottes war, das Christus geformt hatte. Diese Namensgebung ist eigentlich ein Gebet, ein Gebet darum, dass sich dieser Straße nichts Böses näherte, und dass sich denjenigen, welche auf dieser Straße gehen, Gott und Seine Engel an die Seite stellten. Dass die Menschen, die auf dieser Straße ihren Weg beginnen, mit dem

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Verständnis und der Erkenntnis beschenkt werden möchten, dass dieser Weg sie zu Gott näher heran bringt, da er ja zum Gotteshaus hinführt, in dem Roberts Feldmanis seinen Dienst getan hat, dessen Weg Jesus Christus war.“
Und dennoch blieb der Einfluss von Roberts Feldmanis nicht bei den Grenzen seiner Gemeinden stehen. Zur Kirche von Mežaparks fanden sehr unterschiedliche Menschen hin. Viele von ihnen wurden später Pfarrer, Angestellte im öffentlichen Dienst, Politiker, die sich weiterhin des Einflusses von Feldmanis auf ihr persönliches Leben, auf die Kirche und auch auf unser Volk bewusst sind.
Der Vizebürgermeister von Riga Andris Ameriks hob in seiner Ansprache besonders den Aspekt des Dienstes von Roberts Feldmanis hervor, der vorwiegend außerhalb der Kirche zu sehen und zu bemerken ist. „Heute haben wir ein Fest nicht nur für die Gemeinde und für die Kirche, sondern ein Fest für die ganze Stadt, denn wir haben eine Straße hinzu bekommen, die nach einem Menschen benannt wurde, der sich zu seiner geistlichen Haltung bekannt hat. Der damals, als dieses nicht gestattet war, alles getan hatte, um Menschen zu Gott zu führen. Professor R. Feldmanis ist in der lutherischen Kirche und auch in der Geschichte Rigas einer von denjenigen, die großen Dank von uns allen verdient haben. Das hat der Rat der Stadt Riga zu würdigen gewusst und auch deshalb diese Initiative gefördert.“
In seiner Ansprache erinnerte Pfarrer Dr. Guntis Kalme daran und hob hervor, mit wie vielen Bezeichnungen wir den Dienst von Roberts Feldmanis beschreiben könnten. Er war Pfarrer, ein hervorragender Liturg, ein Prediger von großer Tiefe, der seine Zuhörer auch begeistern konnte, er war Kirchenhistoriker, Missionar, geistlicher Vater, Beichtvater, Beter, ein Erbauer von Gemeinden und Kirchen und unser Kirchenvater. Und dennoch hatte er noch eine weitere Fähigkeit, die ihm Gott geschenkt hatte. Das war die Fähigkeit, die eigentlich jeder Führerschaftstheorie widerspricht und sich nicht mit irgendeinem Leiterprinzip vereinigen lässt. „Wo Menschen keinen Ausweg sahen, wo sie ihre Hände sinken ließen, wenn der Glaube an das Misslingen eines Vorhabens Überhand nahm – also in Augenblicken der Bestürzung und der Ausweglosigkeit – sagte Feldmanis: „Nun, was gibt es, was wollen wir tun?“ Auf diese Weise zeigte uns Feldmanis und lehrt uns bis heute durch sein Beispiel, dass Christus der Herr und Herrscher des Himmels und der Erde ist. In Situationen der Ausweglosigkeit und in für die Kirche „ungünstigen Zeiten“, die von menschlicher Skepsis ständig begleitet werden, baute Feldmanis Gemeinden und Kirchen neu auf und diente Gott und den Mitmenschen. Pfarrer Kalme erinnerte daran, dass diese Namensgebung deutlich macht, wie wir den beispielhaften Dienst von Roberts Feldmanis bewerten, und dass wir bereit sind, ihn als kostbares und wertvolles Erbe an kommende Generationen weiterzugeben.
Der Abgeordnete des Rates der Stadt Riga und Pfarrer Jānis Šmits wies in seiner Ansprache nach, wie Pfarrer Roberts Feldmanis von Menschen am Rande der Kirche und der Gesellschaft beurteilt wurde. Auch gleichgültige und heiße Gegner, bedeutende Vertreter der Kirche und Gesellschaft und einfache Leute beurteilten Feldmanis auf ihre Weise. Das taten ebenfalls die Vertreter der sowjetischen Besatzungsmacht, die für die Verfolgung der Leute zuständig waren, die sich treu zu Gott hielten. Die Informationsabteilung der Sowjetrepublik Lettland beurteilte den Dienst von Roberts Feldmanis folgendermaßen: „Der Pfarrer der lutherischen Kirche und Professor am Geistlichen Seminar ist gegenüber der bestehenden Ordnung negativ eingestellt. Nach der Ansicht unserer Berichterstatter arbeitet er auf ein neues Wachstum der Kirche hin dadurch, dass er die gläubige Jugend der lutherischen Kirche, der faktisch die mittlere Generation total abhanden gekommen ist, seinem Einfluss unterwirft.
Etwa 80% aller Studenten des Geistlichen Seminars kommen aus der Kirchengemeinde
Mežaparks, die von Feldmanis geleitet wird, und befinden sich auch sonst unter seinem

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direkten Einfluss. Es findet eine sorgfältige Auslese der Studenten des Seminars statt mit dem Ziel, dass keiner von ihnen rot sein sollte, dass es ordentliche Menschen seien, aus denen sich die Pfarrerschaft der Zukunft zusammensetzt.“ So bewertete die Tscheka den Dienst von Roberts Feldmanis, was sehr deutlich unterstreicht, dass Feldmanis durch seine treue Christus Nachfolge damals nicht nur die Kirche sondern die ganze Gesellschaft wesentlich prägte und das auch noch heute tut.
Durch sein Leben machte Feldmanis deutlich, dass heute jeder die Möglichkeit hat, sich dort einzusetzen, wo es geht, und wobei nichts davon unbemerkt und unbeurteilt bleiben wird, und sein Einsatz nicht umsonst gewesen ist, sondern ihm hundertfach vergolten werden soll. Er hat seine ganze Persönlichkeit in den Dienst Gottes, der Kirche und der Menschen gestellt. Sein Dienst und sein Vorbild durch sein Leben war für unsere Kirche und unser Volk ein unverdientes Geschenk der Gnade Gottes – dass wir ihn und seinen Dienst erleben und empfinden konnten. Dabei sei noch erwähnt, dass Feldmanis trotz seines glänzenden Wissens immer wieder betonte, dass die Furcht des Herrn aller Weisheit Anfang sei. Er betonte, dass es keine größere Weisheit gäbe als die. „welche von dem gebeugten Knie und von den gefalteten Händen ausginge“, als der Theologie, deren Weisheit wir vom allmächtigen Gott erbeten haben.
Der neue Name dieser Straße soll unsere Kirche und die ganze Gesellschaft daran erinnern, dass wir die großen Werke der Gnade Gottes hoch einschätzen, die er für unser Volk und auch für uns selbst getan hat, und dass wir es lernen möchten, Ihm nachzufolgen und uns Ihm zu ergeben. Dazu kann uns das Beispiel von Menschen, die wie Roberts Feldmanis Diener Gottes waren, eine sehr gute Hilfe sein.

Enno Haaks: „Das Wachstum der Kirchenbauten und der Kirchengemeinden ist miteinander verbunden.“ Inga Reča.
Vom 2. bis zum 5. Oktober war der Generalsekretär des Gustav Adolf Werks (GAW) Pfarrer Enno Haaks in Riga zu Gast, der während seines Besuches auch die Kirchengemeinden in Limbaži, Umurga, Augstroze, Dīkļi, Burtnieki und Āraiši besuchte, um sich davon zu überzeugen, auf welche Weise die vom GAW bewilligte Beihilfe bei der Renovierung der Kirchen genutzt worden ist. Im Laufe von 10 Jahren – von 1999 bis 2009 – hatten insgesamt 37 Kirchengemeinden vom GAW zur Finanzierung ihrer Vorhaben Beihilfen in der Höhe von 138 413 Lats (bezw. 197 733 Euro) erhalten, die zur Renovierung von Kirchen und Gemeindehäusern verwendet worden sind..
In der Kirchengemeinde Āraiši wurde das Kirchendach ausgewechselt und der Kirchturm renoviert, in der Kirchengemeinde Burtnieki das Kirchendach repariert, in der Kirche von Augstroze die 1. Etage über der Sakristei renoviert, in der Kirche von Umurga das Dach und die Holzkonstruktion des Kirchturms erneuert, in der Kirchengemeinde Dīkļi die Wände und die Decke der Kirche restauriert und in der Kirchengemeinde Limbaži die Räume des Gemeindehauses renoviert. Das sind nur einige Beispiele dafür, auf welche Weise die Beihilfen des GAW zur Finanzierung von Vorhaben unserer Kirchengemeinden genutzt worden sind.
„Ganz besonders beeindruckt und erfreut hat mich das, dass mir die Vertreter der Kirchengemeinde Āraiši sagten, dass sie künftig mit eigener Kraft die Renovierungsarbeiten an der Kirche durchführen, und damit etwas zur Einheit und zum Zusammenhalt der Gemeinde beitragen wollten. Das liegt ja auch im Wesen unseres Hilfswerks – durch unsere Hilfe bei der Renovierung kirchlicher Gebäude etwas zum Bau und zum Wachstum der Kirchengemeinden beizutragen,“ sagte der Generalsekretär des GAW zum Abschluss seines Besuches. Er sprach auch von seinem Besuch der Kirchengemeinde Augstroze, wo er kurz

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vor dem Gottesdienst die Freude hatte, sich von dem Einsatz der Evangelistin Ivanda Ceijere sowohl bei den Menschen der Kirchengemeinde als auch bei dem Gebäude des Gotteshauses zu überzeugen. Es bewegte Pfarrer Haaks sehr, die im Gotteshaus aufbewahrten Worte der Heiligen Schrift in deutscher Sprache zu sehen. Sehr eindrucksvoll war auch die Begegnung mit Pfarrer Aldis Kalcenavs in Burtnieki. „Er ist dort nicht nur der Pfarrer sondern auch ein sehr ordentlicher Arbeiter, der auch in der Lage ist, das Dach zu reparieren. Es war für mich sehr interessant, von ihm zu hören, welchen Weg er beschritten hat, um vom Gemeindeleiter zum Evangelisten und schließlich zum Pfarrer zu werden. Durch Pfarrer Kalcenavs kann man die Entwicklung der ELKL während der vergangenen 20 Jahre erkennen – einerseits ist sie eine Kirche mit einer guten Ausbildung ihrer Pfarrer und andererseits ist da die wirkliche Gemeindearbeit, die eure Pfarrer leisten müssen,“ sagte Pfarrer Haaks, als er seine Eindrücke über seinen Besuch Lettlands zusammenfasste. Sehr bewegend war für ihn auch der Besuch der Auferstehungsgemeinde in Riga. „Sehr beeindruckt haben mich die Gedenkstätten für die Deportierten, für diejenigen, die während der Zeit des roten Terrors Leid tragen mussten und für die Pfarrer, die als Märtyrer gestorben sind. Es ist sehr wichtig, dass wir sie nie vergessen.“
Doch ist es nach den Aussagen von E. Haaks und dem Leiter der Immobilienkommission der ELKL Romāns Ganiņš sehr wichtig, dass nach der Beendigung des Vorhabens die Kirchengemeinden rechtzeitig die genaue Abrechnung vorlegen und sich auch für die Beihilfe bedanken. Wie der Generalsekretär des Hilfswerks betonte, erfreuen ihn ganz besonders jene Kirchengemeinden, die ihren Abrechnungen einen Bericht darüber beigefügt haben, was sich seit den baulichen Veränderungen im Leben und in der Entwicklung der Kirchengemeinde verändert hat. „Einen herzlichen Dank dem GAW für die viele Jahre lange gute Zusammenarbeit ,“ sagte R. Ganiņš
Bei der Aussprache über die künftige Zusammenarbeit sagte der Vertreter des GAW, dass sich das Werk weiterhin bemühen würde, die von der ELKL eingereichten Vorhaben mit einem Betrag von etwa 20.000 Euro jährlich zu unterstützen: „ Die Evangelisch-lutherische Kirche Lettlands hat viele Gemeinden und viele Kirchen und einen großen Bedarf. Wie die leitenden Vertreter Ihrer Kirche sagten, würden etwa 30 Millionen Lats dringend benötigt, um alle Gotteshäuser in Ordnung zu bringen. Verglichen damit kann unsere Hilfe nur gering sein.“ Romāns Ganiņš sagte, dass es für die Kirchengemeinden wichtig sei, zu begreifen, dass der Weg eines Vorhabens von der Vorlage bis zur Bewilligung einer Beihilfe mindestens drei Jahre lang ist. „Zuerst entscheiden wir selbst, welches Vorhaben für uns vordringlich ist, und erst danach reicht die ELKL es an das GAW weiter mit der Bitte, es in das Verzeichnis der Vorhaben einzutragen, die die Förderung verdient haben. Und dann erfolgt der Prozess der Spendensammlung im ganzen deutschen Bundesgebiet, und erst dann, wenn wir den dafür notwendigen Betrag haben, geht er an die Gemeinde. Außerdem schreiben die Bestimmungen des GAW vor, dass es nicht mehr als 1/3 der Gesamtkosten als Beihilfe bewilligen darf. 2/3 davon muss die Gemeinde selbst tragen.“
Nach den Worten von E. Haaks gehört zur Regelung materieller Dinge auch der Dialog miteinander, in dem auch offen und ehrlich über die Fragen des geistlichen Lebens gesprochen werden muss. „Weil ein großer Teil von denjenigen, welche die Spenden in Deutschland sammeln, Frauen sind, wirkt sich die Haltung der ELKL gegenüber der Ordination von Frauen sehr störend auf eine vollwertige Zusammenarbeit aus.
Das Gustav Adolf Werk ist das älteste evangelische Hilfswerk Deutschlands. Es besteht seit 1832. Es ist in etwa 35 Staaten und in 40 Kirchen in Lateinamerika, Süderuropa, Mitteleuropa und Osteuropa bis hin nach Wladiwostok tätig und unterstützt dabei jährlich etwa 150 Kirchen und Gemeindehäuser bei ihrem Bau oder ihrer Renovierung.

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Pfarrer kehren in die Pfarrhäuser zurück. Inga Reča
Gegen Ende des Monats September gab es zwei beachtenswerte Vorgänge in den Kirchengemeinden Zaļenieki und Madona. Hier wurden die ehemaligen Pfarrhäuser wieder in den Kirchengemeinden als Dienstwohnungen ihrer Pfarrer in Gebrauch genommen. Das waren nicht nur Festtage für die betroffenen Kirchengemeinden, denn endlich leben ihre Pfarrer in der Nähe ihrer Gemeinden, und für die betroffenen Pfarrer Guntars Lūsītis und Hans Jensson. Diejenigen, die davon profitieren, sind viel mehr – es sind alle Kirchengemeinden in dem sogenannten Komplex der Kirchengemeinden, denn beide Pfarrer verrichten ihren Dienst in mehreren Kirchengemeinden, und außerdem ist Hans Jensson auch noch der Propst der Propstei Madona. Man kann ganz bestimmt behaupten, dass zugleich mit der Weihe dieser Dienstgebäude auch die betroffenen Kirchengemeinden eine Wiedergeburt erleben, denn die beiden Pfarrhäuser werden auch anderen Aktivitäten der Kirchengemeinden dienen. Und zweifellos ist die persönliche Anwesenheit eines Pfarrers auch für die Leute wichtig, die in diesen Orten wohnen.
Das Bestimmende sind nicht die materiellen Probleme, sondern ist die Fähigkeit, sich zu einigen.
Der Vorsitzende der Immobilienkommission der ELKL Romāns Ganiņš ist mit dem Geleisteten sehr zufrieden: „Endlich ist geschehen, was in Komplexen von Kirchengemeinden auf dem Lande geschehen musste – es sind Dienstwohnungen für Pfarrer entstanden, wo die Pfarrer hinziehen und bei den ihnen anvertrauten Gemeinden leben können. Lange Jahre haben wir dafür gekämpft, dass drei wichtige Dinge geschehen sollten, um dem Evangelium die Möglichkeit zu eröffnen, sich auszubreiten , dass ein Pfarrer vollzeitbeschäftigt ist, dass er bei seinen Kirchengemeinden leben kann und dass er Menschen vorbereiten kann, Jünger Christi zu werden. Bei der Weihe der neuen Wohnstätte von Pfarrer Guntars Lūsītis war es sehr schön und angenehm, zu sehen und zu hören, dass die Vertreter am Ort sich dessen voll bewusst waren, und das auch bei der Gestaltung dieser Dienstwohnung deutlich wurde. In diesem Falle zog Pfarrer Lūsītis mit seiner Familie von Riga nach Zaļenieki, um in der Region leben zu können, in der er seinen Dienst tut.“
Wie Pfarrer Lūsītis es selbst zugab, hatte man an dieser Frage mehrere Jahre lang gearbeitet. Er hatte die vielen Kirchengemeinden, die er betreute, darum gebeten, eine Lösung für die Wohnmöglichkeit ihres Pfarrers zu finden. Es gab verschiedene Überlegungen in die Richtung eines Hauskaufes, doch am Ende blieb es bei dem Pfarrhaus in Zaļenieki, das noch in einem diskutablen Zustand ist, und bei dem nur noch die Pfarrwohnung renoviert werden musste.
Nach den Worten von R. Ganiņš waren die den Prozess Bestimmenden nicht die materiellen Probleme – also woher man das Geld bekommen könnte – sodern die Fähigkeit der Kirchengemeinden, sich darauf zu einigen, auf dem Boden welcher Kirchengemeinde ihr gemeinsamer Pfarrer künftig wohnen sollte. „Es ist mir eine große Freude, dass die Kirchengemeinden zu einer gemeinsamen Lösung gekommen sind und in dieses Pfarrhaus etwas über 14.000 Lats investiert haben. Einen herzlichen Dank allen Spendern vor Ort und denjenigen, die sich mit ihrer Arbeitskraft dem Vorhaben zur Verfügung gestellt haben. Die Renovierung der Wohnung ist von hoher Qualität.“ Neben dem Einzug der Pfarrfamilie hat die Kirchengemeinde auch den Plan, im Pfarrhaus auch Räume für die Sonntagsschule
auszubauen. Auch weitere Räume dienen bereits der Kirchengemeinde für verschiedene Veranstaltungen. „Wenn ich sehe, wie erfolgreich die Kirchengemeinde an dieses Vorhaben herangegangen ist, dann bin ich davon fest überzeugt, dass sie damit weiterkommen wird.“ Davon ist Ganiņš überzeugt.

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Wenn ein Pfarrer „bereit“ ist, dann ist auch die Kirchengemeinde „bereit“.
„Ich bin sehr glücklich über den geistlichen Prozess, der damit einsetzte, dass ich der erste Pfarrer seit 70 Jahren bin, der in diesem Pfarrhaus Prauliena wieder zu leben beginnt. Dass sich hier wieder die Kultur eines Pfarrhauses entwickeln kann, wie ich sie in meiner Kindheit in Schweden erlebt habe. Die Kirchengemeinde Madona hat kein eigenes Gemeindehaus, aber dieses wird der Ort sein, an dem sich die Gemeinde versammeln kann,“ gibt der Propst der Propstei Madona Hans Jensson zu bedenken.
Während der sowjetischen Besatzungszeit war das Pfarrhaus Prauliena ein Internat für Schulkinder und auch in Wohnungen aufgeteilt. Lange Jahre hat die Kirchengemeinde dort humanitäre Hilfe gelagert und während der letzten Jahre wurde mit der Hilfe einiger europäischer Vorhaben hier eine Lagerstätte eingerichtet. „Zu Beginn meines Dienstes hat die Kirchengemeinde für mich in der Stadt eine Wohnung gemietet, die mich zuerst gar nicht ansprach. Aber ein von der Immobilienkommission veranstaltetes Seminar ließ mich nachdenklich werden und mich erkennen, dass ich hier in der Nähe meiner Gemeinde leben müsste. Und jetzt investiert die Kirchengemeinde das Geld, das sie damals für meine Wohnungsmiete aufgebracht hat in ihren eigenen Besitz. Als ich sagte, dass ich bereit sei, in das Pfarrhaus umzuziehen, und die Gemeinde sagte, dass sie bereit sei, alles zu tun, damit das geschehen konnte, da hat die Gemeinde seitdem eine große Arbeit geleistet, hat die Kanalisierung und die Wasserzufuhr in Ordnung gebracht, die Öfen umgebaut und die Räume renoviert. Es bleibt nur noch wenig zu tun übrig, bis der Pfarrer gegen Ende des Oktobers hierher umziehen und hier beständig leben können wird. Bei der Weihe des Pfarrhauses wurde allen herzlich gedankt, die für das Vorhaben Gebetet und die mit Hand angelegt haben – ganz besonders dem Gemeindeleiter Ivars Dzenis, dem Evangelisten Guntars Paeglis, der Leiterin der diakonischen Arbeit in der Kirchengemeinde Rudīte Kumsāre. Es bleibt noch vieles zu tun, um das Begonnene fortzusetzen, aber die Menschen in Madona haben viel Schaffenskraft.
Der Pfarrer bewohnt die erste Etage des Pfarrhauses, aber das Erdgeschoss soll den Bedürfnissen der Gemeinde und des Lagers dienen. „Das ist sehr gesund, mitten in der Arbeit zu leben, und ich werde auch viel körperliche Arbeit zu leisten haben, die mich in Bewegung halten und mich besser fühlen lassen,“ gibt der Pfarrer zu. Er hat keine Angst davor, dass er zum nächsten Geschäft nicht mehr nur die Straße zu überqueren braucht, sondern einige Kilometer zurücklegen muss. „Man muss sich disziplinieren.“
Glaube ist möglich.
Nach den Worten von Romāns Ganiņš steht die Einrichtung von Pfarrhäusern in der Nähe ihrer Gemeinden ganz am Anfang. „Größere Kirchengemeinden haben damit keine Probleme. Sie können für die Wohnung ihres Pfarrers aufkommen entweder durch wirtschaftliche Einkünfte oder durch Spenden. Die Landgemeinden haben damit große Probleme, und wenn eine Kirchengemeinde es nicht schafft, dann müssen sich drei oder vier verschiedene Kirchengemeinden miteinander einigen. Die Probleme liegen nicht bei dem Besitz, sondern bei ihrer Unfähigkeit, zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen. Wir arbeiten mit den Kirchengemeinden, um sie bei diesem Prozess zu begleiten. Auch die materielle Fähigkeit ist in mindestens 90 % aller Fälle bei der Verpachtung von Grundbesitz oder bei der Bearbeitung des Waldbesitzes rein technischer Natur, so dass man diese Fragen fast überall lösen kann. Aber mit dem Glauben und der Hilfe Gottes ist alles möglich, wenn wir einmütig sind.
Die beiden Ereignisse am Ende des Monats September machen es beispielhaft auch anderen Kirchengemeinden deutlich, welche die Wohnungsfrage ihres Pfarrers noch nicht gelöst haben, denn es ist schwer, die Freude mit Worten zu beschreiben, die die Augen der Leute auf

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dem Lande ausstrahlt, wenn sie stolz verkündigen können: „Unser Pfarrer wohnt jetzt bei uns!“

Die 10. Fahrt von Svētdienas Rīts – dieses Mal zur Venta und nach Ventspils.
Ingrida Briede
Wer hätte es wohl gedacht, als wir im Mai 2010 von Svētdienas Rīts aus unsere erste Reise auf den Spuren Luthers veranstaltet hatten, dass daraus eine neue Gemeinschaftsbewegung werden würde, bei der die Leserschaft von SR, die sich aus Mitgliedern verschiedener Kirchengemeinden aber auch aus Menschen zusammensetzt, die keiner Kirchengemeinde angehören jedoch dem Christentum und den Christen gegenüber offen sind, und mit großer Freude einander an den verschiedenen Ecken Lettlands besuchen und sich auch auf den Weg machen, wie es in diesem Jahr bei der zweiten Fahrt auf Luthers Spuren geschehen ist, die uns mit Brüdern und Schwestern im Glauben in Deutschland, Tschechien, Polen, Litauen und St. Petersburg zusammenführte. Es ist mir eine große Freude, dass wir auf diese Weise auch etwas zur Stärkung der Einheit im Glauben beitragen können und der Gemeinschaft unter den verschiedenen Kirchen beitragen können. Dass wir einander sehr nahe gekommen sind und lieb gewonnen haben machte auch der lange Weg bei unserer vorigen langen Fahrt nach Ventspils deutlich, bei der die Zeit so schnell verging, dass wir es kaum merkten und bei der es keine Sekunde langweilig war durch die verschiedenen Wortbeiträge und Erfahrungsberichte der einzelnen. So konnten wir erfahren, dass in der Rigaer Domgemeinde christliche kurdische Flüchtlinge eingetroffen sind, konnten Neuigkeiten aus der St. Johannisgemeinde und über die Gregorianische Woche vernehmen und vieles andere mehr. Eine Schwester im Glauben aus Sloka kam direkt als Mitglied der Stimmenzählkommission von der Stimmzählung bei der Wahl zur 11. Saeima, die sich bis in den Morgen hinein erstreckt hatte… Auf diese Weise flossen viele Neuigkeiten aus allen Ecken Lettlands an einer Stelle zusammen, so wie es sich für eine Kirchenzeitung gehört. Wir schlossen einander in die Fürbitte ein und nahmen dabei die Schmerzen und Probleme der Geschwister im Glauben auf unser Herz – wie es sich in einer Gemeinschaft von Christen gehört. Wir waren so viele, dass uns ein Bus nicht genügte. Die Leute aus Bauska kamen mit einem eigenen Bus und die Leute aus Kurland mit ihren eigenen Transportmitteln.
In Ventspils kamen wir bereits recht früh am Morgen an. Damit wir am Gottesdienst in der dortigen Nikolaikirche teilnehmen konnten. Die Leute in Ventspils sind gute Gottesdienstbesucher. Wir freuten uns auch über den Chorgesang. Auch wenn wir im Laufe des Tages immer wieder hörten, dass die Leute in Ventspils mit Gefühlsäußerungen zurückhaltend seien, so wurden im Gottesdienst unsere Herzen warm bei dem Friedensgruß, den alle, die das Abendmahl bereits empfangen hatten an die weitergaben, die noch darauf warteten, bis sie an der Reihe waren. Nach dem Gottesdienst machte uns Pfarrer Valters Ozoliņš mit der Geschichte der Kirche vertraut und berichtete uns über die Gemeindearbeit, während im Garten ein prächtiger Mittagstisch vorbereitet wurde, bei dem die gut mundenden Bohnen aus Kurland und der wohlschmeckende Kringel nicht fehlten. So haben uns die Leute in Ventspils in allen Ehren bewirtet. Herzlichen Dank den Schwestern Daina Otilija Kopeika und Astra Austra Saharova, die für unsere Bewirtung Sorge getragen haben. Uns Mitarbeitern der Redaktion und der Organisatorin dieser Fahrt Līga Pommere wurden leckere Konserven una Marmeladen aus Ventspils mitgegeben. Wiederum wurde von uns Reisenden ein geschmiedeter Kerzenhalter als Gastgeschenk mitgebracht und und von Schwester Māra Lediņa die im Sommer sorgfältig gepflrgte Pflanze eines rosa Kastanienbaumes, die wir von unserer vorigen Reise auf den Spuren Luthers aus einem Pfarrgarten in Meißen mitgebracht haben. Wiederum haben die Leute in Ventspils in ihrem Pfarrgarten eine wunderbare Idee

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verwirklicht – ein Blumenbeet in einer Ecke des Gartens, auf dem verschiedene Blumen blühen, die für den Schmuck des Altars und der Kirche gedacht sind.
Nach dem Ende des Besuches der Kirche übernahm unser Reisegefährte bei der vorigen Fahrt auf den Spuren Luthers Doktor Gundars Kuklis das Kommando. Er kann wunderbar erzählen. Das Wertvollste bei unseren Fahrten ist, dass die Rolle des Fremdenführers von einem von den Leuten aus dem betreffenden Ort übernommen wird. Denn bei diesen Führungen kommt es nicht auf unzählige Jahreszahlen an, sondern darauf, wie die Leute mit den Dingen heute leben, die sie uns zeigen. Wir haben den Marktplatz von Ventspils besichtigt und uns dort das Glockenspiel angehört, uns über die schönen Blumenskulpturen gefreut und die künstlerischen Ideen bei den Skulpturen von Kühen. Wir machten einen Bogen zum Naturpark am Meeresstrande, warfen einen Blick auf den schönen Springbrunnen bei der Hochschule und der modernen Bibliothek. Die Stadt Ventspils tut zur Zeit viel, um ihre Stadt für Touristen anziehend zu machen. So gibt es hier Kinderspielplätze, Erholungsparks und kostenlose Parkplätze, die auch dabei eine Rolle gespielt hatten, dass Ventspils ein besonders beliebter Anziehungspunkt für Touristen aus Litauen gewesen ist. Bevor der Abend und damit der Heimweg herankam machten wir eine kleine Rundreise auf dem Schiffchen „Jakob“ bis zur Mündung der Venta in das Meer und besichtigten die Ausstellung des Museums im Schloss des Livländischen Ordens.
Auf dem Heimwege gab es Pläne für das nächste Treffen. Dieses Mal sind die Leser von SR eingeladen, am Tage der offenen Tür des Oberkirchenrates kurz vor dem Reformationsfest teilzunehmen am 29. Oktober ab 10 Uhr und danach die Freunde in der St. Johannisgemeinde und der Domgemeinde zu besuchen. Das ist für heute alles. Auf Wiedersehen bis zum nächsten Mal.

Die „grüne Kirche“ von Blīdene ist inzwischen 10 Jahre alt geworden. Inga Reča
Am 1. Oktober feierte die Kirchengemeinde Blīdene zwei Feste zugleich: das 10jährige Bestehen der „grünen“ Kirche und die 20 Jahre, seitdem die Kirchengemeinde nach langer Zwangspause ihre Arbeit wieder aufgenommen hat. Seit 1o Jahren finden am Miachaelistag in der „grünen“ Kirche von Blīdene Gottesdienste statt. Propst Pirro hat diese Kirche einmal folgendermaßen beschrieben: Sie ist die Kirche mit der weltweit höchsten Decke, weil sie überhaupt keine Decke hat und sie sich deshalb bis zum Himmel erstreckt. Auch in diesem Jahr versammelten sich hier über 100 Gäste aus 12 Kirchengemeinden um eine rekordverdächtige Anzahl von Kuchen!
Diene mit deinen Gaben.
Nach dem Gottesdienst in der freien Natur, der im alten Park an der Ruine der Kirche von Blīdene, die sich neben der Straße nach Liepaja befindet, stattfand (wobei man wirklich auf den Gedanken kam, dass alle Autos, die daran vorbeibrausten, eigentlich auch etwas vom Wehen des Geistes des Evangeliums verspürt und davon etwas mitgenommen haben müssten), versammelten sich die Leute aus den Kirchengemeinden Gramzda, Liepāja, Auce, Vecauce, Ruba, der Jesusgemeinde in Riga, Dole-Ķekava, Baldone, Ropaži, Gaiķi, Saldus und Sloka im Haus des Volkes am Ort. Ein fester Teil der Festveranstaltungen ist das traditionelle Mahl, das von den fleißigen Frauen der Kirchengemeinde zubereitet wurde, und der Austausch von Meinungen und Erfahrungen. Dabei verbergen die Leute aus der Kirchengemeinde keineswegs ihre Talent – einige tragen selbst verfasste Lieder oder Lieder
anderer Autoren vor., andere sagen Gedichte auf, andere geben Erzählungen zum Besten, aber den größten Beifall erspielte sich wie in jedem Jahr die Schwester aus der Kirchengemeinde Ruba mit ihren Vorträgen auf der Mundharmonika.

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Bestehen im Glauben, im Brotbrechen und im Gebet
Unter den Gästen war auch Pfarrer Harijs Grigols, der sich an seinen Dienst in dieser Gemeine von 1997 bis 2000 erinnerte. „Ich freue mich sehr darüber, dass sich die Kirchengegemeinde Blīdene so gut weiterentwickelt hat und ich wünsche euch: Besteht weiter im Glauben und im Brotbrechen und haltet an am Gebet in der Gemeinde, in der Familie und an eurem Wohnort. Denn auch die ersten Gläubigen hielten sich daran, und seht, was daraus geworden ist. Es schlossen sich große Scharen von Gläubigen an und der Glaube breitete sich in der ganzen Welt aus,“ sagte Pfarrer H. Grigols. Auch der neue Propst der Propstei Kuldīga Uldis Gailītis, der mehrere Jahre in dieser Gemeinde als Pfarrer gedient hatte, sprach seine Beobachtung aus, „dass es heute kein Treffen in der grünen Kirche, sondern in einer mehrfarbigen Kirche war – mehrfarbig wegen der wunderbaren Färbung des Laubes, die den Herbst anzeigt, aber auch wegen der vielfältigen Traditionen in den Gemeinden, die sich heute hier versammelt haben, und von denen ihr wisst, dass sie alle Eins in Jesus Christus sind..“ Mit besonderen Ovationen wurde Pfarrer Valdis Bercs willkommen geheißen, denn hier waren viele anwesend, die für ihn gebetet hatten nach seinem schweren Unfall, nach dem er längere Zeit im Koma verbringen musste. „Ich habe es sehr stark empfunden, dass ihr für mich gebetet habt,“ sagte er mit sehr bewegter Stimme.
Was Gott gebaut hat, kann nicht zerstört werden.
Vertreter der Kirchengemeinde Dole-Ķekava sagten, dass sie es sehr zu schätzen wissen, jetzt einen beständigen Pfarrer zu haben. Dadurch hat die Gemeindearbeit einen spürbaren Aufschwung bekommen. Auch ist die Zusammenarbeit mit den kommunalen Instanzen viel besser geworden. Wir waren heute zum ersten Mal in einem Gottesdienst in der „grünen“ Kirche und haben es mit unseren eigenen Augen gesehen, dass ein Haus nicht zerstört werden kann, das Gott erbaut hat, auch wenn es keine Wände hat.“ Auch die Leute aus Ropaži bestätigten es, dass sie für ihre Gemeindearbeit von der Kirchengemeinde Blīdene viele Anregungen erhalten hätten. „Auch wir bemühen uns, Gemeinschaft mit anderen Kirchengemeinden zu pflegen, so zum Beispiel mit der Kirchengemeinde Salaspils, mit der wir viele Vorhaben gemeinsam durchführen. Wir haben jetzt auch unser eigenes Pfarrhaus, in dem wir viele Arbeitseinsätze durchführen wie hier in Blīdene. Gerade hier wurden wir davon überzeugt, dass wir vieles auch selbst schaffen können,“ sagte der Pfarrer der Kirchengemeinde Ropaži Krišjānis Bulle.
Mehrere Kirchengemeinden haben Einladungen an alle ausgesprochen, ihre Kirchengemeinden zu besuchen. So ladet die Kirchengemeinde Gaiķi am Ostermontag des nächsten Jahres alle ein, und der Gemeindeleiter der Krichengemeinde Gramzda Vatslavs Kadaģis lud alle am 27. Mai 2012 zum 445 jährigen Jubiläum der Kirche und zum 20 jährigen Gedächtnis des Wiederbeginns der Gemeindearbeit nach einer langen Zwangspause ein
„Ihr seid für uns und unsere Gemeindearbeit ein Vorbild. Wir kommen zu euch und fahren jedes Mal neu gestärrkt heim,“ sagte Schwester Maiga aus der Jesusgemeinde in Riga, die am 1. November ihren 85. Geburtstag feiert und bei den Mitarbeitern der Kirchengemeinde weiterhin ganz vorne steht.
Am Ende des Festes begaben sich alle Interessierten zum Pfarrhaus, um sich von dem zu überzeugen, was im Laufe von zwei Jahren geschaffen worden ist. Das, was wir dort sahen, bestätigten die Richtigkeit des uralten Sprichwortes, dass kleine Ursachen große Wirkungen haben, was in Blīdene zweifellos der Fall ist. Möge das mit Gottes Hilfe auch weiterhin geschehen!

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Die Visitation von Bischof Pāvils Brūvers in Auce. Līga Bitmane.
Als die Natur mit einer überwältigenden Farbenpracht und gewaltigen Wolkenbergen uns anzeigte und die Zugvögel mit ihrem melancholisch anmutenden Gesang uns deutlich machten, dass es Herbst geworden war, begab sich Bischof P. Brūvers mit der Visitationskommission – Propst Oskars Laugalis und Architektin Helene Dekante – in das Grenzgebiet, um dort die Menschen in Auce, in der Kirchengemeinde Vecauce und Pfarrer Valdis Bercs zu besuchen.
Insgesamt war diese vierte Visitation dieses Jahres, die vom 9. bis zum 11. Oktober stattfand ähnlich geplant wie die Visitationen davor. Am ersten Tag sollte ein Treffen mit den kommunalen Vertretern uns Leitern verschiedener Institutionen stattfinden. Sehr angenehm überraschte das Gespräch mit dem Vorsitzenden des Kreistages Gints Kaminskis, der einen Einblick in die Geschichte des Landkreises gab und in die Perspektiven der Kleinstadt Auce. Trotz der Ausreise vieler Familien in das Ausland leben die 4000 Einwohner der Stadt ihr Alltagsleben. Der Leiter der Kommunalverwaltung, der ein Studium der Rechtswissenschaften und der Musik nachweisen kann, betonte, dass die kommunalen Behörden bestrebt sind, das kulturelle Leben in Auce weiter zu fördern. Im Bezirk Auce sind nur zwei Schulen übrig geblieben – die Oberschulen in Auce und Bēne. Die kleinen Dorfschulen wurden geschlossen und die Kinder aus der Umgebung werden mit Bussen nach Auce zur Schule gefahren un nach Hause gebracht. Leider sind auf dem Lande nur noch sehr wenige junge Menschen übrig geblieben. Dennoch gibt es in den Dörfern Laienspielkreise und in Auce eine Musikschule. Obwohl um 1960 Auce das Zentrum eines Landkreises war, hat es hier während der ganzen Zeit keine Leninstraße und kein Lenindenkmal gegeben, mit dem der erste Held des Sowjetvolkes geehrt werden sollte. In Auce befindet sich ein von der Landwirtschaftlichen Universität bewirtschafteter landwirtschaftlicher Betrieb „Vecause“, der wissenschaftliche Forschung betreibt und zu dem etwa 1000 ha gehören, die früher zum Gut gehörten . Bei einem Besuch des einst dem Geschlecht der von Medems gehörenden Besitzes, der jetzt teilweise für Lehrzwecke der Landwirtschaftlichen Universität genutzt wird, aber auch für andere gesellschaftliche Veranstaltungen, bestiegen wir den Turm der Burg, von dem aus man Litauen erblicken kann. Auce ist eine Stadt im Grenzgebiet und die Kommune tut alles, um die Wege in Ordnung zu halten, was für den Transitverkehr zwischen Lettland und Litauen von großer Wichtigkeit ist.
In der Oberschule von Auce, die von 600 Schülern besucht wird, so berichtet Direktorin Indra Špela, gibt es parallel dazu für jede Grundschulklasse ein anerkanntes Lehrprogramm, durch das den Kindern auf erleichterte Weise der Grundschulstoff vermittelt wird.
Hier wird für Erwachsene auch ein Programm für ihr Fernstudium angeboten. Die Direktorin vertritt die Ansicht, dass die besten Schüler in Lettland ausgebildet werden und danach in das Ausland fortziehen. Als wir auf das Studium zu sprechen kamen, hörten wir, dass sich die meisten Absolventen – im Augenblick sind es 9 – für den medizinischen Bereich interessierten. Pfarrer V. Bercs kommt zu Beginn jedes Schuljahres her, um die Schüler zu segnen. Lehrerin Daina Krūzmane erteilte im vergangenen Schuljahr 20 Heranwachsenden Religionsunterricht. Auch die ganz kleinen Bürger von Auce kommen im Kindergarten „Mazulis“ zusammen, der von der Stadtverwaltung betrieben wird und sich auf dem Besitz der Kirchengemeinde befindet. Die Kleinen machten einen etwas verstörten Eindruck und fingen erst an, Fragen an ihre Erzieherinnen zu stellen, nachdem die Kommission fortgegangen war.
Einen überraschenden Einsatz , der aus ganzem Herzen mit Hingabe geleistet wird, erlebten wir im Behindertenheim „Māriņa“, das von Māra Hincenberga geleitet wird, die mit Pfarrer V. Bercs eng zusammen arbeitet. Trotz der Behinderung strahlt Māra aufrichtige Liebe aus.

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Gemeinsam mit Regīna Bulvāne und Vija Mužica kümmert sie sich um diese Kinder mit ihren besonderen Bedürfnissen, mit der Hilfe der humanitären Hilfssendungen beschaffen sie sich Dinge, die man sonst oft nicht bekommen kann.
In der Kapelle von Bēne wurde die Visitationskommission ungeduldig von einem Teil der Schüler der 4. Klasse erwartet, die die Visitatoren mit Gesangsvorträgen erfreuten, und wiederum von den Gästen erfuhren, weshalb die Kirche das Bischofsamt braucht. Die Kapelle ist dank einer Initiative des Pfarrers eingerichtet worden, der sich bei den Arbeiten auch selbst aktiv beteiligt hat.
Bei dem Treffen mit dem Kirchengemeinderat am zweiten Tag in der Kirche wurde der Visitationskommission die Gemeindearbeit vorgestellt – der Ablauf des Gottesdienstes, die Zahl der Gemeindeglieder, die Kasualien, der Konfirmandenunterricht, die Bibelstunden, die alltägliche seelsorgerliche Betreuung der Gemeindeglieder, die wirtschaftliche Situation der Kirchengemeinde, die Arbeit der Sonntagsschule und der diakonische Einsatz, die Zusammenarbeit mit anderen Kirchengemeinden. Außerdem wurde über den baulichen Zustand des Kirchengebäudes berichtet. Pfarrer V. Bercs hat eigenhändig viele Renovierungsarbeiten bewältigt. Die Kirchengemeinde ist froh und dankbar, dass der Pfarrer nach seinem schweren Unfall und seiner langen Zeit des Krankenhausaufenthaltes wieder zum Dienst zurückgekehrt ist.
Nach den Gesprächen in Auce besuchten wir die Kirche in Priedula und trafen uns dort mit der Gemeindeleiterin Rasma Burkāne Mit der Hilfe der Kurischen Stiftung hat „Pastorat“ soeben die Kirche mit einem neuen Dach versorgt, wonach sich die Kirchengemeinde viele Jahre gesehnt hatte., berichtete R. Burkāne.
Vieles hängt nicht von den Regierungen und Mächten, sondern von uns selbst am Ort ab, in dem wir leben. Das betrifft die Kommune, den Kindergarten und die Schule ebenso wie die Kirchengemeinde. Überall haben wir die Möglichkeit, mit unserem Herzen und durch unseren Einsatz zu dienen. Und in Auce tun das viele.

„Ein gläubiger Mensch ist stets ein großer Träumer.“ Inga Reča
Andrej Dschamgarow – einen in Russland in Saratow an der Wolga lebenden Armenier –
habe ich bei dem Sprachkurs des Martin Luther Bundes in Erlangen kennen gelernt. Solche Begegnungen mit Brüdern und Schwestern im Glauben aus der ganzen weiten Welt sind sehr heilsam, um zu begreifen, dass wir Letten und wir Lutheraner in Lettland nicht die Einzigen auf dieser Welt sind, und unsere Probleme auch nicht den Nabel der Welt darstellen., und dass Gott selbst nicht nur die wenigen 100 Kilometer um mich herum am Werk ist, sondern bei allen Menschen auf dem Planeten Erde. Ganz besonders wichtig ist es, darüber am Vorabend des Reformationsfestes nachzudenken.
– Ein Armenier, ein Lutheraner, der in Russland lebt und dort eine lutherische Kirche erbaut. Wie ist es zu dieser Kombination gekommen?
– In Russland lebe ich bereits seit über 20 Jahren. Als die Sowjetunion zusammenbrach, siedelte unsere Familie von Aserbaidschan nach Russland um. Das fiel genau mit der Zeit zusammen, als ich meine Ausbildung am Institut beendete. Meine Eltern waren bereits davor umgesiedelt, und ich bin ihnen nachgefolgt und habe dort eine Arbeit angenommen. Das ist eine Standardsituation für alle auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Danach fingen die Fabriken an, in den Konkurs zu gehen und viele verloren ihre Arbeit. So musste auch ich meine Spezialität als Ingenieur aufgeben und zu den „Buisenesmen“ übergehen.
Sich mit dieser neuen Kultur anzufreunden, war schwer, wenn man davor gewohnt war, im Kaukasusu zu leben. Man musste es lernen, vieles zu akzeptieren, was einem neu war.
– Weshalb seid Ihr als Armenier nicht nach Erewan umgesiedelt?

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– Mein Vater ist Armenier und meine Mutter Russin.. In Erewan habe ich einige Monate studiert und begriffen, dass dort das Leben viel schwerer ist als in Russland. In unserer Familie sprachen wir russisch und fühlten uns der russischen Kultur erheblich näher. Mama stammt aus dem Wolgagebiet.
– Wie bist du in die Kirche gekommen?
– Obwohl es in der Sowjetunion betreffs der Kirche strenge Verbote und starke Einschränkungen gab, fühlte ich mich immer von ihr angezogen, und bei der geringsten Gelegenheit ging ich immer in ein Gotteshaus – sei es in armenisches oder orthodoxes. Ich weiß nicht, weshalb das so war, denn in meiner Familie war niemand betont gläubig. Damals sagte aber auch niemand, dass es Gott nicht gäbe. So lebte ich – mit irgendeinem Glauben, dass es irgendeinen Gott gäbe, den ich nicht kenne. Ich absolvierte das Institut und lebte mit dieser Bagage weiter wie alle anderen auch.
– Wie lebten „alle anderen“ eigentlich?
– So wie man auch heute zu leben pflegt, auch wenn das noch so traurig ist. Sie wissen, dass es Gott gibt und glauben an seine Existenz irgendwo weit entfernt, aber sie selbst leben ihr Leben hier auf der Erde. Wenn du in deinem Leben stark unter Druck gerätst, dann erinnerst du dich auf einmal: „Gott, wo bist du? Hilf mir!“ So lebte ich bis zu meinem 30. Lebensjahr.
– Jetzt kommt eine ganz dumme Frage. Wie kommt es eigentlich, dass Armenier Lutheraner werden? Wie bist du in die lutherische Kirche hineingeraten und nicht zum Beispiel in die armenische apostolische Kirche?
– Das löst jetzt bei mir ein ganz merkwürdiges Gefühl aus. In unserer Gemeinde saßen wir einmal zusammen und eine deutsche Journalistin machte mit uns ein Interview. Wir saßen dort zu dritt – ich als ein halber Russe und halber Armenier, eine Schwester als halbe Armenierin und halbe Deutsche und ein Bruder als halber Deutscher und halber Russe. Und sie stellte uns immer wieder dieselbe Frage:: „Ich kann es wohl verstehen, dass jemand, der deutsche Wurzeln hat, Lutheraner wird. Aber wie sind Sie dazu gekommen?“ Ich sagte: „Gott hat mich hergeführt.“ Sie wiederholte nach einer Weile: „Nein, ich kann es trotzdem nicht verstehen, wie Sie als Armenier hierher geraten sind?“ Ich sagte noch einmal: „Gott hat mich hergeführt.“ Nach einer Weile gab sie sich damit wieder nicht zufrieden: „Was tun Sie als Armrnier in einer Kirche der Deutschen?“ Da begriffen wir, dass wir den Menschen erklären müssen was Kirche bedeutet. Wem sie gehört und wer hier eigentlich der Hausherr ist..
– Was haben Sie ihr darauf gesagt?
– Wir haben ihr erklärt, dass die Kirche nicht russisch, deutsch oder armenisch sein kann in dem Sinne, wie sie Gott versteht. Die Kirche gehört Gott und daher ist sie die Kirche Gottes und gehört somit allen. Und in der Bibel heißt es „gehet hin und lehret alle Völker!“ Deshalb ist es doch so, dass sich in der Kirche, wenn sie Gott, und damit jedem Menschen, unabhängig von seiner Volkszugehörigkeit, gehört, dann auch jeder wie zu Hause fühlen soll. Deshalb, weil es hier um das Haus Gottes geht.
– Meine Frage war etwas provokativ, denn es gibt doch die Tradition. Es ist doch klar, dass wir doch in der armenischen apostolischen Kirche vor allem Armeniern begegnen werden.
– Das war ein weiter Weg. Ich hatte damit begonnen, mich regelmäßig mit meiner künftigen Frau zu treffen, die gläubig ist und sich zur lutherischen Gemeinde hielt. Nicht in Saratow, sondern in einer Stadt, die von Saratow 300 Kilometer entfernt ist. Das war wirklich etwas ganz besonderes – ihre Gemeinde ist in einer Stadt entstanden, in der es davor noch nie eine lutherische Kirche gegeben hatte. Sie wurde nicht von Deutschen gegründet, von denen es im Wolgagebiet recht viele gibt, sondern von russischen Leuten, die davor keinerlei Wurzeln im Luthertum hatten. Gott hat an einer leeren Stelle mit seiner wunderbaren Hilfe eine

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lutherische Kirche geschaffen. Als ich damit begann, mich regelmäßig mit Olga zu treffen, war ich wohl gläubig, aber ich ging nicht zur Kirche, und schon gar nicht zur lutherischen Kirche, die mir völlig fremd erschien. Es war gut, dass ich mich nicht gegen ihren regelmäßigen Kirchgang gewehrt hatte, sondern mich – ganz im Gegenteil – darüber gefreut habe.
– Worüber hast du dich eigentlich gefreut?
– Wie kannst du mir solch eine Frage stellen? Eine gläubige Frau ist doch ein Geschenk Gottes. Als Olga nach unserer Hochzeit zu mir nach Saratow zog, begann sie, sich der lutherischen Gemeinde dort anzuschließen. Die dortigen Russlanddeutschen schauten sie als Russin mit großen Augen an. Aber Gottes Wege sind einmalig und auch unbegreiflich, so dass es schwer, aber auch sehr interessant ist, ihnen zu folgen. Sie kam in diese Gemeinde in dem Augenblick, als dort auch ein neuer Pfarrer seinen Dienst begann. Und Gott hat unsere Gemeinde durch diesen Pfarrer gesegnet, denn er begann den lebendigen Gott zu predigen. Und das allerwichtigste dabei ist, dass er Gott kennt und zum himmlischen Vater täglich und nicht nur Sonntags eine lebendige Beziehung hat. Und das kann man in jeder Stunde seines Lebens erkennen. Der Pfarrer war es, der in der Kirche Gott den ersten Platz einräumte und Jesus Christus bat, das Oberhaupt der Gemeinde zu sein. Und damit fanden auch alle anderen Dinge ihren richtigen Platz. Gott hat uns damit gesegnet, dass die Kirche zu einer Heimstätte für alle geworden ist – für die Armen, Reichen, für dir Familien, die Geschiedenen, Gesunden und Kranken. Heute fällt es fast schwer zu sagen, wie viele Nationen in unserer Kirchengemeinde vertreten sind. Der größte Teil von ihnen sind die Deutschen, gefolgt von den Russen, Ukrainern, Weißrussen und Juden. Der fröhlichste Augenblick war für uns, als sich afrikanische Studenten – Namibier und Äthiopier – unserer Gemeinde anschlossen.
– Kehren wir doch noch einmal zu deiner persönlichen Geschichte zurück, wie du selbst den Weg zur Kirche fandest.
– Ich bin Ingenieur – Elektriker. Jch habe eine sehr gute und steile Kariere hinter mir. Nach anderthalb Jahren in einer Fabrik wurde ich Leiter eines Laboratoriums. Dann brach alles zusammen und ich begann mich im Geschäftsleben zu betätigen, was mir zunächst auch gut gelang. Doch zu Beginn der 90er Jahre wurde Russland vom „Schwarzen Dienstag“ betroffen, an dem der Rubel in das Bodenlose abstürzte. Damals gingen viele bankrott. Ich auch.
Ich war bereits verheiratet und meine Frau besuchte das theologische Seminar, doch ich half dabei. Tische und Stühle zu organisieren. Am Ende des Seminars, als die Leute berichteten, woher sie kamen, sagte ich: „Ich bin ein Geschäftsmann und lebe in Saratow.“ Was darauf geschah, ist mir noch bis heute in sehr lebendiger Erinnerung. und klingt in meinem Ohr noch nach. Der Pfarrer am Ort stand auf und sagte: „Ihr könnt das, was ich jetzt sage, für eine Prophezeiung halten, aber dieser Mensch wird eines Tages Gottes Wort predigen!“ Damals dachte ich: „Das ist schon merkwürdig, ja sogar verrückt! Ich bin Geschäftsmann! Und was soll ich dann ausgerechnet in der lutherischen Kirche? Das ist für mich völlig unverständlich und wahnsinnig weit entfernt!“
Und bitte, was ist daraus geworden? Etwa 10 Jahre danach predige ich das Wort Gottes in der lutherischen Kirche.
– Diese wunderbare Verwandlung geschah doch nicht an einem Tage, nicht wahr?
– Wie ich schon sagte, mein ganze Leben lang war ich zwar gläubig und sage allen, dass ich auf Credit gelebt habe. Ohne Gott zu kennen, lrbte ich wie ein von Gott Gesegneter. Gott liebt alle, und ich weiß nicht, weshalb er es zugelassen hatte, dass ich bis an den Rand der Schlucht ging, und, als ich drauf und dran war hinabzustürzen, mich an den Kragen packte. An dieses Leben hatte ich mich ebenso gewöhnt wie an die Credite der Bank – du kannst sie nehmen

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und nehmen und nehmen, ohne daran zu denken, dass das „Geld“ einmal zu Ende sein könnte. Aber es gibt im Leben Augenblicke, die du nie vergessen kannst – du fährst mit dem Auto und alles geht sehr gut, und plötzlich geschieht irgend etwas, und du Mensch begreifst plötzlich, dass du allein geblieben bist. Die ganze Welt ist so geblieben, wie sie von Anfang an war – mit dem gleichen Licht der Sonne, mit dem gleichen Himmel, aber irgendetwas fehlt… Ich habe lange darüber nachgedacht, was damals geschehen ist. Und erst nach vielen Jahren fand ich des Rätsels Lösung in der lutherischen Lehre – der Heilige Geist hatte damals begonnen, mich ernsthaft und bestimmt zu Gott zu führen, denn mein Credit war zu Ende. Ich fing an, nach der Ursache für meine Einsamkeit zu suchen, und begriff, dass ich auf ein Leben ohne Gott zuging. Damals meinte ich, dass mich Gott verlassen hätte, aber eigentlich hatte er mich sehr fest an die Hand genommen, und der Heilige Geist führte mich hin bis zu dem Gedanken, mich taufen zu lassen. Damals kannte ich nur die orthodoxe Kirche. Ich ging dorthin und ließ mich taufen. Aber deren Tradition berührte mich nicht. Und weil ich mich nicht zu der Gemeinde gehalten hatte, verlöschte in mir das, was mir bei der Taufe geschehen war.
Einmal saß ich zu Hause und sah mir einen Fernsehfilm an, der zum Teil weltlich, zum anderen Teil esoterisch war. Dort gab es viel Böses. Damals rauchte ich noch, und als der Film zu Ende war, wollte ich hinaus gehen und eine Zigarette anstecken und danach schlafen gehen. Und plötzlich vernahm ich Gottes Stimme: „Du musst dich entscheiden, ob du deinen Weg zusammen mit mir machen willst oder bei allem Übel bleiben möchtest, das du eben gesehen hast.“ Wenn Gott so deutlich mit mir redet. dann hört aller Spaß auf. Bei mir brach der kalte Schweiß aus und auf Knien rutschte ich zu meiner Frau und flehte sie an: „Hast du ein Gebet, das mir jetzt helfen kann?“ In diesem Augenblick erfuhr ich meine Wiedergeburt und erlebte ganz bewusst den Beginn meines Weges gemeinsam mit Gott. Damals betete ich das Vaterunser nicht mit dem Verstand und der Routine sondern aus ganzem Herzen und aus ganzer Seele. Von da an begann ich Gott ganz bewusst und ernsthaft zu dienen. Ich kann nicht sagen, dass ich dabei einen ganz geraden Weg eingeschlagen habe, denn bei dem Lesen der Heiligen Schrift sehe ich, dass sich viele Berichte meiner Geschichte ähneln, dass die Gläubigen straucheln, aber dass dabei die Hauptsache ist, dass sie nicht das Ziel aus den Augen verlieren – Christus nachzufolgen.
Ein weiterer Schritt auf meinem Weg zur Gemeinde war der Tatbestand, dass die Gemeinde meiner Frau keinen eigenen Raum hatte und die katholische Gemeinde ihr für die Gottesdienste ihre eigene Kapelle zur Verfügung stellte. Wenn ich meine Frau zum Gottesdienst begleitete, wunderte ich mich immer wieder, wie es möglich ist, dass hier das nicht geschieht, was mir während der Zeit der Sowjets immer wieder eingeimpft wurde: dass sich Katholiken und Lutheraner gegenseitig nicht akzeptieren, und dass alles, was ich hier erlebe, überhaupt nicht möglich sei. Vielleicht weil Gott hier zugegen ist?
Eines Tages stieg ich mit meiner Frau in den kleinen Keller hinunter, in dem sich die Kapelle befindet. Wir dachten, dass Menschen gläubig werden könnten wenn der Pfarrer eine zündende Predigt gehalten hatte. Damals hatten wir noch wenig davon begriffen, dass Gottes Geist in der Gemeinde Wohnung genommen hat – der Geist der Liebe, der Geduld und des Verstandes, der an mir nicht vorbeigehen kann, ohne mich zu berühren. Ehrlich gesagt: in vielen Gottesdiensten bin ich danach bei der Predigt eingenickt, worauf der Pfarrer wie im Scherz sagte: „Das war ein gesegneter Schlaf!“
Ich sage stets: Alles ist in Gottes Hand. Wir meinen, dass ein Mensch gläubig werden kann, wenn der Pfarrer eine blendende Predigt gehalten hat. Mein Beispiel zeigt, dass das nicht immer der Fall ist – ich saß da und schnarchte friedlich vor mir her. Das hinderte Gott nicht, an mir sein Werk zu tun – während einer Predigt. Er weckte mich auf, und das Wort breitete

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seinen Samen in mir aus. Danach bin ich oft meiner Frau zur Bibelstunde entgegen gefahren, die gewöhnlich nie rechtzeitig zu Ende war. Wenn ich dann auf sie wartete, hörte ich auch zu. So streute Gott ein Samenkorn nach dem anderen in mein Herz. Danach wuchs das Wort in mir immer weiter und ich begann ernsthaft, mich dieser Gemeinde zugehörig zu empfinden.
Mein ganzes Leben war bis zum heutigen Tag ein ständiges weiteres Kennenlernen Gottes – täglich erfährst du etwas neues über ihn und wunderst dich immer, wie interessant und wunderbar das Leben gemeinsam mit ihm ist. Wenn du mit Gott zusammen lebst und du dich ihm ganz und gar anvertraust, dann bist du sehr behütet. Ja, auch wir haben schwere Zeiten durchmachen müssen, denn ich bin nicht mehr in das Geschäftsleben zurückgekehrt, sondern habe meinen Dienst bei der Kirche begonnen, wo ja die Gehälter wirklich nicht die allerhöchsten sind. So manches Mal bin ich nach Hause gekommen und habe gedacht: „Womit soll ich meine Familie eigentlich ernähren?“ Aber Gott hat es nie zugelassen, dass wir Hunger litten, sondern seine Lösungen kamen oft sehr überraschend.
– Was verbindet dich eigentlich mit der lutherischen Kirche?
– Als ich damit begann, mit der Kirche eine engere Verbindung einzugehen, wollte ich, wie nun Ingenieure und Techniker einmal sind, erfahren, was das eigentlich für eine Kirche ist. Nun gut, Luther hat da die Grundlagen gelegt – aber dann macht mir bitte klar, was das für eine Kirche ist, damit ich über sie etwas lesen oder mich auf andere Weise informieren kann. Ich trat an meinen Pfarrer mit dieser Frage heran, aber er gab mir nur eine Bibel in die Hand. Ich sagte: Ja, das ist Gottes Wort, aber wo bleibt da die Lehre Luthers? Er antwortete: „Lies zuerst einmal die Bibel.“
Eine Bibel hatte ich schon lange, aber für mich war sie ein verschlossenes Buch. Ich konnte mich noch soviel um sie mühen, aber ich verstand sie nicht. Als ich nun regelmäßig zur Kirche zu gehen anfing, ging ich wieder an die Lektüre der Bibel heran und fragte die Brüder, wie man das und das verstehen könnte. Einer der Brüder sagte mir: „Erbitte von Gott die Weisheit.“ Das verwirrte mich, denn wie jeder technisch ausgerichtete Mensch brauchte ich auch eine Formel, die mir weiter hilft. Aber die Brüder sagten mir: „Erbitte von Gott die Weisheit, und er wird dir alles offenbaren!“ Nun gut, ich will es versuchen! Und seit jenem Tage habe ich eine ganz besondere Methode des Bibellesens: Bevor ich mit dem Lesen beginne, bitte ich immer Gott darum, er möchte mir helfen, zu verstehen, was er mir mit diesem Text sagen möchte. Und erst nach einer längeren Zeit geschah es, dass der Pfarrer mich zum Konfirmandenunterricht einlud, um dort den Katechismus von Luther kennen zu lernen. Denn ich hatte bereits eine Grundlage, welche Gott mir mit der Hilfe der Brüder eingesetzt hatte – Jesus Christus, der lebendige Gott und die Bibel. Deshalb liebe ich diese Kirche so sehr und bleibe auch bei ihr, weil in unserer Gemeinde Gott und sein Wort an der ersten Stelle stehen und dass es nichts gibt, was höher ist als sein Wort. und auch nichts anderes, was ihm gleich kommt. Gott und sein Wort sind Autoritäten, die nicht überboten
– Auf welche Weise dienst du in deiner Kirche jetzt?
– Ich begann damit, dass ich zum technischen Personal gehörte.- mir waren die Räume der Maschinenräume und die Werkstätten anvertraut und ich beschäftigte mich mit den Computern. Ich habe auch in der Sonntagsschule mitgearbeitet. Danach wurde ich Prediger, was auch aus meinem Arbeitsbuch hervor geht. Jetzt gehört zu meinem Dienst auch die Arbeit eines Ingenieurs bei dem Bau einer Kirche. Gott hat uns damit gesegnet, dass die Stadt uns ein Stück Land zugeteilt hat, damit wir darauf eine neue Kirche erbauen.
– Erzähl doch bitte etwas über deine Gemeinde!
– Wir haben eine sehr lebendige Gemeinde. Es würde mir leichter fallen, etwas über die Gemeinde als von einer Organisation zu berichten, in der wir an jedem Sonntag Gottesdienste

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haben, die von so und so vielen Menschen besucht werden… An jedem Sonntag kommen im Durchschnitt 40 bis 80 Menschen, an den Festen bis zu 300. Zur Zeit können wir uns einen solchen Gottesdienstbesuch gar nicht leisten, weil wir jetzt unsere neue Kirche bauen und für die Gottesdienste Behelfsräume eingerichtet haben. Die höchste Zahl an Besuchern, welche diese Räume fassen können, liegt bei etwa 100. Das erste, was wir jetzt fertigstellen möchten, ist der Saal für den Gottesdienst mit mindestens 200 Sitzplätzen.
– Wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass die Stadt der Kirchengemeinde Land zugeteilt hat? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der Stadt für eine Konfession, die in Russland auf keine Traditionen zurückblicken kann?
– Das hängt vom zuständigen Gouverneur, von der Stadtverwaltung und davon ab, wie sich bisher die Beziehungen der Regierenden zu den Kirchengemeinden entwickelt haben. Wir hatten es zum Teil sehr schwer, aber auch zum Teil sehr leicht. Wir hatten es schwer, weil alle Vorhaben mit Nerven raubenden Vorarbeiten und ungeheuer viel Bürokratie verbunden sind. Leicht deshalb, weil Gott die Vorhaben gesegnet und die Gemeinde sie täglich in ihre Fürbitte eingeschlossen hat. Die Gemeinde bat Gott darum, er möchte ihr ein Haus zu seiner Ehre schenken. Aber niemand wagte es, darauf zu hoffen, dass Gott das Vorhaben damit segnen würde, dass er die Herzen der Beamten öffnete. Und deshalb mussten wir in die Büros gehen und dort bitten, wie es Jesus in der Heiligen Schrift gelehrt hatte: „Klopfet an, so wird euch aufgetan!“ Auch wir standen vor verschlossenen Türen, aber wir mussten unsere Hand erheben und anklopfen. Und wenn wir heute in unserer nun halb erbauten Kirche unsere Gottesdienste halten, danken wir Gott dafür, dass wir diese Kirche erbauen können und bitten ihn, er wolle unsere Kirche segnen, dass sie nicht nur Wände hat, sondern eine Stätte werden möchte, zu der jeder kommen und Gott finden kann.
– Und wie ist es mit der Finanzierung? Ist es leicht, das Geld für den Kirchbau zusammen zu bekommen?
– Als wir das Projekt für den Kirchbau erstellten, hatten wir überhaupt kein Geld, und schon gar keins für den Bau einer Kirche. Alle tippten mit ihrem Finger an die Stirn und sagten, dass wir Spinner und Träumer seien. Aber auch ich dachte, dass ein gläubiger Mensch wirklich ein großer Träumer sein muss, denn wenn du in der Nähe Gottes bist, kannst du auch nicht mehr von Nichtigkeiten träumen. Wenn Gott sagt „Ihr seid die Erben des Reiches Gottes“, dann kann es doch nicht um Kleinigkeiten gehen?!
Wir hatten Geld, um einen Graben auszuheben, in den man vielleicht das Fundament hineinsetzen könnte. Die Bestimmungen der Stadt drückten es unmissverständlich aus: Wenn der Bau innerhalb von 5 Jahren nicht begonnen werden kann, dann wird uns das Stück Land weggenommen.
Es war sehr interessant zu beobachten, wie sich die weiteren Arbeiten gestalteten. Wir begannen – ebenso wie der ungläubige Thomas – das Vorhaben zu bezweifeln. Ich kann mich noch gut an den Besuch amerikanischer Brüder und Schwestern erinnern, die sagten, dass sie viel für uns gebetet hätten und dass wir trotz allem mit dem Bau beginnen müssten. Wir saßen im Kirchengemeinderat zusammen und dachten nach – Geld hatten wir keins, vielleicht verschieben wir das Ganze noch für ein Jahr und versuchen wir das Geld zusammen zu bekommen, das wir für das Erdgeschoss benötigen… Während wir da saßen und voller Zweifel waren, beteten die Amerikaner für uns, und schließlich trug nicht der menschliche Verstand, sondern die Absicht Gottes den Sieg davon. Wir beschlossen, mit dem Bau zu beginnen und wir begannen damit. Unsere Überlegung war: gut, bauen wir einen Zaun, gießen wir das Fundament, und wenn wir dann immer noch kein Geld haben, dann werden wir den Bau für ein paar Jahre „einfrieren“. Gottes Absichten gingen aber in eine völlig andere Richtung. Uns wurde deutlich, dass er nur darauf gewartet hatte, dass wir ihm

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vertrauten und mit den Bauarbeiten beginnen, die dann immer weiter ohne Unterbrechung fortgesetzt wurden, bis wir bei der zweiten Etage angekommen waren. Woher kam das Geld? Aus Amerika, aus Deutschland, von Stiftungen, Privatpersonen. Deshalb empfanden wir die Größe der Verantwortung gegenüber dem, was Gott getan hatte und gegenüber dem, dass es hier nicht um unsere Kirche, sondern um Gottes Kirche geht.
Einmal gingen die Spendenbeiträge wieder sehr stark zurück, doch Gott segnete uns mit Handwerkern, die Kirchen bauen konnten und bereit waren, für uns auf Credit zu arbeiten, bis wir das Geld hatten. Lange beteten und überlegten, bis uns Gottes Wille deutlich wurde, dass wir jetzt beginnen mussten, unsere Gottesdienste dort in der noch nicht vollendeten Kirche zu halten. Kaum hatten wir damit begonnen, öffnete Gott wieder Türen, und jetzt haben wir keine Schulden mehr, so dass der Bau bis zum heutigen Tage ohne Unterbrechung weiter geht.
– Was bleibt noch bis zur völligen Vollendung des Gotteshauses zu tun?
– Der Turm, die Fenster, die Heizung und die Innenausstattung. Als Gebäude ist die Kirche sehr schön, aber die Schönheit unserer Kirche verbirgt sich nicht in seiner interessanten Architektur, sondern in den Menschen der Kirchengemeinde und ihrer Beziehung zu Gott. Die Schönheit besteht aus den Wundern Gottes, wie er Menschen verändert. Wunder verbergen werden auch darin deutlich. Es kommen Menschen her mit einem steinernen Herzen und bei ihnen erfüllt sich Gottes Verheißung, dass er ihnen ein neues Herz schenken möchte. Dann fangen Menschen plötzlich an, nicht nur auf die eigenen Schmerzen zu blicken, sondern sie nehmen auch die Schmerzen ihrer Mitmenschen wahr, und erkennen, dass Geben seliger ist als Nehmen. Das lehrt uns Christus, nur verhalten wir uns leider nicht immer so. Wir lernen und Christus lehrt uns. Denn am Kreuz litt er nicht für seine eigenen, sondern für unsere Sünden. Und das gefällt mir an unserer Gemeinde und an unserer lutherischen Kirche am meisten, dass hier Gott, sein Wort und seine Beziehung zu den Menschen den ersteb Platz einnehmen.
– In Lettland haben wir eine Wirtschaftskrise. Die Menschen dort sind müde geworden. Was könntest du den Brüdern und Schwestern im Glauben dort sagen?
– Wenn wir uns dem Studium der Bibel hingeben, dann erkennen wir bald, dass Gott keinem einzigen die Garantie für ein reiches oder leichtes Leben auf dieser Erde gegeben hat. Ganz im Gegenteil: auf den ersten Seiten der Bibel sehen wir, dass wir als Lohn für unsere Sünde „unter Schmerzen Kinder gebären sollen“ und „wir uns mit Mühsal von den Früchten des Ackers unser Leben lang ernähren werden.“ Das ist die Verheißung eines schweren Lebens. Aber Gott kann auch Menschen mit einem guten Einkommen segnen, aber dieses ist nicht der „Schlüssel“ dazu, dass ich, wenn ich zum Glauben gekommen bin, auf jeden Fall wirtschaftlich und auf anderen Gebieten erfolgreich sein werde, und alles um mich herum ideal verläuft. Wartet doch, wir sind noch nicht im Himmel! Wir bleiben weiterhin die gleichen Sünder, die auf Gottes Gnade angewiesen sind. Jeden Tag!

Chefredakteurin: Inga Reča

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Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 1. November 2011)
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SR 10-2011 – 19 –

Nachwort des Übersetzers
Nach der Rückkehr von unserer alljährlichen Herbstkur grüße ich alle geduldigen Leserinnen und ausdauernden Leser meiner Übersetzungsversuche von Auszügen aus der lettischen lutherischen Kirchenzeitung Svētdienas Rīts von ganzem Herzen. Am Anfang dieser Ausgabe wird uns noch einmal die bedrohliche Situation dieses Blattes deutlich gemacht. Ich habe mir trotzdem erlaubt, meine getreuen Leser und interessierten Leserinnen noch einmal auf der Seite 2 dieser Übersetzung auf das Konto des Martin Luther Bundes aufmerksam zu machen, verbunden mit der Frage, ob sie trotz der finsteren Lage nicht noch einmal bereit seien, etwas zur Verhinderung des totalen Einstellung dieses Blattes zu tun. Gerade während der letzten Jahre habe ich über SR so viele gute und anerkennende Reaktionen empfangen, dass sie mir Mut machen, diese Bitte noch einmal auszusprechen. Außerdem gibt es Anzeichen dafür, dass im Blick auf die Einstellung des Erscheinens der lettischen Kirchenzeitung möglicherweise doch noch nicht das letzte Wort gesprochen worden ist. Deshalb habe ich mir gedacht, dass ich mich bei dieser Entwicklung der Dinge am Ende von SR mit schuldig machte, wenn ich sie mit Schweigen übergehen würde. Auf jeden Fall wird es die letzten zwei Ausgaben dieses Jahres noch einmal geben, und ich bin nach wie vor guter Hoffnung, dass ich irgendwann mit besseren Nachrichten aufwarten kann.
Hinweisen möchte ich auf den Beitrag, in dem darüber berichtet wird, dass mit Roberts Feldmanis zum ersten Mal in der Geschichte des unabhängigen Lettlands eine Straße nach einem lutherischen Pfarrer in Riga benannt worden ist, und wie man diesen Vorgang gefeiert hat. Auch sei auf den Bericht über den Besuch des Generalsekretärs des Gustav Adolf Werks in Lettland hingewiesen. Inga Reča hat an einem vom Martin Luther Bund in Erlangen veranstalteten Deutschkurs teilgenommen. Dabei hat sie einen der Kursteilnehmer interviewt. Diesem ausführlichen Interview kann man entnehmen, zu welchen interessanten Begegnungen es dabei kommen kann.
Soweit einige Hinweise auf einige Beiträge dieser Ausgabe. Leider habe ich es wieder nicht geschafft, alle von ihnen zu übersetzen wofür ich alle Leserinnen und Leser um Nachsicht bitten möchte. J. B.

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