Verfasst von: liefland | April 19, 2012

Ausgabe Nr 3 (1857) für den Monat April 2012.

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitschrift der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920

 Ausgabe Nr  3 (1857) für den Monat April 2012.

                         Botschaft zum Osterfest des Jahres 2012

       Janis Vanags, Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands

 

Christus ist auferstanden! Wenn wir uns mit diesen Worten gegenseitig grüßen, dann sagen wir damit: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“

 

Wie erlebe ich es, dass Jesus lebendig ist? Was für Empfindungen erweckt das in mir? Wenn wir einen Menschen haben, der uns sehr nahe steht, dann ist es für unsere Seelenruhe wohl gut, wenn wir wissen, dass er lebt. Doch wenn er uns wirklich teuer ist, dann genügt es damit nicht.  Wir möchten gerne wissen, wo er ist. Wir möchten wissen, was er macht und wie es ihm geht. Es ist wunderbar, wenn wir von ihm Briefe erhalten und sie ihm auch selbst beantworten können. Doch diese Beziehung erreicht erst dann ihre wirkliche Erfüllung, wenn der geliebte Mensch neben mir sitzt und wir den anderen an unserem Leben teilhaben lassen können. Dann wird die Tatsache, dass er lebt, in uns noch lebendiger.

 

Wenn wir den Ostergruß mit „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ beantworten, dann bekennen wir, dass wir mit unserem Heiland mindestens am Anfang unserer Beziehungen stehen. Wir wissen, dass Er nicht nur eine Figur einer Erzählung aus einer längst vergangenen Zeit ist, sondern dass er jetzt und in jedem Augenblick, den wir erleben, lebendig ist. Was können wir

darüber hinaus noch erfahren? Wo ist Er? Er ist aufgefahren in den Himmel und sitzt  zur rechten Hand Gottes des Vaters. Wie geht es Ihm? Alle Schmerzen, der Schatten des Kreuzes und die Schrecken des Todes sind zurück geblieben und dem Tod ist der Sieg entrissen worden. Mein Heiland lebt zusammen mit dem Vater und dem Heiligen Geist in einem ewigen Licht und einer seligen Harmonie. Jetzt und ewiglich gehört ihm die Fülle des Lebens.  Was tut Er dort? Er schaut uns an und sagt: „Sieh, Vater, das sind meine Gläubigen, Ich kenne sie und Ich rufe sie bei ihrem Namen. Ich habe sie am Kreuz losgekauft. Ich habe sie mit meiner Gerechtigkeit eingekleidet. Deshalb vertrete ich sie vor Dir: Vergib ihnen, nimm sie an und sende ihnen täglich den Beistand, den Heiligen Geist, auf dass Er sie im Glauben stärke und im heiligen Leben erhalte. Ich möchte sie in Dein Reich hineinführen, wenn Du mich wieder senden wirst, zu richten die Lebenden und die Toten.“ Es ist gut, dass wir wissen, was Der seinem Vater sagt, dessen Bitte der Vater nie zurückweisen wird. Es ist gut, darüber etwas auf den Seiten der Bibel lesen zu können, die ja der Brief ist, den er der ganzen Menschheit gesandt hat. Es ist auch gut, der Erfahrung gewiss zu sein dass mein Erlöser lebt.

 

Wie erlebe ich das in meinem von Kummer, Problemen und Arbeit gefüllten Alltag? Wie fühle ich mich dabei? Empfinde  ich die Vollkommenheit der Beziehungen, die mir die Gegenwart des Geliebten schenkt? Wie erlebe ich es, dass der Auferstandene in meinem Leben gegenwärtig ist?  Wir sollten an jedem Abend die Zeit  haben, um auf den verbrachten Tag zurück zu blicken. Wann gab es die Kraft, Licht und Leben spendenden Augenblicke, bei denen mich der lebendige Christus berührt hatte?  Ich möchte Ihm für sie danken und Ihn bitten, mir weitere zu schenken. Täglich können wir den Brief im Neuen Testament lesen, den Er uns gesandt hat. Und dabei den Herrn Jesus betrachten – wie Er ist, wie Seine Worte und Seine Werke sind und wie sein Herz ist. Wir können mit Jesus im Gebet sprechen. Wir können Ihm in den Sakramenten auf das Engste verbunden sein. Sucht Ihn, und ihr werdet die Gegenwart des auferweckten Christus täglich verspüren. Bittet, so wird euch gegeben, klopfet bei den Worten der Schrift an, und euch wird die Quelle der Kraft, der Hoffnung und des Trostes aufgetan. Denn Christus ist auferstanden! Er ist wirklich lebendig!     

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Jesus, den wir neu kennen lernen müssen.     Juris Rubenis

 

Die Evangelien berichten, dass Jesus nach seiner Auferstehung anders gewesen sei. Maria Magdalena hält ihn für einen Gärtner. Seine nächsten Jünger erkennen Jesus nicht wieder.

Sowohl diejenigen, die an Jesus glauben, als auch diejenigen, die Ihn bekämpfen, haben meistens von Ihm ihre eigene fertige Vorstellung darüber, wie Er ist, wo man Ihn suchen sollte und wie Er aussehen müsste.

Ostern stellt uns die ernste Frage: erkenne ich in meiner Welt Jesus wieder?

Habe ich bei seiner Suche nicht eine falsche Richtung eingeschlagen – erst gestern zum Grabe? Gehe ich nicht am Lebendigen vorbei? Halte ich Ihn nicht verschiedentlich für einen ganz anderen?  Vielleicht scheint vielen Menschen unsere heutige Welt so unheimlich und böse zu sein, dass wir die Fähigkeit verloren haben, darin Jesus zu erkennen?

Des öfteren behaupten Menschen sehr überzeugt von einer Erscheinung: Ich weiß, dass das von Gott kommt. Aber diese kann ganz sicher nicht von Gott kommen! Aber… wenn nun bei vielen Erscheinungen in unserer heutigen Welt , die so manchem bedrohlich,  unbegreiflich, verdächtig, vielleicht sogar gottlos erscheinen, (ja, ja, was die frommen Pharisäer auch von Jesus hehaupteten!) eigentlich Jesus mit uns reden möchte? In einer neuen Gestalt und mit einer anderen Stimme, aber doch derselbe Jesus !

Ostern sagt uns: Die alten Bilder helfen uns nicht weiter!

Sei darauf gefasst, dass Jesus ganz anders sein kann als du denkst und du Ihn dir vorgestellt hast.

Denn Er lebt und ist unter uns gegenwärtig. Jeden Tag. Bis an das Ende der Welt.

Wo bin ich Ihm schon heute begegnet? . 

 

Die Luther Akademie erhält die staatliche Anerkennung.   Sandra Gintere

Der 1. März wurde für das Leben der  ELKL  und deren Luther Akademie ein bedeutender Tag. Ein Traum wurde Wirklichkeit, den die Luther Akademie seit 14 Jahren, also seit dem Beginn ihres Bestehens im Jahr 1997 geträumt hatte – dass ihre Absolventen ihr akademisches Studium als staatlich anerkannte Bakkalaurei abschließen können.

Um dieses Ziel erreichen zu können, musste ein Weg zurückgelegt werden, der länger und beschwerlicher war, als wir uns das zu Beginn vorstellen konnten. Deshalb möchte ich voller Freude über das, was erreicht werden konnte, darauf zurückblicken, wie die LA  endlich zur lettischen und europäischen Anerkennung gekommen ist.

Die Hoffnung, dass die Absolventen der LA nicht nur ein kirchliches, sondern auch das staatlich anerkannte Diplom eines Bakkalaureus und damit eines akademischen Grades für einen Theologen erhalten könnten, hegte bereits die erste Leitung der LA: der Rektor Dr. Slenczka. Prorektor Guntis Kalme und Studienleiterin Sandra Gintere. Sie richteten ihre Arbeit ernsthaft darauf aus, stießen dabei aber auf verschiedene Schwierigkeiten. Eins der ernsthaftesten Probleme war die Forderung, dass mindestens 30 % des Lehrkörpers der Dozenten dieser Hochschule im Besitz des Doktorgrades sein sollten und auch 50 % aller Vorlesungen halten müssten.  Um dieses Ziel zu erreichen, begaben sich der Prorektor und die Studienleiterin zum Studium in die USA. Ihnen schloss sich auch Pfarrer Didzis Stilve an.

Der Standpunkt des Bildungsministeriums in dieser Angelegenheit hatte sich inzwischen verändert und die Bildungsgesetze wurden umformuliert, so dass sich die LA keine großen Hoffnungen machen konnte, diesen Forderungen gerecht zu werden. Es änderten sich auch die Beziehungen zwischen der ELKL und der LA , so dass die staatliche Anerkennung nicht mehr für wichtig und notwendig gehalten wurde. Nachdem sie in den USA 2005 den Doktorgrad erhalten hatten, kehrten Guntis Kalme und Sandra Gintere nach Lettland zurück, und der Gedanke, die staatliche Anerkennung als Hochschule für die werdenden Pfarrer und

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Kirchenmusiker zu erreichen, bekam neuen Aufwind. Dr. Sandra Gintere arbeitete in der Bildungskommission mit, und diese Kommission reichte dem Oberkirchenrat den Vorschlag ein, die staatliche Anerkennung der LA voranzubringen. Nach der Zustimmung des Oberkirchenrates  begann eine ernsthafte intensive Arbeit, deren Resultate wir uns jetzt nach sechs Jahren  in vollem Maße erfreuen können.   

Bei diesen Vorbereitungsarbeiten für die staatliche Anerkennung des Bakkalaureus Studiums der Luther Akademie war eine professionelle Leitung unbedingt notwendig. Der Erzbischof bat den akademischen Dekan des Concordia Seminars in Fort Vane in den USA  Dr. William Weinrich, dieses Amt zu übernehmen. Bei seinem Amtsantritt am 5. Februar 2007 beauftragte ihn die ELKL , die LA weiter zu entwickeln  und die staatliche Anerkennung aks Hochschule zu bewirken. Um dieses Ziel zu erreichen, mussten vier Voraussetzungen erfüllt werden: 1) Erhaltung und Vergrößerung der Zahl der Studenten, 2) Umarbeitung des Studienprogramms,  3) Erstellung des Materials für die staatliche Anerkennung, 4) Verstärkung des Lehrkörpers. Mit seiner über 30jährigen Erfahrung in der Leitung einer theologischen Hochschule war der Rektor zur Ausarbeitung dieser Unterlagen dringend notwendig. Doch sein väterlicher und seelsorgerlicher Umgang mit den Studenten der LA schuf dort eine Atmosphäre wahrer Gemeinschaft  und brüderlicher Liebe. Gegenüber vorher wuchs die Zahl der Studenten und Absolventen spürbar an. Der Rektor vermittelte ihnen nicht nur theologische Spitzfindigkeiten, sondern lehrte sie, ihre Kirche, deren reiche und tiefe Lehre zu lieben und ihr aus vollem Herzen zu dienen.        

Dennoch war jemand aus Lettland zur Abwicklung aller Fragen, welche die staatliche Anerkennung der LA betrafen, notwendig, der dafür die notwendigen Erfahrungen hatte. Als die Kirchenleitung vor der Wahl von Dr. Weinrich jemanden für das Amt des Rektors suchte, versuchte sie auch, einen Bewerber aus Lettland dafür zu gewinnen. Aber bei dem Auswahlverfahren erhielt Dr. Weinrich die Mehrheit der Stimmen, während die Pröpste für Dr. Gatis Līdums stimmten. So war es damals nur logisch, dass Dr. Weinrich ihn zum Prorektor berief. Trotzdem dass Dr. Līdums damals schon einen Dienstvertrag mit der Theologischen Fakultät der Universität Lettlands hatte und nebenbei auch eine gut gehende psychotherapeutische Praxis, gab er beides auf, um seiner Kirche dienen zu können. Als Expertin für die Methodik des Studiums wirkte auch Dr. Sandra Gintere bei dem Prozess der Anerkennung der Luther Akademie mit. Bei der Kirchenmusik wirkte Abteilungsleiter Vilis Kolms und Dozentin Ilze Sprance mit. Dem Team der Leitung der LA arbeitete Verwaltungsangestellter Mikus Dzenītis sehr sorgfältig und verantwortungsbewusst zu, so dass jetzt in wenigen Jahren mehr erreicht werden konnte als das, was wir in zehn Jahren  nicht vermochten. Im Sommer 2009 erhielten wir die Lizenzen für beide Studienzweige (am 28 Mai für die Theologie und am 10. August für die Kirchenmusik)

Doch wir mussten auch noch mehrere Erschütterungen erleben, durch die die LA fast aufhörte weiter zu bestehen. In der Kirchenleitung der ELKL kam der Gedanke auf, dass in der nächsten Zeit in der ELKL neue Pfarrer nicht mehr benötigt würden, denn in jedem Jahr würden nicht mehr als ein oder zwei neue Pfarrer benötigt. Deshalb sei es zu kostspielig, die Akademie weiter bestehen zu lassen usw. Am 16. Juni 2010 wurde in der Sitzung des Kapitels beschlossen in der theologischen  Abteilung keine weiteren Studenten aufzunehmen und den Haushalt der LA zu verringern. Der Rektor kehrte in die USA zurück, der Prorektor wurde arbeitslos und die Studienleiterin stand dicht vor ihrer Entlassung. Die einzigen, die nicht entlassen wurden, waren die Studenten, die in der LA bereits studierten und ihr Studienprogramm absolvieren wollten in der Hoffnung, dafür eines Tages auch den Grad eines Bakkalaureus der Theologie oder der Kirchenmusik erhalten zu können.

Anscheinend haben die Begeisterung und die Gebete der Studenten viel dazu beigetragen, dass die LA sich wieder wie der Phoenix aus der Asche erheben konnte. Im Herbst 2011

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setzte die LA ihren Betrieb in vollem Maß wieder fort, als Erzbischof Vanags bereit war, das Amt des Rektors der LA selbst zu übernehmen. Der neu gewählte Vorsitzende des Senats Dr. Didzis Stilve, die theologische Studienleiterin Dr. Sandra Gintere und der Direktor der Kirchenmusikabteilung Vilis Kolms haben sich vorgenommen, alles Notwendige zu tun, damit die LA ihr Ziel erreicht, dem wir vor zwei Jahren so nahe waren. Bei den europäischen Experten erhielt die LA eine äußerst positive Beurteilung. Auch die kirchenmusikalische Arbeit wurde in den europische Gremien hoch anerkannt. Doch aus technischen Gründen verzögert sich die lettische Anerkennung immer noch ein wenig. Trotzdem setzt die LA ihre Arbeit als eine in Lettland anerkannte und in Europa sehr gut beurteilte Hochschule fort mit ihren beiden Studienabteilungen Theologie und Kirchenmusik.

 

Die Einkehrstätte in Mazirbe.       Armands Klávs, Pfarrer

Was ist das?

Das ist eine Stätte der geistigen und körperlichen Entspnnung und Genesung für Pfarrer, kirchliche Mitarbeiter und auch für andere. Zuerst wurde sie mit der Absicht errichtet, für die Pfarrer und deren Familien zu sorgen. Dabei hat jeder Kreis, der hier beisammen ist,  Möglichkeiten zur eigenen Gestaltung: 1) Wir haben hier das Pfarrhaus und andere Wohnräume, 2)  die Kirche ist in unmittelbarer Nähe, 3) Bademöglichkeiten in der Nähe (vor allem die Ostsee). Das Kapitel hat sich für Mazirbe entschieden. Die Leiterin des Bauvorhabens war Helene Dekante. Drei weitere kleinere Familienäuser entstanden  mit der Hilfe der Pfarrvereine in Sachsen und Baden. Jedes dieser Häuser hat fünf Schlafmöglichkeiten mit allem Komfort wie Dusche, WC und Küche. Die Arbeiten an der Einrichtung des Pfarrhauses, bei dem der erste Stock und das Kellergeschoss weiter ausgebaut werden müssen,  gehen noch weiter. Soweit es die Kräfte und die Mittel zulassen, müssen wir die Gestaltung des Parks und der Grünanlagen noch fortsetzen. Die schöne Umgebung trägt viel dazu bei, dass man sich hier wohl fühlt. Auch Einkehrtage sind eine Methode, sich hier wohl zu fühlen. Einkehrtage sind eine Möglichkeit, in der Seele den Ruf Gottes zu vernehmen und das dort Vernommene im eigenen Alltag umzusetzen.

 

Wo befindet sich die Einkehrstätte?

Sie befindet sich im Norden Kurlands, 20 km von der Spitze von Kolka entfernt. Es ist ein stiller Ort außerhalb des Dorfes Mazirbe. Die Ostsee erreicht man zu Fuß in 20 Minuten.

Zur Sowjetzeit war dieses ein Sperrgebiet, in dem der Grenzschutz alles zu bestimmen hatte. Natürlich hat diese Geschichte auch ihre eigenen Spuren hinterlassen. Aber die Einkehrstätte befindet sich auch im Naturschutzgebiet Slītene, was auch bedeutet in einer unberührten Natur von wunderbarem Aussehen und einem sauberen Strand.

 

Was geschieht dort?

Dreimal täglich findet eine Andacht statt. An zwei Sonntagen im Monat kommt die dortige Kirchengemeinde zum Gottesdienst zusammen, zu dem jeder, der es möchte, herzlich eingeladen ist. (Im Sommer finden die Gottesdienste in der Kirche, im Winter im Pfarrhaus statt.) Für Pfarrer werden Einkehrtage veranstaltet, die sowohl in Gruppen als auch individuell gestaltet werden. Auch deren Formen sind unterschiedlich – individuelle Tage der Stille, in der Art von Seminaren, Einkehrtage für Ehepaare. Außerdem nutzt auch die Kirchengemeinde diese Räume gerne an Wochenenden für die Abschlußseminare ihrer Alpha Kurse, für Gebetsnächte u.a. Viele Gäste nutzen die Räume gerne einfach zur Erholung. Deshalb sind die Räume in der Sommersaison (Juli, August) sehr gefragt. Trotz der reichlich großen Aktivität und der Belastung wird sich immer für jemand ein Platz finden, der die Stille sucht, sich erholen oder mit anderen seine Gedanken neu ordnen und revidieren möchte.

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Was kostet das?

Wer schon einmal in ähnlichen  Stätten gewesen ist, der weiß, wie viel solche Einkehrtage zum Beispiel in England oder sagen wir in Deutschland kosten. Dieses Haus wirft keinen Gewinn ab, sondern wird von den Spenden seiner Förderer erhalten. Wir hoffen die finanzielle Seit so regeln zu können, dass sich die Einkehrstätte selbst tragen und weiter entwickeln  kann. Um das zu erreichen. Müssen wir noch vor allem weitere Räume einrichten Weiter benötigen wir noch mehr Leiter für die Einkehrtage mit Erfahrungen in dieser Arbeit. Um Einkehrtage für Pfarrer zu leiten, muss man nicht unbedingt selbst ein Pfarrer sein, sondern dafür die notwendigen seelsorgerlichen Voraussetzungen und Erfahrungen haben. Außer den Pfarrern gibt es auch noch andere Kreise, die diesen Dienst brauchen (Teenager, Ehepaare, Konfirmanden und andere). Das alles verlangt einen selbstlosen Einsatz, viel Zeit und eine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Anmeldungen zur Reservierung von Plätzen können per email an folgende Anschrift gerichtet werden:  ruta.vilde@gmail.com    oder telefonisch (00371) 26463803.

Auf Wiedersehen in Mazirbe!        

 

Zum 20 jährigen Bestehen des Christlichen Gymnasiums in Riga   Iveta Gaile

Uns, die wir das nationale Erwachen mit erlebt haben, ist das Geschehen des geistigen Erwachens in den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts noch in lebhafter Erinnerung, als wir alle noch in einem Rhythmus atmeten und fast in einem Rhythmus dachten und sie an Gott richteten, und dabei viele Werte unseres Lebens  wieder neu entdeckten. Einer dieser schönen und wichtigen Wertgegenstände war die 1. christliche Schule in Riga, die aus den Überbleibseln eines vollkommen zertrümmerten Gebäudes neu entstand und eine völlig andere Qualität gewann, die ihr Fundament in der Kraft des Glaubens an Christus hatte. Die Gründerin und erste Rektorin dieser Schule war Vera Volgemute, eine der strahlendsten christlichen Persönlichkeiten Lettlands, die mit ihrem weiblichen  Charme und ihrer Glaubenskraft die Schule zu Gottes Ehre und zum Wohl der Menschen erstellte und entwickelte.

Und nun feiert diese Schule ihren 20. Geburtstag! Diese Zeit ist ein Spiegelbild der ganzen Geschichte des Nationalen Erwachens Lettlands: aus einem kleinen Senfkorn wurde die 1. christliche Schule, und dann als schöner Baum das christliche Gymnasium in Riga, ein Baum der weiter wächst und seinem Lande viele Früchte bringt.

Das ganze Schuljahr 2011/2012 verbrachte die Lehrerschaft in der Atmosphäre dieses 20 jährigen Jubiläums: sie sammelte Unterlagen, nahm Kontakt zu den einstigen Mitarbeitern auf und benachrichtigte die ehemaligen Absolventen der Schule. Diese intensive Arbeit endete mit dem Projekt, dass alle Klassenräume ., die Lehrerzimmer und alle Flure der Schule zu einem Ausstellungsraum für die historischen Unterlagen verwandelt wurden..

Am 18. Februar versammelten sich in der Schule alle Freunde und lieben Menschen der Schule. Den Dankgottesdienst besuchten die Vorsitzende des Komitees für Sport und Bildung der Stadt Riga Eižēnija Aldermane, welche die herzlichsten Grüße des Vorsitzenden des Rates der Stadt Riga Nils Ušakovs überbrachte, die Vertreterin des Ministeriums für Bildung und Wissenschaft Spodra Austruma und andere Vertreter des Departements für Sport und Wissenschaft. Herzliche Glückwünsche sprachen auch Erzbischof Jánis Vanags und die Pfarrer Guntars Dimants und Ģirts Prámnieks sowie die Kollegen  Direktoren anderer Schulen aus und viele andere, die den Herzenswunsch hatten, zu kommen und an der gemeinsamen Freude am christlichen Gymnasium teil zu haben, das in Zeiten der Freude und des Leides immer bestrebt war, die Frohe Botschaft in die Herzen der Kinder einzupflanzen, damit diese ihr Leben prägte. Ganz besondere Freude erregte das Singen der einstigen

 

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Absolventin der Schule Marlena Dombrovska und das Spiel auf der Kokle der Meisterin Laima  Jansone.

Tränen der Wiedersehensfreude , Umarmungen, warme Worte –  das können  die Besucher ähnlicher Veranstaltungen ganz gewiss auch in anderen Schulen erleben. Und dennoch lag  dieses Mal hier etwas ganz besonderes in der Luft, was man nicht in Worte fassen, sondern nur in der Stille empfinden kann. Was ist dieses Besondere, was das Christliche Gymnasium im Vergleich mit anderen Schulen hervorhebt? Es ist die Atmosphäre der Offenheit des Herzens, die ungekünstelte Schlichtheit und des reinen Gewissens, der Wunsch, die Welt reiner, ehrlicher und besser zu machen. Das ist keinesfalls ein leichter Weg, der das tägliche Leben komplizierter machen kann. Er lässt uns auch nicht wegen unserer guten finanziellen Situation bequem werden, aber lässt uns alles geschäftliche Gebaren nüchtern beurteilen und uns für eine ehrliche Lösung entscheiden, gegen aufgenötigte politische Lügen protestieren…

Nicht alle Absolventen dieses Gymnasiums sind Christen, doch bestimmt merkt man ihnen eine wirkliche Ehrlichkeit an und einen nüchternen und verständnisvollen Blick auf die Gesellschaft, die Mitmenschen und unser Land. Alle – sowohl die einstigen als auch die gegenwärtigen Lehrer, Absolventen und die Gäste waren einmütig der Ansicht, dass christliche Bildung die Grundlage und bleibende Voraussetzubg ist für die mit Worten nicht auszudrückende geistliche Reinigung dieser Welt . Lassen wir alle lauten Worte schweigen und mit Dank  im Glauben und mit Liebe dem Heiligen Dreieinigen Gott die Ehre geben!  Ihm sei Lob und Preis in Ewigkeit!

 

Die bitterste Erfahrung           Linards Rozentals, Pfarrer der Luthergemeinde in Riga und

Seelsorger an der Universitätsklinik für Kinder, und Ilze Jozēna, Leiterein des Besuchskreises bei den Eltern der in der Klinik liegenden Kinder.

Der Tod eines Kindes gehört zu den schwersten und unbegreiflichsten Erfahrungen unserer Zeit und Kultur. In der Kinderklinik der Universität stehen Pfarrer Linards Rozentáls und dieLeiterin des Besuchskreises bei betroffenen Eltern Ilze Jozēna den Eltern seelsorgerlich bei

Unsere Kinder sind heute mehr als früher das Abbild unserer Zukunft, der Fortsetzung unseres eigenen Lebens. Wenn wir auf dieser Erde leben, die immer weiter voranschreitet, in der alles „aufwärts geht“, bedeutet der Verlust eines Kindes auch den Verlust dessen, was weiter geschehen, heranwachsen und sich entwickeln könnte. Deshalb lässt der Tod eines Kindes bei uns den Zweifel an unserer eigenen Zukunft, an unserer eigenen Identität und an unserem Glauben  aufkommen. Er stellt unsere Vorstellungen vom Leben und von dessen Sinn und alle unsere bisherigen Antworten auf die wesentlichen Fragen unseres Lebens auf den Kopf und lässt in uns eine gefährliche Leere entstehen. Wenn ein Kind stirbt, dann ist die Begegnung mit dem Tod so unausweichlich, grauenhaft, ungerecht und unbegreiflich, wie man sie sich kaum vorstellen kann.

Die Sinnlosigkeit des Todes eines Kindes und unsere Hilflosigkeit ihm gegenüber führt zu einem großen Zorn und zu Aggressionen, die sich an alle wendet, die von dem Tod des Kindes auch betroffen sind.. Und das ist auch normal. Wir müssen unserem Zorn freien Lauf lassen. Andere Empfindungen beschäftigen sich mit der eigenen Schuld an dem Tod dieses Kindes  Wenn das theologisch recht leicht sein mag, eine solche Schuld abzustreiten., so ist das keineswegs einfach. Oft sind Kindedr Unfallopfer und sterben dabei in Situationen, in denen die Eltern die Lage mindestens theoretisch hätten beeinflussen können.. Doch die Verantwortung und die Einflussmöglichkeiten der Eltern sind nicht grenzenlos. Oft haben Eltern das Empfinden, dass sie durch den Tod ihres Kindes für irgend etwas bestraft würden. Das kommt von unserer ursprünglichen Furcht vor einer höheren und unbegreiflichen Macht, die wir besonders in Krisenzeiten auf Gott übertragen, obwohl wir es mit unserem Verstand

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begriffen haben, dass Gott  keine unpersönliche und Angst machende strafende Kraft ist, die irgendwo im Himmel sitzt.

Wenn ein Kind tot geboren wird oder kurz nach der Geburt stirbt, dann schämen sich die Eltern dafür, dass sie nicht würdig seien, dass ihnen ein lebendiges und gesundes Kind geboren wird, und dass es deshalb gestorben sei, weil sie nicht fähig seien, gute Eltern zu sein. Dennoch ist die Tatsache, dass man mit Freude und Dank ein Kind erwartet und sich mit Geduld und Liebe um diesen neuen Gast kümmert, der bei uns eingetroffen ist, nicht das einzige Kennzeichen für eine gute Elternschaft, sondern auch, dass man dem Kind den Freiraum gibt, seine eigenen Wege zu gehen, wenn dafür die Zeit gekommen ist. Unsere Kinder sind doch unsere ganz besonderen Gäste, die sich bei uns eingestellt haben, die unsere Aufmerksamkeit gerne beanspruchen möchten, und das für eine kürzere oder längere Zeit. Dieses Bewusstsein, dass die Kinder unsere geliebten Gäste sind, kann uns frei machen von der Einbildung, dass wir dafür verantwortlich seien, in welche Richtung sie sich entwickeln oder nicht entwickeln und wie sie eines Tages ihr Leben gestalten. Denn wenn wir bemerken, dass unsere Kinder einen Weg einschlagen, der uns gar nicht gefällt, und wir sie dennoch diesen Weg gehen lassen (auch wenn dieser sie in das Unglück führt), machen wir uns oft den Vorwurf, etwas falsch gemacht zu haben. Doch unsere Kinder sind nicht unser Besitz. Deshalb müssen wir es lernen, sie eines Tages – früher oder später – loszulassen.

Die Trauer hat ihren Platz und bedeutet: wir dürfen uns gegen den Prozess des Trauerns und dagegen, dass wir unseren Gefühlen freien Lauf lassen, nicht wehren. Niemand kann von uns erwarten, dass wir nach dem Tode unseres Kindes sofort in der Lage wären, in den Alltag zurückzukehren. Gelegentlich merken wir, dass es Leute gibt, die sich anscheinend in ein Korsett eingeschnürt haben, um nach außen hin zu zeigen, dass alles in Ordnung sei. Dennoch lässt die „Hölle des Leidens“ einen nicht ohne weiteres los, ohne dass wir unsere Empfindungen nicht verarbeitet haben, und das heißt, dass der betroffene Vater oder die betroffene vor der Möglichkeit stehen, wegen ihrer unterdrückten Emotionen von einer Krankheit befallen zu werden. Oft suchen Menschen ihren Trost bei dem Alkohol, denn großes Leid stärkt das Verlangen sich zu betrinken, um dieses Leid zu vermindern. Wenn jemand seinem Leid nicht richtig zu begegnen vermag, dann fährt er damit fort, dieses Leid zu seinem Lebensinhalt zu machen, und in seinem Herzen und seiner Persönlichkeit gibt es keinen Platz mehr für die Arbeit, für andere Kinder und sonst einen anderen, nicht einmal für das eigene Leben.

Loslassen

Einen anderen oder sich selbst loszulassen gehört zu den schwersten Aufgaben unseres Lebens. Der Tod ist sehr schwer, und er wird es immer sein – auch dann, wenn wir es gelernt haben, mit ihm umzugehen wie mit einem Teil unseres eigenen Lebens, denn bei unserem Tod verlassen wir unser irdisches Leben. Wie ein Kind den Leib seiner Mutter verlässt, um dorthin nie wieder zurückzukehren, so ist es auch bei dem Tod: wir verlassen das Leben, um dorthin nie wieder zurückzukehren. Das ist das Paradoxe an der Geburt und am Tod – du verlässt etwas, um ihm danach noch viel näher zu sein. Bei der Geburt löst du die Verbindung deines Lebens mit dem Leben  eines anderen Menschen, in dessen Körper deine eigene Entwicklung begann und du die ersten Monate vor deiner Geburt verbrachtest. Durch den Tod verlässt du das Leben nach deiner Geburt, mit der deine Weiterentwicklung begonnen hat. Außerdem kann man ein Leben nie nach seiner Länge beurteilen. Viel mehr als die Länge eines Lebens sagen dessen Höhen und Tiefen etwas aus. Einige Kinder, die nur sehr kurz (oder sogar nur sehr, sehr kurz) gelebt haben, können im Blick auf ihr Leben sehr weise und tiefgründig gewesen sein. Es kann geschehen, dass ein ganz kleines Kind zu dem großen Lehrer in deinem Leben werden kann… Auch ein kleines Kind kann sterben als eine große

 

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Seele, als ein Mensch, der auf dieser Erde herangewachsen ist, als Vollendeter, der sich bis zu seinem letzten Atemzug weiterentwickelt hat.       

Die Zeit zwischen dem Tod und einem neuen Anfang kann oft sehr lang sein. Wenn wir nach dem Schock, den der Tod eines  nahe stehenden Menschen immer verursacht, wieder zu uns gekommen, und uns bewusst geworden sind, dass sich etwas in unserem Leben und unserem Empfinden unwiederbringlich verändert hat, beginnt wieder der Alltag, der sich uns wie ein durchlöchertes Gemälde darstellt. Die Zeit, die wir dafür brauchen, uns wirklich davon zu überzeugen, dass das Leben weiter geht, und wir es ohne das gestorbene Kind weiterführen müssen, die Zeit, in der wir unser Leben neu planen und neu leben, von unserer Vergangenheit Abschied nehmen und die Änderungen als Tatsachen hinnehmen müssen, nennen wir Zeit der Trauer. Dabei geht es nicht um Tage, Monate oder Jahre. Meistens ist diese Zeit kürzer als uns das „Gemälde mit Löchern“ weismachen möchte. Ein Weg zwischen dem Tod und dem neuen Anfang kann oft sehr lang sein . Doch es ist wichtig, dass uns dieser Weg und andere Wege nicht zu Wegen eines Märtyriums und einer schweren Last werden, sondern zu Wegen des Segens. Dass wir am Ende dieses Weges sagen können: danke, dass ich diesen Weg habe gehen dürfen, denn es war ein Weg der Heilung. Die Trauer verwandelt eine verstörte, verwundete Seele, die sich nicht mehr erheben möchte. Ohne den Weg der Trauer kann die Seele nicht genesen. Die Trauer ist ein Teil des Lebens. Eigentlich setzen wir unsere Trauer während der ganzen Zeit unseres Lebens fort. Die Trauer um den Verlust eines lieben Menschen mag nicht mehr weh tun, von diesen Schmerzen mögen wir geheilt sein, doch wir können sie nicht vergessen.

Weshalb, Gott?

Eine sehr kurze Frage, auf die es nur eine sehr, sehr lange Antwort gibt, wenn man sie auch wirklich eine Antwort nennen möchte. Auf die Frage, weshalb mein Kind gestorben ist, weshalb es Krebs hatte, weshalb das gerade mit ihm geschehen ist, gibt es keine zufrieden stellende Antwort. Vielleicht gibt es irgend eine Antwort, die mich für einen Augenblick beruhigt, doch dann begreifen wir, wie sehr sie aus Allgemeinplätzen besteht und eigentlich nichts anderes ist als ein Beruhigungsmittel, das den Schmerz vielleicht einen Augenblick lindert. Wir können sorgfältig mit allgemeinen Redensarten irgend eine Erklärung finden und sagen. dass die Schmerzen, das Leid und der Tod ungerecht sind und dass es nicht möglich ist, sie in letzter Konsequenz zu beantworten. Jede Antwort, die den Anspruch erhebt, eine Antwort zu sein, beantwortet, erklärt und erläutert  eigentlich überhaupt nichts. Und eigentlich erwarten wir auch gar keine richtige Erklärung, sondern möchten das Echo auf unseren Ausruf „Weshalb, Gott“ hören. Und dann kann der Augenblick kommen, in dem wir begreifen, dass wir eigentlich gar keine Antwort hören möchten, weil uns alle Antworten zynisch erscheinen würden, weil sie versuchen, bei einer sinnlosen Sache einen Sinn zu finden, und dass jeder Heilungsversuch bei einer Wunde diese Wunde nur noch weiter aufreißt. Ein Sinn kann sich allenfalls eröffnen, wenn die Frage „Weshalb, Gott?“ zum „Wozu, Gott?“ oder „Wohin, Gott gerade jetzt?“ aufwächst.

Ein geistlich orientierter Mensch wird durch den Schmerz in eine weitere Not versetzt. Man kann diese Not mit dem Verlust der geistlichen Vorstellung bezeichnen. Jeder von uns hat sich eine Vorstellung über sein eigenes Leben gemacht. Diese Vorstellungen haben etwas mit dem Glauben zu tun, dass Gott diese Welt regiert und in Ordnung hält. Doch diese Vorstellungen brechen zusammen, wenn wir es mit etwas zu tun bekommen, was wir nicht erwartet haben, was unser geistliches Sicherheitssystem einstürzen lässt. Es ist vergeblich, in solchen Augenblicken dem Sturm und den Flammen zu trotzen, die doch vorbei gehen, wenn Gott es will. Statt dessen sollten wir versuchen, die leise Stimme zu vernehmen. Die anfängt, dich anzureden, wenn alles vorbei ist. Diese leise Stimme ist neben dir und begleitet dich.

 

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Was können wir tun?  Vielleicht der Welt vergeben, dass sie von der Vollkommenheit so weit entfernt ist? Gott vergeben, dass Er diese Welt noch nicht so weit entwickelt hat, dass es in ihr keine Krankheiten, kein Leid und keinen Tod gibt? Wenden wir uns unseren Mitmenschen zu, die uns gleich sind und setzen wir unser Leben in Liebe fort, ohne das alles zu beachten. Anstelle der endlos langen Fragen (ein Leben lang) sollten wir fragen, wozu das alles geschieht, und dabei klären, was mit uns geschieht und was wir uns nun zu tun anschicken, wenn das alles geschehen ist. Eine große Frage hat nicht immer eine große Antwort zur Folge, sondern viele weitere  Fragen.  Sind wir fähig, Menschen zu lieben, die nicht vollkommen sind und die uns verletzt haben, die uns nicht verstehen, die uns verlassen haben,  und auch diese Welt, außer der wir keine andere haben? Können wir Gott verzeihen und Ihn lieben, auf dessen Erde es Misserfolge, Fehler, Unvollkommenheiten, Krankheiten und Unbarmherzigkeit gibt, und das akzeptieren, was davon uns widerfährt?

Ganz bestimmt ist Gott nicht der, der alles Gute und Böse gerecht verteilt. Gott schickt uns nicht das Leid und die Krankheiten als Strafe für unseren Ungehorsam.. Aber dann, wenn sie uns heimsuchen, dann steht Er uns zur Seite, wir können mit Ihm reden und Er redet mit uns. Vielleicht gehen unsere Wünsche in eine völlig andere Richtung. Vielleicht erhoffen wir uns ein Wunder, das uns berauscht und alles auf den Kopf stellt, was um uns herum geschieht. In einem Augenblick kann die Welt, die du dir selbst zurechtgebaut hast, in Stücke zerfallen. Doch wenn du bereit bist, die Scherben zusammenzukehren und wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen, dann kann sich die neue Welt sogar als widerstandsfähiger erweisen als die alte. Genau so ist es mit dem Glauben. Durch Leid und Not können wir den Glauben leicht verlieren. Vielleicht ist es sogar so – in dieser Lage ist es sogar unmöglich, den Glauben nicht zu verlieren. Doch wenn du bereit bist, die Scherben deines „ersten“ Glaubens zusammenzufegen und zusammenzufügen, dann wird dein „zweiter“ Glaube stärker sein als der „erste“. Es ist etwas neues entstanden, das sich sehr von dem Gebäude des nicht mehr vorhandenen Glaubens unterscheidet.

Es gibt Dinge, die niemand beeinflussen oder ändern kann. Wir können sie nur allmählich als Tatsache und als einen Teil unseres Lebens akzeptieren, und es langsam zulassen, dass sich die Frage „Weshalb, Gott?“  zur Frage „Was soll ich jetzt tun, da das nun geschehen ist?“ verwandelt. Wenn das geschehen ist, können wir das Licht am Ende des Tunnels erblicken. Gott lässt uns still werden, dem anderen die Hand geben, unsere Not ausweinen, denn es gibt keine andere Möglichkeit den Schmerz zu überwinden als nur die, dass wir dem Schmerz den freien Lauf lassen. Hier helfen keine Trostpflaster. Gott kann Seine Sonne nicht plötzlich leuchten lassen, aber er kann uns viele Menschen senden, die uns zu Regenschirmen werden. Kein Sturm ist endlos und kein Regen währt ewig.

Gestorbene Kinder haben ihr kurzes, doch sehr bedeutendes Lebenswerk vollendet. Ihr Werk war, dass sie durch die wenigen Tage oder Wochen  ihres Lebens uns verändert und entfaltet haben, und dass die wenigen Wochen, Monate oder Jahre ihres Lebens so viel vermocht haben, wie es das ein langes Leben von vielen Jahren nicht vermag. Denn wenn ein Kind nicht mehr die Gelegenheit hat, äußerlich zu wachsen, dann wachsen sie innerlich und werden auf die Weise zu den Menschen, zu denen sie Gott berufen hat. Die Stimme ihres Lebens war leise und zart, doch denjenigen, die sie vernommen haben, machten sie Mut, sie mit den Stimmen von Engeln zu vergleichen, die sie auf ihrem Weg durch die Wüste begleiteten.

Bei dem Leid und bei einem Verlust  helfen Erklärungen nicht viel, und eigentlich gibt es dafür auch keine. Das einzige, was wir haben, das ist die Möglichkeit, mit anderen Menschen zusammen zu sein, sie einfach neben uns zu haben, sie zu spüren, ihnen zuzuhören. Nicht ihre tröstenden Worte zu hören. Nicht um von ihnen irgendwelche Schmerzmittel zu bekommen, sondern sie als Menschen  an der Seite zu haben.

 

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Was mache ich mit anderen Trauernden?

 Wenn in einer nahe stehenden Familie Trauer herrscht, und ganz besonders  wenn diese durch den Tod eines Kindes verursacht wurde, dann löst der Tod eines Kindes immer auch die Frage aus „Was sollen wir tun?“

Der Tod eines Kindes weckt in unseren Gefühlen das Empfinden, von einer riesigen Woge überrollt zu werden, die mit gewaltiger Kraft alles vernichtet, was sich ihr in den Weg stellt.. Ebenso wie sich solche Wogen in der Natur immerfort wiederholen, so wiederholen sich auch die Wogen des Schmerzes.  Die Krise beginnt mit einem Schock, der von wenigen Minuten bis zu 72 Stunden dauern kann. Danach kommt die Weigerung, die Realität zu akzeptieren und der Vorsatz, sie abzulehnen, der Zorn, die Suche nach einem Schuldigen, die Trauer und die Depression,

Vom Rande aus betrachtet schafft ein Schock einen falschen Eindruck, denn der Betroffene kann anscheinend sein Leben und das, was ihm widerfahren ist, gut bewältigen. Natürlich kann der Betroffene behaupten, dass mit ihm alles in Ordnung sei, aber wir, die wir ihn begleiten, müssen uns bewusst sein, dass mit ihm NICHTS in Ordnung ist.  Der Betroffene ist sich seines großen Verlustes noch gar nicht bewusst geworden, auch wenn er ständig versichert: „Bei mir ist alles in Ordnung!“

Sofort nach dem Tode des Kindes sind die Freunde und Angehörigen zur Stelle, um mit der betroffenen Familie zusammen zu sein. Hier muss man den Trauernden  Raum geben, doch man sollte in ihrer Nähe sein. Wenn das die Eltern akzeptieren, dann sollte man sie umarmen, denn körperliche Berührung gibt auch ohne Worte ein Gefühl von Sicherheit. Bei der Trauer fühlt man sich eingesperrt, außerordentlich einsam. Man hat das Empfinden, zu Eis erstarrt zu sein. Die körperliche Gegenwart oder die Umarmung eines Anderen hilft und stellt den Kontakt mit der Umwelt wieder her. Wenn es in der Familie auch noch andere Kinder gibt, dann ist es wichtig, dass sie von ihrer Familie nicht isoliert werden, sondern die Angehörigen und die Freunde sollten dazu beitragen, dass sich die Kinder nicht  allein fühlen. Wichtig ist es, dass man dabei die Familie nicht auseinander reißt, sondern zusammen hält.

Oft fragen Freunde der trauernden Eltern, ob sie ihnen Beruhigungsmittel anbieten dürften. Dabei gibt es verschiedene Ansichten, doch das Wichtigste dabei ist, den Gesundheitszustand der Trauernden zu erfassen. Wenn jemand keine gesundheitlichen Probleme hat, dann braucht er auch keine Medikamente, denn diese werden ihn nicht von seinen seelischen  Schmerzen befreien und machen den Tod des Kindes nicht ungeschehen. Die Trauer hat einen sehr hohen Stellenwert, und auf seinem Weg zur Beruhigung können Beruhigungsmittel den Schmerz leicht „einkonservieren“

Soll man Hilfe suchen und wann sollte man das tun? Wo man den Trost in der Trauer sucht, das ist eine sehr persönliche Entscheidung. Die einen finden Hilfe bei einem Familienberater, die andern bei dem Besuch eines Pfarrers oder in einem Kreis der Kirchengemeinde.

Jeder findet die Antwort auf sein „Weshalb?“ auf  die für ihn angemessene Weise.

Dennoch ist es deutlich, dass, wenn euer trauender Freund oder Angehöriger (oder vielleicht sogar ihr selbst) einen großen Teil der Zeit auf dem Friedhof verbringt, wenn ihr nicht euer eigenes Leben lebt, sondern das Leben des Verstorbenen, und dabei eure anderen Kinder und euren Ehegatten vergesst, wenn der Trauernde eine längere Zeit dem Alkohol verfällt und nicht in der Lage ist, zur Arbeit zurückzukehren, wenn er krank wird und nicht genesen kann, dann braucht er unbedingt und dringend Hilfe.         

 

 

 

 

 

 

SR 3-2012                                               – 11 –

 

Chefredakteurin: Inga Reča

 

Anschrift der Redaktion:  Mazá Pils iela 4 – Riga LV-

                                         

                                         Telefon (00371) 67224911

                                          Email:  svetdienasrits@lelb.lv

                                          Internet:  http://www.svetdienasrits.lv

(Im Internet findet man auch deutsche und englische Texte, sowie  Übersetzungen von Johannes Baumann)

 

Übersetzung: Johannes Baumann,  Brucknerstr. 24.- 27711 Osterholz-Scharmbeck

 

Telefon: 04791-13356

Email:  baumann-ohz@arcor.de

 

Etwas zum Entspannen_

 

Der falsche Weg

Aus einer Predigt eines jungen Pfarrers: „Und immer, wenn ich einen Betrunkenen aus dem Dorfkrug heraustorkeln sehe, dann sage ich ihm: Du bist auf dem falschen Wege! Kehre um!“

 

Einmütigkeit

Ein Ehepaar kommt zum Rabbiner und teilt ihm mit, dass es sich scheiden lassen möchte.

Der Rabbiner wendet sich zuerst an die Frau und fragt sie: „Möchtest du dich von deinem Mann scheiden lassen?“

„Ja, Rabbi,“ antwortet ihm die Frau

Darauf fragt der Rabbiner den Mann: „Möchtest du dich von deiner Frau scheiden lassen?“

„Ja, Rabbi,“ antwortet ihm der Mann.

Darauf wendet sich der Rabbiner an beide: „Dem entnehme ich, dass Ihr beide eines Sinnes seid. So gehet heim und führt Euer Leben weiterhin zusammen im Frieden.“

 

Nachwort des Übersetzers

In ihrem Vorwort weist Inga Reča wieder auf die wesentlichen Beiträge dieser Ausgabe hin. Sie hat über dieses Vorwort die Überschrift gesetzt „Der Beginn einer sehr langen Reise.“ Damit meint sie die lange  Reise, die der menschliche Verstand antreten muss, bis er dem Herzen in Jesus Christus  begegnet. Damit meint sie gewiss nicht die wenigen Zentimeter des Abstandes zwischen dem Kopf und dem Herzen, sondern die Reise, die der Mensch unternimmt, bis sich sein Verstand mit seinem Herzen in Jesus Christus trifft. In diesem Vorwort nimmt den meisten Raum ein Interview ein, das sie mit Arnis Mednis geführt hatte, einem hoch begabten Musiker. Von diesem Interview sagt sie, dass es das aufregendste Interview gewesen sei, das sie in ihrem Arbeitsleben als Journalistin geführt hätte, weil es sie geistlich jauchzen ließ, ihr aber menschlich Angst machte. Jauchzen darüber, dass ein wunderbar begabter Mensch Gott begegnet ist. Angst machte ihr das, dass sie am Beispiel von Arnis Mednis entdeckte, wie unvernünftig wir alle leben und uns dessen nicht bewusst sind, dass uns das Leben geschenkt ist mit seinen zarten verletzbaren Lebenslinien, und das in uns den Wunsch wach werden lässt, alles noch einmal wiederholen zu können, was natürlich nicht möglich ist.  Ich war versucht, dieses lange Interview auch zu übersetzen, habe es aber dann doch nicht getan, weil daraus noch einige weitere Seiten entstanden wären. Stattdessen habe

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ich den Beitrag von Linards Rozentals übersetzt, der sich mit dem Tod von Kindern nach der Geburt und mit den Todgeburten auseinandersetzt.

So habe ich in dieser Ausgabe die Schwerpunkte Ostern und Auferstehung, Meditation und Einkehr und Umgang mit dem Tod von Kindern entdeckt. Trotz der 12 Seiten dieser Übersetzung habe ich auf die Übersetzung eines Beitrages von Erzbischof Vanags über den Sinn und die Bedeutung von Einkehrtagen und ein längeres Interview mit einem Fernsehprediger aus den USA und einer sehr guten Predigt von Rinalds Grants, dem Pfarrer der Alten St Gertrudgemeinde in Riga auch zu meinem Leidwesen verzichtet, um die grenzenlose Geduld meiner hoch verehrten Leserschaft nicht gar zu sehr zu strapazieren.   Da ich in meinem Nachwort bereits auf einige Gedanken hingewisen habe, die Inga Reča in ihrer Spalte der Chefredakteurin angesprochen hat, habe ich  gedacht. dass ich dieses Mal auf die Übersetzung dieser Seite auch verzichten könnte.

Obwohl es dieses Mal nicht in dem Kirchenblatt steht, möchte ich am Schluss darauf hinweisen, dass Juris Rubenis, der sehr bekannte Pfarrer der Luthergemeinde in Riga die Kirchenleitung daeum gebeten hat, ihn von den Pflichten eines Gemeindepfarrers zu befreien. Er ist in der Lutherkirche nach meiner Kenntnis am 10. April mit einem Gottesdienst verabschiedet worden.

Ganz zum Schluss möchte ich meinen aufmerksamen Leserinnen und nachsichtigen Lesern einen gesegneten Sonntag Miserikordias Domini, den wir auch den Sonntag vom Guten Hirten nennen, wünschen. Bevor ich dieses Nachwort zu Ende gebracht habe, hatte ich die Aufgabe, eine Predigt über den Guten Hirten von Aivars Gusevs, Pfarrer in Sloka, zu übersetzen, die in einem Partnerschaftsgottesdienst im Kirchenkreis Cuxhaven/Land Hadeln vorgelesen wird. Ich finde diesen Austausch von Predigten für die Partnerschaftsbeziehungen zweier Gemeinden sehr belebend und nachahmenswert, und empfehle diese Praxis auch anderen Gemeinden für ihre Partnerschaftsbeziehung zu einer Kirchengemeinde in Lettland. So wird am Sonntag des Guten Hirten hier in der Wingst im Lande Hadeln die übersetzte Predigt des Pfarrers von Sloka und in Sloka die übersetzte Predigt der hiesigen Partnergemeinde vorgelesen. Neben allem anderen bei einer Partnerschaft finde ich es auch sehr gut, dass die eine Partnergemeinde die Art der Predigt in der anderen Partnergemeinde kennen lernt.

 

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Johannes Baumann

 

 

 

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