Verfasst von: liefland | Juni 28, 2012

Ausgabe Nr 5 (1859) für den Monat Juni 2012.

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitschrift der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920
Ausgabe Nr 5 (1859) für den Monat Juni 2012.

Spalte der Chefredakteurin von Svētdienas Rīts Inga Reča
Das lutherische Johannisfest
Auf dem Umschlagblatt dieser Ausgabe ist unser Erzbischof in der Amtstracht eines Geistlichen und mit einem Johanniskranz auf seinem Kopf zu sehen. Es mag sein, dass dieser Anblick den einen oder anderen die Stirn runzeln oder mindestens ein Fragezeichen anfügen lässt. Aber dieses Fest, dass man sehr häufig für das lettischste aller lettischen Feste hält, kann man sehr unterschiedlich begehen. Haben Sie schon etwas von der Gilde der Bier- und Weinträger in Riga gehört, in die im 15. Jahrhundert alle Nonnen der Frauenklöster und viel später der Erzbischof von Riga eingetreten sind? Ist der Johannistag wirklich ein heidnisches Fest? Auf diese Frage versucht in dieser Ausgabe Pfarrer Ivo Pavlovičs eine Antwort zu finden.
Herzliche Glückwünsche auch unserem Freund und Übersetzer von SR in die deutsche Sprache Johannes Baumann (auf dessen Geburtsurkunde die lettische Version dieses Vornamens Jánis zu lesen ist), der im Mai das Zeichen der Anerkennung unserer Kirche „Schild des Vertrauens“ für seinen langjährigen selbstlosen und von Liebe bestimmten Dienst an unserer lutherischen Kirche erhalten hat.
Doch wer sind die Lutheraner? Was ist die lutherische Kirche?
Völlige Klarheit werden Sie darüber gewinnen, wenn Sie das vervollständigte Konkordienbuch lesen, das soeben von der Stiftung „Lutherisches Erbe“ in lettischer Sprache herausgegeben worden ist. Ebenso wie der Johannistag sind verschiedene Mythen in die lettische Folklore eingegangen, auch dass zum Beispiel „Martin Luther eines Tages die Bibel aufgeschlagen hätte und im Römerbrief auf die Phrase „der Gerechte wird aus dem Glauben leben“ gestoßen sei. Danach sei er aufgestanden und aus der katholischen Kirche ausgetreten, um dann seine eigene – neue und richtige – Kirche zu gründen. Im übrigen wären die Lutheraner diejenigen, die keine Psalmen sängen und auch nicht beichteten und fasteten,“ schreibt der Erzbischof. Dabei ist es wohl völlig überflüssig, zu sagen, dass das doch sehr törichte Ansichten sind.
Vor Kurzem war ein ganz besonderer Gast in Lettland – der Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes Martin Junge. Der einstige Pfarrer aus Chile hat jetzt dieses leitende Amt im Lutherischen Weltbund, der 70 Millionen Menschen aus 79 Ländern des Welt umfasst. In dem Interview, das wir in dieser Ausgabe veröffentlichen, sagte er: „Sogar in einer sehr säkularisierten Gesellschaft festigt sich das Verständnis dafür, dass wir der Erforschung der geistlichen Dimension besondere Aufmerksamkeit schenken sollten. Das nötigt uns, neue Möglichkeiten der Kommunikation und neue Wege zu suchen.“
Unsere Entscheidung dafür, wie wir den Johannistag feiern möchten, wird es deutlich machen, ob dabei Gott in unserer Mitte ist oder nicht.

Rigaer Domchor in Bremen Evija Lediņa
Am Morgen des 2. Mai begann sich der Rigaer Flughafen mit wohlklingenden Stimmen zu füllen. Dort versammelten sich der Rigaer Domchor unter der Leitung von Guntars Pránis und in der Begleitung des Dirigenten Krišjánis Kárkliņš, der Organistin Larisa Bulava und des Pfarrers Sandis Ratnieks, um sich zu Gast zu den deutschen Freunden in unserer Partnerstadt Bremen zu begeben.
Auf dem Flughafen in Hamburg erwartete uns der Bremer Domkantor Tobias Gravenhorst.

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Uns etwas ermüdete Reisende trennten vom Herzen der Stadt Bremen, wo der Dom zu Bremen steht, noch etwa 100 Kilometer. Dort wurden wir von den Pfarrern und Mitarbeitern des Domes erwartet. In diesem Augenblick war alle Müdigkeit verflogen, denn Bremen hieß uns mit einem wahrhaft sommerlichen Wetter willkommen.
Unser Konzert „Te Deum laudamus“, das am 3. Mai im Bremer St. Petri Dom stattfand, war sehr gut besucht. Es erklangen Werke lettischer und auch anderer Komponisten. Den Höhepunkt bildete das gemeinsam mit dem Bremer Domchor musizierte Te Deum in deutscher Sprache von Rihards Dubra.
Eine der schönsten Begebenheiten bescherte uns die Möglichkeit, Bremen vom Turm des Domes aus zu betrachten. Die Freundschaft mit dem Bremer Domchor begann im Mai 2009, als in Bremen der 32. Deutsche Evangelische Kirchentag stattfand, an dem der Rigaer Domchor und Dekan Elijs Godiņš teilnahmen. Diese Zusammenarbeit wurde durch ein wunderbares Konzert des Bremer Domchores im Dom zu Riga im Herbst des Jahres 2010 gekrönt. Einen herzlichen Dank der Bremer Domgemeinde für ihre finanzielle Hilfe, die das Zustandekommen dieser Reise ermöglicht hat.

Dank an einen Freund der Kirche Lettlands
Am Sonntag, dem 20. Mai, überreichte Erzbischof J. Vanags die Auszeichnung „Schild des Vertrauens“ dem großen Freund der Kirche Lettlands Johannes Baumann.
„Von allen „Schildern des Vertrauens“, die ich überreicht habe, ist der heutige Anlass ein ganz besonderer,“ sagte der Erzbischof im Gottesdienst, der auch durch das Lettische Fernsehen übertragen wurde. „Denn es ist schwer, diesen langjährigen, selbstlosen und liebevollen Einsatz für die Kirche Lettlands zu beschreiben, den Johannes Baumann für die Kirche Lettlands geleistet hat.“
Johannes Baumann wird durch sein Interesse für alles geprägt, was in Lettland geschieht, durch seinen selbstlosen Wunsch zu helfen und seine Liebe zu vielen Menschen im ganzen Lande. Das Verzeichnis der Leistungen und die Schilderung ihres Umfanges, durch die er unserer Kirche geholfen hat, ist sehr lang. Sie beginnt schon in der Sowjetzeit mit dem Kauf von Autos für Pfarrer, wird durch die Sendereihe in Latvijas Radio über die Kantaten Johann Sebastian Bachs fortgesetzt, die sieben Jahre lang Sonntag für Sonntag über den Äther ging und ist mit den nunmehr 23 Jahre dauernden Übersetzungen unseres Kirchenblattes „Svētdienas Rīts“ keineswegs zu Ende. Dank dieses Einsatzes erfahren das ganze Europa und sogar auch unsere uns so nahen estnischen Nachbarn, was bei uns in der Kirche Lettlands geschieht. In Deutschland ist Johannes Baumann nicht nur der wichtigste Sachkundige in den Angelegenheiten Lettlands und Gesprächsführer zwischen den Kirchen, sondern auch der erste Lehrer, der in den Partnergemeinden in Deutschland mit Lettischkursen begonnen hatte.
Die Liebe zu seiner lettischen Heimat, in der Johannes Baumann (oder nach der Schreibweise in seiner Geburtsurkunde Jánis Baumanis) 1925 geboren ist, die aber seine Eltern und Verwandten 1939 verlassen mussten, pflegt er weiter dadurch, dass er unserer Kirche hilft, und seine vielen Freunde besucht.
In Deutschland hat Johannes Baumann viele Jahre an der St Michaeliskirche in Hildesheim als Kirchenmusikdirektor gewirkt. Seit 57 Jahren hat er zusammen mit seiner Frau Maria 5 Kinder groß gezogen und erfreut sich heute an 15 Enkelkindern. Als Herr Baumann einmal gefragt wurde, weshalb er Lettland so viel helfen würde, antwortete er: „Während meines ganzen Lebens habe ich sehr viele Wunder erleben dürfrn! Womit habe ich diese eigentlich verdient? Durch nichts! Auf irgendeine Weise möchte ich Gott Dank sagen. Ich denke, dass ich das auch damit tun kann, dass ich auf die eine oder andere Weise Lettland helfe.“

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Besonders bewegend war die Verleihung des „Schildes des Vertrauens“ in der Alten St. Gertrudkirche in Riga auch deshalb, weil diese Johannes Baumanns Heimatkirche ist – hier war seine Mutter Organistin, hier wurden seine Eltern getraut und hier wurde Johannes getauft, hier hat er zum ersten Mal in seinem Leben an der Orgel gesessen, deren Spiel später zu dem Beruf seines Lebens wurde.

Altar der Kirche in Burtnieki restauriert
Am 27. Mai, am Samstag vor Pfingsten, wurde in einem Festgottesdienst der restaurierte Altar der Kirche in Burtnieki geweiht. Am Gottesdienst nahmen Erzbischof J. Vanags, der Propst der Propstei Valmiera Arnis Bušs und Pfarrer Aldis Kalcenavs teil. Die Restauration wurde von einem Kreis von Restauratoren unter der Leitung von Aida Podiņa durchgeführt.
Nun kann der Altar wieder in seiner ursprünglichen Pracht betrachtet werden

Harijs Grigols zur Ruhe in Gottes Frieden abberufen
Am 10. Mai wurde Pfarrer Harijs Grigols im Alter von 43 Jahren zur ewigen Ruhe heimgerufen.
Harijs Grigols wurde am 10. März 1969 in Riga geboren. Sein Leben als Schüler begann 1976 in der 48. Mittelschule in Riga. Nach der Beendigung der 8. Klasse trat er in das 9. Technische Gymnasium in Riga ein mit der Absicht, eines Tages Monteur technischer Einrichtungen zu werden. Nach seinem Schulabschluss wurde er bei „Alpha“ in diesem Beruf angestellt.
1988 wurde er in der Kirche von Sloka von Pfarrer Aivars Beimanis getauft und 1989 konfirmiert. Omula und Aivars Beimanis waren seine Paten.
1989 wurde er sich seiner Berufung bewusst und begann das Studium am Theologischen Seminar der ELKL. Ab 1989 wurde er mit dem Halten von Gottesdiensten in den Kirchen von Sala. Sloka, Dobele, der Jesuskirche in Riga, Pļaviņas, Asare, Alūksne, Umurga, Burtnieki, Matīši, Skulte, Ēvele, Lielvárde und Tērvete vertretungsweise beauftragt.
1990 wurde Harijs zur Betreuung der Kirchengemeinden Gulbene, Lubána und Leja berufen. Am 8. Juli 1990 ordinierte ihn Erzbischof Kárlis Gailītis zum Hilfspfarrer. 1991 gründete er die Kirchengemeinde Jaungulbene.
1997 heiratete Harijs Mára Saulīte. Der Familie wurden die Töchter Paula Elizabete und Henriete Jete geboren.
Von Juni 1997 an war er Pfarrer der Martin Luther Kirche in Saldus, in Lutriņi, Blīdene, Kursīši und Grīvaiši. Ab 2000 wurde er mit dem Pfarrdienst in Piņķi beauftragt und ab 2004 auch mit der Pfarrstelle in Sala
Im Frühjahr 2004 schloss Harijs sein Theologiestudium in der Luther Akademie ab, und am 14.August 2004 überreichte ihm Erzbischof Vanags das Kreuz als Amtszeichen eines Pfarrers mit allen Rechten.
Die letzten zwei Jahre seines Lebens diente er als beurlaubter Pfarrer vertretungsweise in verschiedenen Kirchengemeinden.
Harijs Liebe galt den Orgeln, mit denen er sich auch während seiner Freizeit viel beschäftigte. An der Restaurierung verschiedener Orgeln in Lettland war er mit beteiligt – darunter der St. Johanniskirche in Piņķi. Harijs war ein begeisterter Leser von Büchern und wurde auch zu einem Sachverständigen bei Gartenarbeiten.

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Meldungen aus den Kirchengemeinden

Bischof Einars Alpe visitierte vom 20. bis zum 22. April die lutherische Kirchengemeinde Lívani. Dabei besuchte er das Haus des Landkreises, traf sich mit Vertretern der Kirchengemeinde und besuchte auch das Krankenhaus, das Gymnasium und die Bibliothek von Līvani, wo ihm auch die hier aufbewahrten historischen Unterlagen der Kirchengemeinde gezeigt wurden.

Die Kirchengemeinde Jaunjelgava gedachte ihres 55 jährigen Bestehens. Den Festgottesdienst hielten Bischof Einars Alpe und Pfarrer Ģirts Grietiņš

Am 7. Mai fand in Krustpils der Pfarrkonvent der Diözese Daugavpils statt. Dabei wurden die Themen „40 Tage nach das Auferstehung Jesu Christi“ und „Die Gaben des Heiligen Geistes an die lutherische, katholische, orthodoxe Kirche und an die Charismatiker“ beraten. Die einleitenden Referate zur Aussprache hielt der Theologieprofessor Charles Evansons aus Litauen.

Am 27. Mai feierte man im Gramzda das 445 jährige Gedächtnis des Bestehens des Gotteshauses. Den Gottesdienst innerhalb dieser Kirchenmauern hielten Bischof Pávils Brūvers und Pfarrer Raitis Šēners. Nach dem Gottesdienst gratulierte die ganze Gemeinde ihrem Gemeindeleiter Vaclovijs Kardagis zu seinem 60. Geburtstag.

Am 10. Juni wird des 140 jährigen Bestehens der Gotteshauses von Lubána und des 165 jährigen Bestehens der Kirchengemeinde Lubána gedacht werden. Den Gottesdienst werden Erzbischof Janis Vanags und Pfarrer Guntis Želvis halten. Am geselligen Nachmittag wird die Lehrerin am Gymnasium von Lubána Aija Andersone einen Vortrag über die Geschichte der Kirchengemeinde und des Gotteshauses halten und der Erzbischof wird ein Referat über „Der Glaube und die Kirche“ halten. Es wird musikalische Beiträge geben und für die leibliche Stärkung ist auch gesorgt.

Am 1.Juli findet unter der Losung „Empor die Herzen!“ das Fest zum 445 jährigen Bestehen der Kirche vom Talsi statt, bei dem viele begabte Menschen der Kirchengemeinde Talsi besonders geehrt werden sollen – Künstler, Dichter und Musikgruppen und Chöre, mit denen diese Kirchengemeinde besonders reich gesegnet ist. Wenn alles gelingt, werden darüber hinaus davor und danach im Gemeindehaus auch mehrere Ausstellungen stattfinden. Am 1. Juli werden viele jugendliche Lobpreisgruppen viel dazu beitragen die Herzen der Gemeinde mit Liedern der Gegenwart empor zu reißen. Im Gottesdienst wirken viele Chöre mit klassischer und heutiger Chormusik mit. Nach dem Gottesdienst gibt es einen wohl schmeckenden Eintopf, und der Tag klingt aus mit einem geistlichen Konzert des Kirchenchores „Amenda“ der St. Katharinengemeinde in Talsi.

Das Konkordienbuch ist in lettischer Sprache erschienen. Juris Uļgis
Am 30. April fand im Saal des Oberkirchenrates der ELKL das Fest Präsentation der lettischen Ausgabe des Konkordienbuches statt. Der Verfasser dieser Zeilen leitete die Veranstaltung mit der Feststellung ein, dass erst etwa 420 Jahre vergehen mussten, bis der Leser in Lettland das Konkordienbuch in seiner Muttersprache zu lesen bekam.
Auch Erzbischof Vanags richtete an die Anwesenden ein Grußwort, in dem er auf die historische Herkunft des Konkordienbuches und dessen Aktualität heute hinwies.

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Mit einem Referat „Ein Baum am Ufer eines Flusses – das Glaubensbekenntnis im Leben eines Christen“ trat der Dozent der Luther Akademie Guntis Kalme auf. Den Schwerpunkt seines Referates war die Bedeutung des Glaubensbekenntnisses im Leben eines Christen, oder anders ausgedrückt: auf welche unterschiedliche Weise macht uns das Glaubensbekenntnis zu Jüngern Christi. Es lässt uns zum Beispiel die „Unseren“ von den „Anderen“ unterscheiden und nährt uns geistlich und entwickelt uns weiter. Das Glaubensbekenntnis ist die Zusammenfassung der Heiligen Schrift. Deshalb kann man es ebenso wie auch die Heilige Schrift niemals einfach durchlesen und beiseite legen. Zu den Glaubensbekenntnissen müssen wir immer wieder zurückkehren, sie immer wieder durchlesen und weiter bedenken.
Das Fest der Präsentation beschloss Pfarrer Aleksandrs Bite mit seinem Referat „Das Konkordienbuch – ein Buch der Einmütigkeit gestern heute und morgen“, in dem er die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf zwei einmalige lutherische Phänomene richtete, die nie so beachtet worden sind, wie es ihnen eigentlich zugekommen wäre. Erstens waren die Lehren der Lutherischen Kirche, zu denen auch ihre Glaubensbekenntnisse gehören, die nicht zu verändernde Grundlage für die offizielle Lehre der lutherischen Kirche seit fast 450 Jahren.
Zweitens hat es, seit es die lutherische Kirche mit dem Konkordienbuch gibt, innerhalb der lutherischen Kirche keine sektietrerischen Abweichungen mehr gegeben, die zu religiösen Neugestaltungen geführt hätten Diese Stabilität sowohl bei der Kontinuität der Lehre als auch bei der Sicherheit der Lehre kann keine andere Konfession oder Richtung selbst bei einem viel kürzeren historischen Bestehen nachweisen.
Nach diesen Referaten sangen wir fröhlich die Hymne unserer Kirche „Ein feste Burg ist unser Gott“. Und dann gab es Kaffee, Piroggen und Gespräche…
Wir legen dieses Buch in die Hände unserer Leser und hoffen sehr, dass sich mit der Hilfe des Konkordienbuches die Eintracht sowohl innerhalb unserer Kirche als auch in der Beziehung zu anderen Konfessionen immer tiefer und weiter entwickelt. Denn das Konkordienbuch ist nicht für die Spaltung bestimmt, sondern für die Eintracht in dem Bestreben, alle Völker der Erde zu Jüngern Jesu zu machen dadurch, dass wir sie lehren und taufen.

Was ist das Konkordienbuch und was ist es nicht. Erzbischof Janis Vanags
Ich bin Lutheraner. Aber was bedeutet das? Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, in der die Lutheraner die Frage nach ihrer konfessionellen Identität hauptsächlich mit der Hilfe von Vermutungen, äußeren Kennzeichen und Traditionen zu beantworten versuchten, aber wenn es um eine inhaltliche Begründung ging, sich viele sehr unsicher waren. Die lutherischen Bekenntnisschriften waren in ihrem vollen Umfang noch nicht in die lettische Sprache übersetzt. Einige Teile davon konnte man in sehr alten Ausgaben oder im Samizdat (Samizdat nannte man die während der Zeit des sowjetischen Besatzungsregimes illegal erschienenen Bücher, von denen einige fotokopiert oder mit der Schreibmaschine abgeschrieben waren und dann von Hand zu Hand weiterwanderten. Jeder Besitzer einer solchen Schrift musste mit einer harten Strafe rechnen.), doch das waren schwer zu bekommende Raritäten. Sie wurden nur wenig verbreitet, denn man wollte sich nicht unbedingt den Verfolgern ausliefern. Trotzdem war das auch eine Zeit, in der die Gläubigen mit großem Mut ihr Gemeindeleben weiter führten und ihr eigenes Leben unter Gottes Schutz stellten. Bei dem Suchen nach einer konfessionellen Identität gab es vieles Unklare. Was ist die lutherische Kirche und was lehrt sie? Da gibt es in der Folklore so manche Mythen darüber, etwa der Art, dass Martin Luther eines Tages seine Bibel aufgeschlagen hätte und dort auf die Stelle im Römerbrief gestoßen wäre „der Gerechte wird seines Glaubens leben“.

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Darauf wäre er aufgestanden und aus der katholischen Kirche ausgetreten, um dann seine eigene neue und richtige Kirche zu gründen. Lutheraner wären diejenigen, die keine Psalmen sängen, nicht beichteten und fasteten
Vielleicht gab es für diese groteske lutherische Folklore auch konkrete Anlässe bis zum Erscheinen der ersten Auflage des Konkordienbuches im Jahr 2001, doch sie sagt nicht die Wahrheit über unsere Kirche aus. Sie raubt der lutherischen Identität ihre Tiefe und ihren Adel., indem sie die Reformation ein Abgleiten in Äußerliches und in das Sektierertum vorhält. Eine solche Folklore sollten wir jetzt vergessen, da das Konkordienbuch seine zweite überarbeitete und erweiterte Auflage erlebt. Wir haben jetzt den Zugang zur Urquelle, bei der wir die Absichten und Ziele der Reformation deutlich erkennen. Dort erkennen wir den Vorsatz, die klare Lehre der Heiligen Schrift wieder an das Licht zu bringen und das Wort Gottes nicht zu verdunkeln dadurch, dass wir zu den alten katholischen Wurzeln zurückkehren, um der Kirche ihre apostolische Gestalt zurückzugeben. Sogar das Wort Reformation weist auf die Erneuerung der Form die manche Entstellungen erfahren musste. In Konkordienbuch können wir die Antwort der Lutheraner auf die Fragen nach den Glaubensartikeln finden, zu denen die Kirche steht und mit denen sie fällt. In ihm können wir nicht ernsthafte Sorgen übersehen im Blick auf die Einmütigkeit der Kirche in der Wahrheit des Evangeliums. Ohne das Konkordienbuch zu kennen, kann man auch nicht wissen, was Luthertum bedeutet.
Die lutherischen Bekenntnisschriften als Zeugnis der Gesamtkirche.
Bei der Betrachtung der Entstehung des Konkordienbuches wenden wir unsere Aufmerksamkeit ganz besonders dessen Verfassern und den Ereignissen der damaligen Zeit zu. Aber dennoch ist der Prozess des Beschließens und der Unterzeichnung nicht weniger wichtig. Nicht jede Auslegung der Bibel ist ein Glaubensbekenntnis, selbst wenn sie auf Luther oder Melanchton zurückgeht. Ein Bekenntnis ist keine individuelle Angelegenheit. Es ist ein Akt der Einmütigkeit, in dem das Wort Gottes nicht durch ein Individuum, sondern von der Kirche durch die ihr anvertraute Verkündigung und Verantwortung der Lehre gepredigt wird. Melanchton war irrtümlicher Weise der Ansicht, dass er „sein“ Augsburger Bekenntnis verbessern dürfte. Dieses gehörte ihm nicht mehr, sondern es war das Bekenntnis der Kirche. Es wäre ebenso ein Fehler, wenn man versuchen wollte, die Bekenntnisschriften mit anderen Ergänzungen aufzufüllen, selbst wenn das Zitate von Worten Luthers oder von Bibelversen wären.. Wenn diese nicht im Konkordienbuch stehen, kann es dafür einen wichtigen Grund geben. Die ganze Schrift ist nicht von der ganzen Kirche zu trennen. Manches Mal stellt man sich die Frage, weshalb man diese Bekenntnisschrift Konkordienbuch (Buch der Eintmütigkeit) genannt hat, das doch in einer Zeit großer Zwietracht entstanden ist und auch noch heute Anlaß zu Meinungsverschiedenheiten bietet. Doch dieser Name erscheint uns nicht merkwürdig, wenn wir uns daran erinnern, dass es die Absicht dieses Buches ist, die Auslegung der Heiligen Schrift mit den Vätern und Brüdern in Übereinstimmung zu bringen.
Die Übereinstimmung mit den Vätern der inzwischen 15 Jahrhunderte alten Kirche geben die vielen Zitate aus den Schriften der Kirchenväter Zeugnis. Der Ausgabe des Jahres 1580 ist ein Catalogus Testimoniorum oder ein Katalog der Zeugen beigefügt mit Zeugnissen der Heiligen Schrift und der Kirchenväter. Dieser Katalog der Zeugen ist auch in dieser lettischen Übersetzung des Konkordienbuches enthalten. Die Reformatoren stellen natürlich die Schriften der Kirchenväter nicht der Heiligen Schrift gleich, sondern mit ihren eigenen Aussagen. Mit der gleichen Absicht sind die drei ökumenischen Glaubensbekenntnisse im Konkordienbuch enthalten. Die Autorität des Konkordienbuches steht gleich hinter der Autorität der Heiligen Schrift. Im lateinischen Text wird dieses Bekenntnia als katholisch (allgemein, allumfassend) von allerhöchster Autorität bezeichnet. Das wird über die

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reformatorischen Bekenntnisschriften nicht gesagt, nicht weil sie weniger wahr wären, sondern weil die altkirchlichen Bekenntnisse in der ganzen weltweiten Kirche gelten. Sie werden am höchsten geschätzt, weil sie die größte Einmütigkeit ausdrückt.. Eigentlich hält sich das Konkordienbuch nicht für eine lutherische Bekenntnisschrift oder für die lutherische Lehre. Wenn wir das ernst nehmen, was diese lutherischen Bekenntnisschriften beanspruchen, dann ist hier von der „einen heiligen katholischen und apostolischen Kirche“ die Rede. Damit begreifen wir auch die Worte des schwedischen Erzbischofs Nathan Söderblom, die er in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts über seine schwedische Kirche gesagt hatte: „Die katholische Kirche in Schweden sind wir.“
Die Übereinstimmung mit den Brüdern oder mit der Kirche der damaligen Zeit geht zuerst aus der Formel im Augsburgischen Bekenntnis „Unsere Kirchen lehren in großer Einmütigkeit“ (lateinisch) oder „Zuerst wird einmütig beachtet und gelehrt“ (deutsch) eindeutig hervor. Auch die Konkordienformel beginnt mit den Worten „Wir glauben, lehren und bekennen“. Aber ganz deutlich und konkret wurde das durch die Art der Beschlussfassung und Unterzeichnung damals offenbar. Die Konkordienformel wurde nicht nur von Theologen, sondern auch von den Landesfürsten, den Stadtoberhäuptern unterzeichnet und dabei auf eine Ebene gerückt, die weit über die Grenzen einer einzelnen Kirche hinausging. Der Teil mit den zahlreichen Unterschriften im Konkordienbuch gehört zu den wichtigsten Teilen dieses Buches. Wenn wir diesen durchlesen, dann ziehen vor unserem geistigen Auge die Länder und Völker vorbei, die sich diesem gemeinsamen Zeugnis angeschlossen hatten. Auch in der Präambel der Verfassung unserer Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands bekennen wir, dass wir das Konkordienbuch für die richtige Auslegung der Bibel halten. Wenn wir uns zu unserer Verfassung bekennen, dann „stellen wir uns in das Glied unserer Väter und Brüder“. Die ELKL fügt ihre Stimme in den Chor aller ein, die zu allen Zeiten und an allen Orten sich zu der katholischen und apostolischen Kirche bekannt haben. Deshalb ist das Konkordienbuch ein Mittel, das die Kirche Lettlands aus den Status irgendeiner Minorität und aus iher Isolation heraus hebt und bekennt, dass wir ein Teil der weltweiten Kirche Christi sind.

Wir sind im Werk Gottes vereint
In diesem Frühjahr wurde Lettland von einem ganz besonderen Gast besucht, der die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands den Atem der weiten Welt spüren ließ. „Die Kirchen in aller Welt haben sich durch ihre so unterschiedlichen Erfahrungen so weiterentwickelt, dass wir, wenn wir uns an einem Tisch zum Gespräch hinsetzen, einen unglaublich reichen Segen erfahren,“ sagte Martin Junge, der Generalsekretär des Lutherischen Weltbundes. Er ist das Oberhaupt einer Organisation, in der 70 Millionen Menschen aus 79 Ländern der Welt miteinander vereinigt sind.
Das Gepräch mit ihm führte Kristīna Soloha.

– Welches sind Ihre Eindrücke bei dem Besuch der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands?
– Ich bin für die Möglichkeit sehr dankbar, die ELKL kennen zu lernen und mehr von ihr zu erfahren. Wunderbar erschien mir die Zukunftsvision dieser Kirche im Blick auf ihre weitere Entwicklung, ihr geistliches Wachstum, ihren diakonischen Einsatz mit dem Dienst am Nächsten sowie mit der besonderen Betonung des heutigen missionarischen Einsatzes. Mir ist es wichtig, die heutigen ernsthaften Anforderungen an die Gesellschaft kennen zu lernen, die sich natürlich auch auf die Kirche auswirken müssen, zum Beispiel, dass die Kirche die großen Auswanderungsbewegung in andere Länder auch schmerzhaft zu spüren bekommt. Ich

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bin darüber sehr erfreut, dass die ELKL sowohl mit ihren ökumenischen Partnern als auch mit den staatlichen Institutionen enge Kontakte pflegt
– Gibt es in Lettland etwas, was Sie überrascht hat?
– Es hat mich überrascht, zu sehen, wie einige Kirchen bei der Erstellung eines gemeinsamen Planes für den Religionsunterricht in Schulen zusammen arbeiten. In anderen Ländern habe ich das noch nicht sehr oft erlebt. Das ist etwas ganz besonderes.
Ich denke dass es für jeden Menschen notwendig ist, Grundkenntnisse bei den Fragen des Glaubens und der Religion zu haben. Zur Zeit stehen in der Welt religiöse Themen bei den Diskussionen und der Fortentwicklung der Gesellschaft oben an. Ich weiß, dass viele Länder, die noch vor Kurzem verschiedene kirchliche Ausbildungsinstitutionen schließen ließen, jetzt erwägen, diesen Schritt rückgängig zu machen. Jeder soll selbst entscheiden, in welcher Weise er sich an der Verbreitung des Glaubens mit beteiligen möchte, doch ein Grundverständnis über geistliche Dinge und darüber, dass der Mensch ein Wesen mit einer geistlichen Dimension ist, muss es geben. Sogar in einer sehr verweltlichten Gesellschaft festigt sich die Einsicht, dass man die Erforschung der geistlichen Dimension ganz besonders beachten sollte.
Säkularisationsprozesse sind für die Kirchen eine Herausforderung. Sie nötigen uns, neue Mittel der Kommunikation zu suchen, neue Wege, am Geschehen in der Gesellschaft Anteil zu nehmen und Antworten auf die aktuellen Fragen der Menschheit zu finden. Ich habe bemerkt, dass selbst in einer sehr stark säkularisierten Gesellschaft eine tiefe Sehnsucht nach geistlicher Nahrung und geistlichen Wahrheiten besteht. Deshalb sollten wir bei der Abweisung von Menschen sehr vorsichtig sein, die sich dafür entschieden hatten, nicht mehr am kirchlichen Leben aktiv teilzunehmen. Vielleicht müssen wir uns auch selbst fragen, wie es dazu kommen konnte? Und was wir selbst dazu tun könnten, dass diese Menschen zu uns zurückkehren? Was kann die Kirche ihnen anbieten?
– Was kann die Kirche da tun?
– Nach meinem Empfinden ist in diesem Zusammenhang ein Bericht aus der Bibel sehr wichtig. Das ist der Bericht über die Emmausjünger, denen sich der auferstandene Herr auf ihrem Heimweg aus Jerusalem nach dem Geschehen der Kreuzigung anschließt. Mich selbst überrascht es dabei immer wieder, dass der Heiland das nicht mit einer fertigen Predigt oder einer Belehrung tut, sondern mit einer Frage: was ist das, worüber ihr miteinander redet? Ich bin mir ganz sicher, dass eine solche Kirche, die bereit ist, sich das aufmerksam anzuhören, was die Welt redet, viel fähiger sein wird, danach die Herausforderungen zu bestehen und die Fragen zu beantworten, welche die Menschen beschäftigen. Ich meine, dass die Kirche, welche ihre Fähigkeit zuzuhören und am Gespräch teilzunehmen natürlich auf die Wahrheit des Evangeliums stützt, eine Kirche ist, die große Möglichkeiten hat. Mich hat alles sehr angesprochen, was ich im Jugendzentrum der ELKL gesehen habe. Dort werden neue liturgische Wege und Möglichkeiten der Anbetung eingeschlagen, welche den Jugendlichen die Möglichkeit geben, sich daran zu beteiligen, dabei neue Musikinstrumente zu benutzen und die Schauspielkunst mit einzubeziehen. Was ich dabei gesehen habe, hat mich begeistert.
– Somit sind nach Ihrer Meinung Neuerungen eine gute Sache?
– Ich glaube, dass sie gut sind. Ich denke, dass die Kirche immer wieder in die Situation geraten wird, in der sie das Gleichgewicht zwischen der geistlichen Stärkung ihrer Väter und Mütter, welche die Kirche über lange Jahre am Leben gehalten haben, und neuen Wegen, auf denen sie junge Menschen erreicht, finden muss. Das ist auch die deutliche Botschaft der Reformation, dass sich die Kirche ständig in einem Prozess der Veränderungen befindet, der in den Statistiken nicht vorgesehen ist

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Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Menschen der älteren Generation, die ihre Kirche mit einer großen Liebe und einem tiefen Glauben mittragen, sich eigentlich erleichtert fühlen, wenn junge Menschen den Dienst in ihren Gemeinden übernehmen. Mir sind viele Zeugnisse aus den Gemeinden zu Ohren gekommen, dass es der älteren Generation einerseits schwer gefallen sei, neue Weisen des Lobpreises mit Gitarren und vielem anderen zu akzeptieren, aber dass sie andererseits auch begriffen hätten, dass die Kirche – Gott sei dafür Dank – auch eine Zukunft hat! Sie haben die Freude, dass das, was ihnen in der Kirche wichtig war, auch heute der jungen Generation wichtig ist. Hierbei gibt es viele gute Anzeichen und viel Segen! Die Zeiten ändern sich und für die junge Generation ist es wichtig, dass sie begreift, dass ihre Sprache auch in der Kirche verstanden wird und ihre Fragen beantwortet werden. Sonst können wir von ihnen nicht erwarten, dass sie bleiben und weiterhin die Kirche sind.
Gibt es für die lutherische Kirche auch noch andere Anforderungen, die man in das Licht der Scheinwerfer stellen sollte?
Es ist wichtig, dass wir in der Kirche deutlich darauf hinweisen, dass das Evangelium nicht nur etwas ist, was sich zwischen mir und Gott abspielt. Dort geht es um Gott, um mich und um das, was ich in meiner Umgebung finde, um meine Beziehungen und um die Welt, in der ich lebe. Bei meinem Besuch im Diakonischen Werk der ELKL erkannte ich die großen Aufgaben, vor denen die Kirche steht. Den Menschen, die Hunger und Armut leiden, die außerhalb der Gesellschaft stehen, können die Kirchengemeinden viel anbieten. Und ich hoffe und bete darum, dass die ELKL das Leid der Menschen in ihrer Umgebung als ihren gemeinsamen Auftrag erkennen möchte, bei dem die Kirche Hilfe anbieten kann, denn das Leid der Menschen ist ein wichtiger Teil der notwendigen Gemeindearbeit. Mich hat vieles erfreut, was ich im Diakonischen Werk gesehen habe, und ich hoffe sehr, dass sich dieser Dienst weiter in allen Kirchengemeinden der ELKL ausbreiten möchte. Die Verkündigung des Wortes Gottes ist sehr wichtig, aber ebenso wichtig ist die zu meinem Nächsten ausgestreckte Hand, der Hilfe braucht. Und diese ausgestreckte Hand predigt das Evangelium noch deutlicher .als manches andere.
Der Lutherische Weltbund ist eine sehr große Organisation. Sie ist innerlich sehr verschieden. Was einigt sie?
– 145 Kirchen, 79 Staaten, das sind 70 Millionen Menschen. Das ist wirklich eine sehr große und weit entfaltete Organisation. Doch gleichzeitig erkenne ich, dass uns alle die wesentlichen Aussagen des Evangeliums einigen. Das wichtigste Vermächtnis der Reformation an uns ist, dass wir unsere Rettung und unsere Rechtfertigung nicht selbst verdient haben, sondern Geschenk Gottes ist. Dieses grundsätzliche Verständnis steht über allen kulturellen Verschiedenheiten und über dem, wie die verschiedenen Kirchen beten und wie ihre Pfarrer gekleidet sind. Die reine Botschaft des Evangeliums ist es, die uns zu Einheit zusammenschmiedet, die sich über die ganze Welt erstreckt. Manches Mal fällt uns die Verständigung miteinander schwer wegen manchen Unterschieden auch der Sprachen und manche Auffassungen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass diese Unterschiede für uns keine Bedrohung sind, sondern dass sie uns – ganz im Gegenteil – sogar wesentlich bereichern. Wenn wir anderen Auffassungen unsere Aufmerksamkeit zuwenden, dann können uns vielleicht auch einmal Fragen kommen und vielleicht bei manchen Dingen die Augen geöffnet werden. Die Kirchen haben sich in der Welt auf unterschiedliche Weise entwickelt und ihre Erfahrungen gemacht, dass wir, wenn wir an einem Tisch zum Gespräch Platz genommen haben und uns dem Nachbarn öffnen, wir unbeschreiblichen Segen erfahren können.

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Aber was tun wir, wenn es bei bestimmten Fragen ganz entgegengesetzte Standpunkte gibt? Wenn unterschiedliche Standpunkte sich nicht gegenseitig bereichern, sondern sogar einander ausschließen?
– In diesem Fall ist der Tisch für das gemeinsame Gespräch ganz besonders wichtig, an dem sich die Leiter der Kirchen in der ganzen Welt versammeln. Wir haben sehr viele an Widersprüchen reiche Diskussionen im Inneren der lutherischen Kirche. In einer solchen Situation ist es wichtig, die Spannung auszuhalten, am Tisch des Gespräches zusammen zu bleiben, dabei seinen Standpunkt und seine Ansichten zu erläutern, gemeinsam zu lernen, gemeinsam sich in die Heiligen Schrift zu versenken und gemeinsam zu beten. Das war auch die Arbeitsweise der ersten Apostel. Sie kamen zusammen, beteten, diskutierten, und gingen oft auseinander ohne eine Einigung, aber sie gaben sich die Hand und bekundeten einander, dass sie dennoch im Werk Gottes miteinander vereint seien.
– Wie ist das, wenn wir hierbei die Grenzen weiten? Ist es nach Ihrer Meinung für Christen möglich, gemeinsam mit Vertretern anderer Religionen zu beten?
– Das hängt davon ab, wie es zu einem solchen Gebet gekommen ist, und von den an einem solchen Gebet beteiligten Religionen und deren Vertretern, sowie deren Verständnis vom Gebet und von seinen Formen. In vielen Fällen habe ich es erlebt, dass die Vertreter verschiedener Religionen, wenn sie zusammen waren, jeder sein Gebet dem Gott vorbrachte, an den er glaubte. In unserem Fall ist das der Dreieinige Gott. Ich habe es noch nie erlebt, dass Christen in solchen Situationen aufgefordert wurden, einen anderen Gott anzurufen. Nach meiner Meinung ist es in Konfliktsituationen wesentlich, dass die Führungspersönlichkeiten der unterschiedlichen Religionen vorher zusammenkommen und auch einem gemeinsamen Gebet nicht ausweichen. Das gäbe der Welt ein wichtiges Signal. Christen haben nicht den Auftrag, Unstimmigkeiten auszulösen. Ich würde viel lieber Christen als den Beistand und Helfer anderer Menschen sehen.
– Aber nicht immer ist stiller Frieden und Beistand die richtige Antwort auf das, was in der Welt geschieht. In welchen Situationen sollte man aufstehen und deutlich seine Unversöhnlichkeit kund tun?
– Immer mehr und mehr beginnt man in der Welt den öffentlichen Auftrag der Kirche zu erkennen. Dabei kann ich auf die Erfahrung der lutherischen Kirche während des Bürgerkrieges in Liberia hinweisen, in dem sie sehr unmissverständlich gegen jede Gewalt eingetreten ist und die Gemeinschaften vor Ort zu Frieden und Versöhnung aufgerufen hat. In solchen Situationen muss die Kirche ihren Standpunkt unmissverständlich deutlich machen. Es gibt Fragen bei der Gesetzgebung, bei denen die Kirche an der öffentlichen Diskussion aktiv teilnimmt. Dabei ist es sehr wichtig, dass die Kirche das tut. In mehreren Staaten ist die Kirche öffentlich gegen Armut und Korruption aufgetreten. Ich bin der Ansicht, dass die Kirchen bei jedem Vorgang in der Gesellschaft das Recht zur Stellungnahme haben.
Wir haben das Beispiel Ungarn, wo es viele ausführliche Debatten über die in der Verfassung verteidigten traditionellen Werte und ganz besonders über die ganz deutlich betonte Bedeutung Gottes gegeben hat.
Sehr wichtig ist es, dass die Kirche jetzt ihren Standpunkt zu solchen für den Staat wichtigen Fragen öffentlich kundtut, sich aber dabei immer bewusst ist, dass die Gesellschaft größer ist als die Kirche. Die Verfassung betrifft nicht nur die Kirche, sondern die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Natürlich haben auf europäischer Ebene der christliche Glaube, die christliche Kultur und deren Überlieferung eine große Bedeutung, die auch die Ausgangspunkte bei dem Erstellen einer neuen Verfassung sein müssen. Ebenso haben die baltischen Staaten uns gezeigt, dass selbst in Zeiten, als der Kirchgang und die Teilnahme am Leben der Kirche sehr stark eingeschränkt waren, die Kirchengemeinden trotzdem weiter existierten. Deshalb haben wir nach meiner Meinung keinen Anlass zur Verzweiflung, wenn sich in unserer heutigen

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Gesellschaft, im Staat und bei der Gesetzgebung eine Distanzierung von der Kirche und vom Christentum abzeichnet. Dabei kann ein Rückblick auf unsere historischen Erfahrungen sehr hilfreich sein. Die Kirche hat von ihrem Herrn den Missionsbefehl erhalten, unabhängig davon, welche Verfassung in einem Lande gilt und welche Werte diese Verfassung vertritt.
Dennoch verstehe ich die tiefere Bedeutung dieser Frage so, und nach meiner Meinung ist das wirklich wesentlich, dass die Kirche ihre Stimme erhebt und ihren Standpunkt der Welt kund tut und sich auch aktiv an der Diskussion über Fragen der Gesetzgebung beteiligt. Die Kirche muss die Gesellschaft unbedingt auf die Werte hinweisen, die sie selbst möglicherweise vergessen hat.
In der Kirche sind viele Menschen zusammengefasst. Was ist nach Ihrer Meinung die wichtigste Aufgabe jedes einzelnen Christen in der heutigen Welt?
– Das ist die Frage danach, wozu der Mensch berufen ist. Nach meiner Meinung sagt die lutherische Kirche sehr deutlich, dass Gottes Auftrag nicht nur das Gemeindeleben betrifft und diejenigen, die das Gemeindeleben aktiv gestalten und die Gemeindearbeit verrichten, nicht nur die Pfarrer und geistlichen Amtsträger, sondern jeden einzelnen Christen. Wenn ich heute gefragt werde, was es heute bedeutet, das Leben eines Christen zu führen, dann heißt das heute nach meinem Empfinden, jeden Tag von neuem das Christentum zu leben. Dabei ist ein Leben nach der Heiligen Schrift und den dort enthaltenen Anweisungen sehr wesentlich. Sehr wichtig ist das Zusammenkommen in der Gemeinde, um mit anderen gemeinsam Gott anzubeten. Sowohl in der Gemeinschaft und in der Kirchengemeinde als auch als Einzelner ist der unablässige Dienst am Nächsten sehr wesentlich. Und dazu – dass wir bereit sind, jeden Augenblick die Botschaft der Hoffnung , die Christus uns hinterlassen hat an andere Menschen weiter zu geben..
– Wie sind Sie selbst zum Glauben gekommen?
– Zum christlichen Glauben kam ich in jener schweren Zeit, die in meiner Heimat Chile von einer Diktatur verursacht wurde. Damals gab die Kirche ein wunderbares Zeugnis über den christlichen Glauben und gewährte jedem Hilfe, der sie brauchte. Die Kirche gab den Menschen Hoffnung und Mut damit, dass sie fest zu ihrem Glauben stand, sowie jedem, der zu ihr kam, Liebe und Respekt erwies. Das ist sehr wichtig, denn die Kirche ist nicht nur dazu da, alle daran zu erinnern, wie sündig sie sind, sondern viel mehr, um ihnen deutlich zu machen, dass sie in Gottes Augen wertvoll und wunderbar sind. In Gottes Augen ist das Leben eines jeden Menschen wichtig.
Diese Dinge, welche ich damals in meiner Landeskirche erlebte, waren mir besonders wichtig. Ich erlebte die große Aktivität der Kirche in der Gesellschaft. Diese war für viele Menschen, die in tiefste Not geraten waren und Beistand brauchten, eine wunderbare Hilfe. Ich hatte das große Privileg, in einer Kirche aufzuwachsen, die in der Gesellschaft deutlich ihr Glaubenszeugnis bekannte. Das hat mich sehr wesentlich geprägt.
Auch später haben viele Dinge mich beeinflusst und verändert. Ich bin einer von jenen, die im Laufe ihres Lebens mehrfach bekehrt worden sind und mehrere Bekehrungen durch Worte, Predigten und Zeugnisse erfahren haben. Martin Luther betont, dass das Buße Tun, die Umkehr und Veränderung für jeden Christen eine tägliche Pflicht ist und nicht nur ein einmaliges Geschehen. Ich bin sehr dankbar für viele Möglichkeiten der Begegnung mit Kollegen, Bischöfen, Pfarrern, Mitarbeitern, die für mein Glaubensleben eine große Bedeutung hatten. Ich halte mich nicht für jemanden, der sein Ziel erreicht hat – der Glaube ist eine Reise. Ungeduldig erwarte ich bereits die nächste Begegnung, durch die ich ebenso wie jetzt in Lettland so wundervolle Erfahrungen machen und Neues und Bedeutendes lernen kann.

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– Zur Zeit begegnen wir vielen Christen, die müde geworden und deren Kräfte erschöpft sind. Wie können wir die Frische des Glaubens und die neue Kraft zurück bekommen?
– Wenn wir alles zusammen betrachten, dann ist das Leben unserer Kirche nicht von dem abhängig, was wir leisten, von unserer Mühe und unseren Plänen. Ich sage nicht, dass wir keine Pläne brauchen, sondern denke, dass es von Anfang an bei der Planung und Organisation von Gemeindeveranstaltungen für jeden Christen wichtig ist, sich durch die Heilige Schrift und das persönliche Gebet und auch durch die Gemeinschaft erneuern zu lassen. Als Jesus sagte: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind – eröffnete er uns damit das Verständnis dessen, was Glaube ist. Dort wo Menschen zusammenkommen, um ihres Glaubens zu leben, um miteinander zu sprechen und sich gegenseitig zu bereichern, dort kann sich neues Leben entfalten. Solange die Kirche anderen gegenüber gastfreundlich und offen ist, und manches Mal auch neue Ideen mitbringt, wird sie ihre Frische bewahren, die in der Heiligen Schrift und im Gebet gegründet ist. Die Kirche muss offen sein. Kehren wir doch noch einmal zu den Aposteln zurück. Ganz unvernünftig besuchten sie einander und legten dafür unbegreiflich lange Wege zu Fuß zurück, nur um dem anderen zu begegnen. Und wenn sie dann ihr Ziel erreicht hatten, war die Gastfreundschaft der Gemeinden den Eingetroffenen gegenüber wunderbar. Wenn wir uns heute auf die gleiche Weise gegenseitig besuchen und dabei die gleiche Kultur der Gastfreundschaft pflegen könnten wie zu der Zeit der Apostel, dann bin ich davon überzeugt, dass die Frische und Munterkeit des Glaubens auch in unserer Mitte sein wird.

Martin Junge wurde 2009 als erster Lateinamerikaner in das Amt des Generalsekretärs des LWB berufen.
* Er wurde 1961 in Chile geboren
* Er studierte von 1980 bis 1986 in Deutschland Theologie
* Er wurde 1989 in Chile ordiniert
* Er war 1989 bis 1994 und 1994 bis 2000 Pfarrer zweier Kirchengemeinden in Santjago
* 1996 wurde er zum Präsidenten der Evangelisch-lutherischen Kirche Chiles gewählt
* 2000 wurde er der Sekretär des Lutherischen Weltbundes für die Region Latenamerika und die Karibik
* Martin Junge ist mit seiner Ehefrau Marietta geb. Ruhland verheiratet. Sie haben zwei Kinder.

Der Generalsekretär des LWB zu Gast bei Metropolit Aleksandrs. Meldungen der orthodoxen Kirche Lettlands
Am 25. April fand in der Residenz des Metropoliten Aleksandrs im orthodoxen Frauenkloster des Heiligen Sergius eine Begegnung des Oberhauptes der lettisch-orthodoxen Kirche Metropolit Aleksandrs mit dem leitenden Geistliche des LWB, dem chilenischen Pfarrer Martin Junge statt.
Während dieses Besuches wurde ein kurzer Rundgang durch das Territorium des Klosters unternommen mit dem Besuch der Kathedrale der Heiligen Dreifaltigkeit und der Klosterkirche. Seine Eminenz führte dem hohen Gast die heiligen Gegenstände des Klosters vor, berichtete ihm über das Leben der Schwestern und ihren Leistungen in ihrem Dienst des Gehorsams, sowie über ihre Hilfeleistung an die Notleidenden der Bevölkreung mit warmen Mahlzeiten. Diese Begegnung fand in einer freundschaftlichen Atmosphäre ihre Fortsetzung, an der auch der Sekretär der Synode der orthodoxen Kirche Lettlands Janis Sičevskis teilnahm

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Der Generalsekretär des LWB Pfarrer Martin Junge war in Lettland auf Einladung von Erzbischof Vanags vier Tage zu Gast, um die traditionellen Kirchen dieses Landes kennen zu lernen. Dabei besuchte er den Dom zu Riga, die Saeima der Republik Lettland und deren Präsidenten, die Luther Akademie, die Theologische Fakultät der Universität Lettlands und andere Institutionen.

Eine Lettin war zu Gast bei Christen in der Türkei. Stella Liepiņa
Über die verfolgten Christen in der Türkei haben wir in der Märzausgabe unseres Kirchenblattes berichtet. Das Leben der Christen in der Türkei konnte ich durch meinen ehrenamtlchen Einsatz im Rahmen des europäischen Jugendprogrammes kennen lernen, wobei ich ein Jahr lang bei einem türkischen Jugend- und Kultuverband in der sechstgrößten Stadt der Türkei in Gaziantep im Südosten dieses Landes eingesetzt war.

Ich könnte mir vorstellen, dass es vielen Lesern unseres Kirchenblattes „Svētdienas Rīts“ nicht bekannt ist, dass mehrere Ereignisse, von denen im Neuen Testament berichtet wird, auf dem Gebiet der heutigen Türkei geschahen. Antiochia, wo die Nachfolger Christi zum ersten Mal Christen genannt werden (Apg. 11,26). Laodizaea, in dessen Nähe der Apostel Philippus gestorben ist, die Geburtsstadt des Apostels Paulus Tarsus und viele Stätten seiner Missionsreisen. Auch die sieben in der Offenbarung des Johannes genannten Gemeinden finden wir in der heutigen Türkei. In diesem Lande gibt es viele historisch sehr wertvolle Denkmäler, die mit der Urkirche und der christlichen Kultur späterer Jahrhunderte zusammenhängen.
Wie habe ich meine Gemeinde gefunden?
Obwohl ich in einem christlichen Forum des Internet erfahren konnte, wo christliche Gemeinden in der Türkei zu finden sind, war da oft nur eine mobile Telefonnummer angegeben. Nach den im Internet zugänglichen Informationen gab es in dieser Stadt Gaziantep überhaupt keine Kirchengemeinde. Das wollte ich nicht glauben, denn diese Stadt hat etwa 1,2 Millionen Einwohner. Nach gründlichem Suchen im Internet fand ich eine Email Anschrift, an die ich schrieb und auch eine Antwort erhielt. Meine Gemeinde war der größte organisierte Kreis von Christen in der Stadt und kommt, wie viele Gruppen von Christen in der Türkei, in Wohnungen zusammen.
Als ich mich zum ersten Mal auf Grund von Hinweisen auf den Weg zu dieser Gemeinde machte, fühlte ich mich ein wenig verängstigt. Zuerst schon wegen meiner mangelhaften Sprachkenntnisse. Zweitens, weil ich Sorge hatte, nun in einen Kreis hinein zu geraten, in dem alles durcheinander ging, und ich hatte auch kein übermäßiges Interesse daran, in den Blickwinkel der Polizei zu geraten. Die Hinweise, die ich hatte, hörten sich etwa so an: diese und jene Straße gegenüber vom Krankenhaus. Dann ist hinter einem Geschäft ein Eingang. Im Treppenhaus vier Etagen hochsteigen. An diesen Augenblick, als ich das dunkle Treppenhaus betrat, auf dem ich zur vierten Etage hochsteigen sollte und nicht so recht wusste, was mich dort erwarten würde, werde ich mich, solange ich lebe, erinnern, Doch es wurde eine Tür von einem lächelnden koreanischen Mädchen geöffnet, und sofort begriff ich, dass ich die richtige Stelle erreicht hatte.
Bis dahin hatte ich in der Türkei zwei Monate verbracht, und dort hatte ich mich nicht sehr wohl gefühlt, weil mir die familiäre Atmosphäre einer Gemeinde gefehlt hatte. Mir fehlten die Menschen, zu denen ich gehörte, die den gleichen Glauben hatten wie ich, mit denen ich meinen Gott anbeten und loben konnte, die mich in ihre Fürbitte einschlossen, und die mir notfalls helfen konnten.

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Wie werden dort die Gottesdienste gehalten?
Die Gemeinde, die ich nun begonnen hatte, meine Gemeinde zu nennen, versammelt sich mit etwa 15 Leuten, hauptsächlich mit Männern, zum Gottesdienst. Hier macht sich der Einfluss der türkischen Kultur bemerkbar, denn zu den Moscheen gehen vor allem nur die Männer, um dort zu beten und die Frauen verrichten ihr Gebet zu Hause. Auch aus praktischen Gründen ist es die Hauptaufgabe der Frau, für die Kinder und den Haushalt Sorge zu tragen. Die Frauen der Gemeinde treffen sich während der Woche zu Hause bei einer Schwester. Sie kommen dann mit den Kindern, bringen etwas zum Essen mit, sie singen und tanzen sogar auch gelegentlich, sie beten miteinander und führen geistliche Gespräche und lassen einander Anteil nehmen an dem, was sie in der Woche erlebt haben. Dabei ist es interessant, dass in christlichen Gemeinden in der Türkei sowohl Türken als auch Kurden zusammen kommen, die sonst in der Gesellschaft streng voneinander getrennt leben.
Der Gottesdienst beginnt am Sonntag um 13 Uhr, doch die ersten finden sich bereits etwas vor 12 Uhr ein. Zuerst betet man Gott an und lobt ihn gemeinsam, dann gibt es eine kleine Unterbrechung, bei der Tee ausgeschenkt wird. Es ist in der Türkei üblich, überall Tee, viel Tee zu trinken. Der Gottesdienst beginnt gegen 13 Uhr in einer sehr freien Form, mit Liedern der Anbetung, die von einer Gitarre und dem türkischen Volksinstrument Duburka begleitet werden. Die Türken singen sehr viel. Zuerst erschien es mir etwas seltsam, unsere vertrauten Lieder wie „Allein Gott in der Höh sei Ehr“, „Tut mir auf die schöne Pforte“ und viele andere auf diese Weise zu singen, zu Weihnachten auch „Stille Nacht“, und das nicht lettisch oder englisch, sondern türkisch . Das türkische Volk ist sehr musikalisch, und deshalb sind den übersetzten Lieder der Anbetung oft von den Christen am Ort dazu gedichtete Verse oder auch sehr schöne und wahrhaftige eigene Lieder hinzugefügt.
Danach wird die Kollekte eingesammelt, worauf die Auslegung des Wortes Gottes oder eine Predigt folgt, die gewöhnlich erheblich länger ist als wir es in Lettland gewohnt sind. Sie kann oft über eine Stunde dauern. Danach werden einige Lieder der Anbetung gesungen, und dann ist die Zeit für das gemeinsame Gebet gekommen. Die Türken und Kurden sind in ihrem Gebet sehr leidenschaftlich, die Männer weinen oft bei dem Beten, und das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eher die Liebesbekundung gegenüber dem Heiland.
Und dann essen sie alle gemeinsam Kebab, trinken Tee und pflegen die Gemeinschaft. Sie haben einander viel von dem mitzuteilen, was in der vergangenen Woche geschehen ist. Oft erscheinen in den Gottesdiensten auch Menschen, die man dort davor noch nicht gesehen hat, die uns vorgestellt werden und die zum christlichen Glauben und zur Bibel viele Fragen haben. Irgendwo haben sie ein Neues Testament ergattert. (In Gaziantep ist es gar nicht einfach, ein Neues Testament oder eine ganze Bibel zu bekommen. Als ich mir eine Bibel anschaffen wollte, kam ich nicht einmal mit der Hilfe des Internet an eine Bibel heran. Dagegen gibt es in Istanbul die Möglichkeit, Bibeln in jedem Format und in jeder Sprache zu bekommen.) Oft haben die neu Hinzugekommenen die Bibel oder das Neue Testament mehrfach durchgelesen und sind auf der Suche nach Antworten auf ihre Fragen. Nach dem Beisammensein in der Gemeinschaft findet eine Bibelarbeit statt.
Die Mission der Koreaner.
Die Gemeinde „Neues Leben in Gaziantep“ wird von Soonija und Patrick, einer Koreanerin und einem Amerikaner, geleitet, die bereits seit 15 Jahren in der Türkei und seit 8 Jahren in Gaziantep leben. Sie sind ein Missionarsehepaar mit drei Kindern, welche die Kirche in Korea in die Türkei ausgesandt hatte. Für die Koreaner ist die Türkei als Missionsfeld auch deshalb interessant, weil es zwischen der koreanischen und der türkischen Sprache manche Beziehungen gibt (wenn auch die Schreibweise unterschiedlich ist, so gehören sie doch einer Sprachfamilie an) . Deshalb erlernen die Koreaner die türkische Sprache verhältnismäßig

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leicht und können sie bald frei sprechen und den Türken ihren Glauben bekennen. In der Gemeinde Gaziantep waren von 23 Leuten 3 Koreaner.
Islamische Einflüsse
Obwohl die Türkei nach ihrer Verfassung ein säkularer Staat ist (und sich dessen auch sehr laut rühmt), gibt es in der Praxis sehr starke islamische Einflüsse. Diese Religion hat viele Jahrhunderte lang die Kultur dieser Nation geprägt. „Das Neue Leben in Gaziantep“ ist nicht offiziell anerkannt, denn eine offizielle Anerkennung einer Gemeimde durchzusetzen ist durch die Politik der Bürokratie und der herrschenden Parteien fast ganz unmöglich. Das Departement für Fragen der Religion die Freiheit der Religion, und dennoch erhalten nur die prägenden islamischen Strömungen – die Sunniten die Förderung durch den Staat. Dieses Departement vergütet aus den Mitteln aller Steuerzahler mehr als 100.000 muslimische Angestellte, erbaut neue und restauriert alte Moscheen, ruft alle Moslems telefonisch zum Gebet und zum Lesen des Korans.
Letten, welche die Türkei nur durch ihren Aufenthalt in den sonnigen Kurorten am Meer oder ihren Besuch von Istanbul kennen, können sich möglicherweise nicht vorstellen, dass Christen in einem so modernen Land bedrückt und verfolgt werden könnten. Dennoch ist die Türkei so groß, dass die Situation der Christen in verschiedenen Gegenden recht unterschiedlich ist. Dabei spielt auch die Größe eines Ortes eine Rolle. Am besten geht es den Christen in Istanbul, Izmir und Antalia. Istanbul ist das einstige Konstantinopel und die größte Stadt des Landes mit verschiedenen historischen Kirchenbauten. Izmir hält man für die modernste Stadt der Türkei, wo Christen an mehreren Stellen zum Gottesdienst zusammenkommen können, sowohl in der alten anglikanischen Kirche, im katholischen Gotteshaus und an mehreren neueren Stätten der Anbetung. In Antalia haben sich sehr viele Ausländer auf Dauer niedergelassen, und während der Saison des Tourismus wächst mit jedem Tag die Zahl der Ausländer um ein vielfaches an. Deshalb hat sogar die Russisch Orthodoxe Kirche ebenso wie viele protestantische Kirchen viele Pfarrer hierher entsandt, welche die Touristen in dieser Stadt seelsorgerlich betreuen sollen.
Gewöhnlich werden diese Gemeinden von Ausländern geleitet. Dagegen haben die örtlichen Behörden nichts einzuwenden, wenn in jenen Gemeinden die Ausländer zusammenkommen. Solange die Ausländer nicht missionarisch aktiv werden, werden sie in der Gesellschaft am Ort willkommen geheißen. Aber jeder missionarische Versuch wird als Bestreben angesehen, Moslems zum Christentum zu bekehren, was strafbar ist, weil es den Staat und die Gesellschaft spaltet. Aber in einem Staat, dessen Bevölkerung zu 98 % muslimisch ist, obwohl viele ihren Glauben nicht praktizieren, und ihre religiöse Zugehörigkeit nur aus ihrem Personalausweis hervorgeht, kann doch von einer Konversion keine Rede sein
Wiederum ist in der Landeshauptstadt Ankara und im Osten des Landes der Alltag der Christen viel schwerer, und viele müssen das Bekenntnis ihres Glaubens mit ihrem Blut besiegeln. Nach ihrer Taufe möchten die eigenen Familien der zum Christentum übergetretenen türkischen Brüder und ihre nächsten Freunde mit ihnen abrechnen. Zuerst setzen sie sie unter Druck dass sie sich vom christlichen Glauben abwenden möchten. Auch die Änderung des Eintrages des religiösen Bekenntnisses ist viel schwerer und komplizierter als zu einem neuen Ausweis zu kommen.
Ein Mord am Ostermorgen
In der Gemeinde Gaziantep herrscht Furcht und Schrecken, denn vor fünf Jahren wurden in der nicht fernen Stadt Malatia am Ostermorgen zwei Christen der dortigen Gemeinde und zwei ausländische Missionare umgebracht. Das taten Menschen, die sich der Gemeinde angeschlossen hatten. Auch Angehörige der Gemeinde Gaziantep werden ständig mit Mordandrohungen belästigt. Deswegen fürchten sich die Menschen, ihren Glauben an

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Christus ganz besonders in ihren muslimischen Familien zu bekennen. Das könnte den Verstoß aus der Familie zur Folge haben. Aber die Familie ist von großer Bedeutung, denn auf vielen Gebieten des Lebens kommt man nur durch Familienbeziehungen oder durch Beziehungen mit den Nachbarn, Arbeitskollegen usw weiter. Deshalb sollten wir, wenn wir an die Türkei denken, darum beten, dass Christus sie von diesem Geist der Furcht befreien und ihnen die Freiheit schenken möchte, die nur Christus schenken kann.
Im Juni 2011 fanden in der Türkei Parlamentswahlen statt und die Gemeinde in Gaziantep war gezwungen, die Stätte ihrer Versammlungen zu wechseln, denn die Alarmglocken erreichten nicht nur die Gemeindeleiter, sondern auch die Besitzer der Wohnung, die diese Wohnung an die Gemeinde vermietet hatten. Die Alarmglocken sehen meistens so aus, dass die Gemeindeglieder angewiesen weden, zu den Versammlungen der Gemeinde nicht mehr zu erscheinen und nichz mehr mit der Gemeinde zusammen zu arbeiten.und sie widrigenfalls mit körperlicher Gewalt, dem Verlust des Arbeitsplatzes und Maßnahmen gegen die Glieder ihrer Familien bedroht werden. Weil der Inhaber der Wohnung ein Moslem war und die Sicherheit seiner Kinder nicht auf das Spiel setzen wollte, kündigte er den Mietvertrag. Keiner der Christen konnte ihn dazu überreden, von dieser Entscheidung Abstand zu nehmen – er war doch um seine Familie sehr besorgt. Weshalb rede ich an dieser Stelle von der Wahl? Am Vorabend mancher politischer Ereignisse beschäftigen die die türkischen und islamischen Fundamentalisten viel intensiver als sonst mit den Christen.. Auch die christlichen Feste wie Weihnachten uund Ostern, sind sehr oft die Augenblicke, in denen man in der internationalen Presse mehr über körperliche Gewalt gegenüber türkischen Christen oder Pfarrern lesen kann. Auch in diesem Jahr wurde der 58 Jahre alte türkische Pfarrer Semiram Šerkek am Karsamstag von vier muslimischen Jugendlichen überfallen, die ihn schlugen und ihm drohten dass sie ihn umbringen würden. Ähnliche Vorfälle geschehen in der Türkei in jedem Monat., aber darüber hören wir in Lettland so gut wie nichts. Im Jahr 2011 waren in der Türkei 11 Überfälle auf protestantische Gemeinden gemeldet, aber darüber hinaus gibt es dort auch griechisch orthodoxe und römisch katholische Gemeinden. Viele Christen, denen es möglich ist, entscheiden sich dafür, aufzugeben. Die in der Türkei herrschende Gerechtigkeitspartei hat sich zum Ziel gesetzt, den Islam als die Religion des Staates wieder einzuführen.
In solchen Fällen der Bedrohung wenden sich die Gemeindeleiter in Gaziantep Soonja und Patrick immer an die Polizei. Deshalb ist bei uns in den Gottesdiensten auch häufig ein Polizist in Zivil. In einem anderen Jahr, als alle Gemeindeglieder solche Alarmzeichen erhielten, wurde die Polizei gebeten, die Anrufe, die die Betreffenden erhielten, abzuhören, damit man im Falle der weiteren Bedrohung die Anrufer besser abfangen könnte, aber merkwürdiger Weise blieben die Anrufe plötzlich aus. Doch als diese Polizeiaktion beendet war, setzten die Bedrohungen wieder ein.
So haben wir nach dieser Wahl unseren Versammlungsort gewechselt, was für die Gemeinde, deren Anschrift den Gemeindegliedern nur getarnt überliefert werden konnte und der sich Christen aus über 200 km entfernten Städten anschließen, einen verstärkten Einsatz bedeutet.
Ein Jahr der Vorbereitung auf die Taufe
Taufen finden in der Gemeinde nicht oft statt, denn die Pfarrer achten sehr aufmerksam darauf, wie überzeugt ein neuer Christ ist und wie ernst er es meint, auch im Ernstfall solche Verfolgungen auf sich zu nehmen. Ich hatte die Gelegenheit, an einer Taufe teilzunehmen, die an der Mündung des Euphrat stattfand. Viele der Brüder hatten auf dieses Geschehen über ein Jahr gewartet, und somit war es für alle ein sehr wichtiges Ereignis. Nach der Taufe fand ein Picknick in einem Olivenhain statt. Dabei sangen wir viele Lieder der Anbetung und manche

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Brüder teilten ihren Geschwistern im Glauben ihre Glaubenserfahrungen mit.. Einige dieser Menschen, die jetzt treue Nachfolger Christi sind, waren in ihrem früheren Leben in kriminelle Delikte verwickelt – in Waffengeschäfte, in den Drogenhandel und sogar in den Menschenhandel. Ja, das ist wirklich schockierend. Aber derjenige, dem mehr Schuld vergeben wurde, liebt danach auch viel mehr.
Am besten gefällt mir an dieser Kultur die große Bedeutung des Familienlebens bei jedem einzelnen Menschen und in der Gesellschaft insgesamt, die uns in unseren Breiten längst abhanden gekommen ist – die Kinder werden von Anfang an gelehrt, ihren Vater und ihre Mutter sowie die älteren Glieder der Familie zu ehren (so küsst man noch in vielen Familien den Großeltern bei der Begrüßung und bei dem Abschied die Hand). Die Meinung der Eltern wird geachtet und in jedem Alter geschätzt. So ist die familiäre Verbundenheit sehr eng. Aber das ist auch der Anlass dafür, dass es für einen Einzelnen so schwer ist, Christ zu werden. Deshalb ist es in der türkischen Kultur besonders wichtig, dass dort ebenso wie in vielen anderen Kulturen des Orients das Evangelium den ganzen Familien verkündigt wird, denn wenn eine ganze Familie zum Glauben kommt, dann stehen sie einander bei und bleiben dem Glauben treu.
Nur ein Gebet
In Antalia bin ich einer 70 Jahre alten Frau begegnet, welche sich der protestantischen Gemeinde am Ort vor 15 Jahren angeschlossen hatte. Nun ist sie bereits seit 10 Jahren Rentnerin, aber fährt unbeirrt fort, der Gemeinde zu dienen und sie weiter auszubauen. Täglich ist sie damit beschäftigt, christliche Texte aus der deutschen Sptache in das Türkische zu übersetzen. Aber an jedem Morgen geht sie an das Meer und spricht dort ein sehr einfaches Gebet:: „Herr, zeige mir heute morgen einen Menschen, der gerade heute etwas von Dir erfahren muss! Gib mir das rechte Wort und die Weisheit, ihm etwas von Deiner Liebe zu verkündigen“. Jeden Morgen sagt sie das Wort Gottes einem anderen Menschen weiter, aber alles Weitere ist die Angelegenheit des Heiligen Geistes. Im Laufe dieser Jahre haben sich mehrere Familien der christlichen Gemeinde in Antalia angeschlossen, die gerade durch die Verkündigung dieser Frau zum Glauben gekommen sind.

Ist Johanni ein heidnisches Fest? Ivo Pavlovičs, Pfarrer
Uns steht das Fest unmittelbar bevor, das man als das lettischste aller Feste zu bezeichnen pflegt – Johanni. In der Zeit der sowjetischen Besatzung war das Feiern von Johanni sogar einen kurzen Augenblick verboten, aber dennoch pflegte man es wie Weihnachten und Ostern hinter verschlossenen Türen und Fenstern zu feiern. Dieses konspirative Feiern war etwas wie der nationale Widerstand gegen die gottlose sowjetische Ideologie. Ein nicht fort zu nehmender Bestandteil der Feier zu Johanni ist das Auflesen des Johanniskrautes, das Johannisfeuer und das Singen. Ach ja, natürlich auch das Bier.
Geht das Begehen von Johanni auf praehistorische Zeiten zurück und kann man es deshalb als durch und durch heidnisch bezeichnen? Ich möchte hier gerne meine Überlegungen mitteilen und Sie dazu einladen, diese Feier vielleicht aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Die Einstellung der Christen gegenüber Johanni ist unterschiedlich. Die einen nennen diese Feier heidnisch und rufen dazu auf, sich nicht daran zu beteiligen. Im vergangenen Jahr wurde sogar eine Nacht des Gebetes gegen Johanni veranstaltet. Bei den Aufrufen gegen die Feier von Johanni gab es einige Behauptungen, deren Wahrheitsgehalt man wirklich bezweifeln könnte. Die Organisatoren der oben erwähnten Veranstaltung schreiben: „Wieder ist die Johannisnacht gekommen, in der im ganzen Lettland alle Werke der Finsternis hochkommen. Leider hat diese Feier heidnische Wurzeln und Absichten, die

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den damaligen heidnischen Götzen und Traditionen Ehre bringen sollen.“ Und dennoch gibt es Christen, die gegen das Feiern von Johanni nichts einzuwenden haben.
In jedem Jahr habe ich gesehen, wie Johanni gefeiert wird uns habe auch selbst im Kreise meiner Verwandten und Freunde das Johannisfeuer entzündet, Lieder gesungen, am Bier und Leckerbissen erfreut. Ich kann mich nicht entsinnen, dass dabei irgendwelche heidnischen Götzen angerufen oder irgendwelche heidnischen Rituale begangen worden wären. Ich weiß wohl, dass an manchen Orten Johanni nach „alten lettischen Traditionen“ mit irgendwelchen Fruchtbarkeitsritualen und ähnlichem begangen wird.. Aber soweit mir bekannt, sollen damit nicht lettische praehistorische Traditionen fortgeführt werden, sondern man möchte damit den Einbildungen und Träumen mancher Menschen nachkommen, wie die Vorfahren das möglicherweise gemacht haben könnten. An solchen Rekonstruktionsversuchen, wo man in neuheidnischer Atmosphäre versuchen will, einige merkwürdige Dinge zu zelebrieren braucht sich ein Christenmensch wirklich nicht zu beteiligen
Ist an der Behauptung, die Feier von Johanni sei durch und durch heidnisch, nicht doch etwas wahres dran? Nach unserem kirchlichen Kalender ist Johanni, der 24. Juni, der Tag Johannis des Täufers. Dessen besondere Bedeutung liegt darin, dass er der Vorläufer unseres Herrn gewesen ist. Er bereitete Jesus Christus den Weg. Natürlich können jetzt radikale Nationalisten ebenso wie radikal eingestellte Christen sagen, dass die katholische Kirche es immer verstanden hätte, ihre Feste auf die Tage zu setzen, an denen die Heiden davor ihre Feste gefeiert hätten. Darüber möchte ich mit niemandem streiten. Vielleicht hat man wirklich vor dem 12. Jahrhundert an diesem Tage irgend ein heidnisches Fest gefeiert, aber was hat das mit Johanni zu tun? Das bezweifeln sogar radikal eingestellte Nationalisten. Johanni ist einer der Gedenktage eines Heiligen, der nicht nur von geistlicher Bedeutung ist, die man durch die Feier eines Gottesdienstes unterstreicht, sondern auch gesellschaftliche Bedeutung hat, die man durch Feiern im Kreise der Familie und Freunde unterstreicht. Der Name dieses Heiligen ist bei den Letten und bei vielen anderen christlichen Völkern besonders beliebt. Weshalb ist den Letten das Feiern von Johanni besonders lieb? Vielleicht kann uns das Nachdenken über einige historische Fakten dabei ein wenig helfen.
Der Historiker Leonid Arbusow hat bei seinen Erforschungen der Denmäler der Literatur auf einige bemerkenswerte Tatsachen aus der Geschichte Rigas hingewiesen. In Riga gab des die Gilde der Bier- und Weinträger. Der Beruf der Bierträger war einer der ältesten Berufe auf dem Gebiet der Stadt Riga. Andere Träger folgten erst viel später. Bereits seit dem Mittelalter gab es in Riga die Bruderschaft der Bierträger. Es gab sie von 1396 bis zu den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts. Als Brüder wurden nicht nur die Bier- und Weinträger bezeichnet, sondern zu dieser Bruderschaft gehörten auch ihre Frauen, die Geistlichen, Gutsbesitzer und wohlhabende Bürger. 1495 schlossen sich ihr alle Nonnen der Frauenklöster an., und 1497 wurde auch Erzbischof Jasper ;Linde dort aufgenommen. Bereits seit 1517 die Ältesten dieser Bruderschaft Letten, und ihr gehörten zum gröpßten Teil Letten an. Die Buchführung bei diesen Bruderschaften hatten Geistliche. Und gerade in diesen Büchern stößt man seit dem 15. und 16. Jahrhundert auf die ältesten Eintragungen in lettischer Sprache. Diese Johannisgilde hatte ihren eigenen Altar zu Ehren Johannes des Täufers, der sich in der St. Jakobikirche befand. Diese mittelalterliche Bruderschaft war keine Gewerkschaft nach heutigem Verständnis. Diese entstanden erst in späteren Zeiten. Die Aufgaben einer Bruderschaft bestanden haupsächlich darin, sich um geistliche Dinge zu kümmern – Fürbitte für die Brüder zu halten, sie ehrfürchtig zur letzten Ruhe zu geleiten, Einen wichtigen Platz nahm das Feiern von Festen ein. Natürlich waren es vor allem Kirchenfeste. Dabei spielte das Fest Johannes des Täufers eine besonders wichtige Rolle. Eine wichtige Aufgabe der Bruderschaft der

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Bierträger war deren Beteiligung an Rettungsaktionen bei Bränden und Fluten. Im Fall von Überfällen musste die Bruderschaft dem Rat der Stadt beistehen
Die Johannisgilde war die erste Bruderschaft mit einer Jahrhunderte alten Tradition. Es ist nur schwer vorstellbar, dass sie nicht auch in der Folklore ihren Niederschlag gefunden hätte und im Volk heimisch geworden wäre. Das umso mehr, als diese Bruderschaft zum größten Teil aus Letten bestand. Deshalb ist es auch nicht schwer, den besonderen Charakter dieses Festes zu begreifen, und dass dieses Fest mit seinem Ursprung in der Gilde zu einem Volksfest geworden ist. Damit wird auch die Verbindung dieses Festes mit dem Bier deutlich. Natürlich wird auch bei anderen Festen Bier getrunken, aber da dieses Fest zu Johanni dem himmlischen Fürsprecher der Bruderschaft der Bier- und Weinträger gewidmet war, wird es vollends verständlich und logisch, weshalb zu Johanni dem Bier ein besonderer Stellenwert zukommt. Ja, und auch dem Fass, an dessen Ende eine Stange befestigt und angezündet wird. So ist es auch nicht schwer, das Anzünden der Fässer mit einer Besonderheit dieses Gewerbes in Verbindung zu bringen – Wein und Bier wurden in Fässern transportiert.
Hier wäre es am Platze hinzuzufügen, dass zur Zeit der neulettischen nationalistischen Bewegung sich durch deren Einfluss eine völlig verquere historische Vorstellung Raum geschaffen hatte. Darunter auch die, dass die Letten siebenhundert Jahre Sklaven gewesen seien und niemand von ihnen es weiter bringen konnte als bis zum Stand eines Dieners. Dabei verstehe ich es überhaupt nicht, wie Sklaven einen so ehrenwerten Beruf wie dem der Bier- und Weinträger asusüben konnten, dessen Angehörige in einer Gilde eingebunden waren mit bedeutenden Leistungen und Verpflichtungen in der Öffentlichkeit. Allzu oft geschieht die Betrachtung der Kulturgeschichte unseres Landes aus einer übertrieben einseitigen Perspektive. Diese Einseitigkeit entdecke ich auch bei der Deutung mancher Elemente unserer traditionellen Kultur, wobei man sehr gerne um den christlichen Kontext der Tradition einen großen Bogen macht – als ob der christliche Glaube für unser Volk stets ein unerwünschtes Anhängsel und ein Missverständnis gewesen und deshalb in Anführungszeichen zu setzen sei.
Wenn wir das alles auf die einfache Frage „Sollen wir Johanni feiern oder nicht?“ reduzieren, dann sage ich dazu: Weshalb sollen wir Letten das Feiern des Festes Johannes des Täufers auf unsere eigene Art fallen lassen? Vielleicht sollte man alle unnützen neuheidnischen Aufschwemmungen aussieben, und den geistlichen Inhalt wieder sichtbar machen und uns darüber freuen? Unter den neuheidnischen Aufschwemmungen verstehe ich nicht die traditionellen Elemende der Feier von Johanni – das Entzünden des Johannisfeuers, das Singen von Liedern, das Winden des Johanniskranzes, sondern solche neuen Erfindungen und die Deutung von Johanni im neuheidnischen Sinn. Oder ganz einfach gesagt –lasst uns keine rituuell kultische Abflüsse suchen. Diejenigen, die weiterhin Zweifel haben und sich nicht versündigen wollen, möchte ich auf den Rat des Apostels Paulus am Ende des 10. Kapitels des Ersten Korintherbriefes hinweisen, wo er über das Leben unter den Heiden spricht: „Alles, was auf dem Fleischmarkt verkauft wird, das esst, und forscht nicht nach, damit ihr das Gewissen nicht beschwert. Denn die Erde ist des Herrn und was darinnen ist.- Wenn euch einer von den Ungläubigen einlädt und ihr wollt hingehen, so esst alles, was euch vorgesetzt wird, und forscht nicht nach, damit ihr das Gewissen nicht beschwert. Wenn aber jemand zu euch sagen würde: Das ist Opferfleisch, so esst nicht davon, um dessentwillen, der es euch gesagt hat, und damit ihr das Gewissen nicht beschwert.“ Stellt Euch doch diese große Freiheit vor! Wenn einer ganz besonders betont: „Du nimmst an einem Opfermahl teil“, dass iss es lieber nicht! Aber das nicht deshalb, weil das Opferfleisch einem Christen schaden würde, weil er es in der Gemeinschaft von Heiden isst, sondern damit der Heide aus deinem Verhalten keine falschen Sclüsse zieht, dass es neben dem Opfer Christi auch noch andere

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Opfer geben müsste. Was ist das doch für eine Freiheit, die uns Christus schenkt! Also: wenn Dich jemand einlädt, mit ihm zusammen Johanni zu feiern, dann tu das; aber wenn jemand ganz besonders ankündigt dass wir dort eingebildete Fruchtbarkeitsrituale und besondere Opfer an die „lettischen Götter“ zelebrieren würden, dann bleibt lieber zu Hause, nicht deshalb, weil ein heidnischer Götze euern Glauben schwankend machen könnte, sondern um zu zeigen, dass wir keine Fruchtbarkeitsrituale brauchen., denn Gott gibt uns aus Gnade das tägliche Brot und alles, was wir zum Leben benötigen. Wir können es mit Danksagung empfangen und uns dessen freuen.
Ich weiß, dass ich mit diesen Überlegungen brüchiges Eis betreten habe, denn man könnte dem mit manchem „aber“ widersprechen. Aber eins möchte ich am Ende noch sagen: Unser Land und unsere Kulturgeschichte ist mit christlichen Motiven durchwachsen. Die Folklore schöpft ihren Stoff nicht nur aus dem Heidentum sondern bezieht sich sehr oft auf die Tradition der Christen und deren Verankerung im Volk. Um das zu erkennen, müssen wir aus der Enge unserer Vorstellungen und aus unsren Klischees aussteigen, und uns gestatten, die Dinge tiefer und breiter zu betrachten.

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Mazá Pils iela 4 – Riga LV-
Telefon (00371) 67224911
Email: svetdienasrits@lelb.lv
Internet: http://www.svetdienasrits.lv
(Im Internet findet man auch deutsche und englische Texte, sowie Übersetzungen von Johannes Baumann)

Übersetzung: Johannes Baumann, Brucknerstr. 24.- 27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
Email: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Im Gegensatz zur vergangenen Ausgabe ist diese wirklich übermäßig lang geraten. Dennoch bin ich der getrosten Zuversicht, dass meine Leserschaft mir das nicht gar zu sehr verübelt. Vielleicht gelingt es mir bei der Juli Ausgabe wieder, zu einem normalen Maß zurückzufinden. Ich wünsche allen nachträglich, einen schönen und gesegneten Johannistag gehabt zu haben Johannes Baumann

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