Verfasst von: liefland | März 6, 2012

Ausgabe Nr 1 (1855) für den Monat Februar 2012.

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitschrift der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920

Spalte der Chefredakteurin von Svētdienas Rīts Inga Reča
Die Veränderungen werden fortgesetzt
Wenn Sie diese Zeilen lesen, dann wissen Sie, dass Sie die erste Ausgabe unserer Zeitschrift „Svētdienas Rīts“ vor Augen haben!
Und weiter sollen Sie wissen, dass sich hinter der Tatsache, dass Sie jetzt diese Zeitschrift in der Hand halten, nur sehr wenige Dinge der Logik, aber viele Wunder verbergen. Aber, wie es einer der Interviewpartner um die Jahreswende sagte, es ist doch so, dass nicht viel funktionieren kann, wenn wir nicht die Größe, Weite und Tiefe eines Augenblicks erfassen können, und wenn wir dabei nicht die Gegenwart Gottes wahrgenommen haben.
Gleichzeitig mit der Änderung des Formats dieser Zeitschrift möchten wir auch auf einige thematische Veränderungen hinweisen. Das Hauptthema dieser Ausgabe ist die Kirche von Lestene und die Restaurierung ihrer einmaligen barocken Innenausstattung. Der Künstler Jurgis Skulme spricht zum ersten Mal darüber öffentlich, wie er vor 50 Jahren einen Teil der Skulpturen des Innenraums gerettet hatte. Auch dieser Bericht ist voll von glücklichen „Zufällen“ und „Vorfällen“. Und die Formel, um dieses Werk zu vollbringen, hört sich wieder sehr bezeichnend an: Um etwas Bedeutendes zu erreichen, bedarf es eines Opfers. Und gemäß dieser Formel wurde Jurgis Skulme nach mehreren Jahren wegen der Vernichtung sowjetischer Einrichtungen angeklagt, aus der Künstlervereinigung ausgeschlossen und zur Zwangsarbeit in ein sowjetisches Umerziehungslager deportiert…In der „Stiftung für die Restaurierung der Kirche von Lestene“ arbeiten mehrere in der Gesellschaft sehr gut bekannte Kulturschaffende mit. Mit der Dichterin und Dramaturgin Mára Zálīte haben wir uns getroffen, um mit ihr über etwas für unser Volk sehr Wichtiges zu sprechen – über unsere geistige Situation und das bevorstehende Referendum zur offiziellen Sprache des Landes. „Dieses ist ein entscheidendes Referendum, welches Konsequenzen hat, die weit über den heutigen Tag hinaus gehen. Für Lettland ist die Zweisprachigkeit nicht möglich, denn die eine von ihnen ist weltweit 100mal weiter verbreitet und wird mehr gesprochen als die andere, ganz abgesehen von ihrer wirtschaftlichen Bedeutung. Deshalb geht es bei dem Referendum nicht nur um den Gebrauch einer Sprache, sondern darum, ob Lettland weiterhin als Lettland bestehen bleiben kann..“ So ernst ist das Problem. Kann angesichts dieser Bedeutung überhaupt jemand bereit sein, in seinen warmen Hausschuhen zu Hause sitzen zu bleiben?
In diesem Jahr werden wir über die weltweit verfolgte Kirche Christi viel berichten. Christen werden nicht nur in Nordkorea, im Iran oder in Afghanistan verfolgt. Auch in Europa werden im 21. Jahrhundert christliche Wertvorstellungen angegriffen. Seit in Ungarn mit dem Beginn dieses Jahres die neue Verfassung gilt, wird sie von der Seite der liberalen Vertreter der Alles Erlaubt Seins verurteilt. Ihnen gefällt es ganz und gar nicht, dass es in Europa ein Land geben kann, in dessen Verfassung der Gedanke ausgesprochen wird, dass die „geistige und intellektuelle Einheit der Nation von Gott und vom Christentum dadurch geprägt ist, dass das Leben mit dem Augenblick der Empfängnis beginnt und die Ehe die Vereinigung eines Mannes und einer Frau ist.“
Es wird weitere Veränderungen geben. Wunder sind aber nur möglich, wenn wir Jesus Christus bitten, sie zu tun.

Leserbriefe

Ach, was ist das gut, dass man „Svētdienas Rīts“ wieder abonnieren kann. Diese überraschende und aufregende Meldung über das Nichterscheinen von SR ab 2012 hatte ich gelesen und… das Ende dieser Zeitschrift erschien mir wie ein Verrat aller Gemeindeglieder
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auf dem Lande.und aller älterer Mitchristen. Wir als in Riga Lebende werden stets privilegiert sein – wir haben immer wieder Zugang zu geistlichen Konzerten, zu Bibelstunden in vielen Kirchengemeinden und zu unzähligen Kreisen und Gruppen, zu besonderen Gottesdiensten als auch zum öffentlichen Verkehr, der uns bis zur Tür des Gotteshauses bringt. Aber was sollen wir davon halten, wenn man die geistliche Nahrung denen entzieht, die dafür bereits einen beschränkten Zugang haben?
Ich freue mich sehr über das Glück der Fortsetzung des Erscheinens und wünsche der Redaktion viel Kraft und Geduld bei dem Verwirklichen ihrer Vorhaben zur Ehre Gottes und den Menschen zur Stärkung ihres Glaubens und zur geistlichen Erbauung und manchem „Außenstehenden“ zur Festigung der Nächstenliebe und zur Einladung, Gott und seiner Kirche wieder näher zu kommen. Daina aus der Kirchengemeinde Mežaparks

Dank sei Gott für viele erhörte Gebete! Die Möglichkeit, Svētdienas Rīts wieder zu abonnieren, ist eine wundervolle Nachricht, die wir an unsere Gemeinden weitergeben können.
Gott segne alle, die SR herstellen. Wir brauchen Euch dringend!
Sanita Vanaga, Leiterin der Kirchengemeinde Blīdene

Die Kampagne für die russische Sprache als zweite offizielle Sprache ist schriller geworden.
Es gibt Letten, die sich deswegen vergnügt die Hände reiben, aber die Mehrheit von ihnen ist verzweifelt. Der Staatspräsident hat sich dahin gehend geäußert, dass er seinen Stuhl räumen würde, wenn die russische Sprache die zweite offizielle Sprache des Landes werden würde. Letten, lasst es nicht zu, dass diese Naturkatastrophe uns überrollt!
Die Sprache verkörpert die Einigkeit im Leben des Volkes und dessen geistiges Wesen, das sein ganzes Denken, seinen Verstand und sein Herz auf den Weg bringt und das Volk vereinigt. Die lettische Sprache ist unsere Lehrerin, unsere Leiterin und der Spiegel und eine Zeugin unserer Geschichte.
Das Mitglied unserer Bewegung des Nationalen Aufbruchs Atis Kronvalds schrieb folgendes: „Die Muttersprache ist etwas wie eine verborgene Quelle Gottes, aus der die geistige Vereinigung eines jeden Volkes hervorsprudelt und das Volk immer wieder von neuem zur Vaterlandsliebe führt und so ständig von Neuem geboren wird.
Für uns Letten ist als Erben der indogermanischen Kultur die Sprache unser größter Schatz für den Aufbau unserer Kultur, welcher ohne die Sprache nicht möglich ist.
Gehen wir mit dieser göttlichen Kraftquelle behutsam um!
Georgs Maiznieks, Glied der Domgemeinde in Riga.

Ich freue mich, zu hören, dass Svētdienas Rīts weiterhin bestehen bleibt und künftig als Journal in einem etwas moderneren Gewand erscheinen wird. Ich wünsche Euch Glück und drücke Euch die Daumen.
Florian Hübner Referent für Öffentlichkeitsarbeit im Deutschen Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes.

Von Herzen freue mich darüber, dass SR nicht nur weiterhin bestehen bleibt, sondern sich auch weiter entwickelt! Dafür mein herzlicher Glückwunsch! Das ist ganz sicher ein Wunder Gottes. Gott segne alle, die am Entstehen unserer Kirchenzeitung mitwirken, Beiträge verfassen und diese lesen!
Sandra aus der Neuen St. Gertrudgemeinde in Riga

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Ich möchte gerne meine Gedanken schriftlich niederlegen darüber, wie Svētdienas Rīts aussehen könnte.
Die Zeitschrift vermittelt im Prinzip ihre Meldungen an die „Gesunden“ Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Unsere Gesellschaft in Lettland ist nicht gesund. Sie ist krank Mit seiner Kritik an Wahrsagern, Extravaganzen, Heilkünstlern, Besprechern, Zauberern, sexuellen Minderheiten, Ehescheidungen, und außerehelichen Beziehungen, die man heute bereits als zu den normalen Verhältnissen gehörend bezeichnet, weist SR auf die guten Werke hin, aber ist das für eine kranke Gesellschaft wirklich eine Hilfe? Sind wir dadurch aus der Finsternis zum Licht durchgedrungen oder halten wir damit nicht unser Licht weiterhin unter dem Scheffel?
Diese Zeitschrift ist unsere Tribüne. Ich habe den Eindruck, dass sie überwiegend dazu benutzt wird, um unsere eigenen guten Werke an das Licht zu bringen, die natürlich auch notwendig sind, aber wir leben doch heute in einer Gesellschaft, wie sie auch wirklich ist. Wir sollten den Menschen bei ihrer Entscheidung für das Gute oder Böse helfen. Viele der vorher Genannten sind sich dessen gar nicht bewusst, was sie eigentlich tun. Und doch ist unser Herr Jesus Christus auch für diejenigen, die sich dessen bewusst sind, gestorben.
Ich denke, dass man die Diskussionen über schmerzhafte Fragen fördern sollte und ehrliche Zeugnisse von Menschen, die sich geändert haben publizieren sollte.
Viktorija
MELDUNGEN

Weihe von Kapellen in Ērgeme, Ļaudona und Carnikava Ingrīda Briede
Kurz vor Weihnachten wurden in Lettland mehrere Kapellen geweiht – alle in Livland, eine bei Madona in Ļaudona, die zweite in der Nähe der lettisch-estnischen Grenze in Ērgeme und eine dritte in der Nähe der livländischen Küste an der Rigaer Bucht in Carnikava.
Am 17. Dezember weihte Erzbischof Vanags die Kapelle in Ērgeme. Die Kirche von Ērgeme wurde während des Zweiten Weltkrieges durch einen Brand vernichtet, und von ihr ist nur eine Ruine übrig geblieben. Auf alten Fotos kann man sehen, wie sie einmal ausgesehen hat. Die Gemeindeveranstaltungen finden im Gemeindehaus statt., das in einem schlechten Zustand war, aber bei dem jetzt die Kapelle renoviert ist, in der nun die Gottesdienste stattfinden.
Auch die Lutheraner in Ļaudona hatten kein eigenes Gotteshaus. Die Gottesdienste finden in der orthodoxen Kirche am Ort statt. Ļaudona ist ein ganz besonderer Ort in Lettland, denn hier wird sichtbar, wie die Oekumene, auf die die Christen in Lettland so stolz sind, im Alltag lebendig ist. Die 1863 erbaute und Anfang der 90er Jahre renovierte orthodoxe Kirche steht sowohl für die orthodoxe Gemeinde als auch für die katholische und die lutherische Gemeinde offen. Am 18. Dezember wurde in Ļaudona die Auferstehungskapelle geweiht – ein Raum, in der zur Winterzeit die Gottesdienste im Warmen gefeiert werden können.
An der Andacht nahmen Erzbischof Vanags, Propst Hans Jenson und der Pfarrer der Kirchengemeinde Valdis Strazdiņš teil. Auch der katholische Priester Andrejs Kazakevičs war gekommen, um der Kirchengemeinde seine Glückwünsche auszusprechen. „Eigentlich kann man Gott nur mitten in einer Gemeinde richtig erfassen, am Altar im Wort und Sakrament. Das ist der allererste und bedeutendste Ort, von dem alle Dinge ausgehen müssen. Es ist der Ort, an dem wir Krisen bewältigen, und bei dem es sich lohnt, Mühe und Mittel zu investieren, um ihn in Ordnung zu halten. Ich freue mich sehr darüber, dass die Kirchengemeinde Ļaudona den Altarraum so hergerichtet hat, dass wir ihn heute weihen können,“ sagte Erzbischof Vanags im Gottesdienst.
Am vierten Sonntag im Advent gab es in der Kirchengemeinde Carnikava ein großes Fest. In Anwesenheit vieler Bürger von Carnikava, der Leiterin des Landkreises Daiga Jurēvica und
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des Chores „Zari“ wurde in der Kirche eine Kapelle geweiht. Die Kirche muss sich noch etwas gedulden, bis sie so weit ist, dass sie renoviert werden kann. Doch die Leute in Carnikava sind überzeugt, dass dieses in der nächsten Zukunft geschehen wird, denn die örtliche Verwaltung hat es übernommen, für die Restaurierungsarbeiten aufzukommen. Es besteht der Plan, dass in der Kirche sowohl Gottesdienste stattfinden werden als dass sie auch zum Kulturzentrum des Ortes werden soll. Am 18. Dezember übergab der Metallkünstler Helmuts Āķis die von ihm angefertigte Kapsel, die eine Botschaft von Daiga Jurēvica an kommende Generationen und ein Gebet von Pfarrer Máris Sarma enthielt, das in diesem Gottesdienst gesprochen wurde: „Wir bitten dich für diese Stätte! Gott, schenke den Menschen hier, dass sie stets in dieses Gotteshaus strömen und hier das Leben und die Erfüllung für ihre Seelen empfangen. Schenke ihnen, dass es sie nach dir hungert und dürstet.“ Danach wurde die Kapsel und das Kreuz auf den Turm gehoben. Dort bilden sie die Spitze.

Der Bau der Kirche von Salaspils wird fortgesetzt. Ingrīda Briede
Am Epiphaniastag, dem 6. Januar, erhielt die werdende Kirche von Salaspils ihre Turmspitze mit dem Kreuz. Diese Montage mit der Hilfe einer großen Hebevorrichtung dauerte zwei Stunden. Bis man die Kirche von Salaspils in Gebrauch nehmen kann, werden noch 66.000 Lats benötigt. Mit diesem Betrag könnte das Erdgeschoss der Kirche vollendet, die Außenarbeiten durchgeführt und ein Aufenthaltsraum fertiggestellt werden. Dafür hat die Kirchengemeinde eine Spendenaktion begonnen. Zur Zeit finden die Gottesdienste der Kirchengemeinde Salaspils sonntags um 10 Uhr im Rathaus statt.

BEI DEN GESCHWISTERN IN CHRISTUS

Festival der Konfessionen mit dem Evangelium in voller Lautstärke Ivars Kupcis
In diesem Sommer findet ab dem 9. Juni ein Festival der Baltischen Jugend statt, welches das erste und beachtenswerteste Musikfestival der Jugend im Baltikum sein wird. Dort werden die unterschiedlichsten Musikstile vertreten sein und dort werden die weltbekanntsten Gruppen aus den USA, Neuseeland, dem Baltikum und vielen anderen Ländern auftreten. Die Musik dort wird laut und positiv sein – und die Botschaft verbreiten, die das Leben vieler Jugendlicher verändern kann.
Bei dem Festival werden berühmteste Rockstars aus den USA auftreten – so die Gruppe Newsboys, deren Leiter Michael Tait seit 2009 auch Solist der legendären Gruppe DC Talk solists. Einer der Gäste dieses Festivals wird auch Michael W. Smith sein, der mit mehreren Grammies ausgezeichnet wurde und mit Auszeichnungen für den Rekordabsatz seiner Alben. Auf die Tribüne in Riga wird auch der Star des Indian Rock in Neuseeland steigen. Die Paracute Band ist durch ihre musikalische Vielfalt und vielen Weltreisen fast in allen Kontinenten bekannt geworden. Bei diesem Festival treten auch mehrere Musiker aus Lettland und unseren Nachbarländern auf. Ähnlich wie bei dem Festival of hope wird auch Franklin Graham aus den USA auftreten und den Jugendlichen die Botschaft der Bibel in einer Sprache verkündigen, die sie verstehen.
Das Festival wird gemeinsam von den Kirchen Lettlands, Litauens und Estlands in Verbindung mit der Billy Graham Association veranstaltet. Diese Association kann auf eine viele Jahre lange Erfahrung bei der Veranstaltung solcher Jugendmusikfestivals in den USA und Kanada zurückblicken und wird die erste Veranstalterin eines solchen Festivals in Europa sein. Eins der Ziele dieses Festivals ist, Tausende von Jugendlichen in Lettland, Litauen und Estland mit der Botschaft des Evangeliums zu erreichen. Und deshalb ist das nicht nur ein

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Musikfestival, sondern auch eine Möglichkeit, gemeinsam mit allen Christen die Jugend in der Sprache anzureden, welche sie auch verstehen.
Um der Jugend aus allen drei Baltischen Staaten die Möglichkeit zu schaffen, zum Festival hinzukommen, können einzelne Teilnehmer in der Festivalarena Plätze reservieren.

Aus der katholischen Kirche
In den Kirchengemeinden entstehen Caritaskreise, Ingrida Puce
Der Erzbischof von Riga Metropolit Zbigņevs Stankevičs rief in seiner ersten Ansprache am 21. August alle Kirchengemeinden auf, Caritaskreise zu gründen, die praktische Barmherzigkeit und Werke der Nächstenliebe üben. Der Erzbischof sprach seine Überzeugung aus, dass die Fortentwicklung der Caritasbewegung eine der am meisten sichtbaren Arten ist, die geistliche Erneuerung in Lettland deutlich zu machen.
Als Reaktion auf diesen Aufruf des Erzbischofs sind in mehreren Kirchengemeinden Lettlands Caritaskreise entstanden, die Informationen darüber sammeln, was Gemeindeglieder brauchen, und praktische Hilfe solchen Menschen leisten, die sie dringend brauchen. Im September 2011 begann ein zwei Jahre dauerndes Seminar „Caritas in Lettland“ für ehrenamtliche Mitarbeiter, an dem jeder teilnehmen kann, der sich am Dienst der Caritas mit beteiligen möchte. Zu den Seminaren kommen einmal im Monat etwa 70 Teilnehmer. Diese Seminare erfreuen sich eines außergewöhnlich großen Zuspruchs.

Aus der orthodoxen Kirche
Wasserweihe in der Daugava. Aus Publikationen der orthodoxen Kirche in Lettland
Am 19. Januar fand unter der Beteiligung und dem Segen des Metropoliten von Lettland Aleksandrs die Erneuerung einer alten Tradition der orthodoxen Kirche statt – die Weihe des Wassers der Daugava am Fest der Taufe des Herrn Christus.
Die große Liturgie der Wasserweihe der Daugava fand mit Unterstützung des Rates der Stadt Riga am 11. November am Ufer der Daugava am Mal des heiligen Christopherus, wobei über dem Wasser der Daugava aus diesem Anlass eine besondere Holzkonstruktion mit Geländern und Stufen entstand. So wie die Pilger drei Mal in das Wasser des Jordans eintauchen, so hatten die Gläubigen auch die Möglichkeit, in das geweihte Wasser der Daugava zu tauchen.
Zu diesem Fest symbolisiert die Weihe des Wassers in Seen und sogar im Meer die Segnung des Wassers in der freien Natur, das heißt die Segnung des Wassers in der ganzen Welt. Die Segnung des Wassers der Daugava hat schon vor vielen Jahren stattgefunden nach dem Abschreiten des heiligen Kreuzweges am Fest der Erscheinung Jesu Christi. Damals wurde das Wasser der Daugava geweiht vom späteren heiligen Märtyrer und Bischof von Riga und Lettland Jánis Pommers. Das fand an einem extra dafür in das Eis eingeschlagenem Loch statt, dem man den Namen Jordan gab. Zur Zeit der sowjetischen Herrschaft fand keine Wasserweihe in der Daugava statt, auch die Prozessionen „zum Jordan“ waren damals verboten. 2012 wurde diese alte Tradition wieder aufgenommen.
Am 19. Januar versammelten sich in der Rigaer Altstadt am Ufer der Daugava Hunderte von Menschen. Der Gottesdienst, an dem alle Rigaer Geistlichen teilnahmen wurde in Lettischer und Kirchenslawischer Spracge gehalten. Es sang der Chor der Kirche der Heiligen Ņewa Aleksandra. Es war sehr bewegend, dass das Wasser mit einem Kreuz geweiht wurde, das einst unserem heiligen Märtyrer, dem Erzbischof von Riga und Lettland Jánis gehört hatte. Am Morgen dieses Tages war der Himmel sehr grau und stark bewölkt, doch als das Kreuz in das Wasser getaucht wurde, leuchtete die Sonne auf und die Wolken verzogen sich in alle Richtungen und öffneten den Blick auf einen strahlenden blauen Himmel.
Nach der Wasserweihe tauchten mehr als 250 Menschen, Männer und Frauen, Junge und Alte, Letten und Russen in die Daugava ein und stiegen dabei auf dafür besonders
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hergestellten Stufen in den Fluss, und tauchten dann drei Mal unter. Die Gesichter der aus dem Wasser Herausgekommenen leuchteten vor freudiger Bewegung, denn an diesem Tage, an dem man an einem Fluss mit der Wasserweihe der Taufe Christi gedachte, wurde man im Geist an den Jordan versetzt, und wenn wir hier in das Wasser stiegen, fühlten wir uns wie im Jordan, und damit in dem selben Wasser, in dem unser Herr getauft wurde.

Lestene fährt weiter fort, aufzuerstehen Inga Reča
Seit 2010 wird die Idee von der vollkommenen Restaurierung der Kirche von Lestene – einer der berühmtesten Barockkirchen Lettlands – und damit der Wiederherstellung der wunderschönen Innenausstattung in unserer Gesellschaft immer aktueller. Dem Einsatz des Künstlers Jurgis Skulme ist es zu verdanken, dass diese Arbeiten nicht bei dem Nullpunkt begonnen werden müssen.
Bereits seit 10 Jahren restauriert die lutherische Kirchengemeinde Lestene Schritt für Schritt unter der Leitung des Architekten Ilmárs Dirveiks ihr Gotteshaus, doch seit dem vergangenen Jahr gibt es die Stiftung „Restaurierung der Kirche von Lestene,“ an der sich viele in der Gesellschaft sehr bekannte Persönlichkeiten beteiligen. Die Wiedergeburt der Kirche von Lestene könnte zu einem nationalen Vorhaben werden. Zu dem wollte auch ein erstes Wohltätigkeitskonzert am 3. Dezember 2010 aufrufen, bei dem Imants Lancmanis, Mára Zálīte, Ojárs Spárītis und andere bekannte Persönlichkeiten zugegen waren. Das höchst anspruchsvolle Konzert wurde vom Chor von Latvijas Radio unter der Leitung von Sigvards Kļava durchgeführt, dessen Zuhörer sich durch die Kälte nicht davon abhalten ließen, das Gotteshaus bis auf den letzten Platz zu füllen.
Doch es gibt jemanden, dessen Einsatz wir es (wie auch bei anderen Schätzen der Kultur, von denen in dieser Ausgabe an einer anderen Stelle die Rede sein soll) zu verdanken haben, dass wir heute die Restaurierung dieses berühmten Denkmals der Kunst nicht bei dem Nullpunkt beginnen müssen. Zusammen mit Leuten der Kirchengemeinde Lestene – mit Inese Cērpa, Valdis Bunkšis und Gita Bulaha – machten wir uns gegen Ende des vergangenen Jahres auf den Weg nach Jaunciems zum Maler und Kunstwissenschaftler Jurgis Skulme, um dessen Bericht, der so spannend ist wie ein Krimi, anzuhören, wie er die künstlerisch so einmalig von dem Schiffsbauer und Hersteller von Holzplastiken in Ventspils Nikolaus Söffrenz in der Zeit von 1700 bis 1709 hergestellte wertvolle Innenausstattung der Kirche gerettet hatte. Dabei war es wirklich unmöglich, den Gedanken beiseite zu schieben, dass des Herren Wege wirklich wunderbar und unergründlich sind.
Mythen beginnen zu verfliegen
Als wir bei unserem Interview (siehe SR Nr. 9 Jahrgang 2010) den Direktor des Schlosses Rundále Imants Lancmanis baten, uns die bedeutendsten Gotteshäuser Lettlands von außergewöhnlichem kulturellen Wert zu nennen, da nannte er ohne zu zögern die Kirche von Lestene mit ihrer Innanausstattung. Jeder, der einmal im Gotteshaus von Lestene gewesen ist, hat doch gesehen, dass der Innenraum leer ist, und nur wenige wissen, dass ein Teil davon in den Pferdeställen des Schlosses Rundále aufbewahrt wird. Und noch weniger sind es, welche die Innenausstattung in der Ausstellung „Zeiten der Not“ gesehen haben werden. Und die übrigen geben sich mit dem Mythos zufrieden über den „einmaligen“ und „wunderschönen“ Glanz vergangener Zeiten, der sicher nie wiederkehren wird…
Zu verdanken haben wir es dem Künstler Jurgis Skulme, dass sich ein großer Teil der Innenausstattung des Gotteshauses von Lestene in Rundale befindet. Das machte uns Lancmanis unmissverständlich deutlich.
Wie ist die Innenausstattung der Kirche von Lestene überhaupt nach Rundále vor fast 50 Jahren hingekommen? Wer waren die Leute, die alles, was sie konnten getan haben, um diese einmaligen Kunstschätze zu retten? Jurgis Skulme sagt: Das waren die Direktorin der Schule
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von Lestene Marta Krastiņa, der Angestellte im Museum von Tukums Arturs Vaidziņš und der Formengestalter des Museums von Rundále Laimonis Liepa.
Es findet sich auch ein Retter
„Abgesehen von allen Ereignissen der Nachkriegszeit, versuchten die Menschen in Lestene zu retten, was sie retten konnten. Um den Schlosspark und um die Kirche herum wurde gekämpft. Und später erfuhr ich, dass die Skulpturen aus der Kirche in den Park verstreut waren und dort herumlagen. Die Leute am Ort sagten, dass beide Armeen das verschuldet hätten, aber weshalb sollten sie das getan haben? Das war die Zeit, in der alles erlaubt war, und das Rowdytum hatte Hochkonjunktur.“ Dieser Ansicht ist Skulme.
Als die Kämpfe zuende waren, sammelte die damalige Direktorin der Schule Marta Krastiņa und ihre Schüler alle Skulpturen zusammen und schaffte sie zur Schule. Dort wurden sie 17 Jahre lang im Keller aufbewahrt, bis man 1962 in Dobele (Lestene gehörte damals zum Landkreis Dobele) erfahren hatte (J. Skulme meint, dass es das Komitee der Komsomolzen gewesen sein müsste, auf das dieses zurückgeht), dass in der Schule Gegenstände des religiösen Kultes aufbewahrt würden, und verfügte, dass die Direktorin diese vernichten müsste. Gerade zu der Zeit war in Lestene der Kunstwissenschaftler Jurgis Skulme zu Gast. Wie ist der dorthin gekommen?
Der Vater, die Malerei und Lestene
„Meine Verbindung mit Lestene geht auf das Jahr 1942 zurück,“ berichtet der Künstler. In dem Haus „Brážas“ in Lestene lebten damals alte Freunde seines Vaters, des lettischen Malers Ugis Skulme, und dieser verbrachte dort zwei Sommer, um dort zu malen. Außerdem leitete im Nachbardorf Irlava ein Klassenfreund seines Vaters, Doktor Katlaps, das Krankenhaus, und der junge Jurgis Skulme (geboren 1928) arbeitete auf dessen Hof als landwirtschaflicher Gehilfe.
„Mein Vater war in Lestene und ich kam zu ihm, um ihn zu besuchen, und einmal führte er mich auch zur Kirche von Lestene. Wir waren eine Familie, die aus der Welt der Künstler und Mediziner kam, und die Kirche war für mich eine andere Welt. Der erste Gesamteindruck von dieser Kirche war überwältigend und nahm mich gefangen. Mir gefiel das alles sehr, obwohl ich damals mit künstlerischen Schätzen noch nicht viel zu tun hatte,“ berichtet Jurgis Skulme im Gedächtnis an die Zeit seiner Kindheit.
Wiederholt waren die Skulmes in Lestene. Auch im Oktober 1944, um sich vor Bombenangriffen zu schützen, verließen sie Riga: „Wir dachten: Fahren wir lieber nach Lestene und lassen wir dort diese Zeit vergehen. Wir fuhren dort hin, aber da standen deutsche Panzer vor uns. Die Front war 20 km von „Bražas“ zum Stillstand gekommen. So sind wir in Lestene bis zum Februar geblieben. Am Christabend wollten wir gerne zur Kirche gehen, aber gerade dann begannen dort die Kämpfe. Später hörten wir, dass dort viele Soldaten gewesen seien und dass der Gottesdienst stattgefunden hätte,“ erinnert sich J. Skulme.
Sofort nach dem Krieg, im Sommer 1945, war J. Skulme wieder zu Gast im Hause „Bražas“ und ging auch zur Kirche. Ich hatte damals einen sehr primitiven Fotoapparat mit und nahm mit dem die ganze Innenansicht, die Sakristei und die großen Löcher auf, die durch den Einschlag von Granaten entstanden sind. Einige Aufnahmen sind recht gut geworden, so dass man vom Aussehen der Kirche im ersten Sommer nach dem Ende des Krieges einen Eindruck haben kann. In den 60er Jahren habe ich diese Bilder an Laimonis Liepa weiter gegeben.
Die Menschen redeten davon, dass man nach Lestene fahren und dort alles mitnehmen könnte, was man möchte. Der Moskauer „Finger“
Anfang der 60er Jahre wurde J. Skulme von der Kunstakademie aufgefordert, eine Sammlung von Kunstgegenständen zusammenzustellen. „Das war eine Verfügung aus Moskau, dass die
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Kunsthochschulen der Republik ein Forschungszentrum haben müssten In unserem Übereifer – man kann auch sagen: in unserer Verrücktheit – fingen wir mit dieser Arbeit an. Dabei ließ mich der Gedanke an Lestene nicht los. Denn mit Lestene war ich zusammengewachsen. Ich habe die Kirche noch nach dem Kriege unzerstört gesehen, als man damit begann, sie zu schänden. Bis zu den 60er Jahren war ich viele Male dort. Als ich 1961 dorthin kam, waren mir die bösen Absichten nicht bekannt. Ich sprach lange mit der Direktorin der Schule und berichtete ihr, dass es nach meiner Erinnerung in der Kirche früher viel mehr Skulpturen gegeben hätte. Sie führte mich in den Keller der Schule und zeigte mir die dort untergebrachten Skulpturen, die sich dort seit dem Ende des Krieges befinden. „Ich habe eine Verfügung bekommen, sie zu verbrennen.“ Irgend jemand hatte wohl verraten, dass in der Schule „solche“ Dinge aufbewahrt würden. Was sollte ich als ihr Gast tun? Mein erster Gedanke war, dass ich die Skulpturen wegbringen müsste, aber ich hatte keine Ahnung, wie und wann ich das tun könnte. Ich musste meinen Pflichten nachkommen, aber ich konnte es einfach nicht ruhig ansehen, dass solche berühmten Kunstwerke zerstört wurden. Ein Empfinden für die Religion hatte ich noch nicht, obwohl ich damals schon Vorwürfe einstecken musste, dass ich „den religiösen Kult pflegte und mich nationalistisch verhielte.“ Dafür und für andere Tätigkeiten, die den damaligen Machthabern missfielen, musste Jurgis Skulme 1977 bezahlen, als er wegen seiner Kritik am Sowjetsystem verurteilt und aus dem Künstlerverband ausgeschlossen wurde.
Ein Engel erschreckte die Miliz
Mit einem „Wolga“ seiner Eltern begab sich J. Skulme nach Lestene. Für sein Vorhaben hatte er sich das Wochenende ausgesucht, weil es dann in der Akademie kein Publikum gibt, denn nie wusste man, ob man irgendwie in eine unangenehme Situation geraten könnte. Mit einer Fuhre ist es nicht möglich, alle Skulpturen hinüber zu bringen, und deshalb muss ich zwei Mal fahren. Die mitgebrachten Schätze sollten in einem Lagerraum auf dem Boden der Akademie gelagert werden. Bei der zweiten Fahrt kam es zu einer amüsanten Situation, als ich bei Kalnciema von der Miliz gestoppt wurde, die offenbar meine Papiere überprüfen wollte. Es war ein grauer regnerischer Tag, ich hatte alle Fenster geschlossen, das Auto war mit Skulpturen von Aposteln gefüllt. Ich saß ganz an der Seite und neben mir hatte ich die Figur eines Engels, deren Kopf mit dem meinen auf der gleichen Höhe war.- mit goldenen Haaren, roten Wangen und rosigen Lippen. Ich schraubte das Fenster des Autos auf, der Milizionär schaute mich einmal, ein zweites Mal an und sagte „Ņenado, jezžai!“ (Ich brauche dich nicht, fahr weiter!) Vermutlich habe ich zusammen mit dem Engel ein komisches Bild abgegeben. Aber ein anderer hat wohl dennoch entdeckt, dass ich mich mit solchen Skulpturen beschäftige, und in meiner Personalakte gab es eine negative Eintragung.“
Das Zickzack der Zeit
Skulpturen befanden sich eine ganze Weile auf dem Boden der Kunstakademie. In Fragen seiner Arbeit hatte Skulme den Direktor des Museums von Bauska Laimonis Liepa kennen gelernt, dem man auch als Filiale zur „Verstärkung“ das Schloss Rundále zugeteilt hatte. Nachdem das Museum einige Jahre dort war, machte Liepa den Vorschlag, die Skulpturen nach Rundále zu überführen. „Der damalige Prorektor der Akademie Kruglovs rühmte sich noch damit, dass die Akademie dadurch, dass sie künstlerisch wertvolle Schätze gerettet hatte ein wundervolles Werk vollbracht hätte! Wie durch ein Wunder war aus meiner Personalakte die Seite mit der negativen Eintragung verschwunden… Doch um die Skulpturen zu Liepa zu überführen bedurfte es nicht nur der Genehmigung der Akademie, sondern auch des Ministeriums für Kultur.
Damals war im Museum in Tukums der Kunsthistoriker Arturs Vaidziņš tätig, der es bewirkt hatte, dass, als die Kirche bereits ihrem Schicksal preisgegeben war, man die Innenausstattung in das Museum von Tukums überführen könnte. Ein Teil von dem, was Vaidziņš
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zusammensammeln konnte, stand in der Kirche von Pūre. Aber als dort für den Film „Als Regen und Winde an das Fenster schlugen“ Dreharbeiten stattfanden, wurde ein Teil der wunderbaren Innenausstattung von Lestene kurzerhand in das Freie gestellt, wo sie auch gründlich durchnässt wurde. 1964 wurden die Schätze von Lestene aus dem Museum in Tukums nach Rundále überführt.
J. Skulme sagt, dass vieles von den Schätzen in Lestene geraubt und fortgeschleppt wurde, weil der damalige Chef der Kolchose Lestene sich geweigert hatte, mindestens die Kirchentüren zu vernageln, um die Kirche vor dem Wandalismus zu bewahren.
„Dort gab es eine Kiste, die ich mit Ornamenten vollgepackt hatte. Diese hatte ich in der Molkerei aufbewahrt. Ich sagte ihnen, dass sie sorgfältig aufbewahrt werden müsste, weil dort sehr wertvolle Dinge darin seien. Als aber die Molkerei abbrannte, redeten die Menschen davon, dass bei dem Brande Gegenstände von einem hohen Wert mit verbrannt seien.“ Aber ganz weit verbreitet war damals der Spruch, dass man nur nach Lestene zu fahren brauchte, und dann könnte man aus der Kirche so viele interessante Dinge mitnehmen, wie man nur möchte… (Wenn vielleicht auch in Ihr Haus ein Teil der Innenausstattung des Gotteshauses von Lestene hinein geraten sein sollte, dann bitten wir sehr herzlich, das bei der Kirchengemeinde abzugeben. Die Redaktion)
Ein Ungetaufter rettete die Kirche.
Die Eigentümer des Hauses „Bražas“, die Familie Brukšteins, die J. Skulme oft besuchte, waren Baptisten. „Wenn ich in Lestene zu Gast war, wurde dort das Tischgebet gesprochen. Das war für mich sehr ungewöhnlich. In dem Hause wurde auch viel gesungen. Die baptistischen Lieder lernte ich durch meinen Onkel Otis Skulmed kennen. An eins dieser Lieder erinnere ich mich noch: „Woher nehmen wir die Leute, die uns helfen und mit denen wir die Garben unter dem Dach stapeln; woher nehmen wir die Zimmer, in denen wir bei Hochzeiten und Taufen trinken können…“
Aber getauft bin ich nicht. Meine Eltern sagten, dass ich mich dafür selbst entscheiden müsste, wenn ich erwachsen sei. Doch ich bin ungetauft geblieben, wie man in Lettgallen sagt. Und wenn ich auch nicht einer der Gläubigen bin, so bin ich auch keiner von denen, die den Glauben ablehnen. Das ist überhaupt ganz interessant – auch wenn ich nicht der Religion besonders anhänge, so überkommt mich immer ein ganz eigenartiges Gefühl, wenn ich eine der alten Kirchen in Lettland betrete. Es ist ein Empfinden von Frieden und Stärke. Als ich einmal als 14 Jahre alter Junge dort in der Kirche von Lestene stand, habe ich dabei an nichts besonderes gedacht, aber viel später konnte ich mich noch an jede Einzelheit erinnern. An die Skupturen, an meinen Vater und an das was er mir damals sagte und zeigte. Alles das wirkte in mir noch nach und beschäftigte mich in meinen Gedanken.
Aber eine noch interessante Begebenheit git es aus der Jugendzeit des Lebens von Jurgis Skulme, die in die Kriegszeit fiel, wo er in der Klasse in Religionsgeschichte von Pfarrer Edgars Jundzis unterrichtet wurde. Und da damals noch niemand wissen konnte, was für ein Schicksal ihnen noch bevorsteht, brachte der Pfarrer den Jungen den Ablauf einiger kirchlicher Handlungen bei, darunter auch der Beerdigung. Das hat dem sechzehnjährigen Jungen später ganz besonders geholfen, als man während der Kampfhandlungen in Īrlava keinen finden konnte, der die Bestattung vornimmt. Und damals erinnerte er sich noch an das, was er bei Pfarrer Jundzis gelernt hatte…
Ich war der einzige, der sagte. dass es so nicht bleiben würde. Nichts ist ewig
„Dass ich damals nach Lestene geraten bin, war wirklich ein Glücksfall,“ gesteht der Künstler Skulme. „ Obswohl ich mit Liepa darüber gesprochen habe, dass Lestene wieder auferstehen müsste, gab es dafür keine Hoffnung sondern nur die Überzeugung. Als ich mich gegen die sowjetische Ordnung versündigt hatte und mich danach zur Umerziehung in Daugavpils befand, besuchten mich einige meiner Schüler, mit denen ich mich über die
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Zukunft unterhielt. Ich war in diesem Gespräch der eizige, der sagte, dass es so nicht bleiben würde. Es gibt eine elementare Wahrheit, die uns allen bekannt ist, dass das Glück nicht ewig bestehen bleibt, aber dass auch das Unglück nicht ewig bleibt.
Ich denke, dass es zu den wichtigsten menschlichen Erkenntnissen gehört, dass man sein Leben nicht vergeblich verbracht hat. Ich habe diese Erkenntnis.“

Mára Zálīte: „Aufwärts – dort gibt es den Weg“ Inga Reča
„Wenn unser ganzes Volk zu deiner Kirchengemeinde werden würde, dann würdest du auferstehen können.“ Diesen Satz sprach die Dichterin und Dramaturgin Mára Zálīte bei der ersten öffentlichen Wohltätigkeitsveranstaltung zu Gunsten der Restaurierung des Gotteshauses in Lestene aus. Dieses war ein Satz, der uns zu diesem Gespräch angeregt hatte.

Unsere Gesellschaft leidet an fehlendem geistlichen Elan.
– Was verbindet Sie mit Lestene?
– Während meiner ganzen Kindheit habe ich immer wieder in den verschiedensten Formungen und Intonationen den Satz gehört „Ach du heiliges Lestene!“, denn Lestene ist von meinem Heimatdorf Slampe etwa 10 km entfernt. Als Kind wurde bei mir durch diesen Satz eine Vorstellung geweckt, aber ich wusste damals nicht einmal, dass es dabei um eine Kirche ging.
Ich bin nur eine von vielen Menschen, die helfen möchten, und ich war sehr glücklich darüber, dass mir die Möglichkeit der Mitarbeit angeboten wurde. Zur Zeit ist meine Möglichkeit der Mitarbeit auf etwas wie die Rolle einer Berichterstatterin beschränkt. Mehr kann ich nicht tun, als das, was eine Schriftstellerin vermag – mit dem Wort die Wiedergeburt von Lestene zu begleiten. Überall dort, wohin ich komme, berichte ich darüber.
– Endlich scheint die Legende von Lestene wieder wach zu werden…
– Es lebt auch die Legende darüber, dass dem Jungen, welcher die Innenausstattung der Kirche von Lestene geschaffen hätte, dafür die Augen ausgestochen worden seien, aber das ist reine Fantasie. Aber das Motiv, dass deren Schöpfer dafür leiden musste geistert ebenso seit alten Zeiten umher wie die Behauptung, dass jemand eingemauert werden musste. Das hängt mit dem Opfern und Spenden zusammen. Wenn es keine Opfer und Spenden gibt, dann ist das Kirchengebäude nicht in der Lage, weiter zu bestehen. Das Bewusstsein der Menschen gibt die Formel unbewusst weiter, dass es der Selbstaufopferung bedarf. Die Kirche von Lestene ist noch nicht so alt, dass das Volk diese Legende nicht im wörtlichen Sinn aufgefasst haben könnte. Und das heißt doch, dass das Volk der Kirche von Lestene einen ganz besonderen Stellenwert eingeräumt hat. Wenn die Innenausstattung der Kirche von Lestene mit dem Verlust des Augenlichtes eines Menschen in Verbindung zu bringen ist, dann heißt das doch, dass es nicht möglich sein darf, etwas ähnliches zu erstellen und damit die Bewertung, dass es sich hierbei um eine Schönheit handelt, die noch einmal herzustellen unmöglich ist.
– Bedarf es wirklich, um solches zu erreichen, eines solchen Opfers?
– Sicher nicht im physischen Sinn, somdern hier geht es um eine Metapher, die durch die alten Mythen weitergegeben wird.
Den Begriff Opfer möchte ich am liebsten so übersetzen: wenn man versucht, etwas zu vollbringen, dann muss man auch so stark sein, Forderungen nachzukommen, die über das hinaus gehen, was der Alltag verlangt, sich auf das Ziel zu konzentrieren, das man anstrebt und sein Schaffen darauf ausrichten. So denke ich, dass sich zum Beispiel Imants Lancmanis im übertragenen Sinn in das Schloss Rundále eingemauert hat, und dass es noch heute bis in die Zukunft weiter besteht. Seine selbstlose Hingabe seines Lebens für das eine Ziel und für diese Idee ist sein Opfer.

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Ich denke, dass wir heute etwas mehr tun müssen, als unseren Alltag am Ofen im warmen Zimmer der eigenen Wohnung zu verbringen. Denn bei uns haben sich Elemente angesammelt, die eine ganz besondere Energie erfordern, die wahrscheinlich nur von Gott kommen kann, wenn er sie schenkt. Und dann bedarf es auch noch der richtigen Menschen. Am 3. Dezember war im Gottesdienst das Verlangen nach der Restaurierung der Kirche von Lestene körperlich deutlich zu spüren. Es war deutlich sichtbar, dass die Menschen, diese schöne, wunderbare Kirche sehr, sehr brauchten und dass sich ihre Seelen nach ihr sehnten. Und deshalb ist die Konzentration des gemeinsamen Willens dringend notwendig
– Ist es heute überhaupt möglich, unser Volk für eine solche Idee zu begeistern?
– Ich habe den Eindruck, dass unser Volk an einem mangelnden geistlichen Elan leidet. An der Stelle des Wortes Elan können wir auch andere Begriffe setzten wie Inspiration, Entzücken, Seelendurst, unter deren Mangel die Menschen entsetzlich leiden. Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein… Ich habe den Eindruck dass wir weltweit vor einer großen Wende der Dinge stehen, vor einer zweiten Wende, nachdem die sozialistische Welt zusammengebrochen ist, wobei es sich erwiesen hatte, dass diese Idee nichts nützt. Dann hofften wir darauf, dass wir nach der kapitalistischen Ordnung leben könnten und diese einigermaßen gut funktionieren würde. Aber inzwischen ist auch die bei uns zusammengebrochen und wir begreifen, dass es weder rechts noch links einen Weg gibt, sondern dass wir den Weg an einer anderen Stelle suchen müssen. Dieser Idee versuchte ich in meiner Arbeit „Der Ikarus von Priekule“ Ausdruck zu geben. Deren Hauptgedanke war: wenn du dich in einem Labyrinth verirrt hast, und siehst, dass du dort aus deiner materiellen Existenz auf keiner Seite heraus kommst, dann musst du dasselbe tun wie Ikarus – er hob sich in die Lüfte. Nur benötigt man dafür Flügel.
– Was sind das für Flügel, die man dafür braucht?
– Das sind das Entzücken und die Begeisterung, nach denen sich die Seele sehnt. Dass es Flügel gibt, macht uns glücklich, denn mit ihnen können wir fliegen, uns in die Lüfte in höhere Sphären über unserer materiellen Existenz erheben. Uns dem Himmel nähern.
Vielleicht müssen wir dabei von folgender Reihenfolge ausgehen: zuerst brauchen wir ein Empfinden für die Flügel, dass sie den Weg aufwärts markieren, und ich auch den Wunsch habe, mich auf den Aufwärtsweg zu machen – die Zugkraft, die Neigung, das Feuer der Seele. Aber es bedarf auch der Anstrengung und Hingabe, wenn man eine Idee verwirklichen möchte.
Anscheinend haben wir noch nicht begriffen, dass wir auch bereit sein müssen Opfer zu bringen, wenn wir unser Land zum Grünen und Blühen bekommen möchten. Nicht dass wir im wörtlichen Sinne sterben oder uns quälen müssten, sondern dass die große Hingabe für die Sache einfach notwendig ist. Leider ist bei uns die Verbrauchermentalität gegenüber jedermann –gegenüber dem Nächsten, gegenüber dem Betrieb, gegenüber dem Staat und auch gegenüber Gott vorherrschend – gib mir! Warum gibst du mir dieses und jenes nicht? Mit dieser Einstellung werden wir kaum etwas erreichen. Wir brauchen dafür eine völlig andere Ordnung. Sei doch selbst derjenige, der gibt und der etwas schafft. Im Unterbewusstsein empfinden wir es bereits, dass das materialistische Haben Wollen nicht der richtige Weg ist, denn die ganze Philosophie hat es seit Urzeiten nachgewiesen, dass niemand mit dieser Haltung glücklich wird.
– Nach meinem Empfinden sind Dicher solche Übermenschen. Nicht deswegen, weil sie anderen Menschen überlegen sind, sondern weil Gott ihnen besondere Gaben geschenkt hat, die ihnen die Möglichkeit öffnen, zum Herzen der Menschen vorzudringen.
– Es gibt die Fähigkeit, mit der Sprache mehr oder weniger geschickt schriftlich oder mündlich umzugehen. Mein Denken verbindet sich mit meinem Schreiben; ich spreche viel

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schlechter als ich schreibe. Ich setze mich an ein Blatt Papier und kann sofort einen Gedanken ausdrücken. Wenn ich spreche, dann fehlt mir oft die notwendige Konzentration.
Natürlich sind das Gaben Gottes. Ich fürchte mich aber vor dieser Bezeichnung. Denn je mehr ich es empfinde, dass es sich um eine Gabe Gottes handelt, umso demütiger wird dann meine Seele.
Ich habe diese Gaben gebraucht, sooft ich es konnte. Auf diese Weise versuche ich diese meine Schuld abzuarbeiten
– Weshalb gibt es nach Ihrer Ansicht so viele Kunstwerke, die nicht begeistern und die Seele des Menschen inspirieren?
– Wir können die Kunst nicht regulieren. Wenn heute das Schöne, Erhabene und Edle nicht Mode ist, dann kann ich das bestätigen. Uns wird weiterhin das vorgesetzt, was man in der russischen Theatersprache černuha (schwarze, schmutzige Aesthetik) nennt. Sobald wir derer überdrüssig sein werden, wird es sicher etwas anderes geben. Es ist ja nicht nur so, dass die Nachfrage das Angebot bestimmt; auch das Angebot kann Auswirkungen auf die Nachfrage haben oder auf die tägliche Speisekarte haben. Aber dafür bedarf es einer großen Persönlichkeit. Und solche haben wir leider nicht im Übermaß.
Die Wechselwirkung zwischen der Kunst, dem Künstler und der Gesellschaft ist ein breites Forschungsgebiet, und eigentlich begreift es niemand, wie das alles funktioniert. Der Künstler reflektiert alles, was in der Welt überhaupt existiert, und was in einer bestimmten Gesellschaft passiert. Die Kunst hat das Recht, alles was es wirklich gibt, zu reflektieren.
Aber wenn die Kunst andererseits die negative Realität reflektiert, gerät sie in die Gefahr, sie zu stabilisieren. Die Letten haben mit dem Wort „daudzinát“/vermehren (ähnlich wie man in manchen deutschen Kirchenliedern davon spricht, dass man das Lob vermehren möchte) Die Weisheit ist das Vermehren des Guten, aber bis zu dieser Erkenntnis muss die Gesellschafr noch ein ganzes Ende wachsen. Das kann man nicht erzwingen.
Wir haben die duale Welt, denn der Künstler kann von sich aus nichts Neues erschaffen. Gott hat die Welt erschaffen, und der Künstler reproduziert sie auf seine Weise, wie er es kann. Aber Gottes Wege sind unergründlich, denn je mehr ihr Stücke mit einer schwarzen und schmutzigen Aestgetik betrachtet und habt euch dadurch innerlich verändert, umso mehr wollt ihr sie los werden, und sehnt euch nach dem Guten.
Ich denke, dass die Welt geheimnisvoll ist, und deshalb so schön und anziehend. Und das Mysterium des Lebens ist deshalb so göttlich, weil wir dessen tiefere Bedeutung erkannt haben. Das fesselt mich sehr, und darüber habe ich viel nachgedacht.
– Ihre Werke erreichen oft die höchsten Höhen und die tiefsten Tiefen. Wo nehmen sie diese Weisheit und diese Kraft her?
– Nun, ich weiß nicht, woher das alles kommt. Wir sprachen bereits von den Gaben. Ich denke, dass es sicher etwas wie ein Einprogrammieren gibt. Ob das durch die Mischung von Genen kommt, das weiß ich nicht, aber seit meiner Kindheit trage ich in mir die Sehnsucht, nach etwas Hehrem, Erhabenem herum. Stundenlang habe ich auf einem Apfelbaum gesessen und über die Welt, die Sterne und andere große Dinge nachgedacht. Meine Seele hat auch eine Freude empfunden, welche nicht von dieser Welt sein konnte. Das kann ich nicht vergessen. So habe ich einmal als kleines Mädchen auf dem Lande in einem kleinen Abflussgraben gesessen, der voll war mit irgendwelchen kleinen Blümchen. Es war im Frühjahr, es blühten Mehlprimeln und allerlei andere blaue und gelbe Blumen, das Wasser floss, Schmetterlinge und Falter flogen umher, die Vögel sangen und ich sah die Welt in ihrer gewaltigen Größe und in mein Herz strömte eine überirdische Freude. Ich hatte das Empfinden, dass die ganze Welt um mich herum von Liebe erfüllt sei, und dass diese Liebe von oben her, von der Sonne käme. Was war das? Geschah das nur, weil in meine kindliche Seele etwas einprogrammiert war, was mich auf etwas warten ließ, was ich dann auch
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empfangen konnte? Dieses Empfinden hat mir während meines ganzen Lebens immer viel Kraft gegeben auch in schweren Augenblicken. Das einzige, was ich weiß, ist, dass es eine surreale göttliche Erfahrung war.
Kräfte? Ich habe keine übernatürlichen Kräfte. Meine Arbeiten bringe ich mit großer Anstrengung zu Papier, aber wenn ich den Eindruck habe, dass ich etwas schreiben müsste, dann ist meine innere Energie sehr stark. In einen schöpferischen Menschen ist anscheinend wie eine Sprungfeder bei einer aufziehbaren Uhr eingesetzt. Wenn er geboren wird, dann wird er aufgedreht, du musst einfach nur ticken. Dagegen kannst du dich nicht wehren. Ein Schriftsteller fühlt sich sehr unglücklich, wenn er nicht zum Schreiben kommt, er leidet darunter, dass er seine Funktionen nicht ausüben kann. Mir geht es ebenso. Wenn ich mich zu sehr in gesellschaftliche Aktivitäten einbinden lasse, dann komme ich nicht zum Schreiben oder wenigstens zur Kontemplation und fühle mich dabei höchst unglücklich. Etwa wie ein Vegetarier, der zu viel Fleisch gegessen hat.
– In einem Interview sagten Sie, dass Sie durch Ihr Verhalten gerne bekennen würden, dass es möglich ist, gleichzeitig freier Künstler zu sein und doch gegenüber dem Ganzen Verantwortung zu empfinden – gegenüber dem Volk, der Gesellschaft, dem Staat. Nach meiner Ansicht sind das sehr hohe Anforderungen an einen Künstler und einen Menschen überhaupt
– Ja, so ist es, denn normalerweise gibt es das Klischee, dass du, wenn dun ein Künstler bist, auch ein vollkommener Individualist, ein Bohemian und ein Outsider bist. Das Gegenteil davon ist die Teilnahme am Leben des Volkes, das Empfinden von Verantwortung, was dich dazu treibt, dich für die Gemeinschaft des Volkes einzusetzen, wofür du einen schöpferischen Auftrag hast. Rainis hat das in wenige Worte zusammengefasst: „Eine Zunge und eine Seele.“ Wir stehen immer wieder im Kampf zwischen dem Individualismus und der Notwendigkeit des Einsatzes für die Gemeinschaft.
Ich habe den Eindruck, dass es mir recht gut gelungen ist, dieser Forderung nachzukommen. Meine Ideen mache ich hauptsächlich publizistisch oder in Essays bekannt, auch in diesem oder jenem Gedicht, wobei es meine Absicht ist, nicht um der Kunst, sondern um des Lebens Willen zu schreiben. Der Künstler darf nicht einfach in dem Sinn herumstochern „Wenn es dem Volk schlecht geht, dann schreibe ich eben ein Stück, um es aufzurichten…“ So kommt keine große Kunst zustande. Man muss dafür ein tiefen seelischen Auftrag empfinden, etwa so: Ich halte es nicht mehr aus, ich muss schreiben! Dabei spielt der Verstand eine kleinere Rolle als der innere Antrieb, und jetzt benutze ich auch dieses Wort – das innere Missionsbewusstsein, das die dazu treibt, etwas zu tun.
– Welche Rolle spielt nach Ihrer Meinung die Kirche in der Gesellschaft?
– Aufklären. Die wahren Werte anbieten. Bilden. Stärken. Ansprechen. Ich habe zum Beispiel nicht das Privileg, dass ich an jedem Sonntag mein Volk ansprechen kann. Der Pfarrer kann die Kirchengemeinde als eine Gemeinschaft ansprechen. Dabei muss ich aber auch meine eigenen Sünden bekennen. Ich gehöre formell einer Kirchengemeinde an, aber ich gehe nicht an jedem Sonntag zur Kirche. Das sagt nichts Gutes über mich aus. Aber ein Gemeindeleben, wie ich es mir vorstelle, habe ich in Visby auf der schwedischen Insel Gotland kennen gelernt.
Gegenüber vom Haus der Schriftsteller, wohin wir ab und zu fahren, um dort zu arbeiten, liegt eine wunderschöne lutherische Kirche. Dorthin ging ich regelmäßig zu allen Gottesdiensten
Bei dem Herausgehen drückte der Pfarrer jedem die Hand und ich sagte ihm Deutsch „Vielen Dank!“ Worauf der Pfarrer mich fragte: „Weshalb haben Sie es mir vorher nicht gesagt, dass Sie nicht Schwedisch sprechen? Dann hätte ich an Sie ein besonderes Wort in deutscher Sprache gerichtet. Aber nun kommen Sie mit, hier gibt es Kaffee und auch einen kleinen Verkaufsstand, und dann kommen Sie doch bitte auch Donnerstag, dann haben wir…“ Wenn

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ich dort ständig leben würde, dann würde ich ganz bestimmt in dieser Gemeinde mitarbeiten, und sie würde meine zweite Familie sein.
Ich würde sagen, dass die Kirche die höchste Form der Kunst ist. Denn in der Kirche spricht mich alles an – angefangen bei dem Altarbild, den farbigen Fenstern, den Formen der Architektur bis hin zur Musik und zum Wort. Das ist schon einmalig. Ich habe auch sehr starke religiöse Erfahrungen in Notre Dame in Paris machen können. Als dort neuntausend Menschen – ein jeder in seiner Sprache – das Vaterunser beteten, liefen mir Schauer über meinen Rücken. Was war das bloß für eine Kraftquelle! Als ich die Kirche verließ, fühlte ich mich erleuchtet!
Gott schenke der Kirche viele begabte Pfarrer, denn am verrücktesten ist es in einer Kirche, wenn man dort einem Pfarrer begegnet, vor dem es einem graut. Wenn er zu reden beginnt und alle Sünder verdonnert und zu Boden predigt, dann möchte ich nicht in eine solche Kirche gehen.
– Wird die Kirche in Lettland ihrem Auftrag gerecht?
– Das kommt auf den Einzelfall an. Ich habe wundervolle Erfahrungen mit der Kirche in Krimulda gemacht, die Tag und Nacht geöffnet ist. Du gehst mitten in der Nacht in diese Kirche… Das ist die Erfahrung wahrhaftigen Glücks, die ich in dieser Kirche von Krimulda machen konnte. Nach der Renovierung liegt mir die Kirche von Augstroze besonders am Herzen. Sehr liebe ich die Kirche von Saulkrasti und die kleine Kirche von Turaida, die an ein Vogelnest erinnert, und an der ich nie vorbei gehe. Die Landkirchen, in denen Gottesdienste stattfinden, sind überwiegend wunderschön. In Riga ist es anders… Mir persönlich gefällt es gar nicht, dass dort die Kirchen nicht immer geöffnet sind und dadurch den Menschen, die sich geistlich stärken möchten oder einfach die Stille suchen, den Zugang versperren.
Dass die Kirche im öffentlichen Leben eine große Rolle spielt, wird auch dadurch deutlich, dass viele lettische Geistliche sich in der Öffentlichkeit eines sehr guten Rufes erfreuen. Das trifft auf Juris Rubenis, Jánis Vanags, den neuen katholischen Erzbischof Zbigņevs Stankēvičs
und auf viele andere zu. Dagegen sind mir jene Pfarrer ein Rätsel, die sich darum mühen, zwischen lettischen und christlichen Elementen Gegensätze aufzurichten. In meinen Augen sind das Dunkelmänner und Verbrecher. Wir brauchen eine Volkskirche, weil das auch im Interesse des lettischen Volkes ist. Es ist bestimmt kein Zufall, dass das lettische Volk die Kirche der Deutschen lange Zeit nicht als ihre Kirche betrachteten, weil sie in der nicht die Seele ihres eigenen Volkes entdeckten, und dass sich wahre Frömmigkeit bei den Letten erst durch die Brüdergemeine zu entwickeln begann. Wenn diese beiden Elemente – das Volk und die Kirche – zueinander in einem gewissen Gegensatz stehen, dann weiß das Volk auch nicht, was in seinem Tun das richtige Handeln ist. Müssen wir unsere Identität und unsere Folklore wirklich fortstreichen, weil die mich daran hindert, ein wahtrer Christ zu sein? Oder sollen wir die Kirche beiseite schieben, weil sie mich daran hindert, ein wahrer Lette zu sein? Wer auf diese Weise die Seelen beknetet, der richtet großes Unheil an. Anna Brigadere, eine meiner liebsten Autorinnen, war ein tief religiöser Mensch und empfand auf der anderen Seite sehr tief lettisch. Das waren letzten Endes alle unsere Klassiker, ausgenommen Andrejs Upītis, der Atheist war. Die Kirche Lettlands muss lettisch, wärmer, entgegenkommender, stärker den Friedend stiftend, aber ganz besonders ausbildend, darf aber dabei nicht belehrend sein. Denn bei der Seele erreicht man nichts mit Gewalt. Religiöse Heuchelei hat es schon immer gegeben, aber die sollten wir meiden.
– Leider fällt ihr 60. Geburtstag auf den Tag, an dem wir alle unsere Stimme dafür abgeben werden, dass lettisch unsere einzige offizielle Landessprache bleibt.
– Das ist doch wunderbar! Ist das nicht ein Geschenk Gottes? Stellen Sie sich doch bitte vor: Wie oft ist es überhaupt geschehen, dass ein schöpferischer Mensch, der sich während seines ganzen Lebens für seine Sprache eingesetzt hat, ein so entscheidendes Referendum an seinem
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runden Geburtstag erleben darf? Das hat Symbolkraft und ich nehme es gerne als Geschenk entgegen und spreche dafür meinen herzlichen Dank aus.
Ich hoffe, dass die Menschen es begriffen haben, dass es nicht passieren darf, dass sie zu Hause bleiben und nicht zum Referendum gehen.
– Was wünschen Sie unserem Volk zum Tag des Referendums?
– Ich habe das Empfinden, dass das Referendum ein positives Ergebnis haben wird und damit
zu einem Wendpunkt für unsere weitere Entwicklung wird. Aber das wird nur geschehen, wenn wir alle , die wir uns bewegen und atmen können, ganz gleich, ob wir arm oder reich sind, welchem Bekenntnis wir angehören oder welcher Hautfarbe wir sind, zum Wahllokal gehen und unsere Stimme abgeben. Damit wird von uns wirklich kein großes Opfer verlangt. Dieses ist ein überzeitlicher alles entscheidender Präzedenzfall. Denn die russische Sprache wird als zweite Landessprache die lettische Sprache verdrängen. Eine solche Zweisprachigkeit ist in Lettland nicht möglich, denn diese zweite Sprache ist in der Welt um viele hundert Male stärker vertreten sowohl durch diejenigen, welche diese Sprache sprechen als auch von deren wirtschaftlicher Bedeutung her.
Somit handelt es sich bei diesem Referendum um die Entscheidung darüber, ob Lettland künftig als Lettland weiter bestehen können wird. Wir müssen uns auf eine große Auswanderungswelle gefasst machen. Sie wird kommen, ob wir sie wollen oder nicht, denn wir sind ein aussterbendes Volk. Deshalb ist es wichtig, dass unsere nächsten Immigranten in Lettland die lettische Sprache als unsere offizielle Sprache beherrschen. Wenn wir hier zwei offizielle Sprachen hätten, dann ist es wirklich nicht schwer zu erraten, welche der Sprachen ein Japaner erlernen würde, der hier eine Firma gründen und hier auch wohnen möchte. Da würde er sich bestimmt für die russische Sprache entscheiden, denn das ist die Sprache, die er viel öfter verwenden kann.
Wir müssen aber auch begreifen, dass die lettische Sprache der ganzen Menschheit und nicht nur uns gehört. Sie ist uns anvertraut, damit wir sie gebrauchen, und dafür sind wir auch verantwortlich.
– Sie sind Großmutter von drei Enkelkindern. Wie stellen Sie sich deren Zukunft vor? Was können Sie ihnen für diese Zukunft mitgeben?
– Die Kinder brauchen vor allem bedingungslose Liebe, die sie empfangen, und alles andere kommt von selbst. Die Kinder hören alles, worüber man zu Hause spricht, die Kinder empfinden ganz genau, wen oder was man im Kreise der Familie respektiert oder nicht. Das brauchen sie nicht zu erlernen. Die in der Familie herrschenden guten oder schlechten Wertbegriffe gehen automatisch auf die Kinder über.
Was kann ich ihnen weiter geben? Ich kann sie mit viel Theater, mit virl Literatur vergiften, ich kann mit ihnen viel singen und über die Dinge dieser Welt philosophieren. Einmal saßen wir in der Küche bei dem Mittagessen und mein Sohn war mit seinen Gedanken weit weg. Er blickte an uns vorbei weit in eine Ferne und dachte nach. Ich fragte ihn: „Was ist mit dir?“ Er erwachte offensichtlich wieder: „O, ich malte mir aus, dass die ganze Welt eine Küche wäre und was man in dieser Welt denken würde.“ Ich sehe aber auch, dass mein ältester Enkel mit seinen 8 Jahren auch verschiedenen Fragen nachgeht, wie zum Beispiel „Gibt es im Weltraum Wasser?“ Ich sage ihm, dass ich das nicht wüsste, aber dass ich denke, dass es dort kein Wasser gäbe. „Aber warum nennt man im Weltraum die Schiffe Schiffe? Doch sicher nur deshalb, weil es dort Wasser gibt, sonst hätte man doch diese Gefährte anders genannt.“
Ich bin sehr froh, dass ich meinen Enkeln ein Stück Land geben kann. Ich freue mich, dass die Zwillinge, die in diesem Jahr zwei Jahre alt werden, die größten Schönheiten dieser Welt genießen können werden, dass sie durch das grüne Gras toben und Marienkäfer und im Bach Kaulquappen fangen, und dass ich noch viel anderes mi ihnen tun kann. Und das ist wirklich sehr wesentlich, denn wir lernen gemeinsam diese Welt kennen. Die Kinder lernen es. die
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Wärme der Sonnenstrahlen zu empfinden und den Duft der Blumen zu riechen. Wie ein Kind das alles empfindet, das ist eins der schönsten Dinge auf dieser Welt. Wer mag die Welt wohl geschaffen haben? Diese Frage kommt früher oder später aus ihrem Munde.
Ich könnte auch das traditionelle Großmütterchen sein, das alle mit heißen Schnitzeln erwartet… Das könnte ich schon, aber es würde mir sehr schwer fallen.
Am meisten kann ich auf dem geistigen Gebiet etwas weitergeben – mindestens bei Kindern gelingt mir das recht gut.

MĀRA ZĀLĪTE Ansprache bei der Aktion zur Restaurierung der Kirche von Lestene am 3. Dezember 2011
Ach du heiliges Lestene! Einst und angesichts der Ewigkeit war – noch in der jüngsten Vergangenheit – die Kirche von Lestene die prächtigste und schönste Kirche Kurlands. Einst und angesichts der Ewigkeit war die Inneneinrichtung der Kirche von Lestene ein mit nicht anderem zu vergleichendes Wunderwerk der sakralen Kunst nicht nur aus der Perspektive Lettlands sondern auch aus gesamteuropäischer Sicht. Bis auf den heutigen Tag hat meine Mutter den unauslöschbaren Eindruck bei sich aufbewahrt, den sie empfunden hatte, als sie im Kindesalter in dieser Kirche an einer Taufe teilgenommen hatte. Die Kirche strahlte ihre goldene Pracht aus. Bei dem Beginn des Orgelspiels fingen die vielfarbigen Figuren an, sich zu bewegen, die Engel bewegten ihre Flügel und erregten dadurch Begeisterung und ein Hochgefühl in jeder Seele.
Eine Legende berichtet, dass die Kirchgänger zu Beginn des 18. Jahrhunderts bei dem Hören der wundervollen Orgelklänge und bei dem Erblicken dessen, wie sich die vielen Figuren zu bewegen begannen, auf die Kniee gefallen seien und ausgerufen hätten: „Ach du heiliges Lestene“.
„Ach, heiliges Lestene“! Dieser durch ein Wunderwerk der Kunst und durch die Frömmigkeit ausgelöste Ruf, mit dem ein standfestes Volk auch noch heute seine lebendige Verbundenheit mit der eigenen Geschichte auf verschiedene Weise und in verschiedenen Intonationen bekunden möchte, ist in dieser Umgebung bis auf den heutigen Tag lebendig geblieben
Ach, heiliges Lestene! Deine Tragbalken, deine Decken, deine Pfeiler, deine Gewölbe haben den höchsten Jubel und das Bekenntnis der Sünde der menschlichen Seele, den Zuspruch der Vergebung vernommen, die innere Reinigung des Menschen und überirdische Freude erlebt.
Ach, heiliges Lestene! Deine uralten Mauern haben das schlimmste Verderben erlebt. Du warst Zeugin des Grauens eines Schlachtfeldes. Die Erde ist rings um dich herum mit Blut getränkt. Dieses ist die Erde, auf der zwei von Hass erfüllte Großmächte. Die bestrebt waren, ihre Kraft zu demonstrieren, und dafür einen Sohn den anderen, einen Bruder den anderen bekämpfen ließen. Einen den anderen, und jeden für die Freiheit seines Landes! Das ist der schlimmste Schaden, den du erlebt hattest! Du selbst, ach heiliges Lestene, hast es noch nicht erfahren, dass deine Kriegsverletzungen verheilt sind.
Ach heiliges Lestene! Du hast es erleben müssen, wie eine Macht, der das Heiligtum fremd ist, wie eine Macht, die Gott nicht kennt, dich demoliert und verlästert, zerstört und zertrümmert hat. Die die Füße deiner Engel mit ihren Stiefeln zertreten, ihre goldenen Flügel zerbrochen hat, die Orgel, dein tönendes Herz, in Stücke zerlegt hat.
Ach, heiliges Lestene! Hoffentlich hast du denen vergeben, die nicht wussten, was sie taten! Ebenso auch denen, die gezwungen wurden, schweren Herzens innerhalb deiner Wände einen
wahren Wolfsrachen einzurichten, und dich dadurch möglicherweise vor der allerschlimmsten Zerstörung zu bewahren.
Ach, heiliges Lestene! Du bist denen dankbar, die noch gerettet hatten, was noch zu retten war. Vielleicht liegt noch heute in irgend einem Keller oder in einer Scheune etwas, was eigentlich dir gehört. Viele deiner heiligen Gegenstände hat der Künstler Jurgis Skulme
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gerettet oder sie werden im Muserum von Tukums aufbewahrt oder Imants Lancmanis trägt im Schloss Rundále für deine heiligen Gegenstände Sorge.
Ach, heiliges Lestene! Ist es nicht ein großes Glück, dass es sich erwiesen hatte, dass es mehr Retter als Zerstörer gibt? Etwa 80 Prozent deiner Herrlichkeit ist gerettet worden. Bei allem, was darüber hinaus geht, ist eine Restaurierung möglich. Deine Gemeinde, heiliges Lestene, hat unbegreiflich viel getan! Dafür hat sie Lob und Anerkennung verdient! Und dennoch, wenn wir dich so restaurieren wollen, dass du in deiner alten Pracht wieder erstrahlst, dann wird das nur mit der gemeinsamen Kraft unseres ganzen Volkes möglich sein, und wenn unser ganzes Volk dadurch symbolisch zu deiner Gemeinde werden würde, dann würdest du wieder auferstehen, und das sogar sehr bald, aber Schritt für Schritt!
Ach, heiliges Lestene! Wir sind hier zusammengekommen, weil wir deine wundervolle Pracht wieder herstellen und alle Menschen guten Willens zu diesem gemeinsamen Werk der Liebe aufrufen möchten.
Ach, heiliges Lestene! Wir sind hier zusammengekommen, um deine Schönheit wieder herzustellen und jeden dazu aufzurufen, bei diesem großen Werk die Hand mit anzulegen, so gut es jeder vermag. Sogar wenn du, heiliges Lestene angesichts dieses großen Leides sagen würdest, dass du das doch nicht brauchtest, dann würden wir antworten, dass wir es brauchten und es für uns wichtig sei. Wir brauchen deine Heilung, denn das wird auch unsere Heilung sein! Wir brauchen den gemeinsamen Willen, die Selbstlosigkeit, und die Verantwortung für unser Vaterland., und du wirst uns helfen, sie zu empfinden und zu pflegen.
Möge die Kirche wieder in ihrer goldenen Pracht glänzen. Mögen die Engel wieder ihre vielstimmigen Koloraturen intonieren, mögen sich die farbigen holzgeschnitzten Figuren wieder drehen und wenden und uns dabei die göttliche Harmonie und die mächtige Kraft der Kunst spüren lassen, damit wir dabei flüstern können: „Ach, heiliges Lestene“ Wir brauchen das! Und wir wissen, dass es möglich ist!

90 Jahre seit der Synode im Februar 1922, Voldemárs Lauciņš
In diesem Monat sind es 90 Jahre her, seit vom 21. bis zum 24. Februar die erste Synode der Vertreter und Pfarrer der evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands stattgefunden hatte. Welche Rolle spielte diese Synode in der Geschichte unserer Kirche ? Hat sie auch für uns heute eine Bedeutung? Diese und andere Fragen regen uns an, uns mit dieser Synode etwas mehr zu befassen.
Vor der Synode.
Die Entstehung der ELKL geschah nicht innerhalb von zwei oder drei Tagen, sondern nach der Auffassung unserer Historiker in einem Prozess von 10 bis 20 Jahren. Der Beginn der Entstehung der ELKL ist recht „offen“, während wir die Zeit des Abschlusses dieses Prozesses recht genau mit dem Januar 1928, dem Zeitpunkt, zu dem die Verfassung der ELKL in Kraft trat, datieren können, die dann im August der gleichen Jahres in Kraft trat. Über den Anfangszeitpunkt gibt es zwei verschiedene Ansichten. Nach der ersten Ansicht setzt man dafür das Jahr 1906 oder 1905 an. Damals begannen unter den lettischen Pfarrern und Laien intensive Diskussionen über die Selbständigkeit der lettischen lutherischen Kirchengemeinden. Die in diesem Rahmen ausgearbeiteten Thesen finden wir in späteren Dokumenten, die in der Phase des Entstehens beschlossen worden sind. Das zweite weiter verbreitete Datum wird mit dem Entstehen des vorläufigen Konsistoriums der ELKL in Verbindung gebracht. Zu den Vertretern dieser Ansicht gehört auch der erste lettische Bischof unserer Kirche Kárlis Irbe, der in seinem Rückblick auf die Ereignisse nach dem Jahr 1917, den er 1928 gab, auf das Geschehen nach der Revolution 1917 zurückblickte und diese allgemeine Synode vom 31. August 1917 , die vom vorläufigen Konsistorium einberufen wurde, als historisch bezeichnete („wir haben so lange darauf gehofft“) ebenso wie auch
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Feldmanis in seiner Kirchengeschichte Lettlands den Festgottesdienst am 31. Oktober 1917 als den Beginn des Bestehens der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands betrachtet, der in der Lettischen Jesuskirche in St Petersburg stattfand. Somit ist die Synode des Jahres 1922 nicht isoliert vom übrigen Geschehen zu betrachten, sondern als ein ganz wichtiger Abschnitt im Rahmen einer ganzen Reihe anderer wichtiger Ereignisse.
Wenn wir uns jetzt ganz kurz den historisch wichtigsten Ereignissen bis zum Februar 1922 zuwenden, dann muss auf jeden Fall die befreiende Rolle genannt werden, die der neue Staat Lettland bei der Loslösung der Kirche von der Herrschaft der Gutsherren und mit seinem Werk der Vereinigung der in zwei Konsistorien zerspaltenen Kirche zu einem Gesamtgebilde gespielt hatte, und die Ernennung der leitenden lutherischen Theologen in ihre kirchenleitenden Ämter, sowie die Gründung der Theologischen Fakultät der Universität Lettlands und deren Finanzierung aus Mitteln des Staates. Damals entstand bei der ELKL eine allzu enge Bindung an den Staat. Diese Tendenz in die Richtung der Unfreiheit machte sich sehr bitter bezahlt mit der staatlichen Verfügung, dass die lutherische Kirche die St. Jakobikirche zu Gunsten der Katholiken zu räumen hätte, und bei der Einmischung des Staates in die höchst innerkirchliche Frage der Nutzung des Domes zu Riga. Die lutherische Kirche Lettlands erwartete mit ihrem Synodenbeschluss, sich unter die Fittiche des Staates zu verkriechen mit großen Hoffnungen die Möglichkeit ihrer Selbständigkeit, welche ihr die Luft schaffte mehrere Fragen der Kirchenstruktur und des kirchlichen Aufbaues auis eigener Kraft zu lösen.
Vier Tage im Februar 1922
In dieser Synode gab der Innenminister der Republik Lettland am 23. Januar mit der Tagesordnung auch die zentrale Frage bekannt, um die es bei dieser Synode ging: die Wahl der Vertretung der Kirche und deren leitenden Organes – des Oberkirchenrates. Darüber berichtete damals „Svētdienas Rīts“: „Sehr sorgfältig haben sich unsere lettischen evangelisch-lutherischen Kirchengemeinden auf diese Synode, die zweite Synode dieser Art in der Geschichte Lettlands, vorbereitet. Sie empfanden die große Bedeutung dieser Synode und warteten darauf, dass in der Synode Entscheidendes über den Aufbau unserer Kirche gesagt würde.“
Die Synode begann mit einer Prozession von der großen Gilde zur St. Jakobikirche, bei der „die Pfarrer in ihrer Amtstracht gingen. Sie schritten brüderlich und Hand in Hand bedächtigen Schrittes durch die Straßen Rigas, begleitet von den Blicken unzähliger Einwohner Rigas.“ Im Gottesdienst zur Eröffnung der Synode wies Pfarrer Strautmanis aus Dobele in der einleitenden Ansprache die Synodalen vom Altar aus auf die Schwachheit des Glaubens der Kirche hin. Doch der Glaube an Jesus Christus kann nach der Ansicht von Strautmanis auch den schwachen Glauben stärken. Die Predigt hielt der spätere Bischof der ELKL Kárlis Irbe. Er betonte, dass die Zeiten der Vergangenheit vorüber seien und nicht wiederkehren würden, und dass die Kirche ihre Macht und ihren Einfluss verloren hätte. Dennoch ist ihr das Allerwichtigste geblieben: unserem Volk die Gnade Gottes näher zu bringen. Das ist der Fels, auf dem wir stehen.
Am ersten Tag ging die Synode ihrem Auftrag nach und wählte den Oberkirchenrat. Zu dessen Präsidenten wurde mit einer überzeugenden Mehrheit der Stimmen Propst Kárlis Irbe gewählt. Dieses Amt übte er nach dieser Wahl zehn Jahre aus.
An den nächsten Tagen standen auf der Tagesordnung der Synode sehr viele Fragen. Als die wichtigsten können wir die Bewahrung der St. Jakobikirche vor der Beschlagnahme durch den Staat, wirtschaftliche Aktualitäten der Kirchengemeinden, die Ausbildung der Geistlichen, den Religionsunterricht in Schulen, die Arbeit der Sonntagsschulen in den Kirchengemeinden, Herstellung internationaler Beziehungen zu den Nachbarländern, zu den

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Letten in Russland und auch zu den deutschen Lutheranern. Die Synode beschäftigte sich auch mit dem Verfassungsentwurf und dessen ersten Paragraphen, der aussagt, dass die Kirche synodal und episkopal aufgebaut sei. Am Abend des dritten Tages forderte Propst Reinhards die Synodalen auf, den ersten Bischof der lutherischen Kirche Lettlands zu wählen und schlug dafür den neuen Präsidenten des Oberkirchenrats Kárlis Irbe vor, der dann auch von der Synode gewählt wurde. Eine wichtige Frage, die auch auf der Synode behandelt wurde, war die Versorgung der emeritierten Geistlichen, der Pfarrwitwen und der Waisen dieser Familien. Die Synode forderte, dass sie in die staatliche Versorgung mit einbezogen werden müssten.
Zum Abschluss der Synode forderte der Bischof jeden Synodalen auf, von dieser Synode „erhebende Eindrücke“ nach Hause mitzunehmen und sprach das Schlussgebet. Im Namen der Synode fasste Propst Avots alles zusammen, was in diesen Tagen verhandelt wurde: Die Wahl des Oberkirchenrats, die Friedensstiftung zwischen den deutschen und lettischen Gemeindegliedern und die Toleranz gegennüber den im Glauben Schwächeren. So ging diese bedeutende Synode zu Ende, deren wichtigen Beschlüsse eine ausführlichere Betrachtung und mehr Zeit verdienen.
Das Echo auf die Synode
Am 24. Februar 1922 sah die Synode zum Abschluss anders aus als bei ihrem Beginn vier Tage davor. Es war ein neuer Oberkirchenrat gewählt und der erste Bischof der ELKL Kárlis Irbe. Doch da gibt es noch sehr viel zu tun, vor allem die Befestigung der verfassungsmäßigen Grundlagen, was die Kirche 1928 – also sechs Jahre danach – vollendetete. Bei diesen Beschlüssen ist die Nachfolge zu dem vorläufigen lettischen Konsistorium zu erkennen, sowohl im Blick auf die Übernahme früherer Beschlüsse als auch auf die Weiterentwicklung, wie z. B. die Wahl von Generalsuperintendent Irbe zum ersten Bischof lettischer Volkszugehörigkeit. Als einen negativen Faktor müssen wir das Unvermögen und den fehlenden Willen der Synode bezeichnen, sich aus den Fängen des Staates zu lösen.
Und schließlich, was gibt die Synode des Jajhres 1922 uns heute? Ich denke, mindestens zwei Dinge. Erstens lehrt uns die Betrachtung des Ablaufes der Synode, dass Christen auf einer Synode die Zeit haben können, darüber zu reden, wie wir dem Volk die Gnade Gottes näher bringen können (sie waren vier Tage zusammen und haben beraten) Zweitens können wir sie nur bewundern, mit welcher Geduld sie sich um das Wohlergehen ihrer Kirche Sorgen machten. Ein solcher Rückblick auf die Synode 1922 ist uns für unseren persönlichen Glauben von Nutzen und eine Hilfe bei der Beantwortung der Frage: „aber was kann ich heute meiner Kirche schenken?“
Soli Deo Gloria.

Die verfolgte Kirche Ingrīda Briede
Wären Christen in Lettland heute bereit, um ihres Glaubens willen ihre Arbeitsstelle und die Mittel, die sie zum Überleben benötigen, zu verlieren und in das Gefängnis zu gehen? Das ist eine schwere Frage, nicht wahr? 50 Jahre lang waren wir selbst auch eine verfolgte Kirche, und seit über 20 Jahren erfreuen wir uns der Früchte unserer staatlichen Unabhängigkeit und unserer Demokratie. Inzwischen ist eine neue Generation herangewachsen, für die alles, was oben erwähnt worden ist, nicht mehr zu unserer Wirklichkeit gehört, und die Vorstellung, dass dein sonntäglicher Kirchgang nicht nur deine Karriere, sondern sogar dein Leben kosten kann, uns unmöglich erscheint. Doch in vielen Ländern dieser Welt geschieht genau das auch im Jahr 2012.
Was bedeutet Christenverfolgung?
Verschiedene Organisationen, die sich für verfolgte Christen einsetzen wie zum Beispiel die „Hilfsaktion Märtyrerkirche“ und „Open Doors“ haben statistisch nachgewiesen, dass in 50
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Ländern dieser Erde etwa 100 Millionen Christen verfolgt werden. Damit sind die Christen weltweit der größte Zusammenschluss von Menschen, die zu einer Glaubensgemeinschaft
gehören, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden. In diesen Ländern leben zwei Drittel der Bevölkerung der Welt. Die Opfer dieser Verfolgung gehören hauptsächlich religiösen Minderheiten an, von denen die Christen den größten Anteil haben. Aber was bedeutet Christenverfolgung?
Die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten.
In der Bibel heißt es: „Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.“ Die Christenverfolgung können wir sowohl von dieses Wortes engerer, als auch von seiner weiteren Bedeutung herleiten. Nach seiner engeren Bedeutung sprechen wir von Christenverfolgung wenn der Staat einzelne Christen oder viele Christen gemeinsam um ihres Glaubens willen in das Gefängnis sperrt, und sie dort verwundet, gefoltert und sogar getötet werden. Das geschieht wirklich in vielen Ländern. Von Verfolgung im weiteren Sinne sprechen wir, wenn Christen um ihrer Überzeugung willen ihre Arbeitsstelle und damit die Mittel verlieren, die sie brauchen, um weiter zu existieren, wenn ihren Kindern der Besuch höherer Schulen verboten wird oder wenn Christen aus ihren Wohnorten vertrieben werden .
Auch ist es Angehörigen anderer Religionen verboten, zum Christentum zu konvertieren und sich danach öffentlich zum Christentum zu bekennen. Somit müssen Christen überall dort, wo sie sich für Christus entschieden haben, mit Konsequenzen rechnen – in der Familie und in der Gesellschaft, bei dem Besitz und bei dem eigenen Leben. Verfolgung geschieht auch dann, wenn es Christen verboten ist, für den eigenen Bedarf eine Kirche zu erbauen und überhaupt zusammenzukommen, ja wo es sogar nicht möglich ist, eine Gemeinde zu registrieren oder wo eine Registrierung mit unüberwindlichen Hürden maßlos erschwert wird.
Verletzung der Menschenrechte
1948 beschloss die UNO die Erklärung der Menschenrechte, bei der es im § 18 heißt: „Jeder Mensch hat das Recht auf die Freiheit des Denkens, des Gewissens und der religiösen Überzeugung, und dieses Recht schließt auch den Wechsel der religiösen Überzeugung oder Ansichten ein, sowie die Freiheit entweder allein oder in der Gemeinschaft mit anderen öffentlich oder privat seine religiöse Überzeugung oder Ansichten zu verkündigen und sich an religiösen Zeremonien oder Ritualen zu beteiligen.“ Dennoch zeigt die Erfahrung, dass es der Paragraph über die Menschenrechte ist, der am wenigsten beachtet wird, und die Zahl der Staaten am größten ist, in denen gegen diese Bestimmungen über die Freiheit der Religion und viele andere Menschenrechte am häufigsten verstoßen wird. Die Beachtung dieses Paragraphen ist auch ein guter Indikator dafür, ob in dem betreffenden Lande die Menschenrechte überhaupt beachtet werden.
Die Christen sind die am meisten verfolgten Menschen auf der Welt
Es besteht die einmütige Auffassung, dass Christen die größte Gemeinschaft verfolgter Menschen seien. In der ganzen Welt werden 100 Millionen Christen verfolgt. In vielen Ländern leiden sie nicht nur darunter, das ihr Recht auf Freiheit der Religion nicht beachtet wird, sondern auch andere Rechte – Schutz vor willkürlicher Verhaftung, das Recht auf eine gerechte Behandlung, die Rechte der Frauen und Kinder und auf die Fürbitte für die verhafteten Glaubensgeschwister.
Gleichzeitige Verfolgung und Normalität
Paradoxerweise gibt es eine ganze Reihe von Ländern, in denen die Christen verfolgt werden, aber in denen sie auch frei nach ihrem Glauben leben können. Das ist oft damit zu erklären, dass es in einem solchen Land regionale Unterschiede gibt, so zum Beispiel bei dem Verhalten gegenüber den Christen in einer Stadt oder in abgeschlossenen Landgebieten. Oft hängt das Verhalten auch von der Einstellung bestimmter Beamten ab, und davon wie sie das Gesetz auslegen. So ist es zum Beispiel bei bestimmten Gerichtsverhandlungen in Ägypten
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einem Christen durchaus erlaubt, eine Zeugenaussage gegen einen Moslem zu machen, denn im Gesetz heißt es, dass in Ägypten alle Bürger vor dem Gesetz gleich sind, aber andere Gerichte lassen das nicht zu, denn im Gesetz heißt es auch, dass das islamische Recht die Grundlage aller Rechtssprechung bildet, und dass ein Christ nicht gegen einen Moslem aussagen dürfte.
Auch können wir feststellen, dass in einigen Ländern die christlichen Gemeinden frei wirken können, und dass dort sogar Gemeinden von im Lande lebenden ausländischen Gastarbeitern
geben darf, deren Gottesdienste aber von der einheimischen Bevölkerung nicht besucht werden dürfen.
Bei dem Lesen aller dieser Fakten begreifen wir, wie gut es uns selbst geht und wie wenig wir etwas über unsere Brüder und Schwestern wissen, die um unseres Herrn Christus willen leiden. Wir sollten über sie noch mehr wissen, für sie beten, ihnen auf jede Weise zu helfen versuchen, die uns möglich ist, und von ihrem Glauben und ihrem Mut etwas lernen. Svētdienas Rīts wird in diesem Jahr alles in seiner Macht stehende unternehmen, um bei uns diese Lücke zu schließen.

Eine Predigt über Johannes 2, 1-11 von Pfarrer Erberts Bikše
Hast du Wein?
Ich möchte aus unserem Bibeltext gerne einige Akzente hervorheben. Zunächst, dass der Einwand, dass das Christentum langweilig finster und bedrückend sei, völlig unberechtigt ist.
In der Stadt Kana fand in einem Hause eine Hochzeit statt. Wie wir alle wissen, ist eine Hochzeit ein frohes, heiteres und sogar ein lustiges Ereignis.
Jesus und seine Jünger waren bei dieser Hochzeit zu Gast, und dabei ist es sehr bezeichnend, dass Jesus ausgerechnet bei dieser Hochzeit sein erstes Wunder tat, was der Evangelist ganz besonders hervorhebt.
Sehr weise handelt jeder Bräutigam und jede Braut, wenn sie Jesus bitten, bei dieser Hochzeit der Erste, der höchste Gast hier und in ihrer Ehe und ihrer werdenden Familie zu sein. Wenn Jesus bei ihnen ist, dann fällt es uns nicht schwer, sicher voraus zu sagen, dass sie in ihrer Ehe, ihrer Familie den Segen dieses Wunders erleben werden.
Daher, liebe werdenden Eheleute, die ihr für eure Hochzeit die Gästeliste vorbereitet: schreibt dort bitte als ersten Namen Christus hinein. Nur er kann es garantieren, dass es in eurem gemeinsamen Leben Freude und Segen geben wird, die immer wieder neu und mehr werden. Ein hoffnungsvoller Anfang kann aber auch schnell verschwinden.
So geschah es auch bei der Hochzeit zu Kana, und das geschieht auch so in unserem Leben. Wenn alles erst beginnt, dann scheint es uns, dass der Wein unserer Lebensfreude, den wir uns doch unter großen Mühen beschafft haben, uns nie ausgehen wird. Wir meinen, dass wir alle die Fäden, welche unser glückliches Leben zusammenhalten, selbst in der Hand haben. Ist das wirklich so? Dabei erinnere ich mich an unzählige junge Paare, die sich bei der Trauung einander die Treue gelobt hatten. Wenn ich sie an ihrem Hochzeitstag gefragt hätte: Wie fühlt ihr euch? Dann hätte jeder von ihnen zweifellos gesagt: Der Kelch meiner Freude ist bis zum Rande voll, wir bleiben einander treu bis zum Ende unseres Lebens. Und dann vergeht die Zeit, und viele von ihnen entdecken, dass dieser Kelch der Liebe, der Treue, und der Freude merkwürdigerweise inzwischen leer geworden ist. Enttäuscht und die neuen Möglichkeiten nicht mehr erkennend schlägt jeder der Ehegatten seinen eigenen Weg ein. Aber das geschieht nicht nur in einer Ehe. Das geschieht während unseres ganzen Lebens – alles beginnt sehr hoffnungsvoll, aber bald entdeckt man die Mängel. Und gerade deshalb, weil es diesen Mangel gibt, ist es eine große Gnade, zu wissen, dass Jesus in unser Leben, in unser „Hochzeitshaus“ gekommen ist, um unsere Mängel in ewigen, nicht vergehenden Reichtum zu verwandeln.
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Nicht nur den eigenen Mangel, sondern auch den fehlenden Bedarf anderer bemerken.
Oft geschieht es, dass die vom viel versprechenden Glanz Geblendeten es gar nicht bemerken, dass sie auf einer Grenze balancieren, hinter der es zu einem tiefen Fall kommen kann bei allem dem, was wir Mangel nennen können. Ohne Christus und seine Gaben herrscht eigentlich ein hoffnungsloser Mangel, nur dass viele den noch nicht bemerken und sich dessen noch nicht bewusst sind. Es ist durchaus möglich, dass sich damals bei der Hochzeit zu Kana die Braut und der Bräutigam noch gar nicht bewusst waren, dass es an Wein fehlte, denn in ihren Kelchen hatten sie noch welchen. Und hier, wenn ich das so sagen darf, gibt es Menschen, die aufpassen, Menschen, die einen klaren Kopfbehalten haben, und die die Zeit kommen sehen, in der der Mangel an die Tür klopft. Menschen, die darauf hinweisen, dass alles sehr schnell zu Ende geht, wenn wir uns nur auf unsere eigene Kraft und Weisheit verlassen. Menschen, die uns darauf aufmerksam machen, dass der Wein unserer eigenen Kraft und Weisheit schnell versiegt. Menschen, die sich auch dafür einsetzen, dass der Mangel durch die Fülle des Segens abgelöst wird. Maria ist dafür ein gutes Vorbild. Sie ist es, die bemerkt, dass der Wein bald zu Ende geht. Maria ist es auch, die sich sofort für diejenigen einsetzt die den Mangel als erste zu spüren bekommen werden. Oder richtiger gesagt, bei denen sich der Mangel bereits eingestellt hat, ohne dass sie es merken.
Maria sagt nicht: Ich brauche Wein, so als ob sie ihn selbst brauchte. Sie sagt: „Sie haben keinen Wein.“ Wir entdecken Maria als einen Menschen, der für andere bittet, die Mangel haben – an Frieden, Freude und Segen. Wir könnten uns dabei selbst fragen: würde ich handeln wie Maria? Sagen wir, wenn wir ein Ehepaar sehen, bei dem die Liebe blüht, das Vertrauen leuchtet. Werde ich dann mich im Gebet an Christus wenden und Ihm sagen: Herr, sie haben keinen Wein – der Liebe, des Vertrauens, der Freude, erbarme du dich ihrer! Doch zur Fürbitte sind wir nicht nur für die Ehepaare aufgerufen, auch wenn sie der Fürbitte besonders bedürfen, denn die Ehe muss heute schwere Angriffe erleben.
Wir müssen auch für unsere Nächsten, unsere Freunde, Arbeitskollegen beten. Viele von ihnen erfahren einen großen Mangel an geistlichem Segen, ohne zu wissen, wie groß er ist.
Sage Christus einfach, was du brauchst, ohne dabei Bedingungen zu stellen.
Christus ist Gott und er hat es nicht nötig, dass du ihn belehrst, wie und wann er handeln soll.
Schaut auf Maria, wie sie das getan hatte. Sehr schlicht, aber nach meiner Meinung in einem großen Vertrauen sagt sie Jesus diese Worte: „Sie haben keinen Wein.“ Sie hatte ihre Bitte ausgesprochen und überließ danach alles andere Jesus. Und ganz klar und selbstverständlich hören sich auch ihr nächsten Worte an: „Was er euch sagt, das tut.“ Das heißt doch – alle eure Aufmerksamkeit müsst ihr jetzt Jesus, und nicht Maria oder einem anderen Menschen, sondern Christus zuwenden. Wenn ihr einen Mangel habt oder für einen anderen fürbittend eintreten möchtet, der Mangel leidet, dass sagt das einfach Christus und stellt ihm dabei keine Bedingungen, Genießt die befreiende Freude des Vertrauens. Und dann seid im Geiste auf Christus ausgerichtet, hört auf Ihn und gehorcht Ihm. Auf jeden Fall wird Er zu euch reden mit den in der Bibel aufgezeichneten Worten. Wenn Er zu euch spricht, dann hört auf Ihn. Jesus spricht mit so kraftvollen Worten, dass durch sie das Wasser in Wein verwandelt wird und sechs volle Gefäße bis zum Rande mit Wein gefüllt werden
Echte große Wunder geschehen gewöhnlich unauffällig
Gott braucht keine Show. Er hat es nicht nötig, zu beweisen, dass Er Gott ist. Er ist einfach Gott mit aller Herrlichkeit, die Ihn umgibt. Und Seine Herrlichkeit ist das Wunder aller Wunder. Jesus rief nicht alle Hochzeitsgäste zusammen, um ihnen den aus dem Wasser entstandenen Wein vorzuführen, obwohl Er das gekonnt hätte. Er ließ einige Diener die Steingefäße mit Wasser füllen, daraus schöpfen und das den Gästen bringen – und das war jetzt Wein. Alle wurden zu Empfängern dieses Wunders, und nicht alle stellten die Größe

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dieses Wunder in Frage, aber viele begriffen diese Größe auch nicht. Wenn der Weinstock heranwächst, dann saugt er meistens das Wasser von der Erde auf. Aus Wasser ist der Saft der
Rebe geworden. Ist das nicht schon ein Wunder? Nur haben wir uns sehr daran gewöhnt. Wenn es notwendig ist, vermag Jesus alles zu beschleunigen. Im nächsten Augenblick wird das Wasser zu Wein – und dazu noch in höchster Qualität und in großer Menge. Das ist eine gute Nachricht für alle, auch für die Trinker, doch den eigentlichen Inhalt dieser Nachricht können wir nur mit den Worten des Apostels Paulus aussprechen: „ Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude in dem Heiligen Geist.“ (Römer 14,17). Ich denke, dass wir das auch so sagen dürfen: unser wahrer Wein der Seele ist Christus selbst, denn „von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge.“ (Römer 11,36). Wenn durch Ihn alle Dinge sind, dann doch auch der Weinstock, dessen Segen seiner Frucht zur Zeit der Weinlese auch unser Herz erfreut. Amen

Etwas zum Schmunzeln:
Wie viele Christen werden von den verschiedenen Gemeinschaften benötigt, um eine Glühbirne auszuwechseln?

Von den Charismatikern: Einer. Er hat bereits seine Hände erhoben.

Von den Calvinisten: Keiner. Gott hat das vorher bestimmt, wann das Licht zu leuchten hat und wann nicht

Von den Christen der Pfingstgemeinde: Zehn, einer, um die Glühbirne auszuwechseln und neun, um zu beten, dass die Mächte der Finsternis weichen.

Von den Fernsehpredigern: Einer. Denn wenn die Botschaft des Lichtes fortgesetzt werden soll, dann schick deine Spende schon heute ab

Von den Atheisten: Zwei. Aber diese sitzen ohnehin in der Finsternis

Von den Anglikanern: Fünf. Einen, um die Glühbirne auszuwechseln und vier, um eine Vereinigung zu gründen zur Aufbewahrung alter Glühbirnen

Von den Katholiken: Zwei, einen Laien, der die Glühbirne auswechselt und einen Priester, der die neue Glühbirne weiht
.
Von den Orthodoxen: Keiner. Sie arbeiten nur mit Kerzen

Von den Baptisten: Keiner hat Zeit, ausgebrannte Glühbirnen auszuwechseln, sie müssen den Strom in mindestens 100 Neubauten einziehen

Von den Liberalen: Mindestens zehn. Denn zuerst müssen sie darüber diskutieren, ob es Glühbirnen überhaupt gibt. Aber auch wenn sie sich über die Existenz der Glühbirnen einigen könnten, würden sie sie nicht auswechseln, um nicht die Anhänger des Tageslichtes abzustoßen

Von den Kongregationalisten: die ganze Gemeinde, die darüber vorher abstimmen muss.

Von den Adventisten: Bei denen musst du das selbst tun, denn heute ist Samstag

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Von den Zeugen Jehovas: Einer, wenn man ihn hineinlässt. Zur Zeit klopft er an einer Tür

Von den Fundamentalisten: IN DER BIBEL STEHT NICHTS ÜBER GLÜHBIRNEN GESCHRIEBEN

Von den Agnostikern: Keiner. Sie bezweifeln sehr die Existenz von Glühbirnen.

Von den Evangelisten: Sie wechseln keine Glühbirnen aus. Sie lesen mit lauter Stimme die Gebrauchsanweisung vor und fordern die Glühbirne auf, selbst einen Beschluss über ihre Auswechslung zu fassen.

Von den Missionaren: Drei. Einer stellt einen Kostenvoranschlag auf darüber, wie viele Glühbirnen weltweit noch auszuwechseln sind, der andere sammelt die Spenden dafür ein und der dritte ruft eine Versammlung der ehrenamtlichen Glühbirnenauswechsler zusammen

Von den Mormonen: Fünf. Ein Mann, um die Glühbirne auszuwechseln, und vier seiner Ehefrauen, die darüber referieren, wie das richtig zu geschehen hat

Von den Episkopalen: Einer, der die Glühbirne auswechselt, und neun, die eine Kundgebung veranstalten und dabei eine Resolution herausbringen möchten in der sie sich für alte Glühbirnen einsetzen.

Von den Mystikern: Diese wissen gar nicht, dass eine Glühbirne ausgebrannt ist. Sie kommen nur bei Dunkelheit zusammen

Von den lutherischen Freikirchen: Keiner Die alte Glühbirne genügt völlig und braucht deshalb nicht ausgewechselt zu werden, nur um der Welt einen Gefallen zu tun

Von den lutherischen Landeskirchen. Eine ganze Synode. Einer schlägt die Herausgabe einer Gebrauchsanweisung für das Hereinschrauben von Glühbirnen vor, dem sich eine lange Diskussion anschließt, bis sich der ganze Raum im Kreise zu drehen beginnt.

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Mazā Pils iela 4 – Riga – LV 1050
E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 27.2.2012)
Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Auch ich möchte mich den guten Wünschen zum Wiedererscheinen des lettischen Kirchenblattes anschließen. Darum haben auch viele Leser meiner Übersetzungen mit ihren Spenden, die in Riga ein sehr dankbares Echo gefunden haben, sehr verdient gemacht. Die Zuwendungen der Hilfsaktion Martyrerkirche tragen auch viel zum Weiter Erscheinen von SR bei. Sie sind aber auch an die Bedingung gebunden, dass in der lettischen Kirchenzeitung
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auch laufend über die Märtyrerkirche berichtet wird. Das ist bereits in dieser Ausgabe geschehen, und ich habe es übernommen, auch diese Beiträge zu übersetzen, damit die Hilfsaktion Märtyrerkirche darüber informiert ist, was das lettische Kirchenblatt über diese
Arbeit berichtet.
Meine sehr verehrten Leserinnen und Leser werden es ohne Schwierigkeiten bemerkt haben, dass der Umfang dieser Ausgabe sehr stattlich geworden ist. Das ist vor allem dem Schwerpunktthema dieser Ausgabe – der Kirche von Lestene – zu verdanken, die, wie es den meisten geduldigen Leserinnen und ausdauernden Lesern meiner Übersetzungen sicher bekannt sein wird, den Zweiten Weltkrieg trotz der Kämpfe in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft unbeschadet überstanden hat, aber dann einige Jahre der Willkür der Plünderer zum Opfer gefallen ist, und dass es dem Mut von Imants Lancmanis und Jurgis Skulme zu verdanken ist, dass einiges von den Skulpturen der Innenausstattung gerettet und versteckt werden konnte. Breiten Raum nimmt in dieser Ausgabe die Schriftstellerin und Publizistin Mára Zálīte ein, die sich mit ihrer Begabung sehr für den Wiederaufbau dieser Kirche einsetzt, und die bei einer Feier der Stiftung zum Wiederaufbau der Kirche von Lestene eine sehr bewegende Rede gehalten hat, die ich meinen hoch verehrten Leserinnen und geduldigen Lesern nicht vorenthalten möchte.
Etwas befremdet hat mich allerdings in der letzten Zeit, dass die lettische Kirchenzeitung in den letzten Ausgaben offensichtlich auf Veranlassung der Kirchenleitung im Gegensatz zu den oben angedeuteten ausführlichen Artikeln mit Meldungen über den Wechsel im Bereich der kirchlichen Mitarbeiter sehr schweigsam gewesen ist. So habe ich es sehr bald mündlich erfahren, dass Bischof Dimants kurz vor Weihnachten aus persönlichen Gründen sein Bischofsamt niedergelegt hatte Im Vertrauen darauf, dass SR recht bald darüber berichten würde, habe ich diese Meldung mündlich verbreitet, und sitze immer noch da in der Erwartung, dass wir zu diesem Thema bald etwas zu lesen bekommen. Wenn persönliche Gründe diesen Rücktritt vom Bischofsamt ausgelöst haben sollten, dann brauchen diese wirklich nicht verbreitet zu werden, aber auf eine Nachricht bei einem Personalwechsel im Bischofsamt haben wir alle einen ebenso großen Anspruch, wie eine Kirchenzeitung die Pflicht hat, ihre Leser und die Glieder der Kirche, in deren Auftrag sie erscheint, über das Geschehen in der Kirche – wozu selbstverständlich der Personalwechsel bei den kirchenleitenden Ämtern gehört – zu informieren. Ich hoffe immer noch, dass wir bald dazu noch einige Imformationen bekommen. Mündlich habe ich ebenfalls vernommen, dass Pfarrer Jánis Ginters nicht mehr in der Neuen St. Gertrudgemeinde wirkt, sondern die Pfarrstelle von dem verunglückten Pfarrer Bercs in Auce übernommen hat. Bischof a.D. Dimants ist mit der Versehung der Pfarrstelle der Neuen St. Gertrudgemeinde in Riga beauftragt worden.
Mit guten Wünschen für die Fastenzeit und die Vorbereitung auf das Osterfest bin ich
in treuer Verbundenheit und mit herzlichen Grüßen
Ihr Johannes Baumann

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