Bei dem Herrn, unserem Gott, ist kein Unrecht. 2. Chronik 19,7

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.
23. Sonntag nach Trinitatis Ausgabe Nr. 14 (1841 ) vom 6. November 2010

Lettische und sächsische Lutheraner feiern ihre 20 jährige Partnerschaft Ingrīda Briede
Diejenigen, die das Gebäude des Oberkirchenrats in der Maza Pils iela betreten haben, werden ganz sicher ein recht ungewöhnliches Gemälde im Flur bemerkt haben. Darin erkennen wir den Blick auf die sächsische Landeshauptstadt Dresden, der aus vier farbigen Quadraten besteht. Dieses Bild hat die Reise von Dresden nach Riga gemacht. In Dresden entstand es am Abend der Feier der 20 Jährigen Partnerschaft zwischen den Kirchen Lettlands und Sachsens. Jeder Teilnehmer hatte die Möglichkeit, mit Hand anzulegen am Entstehen dieses Kunstwerks. Dieses möchte symbolisch daran erinnern, dass diese nun 20 Jahre alte Partnerschaft durch den Einsatz vieler einzelner Menschen entstanden ist. Am 4. und 5. September herrschte in der Dresdner Dreikönigskirche eine liebevolle familiäre Stimmung. Hier trafen sich die Freunde aus Lettland und Sachsen; vor allem die Vertreter der Partnergemeinden.. Das waren vor allem diejenigen, welche diese Partnerschaft vor vielen Jahren begonnen hatten, wie Pfarrer Michael Karstedt als damaliger Vertreter des Landeskirchenamtes, oder Marion Kunz, die sich als eine der ersten in die Richtung Lettland auf den Weg machte, in dieses ihr so unbekannte Land, um dort an einem von Kaspars Dimiters organisierten Jugendlager in Krimulda teilzunehmen, oder an Anneliese Heiland, deren von ihr vertretene Leipziger Matthäusgemeinde auf eine fast zwanzigjährige Partnerschaft mit der Kirchengemeinde in Limbaži zurückblicken kann. Zu den Anwesenden gehörten sowohl diejenigen, die seit vielen Jahren diese Partnerschaft zwischen deutschen und lettischen Kirchengemeinden pflegen, als auch diejenigen, welche die von der sächsischen Kirche veranstalteten lettischen Sprachkurse besucht haben und diejenigen. die sich erst vor Kurzem dieser Partnerschaft angeschlossen haben. So gibt es erst seit ganz kurzer Zeit die Partnerschaft zwischen der Kirchengemeinde in Usma in Kurland mit der Kirchengemeinde in Moritzburg bei Dresden. So manche der Anwesenden sprachen immer wieder von dem verehrten Herrn Johannes Baumann, der für viele der deutschen Freunde der erste Lettischlehrer gewesen ist und mit den Lettischkursen begonnen hatte.
Diese Gemeinschaft zwischen den lutherischen Kirchen Sachsens und Lettlands hat sich auf vielfache Weise entfaltet, sowohl als Partnerschaft zwischen Kirchengemeinden, als auch in der Form von Hilfe bei der Restaurierung von Kirchen, in der Form der musikalischen Zusammenarbeit, der seelsorgerlichen Hilfe für die Pfarrer und auf viele andere Weise. Davon nur wenige Beispiele: Seit 1990 reist Marion Kunz jedes Jahr mit Jugendgruppen nach Lettland. Bei diesen Reisen gehört der Besuch der Kirchengemeinde Madliena unbedingt zum Programm. Deutsche Konfirmanden haben durch eine große Spende dazu beigetragen, dass das Kellergeschoss der Alten St. Gertrudkirche in Riga (das ehemalige Gertrudheim) wieder hergerichtet werden konnte. Wo jetzt verschiedene Veranstaltungen und Kurse stattfinden können. Jugendliche aus Lettland haben mehrfach an Gospelfestivals in Deutschland teilgenommen. Vertreter der ELKL haben regelmäßig an den Synoden der Sächsischen Kirche teilgenommen. Jugendliche aus Lettland nehmen regelmäßig an den Deutschen Evangelischen Kirchentagen teil und entwickeln dort mit Jugendlichen aus Sachsen gemeinsame Projekte. Es ist wirklich unmöglich, alle gemeinsamen Projekte aufzuzählen. Einen herzlichen Dank allen deutschen Brüdern und Schwestern für diese herzliche Gemeinschaft und die nicht hoch genug zu bewertende große Hilfe für Lettland!
Die Feier der 20 jährigen Partnerschaft begann mit der gegenseitigen Vorstellung und mit Berichten über die Zusammenarbeit zwischen den Kirchengemeinden. Dem schloss sich ein Vortrag von Ilze Ķezbere über die Zeit der Reformation in Lettland an. Der Abend wurde mit

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Gesprächen und dem Austausch von Erinnerungen fortgesetzt. Auch wurde uns der Deutsche Evangelische Kirchentag vom 1. bis zum 5. Juni 2011 in Dresden vorgestellt, zu dem auch die lutherischen Freunde in Lettland sehr herzlich eingeladen sind. Den lettischen Lutheranern wird die Möglichkeit angeboten, den Kirchentag entweder als freiwilliger Helfer oder als Teilnehmer zu erleben. Das wird auch eine großartige Möglichkeit sein, unsere sächsischen Partnergemeinden zu besuchen. Die Organisatoren des Kirchentages gewähren den Teilnehmern aus Lettland einen beträchtlichen Gebührenerlass. Die Gesamtgebühr beträgt für sie nur 24 Euro und enthält auch die Kosten für Übernachtung und den Eintritt zu allen Veranstaltungen.
Am Morgen des 5. September wurde die Festveranstaltung mit einem Gottesdienst fortgesetzt, welchen der sächsische Landesbischof Jochen Bohl und der Referent für ökumenische Fragen und Partnerschaftsbeziehungen im sächsischen Landeskirchenamt Pfarrer Friedemann Oehme hielten. In diesem Gottesdienst waren wohl etwas weniger lettische Teilnehmer, da viele der anwesenden Letten bei ihren Partnergemeinden zu Gast waren. Sehr bewegend war der Augenblick, als auf den Altar die von unseren Partnerkirchen gestifteten Kerzen gestellt wurden, die wir danach als einen lieben Gruß unserer Partnergemeinden nach Lettland mitnehmen durften.

Es gibt gute Gründe, in Einigkeit weiter zu bestehen. Wir müssen es nur wollen.
Die Synode rückt immer näher, und dabei werden unterschiedliche Bewertungen und auch kritische Standpunkte laut über das, was in unserer Kirche geschehen ist. Einen Teil von ihnen konnten Sie bereits in den letzten Ausgaben unserer Kirchenzeitung lesen. Um den Standpunkt der Kirchenleitung zum Geschehen zu erfahren, haben wir Erzbischof Jānis Vanags zu einem Gespräch eingeladen. Inga Reča und Ivars Kupcis
Den ganzen September haben sie sich zu einer Einkehr in die Stille zurückgezogen. Was bringt die für einen Geistlichen ein und was hat sie Ihnen gebracht?
Ich habe mich noch einmal davon überzeugen können, dass die Einkehr etwas ganz Wichtiges ist, besonders für uns Geistliche. In der Apologie zum Augsburgischen Bekenntnis heißt es, dass ein Pfarrer in seinem Dienst vor der Gemeinde an der Stelle Christi stände. Wenn das so ist, dann ist es besser, wenn der Pfarrer den Menschen das sagt, was Gott sagt – das sagt unser Rektor Dr. Weinrich immer wieder unseren Studenten. Die Worte kommen von Gott, wenn man in einer tiefen und nahen Übereinstimmung mit der Bibel ist. Die bestimmten geistlichen Übungen, die ich mitgemacht habe, waren eine solche Möglichkeit, sich in die Schrift zu vertiefen, wie ich sie noch nie in meinem Leben gehabt habe. Es hat mich ein wenig überrascht, dass niemand, nicht einmal der Leiter dieser Übungen, dort nichts erzählte, nichts lehrte, nur verschiedene Schriftstellen zu lesen aufgab und mir half, sie zu betrachten, hauptsächlich auf dem Wege der Vorstellungskraft bei der Betrachtung. Das heißt sich auf das Geschehen im Evangelium voll und ganz einzustellen, als ob man selbst dabei wäre und mit Jesus, einem Apostel oder einem Engel sprechen könnte. Ich bekam öfters die Aufgabe, zu Matthäus 26, zum letzten Abendmahl zurückzukehren. Kurz danach erblickte ich in einer Kirche einen Altar mit einer Skulptur, auf der die Szene des Heiligen Abendmahles dargestellt war. Mein erstes Empfinden war: das kenne ich doch, an dem Tisch bin ich doch schon einmal gewesen. So habe ich 31 Tage verbracht und sieben Stunden täglich in der Schrift gelesen und gebetet, und plötzlich begreifst du alles, was dir Gottes Wort und Gottes Geist offenbaren möchte. Nur dir, denn die Früchte der Übung sind bei jedem anders. Bei einer solchen Einkehr lernst du die Bibel anders lesen und betrachten. Auch das war für mich ein großer Gewinn. Als stille Einkehr kann man sie nur bedingt bezeichnen. Es ist wahr. Das Telefon blieb ausgeschaltet, das Internet auch, so dass ich nichts von dem erfuhr, was zu

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der Zeit in der Welt oder bei uns in Lettland geschah. Ein Gespräch nur mit dem Leiter gab es immer morgens etwa eine halbe Stunde lang. Andererseits ist jede Meditation von einer Stunde Dauer ein Gespräch in Gedanken mit handelnden Personen des Geschehens im Evangelium, denn du wirst einer von ihnen. Das geht alles mit einem langen Gespräch mit dem Herrn Jesus zu Ende über das, was du in der Meditation soeben erfahren hast und über alles, was du auf dem Herzen hast. Zum Schluss hast du das Empfinden, dass du viel geredet hättest. Wichtig ist auch die Betrachtung deiner selbst. Während seines Alltages kann der Mensch nicht so tief in sich selbst hineinschauen wie bei einer solchen Einkehr. Wahrscheinlich hat mir niemand das gesagt, was ich mir selbst während dieser 30 Tage gesagt habe. Doch das Bedeutendste ist die Gnade, die ich während der Zeit der Übungen von Gott erbeten habe – die Gnade, von ganzem Herzen Jesus zu erleben und kennen zu lernen, um ihn vollkommener zu lieben und ihm noch intensiver nachzufolgen. Ich kann sagen, dass ich nach dieser Einkehr unseren Herrn besser kenne als davor. Eine solche Einkehr hilft ganz bestimmt, in der Liebe zu Gott zu wachsen, und das ist für einen Christen, und ganz besonders für einen Geistlichen ganz besonders notwendig. Und auch deshalb war für mich diese Einkehr so wertvoll. Ich empfehle es jedem, sich für die Möglichkeiten der Einkehr bei uns in Mazirbe zu interessieren. Dreißig Tage werden dort allerdings nicht angeboten, aber eine Woche der Einkehr ist auch gut.
- Ich habe gelesen dass auch Mönche eine einen Monat lange Einkehr nur wenige Male in ihrem Leben praktizieren. Ist das auch ein Hinweis darauf, dass dieses ein ganz besonderer Augenblick in Ihrem Leben war?
- Das ist physisch und emotionell ein Unterfangen, welches einen ganz fordert, und dem sich nur sehr wenige stellen. Auch ist es nicht einfach, sich dafür so viel freie Zeit zu nehmen. Weiter verbreitet sind acht Tage lange Einkehrzeiten. Die vollen Übungen werden Menschen empfohlen in besonderen Situationen, wenn sie wichtige Entscheidungen treffen müssen. Ein Teil dieser Übungen ist der etwa zwei Wochen lange Prozess des „Auswählens“, während dessen der Mensch betend und horchend zu erfahren versucht, welches der Wille Gottes ist. Dabei sind mehrere Grundsätze zu beachten, zum Beispiel sollte man im Zustand der Erschöpfung nichts beschließen, was das Leben entscheidend verändern könnte, oder sich später von einem Beschluss lossagen, der in einem Augenblick des göttlichen_Friedens und Zuspruchs gefasst worden ist. Ich habe Gott auch die Frage vorgebracht, wie er sich künftig meinen Dienst an Christus und der Kirche von mir wünscht – im Amt des Bischofs oder auf eine andere Weise. Von allen Möglichkeiten gibt es eine, die sich für mich ganz deutlich abzeichnet. Obwohl unsere Verfassung die Abwahl oder Neuwahl oder die Verlängerung der Vollmachten eines Bischofs nicht vorsieht, habe ich beschlossen, die Synode um ihre Anweisung zu bitten, ob ich meinen Dienst als Bischof fortsetzen soll oder nicht. Ich hoffe, durch die Kirche die Stimme Gottes vernehmen zu können und bitte die Synodalen, darüber auch Gott zu befragen.
- Welches sind nach Ihrer Ansicht die größten Schwierigkeiten, die wir als Kirche zur Zeit durchstehen müssen?
- Am Anfang dieses Jahres trat die Finanzfrage sehr scharf in Erscheinung. Dadurch, dass die wirtschaftlichen Pläne nicht verwirklicht werden konnten, war es nicht mehr möglich, die Vergütung der Pfarrer und die Arbeit der kirchlichen Abteilungen (Dezernate) auf dem bisherigen Niveau fortzusetzen. Das verursachte viele Spannungen und Diskussionen. Doch zur Zeit ist die Geldfrage anscheinend an die zweite Stelle gerückt. Viel mehr haben wir jetzt über unsere lutherische Identität, über die ökumenischen Kontakte, über die Prinzipien der

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Verfassung und der kirchlichen Verwaltung im Allgemeinen zu diskutieren. Das sind gute Fragen, die uns zu unseren wesentlichen Schwierigkeiten führen werden – zu den objektiven Schwierigkeiten, die wirtschaftlich und durch das Bankkonto gelöst werden können, oder zu den subjektiven Schwierigkeiten, die in unseren Herzen und Köpfen gelöst werden müssen. Nach lettischem Maßstab sind wir eine vergleichsweise große Kirche, die verschiedene Epochen und Eindrücke der Geschichte durchschritten hat Wir sind nicht nach einem Maß geschneidert und auf den gleichen Leisten gespannt worden. Zur Zeit erleben wir das als besondere Herausforderung. Doch die wahre Herausforderung an uns ist, dass wir begreifen, dass wir unter uns keine Gegner haben, sondern Gesprächspartner bei Fragen, die uns alle im gleichen Maße betreffen.
- Sind diese unterschiedlichen Weisen der Betrachtung der lutherischen Identität und der Organisation des wirtschaftlichen Lebens eigentlich ein Mangel oder ein Gewinn unserer Kirche, und kann die Kirche bei so vielen so unterschiedlichen Richtungen, die wir haben, überhaupt noch als einheitliches Ganzes weiter bestehen?
- Ich möchte auch nicht unsere Verschiedenheiten übertreiben. Blicken wir doch auf andere Kirchen in Europa, blicken wir auf den Lutherischen Weltbund. Dort sind die Unterschiede viel, viel größer. Die Unterschiede der Meinungen haben zueinander Distanzen errichtet. Und dennoch halten sie zusammen. Für die Lutheraner wird doch die Grundlage der Einigkeit nicht dadurch gebildet, in welcher Farbe das Gewand des Pfarrers ist oder auf welchem Ton wir die Psalmen singen. Auch darf es bei den Lutheranern nicht nur die eine Kirchenverwaltung geben, sondern sie darf auch sehr verschieden sein – sie kann episkopal oder synodal – episkopal ausgerichtet sein, wie zum Beispiel die Kirchen in Skandinavien oder im Baltikum, bis zu den rein kongregational oder synodal geprägten Kirchen in Amerika. Jede Kirche entscheidet sich dafür, was sie in ihren Verhältnissen für zweckmäßig hält, und das hat wirklich nichts mit der lutherischen Identität zu tun. Die einigende Grundlage der Lutheraner ist keins von diesen Dingen, sondern die Einmütigkeit bei der Lehre des Evangeliums. Vielleicht kann mir dieser oder jener nicht zustimmen, aber ich denke, dass in unserer Kirche die Unterschiede in äußeren Dingen größer geworden sind – bei den liturgischen Gewändern, bei den Formen des Gottesdienstes oder den Ansichten über den Gottesdienst, bei den Prinzipien der Verwaltung. Bei der Lehre und dem Erlernen des Evangeliums sind wir ein gutes Stück weiter gekommen nicht nur im Sinne der Eintracht, sondern auch in der Ausrichtung auf die lutherische Identität. Und wie sollte es dabei auch anders sein? Zur Zeit besteht der größte Teil der Pfarrerschaft aus Absolventen der Luther Akademie, denen sowohl solche in der ganzen Welt anerkannte bekenntnistreue lutherische Theologen wie die Professoren R. Slenczka und W. Weinrich als auch unsere eigenen Lehrkräfte, auf die kein Schatten eines Zweifels fällt, die systematische Theologie und die lutherischen Bekenntnisschriften nahe gebracht haben. Wo mag der Verdacht auf unsere große Abwendung vom Luthertum aufgekommen sein? Zu Beginn dieses Jahres behauptete der Propst der Letten in Amerika Vilis Vārsbergs, dass in unserer Kirche die Lehre vom Fegefeuer wieder in Kraft setzte, die Verehrung von Reliquien ebenso einführte wie den Heiligenkult und den Sündenablass. Erstens ist das nicht wahr, und dann erscheint es mir sehr rätselhaft, wie es sich der geehrte Propst vorstellt, dass solche Dinge von Pfarrern getan werden könnten, die auf der Luther Akademie ausgebildet worden sind? Es mag sein, dass er das von der Theologischen Fakultät hat, die seinerzeit unter seiner Leitung sich von jeder konfessionellen Identität distanziert hatte und in der weiterhin Dozenten aus verschiedenen Konfessionen lehren. Doch wie sollte eine zielstrebige kirchliche Politik aussehen, die ihre Ausbildung bekenntnistreu lutherisch ausrichtet? Das ist völliger Unsinn. Ich habe weder die Zeit noch die Kraft, mich mit solchen Behauptungen auseinanderzusetzen, die man in jüngster

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Zeit oft zu hören bekam. Bevor man denen glaubt, sollte man darüber nachdenken, wie sie mit wesentlichen und überprüfbaren Dingen im Leben unserer Kirche übereinstimmen. Wenn wir wirklich der Auffassung sind, dass die Einheit der Kirche in der Lehre des Evangeliums gegründet ist, dann haben wir die besten Voraussetzungen, um in diesen Einigkeit weiter zu bestehen, wenn wir es nur wollen.
- Woher kommen eigentlich die Spannungen und Sorgen über das „Hinlenken nach Rom“?
- Ich habe den Eindruck, dass es da einen ganzen Haufen von Anlässen gibt. Ich gebe zu, dass ich dazu auch selbst einiges beigetragen habe. Ich bin einer von denen, welche die Reformation als die Rückkehr zu den evangelischen Wurzeln der Urkirche verstehen. Ich sehe die lutherische Kirche in der historischen Kontinuität. Ignatius von Antiochia ist unser Kirchenvater. Bonaventura ist unser Kirchenvater. Luther ist unser Kirchenvater. Bonhoeffer, Rumba und Feldmanis sind unsere Kirchenväter. Ich fühle mich sehr wohl inmitten dieses historischen Erbes und möchte vieles davon frei nutzen, was dem Gottesdienst und der Würde der Sakramente dient. Mir hat immer eine entfaltete Liturgie und alte Kirchenmusik gefallen. Das ist mein Empfinden und die lutherischen Bekenntnisschriften lassen mir auch diese Freiheit. Und dabei bin ich weder im weltweiten Luthertum noch hier der einzige. Ich denke, dass es gut ist, dass auch solche Menschen in unserer Kirche ihren Platz einnehmen dürfen. Wo es den einen Glauben gibt, dort stört die Vielfalt der Traditionen nicht. Luthers Kampfgefährte und der Verteidiger der Reformation Philipp Melanchton schreibt:: „Wir behalten in der Kirche die alten Traditionen, denn diese sind nützlich und fördern den Frieden in der Gemeinde; wir deuten sie evangelisch und weisen die Ansicht zurück, dass sie gerecht machen würden. Wir verwerfen nicht die Messe, sondern halten sie gottesfürchtig weiter und setzen uns für sie ein. Auch die Ordnung der gewohnten Zeremonien, der Schriftlesungen, der Gebete, der Gewänder der Pfarrer und ähnlicher Dinge wird beachtet… Mit größter Sorgfalt waren wir bestrebt, die Würde der Messe zu erhalten. In unseren Gemeinden werden die Kirchendisziplin gottesfürchtige Zeremonien sowie fromme kirchliche Bräuche sorgfältig beachtet.“
Das sagt er über die Römische Messe seiner Zeit, des 16. Jahrhunderts. Deshalb können diese Formen, wenn sie evangelisch ausgelegt werden, für sich allein nicht unlutherisch sein. Eine andere Sache ist, dass sie nicht überall notwendig sind, sondern nur dort, wo sie „nützlich“ sind, und die Gemeinde bereit ist, sie anzunehmen. Doch als Seelsorger habe ich es wirklich versäumt zu beachten, dass alles, was ich tue, in der Öffentlichkeit nicht als meine persönliche liturgische Entscheidung aufgefasst wird, sondern als etwas Programmatisches, was alle betrifft, als Zeichen für irgend eine Richtung. Der Gebrauch von Glöckchen und Weihrauch im lutherischen Gottesdienst ist eine Angelegenheit der freien Entscheidung, doch in einem Gottesdienst, der vom Fernsehen übertragen wird, kann das wirklich viele Menschen aufregen, welche das in ihren Gemeinden noch nie gesehen haben, und denen das fremd vorkommt und sogar verdächtig erscheint. Objektiv betrachtet, könnte man sagen, dass hier ein Sturm im Wasserglas entfacht wird. Vielleicht ist durch die in der Öffentlichkeit vorgetragenen Standpunkte der Eindruck entstanden, dass diese liturgischen Formen in der ELKL planmäßig und mit Gewalt eingeführt würden. Tatsächlich hält sich der größte Teil der Gemeinden an die alte Ordnung des Gottesdienstes, viele fühlen sich wiederum mit der entfalteten A-Ordnung wohl und wollen nicht mehr zur alten C-Ordnung zurückkehren, aber die Gemeinden, die Weihrauch gebrauchen, kann man an den Fingern einer Hand abzählen. Dabei geht es immer um die Frage des Übereinkommens zwischen dem Pfarrer und seiner

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Gemeinde. Dennoch war es für mich eine Lehre, dass ich als Bischof die Adiaphora mit größerer seelsorgerlicher Sensibilität behandeln muss.
- Um noch einmal auf unsere Unterschiede zurückzukommen. Müssen wir uns alle bemühen, einander gleicher zu werden, oder sollten wir dennoch den Standpunkt eines anderen Menschen als dem unseren gleichwertig achten?
- Wir sollten begreifen, dass die Gleichheit in allen äußeren Dingen in einer Kirche wie der unseren unmöglich und auch gar nicht zu wünschen ist. Niemand wird dadurch glücklich werden. Den eigenen Geschmack anderen aufzuzwingen, das ist Tyrannei. Wir müssen es wirklich lernen, andere Standpunkte zu achten, und sollten damit aufhören, alles in „schwarze“ und „weiße“ Gruppen aufzuteilen und jede Meinungsverschiedenheit zur Bekenntnisfrage zu machen. Professor Leons Taivans schrieb einmal sehr zutreffend über die große globale Tradition und die kleine örtliche Tradition. Es gibt Theologen, welche die lutherische Kirche weniger für eine reformierte Urkirche und eher für eine neue Kirche der Reformation halten. Sie betonen stärker das Zerschneiden der alten Bindungen, die Distanzierung vom Ehemaligen und den Beginn von etwas Neuem. Ihnen erscheinen die alten Akzente unnötig und fehl am Platz. Das kann man verstehen und achten. Dennoch sollte man beachten, dass es dabei nicht nur um eine Diskussion über das Wesen des Luthertums geht, sondern um die Treue gegenüber der Tradition, je nach dem, welche man am liebsten hat. In unserer Kirchenzeitung hat Pfarrer Ralfs Kokins sehr emotionell seine Liebe zu unserer „kleinen“ örtlichen im 19. Jahrhundert in Lettland entstandenen gottesdienstlichen Tradition bekannt. Diese ist wirklich zu ehren und uns teuer. Auch ich fand durch sie den Weg in die Kirche und halte den größten Teil der Gottesdienste nach dieser Ordnung. Nicht so gut ist es, dass er genau so emotionell diese Tradition der großen Tradition gegenüberstellt, von der der Theologe der Kirche der Missouri Synode K. Pipkorn sagte: „Zu allererst sind wir katholische Christen, danach sind wir westliche Christen und drittens lutherische Christen.“ Ich könnte dem noch folgendes hinzufügen: Viertens sind wir Christen der ELKL. Diese Dinge stehen nicht miteinander im Konflikt. Sie müssen zusammengehören.
- Wenn wir an die Vorwürfe denken, die im Zusammenhang mit den Gesprächen mit den Katholiken laut wurden, dass wir uns in äußeren Dingen wie Gewändern und ähnlichem den Katholiken sehr annäherten, entsteht der Eindruck, dass wir als Lutheraner nur begreifen können, wer wir sind, wenn wir auf die Katholiken schauen. Was ist nach Ihrer Ansicht lutherische Identität, wenn wir nicht auf die anderen, sondern auf uns selbst schauen.
– Schauen Sie, jetzt sind wir bei dem angekommen, mit dem man am schwersten etwas anfangen kann. – bei den irrationalen Verdächtigungen. Einfache, längst bekannte Dinge werden von Menschen mit einem schlimmen Inhalt behaftet. So haben wir zum Beispiel Kathedralen und Dekane. Ist das für unsere Kirche wirklich etwas ganz Neues? Ich habe hier ein Schriftstück mit der Unterschrift des damaligen Kanzlers des Konsistoriums Kārlis Gailītis, dass am 2. September 1985 entsprechend einem Antrag des Dekans der Kathedrale Jānis Liepiņš dem Studenten des Theologischen Seminars J. Vanags vom Konsistorium die Genehmigung erteilt wird, an den Gottesdiensten der Kathedrale, der St. Johanniskirche, teilzunehmen. Aber dass wir im Jahr 2010 Kathedralen und Dekane haben, scheint für manche ein Zeichen für einen Paradigmenwechsel und ein unwiderlegbarer Beweis dafür zu sein, dass der Kurs der ELKL in die Richtung Roms gelenkt würde. Ich denke, dass wir uns vor der Seuche der Verdächtigungen nach Kräften hüten sollten. Im Buch der Schöpfung wird der Böse als Schlange dargestellt, die bei Eva den Verdacht lebendig werden lässt. Die Verdächtigung fängt an, die Beziehungen zwischen Eva, Adam und Gott zu zerstören, ebenso wie sie das bei allen Beziehungen in der Familie, der Kirche und sonst wo zu tun pflegt. Es

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bedarf nur eines kleinen Senfkornes von Verdacht, und schon beginnt unser Verstand zu arbeiten und fügt die kleinen unbedeutenden einzelnen Bestandteile zu einem schlimmen Modell zusammen, das sich in unserem Kopf deutlich festsetzt. Die Verdächtigung findet immer Beweise für ihren Verdacht. Das führt zum Empfinden von Misstrauen und zur Unfähigkeit, jemand anderem als nur sich selbst oder seiner Gruppe zu vertrauen. Damit kommt es zu Spaltungen. So funktioniert das. Nehmen wir als Beispiel unseren Dialog mit der katholischen Kirche. Ich habe viele Male gesagt, dass ich nie die Andeutung eines Gedankens gehabt hätte an irgendeinen Anschluss an Rom. Ich habe immer gesagt, dass beide Kirchen die Einheit nur finden können, wenn sie Einmütigkeit in der Lehre auf Grund der Heiligen Schrift erreicht haben. Das alles geschieht und wird geschehen in der Form eines offenen Dialogs. Das Gleiche haben auch die katholischen Vertreter gesagt. Die Zusammenkünfte waren öffentlich und jedes Mal waren auch Zuhörer anwesend. Die Gespräche wurden aufgenommen und konnten im Internet abgehört werden. Nirgendwo gab es irgendwelche Anzeichen von Verschwörung. Aber nein, die Verdächtigung sagt, dass man dem nicht trauen dürfte, und dass wir die Öffentlichkeit ganz bestimmt nicht alles wissen lassen wollten, und dass es ganz bestimmt irgendwelche geheime Treffen und listige Absprachen gegeben hätte, und deshalb müsste man die Bajonette aufsetzen, sich in die Schützengräben begeben und auf die nicht abzuwendende Stunde warten, zu der das Luthertum verraten würde. Das erinnert mich an den Film „Der wunderbare Verstand“, dessen Hauptfigur ein hoch talentierter Wissenschafler ist, der von Zeit zu Zeit von Agenten eines Geheimdienstes besucht wird, die ihn mit der Durchführung verschiedener Aufgaben beauftragen. Doch diese Agenten sind Trugbilder, welche nur in seinem großartigen Verstand existieren. Und solange er nicht begriffen hat, dass das nur Trugbilder sind, lassen diese ihn unvernünftig handeln und dadurch sich selbst und andere gefährden. Wir müssten uns von unnötigen Verdächtigungen und allerlei Trugbildern lösen Wir sollten das erkennen, was wirklich existiert – das Bestehen unserer Kirche auf dem Grunde und der Autorität der Heiligen Schrift und der Auffassung, dass die lutherischen Bekenntnisschriften diese richtig auslegen. Wir sollten begreifen, dass das nicht nur in der Präambel unserer Verfassung steht, sondern auch die Predigt und Praxis unserer Kirche betrifft. Das ist unsere Identität, die sich auf unseren Glauben gründet, und nicht auf irgendwelche äußerlichen Zeremonien oder auf die Gegnerschaft gegenüber anderen. Sicher sind wir nicht vollkommen, aber wir haben einen langen Weg zurückgelegt, um dorthin zu kommen. Das betrachten viele Kirchen der Welt ebenso Weshalb fällt es uns so schwer, das recht zu beurteilen?
- Viele regen sich über die engen ökumenischen Kontakte mit der katholischen Kirche auf. Wie könnten Sie die Aufregung Ihrer Schafe beruhigen?
- Vor Kurzem hatte ich die Möglichkeit der Begegnung mit Vertretern unserer Kirchengemeinden bei einer Diözesanversammlung. Ich stellte ihnen die Frage, ob ihnen unsere ökumenischen Kontakte mit der katholischen Kirche zu eng erschienen und sie beunruhigten. Die Reaktion unserer nicht ordinierten Synodalen war viel gelassener und verständnisvoller als die von einigen ihrer Hirten. Nur einer des Anwesenden ließ mich wissen, dass diese ihn wirklich aufregten. Alle Übrigen reagierten auf unsere ökumenischen Kontakte ruhig und verständnisvoll. Einige von ihnen sagten sogar, dass wir mit den Katholiken noch enger freundschaftlich zusammenarbeiten sollten. Natürlich müssen die Hirten achtsam sein und darauf bedacht, dass der Wolf sich nicht an ihre Herde heranschleicht. Deshalb möchte ich niemandem einen Vorwurf machen. Wir sollten aber darauf achten, dass übermäßige Verdächtigungen den Wolf nicht zurückhalten werden, sondern die Helfer und die Hirtenhunde abschrecken und die Flucht ergreifen lassen. Ich kann nur wiederholen, dass es keine geheimen Absprachen gibt. Alles geschieht in der

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Öffentlichkeit und wird dort auch weiter geschehen, und es liegt bei uns, wie wir die Grenzen ziehen und bis zu welchem ökumenischen Prozess zu gehen wir bereit sind. Hier gibt es noch andere Aspekte, über die man gewöhnlich nicht laut redet, aber die sich auf die Einstellung gegenüber dem Dialog mit der katholischen Kirche sehr auswirken. Hier und dort redet man und ab und an schreibt man sogar darüber, dass Papst Benedikt XVI der Antichrist und die römisch – katholische Kirche das apokalyptische Ungeheuer sei, deren Ziel es sei, das wahre Christentum zu vernichten. So redet man darüber, dass Lettland dafür als Laboratorium und Versuchsfeld auserwählt sei. Natürlich ist aus einer solchen Sicht jede Annäherung als gefährliche Schändlichkeit zu betrachten. Das erklärt wirklich die große Aufregung über jede Annäherung an die Katholiken, ganz zu schweigen von der Weihe eines katholischen Erzbischofs im Dom zu Riga. Aber solche Argumente muss man offen auf den Tisch legen, damit alle sie sehen, beurteilen und verstehen, ob wir als Kirche uns einer solchen Sicht anschließen und ihr folgen möchten. Solange solche Verdächtigungen Nahrung finden, bleibt es bei dem Kampf mit Gespenstern und Trugbildern. Andererseits denke ich, dass der Herr Jesus es möchte, dass wir gute, freundschaftliche und vertrauensvolle Beziehungen mit den Christen anderer Konfessionen pflegen, und dabei natürlich unserem eigenen Glauben und Bekenntnis treu bleiben.
- Sie haben während der letzten Jahre die Finanzplanung unserer Kirche als fehlerhaft und unbedacht bezeichnet. In welchem Maße waren die Bischöfe an der Aufsicht über die Wirtschaft der Kirche beteiligt, und müssen die Bischöfe die Vorgänge im wirtschaftlichen Leben der Kirche nicht auch mit verantworten?
Die Pflicht der Bischöfe, das wirtschaftliche Leben zu beaufsichtigen, betrachte ich von zwei Aspekten her. Wenn ich an das, was geschehen ist, denke, kann ich zugeben, dass ich während der letzten Jahre bei der Haushaltsplanung des Oberkirchenrats Dinge gesehen habe, die ich nicht verstanden habe, und derer ich mir nicht ganz sicher war. Zum Beispiel bei dem großen Haushaltsdefizit. Die Verfassung teilt den Bischöfen keine wirtschaftlichen Leitungsfunktionen zu. Dennoch genügten meine inoffiziellen Möglichkeiten des Einflusses völlig, um die Genehmigung eines solchen Planes zu erwirken. Hätte ich es getan, dann hätte es sein können, dass manche Probleme heute geringer wären. Doch ich habe es nicht getan. Ich kann auch erklären, weshalb: Erstens bin ich dazu weder ausgebildet noch ordiniert, um in diesem Maße auf die Wirtschaft der Kirche Einfluss zu nehmen. Ich bin der Auffassung, dass Menschen, denen dieser Einfluss anvertraut war, in Finanz- und Eigentumsangelegenheiten viel kompetenter waren als ich. Auf diesen Gebieten wird meine Meinung immer die eines Amateurs bleiben. Zweitens entdecke ich in der Verfassung den Satz, dass der Oberkirchenrat mit dessen Sekretär an der Spitze für alle Dinge der Wirtschaft in der Kirche zuständig sei. So verstehe ich die Verteilung der Zuständigkeiten nicht nur auf dem Papier, sondern auch im Leben. Doch ich muss zugeben, dass ich, wie immer die Anlässe gewesen sein mögen, während der letzten Jahre meine Leitungs- und Aufsichtsfunktion nicht so wahrgenommen habe, dass die kirchlichen Finanzen vor unbedachten Plänen und Handlungen hätten bewahrt werden können. Welche Verantwortung ich dafür übernehmen muss, dazu hat die Synode bereits nach einem Monat die Möglichkeit sich zu äußern.
Wenn ich auf die Zukunft schaue, wer dann auch immer der Erzbischof sein mag, so sollte man ihn und die anderen Bischöfe von der Pflicht und Verantwortung der Leitung und Beaufsichtigung der kirchlichen Finanzen entlasten. In der Verfassung ist das ja schon formuliert. Wir sollten einfach die ungeschriebenen Vorstellungen über das Bischofsamt korrigieren. Wenn man die Bischöfe verpflichtet, die Eigentumsverwaltung, die Haushaltsplanung und Haushaltsdurchführung und alle übrigen Dinge der Verwaltung zu beaufsichtigen, die Gemeinden zu visitieren, sich um die Mission, die Diakonie und den

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Religionsunterricht an öffentlichen Schulen zu kümmern, und die Pfarrer seelsorgerlich zu betreuen und vieles andere mehr, dann kann das nur ein Dienst werden, der auf zwei hinkenden Beinen geleistet wird. Dabei kann weder in der geistlichen noch in der verwaltungsmäßigen Leitung der Kirche etwas Gutes herauskommen. Die Verwaltung sieht einen Sekretär beziehungsweise einen Präsidenten des Oberkirchenrates vor. Nach meiner Vorstellung sollte das kein bunt ausgestopfter Vogel sein, sondern ein wahrer Leiter der kirchlichen Verwaltung und Aufsichtsführender der kirchlichen Wirtschaft.
- Unsere Kirche musste die Ausgaben nach den Bestimmungen für die Vergütung und Sozialversicherung von Geistlichen (BVSG), die damals große Hoffnungen erweckten, empfindlich zurückfahren. Wie betrachten Sie heute die Idee von der zentralisierten Vergütung der Pfarrer und deren Verwirklichung in unserer Kirche?
- Ich sehe darin keinen besonderen Gewinn für unsere Kirche, dass das ganze System zentralisiert worden ist. Damals war das Ziel nicht etwas zu zentralisieren, sondern alle kirchlichen Hilfsquellen zu mobilisieren, damit die Pfarrer eine akzeptable Vergütung ihres Dienstes bekämen. Diese Notwendigkeit bleibt weiterhin bestehen. Auch heute vermögen es viele Gemeinden nicht, die Vergütung ihres Pfarrers aufzubringen. Und dann ist es sehr gut, wenn es die BVSG gibt, die etwas für die Vergütung dazutun können. Zur Zeit haben wir 70 bis 80 solcher Pfarrer. Was wäre aus ihnen geworden, wenn es dieses System nicht gegeben hätte? Was wäre aus ihnen geworden, wenn BVSG nicht die Zahlung ihrer Steuern übernommen hätte? Was wäre aus den Gemeinden geworden, zu denen die Pfarrer nicht mehr hinfahren konnten? Unsere ausländischen Partner haben uns immer wieder gesagt, dass einer der entscheidenden Gründe für unsere wirtschaftlichen Schwierigkeiten darin läge, dass wir unsere vielen viel zu kleine Gemeinden behalten möchten, die nicht in der Lage sind, ihre Pfarrer zu vergüten. Und dennoch möchten wir die dünn besiedelten Landgemeinden nicht verlassen. Gerade dort ist BVSG wichtig.
Dieses System ist ja nicht einfach gekommen, um ein anderes gut funktionierendes System zu unterhöhlen. Im Jahr 2007 betrug der durchschnittliche Monatslohn eines Pfarrers weniger als 100 Lats, und die Unzufriedenheit war gewaltig. Natürlich kann man heute die Entwicklung bedauern und nach Möglichkeit Fehler korrigieren, die gemacht wurden bei der Verwirklichung des Vorhabens. Ich muss zugeben, dass ein anderes Projekt von BVSG besser gewesen wäre.
- War es nicht so, dass BVSG blühende Traditionen in manchen Gemeinden zuschüttete? Die Gemeinden brauchten nicht mehr für die Vergütung ihrer Pfarrer zu kämpfen, denn für sie tat das BVSG.
- Das wäre menschlich verständlich, doch müssen wir uns davon überzeugen, ob das wirklich so ist. Ich erinnere mich an den Bericht eines Propstes in einer Versammlung seiner Propstei, dass während der Krise die Summe der Spenden nur um 2 % zurückgegangen sei. Es ist nicht so, dass die Gemeindeglieder zu spenden aufgehört hätten, aber ihre Möglichkeiten haben sich verringert. Es kann durchaus sein, dass BVSG es den Gemeinden ermöglichte, sich hinzustrecken und die Vergütung des Pfarrers nicht mehr als ihre Priorität zu betrachten. Sollte das der Fall sein, dann sollte man wenigstens erkennen, dass man der Vergütung des Pfarrers wieder größere Beachtung schenken müsste. Wir reden doch von vernünftigen Menschen, von unseren Gemeindegliedern.
- Es ist schon überraschend zu sehen, wie sehr die Vorgänge in der Kirche und in der Gesellschaft insgesamt einander ähnlich sind. In den fetten Jahren waren wir leichtfertig, und in den Zeiten der wirtschaftlichen Krise sind wir gezwungen, unsere Tätigkeit einzuschränken. Was ist dafür die Ursache?

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- Was soll ich dazu sagen? Offenbar waren die Beschlüsse und Methoden unserer Kirchenleitung denen in der Gesellschaft ähnlich. Offensichtlich waren viele Wunschvorstellungen und Motivationen einander ähnlich. Als wir sahen, dass der Wert unseres Besitzes in astronomische Höhen kletterte, beschlossen wir, dass wir alles können würden und Vollgas geben könnten. Das war ja gut gemeint und die Pläne waren auch nicht unbegründet. Wir hatten Eigentum und unterschriebene Verträge. Alles hätte eigentlich gelingen müssen. Doch während meiner Einkehr musste ich darüber nachdenken, ob diese Vorgänge, selbst bei einem guten Gelingen nicht mit der „dritten Art der Demut“ zu vergleichen wäre: Christus so sehr zu lieben, dass man an seinem Schicksal Anteil haben möchte und daher Gott darum bittet, mich in Seinen Dienst zu stellen in der gleichen Verstoßenheit, Erniedrigung, mit den gleichen Verletzungen und in wirklicher Armut wie Ihn? Ich weiß nicht, ob viele von uns in der Lage gewesen wären darum von Herzen zu beten, als wir BVSG planten? Und wenn das der Fall gewesen wäre, dann wäre unser Dienst ganz anders gewesen, vielleicht auch das Spenden und Miteinander Teilen. Aber wir gingen in eine andere Richtung, denn wir haben nicht viel in diesen Kategorien gedacht. Sehen Sie, dort erkenne ich meine nicht geleistete Arbeit, wofür ich viel mehr Vorwürfe verdient hätte als für die versäumte Aufsicht bei den Finanzen.
- Nach ihrem Aufbau ist unsere Kirche synodal – episkopal. Wie betrachten Sie die Rolle der Synode und der Bischöfe bei der Arbeit der Kirche?
- Das können wir in der Verfassung nachlesen. Dort werden diese Rollen recht erschöpfend beschrieben. Die Rolle der Synode wird zur Zeit durch deren Zusammensetzung behindert. Sie hat die allergrößten Vollmachten. Doch diese große Versammlung vermag es nicht, operativ tätig zu werden. Die Behandlung und Beratung von Fragen dauert lange und ist schwerfällig. 2001 gab es in der Synode den Antrag, sich mit einem Bestand von 40 sachkundigen Mitgliedern zu begnügen, die zwei Mal im Jahr zusammenkommen. Dann könnte die Synode auch über den Haushalt abstimmen, und auch auf anderen Gebieten würde ihre Bedeutung wachsen. Stattdessen war auch eine Kirchenversammlung in der Stärke der jetzigen Synode vorgesehen, die einmal in drei Jahren zusammentritt und die Beschlüsse fasst über wichtige gemeinsame Dinge, wie die Verfassung, die Agende oder das Gesangbuch. Diesen Antrag lehnte die Synode ab, und das führte dazu, dass der Oberkirchenrat und die Bischöfe größere Vollmachten bekamen. Ganz allgemein ausgedrückt, ist die Synode die Gesetzgeberin und die Bischöfe machen von diesen Gesetzen Gebrauch. Ich bin der Ansicht, dass der Dienst der Bischöfe sich stärker auf die Predigt, die Lehre, die Aufsicht über die Lehre, die Mission, Diakonie, den Unterricht beziehen und die wirtschaftliche und verwaltungsmäßige Seite der Kompetenz des Oberkirchenrats überlassen sollte.
- Ist es möglich, die jetzige Ordnung schnell zu ändern?
- Eine Verfassung ist keine Angelegenheit, die sehr schnell verändert werden darf. Wie ich bereits sagte, ist der Weg der Verhandlungen in der Synode lang und schwerfällig, besonders bei solchen Fragen. In der Synode im Dezember wird es nicht möglich sein, diese Fragen auf die Tagesordnung zu setzen. Sicher aber bis zur Synode 2013. Doch davor muss sorgfältig überlegt werden, denn es geht um große Veränderungen, die sorgfältig beurteilt werden müssen. Vielleicht würde es auch einfach mit Änderung der Zusammensetzung des Oberkirchenrats, der Wahlordnung und der Verteilung der Aufgabengebiete genügen.
Manches Mal höre ich, dass die neue Verfassung sehr episkopal geworden sei, und dadurch ihren synodal – episkopalen Charakter verloren hätte. Darüber kann man diskutieren. Ich würde meinerseits sagen, dass in ihr die Rechte und Pflichten der Bischöfe deutlicher beschrieben werden. In der Verfassung des Jahres 1928 sind sie sehr allgemein formuliert. So heißt es zum Beispiel dort „der Bischof gibt den Pröpsten, Pfarrern und geistlichen

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Mitarbeitern Anweisungen.“ Was für Anweisungen? Offensichtlich irgendwelche. Eigentlich bedeutet das doch entweder gar nichts, oder dass seine Befugnisse uneingeschränkt sind. Die neue Verfassung beschreibt viel deutlicher, was und in welchen Fällen der Bischof etwas bestimmen darf. Oft wird als Beispiel angeführt, dass ein Bischof jetzt Pröpste einsetzt. Doch hier sollte man die ganze Wahrheit sagen. Der Bischof setzt sie auf Grund einer von der Propsteiversammlung vorgelegten Liste der Kandidaten ein. Diese Ordnung ist tatsächlich synodal – episkopal und trägt dazu bei, die Sicherheit zu gewähren, dass der Propst das Vertrauen seiner Propstei genießt und gut mit seinem Bischof zusammenarbeiten kann. Vergleichen wir das mit der schwedischen Kirche. Dort kann ein Bischof einen Propst nach seinem Gutdünken einsetzen, und so ist das auch in einnigen anderen lutherischen Kirchen. Übrigens stützt sich die neue Verfassung nirgends auf das römisch – katholische Kirchenverständnis, wie es hier und dort behauptet wird. Als wir im Jahr 1994 daran zu arbeiten begannen, nahmen wir uns den Aufbau der schwedischen Kirche zum Vorbild. Kürzer ausgedrückt: die neue Verfassung mag nicht vollkommen sein, und wir können fortfahren, sie immer vollkommener zu machen, aber ich entdecke in ihr keine solchen Vergehen, wie man sie ihr andichtet.
- Was denken Sie über den im Aufruf der Pfarrer der Propstei Riga enthaltenen Vorschlag, dass die Synode den Oberkirchenrat wählt, dass die Propstei den Propst wählt, dass der Kirchenvorstand den Pfarrer wählt und darüber, dass ein Bischof nicht auf Lebenszeit gewählt wird und die Synode darüber entscheidet, ob er seinen Dienst als Bischof fortsetzen darf?
- Zu der Wahl eines Propstes habe ich bereits etwas gesagt. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass bei Angelegenheiten der Gemeinde und bei Fragen des Dienstes eines Pfarrers das gegenwärtige Kapitel, in dem die Propstei durch den Propst vertreten ist, eine viel bessere und arbeitsfähigere Lösung ist als seinerzeit das von der Synode gewählte Konsistorium. In jeder Propstei ist ein Mitglied des Oberkirchenrats zugegen, das alles weiß, was dort beschlossen wird und weshalb das geschehen ist. Im Kapitel ist jemand zugegen, der die Kirchengemeinden, die Propstei und die Anliegen der Pfarrer kennt. Diesen Aufbau zu zerstören, wäre für die Kirche ein großer Verlust. Das würde auch die Stellung eines Propstes im Gesamtaufbau der Kirche undeutlicher machen. Die Ordnung, dass auch die Leiter der Dezernate zum Oberkirchenrat gehören, war vielleicht keine glückliche Lösung, denn so müssen sie über ihren eigenen Haushalt und die eigenen Pläne mit abstimmen. Hier werden sicher Veränderungen notwendig sein, doch mit Bedacht.
Die Idee, dass eine Gemeinde ihren Pfarrer selbst wählt, scheint mir sehr gut zu sein. Bisher war sie nur schwer zu verwirklichen, denn wir hatten großen Pfarrermangel, und wir mussten darauf achten, dass nicht ganze Gebiete ohne den Dienst eines Pfarrers blieben. Im Augenblick haben wir nicht mehr so viele Vakanzen und es studieren viele Ordinationskandidaten, so dass die Gemeinden Pfarrer berufen und wählen können. Nur darf das nicht die einzige Weise sein, nach der ein Pfarrer in eine Gemeinde kommt. Vor einiger Zeit war eine Kirchengemeinde längere Zeit vakant. Sie hatte 18 Pfarrer angesprochen, doch keiner von ihnen wollte kommen. Es muss jemanden geben, der die Sache einer Lösung zuführen kann, zum Beispiel im Dezernat für Angelegenheiten der Kirchengemeinden.
Komplizierter ist die Frage nach der Verlängerung der Vollmachten eines Bischofs. Ich sage das nicht, weil ich dabei an mich selbst denke, denn dieses Mal möchte ich selbst die Synode darum bitten, das zu tun. Einerseits kann man bei dieser Lösung Vorteile entdecken. In anderen Kirchen werden die Bischöfe meistens erst gewählt, wenn sie mindesten 50 Jahre alt sind. Und dennoch erscheint die Zeit bis zur Emeritierung recht lang. Unsere Geistlichen sind im Durchschnitt recht jung, so dass man davon ausgehen kann, dass sie 30 Jahre oder länger

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im Amt bleiben, und das ist sehr lange. Wenn ein Bischof müde wird, oder ihm sein Dienst aus einem anderen Grunde nicht gelingen will, hat er leichter die Möglichkeit eines Wechsels. Das vergrößert aber auch seine Verantwortung gegenüber der Kirche. Doch ich erkenne auch Mängel.. Eine solche Amtsverlängerung wird weder im Text und den Prinzipien der Verfassung des Jahres 1928 noch des Jahres 1996 erwähnt Nicht deshalb, weil die Gründerväter sie möglicherweise einzutragen vergessen hätten, sondern weil eine Neubestätigung nicht den in unserer Kirche bestehenden Grundsätzen vom Bischofsamt entsprach. Auch in der Bibel werden Bischöfe, Presbyter oder Diakone nicht neu bestätigt oder neu gewählt. Eine solche Neubestätigung erweckt den Eindruck, dass die Kirche ihre Bischöfe eher als Präsidenten betrachtete, und dadurch sich von den Prinzipien der Verfassung des Jahres 1928 distanziert hätte. Periodische Um- oder Neuwahlen machen einen Bischof zu einer politischen Figur und bringen in die Kirche regelmäßig die Wahlkampfatmosphäre hinein. Ich sehe auch praktische Schwierigkeiten, wie man die besten Bewerber um das Bischofsamt dazu überreden könnte. Ich weiß wirklich nicht, ob ein in seiner Gemeinde sehr erfolgreicher Pfarrer bereit wäre, seine gut aufgebaute Gemeinde zu verlassen, und einem Ruf in ein kurzfristiges Bischofsamt und damit in eine unsichere Zukunft zu folgen. Auf jeden Fall: Sollte die Synode für eine periodische Verlängerung des Bischofsamtes stimmen, dann müsste sie konsequent sein und das auch bei den Pfarrern tun. So könnte eine Kirchengemeinde alle drei Jahre darüber abstimmen, ob sie ihren Pfarrer noch länger behalten möchte. Das mag das Verantwortungsgefühl eines Pfarrers gegenüber seiner Gemeinde stärken und auch dem dienstbereiten Nachwuchs die Möglichkeit schaffen, sich um eine neue Stelle zu bewerben.
- Sie sagten, dass es der Zweck, sich in die Einkehr zurückzuziehen, gewesen sei, den Willen Gottes im Blick auf Ihr Leben zu vernehmen. In gewissem Maße vertrauen Sie der Synode, dass sie diejenige ist, die Ihnen Gottes Willen mitteilt.
- Ja, das ist die Hauptsache, doch es gibt auch weitere Gründe. Erstens denke ich, dass nach allem aufregenden Geschehen die Synode die Gelegenheit haben müsste, ihren Willen in Bezug auf die Verantwortung der Kirchenleitung auszusprechen, deren erster Repräsentant ich bin. Wenn die Verfassung auch eine solche Abstimmung nicht vorsieht, ist es nur recht und billig, dass ich sie selbst herbeiführe. Zweitens kursieren sowohl in lettischer Sprache als auch in anderen Sprachen Bekanntmachungen um die Welt, dass niemand mehr unserer Kirchenleitung vertraut. Sollte das wirklich so sein, dann gibt es für mich keinen Anlass, nur noch einen Augenblick im Amt zu bleiben. Aber auch dann, wenn das nicht der Fall ist, so ist diese Meinung in den Medien und in privaten Kanälen weit verbreitet worden. Und deshalb kann ich nicht erkennen, wie ich ohne ein Votum der Synode mein Amt als Bischof fortsetzen und damit unsere Kirche gegenüber der Gesellschaft in Lettland und gegenüber anderen Kirchen vertreten könnte.
-Was wird das Erste sein, was Sie tun werden, falls die Synode Sie bitten sollte, im Amt des Erzbischofs zu verbleiben?
- Wenn die Synode das nicht tut, dann möchte ich fröhlich in den Gemeindedienst zurückkehren, denn ich bin dazu berufen und ordiniert, zu predigen, zu lehren, die Sakramente zu spenden und Seelsorge zu betreiben. Gott hat mir für die Finanzen und für die Wirtschaft keine Gaben geschenkt. Und wenn Gott jemandem keine solche Gaben beschert, dann beruft er ihn wohl auch nicht dazu. Wenn unser Bischofsamt so nah an die Wirtschaft und Finanzen herangerückt wird, dann bin ich offensichtlich auch nicht dazu berufen. Doch sollte die Synode der Meinung sein, dass ich meinen Dienst in diesem Amt fortsetzen sollte, dann werde ich zuerst bestrebt sein, einen Sekretär für den Oberkirchenrat zu finden, der in der Lage ist, die volle Verantwortung über die ganze Wirtschaft und Verwaltung des

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Oberkirchenrats zu übernehmen. Spätere Sekretäre können von der Synode gewählt werden, aber jetzt müssen wir ernsthaft überlegen, wie wir dem Prinzip der Auslese gerecht werden. Ich habe bereits einige bekannte Glieder unserer Kirche angesprochen, die erfolgreiche Unternehmer sind, ob sie nötigenfalls bereit wären, uns mit ihrem Rat bei wirtschaftlichen Fragen zu helfen.
Natürlich können Bischöfe die Verantwortung auch bei wirtschaftlichen und verwaltungsmäßigen Fragen nicht abschieben, wenn sie die Gemeinden, Pfarrer, Dezernate und weiteres betreffen. Doch für das Wesentlichste am Dienst eines Bischofs halte ich die Visitation der Gemeinden, die Förderung der Bereitschaft zur Mission, die Begegnung mit Menschen, Kontakte mit den Schulen zu suchen und anderen dabei zu helfen, zum Beispiele Vorträge über die Verantwortung des Christen heute anzubieten. Falls notwendig, den Kirchengemeinden bei der Herstellung von Kontakten mit den Behörden zu helfen. Die Bischöfe müssen besser hörbar werden in der Gesellschaft, besonders bei sozialen Fragen. Es wird an Arbeit nicht mangeln, es müssen nur die Prioritäten richtig festgesetzt werden. Doch zu allererst möchte ich den Pfarrern und kirchlichen Mitarbeitern helfen, tiefere Erfahrungen mit der Bibel und mit Gott zu machen, was für mich so hilfreich und heilsam war. Ich möchte ein Helfer im Dienst und Seelsorger sein. Das habe ich für mich beschlossen, ganz gleich in welchem Amt oder Status. Davor habe ich allerdings das Bedürfnis, ein wenig Zeit dem Studium zu widmen, um für die Aufgaben gerüstet zu sein.
Ich habe aber den Eindruck, dass es auch nach der Synode manche Dinge geben wird, die noch nicht angesprochen wurden.. Diskussionen, die soeben begonnen wurden, müssen fortgesetzt werden. Dafür müssen Zeit und Möglichkeiten geschaffen werden. Das betrifft die hier angesprochenen Fragen ebenso wie alles, was wir sonst noch auf dem Herzen haben. Nur die Form sollten wir verändern. Es wäre konstruktiver, wenn man zu mir oder zum Bischofskollegium käme, um das mit uns zu besprechen und es dann, falls es als notwendig erscheint, in einem größeren Rahmen zu verbreiten. Das Versenden von Bekanntmachungen sollte erst der letzte Schritt sein
– Haben die Bischöfe bei der Vorbereitung der Synode eine bestimmte Vision, die sie vorlegen möchten: Was für eine Kirche möchten wir sein und in welche Richtung möchten wir gehen?
- Die Tagesordnung der Synode sieht Berichte der Bischöfe vor, und etwas werden sie ganz bestimmt sagen wollen. Heute möchte ich nur soviel sagen: Die Richtlinien für eine Vision hat uns unser Herr selbst gegeben: Lebt miteinander wie Brüder und Schwestern und seid so gesinnt wie es Christus auch war. Tut das zu meinem Gedächtnis. Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Sorgt für die Armen, die Witwen und Waisen. Dem kann man nicht mehr viel hinzufügen oder fortnehmen, sondern darauf achten, wie man es noch besser machen kann. Ich denke, dass es noch fruchtbarer ist als die Vorstellung irgendwelcher Visionen vor irgendeinem großen Publikum, wenn jede Kirchengemeinde ihre eigene Vision entdeckt in der bestimmten Situation, in der wir sind. Dort wo wir sind, darüber, was wir erreichen möchten, und welche Möglichkeiten wir haben, um das zu bewirken…

Auch mir erscheint das wichtig Romāns Ganiņš, Leiter des Eigentumsdezernates.
Während der vergangenen Jahre habe ich es vermieden, mich an den Debatten über die aktuellen Dinge in der ELKL zu beteiligen, und das aus zwei Gründen: Ich war durch die Arbeit im Eigentumsdezernat sehr stark ausgelastet und nie der Ansicht, dass die inneren Angelegenheiten der Kirche (nach der Aussage der Heiligen Schrift) nicht in der Öffentlichkeit beraten werden dürfen. Während der gleichen Zeit habe ich an allen Versammlungen teilgenommen, zu denen ich eingeladen war, um mit den Anwesenden zu

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reden, wo es vorgesehen war (darunter auch bei den Konventen der Propstei Riga). Bei dem Lesen des Berichtes über den Konvent am 9. Oktober in unserer Kirchenzeitung mit dessen offenen Brief der Teilnehmer sowie dem Beitrag von Indulis Paičs „Was uns wichtig erscheint“ fühlte ich mich aufgefordert, meinen Standpunkt den Lesern von SR darzulegen. Über das in den verschiedenen Beiträgen Gesagte habe ich mir sehr viele Anmerkungen gemacht, doch möchte ich nur auf einige, und zwar auf die nach meiner Meinung wichtigsten Aussagen im Beitrag von Indulis Paičs in SR Nr. 13 (der auch in der deutschen Übersetzung der Nr. 13 vorliegt) eingehen.
Über die Methoden in den Dingen des Reiches Gottes. Der Autor des Beitrags sagt in der Einleitung, dass „bei den Dingen des Reiches Gottes die Methoden nicht selten wichtiger seien als konkrete Erfolge“. Amen! Auch ich bemühe mich, nach diesem Prinzip zu leben und meinen Dienst zu tun. Doch weiter können wir bedauerlicherweise eine Menge entstellter Informationen lesen. Zum Beispiel: „Schließlich wurde zum Krisenpreis das wertvollste Gebäude der ELKL auf dem Domplatz 1 veräußert.“ Erstens ist dieses Gebäude nicht das wertvollste Gebäude der ELKL und auch nicht zum Krisenpreis , sondern für einen sehr guten Preis verkauft worden. Das kann jeder in Immobiliendingen bewanderte Experte bestätigen. Leider waren wohl die Berater von Indulis Paičs darauf aus gewesen, den Autor falsch zu informieren. Denn wie sollte es sonst zu erklären sein dass solche unwahren Dinge (von denen ich nur dieses eine als Beispiel nenne) in seinen Beitrag gekommen sind, und ob das die richtigen Methoden des Umgangs im Reiche Gottes sind.?!
Merkwürdig ist auch der Teil des Textes im Aufruf der Teilnehmer am Konvent, dass der Dialog zwischen der Kirchenleitung der ELKL und den Pfarrern, Kirchengemeinden und Propsteien unbefriedigend sei, weil viele Amtsträger des Oberkirchenrats trotz der Aufforderung der Propsteikonvente, von ihren Ämtern zurückzutreten, ihre Tätigkeit dort fortsetzen würden. Ist das wirklich ein Dialog, wenn die eine Seite ohne Einwände die ultimativen Forderungen der anderen Seite erfüllt? Traurig erscheint mir auch die Tatsache, dass man in einigen Pfarrkonventen in meiner Abwesenheit mir einige Sünden und Übertretungen angedichtet hat, und dabei offensichtlich keiner der Redner auf den Gedanken gekommen ist, sich an die in der Heiligen Schrift bestimmte Ordnung zu halten – zuerst darauf in einem Gespräch unter vier Augen aufmerksam zu machen, und wenn dadurch nichts erreicht wird, Zeugen hinzu zu bitten, und wenn dadurch auch nichts erreicht wird, die Sache der Gemeinde vorzutragen. Niemand ist zu mir gekommen und hat mir etwas Konkretes vorgetragen, was geändert werden müsste! Mich persönlich stört es nicht, dass man über mich hinter meinem Rücken redet, aber wohl, dass dieses von Pfarrern getan wird. Ich rufe alle, die etwas gegen mich vorzubringen haben, dazu auf, zu mir zu kommen und mir das zu sagen. Ich bin noch nie solchen Gesprächen ausgewichen, denn ich weiß, dass ich nicht frei von Fehlern bin. Ich habe mich bemüht, meine Fehler auch in Diözesanversammlungen einzugestehen. Sollte es noch weitere geben, dann sagt sie mir! Ich denke, dass das die richtigen Methoden im Reich Gottes sein werden.
Über den Rücktritt vom Amt. Bereits im März habe ich den Teilnehmern am Propsteikonvent in Riga bei der Beantwortung dieser Frage erklärt, dass ich keinen Augenblick an diesem Amt kleben und es unverzüglich verlassen würde, wenn das die Kirchenleitung der ELKL beschließt würde – das sind nach der Verfassung das Bischofskollegium und das Kapitel, die täglich mit der Arbeit der Dezernatsleiter in Berührung kommen und diese objektiv beurteilen können. Ich meine, dass ich als Dezernatsleiter mich selbst nicht genügend objektiv beurteilen kann und habe das denen anvertraut, denen die Verfassung das zuspricht, und daran glaube, dass dadurch auch Gottes Wille im Bezug auf meinen weiteren Dienst offenbar werden wird. Ebenso habe ich auch

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betont, dass ich zur Fortsetzung meines Dienstes bereit bin, und auch dafür zu kämpfen, die Kirche aus der Finanzkrise hinauszuführen. Ich denke, dass verantwortliches Handeln kein Ausweichen und Entfliehen von zugelassenen Fehlern bedeutet, sondern das Eingeständnis der Fehler und das Bemühen, sie mit Gottes Hilfe zu korrigieren. Da das Kapitel beschlossen hatte, dass ich meinen Dienst fortsetzen sollte, habe ich das auch von ganzem Herzen gerne getan. Und dabei ist es mir nie gleichgültig gewesen, welcher Auffassung die Vertreter der Kirchengemeinden waren. Dabei habe ich sowohl kritische als auch zustimmende Standpunkte angehört, welche die Mehrheit bildeten (mindestens bei denen, die mir persönlich vorgetragen wurden). Dank dieses Ansporns durch die Vertreter vieler Kirchengemeinden habe ich meinen Dienst in dem Bewusstsein fortsetzen können, dass er in der Kirche benötigt würde. Dafür danke ich allen.
Über die Verfassung. Bei dieser Sache gibt es einige Dinge, die auf die Unvollkommenheit der Vorschläge des Konvents der Propstei Riga hinweisen.
1. Die im Jahr 2007 beschlossene Verfassung wird als uneffektiv bezeichnet. Es ist jetzt sicher verfrüht, Schlüsse zu ziehen, weil ja die Verfassung soeben beschlossen worden ist und man über deren Effektivität erst frühestens nach fünf bis zehn Jahren ein Urteil abgeben können wird, nachdem die beschlossenen Korrekturen in Kraft getreten sind.
2. Die Vorschläge enthalten auch die Aufforderung sich der Verfassung des Jahres anzuschließen, in der die Bischöfe die geistliche und nicht die verwaltungsmäßige Macht vertreten würden. Gleichzeitig wird dazu aufgerufen, alle sechs Jahre zu beschließen, ob die administrativen Vollmachten eines Bischofs verlängert werden sollten. Ist das nicht ein Widerspruch?
3. Im Aufruf setzt man sich sehr für die Verfassung des Jahres 1928 ein, nach der alle Propsteien durch eine Vertretung im Oberkirchenrat vertreten seien. Auch die Verfassung des Jahres 2007 garantiert die Vertretung alles Propsteien im Oberkirchenrat. Alle Pröpste sind Mitglieder des Kapitels als dem wichtigsten Gremium des Oberkirchenrates.
4. Einige Autoren dieses Aufrufes unterstützen sehr die demokratischen Prinzipien, doch gleichzeitig haben sie bei ihren Korrekturen sehr undemokratische Prinzipien verkündigt- die Abstimmung in drei Kammern bei der Synode, bei der eine Minderheit jeden Mehrheitsbeschluss blockieren könnte. Nach diesem Vorschlag könnten sogar 2 Stimmen einen von 400 Stimmen für etwas gefassten Beschluss blockieren. Weshalb diese fehlende Übereinstimmung zwischen Worten und Taten?
5. Jetzt regen einige Autoren dieser Vorschläge sogar eine neue Version an. Sie möchten zur Verfassung des Jahres 1996 zurückkehren! Wo bleiben da noch die Konsequenzen?
Bei dem Lesen und Anhören dieser widersprüchlichen, nicht überzeugenden und inkonsequenten Vorschläge zur Einführung einer neuen Verfassung bezweifle ich, ob die Verfasser überhaupt begriffen haben, wozu sie aufrufen möchten. Ich habe vielmehr den Eindruck, dass der Verfassung (die ja von Menschen erstellt wird) eine viel zu große Bedeutung angedichtet wird, und dass diese Autoren es versäumt haben, ihren Standpunkt durch die Heilige Schrift zu begründen. Ich denke, dass die jetzt geltende Verfassung gut genug ist und nur ganz geringfügiger Korrekturen bedarf. Ich bin auch davon überzeugt, dass die gegenwärtige Verfassung nicht die Ursache für die jetzige finanzielle und geistliche Krise ist, und dass deren Veränderung auch nicht die Überwindung der einen oder anderen bedeuten würde. Die wahren Ursachen liegen bei uns selbst, und wenn wir uns selbst ändern werden, dann werden wir auch die Situation in unserer Kirche ändern. Nur müssen wir dann auch uns alle ändern.! Dann werden wir auch gemeinsam die geltende Verfassung ändern und in Kraft setzen können.

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Über das Anhören und die Diskussion aller Argumente. In seinem Beitrag bezweifelt Indulis Paičs, dass die Synode in der Lage gewesen sei, aus Zeitgründen alle Argumente zur Kenntnis zu nehmen. Darüber wurde viel geredet, und auch die Vertreter der Revisionskommission haben darauf hingewiesen, dass die Debatten und Diskussionen eigentlich bereits davor in den Propsteisynoden und nicht auf der Synode der ELKL stattfinden müssten. Das war bereits vor der letzten Synode der Fall und wird auch jetzt der Fall sein. Ich danke allen, die es für notwendig erachtet haben, sich an diesen Versammlungen zu beteiligen und ihr Scherflein dazu beizusteuern. Wir haben sehr wertvolle und hilfreiche Vorschläge erhalten. Einer von ihnen ist, dass man diese Versammlungen jedes Jahr stattfinden lassen sollte. Diesem Vorschlag möchte ich mich auch anschließen, denn auf die Synode müssen wir uns lange vor dem festgesetzen Termin vorbereiten. Deshalb empfehle ich dringend, die Beratung dieser Fragen von den Massenmedien auf diese Versammlungen zu verlagern.
Ein Pfarrer hat mich einmal gelehrt, dass es nicht diejenigen seien, die uns lieben, sondern diejenigen, die uns krtisieren, und die wir am schwersten ertragen können, welche unser geistliches Wachstum fördern, denn durch sie entdecken wir unsere Unvollkommenheit. Das glaube ich auch und werde fortfahren, für alle zu beten – sowohl für die, welche mir beipflichten, als auch für die, welche mich kritisieren. Und ich bitte euch, dasselbe zu tun, damit unsere Kirche durch unser gemeinsames Bemühen besser würde und schließlich so aussehe, wie sie nach der Heiilgen Schrift aussehen müsste und sich nicht im Streit um Wirtschaft, Verwaltung und einzelne Paragraphen der Verfassung zerriebe.

Über den lutherischen Gottesdienst Vilis Kolms
Ich habe den Beitrag von Herrn Dekan Dr. Ralfs Kokins „Ein lutherischer Pfarrer denkt über die Situation unserer Kirche nach“ in unserer Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“ gelesen. Auch ich mache mir Sorgen um unsere lutherische liturgische Tradition, und ich bin Herrn Dr. Kokins für seinen Impuls zur Diskussion sehr dankbar.
Durch den ganzen Beitrag hindurch kann man die schmerzliche Frage verspüren, ob in unserer Kirche nicht Dinge geschehen, die ihr nach ihrem Wesen fremd sind.? Dabei wendet er sich an einigen Stellen dem Ablauf des Gottesdienstes zu. So schreibt Dr. Kokins: „Der Protestantismus empfindet alle äußerlichen Handlungen in der Messe (mit Gewändern, Prozessionen, Verbeugungen, Weihrauch, Glöckchen, dramatischem Sich Bekreuzigen, zu Boden Fallen und Liegenbleiben und dabei „mea culpa“ zu intonieren und anderen seltsamen Gebräuchen) reichlich theatralisch aufgesetzt und als einen traurigen Leergang, wenn sie in einer evangelischen Kirche geschehen.“ Dann beschreibt er das lutherische Ideal eines Gottesdienst recht kurz:: Der lutherische Gottesdienst ist bewundernswert in seiner Schlichtheit, Herzlichkeit und aristokratischen Würde. „
Mein erster Einwand entsteht bei mir bei der Beschreibung unserer liturgischen Situation. Der Beitrag lässt eine Szene entstehen, die den Eindruck macht, dass die Gemeinden ganz andere Messen feiern würden, in dem die Gemeindeglieder in Begleitung des Klanges von Glöckchen und dramatischem Sich Bekreuzigen zu Boden fallen und lateinisch das „mea culpa“ intonieren würden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man die von Dr. Kokins beschriebenen Elemente im Ablauf des Gottesdienst auf keinen Fall als in unserer Kirche allgemein übliche Praxis bezeichnen kann, und ich hoffe, dass sich der Autor bei dieser Schilderung nicht von eigenen Erfahrungen hat leiten lassen.
Mein zweiter Einwand entsteht bei der Betrachtung des lutherischen Gottesdienstes insgesamt, und was dabei als lutherisches Kennzeichen beschrieben wird.: Schlichtheit, Herzlichkeit und aristokratische Würde. Natürlich ist es nicht töricht, den lutherischen

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Gottesdienst so zu beschreiben, und auf ähnliche Weise hat der Vater unserer liturgischen Erneuerung Professor Roberts Feldmanis auch über den Gottesdienst gesprochen. Dennoch können das nicht die einzigen Kriterien sein. Es ist möglich, den Gottesdienst im schwarzen Talar mit einer hoch entfalteten Gottesdienstordnung zu halten (zum Beispiel einen Gottesdienst, dessen Ordnung durch Vorträge von Gastkünstlern unterbrochen wird, welche dem Inhalt eines Gottesdienstes in keiner Weise entsprechen), und es ist möglich, den Gottesdienst in liturgischen Gewändern zu feiern mit einem Einzug zu Beginn und mit einem Auszug am Ende des Gottesdienstes.und dem Sich Bekreuzigen in einem ganz schlichten Gottesdienst von aristokratischer Würde. Offensichtlich ist es nicht nur die Schlichtheit und die aristokratische Würde, was den Gottesdienst prägt und die lutherische Messe ihrem Wesen nach von der römisch – katholischen Messe unterscheidet (ganz bewusst gebrauche ich bei den Gottesdiensten westlicher Prägung in beiden Fällen den Ausdruck „Messe“, denn auch Luther bezeichnet die beiden von ihm erstellten Gottesdienstordnungen als Messen und im Augsburger Bekenntnis wird sehr stark betont, dass die Vorwürfe, die gegen die Reformatoren erhoben würden, dass sie die Messe abschaffen wollten, jeder Wahrheit entbehrten). Der Zugang Luthers zum Gottesdienst war ganz einfach. Die Form des Gottesdienstes wäre nicht von entscheidender Bedeutung (deshalb war es den Zeitgenossen Luthers lange Jahre nicht möglich, ihn dazu zu überreden die Ordnung eines Gottesdienstes als Muster zu erstellen, das der reformatorischen Theologie entspricht). Das Wichtigste ist für Luther, dass der Gottesdienst der Träger des Evangeliums in das Volk ist. Er ist der Ort an dem sich das Wort Gottes, das er zu den Menschen spricht und die Antwort der Menschen, die sie Gott geben, treffen, also an dem sich, kürzer ausgedrückt, Gott und der Mensch begegnen. Dr. Kokins schreibt: „Gott redet mit seinem Volk/ seinen Kindern/ seiner Gemeinde durch Wort und Sakrament und wir antworten Ihm mit Gebet und Lobgesang.“ Dieses ist ein geringfügig erweitertes Zitat aus einer Predigt Luthers, die er im Jahr 1546 bei der Weihe der Schlosskirche zu Torgau gehalten hatte, und in der er sehr zutreffend das beschreibt, was im Gottesdienst geschieht, und in der er auch alles erwähnt, was der oben erwähnte Beitrag von Dr. Kokinsals als für einen lutherischen Gottesdienst fremd bezeichnet (wie Prozessionen, Niederknieen usw) , was seinem Wesen nach dem Grundsatz „Gott redet mit uns und wir reden mit Gott“ nicht widerspricht, wenn wir von den wesentlichen Unterschieden zur römischen Messe des Mittelaltrers sprechen. Diese Unterschiede werden an einer völlig anderen Stelle deutlich: bei der Kritik an der Theologie des Messopfers, die von der lutherischen Lehre von der Gnade und Rechtfertigung ausgeht und bei der die Verkündigung des Evangeliums dem Volk den Hauptakzent erhält. Die lutherische Kirche betont, dass der Dienst Gottes an den Menschen an der ersten Stelle steht und nicht der Dienst der Menschen an Gott. Das unterstreicht Dr. Kokins ganz zu Recht. Ich kann es wirklich nicht glauben, dass irgendeine lutherische Kirchengemeinde in Lettland mit Worten, Werken oder auf eine andere Weise es versuchen sollte, das Messopfer nach mittelalterlichem Verständnis wieder einzuführen. Ein weiteres Kennzeichen für den lutherischen Gottesdienst ist die Austeilung des Abendmahles nach dem Evangelium in beiderlei Gestalt. Somit behält der Gottesdienst in jeder lutherischen Gemeinde, wie auch immer er sich äußerlich darstellen mag, seine Kennzeichen bei: dort wird Gottes Wort gepredigt und die Gemeindeglieder erfüllen ihren Auftrag des Allgemeinen Priestertums und sind am Gottesdienst aktiv beteiligt durch Gebet und Lobgesang und empfangen im Abendmahl den Leib und das Blut unseres Herrn Jesus Christus nach Seiner Verheißung. Wenn in einer Kirchengemeinde etwas von dem oben Erwähnten ausfällt, dann könnte man solch einen Gottesdienst eher als nicht lutherischen Gottesdienst betrachten. Gleichzeitig können wir auch bemerken, dass wir die Bilder, auf denen Luther bei seinem Dienst am Altar im Messgewand dargestellt wird,

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beiseite schieben und die Tatsache übersehen, dass die Abschaffung der Gewänder nicht auf Luther und die Reformation zurückgeht, sondern eher auf die Zeit der Aufklärung. Gott redet uns nicht nur verbal an, sondern auch mit Zeichen und Symbolen. Deshalb bedeutete Luther die Elevation (das Hochhalten der gesegneten Oblate und des gesegneten Kelches) im Heiligen Abendmahl sehr viel. Auch die Gemeinde antwortet nicht nur verbal, sondern auch durch das Hinknien und Aufstehen und durch das Einsammeln des Dankopfers. Unsere Vorstellung vom lutherischen Gottesdienst ist eigentlich die Vorstellung von seiner Gestalt im 19. Jahrhundert. Diese hat sich über viele Generationen von lettischen Lutheranern erhalten, und das sollten wir auch respektieren. Gleichzeitig sollten wir aber auch nicht ängstlich auf die Entwicklung unseres Gottesdienstes während der letzten Jahrzehnte schielen, denn die eine oder andere Empfehlung Luthers wird dort mehr beachtet als früher. Ganz sicher betrifft das die aktive Teilnahme der Gemeinde am Gottesdienst und das neue Verständnis von der Feier des Heiligen Abendmahles nach der Heiligen Schrift und dem Brauch in der Urkirche und der Kirche der Reformationszeit. Die Konsequenzen dieses neuen Verständnisses werden auch in der liturgischen Entwicklung deutlich und sie bedrohen in keiner Weise unser Luthertum.
Schließlich haben wir Lutheraner, unsere Identität zu pflegen und dabei nicht auf andere Konfessionen ängstlich zu blicken und uns darüber aufzuregen, wenn etwas, was wir in unseren Gottesdiensten tun, sich auch bei ihnen wiederfindet. Wenn uns das stören sollte, dann dürften wir auch nicht unseren Sonntagsgottesdienst feiern, denn – auch wenn uns das nicht gefallen mag – so singen wir ebenso wie die römischen Katholiken und die russischen Orthodoxen das „Herr, erbarme dich“ und das „Heilig“, sprechen das Glaubensbekenntnis, lesen in der Heiligen Schrift, sprechen das Gebet des Herrn und bekennen, dass unser Herr und Heiland im Heiligen Sakrament des Abendmahles leibhaftig zugegen ist.

„Initiative“ trifft sich dieses Mal in Riga. Ingrīda Briede
„Initiative Europa“ ist eine Organisation, die 1996 in Deutschland entstanden ist mit dem Ziel Menschen in ihren Berufen zu festigen, und das möchte sie in christlicher Verantwortung tun. Was dabei alles möglich ist, zeigen die etwa 550 Mitglieder dieser Organisation, die in der Volkswirtschaft, der Kirche, in Hochschulen tätig sind oder auch schöpferische Berufe vertreten. In 12 europäischen Ländern bietet „Initiative“ Seminare an über wirtschaftliche Themen, berät in wirtschaftlichen und unternehmerischen Fragen und lädt junge christliche Unternehmer aus osteuropäischen Ländern zu Hospitationen (Praktika) nach Deutschland ein. Wie beliebt und gefragt diese Aktivitäten sind, zeigt, dass nicht alle Interessierten einen Praktikumsplatz in Deutschland bekommen können, weil sie sich vorher einem Ausleseverfahren stellen müssen. Die Letten gehören hier zu den aktivsten Interessenten für ein Praktikum in Deutschland. Auch in diesem Jahr waren neue und aktive lettische Unternehmer bei deutschen Unternehmern zu Gast. So war Līga Pommere, der die Firma „Balt-go“ gehört bei der Firma „Ikarus Tours“ zu Gast, Kristīna Liepa von der Stiftung Dreifaltigkeitskirche in Liepaja (Libau) besuchte die Stiftung Dresdner Frauenkirche, Ināra Krīgere lernte Friseurgeschäfte in Deutschland kennen. Aiva Valdmane, von Beruf Lederkünstlerin, besuchte das Schuh- und Ledermuseum in Offenbach, traf sich mit mehreren Lederkünstlern in Deutschland und arbeitete mit ihnen und lernte dabei neue Technologien kennen. In diesem Jahr nahmen an diesen Praktika in Deutschland sowohl Letten als auch Russen aus Königsberg, Polem, Ungarn, Rumänen und ein Chinese aus Estland teil. Die große lettische Aktivität bei der Teilnahme an den Praktika war auch einer der Gründe dafür,

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weshalb der diesjährige Kongress von „Initiative“ vom 8. bis zum 10. Oktober in Riga und nicht in Deutschland stattfand. „Mit dieser Veranstaltung in Riga möchten wir uns bei der deutschen Gesellschaft „ Initiative“ für die Seminare und Praktika bedanken, sowie für den Erfahrungsaustausch mit deutschen Unternehmern und die Veranstaltung von Fahrten nach Deutschland.“, sagte Māra Liguta, die Vorsitzende von „Initiative Lettland“ Auch sie ist eine der mehr als 170 Hospitanten, die während der 10 Jahre sich zum Praktikum nach Deutschland auf den Weg gemacht hatten. Zur Zeit ist sie als vereidigte Revisorin tätig und Glied der Rigaer Luthergemeinde. Während der Konferenz konnten Praktikanten dieses und anderes aus dem vergangenen Jahr von dem berichten, was ihnen das Praktikum in Deutschland gegeben hat: Neue Ideen, Wissen und Geschäftskontakte. Sie waren voll des Lobes über die große Gastfreundschaft und das ihnen entgegengebrachte Interesse und alle Hilfe bei den Versuchen, die deutschen Traditionen und Kultur näher kennen zu lernen.
Diese Jahreskonferenz versammelte 150 Mitglieder von „Initiative Lettland“ und ehemalige Hospitanten im Hotel Radisson. Sie stellten den Gästen aus dem Ausland die wirtschaftlichen Probleme in Lettland sowie die lettische Kultur und die lettischen Traditionen vor. So hatten alle die Möglichkeit einen Vortrag von Landwirtschaftsminister Kampars über die Entwicklung der Landwirtschaft in Lettland anzuhören und den Dom zu Riga, die Altstadt und das Jugendstilviertel zu besichtigen und an Konzerten teilzunehmen. Es wurden auch Preise verliehen. So bekam in diesem Jahr Ilze Mediņa, der als Unternehmerin eine Bäckerei, ein Geschäft und ein Café in Talsi gehören, den Preis von „Initiative“.

Chefredakteurin: Inga Reča

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Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 18.11.2010)
Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Diese Ausgabe enthält das längste Interview, das Erzbischof Vanags jemals der lettischen Kirchenzeitung gegeben hat. Ich habe es ungekürzt übersetzt, und dadurch nehmen die jetzt stattfindenden Auseinandersetzungen über die Lage, einschließlich des Vorhabens des Erzbischofs, der Synode die Vertrauensfrage zu stellen, den bei weitem größten Raum in meiner Übersetzung ein.
Der erste Beitrag dieser Ausgabe spricht von der nunmehr 20 Jahre langen Partnerschaft mit der Ev.-luth. Landeskirche Sachsens. Ich bitte meine geduldigen und ausdauernden Leserinnen und Leser um Entschuldigung, dass ich bei der Übersetzung auch den Satz hineingenommen habe, in dem man sich meiner so freundlich erinnert hat. Im letzten Beitrag geht es um die Kontakte zu Unternehmern in Deutschland. Ich hoffe, dass ich meinen verehrten Leserinnen und Lesern damit nicht gar zu viel Lesestoff zugemutet habe, aber es gibt ja doch wieder eine Pause.
Ich wünsche allen lesebereiten Freunden und Freundinnen einen gesegneten Beginn eines neuen Kirchenjahres und nicht gar zu viel vorweihnachtliche Hektik. J. B.

Verfasst von: liefland | November 3, 2010

Ausgabe Nr. 13(1840 ) vom 9, Oktober 2010.

Ach Herr, wenn unsere Sünden uns verklagen, so hilf uns doch um deines Namens willen.
Jeremia 14,7.
Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.
19. Sonntag nach Trinitatis

Spalte der Chefredakteurin Inga Reča
… und die Reformation hört nie auf
Am 1. Oktober hat wieder unsere Werbungsaktion für das Abonnement unserer Kirchenzeitung im Jahr 2011 begonnen. Mit der lettischen Post haben wir einen Vertrag abgeschlossen, der besagt, dass SR im kommenden Jahr einmal monatlich ausgeliefert werden soll. im Umfang von 16 Seiten und farbig. Den größten Teil der Finanzierung tragen Menschen in Deutschland – sowohl der Martin Luther Bund als auch Privatpersonen, welche der Ansicht sind, dass das Empfangen von Informationen nicht nur ein Privileg derer sein kann, die „im Netz“ sind, d.h. die den Zugang zu einem Computer und zum Internet haben. denn auch noch im 21. Jahrhundert ist die gedruckte Presse für die meisten Leute in Lettland die einzige Möglichkeit der Information. Dazu sagte mir einer unserer Pfarrer folgendes. „Einsamen und kranken Gemeindegliedern kann ich keinen Computer hinbringen, aber unsere Kirchenzeitung doch.“
Dass SR jetzt nur einmal im Monat erscheint, ist nach der Meinung vieler Leser viel zu wenig, die auch bereit sind, unsere Kirchenzeitung finanziell mitzutragen. Einen Teil der Finanzen hat uns auch das Kapitel der ELKL bewilligt, aber unsere größte Hoffnung seid Ihr, liebe Leser und Abonnenten. Eure finanzielle Hilfe wird auch dafür maßgebend sein, ob ihr auch weiterhin in Eurem Briefkasten SR finden werdet. Das Emblem „Svētdienas Rīts“ ist auch von einmaligem kulturhistorischen Wert, denn es gibt in Lettland keine andere Zeitung, die mit einem unveränderten Namen bereits seit 90 Jahren erscheint (wobei wir natürlich die Jahre der sowjetischen Besatzung abziehen müssen).
Doch nun sind nicht allein die Jahre der Vergangenheit von Bedeutung. Es gibt in Lettland keine andere Zeitung, die uns über das Geschehen in UNSERER Kirche informiert. Und das nicht so, dass es Leute tun, die sonst mit der Kirche nichts zu tun haben, sondern wir selbst als Leute der Kirche, die sich nicht nur Sorgen machen, sondern denen es auch weh tut, wenn das Kirchenschiff ein Leck bekommen hat oder es auf einen Felsen aufgelaufen ist. Im Titel von Svētdienas Rīts ist als Unterttitel zu lesen „Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands“, das heißt, dass es deine und meine Zeitung ist, ganz gleich, ob du Gemeindeglied, diakonischer Mitarbeiter, Jugendlicher, Chorsänger, Pfarrer oder Bischof bist. Auch Du kannst Dich am Entstehen dieser Zeitung und damit unserer ganzen Kirche beteiligen. Wenn Du das bisher nicht so aufgefasst hast, dann bitte ich Dich, Deine Beziehung zu SR zu überdenken und zu REFORMIEREN. Wir können das nur im Rahmen der Freiheit unserer Demokratie, unserer Presse, unserer Aussagen und unseres Wortes tun, sonst lohnt es sich nicht, dafür das Papier zu verschwenden.

Aufruf der Teilnehmer am Pfarrkonvent der Propstei Riga.
Wir, die Teilnehmer am Pfarrkonvent am 19. Juli dieses Jahres, sind der Auffassung, dass die geistliche und wirtschaftliche Situation, in die während der letzten Jahre unsere geliebte Evangelisch – lutherische Kirche Lettlands hineingeraten ist, unverzügliche, unaufschiebbare und gleichzeitig sorgfältig überlegte Änderungen erfordert. Die Kirchenleitung und mit ihr die Verwaltungsinstitutionen verlieren mit jedem Tag immer mehr das Vertrauen der Kirchengemeinden und Pfarrer, die Unzufriedenheit mit der augenblicklichen Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie mit den Amtsträgern, die sie verantwortlich zu vertreten haben, wächst beständig, Wir möchten auch daran erinnern, dass im März dieses Jahres die Pfarrkonvente der Propsteien Riga, Kandava und Bauska sowie eine Diözesanversammlung
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in Daugavpils ihren Mangel an Vertrauen gegenüber den Leitern der Wirtschaft und Finanzen in der ELKL kundgetan und sie aufgefordert haben, von ihren Ämtern zurückzutreten. Trotzdem üben viele von ihnen ihre Dienstgeschäfte weiterhin wie bisher aus. Das heißt doch, dass der Dialog zwischen der Kirchenleitung der ELKL und den Kirchengemeinden Pfarrern und Propsteien nach unserer Ansicht höchst unbefriedigend verläuft, und dass bei diesen Beziehungen große Unklarheit, Unverständnis und Entfremdung herrscht. Man könnte sogar sagen, um einen Begriff aus dem Familienleben zu gebrauchen, dass eine tiefe Beziehungskrise eingetreten ist, die es nicht mehr vermag, selbst eine Lösung zu finden. Wir möchten darauf hinweisen, dass diese Situation, in welche die ELKL immer tiefer versinkt, mit jedem Tag unsere Gemeindearbeit negativ zu beeinflussen beginnt, den guten Ruf unserer Kirche in der Gesellschaft mindert, und zu einem nur schwer zu überwindenden Hindernis und zu einer Erschwernis bei dem Anbinden neuer Glieder an die Kirchengemeinde wird.
Dabei möchten wir zuerst alle gemeinsam und jeder einzeln unseren Anteil an der Verantwortung daran bekennen, was wir bewusst oder unbewusst getan oder unterlassen haben, was wir geredet oder verschwiegen haben, und was wir am Rande stehend betrachtet haben und damit die gegenwärtige finanzielle, wirtschaftliche und verwaltungsmäßige Situation zugelassen und gefördert haben. Gleichzeitig bekunden wir unsere aufrichtige Bereitschaft, von uns aus alles menschenmögliche zu tun, dass unsere Evangelisch – lutherische Kirche Lettlands so bald wie möglich eine Wiedergeburt und Erneuerung erfährt.
Im oben erwähnten Konvent haben wir uns sorgfältig mit dem in der Verfassung der ELKL aus dem Jahr 1928 vorgesehenen Modell der Leitung und Verwaltung unserer Kirche befasst und müssen zugestehen, dass diese durch eine effektive Verteilung des Gleichgewichtes der Verantwortung und Macht zwischen den verschiedenen Institutionen, dem Unterscheiden zwischen der Legislative und der Exekutive und deren Kontrolle, das zahlenmäßige Gleichgewicht zwischen Geistlichen und Nichtgeistlichen und die geistliche und nichtgeistliche Vertretung aller Propsteien in der Verwaltungsbehörde der ELKL, dem Oberkirchenrat, geprägt ist. Dieses Modell sieht das kollegiale Fassen von Beschlüssen vor und garantiert, dass der Bischof oder die Bischöfe die geistliche und nicht die administrative Macht vertreten. Gleichzeitig stellen wir fest, dass das Modell der Leitung und Verwaltung der ELKL, welches 2004 in Kraft gesetzt und in der Verfassung von 2007 bestätigt worden ist, sich nicht als effektives und leistungsfähiges Mittel für den Bau der Kirche erwiesen hat und die Hauptursache für die weiteren Irrwege der ELKL sind.
Aufgrund dieser Erkenntnisse fordern wir die Leitung der ELKL auf, mit allen ihren Kollegen – den Pfarrern, Pröpsten und Synodalen in den anderen Propsteien – folgende Veränderungen in der gegenwärtigen Verfassung oder am gegenwärtigen Modell der Leitung und Verwaltung der ELKL in Erwägung zu ziehen, und sind der Auffassung, dass diese wesentliches für unsere Kirche beitragen könnten, die gegenwärtige geistliche, verwaltungsmäßige und wirtschaftliche Krise der ELKL zu überwinden.
1) Die Synode wählt den Oberkirchenrat für eine Dauer von drei Jahren.
2) Die Propsteiversammlung wählt den Propst für eine Dauer von sechs Jahren.
3) Der Kirchengemeinderat wählt den Pfarrer der Kirchengemeinde; der Oberkirchenrat bestätigt diese Wahl.
4) Über die Verlängerung der Vollmachten des Erzbischofs und der Bischöfe befindet die Synode alle sechs Jahre.

Wir rufen alle auf, unsere Initiative zu unterstützen und diese Veränderungen in die Verfassung hineinzunehmen.

Die Teilnehmer am Konvent der Propstei Riga, am 19. Juli 2010.
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Was uns wichtig erscheint Indulis Paičs, Pfarrer
Die Kirche
Die Kirche – die Gemeinde der Heiligen, die Gott durch sein Wort und Sakrament, seine Gnadenmittel, um sich sammelt, existiert um zweier Aufträge willen: sie gibt allen Gläubigen auf ihrem Weg zum ewigen Leben die notwendige Wegzehrung mit, und allen Ungläubigen gibt sie ihr Zeugnis und ruft sie auf, der Einladung Christi Folge zu leisten. Sie ist überall an allen Orten katholisch, das heißt allumfassend, an denen nach dem Befehl Christi das Evangelium gepredigt wird und die Sakramente gespendet werden. Sie ist stets aufgerufen, nach neuen Weisen und Möglichkeiten zu suchen, um ihrem Auftrag der Zeit und Situation gemäß zu entsprechen.
Diese Grunderkenntnis müssen wir immer in unserem Gedächtnis behalten, wenn wir uns auf Diskussionen über die Gegenwart oder Zukunft der Kirche einlassen. Die Kirche existiert nicht nur um ihrer selbst willen, sie ist ein Werkzeug in der Hand Gottes und die vollwertige Fortsetzung des Werkes Christi. Gleichzeitig vermag sie es, ihren Dienst in der Welt nur dann erfolgreich durchzuführen, wenn sie dabei in der Eintracht und in der Treue zum Evangelium Christi verbleibt. Denn die Methoden (die Art und Weise, mit der wir zu Ergebnissen kommen) sind im Reiche Gottes nicht selten sogar wichtiger als irgendwelche äußerlichen Erfolge.
Während der vergangenen Monate hat bei den Pfarrern unserer Kirche (aber auch durch sie und durch Laien) ein von den Pfarrern der Propstei Riga verfasster offener Brief, dessen voller Text oben nachzulesen ist, eine große Resonanz ausgelöst. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Sie fingen mit Stimmen an, die dazu aufriefen, sich in die Argumente hineinzuhören und sie sorgfältig zu überdenken und endeten mit der Schilderung von Situationen, die eindeutig aus Lügen entstanden sind, in denen ein Amtsbruder einen anderen öffentlich verdächtigt, er hätte den Wunsch, auf destruktive Weise unsere Kirche zu zerstören und zielbewusst die Absetzung unserer Kirchenleitung zu betreiben. Das gegenseitige Misstrauen hat einen beachtlichen Umfang erreicht. Wenn sich der Verdacht einiger Amtsbrüder zunächst auf die Bischöfe richtete, dass ihre Art der Dienstausübung und ihre Ideen uns „in die Hände der Kirche Roms“ trieben, so wird jetzt auf ähnliche Weise „die Kirche des Westens und die behaarten Hände der Liberalen“, welche bestrebt seien, was wir sorgfältig erbaut und gestaltet hätten, zu verheeren und zu zersetzen, und dabei die durch das finanzielle Missgeschick entstandene Verwirrung nutzen… Wenn sich diese Rhetorik aus dem Munde von Pfarrern seltsam anhört, dann klingt sie aus dem Munde der Leiter unserer Kirche schon sehr ernst und beängstigend. Damit werden die Möglichkeiten der Zusammenarbeit und des Dialogs nicht gefördert, sondern Verdächtigungen in die Welt gesetzt und die Spannung einander gegenüber vergrößert.
Vertrauen kann man nicht anders als nur durch Zusammenarbeit und den Dialog schaffen, wobei wir uns allmählich von Empfindungen befreien können, dass jemand irgendetwas zu verheeren und zu zersetzen bestrebt sei, um uns dann den wirklich wichtigen Fragen zuzuwenden, die der eine oder andere Pfarrer oder Teilnehmer am Konvent auszusprechen
versucht hat. Ich bitte Sie, diesen offenen Brief der Pfarrer der Propstei Riga durchzulesen (sofern das Ihnen bisher noch nicht möglich gewesen sein sollte), denn der Zweck meiner weiteren Ausführungen ist, den Gang der Ereignisse schriftlich zu fixieren und die Ideen zu kommentieren, die diesen offenen Brief des Pfarrkonventes der Propstei Riga ausgelöst haben. Das ist eine Gewissensfrage, dass wir offen und ehrlich das ansprechen, was uns für die Zukunft unserer Kirche wichtig erscheint. Ich verfasse diesen Beitrag im Auftrage des Propstes unserer Propstei Linards Rozentāls, und möchte dabei sofort hinzufügen, dass viele von mir angesprochene Ideen natürlich nicht vollständig die Gedanken der Rigaer Pfarrer wiedergeben. Dennoch möchte ich hoffen, dass das von mir Gesagte helfen wird, die
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Atmosphäre insgesamt zu begreifen, in welcher mehrere Diskussionen bei Pfarrkonventen stattgefunden haben. Gottes Geist helfe uns, dass wir zwischen dem unterscheiden, was darin unserer Sache von Nutzen ist, und was wir fortwerfen können.
Die Vorgeschichte
Bevor wir uns dem Aufruf zuwenden, welchen dieser offene Brief enthält, muss ich betonen, dass dieser Weg nicht von selbst ohne einen Anlass entstanden ist, sondern dass ihm eine bedeutsame lange Geschichte vorausgegangen ist. Wir können ganz sicher sagen, dass es unter den Pfarrern der Propstei Riga Einwände gegenüber der gegenwärtigen Verfassung und gegen das Vorhaben der Bestimmungen für die Vergütung und Sozialversicherung von Geistlichen (im folgenden auf die großen Buchstaben BVSG abgekürzt) gegeben hatte, ehe diese bei mehreren Synoden bestätigt worden sind. Damals entstand bei vielen der Verdacht, dass der „Rigaer Snobismus“ – also der Snobismus der Pfarrer mit großen Gehältern – sich dagegen wehren würde, ihren Lohn mit anderen zu teilen, deren Lohn zum Überleben zu gering ist, und die sich deswegen für das Werk Christi weniger einsetzen können, was zur Folge hat, dass die Gemeindearbeit auf dem Lande nicht garantiert ist. Die „reichen Rigenser“ würden ihre „armen Brüder auf dem Lande“ nicht verstehen und es denen hartherzig nicht gönnen, dass sie durch die Schaffung eines Fonds für BVSG zu einem höheren Lohn kämen. Zu diesem Einwand kann ich sagen, dass es gewiss nicht so war, dass wir diese Idee selbst kritisieren wollten, weil dadurch die reicheren Gemeinden in den Fonds mehr einzahlen mussten, um damit die ärmen Gemeinden zu unterstützen, sondern weil wir dem gegenüber skeptisch waren, dass das ganze Vorhaben so zu realisieren sei, und ob die Menschen, in deren Gehirnen dieses Vorhaben entstanden ist und die dafür verantwortlich waren, es tatsächlich auch in die Tat umsetzen könnten. Dafür mussten wir uns oft den Vorwurf anhören, dass wir dieses ganze Projekt dämonisieren und die Menschen verdächtigen wollten, die doch Experten sind und auf ihrem Gebiet sehr sachverständig, und die ihr Werk nach bestem Wissen und Gewissen verrichteten – nur zum Wohl der Kirche.
Auf den Synoden wurden sowohl die Verfassung als auch das Vorhaben BVSG bestätigt, wenngleich wir jetzt darüber viel diskutieren könnten, ob die Synode wirklich dazu fähig war, alle Argumente dafür und dagegen wirklich voll zu begreifen (erinnern wir uns doch daran, dass die Aussprache wegen Zeitmangels sehr eng begrenzt war, obwohl es spätestens zwischen diesen beiden Synoden deutlich geworden war, dass auf uns die Wirtschaftskrise zukam, die das ganze Vorhaben auf das höchste gefährdete) , spiegelten diese Beschlüsse unbestreitbar das Empfinden der Synodalen bei der Abstimmung wieder: weshalb sollen wir nicht für etwas stimmen, was uns so günstig erscheint und gleichzeitig von uns so wenig Anstrengungen erfordert, denn bitte, wir haben doch bei uns die Menschen, die bereit sind, dieses Vorhaben erfolgreich zum Endziel hinzusteuern?…
Nach der Synode verfasste der Pfarrkonvent der Propstei Riga einen Brief an den Oberkirchenrat, in dem er diesen aufforderte 1) den in der Synode beschlossenen modifizierten Plan von BVSG noch einmal zu überprüfen, ob dieser noch dem, was die Verfassung aussagt, dass für die Vergütung eines Pfarrers die anstellende Kirchengemeinde zuständig sei und 2) den in der Verfassung angeführten theologischen Prinzipien entspricht. Zum Teil wurde das getan (die Verfassungskommission veröffentlichte eine Stellungnahme, nach der es Widersprüche zwischen BVSG und der Verfassungskommission tatsächlich gäbe), doch daraus wurden keinerlei praktische Konsequenzen gezogen, so dass heute weitgehend der Eindruck besteht, dass das Vorhaben mit Erfolg weitergeführt würde.
Leider (und das ist keine Heuchelei, sondern mein aufrichtiges Bedauern der Probleme, welche das Leben vieler Pfarrer seit dem missglückten Beginn des Vorhabens von BVSG betroffen haben – mindestens zum gegenwärtigen Augenblick) konnte dieses Vorhaben nicht mit Erfolg in die Tat umgesetzt werden. Zum Teil geschah das durch die Krise (vor deren
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Ausbrechen die Leiter des Vorhabens ernsthaft gewarnt worden sind), zum Teil auch wegen der Persönlichkeiten (man machte sich zu große Hoffnungen auf das Gelingen von einem oder zwei großen Teilvorhaben, die alle von der Notwendigkeit befreien würden, sich mit jedem einzelnen Vorhaben – wie den gespendeten Besitztümern – auf das intensivste zu befassen., und zum Teil wegen des Passivität der einzelnen Kirchengemeinden (alles ging erheblich langsamer voran als es eigentlich hätte gehen können). Das alles lief schließlich darauf hinaus, dass eiligst eine Reihe von Dezernaten des Oberkirchenrats geschlossen und soeben neu angestellte Mitarbeiter entlassen wurden, und dass zur Deckung der laufenden Ausgaben Kredite aufgenommen werden mussten, und schließlich als Preis für die Krise das wertvollste Gebäude der ELKL auf dem Domplatz 1 veräußert wurde.
Nachdem es sich im Dezember des vergangenen Jahres erwiesen hatte, dass die Kirche in eine nicht zu bestreitende Existenzkrise geraten war, reagierte der Pfarrkonvent der Propstei Riga mit einer im März beschlossenen Resolution (nach einer gewissen Zeit, nachdem sich die ersten heißen Emotionen abgekühlt hatten), mit folgenden Forderungen: 1) Die Leiter und Initiatoren dieser die Finanzen und Immobilien betreffenden Projekte müssen von ihren Ämtern zurücktreten oder aus diesen Ämtern entlassen werden 2.) Es ist eine Kommission zu bilden, welche die möglichen Zusammenhänge zwischen der neuen Verfassung und der entstandenen Situation zu begutachten hat. Denn bei vielen Amtsbrüdern ist ein merkwürdiges Gefühl darüber hochgekommen, dass das BVSG Vorhaben trotz aller Warnungen vor möglichen Problemen mit einer großen Begeisterung weiter vorangetrieben wurde und das Empfinden förderte, dass Alternativen (die sich am Ende als richtig erwiesen) einfach nicht beachtet werden dürften. Könnte das mit diesem neuen Verwaltungsmodell zusammenhängen? Könnte das verursacht worden sein, weil man sich in dieser Situation geweigert hat, andere Standpunkte überhaupt zur Kenntnis zu nehmen? Damals war das nur eine Frage und eine Forderung, die Sache zu untersuchen.
Dieser Resolution der Propstei Riga stimmten eine Reihe anderer Propsteien und Konvente zu und schlossen sich ihr an. Doch zu praktischen Ergebnissen ist diese Rigaer Resolution nicht gekommen. Tatsache ist, dass Artis Eglītis aus gesundheitlichen Gründen und weil er sich für alles Geschehene verantwortlich fühlte, von seinem Amt zurücktrat (aber dabei einige Monate sein Gehalt als Sekretär des Oberkirchenrates weiter bezog und sich weiterhin ehrenamtlich an der Ausarbeitung strategischer Beschlüsse beteiligte) , doch der Dezernent für Immobilien blieb weiterhin im Amt, und hier wurde keine Kommission gebildet.
Damit konnte es nicht ausbleiben, dass die Pfarrer des Konventes der Propstei Riga beschlossen haben, sich selbst mit der Verfassung zu beschäftigen und alles Vorgefallene zu untersuchen fortzusetzen. Es fanden mehrere Konvente statt, in denen wir die Prinzipien der Verfassung des Jahres 1928 und die Geschichte der Entstehung unserer Kirche kennen lernten. Es entstanden Arbeitskreise, die sich mit aktuellen Fragen des kirchlichen Lebens befassten. Allmählich entwickelten sich daraus ein Standpunkt zum Geschehenen und Anregungen zur Besserung der Situation.
Im Juli wurde ein neuer Brief verfasst, der das Empfinden der Mehrheit aller Pfarrer im Blick auf die kirchliche Lage, die Ursache der Krise und auf mögliche Lösungen zum Ausdruck bringen wollte. Dieser Brief wurde an alle Pfarrer versandt, denn unsere ursprüngliche Absicht war, ihn nicht zu veröffentlichen, sondern eine interne Diskussion auszulösen über Fragen, die nur ganz allein die Kirche und deren innere Ordnung betrafen. Irgendjemand hat es für richtig gehalten, diesen Brief Journalisten in die Hände zu spielen, die ihn natürlich auf die für sie typische Weise radikal und Aufsehen erheischend interpretierten und ihn als ein Misstrauensvotum gegenüber der Kirchenleitung usw darstellten. Auch das ist eine Gewissensfrage.

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Vorschläge
Wenn wir uns jetzt dem Text des Aufrufes zuwenden, dann verstehen wir bald, dass er aus einem kürzeren Rückblick auf das Geschehen und der Beurteilung der Situation (die verschieden ausfallen kann, aber darin liegt doch der Sinn einer Diskussion), besteht, und der Aufforderung an jeden, sich seiner Mitverantwortung der Situation bewusst zu sein und seinen Anteil daran auf sich zu nehmen, in die wir gemeinsam hineingeraten sind, und einigen konkreten Vorschlägen, die der Konvent zum Nachdenken und zur Diskussion in anderen Foren empfiehlt.
Eigentlich erinnert der Konvent auch an einen auf einer der vorigen Synoden gefassten Beschluss, nach dem die neue Verfassung den Prinzipien der Verfassung des Jahres 1928 und der Rolle der Synode als höchster Entscheidungsträgerin der Kirche entsprechen muss. Wir haben nicht dazu aufgerufen, noch eine neue Verfassung zu erstellen, sondern zu der Verfassung zurückzukehren, die seinerzeit die Grundlagen für die ELKL geschaffen hatte. Um seine Überlegungen zu erläutern, hat der Konvent in seinem offenen Brief vier konkrete Forderungen (siehe Seite 2 der Übersetzung) besonders hervorgehoben.
Dabei kann nicht übersehen werden, dass alle 4 Vorschläge des Konvents der Propstei Riga mit der Beachtung des Prinzips der Abstimmungen und Wahlen durch die Kirchenverwaltung verbunden sind. Das ist eigentlich die einzige Möglichkeit, der „unteren Ebene“ (seien es die Kirchengemeinde oder die Pfarrer) den ihnen zukommenden Anteil an der Kirchenverwaltung zu geben. So können zum Beispiel nicht alle Kirchengemeinden und Pfarrer der ELKL sich gleichzeitig zusammensetzen und über wichtige Fragen der Kirche Beschlüsse fassen, aber die Vertreter der Gemeinden können ihrem Willen Ausdruck geben, und deshalb werden sie auch eingesetzt oder gegebenenfalls entlassen. Das ist die einzige Weise, auf die sich die Gemeinden an der Fassung wichtiger Beschlüsse der Kirche beteiligen können, und nicht durch passives Abnicken der Beschlüsse „von oben“.
Natürlich hat der Zugang dieser Art auch seine ernsthaften Risiken. So ist zum Beispiel die Frage nach der Lehre der Kirche keine Frage, die man per Abstimmung lösen kann. Dennoch war der Konvent mehrheitlich der Auffassung, dass das neue Verwaltungsmodell die Initiative den Kirchengemeinden und Pfarrern allmählich entzogen und auf die Pröpste (Kapitel) und die Bischöfe übertragen hätte (nach der Melodie „wir können ja doch nichts ausrichten, da sie alles so ausrichten, wie sie es sich vorstellen“), die dann an unserer Stelle alles beschließen, um sie hinterher dafür zu kritisieren, dass unser Standpunkt dabei nicht beachtet wurde… Wahre Demokratie wächst nicht nur in unserer Kirche, sondern auch im ganzen Staat nur sehr langsam heran, denn nur langsam begreifen die Menschen es, dass Wahlen keine komischen Witze sind, an denen wir uns nur nachlässig beteiligen, ohne uns in die Fragen zur Sache ernsthaft zu vertiefen, und dabei übersehen, dass wir es ernsthaft verantworten müssen, dass von unserem Verhalten unsere Zukunft abhängt. Wir wollen es hoffen, dass auch die Kirche im Laufe der Zeit sich dem Fortschritt öffnet, statt eines blinden Gehorsams gegenüber den Emotionen eines Augenblicks und rhetorisch eingängigen Vorschlägen. Eine wichtige Voraussetzung für diese Entwicklung ist die Pflege der demokratischen Tradition. Es darf nicht sein, dass die Synode des Desinteresses und der Inkompetenz beschuldigt wird, aber die Situation ist dadurch entstanden, dass diese Kompetenz eingeschränkt und die Verantwortung Menschen übertragen wurde, auf welche die Synode gar keinen Einfluss ausüben kann…
Normale Wahlen könnten auch ein gutes Mittel sein, um die Persönlichkeiten in leitenden Ämtern anzutreiben, aufmerksamer auf ihre Wähler zu hören, deren Stimme sie ihre Stellung verdanken. Reguläre Wahlen machen es unmöglich, dass gewählte Persönlichkeiten ihre Autorität missverstehen (die Hochachtung, die jemand für vernünftig gefasste Beschlüsse und deren Durchführung sowie für sein kollegiales und ausgewogenes Verhalten erfährt, muss
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erarbeitet werden). Jemand von großer Autorität vermag eine Kirche zu leiten, ohne dabei einen allzu großen Verwaltungsapparat zu benötigen. Jemand ohne Autorität vermag sie nicht zu leiten, auch wenn er auf einen großen Verwaltungsapparat zurückgreifen kann. Denn Leitung bedeutet nicht Vollmacht, sondern Vertrauen, Visionen und Achtung des anderen. Ein schlechter Leiter mit großen Vollmachten gebraucht diese nicht für die Leitung sondern zur Bekämpfung seiner Konkurrenten und Widersacher, bis er schließlich – und das ist die letzte Konsequenz – in seinem unnötigen Königreich allein bleibt.
In einer idealen Welt werden solche „Sicherheitsventile“ nicht benötigt, dort sind in allen Ämtern hervorragend geeignete Menschen anzutreffen und alles geschieht auf bestmöglicher Weise. Leider lässt sich auch in einer idealen Welt die Anwesenheit der Sünde nicht leugnen, die unsere idealsten Vorhaben kräftig beschädigt und uns ständig vor die Notwendigkeit von Korrekturen stellt. In der realen Welt erweist es sich oft als unmöglich, vorherzusagen, dass alle Vorhaben eines Menschen gelingen werden, bevor er die Möglichkeit hatte, das an einer bestimmten Stelle zu beweisen. Und wenn er dann seine Position bezogen hat, erkennt er nicht mehr seine Inkompetenz und gibt sich übermäßig mutig, um dann auch entsprechend handeln zu können.
Nicht selten tut das ein sündiger Mensch, dass er sein Amt und seine Kompetenz durcheinander bringt und dabei denkt, dass das ihm anvertraute Amt gleichzeitig bedeuten würde, dass alle zu Stande gekommenen Beschlüsse auf irgendeine Weise richtig und kompetent seien. „Wenn ich Pfarrer bin, dann habe ich immer recht. Wenn ich Leiter bin, dann heißt das automatisch, dass ich auch ein guter Leiter bin.“ Dieses Empfinden löst auch den Hochmut aus, bei dem man schließlich leicht von einer Sprunghaftigkeit reden kann. Trotzdem muss er andere Standpunkte anhören können und dabei mindestens einen Teil davon in seinem eigenen Leben verwirklichen.
Wenn in geistlichen Dingen Demokratie gewöhnlich das Gerechtwerden gegenüber den Anstrengungen und Interessen des Augenblicks bedeutet, dann sind die Verwaltungsbestimmungen in der Demokratie bisher ein recht effektives Mittel gewesen, langfristig eine gewisse Stabilität und Effektivität zu erzielen.
Der Konvent der Propstei Riga ist der Überzeugung, dass die entstandene Krise nicht auf das Zusammenfallen ungünstiger Umstände oder auf die Böswilligkeit eines Einzelnen zurückgeht, sondern auf ein ständiges Problem, das durch das Auswechseln (oder besser die Erneuerung) einiger Knotenpunkte im Verwaltungssystem dieses leichter und elastischer machen würde.
Einladung zum Gespräch
Am Ende möchte ich noch einmal betonen, dass man aus diesen Vorschlägen des Pfarrkonventes der Propstei Riga nicht etwas herauslesen sollte, was dort gar nicht gesagt worden ist. Ich denke, dass die gegenwärtigen Leiter unserer Kirche genügend Autorität haben, um sich dessen sicher zu sein, dass die Synode ihnen das Vertrauen ausspricht.
Dieses sind ganz konkrete Vorschläge, über die wir zur Diskussion einladen. Wir wären darüber sehr froh, wenn es nicht nur Diskussionen über uns, sondern auch mit uns gäbe, um die beste Lösung dafür zu finden, dass unsere Kirche künftig ihren Standort hätte, von dem aus auch wir selbst unseren Dienst ausrichten könnten und aus ganzem Herzen einem jeden unsere geistige Heimat anempfehlen, der auf der Suche nach dem Weg zu Gott ist, denn auch das ist eine Frage des Gewissens.

Der „kleine“ Kirchentag in Blīdene Inga Reča
„Wirklich, warum auch nicht?“ dachte ich, als ich eine Überschrift für meinen Beitrag über die Zusammenkunft von Vertretern aus 15 Kirchengemeinden und 8 Pfarrern zum Gottesdienst am Michaelistag in der „Grünen Kirche“ von Blīdene suchte. Wir haben in
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Lettland Kirchentage, zu denen aus einer Diözese mehrere Hundert Leute kommen, verschiedene Kirchengemeindetage, und den jedes Jahr stattfindenden von der Kirchengemeinde Blīdene veranstalteten Tag der Gemeinschaft, zu dem sich anfangs nur knapp 80 Leute aus Kirchengemeinden der näheren Umgebung zusammenfanden, die dann zahlenmäßig anwuchsen und zu denen Vertreter von Kirchengemeinden in Kurland und Livland anreisten. Wenn Ihr die Karte Lettlands betrachtet, dann könnt Ihr erahnen, wie weit verbreitet der Kreis der angereisten Kirchentagsteilnehmer in Blīdene war. Sie kamen aus Mālpils, Riga, Ropaži, Baldone, Ķekava, Vecauce, Remte, Gaiķi, Saldus, Kuldīga, Lipaiķi, Alsunga, Ēdole, und Apriķi. Vertreter der Kirchengemeinde Kalmar in Schweden hatten nicht einmal den Weg aus dem Ausland gescheut. So viele Gottesdienstteilnehmer wie in diesem Jahr hat es in der Grünen Kirche vorher noch nie gegeben, und trotzdem fanden alle einen Platz..
Und ganz sicher können wir sagen, dass der Himmlische Vater seine fürsorglich segnende Hand über dieser Gemeinde gehalten hat, denn es war die wärmestmögliche Kirche, die es an einem 25. September nur geben konnte, denn die Temperatur hatte außen, wo ja der Gottesdienst stattfand die Marke von 20 Grad erreicht, wenn man nicht gerade in der Sonne saß.
Pfarrer Rolands Eimanis von der Kirchengemeinde Baldone erwärmte die Herzen aller Teilnehmer am Gottesdienst mit seiner Predigt, die einen der Ecksteine der lutherischen Dogmatik – die Gnade Gottes – zum Thema hatte. Dabei stellte er an alle die unbequeme Frage: Hast du heute eigentlich genug von der Gnade Gottes? Dabei ist es schon sinnvoll, sein eigenes Herz zu erforschen und seine eigenen Forderungen an das Leben ringsum und die Mitmenschen kritisch zu betrachten.
Nach dem Gottesdienst begaben wir uns zum „Haus des Volkes“, wo die bewundernswert fleißigen Glaubensschwestern der Kirchengemeinde Blīdene uns ein wahres Hochzeitsmahl zubereitet hatten. Wenn wir die gedeckten Tische betrachteten und uns mit verschiedenen Salaten, Piroggen und Brotplatten verwöhnen ließen, blieb Propst Pirro nur die Feststellung übrig: „Gott kennt keine Krisen.“ Das trifft mindestens auf Blīdene zu.
Das bekundete auch die Gemeindeleiterin Sanita Vanaga, die als Mutter des Hauses alle Freunde von nah und fern anredete, Gott für diese Gemeinschaft dankte, die nun schon seit vielen Jahren besteht, uns alle in dieser Zeit durch die erforderliche Nähe zueinander und mit dem Schulter an Schulter Empfinden stärkt. Diese Freude ist die Freude des Teilens der frohen und traurigen Erfahrungen. Sanita Vanaga berichtete auch über die Gemeinschaft mit der Partnergemeinde in Amerika, deren Vertreter in diesem Sommer in Lettland zu Gast waren, die den Wunsch äußerten, mit uns zusammen zu arbeiten und sich dabei auch schmutzig zu machen. Dieses Vorhaben gelang ihnen auch großartig, als alle zusammen die Zwischenwände des Gemeindehauses einrissen und den verrußten Verputz des künftigen Gemeindehauses abtrugen. Der Pfarrer der Kirchengemeinde Kārlis Rozentāls sagte: „Das Pfarrhaus ist ein Zeugnis dafür, was wir schaffen können, auch wenn wir kein Geld haben. Ich bewundere unsere Kirchengemeinde für ihren gewaltigen Einsatz, der hier investiert wurde. Dabei geschieht auch das Wunder, dass, wenn die Arbeit über die Kräfte geht und Geld benötigt wird, sich dieses auch findet.
Pfarrer Uldis Gailītis berichtete darüber, was sich in seinen beiden Kirchengemeinden Gaiķi und der Martin Luther Gemeinde Saldus getan hatte. Die Sakristei der Kirche von Gaiķi hat ein neues Dach bekommen und er lud alle Anwesen ein, diese Gemeinde jedes Jahr am Ostermontag zu besuchen, wenn da eine besonders schöne Veranstaltung für Eltern mit Kindern stattfände. Dabei würde man sich auch an der neuen Bemalung der Kirchenbänke freuen können. Wenn diese Kirchengemeinde auch recht klein ist, so ist die Bereitschaft dort, die Arbeit mit anzupacken, sehr groß. Der Pfarrer ist über das Verhältnis mit der Schule sehr
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froh und dankbar, wo er auch immer willkommen ist. Der Pfarrer ist für die Möglichkeit, die Kinder anzusprechen froh und dankbar, denn die Kinder sind doch die Zukunft unserer Kirche (oder nicht?)! Die Martin Luther Gemeinde in Saldus kann er als Beispiel dafür nennen, dass eine Kirchengemeinde sich auch selbst dann erhalten und ihren Pfarrer und ihre Organistin vergüten kann, wenn sie keinen Immobilienbesitz hat. Pfarrer Gailitis wünschte diesem Treffen eine lange Tradition, denn „damit verrichtet Ihr einen segensreichen Dienst.“
Pfarrer Raivis Martinsons berichtete über seine Kirchengemeinde Dole-Ķekava. Er ist froh und dankbar dafür, dass es während der zwei Jahre seines Dienstes dort gelungen ist, ein gutes Verhältnis zu der Einwohnerschaft und zur örtlichen Behörde herzustellen. Dank der guten Zusammenarbeit mit der Kommune ist die Kirche der Kirchengemeinde Dole-Ķekava auch jetzt in der dunklen Jahreszeit gut ausgeleuchtet. Der Pfarrer meint, dass die Kirchengemeinde ihre Zusammenarbeit mit anderen noch erweitern sollte. So ist es zu einer guten Kooperation mit der örtlichen Musikschule gekommen, deren Schüler regelmäßig in der Kirche Konzerte geben und ihre Räume für Veranstaltungen der Kirchengemeinde zur Verfügung stellen. Zwei mal im Monat begibt sich die Kirchengemeinde zum Missionseinsatz am Ufer der Daugava, wo die örtliche Schule auch einen Gottesdienst hält und zur Sonntagsschule zusammenkommt. Für das nächste Jahr sind dort Bibelstunden geplant. Pfarrer Martinsons betrachtet das Treffen in Blīdene als eine wunderbare Möglichkeit der Pflege der Gemeinschaft mit den benachbarten Kirchengemeinden
Pfarrer Didzis Skuška war Gott dankbar, dass die Sonntagsschule in Lipaiķi mit ihren drei Sonntagsschullehrerinnen ihre Arbeit fortsetzen konnte als Ergänzung der übrigen Gemeindearbeit, die dort bereits seit vielen Jahren geschieht. In Alsunga ist der Alpha Kurs soeben zu Ende gegangen, während in Ēdole inzwischen ein Jahr vergangen ist, seit die Kirchengemeinde einen Gasthof gepachtet hat, der während dieser Zeit als Gemeindehaus mit einer Kapelle eingerichtet wird. Inzwischen ist dort auch eine christliche Pfadfindergruppe entstanden. Die ersten sechs davon haben gerade ihr Gelübde abgelegt. Dieses Gebäude ist auch zur letzten Heimstätte für bettlägerige einsame Menschen geworden, die ihre letztem Tage dort sauber und versorgt verbringen können. Auch Pfarrer Skuška dankte allen einheimischen und aus der Ferne angereisten für dir schöne Gemeinschaft.
Helmut aus Kalmar in Schweden ist die Renovierung des Gemeindehauses, die Beschaffung der sanitären Einrichtung und der notwendigen Möbel zu verdanken. „Sehet, welch ein Mensch!“ Dieses Wort sprach der Gemeindepfarrer mit dem Blick auf ihn aus.
Der Pfarrer der Kirchengemeinde Vecauce Valdis Bercs erlebt zur Zeit einen Augenblick des Wechsels. Die Kirchengemeinde setzt ihren diakonischen Einsatz bei alten Leuten fort und es gibt eine wunderbare Zusammenarbeit mit der Musikschule. Viele junge Leute von dort haben sich zum Konfirmandenunterricht angemeldet. Doch die Renovierungsarbeiten an der Kirche sind stecken geblieben, weil es für die Vorhaben keine Unterstüzung mehr gibt.
Der Pfarrer der Kirchengemeinden Ropaži und Mālpils Krišjānis Bulle fügte dem hinzu, dass die ausgesprochen starke Seite seiner Kirchengemeinde die Sonntagsschule sei., welche die gute Tradition hat, dass die Sonntagsschulkinder von ihren Freunden und Freundinnen aus der Schule begleitet werden. Wirtschaftlich hat Gott die Kirchengemeinde mit Mitteln ausgestattet, die für die Restaurierung der Decke notwendig sind. Der Pfarrer hatte die Freude. Schön ist es, dass die Leute dort nach dem Gottesdienst nicht auseinanderlaufen, sondern zusammen bleiben und gemeinsam beraten, was in der Kirchengemeinde noch zu tun ist. Der Gemeindeleiter Juris Vilums machte deutlich, dass es heutzutage nicht einfach sei, eine Kirchengemeinde auf dem Laufenden zu halten, die einen großen Immobilienbesitz hat, der einem mehr als genug Probleme macht. Ganz besonders dankbar war er zwei Schwestern aus den Gemeinden, die den ganzen Schriftverkehr bei diesen Vorhaben übernommen haben und die die Krypta unter dem Altar in Ordnung gebracht haben, die inzwischen für viele
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Touristen zu einem beliebten Besichtigungsobjekt geworden ist. Juris beglückwünschte seine Amtsschwester Sanita mit einem ganz besonderen Geschenk – einem einmaligen Exemplar einer Blume und einem einmaligen Händedruck was natürlich bei den Anwesenden Heiterkeit auslöste.
Pfarrer Rolands Eimanis hatte aus Baldone einen ganzen Bus voll von Leuten mitgebracht, denn gerade diesen Tag hatte sich die Kirchengemeinde für ihren jährlichen Gemeindeausflug auserwählt. Und sie wollte auch wirklich in diesem Jahr nach Kurland reisen. In Baldone gibt es eine gut funktionierende Sonntagsschule, eine aktive Jugendarbeit, einen Alpha Kurs, der am letzten Samstag im Monat einen eigenen Gottesdienst hält mit ausgesuchten besonderen Liedern. Ganz besonders froh war der Pfarrer darüber, dass es der Kirchengemeinde gelungen ist, aus eigenen Mitteln einen Diakon zu vergüten, der 50 arme Kinder mit einem freien Mittagessen versorgt und bei ihnen Hausbesuche macht. Pfarrer Eimanis freut sich auch darüber, dass in der Kirchengemeinde vieles von selbst angepackt wird, ohne dass der Pfarrer dafür einen Anstoss geben muss, .und zitierte bei seinen guten Wünschen die Worte eines Lehrers: „Auf dass es in der Kirchengemeinde stets Platz für einen jeden gäbe!“
Propst Viesturs Pirro lud zum 28.Oktober alle nach Kuldīga ein zum Beginn des 400 jährigen Gedächtnises von Herzog Jakob.. Propst Pirro beschrieb ihn als einen wahren Christen, der anordnete, dass in seinem Lande 70 neue Gotteshäuser erbaut werden sollten, von denen heute noch viele stehen.
Mehrere Redner bemerkten, dass dadurch , dass Svētdienas Rīts nur einmal im Monat erschiene und ein solches Treffen nur einmal oder zweimal im Jahr stattfinden könnte, die Möglichkeiten der gegenseitigen Information nur höchst begrenzt seien.. Die diakonische Leiterin der Rigaer Jesusgemeinde Līvija Putāne rief alle Kirchengemeinden auf. sich durch Eingaben für das öftere, mindestens zweimal monatliche Erscheinen unserer Kirchenzeitung einzusetzen.
Der 25 September verlief in einer sehr liebevollen Atmosphäre. Am Abend konnte man sich nur noch fragen: Wo ist bloß die Zeit geblieben?

Leser von Svētdienas Rīts verreisen nach Piebalga Ingrīda Briede
Am Erntedankfest, dem 3. Oktober, veranstaltete unsere Kirchenzeitung SR für ihre Leser den fünften gemeinsamen Ausflug. Nach dem ersten Ausflug zu den Lutherstätten im Mai sprachen die Teilnehmer den Wunsch aus, auch in Lettland Orte und Kirchengemeinden in Lettland kennen zu lernen, in denen Ausflugsteilnehmer beheimatet sind. So führten uns Ausflüge in diesem Sommer nach Kurland. Sigulda und die Umgebung von Cēsis, auch zu Zielen außerhalb von Lettland, zum Beispiel nach Litauen, doch dieses Mal machten wir uns nach Piebalga und Cesvaine auf den Weg.
Den bewölkten und frischen Tag machten nicht nur die bunten herbstlichen Farben bei dem Blick aus dem Fenster vom Bus sonniger und wärmer, sondern die Freude der Reisenden und die Gemeinschaft. Es schien, als hätten sich sehr alte Freunde wieder getroffen.
Die erste Anlaufstelle war die Kirche von Lode-Apši, eine der seltenen Holzkirchen in Lettland. Hier wurde auch der Film „Aija“ gedreht. Es ist von Anfang an gute Tradition, dass in jedem Gotteshaus, das wir besuchen, gemeinsam gesungene Choräle erklingen. Das wurde dieses Mal durch die Begleitung von Juris Pētersons an der Orgel ergänzt. Dabei stellte es sich heraus, dass Juris einst Organist in der St. Johanniskirche in Riga und auch in der Gegend von Vecpiebalga gewesen ist. Er erinnert sich an den heutigen Politiker Tālavs Jundzis, Sohn des Pfarrers Edgars Jundzis, der als kleiner Junge vom Orgelklang so fasziniert gewesen sei, dass er den Gottesdienst am liebsten auf dem Schoß des Organisten verbracht hätte.
Wir machten darauf einen Bogen um die Hügel von Vespiebalga und hörten uns sehr interessiert das an, was unsere Reiseführerin Līga Pommere zu berichten wusste, kehrten
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unterwegs im Gut Īneši ein, wo Ķencis einst gefangen gehalten wurde, freuten uns über die leuchtenden Farben der Wasserrosen, fütterten die Fische im Teich am Wegesrande, bis wir das nächste Gotteshaus, die lutherische Kirche von Vecpiebalga, erreichten. Einst überragte dessen stattlicher Turm die ganze Umgebung, doch während des Krieges wurde er zerstört. Das damals zerstörte Gotteshaus wurde während der Zeit des nationalen Wiedererwachens wieder aufgebaut und liegt am Wegesrande verborgen unter großen Bäumen. Im Gotteshaus überrascht uns dessen Breite und das Licht, das durch die großen Fenster einfällt. Der Altar ist aus örtlichen Feldsteinen erbaut.
Während der Zeit des nationalen Wiedererwachens wurde auch die nächste von uns besichtigte Kirche, die Kirche von Liezere restauriert. Wegen Geldmangels mussten die Restaurierungsarbeiten unterbrochen werden, so dass die Kirche immer noch im unvollendeten Zustand geblieben ist. Hier wurden wir Reisenden gastfreundlich von der Gemeindeleiterin Anna Rozīte, erwartet, die an unserer ersten Reise zu den Lutherstätten teilgenommen hatte und uns bei zurückgehender Kälte einen sehr interessanten Bericht über die Kirche gab und uns mit einer wohlschmeckenden Bohnensuppe mit Fladenbrot verwöhnte. Bei ihrem Bericht erfuhren wir, dass die Leute von Liezere sehr musikalisch sind, wozu der einstige Pfarrer Leberecht Herregott Punschel die Grundlagen gelegt hatte, der keinen Gottesdienst beginnen ließ, bevor er die Gemeinde nicht in die Kunst des Singens eingeführt hatte. Hier ist auch der erste Kirchenchor in Lettland entstanden. Der weltliche Chor von Liezere gehört zu den ersten Chören in Lettland, der sich an dem von Neikens zusammengerufenen Sängerfest in Dīkļi und an dem ersten Allgemeinen Liederfest im Jahr 1873 beteiligt hat. Leider hat das Dorf zur Zeit keinen Chor. Nach einem von Pfarrer Guntis Želvijs gehaltenen Gottesdienst in der Kirche von Liezere fuhren wir Busreisenden zu unserem nächsten Haltepunkt – der Burg und der Kirche von Cesvaine – weiter. Die Burg war für viele eine Überraschung mit ihrer Pracht mitten in Lettland. Leider haben den Zahn der Zeit, Brandschäden und Menschen mit dem Hang zum Zerstören auch dieses Gebäude nicht verschont. Aus dem Kaminsaal wurde eine Turnhalle und die Bärenfiguren haben ihr Gesicht verloren. Sehr viel ist hier noch zu tun, bis die Burg ihre alte Pracht wiedererhalten hat. Die Reise wurde mit dem Besuch des Gotteshauses von Cesvaine beschlossen. Dort wurden wir liebevoll von der Organistin und Pfarrer Hans Jensson empfangen.
Mit dieser Reise sind die von SR für die Leser veranstalteten Reisen dieses ersten Jahrgangs beendet worden. Der Gewinn dieses halben Jahres ist sehr groß. Viele Leute aus den Kirchengemeinden in verschiedenen Gegenden Lettlands haben die Liebe Gottes, die Liebe zueinander und die Gemeinschaft miteinander erfahren können. Wir selbst haben uns bereits den Namen „Gesamtgemeinde“ gegeben. Wie schön war es doch weit entfernte Orte in Lettland zu bereisen, wo man unseren ganzen Bus wie seit langem erwartete liebe Freunde aufnahm! Schade, dass wir uns so bald von ihnen trennen mussten! Doch als freudige Nachricht sei es allen gesagt, dass unsere Gemeinschaft und die gemeinsamen Reisen im nächsten Jahr mit einer Bildungsreise zu den Lutherstätten und zum Evangelischen Kirchentag in Dresden sowie zu einem Gottesdienst am 14. Juni in St Petersburg sowie mit Reisen zu alten und neuen Freunden in Lettland fortgesetzt werden Doch im Januar sind alle nach Riga zu einem Lichtbildervortrag über die Reisen dieses Jahres herzlich eingeladen.

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Mazā Pils iela 4 – Riga – LV 1050
Telefon 00371-67224911
E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

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Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 29.10.2010)
Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Dieses Mal haben meine hoch verehrten Leserinnen und nachsichtigen Leser nicht so lange auf die neue Übersetzung warten müssen wie bei der letzten Ausgabe, deren Übersetzung sich wegen unserer etwas längeren Abwesenheit verzögert hat.
In Lettland mehren sich jetzt die Stimmen, die das Erscheinen von einer Ausgabe der Kirchenzeitung im Monat bemängeln und der Ansicht sind, dass, wenn die Kirchenzeitung nicht mindestens zweimal im Monat erschiene, sie den letzten Rest von Aktualität verlöre. Ich hoffe sehr, dass diese Stimmen Gehör finden mögen und wir irgendwann zu dem Erscheinen zweimal im Monat kommen.
In dieser Ausgabe ist ein ausgiebiges Interview mit dem Bischof der Baptisten Sproģis zu lesen, der sich auch unter den Lutheranern einer großen Beliebtheit erfreut. Ich habe es (obwohl es die Arbeut wert gewesen wäre) nicht übersetzt, denn wenn ich es getan hätte, dann hätte ich dafür noch einige zusätzliche Tage gebraucht, was den Versand wieder um einige Zeit verzögert hätte.
Sehr verehrte Leserinnen, liebe geduldige Leser! Ich möchte mein Nachwort etwas ausdehnen, um eine Modeerscheinung in unserer deutschen Sprache aufzugreifen und meinerseits zu bekunden, dass ich nicht die Absicht habe, mich ihr anzuschließen., sondern mich ihr entschieden widersetzen werde. Dazu bin ich vor geraumer Zeit von Erhard Eppler angeregt worden, von dem vor mehreren Jahren bei Suhrkamp das kleine Buch „Kavalleriepferde beim Hornsignal. Die Krise der politischen Sprache“ erschienen ist. Auch wer nicht allen seinen Ansichten zustimmt, wird ganz bestimmt nicht behaupten können, dass Erhard Eppler ein verknöcherter Konservativer sei. Jedenfalls hat mich dieses Büchlein (dessen Lektüre ich dem Kreis meiner Leser gerne weiter empfehle) dazu ermutigt, auch meinerseits zu einer Unart, die auch in manchen kirchlichen Publikationen deutscher Sprache um sich gegriffen hat, Stellung zu nehmen. Eppler weist seine Leser darauf hin, dass der alte Aristoteles in seiner Rhetorik gefordert hätte, dass alles Geschriebene sich „leicht vorlesen und vortragen lassen müsse“ (nach meiner Kenntnis ist dieser Forderung noch nie widersprochen worden). Nun haben sich eifrige Schreiber und Schreiberinnen angewöhnt (und leider immer noch nicht abgewöhnt), bei Wörtern wie „Bürger“, „Teilnehmer“, „Veranstalter“, „Politiker“ an den letzten Konsonanten r ein mit einem großen I geschriebenes „Innen“ anzufügen. Eppler weist mit Recht darauf hin und die feministische Linguistin Luise Pusch findet das auch, dass es bereits bei leisem Lesen zu Missverständnissen kommen könnte, wenn bei standhaftem Beibehalten der Schreibweise „AusländerInnen“ die „AusländerInnenpolitik“ als Innenpolitik für Ausländer missverstanden werden könnte. Für das laute Lesen brauchen wir dann ganz sicher eine Anweisung (betr. Betonung etc). So habe ich mich an einige Stellen gewandt, welche sich dieser seltsamen Schreibweise bedienen, um von ihnen eine Anleitung für das laute Vortragen dieser Texte zu erhalten, zu denen im kirchlichen Bereich auch die Schreibweise „ChristInnen“ gehört. Ich weiß nicht, weshalb man mir diese Bitte nicht erfüllte, sondern sich bestenfalls mit der Antwort begnügte, dass diese Praxis auf einen Mehrheitsbeschluss des Hauses zurückginge, was ja vielleicht sehr lieb und menschenfreundlich gegenüber den Schreibern war, aber mir nicht weitergeholfen hat. Ist es eigentlich einem meiner lesenden Mitmenschen bekannt, ob es noch eine Sprache auf dem Globus gibt, die sich solcher orthographischen Merkwürdigkeiten „rühmen“ kann? J. B.

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Verfasst von: liefland | November 3, 2010

Ausgabe Nr.12 (1839 ) vom 11. September 2010

Seine Macht ist ewig Daniel 7,14

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.
15. Sonntag nach Trinitatis Ausgabe Nr.12 (1839 ) vom 11. September 2010

Spalte der Chefredakteurin Inga Reča
Es hat einen Sinn!
Wie würdet Ihr Euch fühlen, wenn die Redakteurin Eurer Kirchenzeitung Euch mitteilen würde: Die englische Königin gehört zu den Abonnenten unserer Kirchenzeitung? Ihr würdet bestimmt die Augen weit aufreißen und die Überraschung wäre perfekt, nicht wahr?
Genau das war auch meine Reaktion, als ich den Direktor des Museums Schloss Rundāle Imants Lancmanis kennenlernte und er mir bei der Gelegenheit mitteilte, dass er genau wüsste, wie unsere Kirchenzeitung aussieht. Auf meinen fragenden Blick antwortete mir Herr Lancmanis: „Im Schloss Rundāle abonnieren wir Svētdienas Rīts seit fast 20 Jahren“.
Ich bin Gott dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, an unserer Kirchenzeitung mitzuarbeiten
und es mir dadurch geschenkt ist, herausragenden Persönlichkeiten zu begegnen, deren Beitrag zum Wohle unseres Vollkes und Landes nicht zu übersehen ist. Ich wünsche mir sehr, dass durch unsere Beiträge und Interviews wenigstens ein Schimmer dessen sichtbar wird, was diese Persönlichkeiten während ihres Lebens zum Wohle unsers Landes getan haben und das Herz unserer Leser berührt. Deshalb fasse ich die Begegnung mit Imants Lancmanis als ein ganz besonderes Geschenk Gottes auf und möchte alle – seien es Kirchengemeinden oder einzelne Persönlichkeiten – dazu aufrufen, nach Rundāle zureisend, wenn möglich, dann schon in diesem Herbst! Dort könnt Ihr Eure Seele erfrischen und werdet von einem Menschen empfangen, der sich um das Schicksal unserer Kirchen und Gotteshäuser kümmert. Es lohnt sich darauf einzulassen, was er über Lettland und die Letten zu sagen hat. Das wird sicher nicht nur Glänzendes sein, aber gerade deshalb lohnt es sich, Mnches zu lesen und darüber nachzudenken. – über uns, über unser Land und auch über die Kirche.
Dass die Arbeit der schreibenden Autoren unserer Kirchenzeitung nicht vergeblich ist, machte mir eine weitere Begegnung in der Gegend von Bauska deutlich. Auf einer unserer Sommerreisen bin ich Dzintra Gaile aus der Kirchengemeinde Bauska begegnet. Dzintra ist regelmäßige Leserin unserer Kirchenzeitung. Sie abonniert sie, seit sie wieder erschienen ist. Das Ungewöhnliche an ihrer Geschichte ist, dass sie SR 15 Jhre lang abonniert hatte, ohne dass sie Christisn war. Erst vor fünf Jahren wurde sie konfirmiert. Wie Gott in ihr Leben eingegriffen hat, darüber berichten wir in dieser Ausgabe unter dem Stichwort „Zeugnis“

Weshalb lohnt es sich, zu leben? Inga Reča
„Er ist unser Goldstück! Verschwenden Sie nicht unnötig seine Zeit, sondern nutzen Sie sie aus, soviel Sie können,“sagte mir ein weiser Forscher, dem ich meine Absicht, nach Rundāle zu reisen, um dort im Schlossmuseum dessen Hausherren Imants Lancmanis zu interviewen, mitteilte. Als ich noch einmal alle Informationen über Herrn Lancmanis, die mir zur Verfügung standen, durchging, da wurden mir die Kniee weich angesichts seines Lebenswerkes und der vielen Ehrungen, die ihm weltweit zuteil geworden sind.. Das hatte bei mir nur eine Reaktion ausgelöst: Ich musste meinen Kopf senken vor der Haltung und dem Wissen dieses Menschen Im Jahr 2014 sind es 50 Jahre her, seit Imants Lancmanis zusammen mit Gesinnungsgenossen die Restaurierung von Schloss Rundāle begonnen hatte. Davon sind nur noch wenige Räume übrig geblieben, an denen etwas getan werden muss. Und dann… Und dann kommt ganz bestimmt ein anderes für Lettland wichtiges Vorhaben dran. Bei unserem Gespräch wurde mir deutlich, dass das Schloss Rundāle einmalige Informationen über Gotteshäuser bei sich beherbergt, die ihrer weiteren Nutzung harren.

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- Als wir uns zum ersten Mal begegnet sind, da sagten Sie, dass es drei Zeitungen seien, die das Schloss Rundale abonnieren würde: „Diena“ (die größte Tageszeitung Lattlands), „Svētdienas Rīts“ (unsere Kirchenzeitung“ und „Bauskas Dzīve“ (die örtliche Kreiszeitung). Das ist eine seltsame Auswahl! Weshalb abonnieren Sie unsere Kirchenzeitung SR?
- Weil dort Dinge zu lesen sind, welche uns sehr interessieren, abonnieren wir die Kirchenzeitung seit ihrem Wiedererscheinen. Wir schneiden alles aus, in dem über unsere Kirchen berichtet wird und ordnen das in unsere Kirchenakten ein. Aber dabei lese ich jede Ausgabe vollständig durch.
- Ich habe gelesen, dass wir es Ihnen verdanken können, dass Anfang der 60er Jahre aus vielen Kirchen einmalige Werte der Kunst und Kultur vor der Vernichtung gerettet werden konnten. Wie ist es dazu gekommen?
- 1961 begann das geplante Auslöschen der Kirchengemeinden, in deren Folge viele Gemeinden ihre Existenz verloren. Mit den Rettungsarbeiten begannen wir schon Anfang der 60er Jahre, als es im Schloss Rundāle noch gar kein Museum gab. An dieser Stelle möchte ich die Bedeutung des außerordentlich großen und viel zu selten erwähnten Künstlers Jurģis Skulme würdigen, welcher es als erster wagte, damit anzufangen. Er begann damit, dass er zusammen mit seinem Vater und anderen Begeisterten die Skulpturen der Kirche von Lestene vor dem Verfall bewahrete, die er auf dem Boden der Kunstakademie verbarg. Danach bereiste ich mit ihm und meinem Kollegen Mārcis Kļaviņš viele Kirchen und gebrauchten zur Tarnung die Ausrede, dass das Laboratorium für Kunstgeschichte historische Materialien sammelte. Die Möglichkeit für umfangreichere Rettungsaktionen gab es erst seit dem Jahr 1964, als wir das Gebäude von Schloss Rundāle bezogen, in dem wir reichlich Räume hatten, um dort alles aufzubewahren.
- Haben Sie sich bei dem allen nicht auch gefürchtet? Jurģis Skulme musste deswegen sich doch auch vor einem Gericht verantworten.
- Wir hatten vielleicht aus einem Grunde dabei Erfolg. Alles, was im Schloss Rundāle geschah, fasste man als ein exterritoriales Geschehen auf., weil wir nicht in Riga waren, und weil sich unsere Tätigkeit mit der Geschichte befasste. Denn zum Beispiel haben uns die Leute vom KGB nie gestört, da sie viel mehr an Kontakten mit den Letten im Ausland interessiert waren und nicht an unseren Beziehungen zu deutschen Baronen. Unser Interesse an Kirchen und für Gutshäuser hielt man für unschädliche Kindereien. Ich nehme das einfach an, denn anders kann ich es mir nicht erklären, weshalb es bei uns nie zu Komplikationen gekommen ist. Wir hatten keine Furcht, denn wir waren durch unsere Arbeit hingerissen Eine weitere Persönlichkeit, die uns bei unserer Arbeit sehr geholfen hatte, war der Direktor des Museums von Bauska Laimonis Liepa. Rundāle war damals eine Filiale von Bauska und Laimonis Liepa bestimmte die Ausrichtung der Arbeit unseres Museums. Er hätte sagen können: Haltet das Schloss nicht für eine Kirche! Aber er sagte: Das müsst ihr tun: „Unser Museum in Rundāle ist Gott und dem Gusbesitzer gewidmet.“ Manches Mal lachte er etwas darüber, aber das war es dann auch.. Und wir konnten damit ruhig fortfahren, unser Museum als Kirchenmuseum mit vielen Wertgegenständen einzurichten Wir bauten alles selbst ab, beschafften uns die erforderlichen LKWs dadurch, dass wir einem örtlichen Unternehmer den von ihm gewünschten Schnaps organisierten, der uns dann bei dem Verladen und Transport half. Ich werde es nie vergessen, was 1968 in der Kirche von Vāne geschehen ist. Uns wurde gemeldet, dass man vor hätte, aus dem Gotteshaus eine Turnhalle zu machen. Rettet doch, was Ihr retten könnt. Und wir nahmen alles heraus, was wir konnten. Darunter auch eine riesige Grabplatte, bei der wir feststellten, dass dieses die größte Grabplatte Lettlands sei. So konnten wir auch diesen Kunstgegenstand vor seiner Zerstörung bewahren.

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Auch die Kirche von Stende ist ein klassisches Beispiel für die ganze Tragödie, von der alle Gotteshäuser in Lettland während der 60er Jahre betroffen wurden. Etwas, was ich unseren Kirchengemeinden vorwerfen kann, das ist die damalige Depression und Panik, und dass sich die Leute in den Kirchengemeinden keine allzu große Mühe gaben, ihre Gotteshäuser zu erhalten. Um in eine Reihe von Gotteshäusern hineinzukommen, benötigten wir gar keinen Schlüssel. Die Türen waren weit geöffnet… So auch in Strutele. Ein Jahr nach der Auflösung der Kirchengemeinde war in der Kirche noch nichts geraubt; doch als wir als Mitarbeiter des Museums zurückkehrten, war vieles vorher herausgeschleppt worden. So gelang es uns, dort nur einen kleinen Teil der wertvollen Gegenstände zu retten. Die Kirche stand, das Dach war in Ordnung, doch nachdem weitere Jahrzehnte vergangen waren, ist von der Kirche nur noch eine Ruine übrig geblieben. Wir haben es deutschbaltischen Geschlechtern zu verdanken, dass wir 1996 die Kirche wieder neu weihen konnten.
– Viele Kirchen sind vor Ihren Augen zusammengebrochen und haben auch eine solche Auferstehung erleben können.
- Ja, es gab aber auch solche tapfere Kirchen, die überlebt haben, zum Beispiel die Kirche von Zlēkas ist bewundernswert, ebenso auch die Kirche von Ēdole. Diesen Gotteshäusern gelang es vor allem dank der ganz besonders unternehmungsfreudigen Gemeindeältesten zu überleben. Diese haben für ihre Gotteshäuser gekämpft, saßen auf der Schwelle und bewachten sie. Die Tragödie aller Kirchen Lettlands stand uns vor Augen, und deshalb machten wir die Ausstellung „Die Zeit der Zerstörung.“ In den 60er Jahren haben wir alles fotogafiert, was wir in den Kirchen zu sehen bekamen. Das war sicher unser gefährlichstes Unternehmen, denn Jurģis Skulme wurde gerade deshalb der Prozess gemacht. Man beschuldigte ihn, dass er Fotos dieser Art in das Ausland geschickt hätte. Ihnen kam es aber gar nicht in den Sinn, dass wir im Museum riesige Stapel von solchen Aufnahmen hatten. Bei der Ausstellung zeigen wir, wie eine Kirche vorher ausgesehen hatte und wie sie zur Sowjetzeit hergerichtet wurde, und zeigen auch die Gegenstände, die wir retten konnten.
- Ist man sich eigentlich des großen Wertes der Altarbilder, der Innenausstattung und anderer Gegenstände bewusst?
- Bis in das letzte Detail. Gemeinsam mit dem Denkmalsamt gelang es dem Museum ein Denkmalsverzeichnis zu erstellen. Außerdem fügten wir allen Gegenstände eine Dokumentation der Erforschung bei. Im Archiv sind wir alle Protokolle der Kirchenvisitationen durchgegangen. Ich selbst habe während der 70er Jahre am Bestand des Konsistoriums von Kurland gesessen. Wir halten das alles für einen Gesamtkomplex – die Kirche als Gebäude, den künstlerischen Wert und so weiter.. Damit sind wir im Besitz eines sehr guten, aber leider fast überhaupt nicht genutzten Archivs.
Kehren wir zur Ausstellung „Die Zeit der Zerstörung“ zurück. Es ist unsere Absicht, eine große Publikation herzustellen, einen Ausstellungskatalog, welcher mit Beiträgen darüber vervollständigt wird, was alles in der Nachkriegszeit im Rahmen der Vernichtung der Kirchen geschehen ist.
- Sie sind einer der ganz wenigen Menschen, dem das Lebensbild unserer Kirchen und Kirchengemeinden im Laufe von mehreren Jahrhundedrten ganz deutlich vor Augen steht. Wie stellt sich Ihnen dieses Gesamtbild dar?
- Die Materialien des Konsistoriums von Kurland weisen oft auf dasselbe hin, was zu allen Zeiten geschieht – die Lage ist schwierig. Geld ist nicht vorhanden und die Pfarrer klagen ständig. Da gibt es zuerst die Klage über das Kirchengebäude, dessen Dach bald allen auf den Kopf fallen würde zweitens steht das Pastorat unmittelbar vor dem Zusammenbruch. Dabei sind die Klagen auch sicher begründet. Die armen Pfarrer mussten leiden, denn die Bürokratie des Imperiums Russland war außerordentlich langsam. Da gibt es zum Beispiel ein Schreiben aus dem Jahr 1828, und dann eins aus dem Jahr 1829 mit derselben Klage. Es vergehen 5
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Jahre, bis irgendein Geldbetrag bewilligt wird, um irgendetwas zu tun. Die Lebensumsände waren hart, und wir sollten uns nicht von der Vorstellung leiten lassen, dass die Religion damals eine andere Rolle spielte, und alles leichter gewesen sei. Auch in den Protokollen der Kirchenvisitationen ist nur in wenigen Fällen zu lesen, dass eine Kirche in einem guten Zustand sei. Stattdessen heißt es in den meisten Fällen: schlecht, sehr schlecht oder entsetzlich, es regnete herein, die Fenster sind undicht und einen Fußboden gäbe es überhaupt nicht. So war das geistliche Leben damals von großen Behinderungen geprägt. Alle Unterlagen der Kirchenvisitationen sagen über die geistlichen Werte NICHTS aus, sondern nur etwas über das Leben und die Lebensumstände.- über die Gebäude und deren ständigen Zusammenbruch. So sollten wir, wenn wir von den Zeiten des Zusammenbruches reden, nicht nur an die Sowjetzeit denken, die uns apokalyptisch als Zeit des völligen Zusammenbruches erscheint, sondern dass es nie leicht gewesen ist. Fangen wir vielleicht mit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an. Damals waren die Kirchen in einem guten Zustand, es gab genügend Geld und alle gingen zum Gottesdienst. Das war eine Zeit der Blüte. Der Erste Weltkrieg brach über ein Lettland hinein mit wundervoll in Stand gesetzten und in Ordnung gehaltenen Kirchen. Aber so richtig gut ist es eigentlich nie gewesen. Immer gab es Kämpfe und Schwierigkeiten.
- Wie groß ist der Anteil der von Ihnen geretteten Wertgegenstände, der in die Kirchengemeinden zurückgekehrt ist und welchen Herzens haben Sie sie zurückgegeben?
- Das ist sehr unterschiedlich. Wir geben sie leichten Herzens weg, wenn wir davon überzeugt sind, dass wir diese Wertgegenstände den Kirchengemeinden anvertrauen können, und dass diese mit ihnen sorgfältig umgehen und nichts beschädigt wird. Mit aufrichtiger Freude haben wir ein restauriertes Altarbild und auch das Altarsilber zurückgegeben, was bald darauf gestohlen wurde. Deshalb stellt sich uns oft die Frage: Sind sich unsere Kirchengemeinden wirklich dessen bewusst, was sie mitgenommen haben, und sind sie in der Lage, diese Wertgegenstände der Kultur angemessen sicher zu stellen? Wenn ein solcher Gegenstand gestohlen wird, dann ist das nicht nur ein Verlust der Kirchengemeinde, sondern ein Verlust für das ganze Land.
Es gibt nur recht wenige, die ihre Kanzel und ihren Alar zurück haben möchten. So haben zum Beispiel die Leute der Kirchengemeinde Burtnieki ihre Kanzel mitgenommen, sie gereinigt und dabei unten ein Gemälde entdeckt. Den Kirchen von Augstkalne und Ziemupe haben wir die ganze Einrichtung zurückgegeben. Das verursachte bei der Ausstellung „Die Zeit der Zerstörung“ eine größere Lücke. Deswegen mussten wir die Ausstellung schließen und jetzt überlegen, was wir an deren Stelle hineinsetzen.
Das allergrößte Problem unter allen Kirchen ist die Kirche von Lestene. Deren unvergleichlicher Wert – nicht nur künstlerisch, sondern auch kulturhistorisch und als Symbol, das eng mit dem Gedenken an die Lettische Legion verbunden ist – müsste Anlass sein, diese Kirche in das nationale Aufbauprogramm hineinzunehmen. Alle Gegenstände dieser Kirche, die sich bei uns befinden, werde ich der Kirche für deren völlige Restaurierung zurückgeben. Was die Kirchengemeinde Lestene unternimmt, ist sehr zu loben. Mit wenig Geld sind sie auf dem richtigen Wege weitergekommen. Sie setzen die Fenster wieder ein – solche, wie sie ursprünglich waren. Aus alten Fliesen setzen sie den Fußboden ein.
- Da Sie einen vollkommenen Überblick über den kulturellen Wert der Kirchen Lettlands haben, möchte ich Sie bitten, mir die 5 Kirchen in Lettland zu nennen, denen Sie die Plätze 1 bis 5 zuerkennen würden.
- Wenn wir von den Gotteshäusern sprechen, die noch erhalten sind, dann muss ich nach Lestene ganz bestimmt Apriķi und Nurmuiža nennen. Apriķi ist wunderschön und lieblich,

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aber Lestene ist daher bewundernswert, dass der ganze Innenraum das letzte Werk des Holzschnitzers Söffrenz ist und zusammen mit dem Orgelwerk etwas Einmaliges darstellt.
- Der größte Teil der Menschen in Lettland hat den Innenraum der Kirche von Lestene noch nie gesehen. Das heißt doch, dass wir das Schönste, was wir haben, noch entdecken müssen?
- Ja. Der Innenraum der Kirche von Lestene ist viel mehr als eine Legende. Es gibt einige Fotos, das Buch von Wipper, wo sie über alle Dinge gelobt wird. Auch wir können nicht alles ausstellen, denn diese Einrichtung ist einfach gewaltig.!
Auch die Inneneinrichtung der Kirche von Edole ist einzigartig, sehr reich und schön. Nicht zu reden von der Dreifaltigkeitskathedrale in Liepāja – diese steht ausßerhalb von jeder Konkurrenz und übertrifft alle anderen. Ebenso wie das Schloss Rundāle, so übertrifft die Kathedrale in Liepāja alle anderen hiesigen Möglichkeiten. Es ist eine Importware – völlig europäische Perfektion. Doch wir haben noch mehr. Zum Beispiel die Kirche von Subate – sowohl innen als auch außen unbeschädigt, ausgenommen ein Epitaph, das gestohlen wurde. Subate ist fast unbekannt und völlig unterbewertet.
- Während der letzten Jahre gab es zwischen den Denkmalsschützern und den Gemeinden eine Diskussion darüber, wie eine Kirchengemeinde in solchen kulturhistorisch wertvollen Räumen leben und diese Wertgegenstände erhalten kann, ohne dabei den Atem zu verlieren?
- Als ich in Paris war, habe ich mich gewundert. Dort gab es in Kirchen solche Winkel, in denen Gemeindeleben stattfand. Dort gab es Teeabende und vieles andere. Das nahm den Kirchenraum sehr in Anspruch, ich würde sagen, fast ein wenig zu viel.
- Ich las einmal einen Beitrag, in dem dessen Verfasser Sie als Beispiel dafür nannte, dass jemand große und abslolute Werte in seinem Leben verwirklichen, in sein Leben hineinbringen und darin aufweisen kann. Welches sind nach Ihrer Meinung die Werte, die man über alle Wechsel der Zeiten hinweg für das eigene Leben bewahren sollte?
- Wenn ich Ihnen jetzt antworte, dann werden Sie vielleicht denken, dass ich mich damit vielleicht dem Profil von „Svētdienas Rīts“ anpassen möchte. Ich glaube tatsächlich, dass alles in den 10 Geboten enthalten ist und dass hier der Mensch darauf gewiesen wird, wie er sein Leben darauf ausrichtet, was gut ist. Ganz einfach. Das Gute geht von den Geboten aus und umgekehrt – die Gebote gehen von der richtigen Vorstellung vom Guten aus. Anderenfalls verliert das Leben seinen Sinn und in jedem Augenblick verliert der Mensch den Platz, auf den er in dieser Welt gestellt worden ist, in dieser Welt voller Versuchungen und anderer Seltsamkeiten. Das klingt schon fast banal, aber das Leben bekommt seinen Sinn erst, wenn der Mensch sein Leben an irgendein Ideal, an irgendetwas Gutes anpassen und auf der Suche nach Harmonie sein möchte. Wiederum kann man Harmonie nicht finden ohne die guten Prinzipien, die in den Geboten enthalten sind. Ganz egoistisch könnte ich sagen: Ich suche die Harmonie, weil diese mir ein angenehmes Gefühl für Leib und Seele schenkt. Jemand, vermag es nicht, harmonisch zu leben, wenn er sich hat verführen lassen, wenn er verräterisch gehandelt hat, Bestechungsgelder angenommen hat usw Ich denke, dass das in irgendeiner Weise dem Leben in der Hölle gleich kommt.
Anscheinend ist das ein ganz einfaches Rezept, aber es überrascht mich immer wieder, dass Menschen es nicht begreifen.
Sie haben es als Ihren Egoismus bezeichnet, aber irgendjemand muss doch diese Auffassung in Sie hineingepflanzt haben. Waren es die Eltern, war es die Umwelt?
Ja, sowohl die Eltern als auch die Umwelt, aber in jedem Menschen, außer in jenen mit schweren und schrecklichen genetischen Behinderungen, gibt es ein Gleichgewicht. Natürlich kann eine schlechte Familie viel zerstören, aber es liegt doch sehr fern, dass ein Mensch selbst

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seine Werteskala entdeckt, und das, was er in seinem Leben erreichen möchte. Dabei geht es nicht um Erfolge. Ich erinnere mich an ein fast biblisch anmutendes Gleichnis darüber, was ein Matrose auf seinem Sterbebett gesagt hat: „Ich denke, ich bin ein guter Matrose gewesen.“
Auch wenn in seinem Leben nicht viel besonderes vorgekommen ist. Ein weiteres Thema ist die Erziehung. Das ist eine globale Frage – in wie fern kann die Familie, die Schule, und ich möchte auch sagen die Kirche den Menschen auf den rechten Weg bringen und ihm bewusst machen, was die Hauptsache im Leben ist: wo ist der Weg, der mir die größte Befriedigung, das größte Wohlgefühl und die größte Genugtuung schenkt? Wenn eigentlich jeder Mensch eine Vorstellung vom Idealen und Guten hat, so gibt es doch andererseits Versuchungen. Und auch hier stoßen wir wieder auf die Bibel – die Ursache für alles Unglück ist die Versuchung. Jeder begegnet in seinem Leben zwangsläufig den Qualen der Versuchung. Dabei fragt es sich, ob die Familie, die Schule und die Kirche es vermögen werden, ihn diese bösen Geister besiegen zu lassen? Wie wir es sehen, so ist das sehr schwer, in ein kleines Kind diese Werteskala hineinzupflanzen, die es darauf hinweist, weshalb es sich zu leben lohnt. Vielleicht ist das das Wichtigste im Leben, und nicht die Vermittlung von mathematischen oder geographischen Kenntnissen.
Die am meisten verbreitete Ansicht in der Gesellschaft über die Kirche hört sich so an: wenn ihr dorthin geht, dann bekommt ihr nicht die Freiheit, sondern das Gesetz in der Form der 10 Gebote, die euch unter Druck setzen. Es wird die Ansicht kultiviert, dass die wahre Freiheit nur außerhalb der 10 Gebote zu finden sei.
- Deshalb finde auch ich keine Antwort auf die Frage, auf welche Weise die Kirche in unserer Zeit funktionieren könnte, denn der Mensch möchte sich nicht selbst unter Druck setzen. Dabei möchte ich nicht einmal davon sprechen, dass sie zu faul sind, um zur Kirche zu gehen, sondern dass die Gebote ihnen zu schwer erscheinen. Ich denke, dass das Weiterbestehen der Kirche wie ein Ritual davon abhängen wird, dass die Menschen es begreifen, dass man auch im Kreise der Familie die Gebote erlernen kann. Wenn die Schule den Religionsunterricht, die Disziplin fürchtet, so kann man das dort auch auf andere Weise vermitteln, dass man im Unterricht nicht Bibelkunde oder Glaubenslehre weitergibt, sondern dass sich die Grundgedanken durch alle Fächer ziehen.
Ihr Lebenswerk, das Schloss Rundāle, hat Sie viel Kraft gekostet. War es auch die Erfüllung Ihrer eigenen Wünsche?
- Einerseits könnte man das sagen, aber andererseits möchte ich einfach nicht sagen, wie unvorstellbar schwer alles war. Und das ist auch einer der Gründe dafür, dass ich nicht zurückblicken möchte, um mich an vieles zu erinnern. Aber das sind nur Schwierigkeiten, die ich selbst habe und die nicht entsetzlich sind, denn deren Überwindung bringen mich der Erfüllung meiner Ideale näher. Das ist alles in Ordnung. Und was hinter mir liegt, wird ausgelöscht.
Wie blicken Sie auf das Heute? Es gibt doch die große Versuchung, alles hinzuwerfen und sich für einen Weg mit geringeren SWiderständen zu entscheiden. Hat es einen Sinn, für das Gute zu kämpfen?
-Immer wieder zu allen Zeiten und auch in der Geschichte der Menschen werden zwei Dinge deutlich – erstens muss man kämpfen und sich zweitens auf die göttliche Vorsehung verlassen. Dabei sollten wir auch stets bedenken: keine Krise ist jemals endlos gewesen. In der Lehre der Geschichte gibt es kein einziges Beispiel, wo alles bergab geht und in der Hölle landet. Ja, es gibt Leid und Schwierigkeiten, man fällt, aber es geht auch aufwärts, einen Augenblick bleibt man auf der Stelle stehen und dann geht es wieder voran. Das ist Dialektik aber auch die Rettung. Das beweisen auch unsere klekinen Erfahrungen, die wir hier im Schloss gemacht haben. 46 Jahre sind wir jetzt hier und haben immer wieder diese innere Dialektik erlebt – mit Krisen und Verzweiflung. Meine verstorbene Frau sagte, dass man sich
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in einem solchen Fall nicht dagegen zu sträuben brauchte, denn die göttliche Vorsehung hätte immer für uns eine bessere Möglichkeit bereit. Und so ist es dann auch immer gewesen. Selbst in solchen völlig aussichtslosen Situationen, in denen es schien, dass alles zu Ende sei und man aufgeben müsste. Und plötzlich kommt eine Lösung vom Rande aus einer Richtung, die wir überhaupt nicht im Blick hatten.
Eine solche Krise ist sowohl für Lettland als auch für die Welt eine Prüfung, die wir irgendwann hinter uns haben werden. Es gibt eine ganze Reihe von solchen Mechanismen, die der Mensch nicht beeinflussen, voraussagen kann, und es ist wirklich töricht zu glauben, dass man alles voraussehen kann – sei es in der Wirtschaft, sei es in der Politik Es gibt ein interessantes Gleichmaß zwischen dem Kampf und sich gegen etwas wehren und dem, in welchem Augenblick ich zu warten, zu hoffen und zu glauben anfangen muss. Und dieser Mechanismus hat auch stets in der Geschichte funktioniert. Alle Dinge steigen auf, um danach zu fallen.
Im Jahr 1991 dachten wir, dass alles glatt und einfach gehen würde, aber das erschien mir bereits damals verdächtig, dass es keine Hindernisse durch Leid geben sollte. Dass wir einfach von der sowjetischen Ordnung in einen neuen Kapitalismus hinüberfließen könnten – ohne Opfer und bittere Erfahrungen. Mit dieser Oberflächlichkeit, Leichtigkeit und Faulheit gingen viele Menschen in das neue System hinüber.
Ich nehme jetzt Deutschland als Beispiel. Ich habe sehr über den Zweiten Weltkrieg nachgedacht und weshalb es nicht gelungen ist, Hitler bei der Verschwörung zu beseitigen. Das war für Deutschland eine große Tragödie, aber auch ein großes Geschenk. Denn sonst wären sie aus der Misere sehr leicht herausgekommen. Doch gerade der Zusammenbruch Deutschlands und dessen unvorstellbare Demütigung und völlige Zerstörung haben Deutschland zu dem gemacht, was es ist: zu einem reichen Land mit der stabilsten Gesellschaft, auch aus moralischer Sicht. Und das nur deshalb, weil man dort alles neu beginnen musste. Dass sie aus Ruinen nicht nur ein neues Deutschland erbauten, sondern sich auch selbst. Gerade dieser Zusammenbruch ließ sie ein neues Leben beginnen und auch alle stabilen Werte mit einer unglaublichen Haltbarkeit und Zähigkeit. So erwies sich das am Ende als Geschenk. Aber für Lettland war dieser flinke Übergang in den Kapitalismus zu leicht. Schon damals konnten wir hören, dass die Zeit kommen würde, in der es sich erweisen würde, dass vieles auf Sand gebaut ist, dass die Menschen auf die Situation nicht vorbereitet waren und dabei faul und oberflächlich seien. Sie sind nicht professionell, sie möchten sich nicht weiter entwickeln, Sprachen erlernen, untadelig sein. Aus dieser Sicht ist die Krise in Lettland viel schlimmer als in anderen westlichen Ländern, denn im Westen geht es um eine Wirtschaftskrise, aber in Lettland um eine allgemeine Krise. Es ergab sich, dass die Menschen schwach sind und niemandem nützen und eigentlich nur Erdbeeren sammeln können. Sie könnten dem westlichen Kapitalismus als Dienstleistende von Nutzen sein. Das ist unser Unglück. 20 Jahre wurden auf irgendeine Weise vertan. Jetzt sind wir mit der Wirklichkeit konfrontiert. Was kann Lettland und jeder einzelne von uns der Welt geben? Offensichtlich nur sehr wenig.
Trotz der wunderbaren Eigenschaften, die vielen Letten eigen sind, von denen eine die unglaubliche Fähigkeit ist, sich gegenüber Schwierigkeiten zu wehren und sehr schnell in allen möglichen Situationen wieder auf die Beine zu kommen, haben diese 50 Jahres des Bolschewismus den Geist der Nation zersetzt, und das ist eigentlich das Schlimmste. Sie ließen allmählich diesen fleißigen, in großem Maße prinzipientreuen und konservativen Letten sich anpassen und die Moral der Nation zerstören. Die Letten brauchten nie um etwas zu kämpfen und sich zu einer Perfektion fort zu entwickeln, denn man konnte auf angenehme Weise dahinvegetieren. Und dann lernten sie, dass man auch stehlen könnte. Und das Diebstahl keine Schande sei, denn niemand verstößt den Dieb aus der Gesellschaft. Der neue
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Kapitalismus war eine noch größere Form der Demoralisierung, bei der den Menschen noch weitere moralische Prinzipien abhanden kamen. Zur Sowjetzeit gab es wenigstens eine Trotzhaltung, doch diese wird heute nicht mehr benötigt. Es geht alles Hand in Hand : Das Alles Erlaubt Sein. die Freizügigkeit, und dass es heute leichter ist, zu leben.
- Vielleicht sollte sich heute jeder freiwillig einen Rahmen setzen, auch wenn ihn niemand dazu zwingt, sich an ihn zu halten? Noch mehr: alle sagen, dass die Gebote dich einengen würden. Aber trotzdem bleibst du im Rahmen der Gebote. Diese ganz besondere Widerstandsbewegung steht dem Regime des Alles Erlaubt Seins gegenüber.
- Das haben Sie völlig richtig gesagt. Das ist es, was man vielleicht jemandem in der Schule oder Hochschule beibringen könnte, dass es eine sehr große Heldentat, ein großes Wagnis und eine große Entwicklung der Persönlichkeit ist, wenn man sich selbst einen Rahmen setzt, und in ihn hineinsteigt, um seine Persönlichkeit weiter zu entwickeln. Und sich nicht von allen den Möglichkeiten vollfüttern lässt, nichts zu tun und sich damit zu zerstreuen, was die Umwelt anbietet. Vielleicht könnte eine kommende Generation für sich eines Tages einen anderen ehrgeizigen Haken auffangen.

Wenn Gott die Augen öffnet. Inga Reča
Dzintra Gaile habe ich „zufällig“ bei einer der schönen Sommerreisen zu den Dünen Kurlands kennen gelernt. Einen Augenblick lang musste ich mich im Bus neben sie setzen. Wir erzählten einander, wie Gott in unser Leben eingegriffen hat. Dzintra schockierte mich zuerst mit dem Satz: „Übrigens abonniere ich „Svētdienas Rīts“ bereits seit 20 Jahren, aber damals glaubte ich noch nicht an Christus. Erst vor sechs Jahren bin ich konfirmiert worden.
Wie ist das möglich? Jemand abonniert eine christliche Zeitung, der überhaupt nicht Christ ist? Das habe ich davor noch nie gehört, und das machte mich neugierig. Ich fuhr nach Bauska, um von Dzintra ihre ganze Geschichte zu erfahren.

Dzintra ist mir zum Bus entgegengefahren, denn das Pensionat, in dem sie als leitende Buchhalterin arbeitet, befindet sie etwas abseits der Hauptstraße. Das rote Dach des Pensionats glänzt durch die Strahlen der tropischen Sommersonne uns entgegen, doch als wir den Hof betreten, erblicken wir den wunderbar gepflegten Komplex eines kleinen Gutes. Mit dem Teich, den hinter Anpflanzungen verborgenen Glashäusern und Beeten und dem ganzen Stolz der Hausbesitzer – dem Rosengarten! Hier ist ihr Bericht:
- An den Anfang kann ich mich nicht mehr recht erinnern. Bei der Vorbereitung unseres Gesprächs fand ich ein Büchlein, das ich dazu benutze, um Gebete, die ich aus unserer Kirchenzeitung ausgeschnitten habe, aufzubewahren. Von ihnen gefällt mir besonders gut das „Gebet einer alten Frau.“
Eigentlich wundere ich mich selbst, denn an einige Episoden in meinem Leben kann ich mich sehr gut erinnern, in denen Gott mir nahe war. Aber weshalb habe ich den Weg einer Christin nicht schon lange davor eingeschlagen?
Es gab ein besonderes Ereignis, als ich eine Anstellung als Buchhalterin in der Verwaltung eines Meliorationssystems antreten sollte. Meine Ausbildung als Buchhalterin hatte ich bereits beendet, aber in der Landwirtschaftsakademie studierte ich noch Wirtschaftslehre. Ich weiß nicht, weshalb ich damals studieren musste, denn ich hatte bereits eine Faminie, meinen Mann, meine Kinder und meine Arbeit. Ich las die Anzeigen durch und fand, dass ein Wirtschaftler gesucht würde mit Spezialkenntnissen in Buchhaltung, Dabei erfuhr ich, dass dort eine Buchhalterin arbeitete, die alle Augenblicke dem Direktor einen Entlassungsantrag einreichte. Dieser war so verzweifelt, entließ jedoch die Buchhalterin nicht, weil er an ihrer Stelle keine andere fand.. Ich wurde als Ersatzkraft angestellt. Als die Buchhalterin wieder

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einmal ihren Entlassungsantrag stellte, unterschrieb ihn der Direktor sofort, und am selben Tag wurde sie entlassen. Ich musste die Stelle sofort antreten, obwohl ich von Haushaltsbuchführung damals noch überhaupt nichts verstand. Die entlassene Buchhalterin begab sich nach Riga, um sich dort zu beschweren, dass eine Inkompetente ihre Stelle übernommen hatte, doch ich hatte einen Monat Zeit, um die Bilanz für ein halbes Jahr zu erstellen. An das alles erinnere ich mich, weil ich gerade damals in Svētdienas Rīts gelesen habe, dass man für seine Feinde beten sollte. Ich begann für diese Frau zu beten, und von dem Augenblick an waren ihre Beschwerden beendet. Das geschah zu Beginn der 90er Jahre.
Ich bin keine von den Nachdenkenden wie zum Beispiel mein Mann. Er kann schlafen, auf die Wand starren, und wenn ich ihn frage, was er jetzt täte, dann sagt er „Ich denke nach.“ Erbarmung, worüber kann man soviel nachdenken? Doch nach meiner Konfirmation im Jahr 2005 stellte sich auch bei mir das Nachdenken ein. Ich ging noch einmal mein ganzes Leben von dessen Beginn, von meiner Kindheit an durch und begriff:, dass Gott mir in den verschiedensten, sogar in den schrecklichsten Situationen meines Lebens zur Seite gestanden ist. Ich bin mir weiterhin nicht im Klaren, weshalb die Zeit bis zu meiner Taufe und Konfirmation so lang sein musste? Obwohl ich mir bereits mit 30 Jahren bewusst war, dass es Gott gibt. Das kann ich leicht berechnen, denn meine Tochter wurde im Jahr 1978 geboren. Als sie ein Jahr alt war, zerriss bei meinem Mann der Blinddarm und löste eine Entzündung der Magenhaut aus. Nach der Operation wachte er aus der Narkose nicht auf und der Chirurg sagte mir: „Was wollen Sie? Der Magen ist verfault. Weshalb soll er da noch weiterleben?“ Vom Krankenhaus bis nach Hause war es nicht sehr weit, und ich weiß wirklich nicht mehr, wie ich diesen Weg geschafft habe… Es war der Vorabend vor dem Johannistag. Zu Hause fiel ich auf die Knie und rief Gott an, er möchte mir meinen Mann am Leben lassen. Er blieb wirklich am Leben. So erfuhr ich, dass es Gott wirklich gibt. Aber dieses Wissen war bei mir so wie bei vielen meiner Kollegen – es gibt Gott, aber von Jesus Christus weiß ich nichts.
Ganz anders war es bei meinen Eltern. Meine Mutter ist 85 Jahre und mein Vater 90 Jahre alt geworden. Ein langes Leben haben sie verbracht und sind 64 Jahre miteinander verheiratet gewesen. Aber mit ihnen ist dasselbe geschehen wie bei vielen anderen während der Sowjetzeit. Vor dem Kriege waren sie fleißige Kirchgänger. Meine Mutter ist katholisch und mein Vater ist in der orthodoxen Kirche konfirmiert., aber die ganze Ideologie, wie man nach dem Kriege über die Kirche redete, hielt sie davon ab, sich zu ihrer Gemeinde zugehörig zu fühlen Wir lebten in Aloja in Livland. Als ich sie jetzt einmal fragte: „Aber, Mama, weshalb bist du nicht zur Kirchen gegangen?“ sagte sie: „Aber dort waren doch solche Gauner! Aus dem Ausland kam Geld und davon erbauten sie sich Häuser, aber der Pfarrer…“ Alles Geschwätz, was das Volk während der Sowjetzeit zu hören bekam, nahmen sie an. Doch die Hauptursache dafür ist die gleiche, die ich auch von Kollegen oft zu hören bekomme: Weshalb lässt Gott soviel Grausamkeit zu? Auf der Flucht hat Mutter gesehen, wie Kinder und Pferde durch Bomben getötet wurden. Für einen normal denkenden Menschen ist es nur sehr schwer oder sogar überhaupt nicht zu begreifen, weshalb Gott das Leid zulässt. Das ist oft auch für Christen unbegreiflich, besonders für diejenigen, die keinen Konfirmandenunterricht gehabt haben. Während der Zeit des nationalen Erwachens wurden die meisten sogar ohne Unterricht konfirmiert, und jetzt wird es deutlich, dass diese Menschen vom Glauben nichts wissen. Der Konfirmandenunterricht bei unserem Pfarrer Siliņš war von hoher Qualität. Heute habe ich das Empfinden, dass dort ein völlig Ungläubiger getrost hingehen konnte und am Ende des Unterrichtes als Christ hinausgehen würde.
Doch was ist wirklich geschehen, was mich Christin werden ließ? Als meine mittlere Tochter Lolita die Oberschule beendet hatte, fuhr sie zum Erdbeerpflücken nach England. Damals war es mir sehr schwer um das Herz, das Kind in die Welt hinausfahren zu lassen… Damals war
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das Internet noch nicht so verbreitet wie heute. Sie schrieb mir Briefe. In einem Brief bat ich sie, sie möchte mir doch den Ort beschreiben, in dem sie lebte. Am Abend meditierte ich irgendwie und versuchte mir den Ort vorzustellen, in dem sie lebte, um ihr mit diesen Gedanken auf irgendeine Weise zu helfen. Aber gebetet habe ich nicht. In einem Brief schrieb sie mir: „ Weißt Du, eines Nachts hatte ich einen seltsamen Traum – wir beide gehen durch einen wunderschönen Garten, reden miteinander, und alles ist so schön, so schön, so schön. Wie im Paradies.“
Das war wirklich sehr seltsam…
Nach ihrer Rückkehr studierte meine Tochter an der Universität Psychologie. Doch während des Studiums lernte sie im Studentenheim in ihrem Zimmer zwei Christinnen kennen. Damals stand meine Tochter dem Christentum noch nicht sehr nahe. Einmal nahmen ihre Mitbewohnerinnen sie zu einer christlichen Veranstaltung nach Sigulda mit, wo ihr während des Gebetes der Oberarm Risse bekam und zu bluten begann. Wenn mir das ein anderer erzählt hätte, dann hätte ich ihm nicht geglaubt, aber meine Tochter kam wieder nach Hause und bat mich, Blüten zu besorgen und diese auf die Narben aufzutragen. Danach ging sie zusammen mit den anderen Mädchen in eine Baptistenkirche, wo der Pfarrer ihr einen Fragebogen mitgab. Zu Hause las sie ihn durch und sagte danach: Jetzt übergebe ich mein Leben Jesus Christus. Und über sie kam der Heilige Geist…
Ich erfuhr, dass sie den ganzen Sommer sehr innig für ihre Familie und für ihre Freunde gebetet hatte. Im September fuhr meine Tochter nach Amerika im Rahmen eines Austauschprogramms von Aupairmädchen. Damals sagte ich zu meinem Sohn Janis: „Jetzt müssen wir zur Kirche gehen und für Lolita beten.“ Einige Sonntage sind wir zur Kirche gegangen, als der Pfarrer alle Interessierten einlud, sich zum Konfirmandenunterricht anzumelden. Im Jahr 2005 wurde ich mit meinem Sohn und meiner ältesten Tochter Gunita konfirmiert. Da unsere Bekehrung gemeinsam geschah, habe ich begriffen, dass das die Erhörung der Gebete von Lolita war.
Doch danach geschah manches Merkwürdige in meinem Leben. Wie es bei Arbeitsstellen üblich ist, wird dort aus verschiedenen Anlässen gefeiert und ich trank wie alle anderen auch ein Glas mit. Doch ein anderes Mal trank ich überhaupt nicht, weil ich mit dem Auto gekommen war. Nach meiner Konfirmation erblickte ich bei einer solchen Feier meine Kollegen mit leuchtenden Augen und etwas wie Hörnern… Dabei fühlte ich mich entsetzlich! Nach einer Weile sah ich auf die gleiche Weise ein paar Menschen – es waren die gleichen, die Alkohol konsumierten. Einige Bewohner unseres Pensionats werden von einer Seelsorgerin der Pfingstgemeinde besucht. Ich berichtete ihr von meinen „Visionen“, aber sie berichtete mir damals ähnliches. Damals, als sie sich zu Gott bekehrt hatte, hätte ihr eine Stimme zugeflüstert, dass sie ihrem Leben ein Ende setzen müsste. Dadurch begriff ich, dass der Böse uns umkeist, weil es ihm keineswegs gleichgültig ist, wenn du jetzt bei Gott bist.
In Amerika hat sich meine Tochter mit Christinnen angefreundet. Es waren welche, durch deren Verhalten man erkennen konnte, dass es den lebendigen Gott gibt. Auch jetzt reden wir mehr über Glaubensfragen als über Alltagsdinge. Ein großer Gewinn ist für mich die Erkenntnis, dass Gott jeden Augenblick und bei jeder Gelegenheit gegenwärtig ist. Ich sage zu meiner Tochter: „Weshalb musste ich so lange warten? Ich hätte bereits vor 31 Jahren Christin sein können.“ Darauf entgegnet meine Tochter: „Vielleicht, weil du so leidenschaftlich bist, was zur Folge gehabt hätte, dass man dich in der Sowjetzeit nach Sibirien geschickt hätte.“ Nun gehöre ich schon seit 6 Jahren zur Gemeinde und fühle mich keineswegs so, wie man im Volk sagt. „Diese erste Welle der Begeisterung wird bald vergehen.“ Wenn sich jemand verliebt, dann ist eines Tages die große Liebe vorbei, aber bei mir ist das nicht der Fall. Natürlich gibt es Zeiten, in denen ich mich wie in der Wüste fühle. Von meiner Natur her bin ich mit meinem „Ich“ sehr zurückhaltend, doch seitdem ich
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Christin bin, hat mein Familienleben eine Wende von 180 Grad gemacht. Mein Mann ist zwar als Kind getauft worden und kommt jeden Sonntag zum Gottesdienst mit, aber wenn ich versuche, ihn zur Konfirmation zu überreden, dann antwortet er mir wie zum Scherz: „Nun, was willst du überhaupt? Ich streife nicht umher, ich rauche nicht, aber mein Gläschen Schnaps möchte ich weiterhin trinken…“ Er ist sehr ehrlich. Wenn er sich konfirmieren lässt, dann möchte er das nicht nur einfach mir zum Gefallen tun. Er kann nicht lügen. Von mir kann ich sagen, dass ich seit meiner Konfirmation nicht einmal ein Glas Sekt trinken kann. Meine Kolleginnen auf der Arbeitsstelle verstanden das nicht: „Du brauchst bloß Christ zu werden, und schon kannst du mit uns zusammen nicht einmal mehr ein Glas Sekt trinken. Etwa drei Mal habe ich es noch versucht, aber jetzt tue ich es gar nicht mehr, denn es wird mir bereits von einem Glas schecht.
Ich bete viel – für die Kollegen, für das ganze Pensionat und die alten Leute, welche dort leben. Es ist doch so, dass du, wenn jemand über dich herfällt, besonders intensiv für ihn beten sollst. Dann können drei oder vier Tage vergehen, und dieser Mensch wird plötzlich dein bester Freund. Ich erbitte eigentlich nichts konkretes, sondern ich bete darum, dass der Heilige von ihm Besitz nehmen und Gott ihn umfangen und segnen möchte. So wie es die Heilige Schrift aussagt. Erst kürzlich las ich in unserer Kirchenzeitung, dass in jedem Menschen etwas Gutes steckte und er dazu zurückkehren sollte. Das ist auch meine Auffassung. Man hat mich dafür ausgelacht – du tust für die Menschen so viel Gutes, doch von ihnen wirst du gebissen. Doch das hat mich nicht erbittert. Es gab eine Zeit, in der man mich auf meiner Arbeitsstelle ansprach: „Weißt du, dass man dich immerfort nur auslacht?“ Ich antwortete: „Lass sie doch lachen, Gott hat unsere Situation im Griff.“
In diesem Winter habe ich mir meinen Arm gebrochen und konnte drei Monate lang nicht zur Arbeit gehen. Als ich wieder zurückkehrte, wurde ich von allen mit einer unvorstellbaren Welle der Liebe überschwemmt. Vielleicht hat sich bei mir etwas verändert. Die ersten zwei Wochen meiner Krankheit, als mir mein Arm immer sehr weh tat, empfand ich als eines Zeit des Leidens. Aber Gott hat alles zum Guten gewendet. Er schenkte mir die drei Monate zum Beten und Meditieren.
Ich habe auch das Fasten praktiziert. Oft geschieht das nicht, doch wenn ich etwas über Gott erfashren muss, dann faste ich, und er beantwortet mir auf sehr verschiedene Weise meine Fragen. Vor mehreren Jahren fand ich in SR von Sandra Gintere einen Beitrag über das Fasten, von dem ich mich anregen ließ. Zum Fasten gehört auch das Bekenntnis der Sünde. Und es ist gut, damit am Montag zu beginnen, denn am Sonntag hat es bereits in der Kirche das Sündenbekenntnis und die Absolution gegeben. Dann sollte es so sein, dass die Probleme so weit fortgerückt sind, dass wir sie ohne Gott nicht mehr lösen können. Ich nehme einen kleinen Joghourt zu mir und trinke einen Schluck Milch und dabei wird es mir ganz leicht. Ich erzähle es auch meinem Mann, damit er weiß, wie es um mich steht. Da er mir so nahe ist, sieht er auch, wie Gott meine Probleme löst. Gewöhnlich erhalte ich nach zwei oder drei Tagen eine Antwort – sei es durch einen Arbeitskollegen oder durch eine christliche Radiosendung. Manches mal werde ich bereits nach einem Tag vom Wort Gottes angeredet. Ich schließe in meine Fürbitte auch immer die Predigt des Pfarrers ein. Eines Samstags sah ich im Fernsehen eine Sendung über den Kreuzweg. Mein Herz war so bewegt, dass am darauf folgenden Sonntag der Pfarrer alles predigen konnte, was er nur wollte, mir kamen immer die Tränen. Wir sollten immer bereit sein, eine Predigt in uns aufzunehmen und nicht zur Kirche zu kommen, um dann festzustellen: „Ach, ich habe nichts von dem verstanden, was der Pfarrer gesagt hat.“
Ich esse gerne Süßigkeiten, aber in der Fastenzeit lege ich sie ganz und gar beiseite und bemühe mich, mein Essen möglichst fettlos und ohne Zucker zu gestalten. Man hat uns Lutheranern beigebracht, dass das Fasten etwas wie eine geistige Enthaltsamkeit sei, doch ich
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stimme dem Standpunkt zu, dass das Fasten auch das Essen betrifft. Denn wenn du Gott etwas mit vollem Magen fragst, dann kann es leicht geschehen, dass du gar nicht hörst, was er dir antwortet…
Bei dem allen ist es interessant, dass mir das Fasten nicht gelingt, wenn ich es mir einfach vornehme zu fasten, sondern nur dann, wenn ich wirklich einen Anlass habe.
Als Lolita aus Amerika zurückkehrte, arbeitete sie hier ein Jahr lang und begab sich danach in die Niederlande. Jetzt ist sie dort bereits vier Jahre in der Altenarbeit. Zuerst war sie in der Altenpflege tätig, aber jetzt koordiniert sie das ganze System. In Rotterdam besuchte sie eine Gemeinde, die ähnlich war wie die Pfingstgemeinden hier. Diese Gemeinde entfaltet auch hier eine große Missionstätigkeit, um Menschen wieder zu einem normalen Leben zurückzuführen, zum Beispiel Rauschgiftsüchtige und Prostituierte. Einmal war ich zu Ostern in einem Konzert. Damals betrachtete ich das und fragte mich, was wohl aus diesen Kindern geworden wäre, wenn diese Gemeinde nicht an ihre Eltern herangetreten wäre und sich um sie gekümmert hätte.
Meine älteste Tochter Gunta wohnt hier und ich habe zwei Enkelkinder. Auch bei ihnen ist Gott.. Sie hat Jura studiert und hat es jetzt vor allen mit unmündigen Kindern zu tun. Gott hat ihr eine schwere Last auferlegt, die sie nur mit Seiner Hilfe tragen kann.
In meiner Kirchengemeinde übe ich das Amt einer Schriftführerin aus. Ich schreibe auch Glückwunschbriefe an alle 300 Gemeindeglieder zu besonderen Anlässen. Im Sommer führe ich bei offener Kirche die Aufsicht. Dann kommen viele Ausländer, Leute von hier und Schüler. Wir haben auch einen Gebetskreis per Telefon. Die Menschen fürchten sich sehr vor dem Gerede, aber wir haben es begriffen, dass wir in unserer heutigen Massengesellschaft nicht herumreden dürfen, sondern für die betroffenen Menschen beten sollen. Ich sehe ein, dass uns das im Sommer nicht immer gut gelingt, doch während des Winters schließen wir uns an jedem Abend um 22 Uhr zur Fürbitte zusammen. Uns gefällt es, dass wir jetzt in einer Zeit leben, in der die verschiedenen Konfessionen aufeinander zugehen. Mit meinem Mann bin ich nach Jelgava gefahren, um dort den Bischof der Pfingstgemeinde Jánis Ozolinkēvičs anzuhören. Auch gefiehl mir sehr Ihr Interview mit dem neuen katholischen Erzbischof Zbigņevs Stankēvičs. Als ich es las, war ich voll begeistert!
Nach meiner Konfirmation wurde ich vom Wunsch erfasst, zu malen. In der Schule hatte ich einst Zeichenunterricht.. Bereits vor vielen Jahren las ich in einer Zeitung, dass es in Schweden eine Frau gäbe, die als Rentnerin plötzlich zu malen begonnen hätte. Ich dachte –
weshalb sollte auch ich das nicht können? Ich besuchte den Kunstsalon „Meister Eckhard“ in Bauska. Einmal wöchentlich stellt sich dort der Maler Mārtiņš Krūmiņš ein, der uns sehr gut in diese Kunst einführen kann.
Aus mehreren Mündern habe ich folgenden Satz gehört: „Wenn Gott dir die Augen geöffnet hat, dann siehst du die Welt anders.“ Du entdeckst plötzlich den Abend und den Morgen. In Semgallen gibt es keine Berge und Täler, so dass du den Sonnenaufgang und Sonnenuntergang ebenso erlebst wie auf dem Meer. Du nimmst die Schönheiten der Natur anders wahr. Und das alles möchtest du auch gerne zu Papier bringen. Nun male ich bereits seit fast zwei Jahren, und ich habe in diesem Sommer gesehen, dass Gott die Welt so schön geschaffen hat, dass man schon sehr begabt sein muss, wenn man das so aufmalen möchte, wie es tatsächlich der Wirklichkeit entspricht, Mir tun alle leid, die das nicht sehen und mir tun die Jahre leid, die ich ohne Gott verbracht habe. Wenn ich zur Arbeit fahre, dann mache
ich mir Sorgen darum, dass ich nicht in einen Graben fahre, denn durch das Betrachten der
schönen Umgebung wird man leicht abgelenkt. Plötzlich habe ich Empfindungen wie in meiner Kindheit, denn in der Kindheit hat man offene Augen.

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Meine Informationsquellen sind das christliche Radioprogramm und unsere Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts.“. Nur ist es schade, dass unsere Kirchenzeitung jetzt so selten erscheint. Ich wünsche euch viel Kraft zum Durchhalten.

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Mazā Pils iela 4 – Riga – LV 1050
E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 21.10.2010)
Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Lange haben meine hoch verehrten Leserinnen und Leser nichts Neues von mir lesen können. Das liegt daran, dass ich Anfang September zehn Tage in Lettland war und dann sofort danach mit meiner Frau – wie in jedem Herbst – nach Karlsbad gefahren bin, wo wir immer etwas für unsere Gesundheit tun möchten, was uns auch hilft, den Winter gut zu überstehen. So schön und erholsam ein solches Ausspannen auch ist, so sehr werden mir meine Knie weich, wenn ich die Berge von geschriebenem und gedrucktem Papier, die bei unserer Rückkehr darauf warten, dass ich auf irgendeine Weise darauf eingehe.
Ein erster Versuch dieses Eingehens liegt nun mit dieser Ausgabe von SR vor Ihnen, ehe ich mich dem nächsten zuwende in der Gestalt der Nr. 13 von SR, die bereits darauf wartet, übersetzenderweise beachtet zu werden.
Diese Ausgabe wird durch zwei sehr verschiedenanrtige Beiträge gefüllt: das sehr eindrucksvolle Interview von Inga Reča mit dem Direktor des Schlossmuseums von Rundāle Imants Lancmanis, dem die Bewahrung vieler Kirchen und kirchlicher Wertgegenstände in Lettland während der Sowjetzeit gutzuschreiben ist, der im übrigen ausgezeichnet Deutsch spricht und jeden, dem er begegnet auf das tiefste beeindruckt. Der zweite Beitrag ist ein Interview mit einer Leserin von SR, welche die Kirchenzeitung bereits seit ihrem Wiedererscheinen abonniert, ohne dass sie sich damals zum christlichen Glauben bekannte und einer Gemeinde zugehörte und sich erst vor fünf Jahren dazu entschlossen hat, diesen Schritt zu tun, Natürlich enthält diese Ausgabe noch sehr viel andere interessante Beiträge, auf deren Übersetzung ich aber leider verzichtet habe.
In den Anhang stelle ich bereits einen Beitrag, den der Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Lettlands Dr. Ralfs Kokins für SR verfasst hat und der dort vermutlich auch erscheinen wird, und in dem er zur gegenwärtigen Situation der Lutherischen Kirche Lettlands Stellung nimmt. Ich habe sie schon jetzt übersetzt und stelle sie in den Anhang zu dieser Ausgabe, weil ich von vielen Leserinnen und Lesern weiß, dass sie diesen Beitrag sehr erwarten. Die nächste Ausgabe wird nicht so lange auf sich warten lassen. J.B.

Anhang zu SR 12-2010 – 1 -

Pfarrer Dr. theol. Ralfs Kokins, Pfarrer der Kirchengemeinde der Hl. Dreifaltigkeit in Jelgava.- Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Lettlands.

Gedanken eines lutherischen Pfarrers über die Situation in unserer Kirche.

Riga, den 4. Oktober 2010.

Es ist nicht möglich die Irrwege auf dem Gebiet der Haushalterschaft und der Verwaltung bei der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands (ELKL) zu übersehen, hinter denen sich noch viel tiefere und ernsthaftere Probleme offenbaren. Unsere Kirche durchlebt zur Zeit eine schwere Identitätskrise, die durch eine langfristige, zielstrebige und systematische Abkehr von protestantischen Prinzipien gekennzeichnet ist. Dieses hat in die Kirche Widersprüche, Verwirrung, und Zerissenheit hineingebracht und deren Gemeinschaft und ein erfolgreiches Wirken in der Gesellschaft belastet.
Mich erregt auch die Tatsache, dass unsere Kirche praktisch keine Gemeinschaft mit dem größten Teil der evangelisch-lutherischen Kirchen Europas und in der Welt mehr hat, sie jedoch daneben nur mit sehr eng ausgerichteten Vereinigungen pflegt (um nicht von den unmissverständlichen Versuchen einer Zusammenarbeit in Richtung Rom unter dem Aushängeschild „Ökumene“ zu sprechen).. Ebenso unterscheidet sich die Ausrichtung der Ziele der Tätigkeit der Kirchen Europas und der evangelische Anteil am Leben der Gesellschaft bei wirklich wichtigen Fragen (soziale Gerechtigkeit, Ethik, Mission, Evangelisation, Diakonie und Erziehung) sehr von der „christlichen Haltung“, mit der sich auch unsere Kirche im Raum der Gesellschaft zeigt und sich dabei populistisch an irgendwelche marginalen Fragen festklammert.
Hier geht es nicht um die Praxis in einzelnen Kirchengemeinden und um die Vielfalt innerhalb der Kirche, sondern um die Struktur der ganzen Kirche, die Prinzipien und Grundwerte bei ihrer Tätigkeit.
Es entsteht das Empfinden, dass die Kirchengemeinden nur um der hierarchischen, episkopalen und ausgeprochen klerikalen „Leitung“ willen ihre Existenzberechtigung haben. Nicht nur alle Zahlungen, sondern alle Abrechnungen nehmen praktisch nur eine Richtung „von unten nach oben“ (und nicht umgekehrt, was dem protestantischen Prinzip entspräche).
An die Stelle der demokratischen Wahlen ist jetzt die „Berufung“ in Ämter von irgendwo her aufgetaucht, bei der die Kirchengemeinden (und damit alle Gläubigen) nichts mehr zu sagen haben.
Eine der ersten Etappen bei der Genesung unserer Kirche wäre die Rückkehr zur Verfassung des Jahres 1928, denn die gegenwärtige Verfassung geht von einem Kirchenmodell aus, welches den Prinzipien der evangelisch-lutherischen Kirche nicht entspricht und ein völlig gegensätzliches Modell darstellt (aufgebaut auf sehr zweifelhaften theologischen und ekklesiologischen Grundlagen nach dem Vorbild der römisch-katholischen Kirche des Mittelalters).
Nach der neuen Verfassung wird die Verwaltung ausgesprochen hierarchisch gebildet mit einer klerikalen Machtpyramide über den Kirchengemeinden, über die weder die Kirchengemeinden noch die Pfarrer etwas zu befinden haben. Sogar die Synode kann die

Anhang zu SR 12-2010 – 2 -

Tätigkeit des Oberkirchenrates weder beeinflussen noch ändern! Das ist ein der Welt des Protestantismus fremdes hierarchisch-klerikales Diktat über die Laien, denen nur die Möglichkeit verbleibt: das von „Oben“ her dargebotene zu unterstützen…
An der „Spitze“ der hierarchischen Pyramide dieser geistlichen und weltlichen Verwaltung befindet sich der Erzbischof (er nominiert und setzt das Kapitel ein, legt die Vollmachten der Bischöfe fest usw), dessen Autorität und Machtvollkommenheit den Prinzipien des
lutherischen Kirchenverständnisses widerspricht. Ebenso offenbart die Wahl des Erzbischofs auf Lebenszeit gefährliche und ungesunde autoritäre Merkmale.
In der neuen Verfassung wird den Kirchengemeinden faktisch auch ihr Status und ihr Recht auf Bestimmung (das der Herr allen Gläubigen gegeben hat) geraubt, und dabei die ganze Betonung auf die hierarchische „Kirche“ nach katholischem Verständnis gelegt. Nur die Gemeinden können die wahre Kirche sein (denn alle Gläubigen haben doch „die Macht des Amtes der Schlüssel“ und die Vollmachten der Verwaltung), sie bilden die wahre Gemeinschaft um das Evangelium und die Sakramente. Die Bischöfe können ebenso wenig wie irgendwelche Verwaltungsstrukturen die Kirche sein. Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen.
Gerade die katholische (und nicht die protestantische) Theologie enthält als Musterbeispiel das Kirchenverständnis von der priesterlichen Hierarchie mit dem Papst, der sich nicht irren kann, an der Spitze. Die lutherischen Bekenntnisschriften lehren, dass Christus und mit ihm die Kirche nicht dort gegenwärtig ist, wo der Papst ist und mit ihm die Strukturen dieser hierarchischen Verwaltung, sondern dort, wo in gläubigen Gemeinden um Gottes Wort und Sakrament Gemeinschaft entsteht. Eine ausgesprochen hierarchische, klerikale Kirche mit auf die rituellen Äußerlichkeiten der priesterlichen Messe gerichteten Tendenzen (in der alle Gläubigen, Laien und sogar die Synode praktisch nichts mehr zu sagen haben) steht zu den evangelischen Prinzipien in absolutem Widerspruch, angefangen bereits bei dem Prinzip des Priestertums aller Gläubigen (statt des hierarchischen Prinzips). Es ist möglich, dass es irgendwelche Minderwertigkeitskomplexe gegenüber der „Mutter“ Römisch-Katholische Kirche und die Ungewissheit über die Fülle des Heils in der evangelisch-lutherischen Kirche waren, die das verschuldet haben, aber es ist doch eine Frage der Gewissensentscheidung eines jeden einzelnen, welcher Konfession wir angehören möchten. Unsere Vielfalt ist etwas sehr Schönes, doch wenn ich auf der Straße einem lutherischen Pfarrer im vollen katholischen Habit begegne, der zu einer Amtshandlung einer „Weihe“ eilt, oder wenn ich von Lutheranern höre, die sich zusammen mit katholischen Kreisen auf eine Pilgerschaft begeben, um an einem der Gräber eines „Heiligen“ diesen „anzurufen“, oder wenn ich in einer Fernsehübertragung sehe, wie lutherische Geistliche mit Gold und Silber bekleidet und umgeben von Ministranten im Weihrauchnebel theatralisch eine für einen normalen Sterblichen unverständliche Messe zelebrieren, die eher an ein mittelalterliches Mysterienspiel erinnert, dann überkommt mich ein schlechtes Gefühl, denn das macht eine noch tiefere und tragischere Abkehr von unserem Kirchenverständnis und die Abwertung unserer Werte in unserer Kirche deutlich…
Mir wird eine unchristliche und feindselige Haltung gegenüber der Ökumene und gegenüber der römisch-katholischen Kirche zum Vorwurf gemacht. Ökumene heißt aber nicht die Konversion einer Kirche zu einem anderen Glauben, sondern das Gespräch miteinander und
die Gemeinschaft unter gleichwertigen Partnern. Ich habe nichts gegen die römisch-

Anhang zu SR12-2010 – 3 -

katholische Kirche und und auch nichts gegen deren Theologie, aber ich kann nicht deren gedankenlose Übernahme in unsere Kirche akzeptieren. Dass wir die Worte „Evangelium“ und „lutherisch“ einfach dahersagen, heißt noch lange nicht, dass wir auch wirklich evangelisch-lutherisch sind.
Jedes akademische Lehrbuch über die Ausrichtungen (Konfessionen) des Christentums weist auf den gewaltigen Unterschied zwischen dem protestantischen und dem römisch-katholischen Glauben mindestens in einem grundsätzlichen Punkt hin – dem Verständnis von Kirche und Priestertum.
Die Protestanten sind einmütig der Auffassung, dass es zwischen Gott und den Menschen keiner Mittler bedarf. Die römischen Katholiken, die sich außer auf die Heilige Schrift ebenso auf die Tradition stützen, sind der Ansicht, dass es der Mittler bedarf in der Form der Kirche und deren Hierarchie mit dem Papst an der Spitze und der Priester und damit auch der Messe, des Messopfers, aller prächtiger Gewänder und Äußerlichkeiten, der Rituale, des Papstes und der Priester, der Wallfahrten, des Besuches von heiligen Stätten und Reliquien, des Betens dort, des Heiligenkultes, der Anrufung Mariens und der heiligen Familie, guter Werke und sogar des Leides als Opfer usw.
Die Grundhaltung der Protestanten beruht auf der Heilige Schrift oder dem Prinzip des Sola Scriptura. Und wenn wir etwas nicht ganz begreifen, dann sehen wir nach, wie es in der apostolischen Urkirche gewesen ist (noch vor dem 4. Jahrhundert, als dort noch nicht heidnische Funktionäre das Sagen hatten). Unser einziger Mittler (Priester) ist und kann nur Jesus Christus selbst sein. Priester und jede andere menschliche Mittlerschaft sind ganz unnütz und unnötig. Er hat alles zu unserem Wohl getan, und sein Opfer genügt völlig für unser Heil. Da gibt es keine Imitation oder Wiederholung mehr. Das Opfer Christi für uns und für unsere Sünden ersetzt den Opferkult in Jerusalem und die vielen unzähligen anderen Opfer. Und ich kann zu unserem lieben Vater beten, an ihn ohne Angst herantreten, und das ohne Furcht, ohne irgendwelchen Mittler (Priester), „Heiligen“ und „Miterlöser“ nur um des Verdienstes Christi willen, als sein geliebtes Kind.
Damit wird im Protestantismus alles äußerliche Messgehabe (mit Gewändern, Prozessionen, Weihrauch, Läuten von Glöckchen, demonstrativem Sich Bekreuzigen, Niederfallen auf den Fußboden, Erklingen des „mea culpa, mea maxima culpa“ und anderen Merkwürdigkeiten) nichts mehr als theatralisch zur Schau gestellte, fast tragisch anmutende leere Reliquienverehrung (wenn das in einer evangelischen Kirche geschieht). Der lutherische Gottesdienst ist in seiner Schlichtheit, Herzenswärme und aristokratischen Würde bewundernswert. Dort fehlt nichts, dort ist nichts unnütz, und dort geht es bei allem um „die Sache.“
Die Messe mit allen unnötigen Äußerlichkeiten, mit Priestern, Prozessionen und allem Gehabe ist etwas völlig anderes. Sie verleiht den evangelischen Prinzipien einen vollig anderen Impetus. (sogar im Unterbewusstsein zu greifen), ein völlig anderes Merkmal, eine völlig andere Botschaft davon, wer Gott ist, der zu seinem Volk, seinen Kindern und seiner Gemeinde durch Wort und Sakrament redet (paradoxerweise möchte Gott uns dienen und nicht wir ihm) und wir antworten ihm mit Gebet und Lobgesang.
Bereits aus den Briefen des Apostels Paulus ersehen wir ganz deutlich, dass eine Gemeinde weder eine hierarchische Größe noch irgendein Verband ist. Die Gemeinde ist wirklich eine Familie, in der gegenseitige Achtung, Demut und Liebe herrschen muss. „Über“ der

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Gemeinde steht weder ein Pfarrer, Bischof noch der Papst, sondern Christus selbst als das wahre Haupt der Gemeinde. Die Gemeinde erhält ihr Profil durch die Koinonia – die Gemeinschaft der erlösten Sünder, und nicht durch eine frömmelnde Macht oder durch wirtschaftliche oder andere Strukturen.
Die Gemeinde darf sich nicht an weltlichen Machtspielereien berauschen, in der Gemeinschaft miteinander muss alles Pharisäertum und alle äußere Frömmelei ausgelöscht werden.
In der Gemeinde muss der radikale Verzicht auf irgendeinen Status und auf Prinzipien der Macht deutlich werden und damit ein Stellungswechsel stattfinden. In Christus gibt es weder Juden noch Griechen, weder Sklaven noch Freie, weder Frauen noch Männer, in der Gemeinde und für die Gemeinde gibt es keine und kann es keine Obrigkeit geben. Das Prinzip der Liebe kann nicht Wirklichkeit werden, wenn zwischen den Menschen die Barrieren des Status, der Macht oder der Hierarchie den Ton bestimmen.
Ämter sind stets Ämter des Dienens und nicht des Herrschens. Sie sind um der Ordnung in der Gemeinde willen eingesetzt und setzen eine Berufung (bereits durch die Gemeinde), Ausbildung und die anvertraute Verantwortung nach dem Maße der geistigen Gaben voraus…
sie sind aber auf keinen Fall Ämter einer hierarchischen Macht nach den Prinzipien des mittelalterlichen Papsttums und dürfen es auch in der Kirche und in der Gemeinde nicht sein. Die gute alte Verfassung aus dem Jahr 1928 und die lutherischen Grundsätze haben nichts gegen das Bischofsamt einzuwenden und befürworten sogar die Existenz eines Bischofs und Bischofskollegiums, aber nicht nach dem Verständnis des hierarchischen Priestertums.
Die ganze Verwirrung und der Krampf mit dem Import katholischer theologischer Prinzipien in unserer Kirche hat alle Beziehungen durcheinander gebracht. Ein Pfarrer gerät bei seinem Dienst in der Gemeinde ständig in Missverständnisse und sogar in Konflikte, denn als Lutheraner muss er nach seinem Gewissen, seinem Ordinationsversprechen, seiner evangelischen Ausbildung und den lutherischen Bekenntnisschriften nur das Eine verkündigen, aber die „neue“ Kirchenordnung und die Geschäftsprinzipien sehen etwas ganz anderes vor. Denkende Menschen haben das schon längst bemerkt und begriffen, dass hier bereits „sogar an der Wurzel“ etwas nicht zusammenpasst… Und sei es nur bei dem Gebrauch der katholischen Terminologie (Diözese, Kathedralen, Prokathedralen, „Bischofsweihe“, Bischofsthrone, Heilige, Wallfahrten, Fegefeuer usw – das alles bringt uns dem Reliquienkult immer näher!) Faktisch herrscht in unserer Kirche bereits jetzt der Widerspruch am Ende der Widersprüche. Das macht uns innerlich schizophren, krank und schafft „innerliches Unbehagen.“
Die Verfassung des Jahres 1928 ist eine grundsolide Grundsatzerklärung der ev.-luth. Kirche, die man in mancher Hinsicht mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland oder der Verfassung der Vereinigten Evangelisch Lutherischen Kirche Deutschlands oder sogar mit der Weimarer Verfassung vergleichen könnte. Die Verfassung ist kein Dokument, das wir hochmütig beiseite schieben können, um irgendwelchen Einfällen zu folgen, und die wir ändern dürften (ohne dabei die vielen Gegenargumente und Einwände zu beachten.)
Jeder Jurist wird mir beipflichten, dass sich mit jeder Änderung der Verfassung auch die Form eines Staates ändert. Leider hat sich die Form auch in unserer Kirche verändert. Diese Veränderungen sind mit pseudoevangelischen Argumenten aus der vorreformatorischen Zeit begründet worden, und, soweit es mein Wissen und Verstand erkennen kann, haben dabei das

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Kirchenmodell und die theologischen Grundsätze ausgerechnet der römisch-katholischen Theologie als Vorbild gedient.
Deshalb möchte ich, wenn ich jetzt offen und ehrlich meine Gedanken ausgesprochen habe, darum bitten, sich selbst und andere nicht mehr zu quälen und die teuere Zeit der Gnade zu verschwenden, sondern zur Verfassung der Evangelisch Lutherischen Kirche Lettlands aus dem Jahr 1928 und zur Ordnung und Praxis der Evangelisch-Lutherischen Kirche zurückzukehren! Jedem armen Sünder, der sich wirklich um die Frage nach der Wahrheit und dem Heil Sorgen macht, kann es nicht gleichgültig sein, welcher Kirche er angehört!

Übersetzung aus dem Lettischen: Johannes Baumann

Jagt dem Frieden nach mit jedermann und der Heiligung, ohne die niemand den Herrn sehen wird. Hebräer 12, 14.

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.
11. Sonntag nach Trinitatis Ausgabe Nr. 11.(1838) vom 14. August 2010.

Spalte der Chefredakteurin Inga Reča
Sehr unter die Haut
Der Sommer ist in diesem Jahr sehr heiß geraten, nicht wahr? Nicht nur in der Natur, sondern auch in der Gemeinschaft der Christen. Wie es unser Erzbischof in seiner Glückwunschansprache an den neuen katholischen Erzbischof erwähnte, so gab es darüber Freude oder Aufregung, aber niemand ließ diese katholische Bischofsweihe im lutherischen Dom gleichgültig. Sowohl den Katholiken als auch den Lutheranern ging diese Bischofsweihe sehr unter die Haut. Oder noch genauer gesagt – unter die Haut des Glaubens und der Überzeugung.
Im August sind es genau 15 Jahre her, seit ich in der evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands getauft und konfirmiert worden bin. Aber genau so gut hätte ich eine Katholikin sein können, denn ich bin ein Kind, das aus einer Mischehe hervorgegangen ist. Und nur, weil ich bei meiner lieben lutherischen Großmutter und meinem lieben lutherischen Großvater in Kurland und nicht bei meinen katholischen Großeltern in Lettgallen aufgewachsen bin, gab es, als ich mich Gott rief, nicht den geringsten Zweifel für mich, welcher Konfession ich angehören wollte. Obwohl ich damals bereits erwachsen war, hatte ich vom lutherischen Bekenntnis nicht die geringste Ahnung. Es war einfach so, dass mir meine geliebte lutherische Großmutter näher stand. Ich denke, dass die überwältigende Mehrheit unserer Gemeindeglieder sich auf diese Weize für ihre konfessionelle Zugehörigkeit entscheidet. Und so ist es ein großes Rätsel und ein großes Mysterium, weshalb dich Gott ausgerechnet in diese Denomination hineingestellt hat. Diejenigen, für die das Dogma (im allerweitesten Sinn) an der ersten Stelle steht, werden Theologen oder Pfarrer, aber alle anderen…?
Ja, wie ist es mit den anderen? Wie soll man es verstehen, ob du wirklich bei der richtigen oder vielleicht sogar bei der „allerrichtigsten“ Variante gelandet bist? Ganz und gar nicht möchte ich feststellen, dass alles, was ich davor geglaubt habe, nur Irrtum war…
Eine Weile lang habe ich baptistische Gottesdienste besucht. Mich hat es begeistert, dass sie dort so viel sangen und nach dem Gottesdienst nicht sofort nach Hause liefen, sondern in der Gemeinschaft zusammen blieben. Nach einer Weile kam ich mit Katholiken in engeren Kontakt. Bei ihnen gefiel mir sehr ihr praktisches Empfinden und ihre Ehrfurcht. Auch unter den Orthodoxen habe ich viele enge Freunde. Alles in der orthodoxen Kirche erscheint mir geheimnisvoll, mysteriös. Als ich einmal einen sehr berühmten Prediger der Pfingstgemeinde kennen lernte, wollte ich gerne eine ebenso glühende Christin sein wie er. Vielleicht muss man sehr standfest sein, um so zu leben wie Professor Roberts Feldmanis: „Christus und nichts anderes, Christus und kein anderer, Christus und nur er allein!“

Christus und kein anderer. Inga Reča
Am 4. August fand in der evangelisch-lutherischen Christuskirche in Riga die Feier zum Gedächtnis des 100. Geburtstages (4. August 1910 – 28. Mai 2002) des bedeutenden Pfarrers, Professors der Theologie und Kirchenhistorikers Roberts Feldmanis statt. Die Christusgemeinde ist die erste Gemeinde, in der R.E. Feldmanis im Jahr 1932 als Helfer von Pfarrer Edgars Rumba seinen Dienst begann und die langen Jahre seines Dienstes beschloss.
„Für ihn stand stets Christus im Zentrum und kein anderer und nichts anderes. Wäre das doch auch bei uns so!“ Das wünschte bei der Enthüllung einer Gedenktafel an der Christuskirche (der ehemaligen Friedhofskapelle der St. Jakobigemeinde) einer seiner einstigen Schüler,
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Erzbischof Jānis Vanags, den Anwesenden. Zu dieser Gedächtnisfeier waren neben den Gliedern der Christusgemeinde viele Menschen gekommen, die Professor Feldmanis persönlich gekannt, seine Predigten angehört und aus seinen Händen den Segen empfangen hatten Ganz besonders herzlich denken an den hochbetagten Professor diejenigen zurück, die er seine Söhne genannt hatte: Erzbischof Jānis Vanags, der Propst der Propstei Riga Linards Rozentāls, der Pfarrer der Christusgemeinde Agris Sutra, der Pfarrer der lutherischen Gemeinde Katlakalns Māris Ziemelis, der Pfarrer der lettischen Kirchengemeinde in Irland Uģis Brūklene, der Pfarrer der Kirchengemeinde Olaine Oskars Skrodelis, der Pfarrer der Kirchengemeinde Mežaparks Ilmārs Rubenis und viele andere.
Im Gedächtnisgottesdienst wurde eine Aufnahme einer Predigt von Professor Feldmanis wiedergegeben, und danach konnten alle Teilnehmer sich über das Leben und das Werk des Jubilars bei der Besichtigung einer Ausstellung informieren und bei einer Mahlzeit im Garten Erinnerungen austauschen,
R. Feldmanis ist eine der hervorragendsten Persönlichkeiten der Geschichte der Evangelisch- lutherischen Kirche Lettlands als Historiker der ELKL, als geistlicher Vater und Erzieher der jungen Pfarrer, dessen Einfluss weit über die Grenzen Lettlands hinaus reichte. Er hat in der Universität Lettlands studiert und danach in einigen Kirchengemeinden Dienst getan. Eins seiner bedeutendsten Werke ist seine Tätigkeit in der Mission. Er war ab dem Jahr 1936 bis 1938 der Sekretär der lettischen Missionsgesellschaft und hat als solcher an der Weltkonferenz in Indien 1938 teilgenommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er Pfarrer mehrerer Gemeinden in Riga, wurde 1950 verhaftet und in das Lager Kargopol im Bezirk Murmansk deportiert..
Nach Stalins Tod kehrte er nach Riga zurück und diente als Pfarrer in mehreren Gemeinden in und um Riga: Olaine, Katlakalns, Biķeri, Mežaparks und in der Christusgemeinde. Nach der Wende erlebten die von ihm betreuten Gemeinden ein intensives geistliches Erwachen. Ein großer Teil der jungen Pfarrer kam aus jenen Gemeinden, aber ganz besonders aus der Gemeinde Mežaparks. Nach der Wiedergewinnung der Unabhängigkeit Lettlands beteiligte sich Professor Feldmanis aktiv an der Aktivierung des Gemeindelebens in vielen Kirchengemeinden und am Wiederaufbau der viele Jahrzehnte geschlossenen Theologischen Fakultät der Universität Lettlands. Bis 2000 hielt er in der Christuskirche sonntags einen Frühgottesdienst.
Roberts Feldmanis ist neben der Kirche von Katlakalns bestattet.

Ein Buch für alle, „die auf der Suche nach dem Verständnis des Weltgeschehens sind“
Anda Briede
Vor Kurzem haben wir am 4. August des 100. Geburtstages des Professors, Kirchenhistorikers und Pfarrers Dr. Roberts Feldmanis gedacht. Deshalb ist es eine besondere Freude, dass am Vorabend dieses Jubiläums sein Buch „Die Geschichte der Kirche Lettlands“
erscheinen konnte, welches Vorlesungen des Professors enthält, die er in der Theologischen Fakultät der Universität Lettlands im Jahr 1992 gehalten hat. Diese Vorlesungen umfassen die Epoche von der Christianisierung Lettlands bis zum 20. Jahrhundert, als nach dem Ersten Weltkrieg die Evangelisch-lutherische Kirche Lettlands neu gegründet wurde.
Ganz kurz möchte ich bei der Überlegung verweilen, welche besondere Bedeutung dieses Buch aus meiner Sicht hat und worin der besondere Wert dieses Lesestoffes liegt.
Einen nicht hoch genug einzuschätzenden Gewinn bietet die Fähigkeit von R. Feldmanis, die Verbindung historischer, politischer, geistlicher und anderer Vorgänge miteinander zu entdecken und diese Zusammenhänge auf die Gegenwart und sogar auf die Zukunft zu übertragen Damit wird die Lektüre spannend nicht nur für den Historiker oder den an Geschichte interessierten Leser, sondern, um die Worte des Professors zu gebrauchen, auch
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„für alle, die auf der Suche nach dem Verständnis des Weltgeschehens sind.“ Das Buch ist reich an Informationen und es bietet eine spannende Reise in die Geschichte unseres Volkes und unserer Kirche an..
Die Geschichte der Kirche wird zusammen mit der Geschichte unseres Landes und unseres Volkes betrachtet. Der Autor vertritt dabei die Ansicht: „Wir können die Geschichte der Kirche Lettlands nur in einem gewissen Maß verfolgen, wenn wir das auch mit der Geschichte unseres Volkes tun. Diese beiden Vorgänge sind voneinander nicht zu trennen.“
Dr. Feldmanis schreibt: „Wenn wir die Ereignisse und Abläufe in unserem geistlichen Leben und im Leben unserer Kirche begreifen möchten, dann müssen wir uns sehr viel den Ereignissen in unserem Lande und zuweilen auch in dessen Nachbarschaft zuwenden. Es genügt nicht, dass wir uns mit einzelnen aus dem Zusammenhang herausgerissenen Elementen begnügen..“ Oder an einer anderen Stelle: „Wir können nicht einfach das geistliche Leben oder das Leben der Kirche von dem abtrennen, was sonst im Lande in jener Zeit geschah und was uns alle sehr wesentlich betraf.“ Der Professor betrachtet das Geschehen auf dem Gebiet Lettlands im Zusammenhang mit dem Weltgeschehen. Deshalb bietet sich für den Leser die einmalige Möglichkeit, auch in die Weltgeschichte Einblick zu nehmen und die Wechselbeziehung und die Unteilbarkeit des Geschehens zu begreifen. Ja, eigentlich noch mehr. Dr. Feldmanis weist darauf hin, dass Kirchengeschichte sehr wichtig und ein untrennbarer Teil der Weltgeschichte ist.
Im Buch werden an vielen Stellen Ereignisse betrachtet, die sich in weit von Lettland entfernten Ländern abspielten. So schreibt Professor Feldmanis zum Beispiel über die päpstliche Machtpolitik und die Kirchenleitung der katholischen Kirche, über die Entstehung des Staates Russland, die Entdeckung Amerikas, die Kapitulation Granadas im Süden Spaniens, den Fall Konstantinopels, den Beginn der Gemeinde der Böhmischen Brüder usw.
Bei der Geschichte Lettlands werden auch solche Fakten hervorgehoben, die weltweit einmalig sind und über deren Bedeutung nicht einmal wir selbst immer gründlich nachgedacht haben. So schreibt der Professor, wenn er auf das Geschehen des Ersten Weltkrieges eingeht: „Bitte beachtet, dass sich hier an unserer Daugava und bei Riga der Erste Weltkrieg im gleichen Maße entschied wie bei den Kämpfen um Paris und an der Marne. Wir selbst haben es kaum bemerkt, die übrige Welt hat es überhaupt nicht bemerkt. Die übrige Welt ist in diesem Sinne an uns vorbei gegangen, aber für uns gehört es sich, dass wir unsere Geschichte kennen.“ Wenn er über Herzog Jakob von Kurland spricht, dann weist der Professor darauf hin, dass der Herzog (im Gegensatz zu der damaligen Machtpolitik anderer Großmächte, (für die die Christianisierung mit der Hilfe von Gewalt und der Unterwerfung der Ansässigen kennzeichnend war) zu seinen Kolonien im Süden Afrikas und vor der Küste Südamerikas Pfarrer hinsandte, denen er den Auftrag gab, geduldig und demütig die dortigen Sprachen zu erlernen und die Ortsansässigen für den evangelischen Glauben zu gewinnen.
Der Autor des Buches erläutert auch verschiedene Termine, Traditionen und Fremdworte. So erfährt der Leser, was Lehen, Humanismus. Rationalismus bedeuten, wann und weshalb es zu der Tradition der Friedhofsfeste gekommen ist. Der Professor wendet sich auch einigen kulturhistorischen Fragen zu, so zum Beispiel der Frage der Eigenheiten des Kirchbaues während der verschiedenen Jahrhunderte, der Darstellung des Angesichtes Christi in der lettischen Malerei. Er tut auch seine Bewertung der lettischen Dichter und Schriftsteller kund.
Dann spricht er wieder in einem besonderen Absatz eines Themas von wesentlichen Fragen des Glaubens. So erläutert er an einer Stelle, was apostolische Sukzession bedeutet, welche tiefere Bedeutung der Choral hat, er spricht von der Gefahr des Götzendienstes, von der Bedeutung des Großen Bußtages,in der lutherischen Kirche, erklärt den Unterschied zwischen den Begriffen „Hölle“ und „Reich der Toten“ usw.

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Sehr breiten Raum nehmen in diesem Buch Lettland und bedeutende lettische Persönlichkeiten ein. Er meint: „Das Gedenken an die eigenen Vorfahren gehört zum Wesen der Aristokratie. Die Stärke der Aristokratie besteht darin, dass sie gleichzeitig in drei verschiedenen Zeiten zu leben vermag: nicht nur im Heute, sondern auch im Gestern und natürlich auch im Blick auf das Morgen. Ganz besonders weist der Professor auf Persönlichkeiten hin, die Vorbilder für unseren Glauben sein können..
Kaupo, Georg Manzelius, Christoph Fürecker, Gerhard Remling, Herzog Jakob, Gottfried Friedrich Stender, Ernst Glück, Johannes Brotze, Nikolaus Ludwig von Zinzendorf, August Bielenstein, Georg Neiken. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der Liste der in seinem Buch behandelten Persönlichkeiten. Es werden jedoch auch noch viele hervorragende Persönlichkeiten genannt, von denen ich annehme, dass der größte Teil von uns deren Namen noch nie gehört haben wird.
Der Autor regt an, sich manches historische Ereignis und menschliches Handeln zum Beispiel zu nehmen. So schreibt er, wenn er von den Zerstörungen in Livland nach den Kriegshandlungen im 17. Jahrhundert berichtet: „Hier seht ihr eine Eigenart, die wir eigentlich als Mut, Elan, Energie und Unablässigkeit dieser ehemaligen Arbeiter bewundern sollten, mit der sie ihre Arbeit taten in solchen Verhältnissen mit grauenhaften und entsetzlichen Zerstörungen. Wir sollten uns das jetzt zum Vorbild nehmen, da wir unsere Kirchen neu erbauen müssten, die noch immer zerstört daliegen. Wir sollten nicht darauf warten, dass die Dächer sich von selbst neu erheben oder aus der Luft auf uns zufliegen oder aus einem fernen Land als Geschenk auf uns zukommen, sondern die Dinge selbst anpacken.!“
Als er von der Brüdergemeinde spricht, regt der Professor an: „Nehmt euch die zum Vorbild in euren Gemeinden, damit ihr auch eure Gemeinde vollzählig versammelt seht.“
Sehr ernst und mahnend klingen die Erkenntnisse des Professors Russland betreffend. Im 19. Jahrhundert versuchte man, viele Letten zur Orthodoxie zu bekehren. Darin erkennt er Parallelen zur russischen Politik. „Es ist bezeichnend, dass diese Sache auch politisch zu sehen ist. Bei den Russen – man beachte das, wenn man die russische Geschichte und die russische Politik betrachtet – gibt es ein Sprichwort, das besagt, dass überall, wo je ein russischer Fuß hingesetzt worden ist, bereits Russland sei… Beachtet das, die ihr in den Baltischen Provinzen lebtet: Wir sind die Eingeborenen von der Ostseeküste. Beachtet das! Auch hier hat der russische Fuß gestanden. Deshalb müssen wir nach dem Katechismus der russischen Politik uns ihrer Macht unterwerfen. Das dürfen die Letten nie vergessen! Das dürfen die Esten nie vergessen! Das dürfen die Litauer nie vergessen. Auch das nicht: „Deportationen sind keine sowjetischen Erfindungen. Deportationen waren die ständigen Begleiter des russischen Machtstrebens. Die Russen waren das einzige kriegführende Volk mit dem asiatischen Verständnis von Macht, nach dem man Menschen als Kriegsbeute betrachtete, nicht nur ihren Besitz, nicht nur die ihnen auferlegten Steuern, sondern die Menschen selbst.
Das Buch enthält nicht nur trockene Tatsachen, Gesetzmäßigkeiten, Aufzählungen und Bewertungen von Ereignissen. Die Darstellung von Dr. R. Feldmanis ist emotional, manches Mal heftig schmerzend, wenn es darum geht, was und weshalb unsere Vorfahren das alles
erdulden mussten. So weist Professor Feldmanis, als er von der Geschichte Livlands im 17. Jahrhundert spricht, auf folgendes hin: „Prägt euch periodisch und systematisch eine einzige Wechselwirkung ein, besonders bei dem Zusammenbruch Livlands, bei dem man sagen konnte, dass unser ganzes Leben nach dem folgenden Dreiklang verlief: Krieg, Pest, Zerstörung .Der Autor schreibt über das Geschehen in Kurland im Ersten Weltkrieg: „Aus Kurland entflohen zwei Drittel der Einwohner. Kurland hatte davor etwa 800 000 Einwohner, von denen etwa 250 000 übrig blieben. Unterwegs geschahen entsetzliche Dinge. Alte Leute
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blieben am Wegesrande und starben dort auch… Die Leute litten an Mangel und unter Seuchen, viele wurden verwirrt, verfielen Panik in den Ballungen und im Gedränge.“
Trotz dieser Tragik weist der Professor auf den ungebrochenen Überlebenswillen der Kirche hin: „Wenn wir diese Dinge betrachten, dann sehen wir, dass dieser grauenvolle Dreiklang – Krieg, Pest, Zerstörung – unbeschreiblich hohe Opfer forderte, doch erkennen wir gleichzeitig
das Wunder, dass dadurch die christliche Kirche nicht zu Grunde gerichtet wurde und sie ihrem geistlichen Auftrag gerecht wird und ihr Werk weiterhin ununterbrochen verrichtet.
Das Buch weist anschaulich darauf hin, wem das lettische Volk seine Entwicklung zu verdanken hat, und dass wir so sind wie wir sind. „Wenn wir uns schon so eingehend mit uns selbst, mit unseren Eigenheiten, mit unseren Vorzügen… beschäftigen, so wird es uns auch von Nutzen sein, daran zu denken, dass es auch die Eigenheiten unseres Volkes sein werden, welche unsere Zukunft in hohem Maß prägen werden.“ Der Autor behauptet: „Vieles werden wir nicht begreifen können, wenn wir uns nicht den Wurzeln, den Ursprüngen zuwenden. Diesen Wurzeln entspringen gelegentlich jene Pflanzen und jene Ereignisse, wie zum Beispiel die gleichgültige Haltung der Letten gegenüber der christlichen Kirche.“ Bei der Lektüre dieses Buches des Professors wird es dem Leser deutlich, dass das Entstehen des lettischen Volkes und des Staates Lettland eigentlich jeder Logik widerspricht. Es war die unermessliche Gnade Gottes und ein Wunder, dass wir als Volk auf dieser Erde leben, und dazu noch als ein Volk mit einem eigenen Staat.
Die Abhandlung von Professor Feldmanis ist mitreißend, sie ist geistlich erhebend und inspirierend. Im Buch ist auch die einmalige Art des Vortrages von Dr. Roberts Feldmanis bewahrt, so dass der Leser den Eindruck hat, selbst im Hörsaal zu sitzen und mit den anderen Hörern gemeinsam die Vorlesungen anzuhören.
Ich kann behaupten, dass dieses Buch jedem die einmalige Möglichkeit bietet, nicht nur die Geschichte unseres Volkes, Staates und unserer Kirche kennen zu lernen oder sein Wissen aufzufrischen und zu ergänzen, sondern auch darin das Werk der Gnade Gottes zu erkennen. Sehr herzlich empfehle ich dieses Buch jedem, der unsere lutherische Kirche und unser Land liebt. Gottes Hilfe und Segen wünsche ich jedem, der sich zur Pflege, Erhaltung und Weitergabe des geistlichen Erbes unseres Volkes in den Dienst gestellt hat.

Ein heißer Kirchentag der Diözese Daugavpils. Ligita Ābolniece.
Am 24. Juli fand der erste Kirchentag der Diözese Daugavpils statt, seitdem die ELKL in drei Diözesen aufgeteilt ist. An ihm nahmen mehr als 2oo Menschen teil, darunter auch Vertreter der Erzdiözese Riga und der Diözese Liepāja.
Der Tag begann mit einer Andacht in der Kirche von Krustpils, die vom Propst der Propstei Sēlpils (Selburg) Ainārs Spriņģis und Pfarrer Evalds Bērziņš gehalten wurde. In einer kleinen Prozession begaben sich darauf die Kichentagsteilnehmer zur Krustpils vorgelagerten kleinen Insel. Dort sprachen zu den Festgästen: der Bischof der Diözese Daugavpils Einārs Alpe, der Bischof der Diözese Liepāja Pāvils Brūvers, Pastor Helmut Brauer aus Lübeck, der Pfarrer der lettischen lutherischen Gemeinde in Irland Uģis Brūklene, der Pfarrer der St. Annen Gemeinde in Liepāja Jānis Bitāns, die Gemeindeleiterin der Kirchengemeinde St. Michaelis in Jēkabpils Lita Krūmiņa. Das Veranstaltungsprogramm wurde von der Assistentin des Erzbischofs Helēna Andersone geleitet und angesagt. Die Losung des Kirchentages war „Führe mich, Gott!“ Diese Losung war auch das Thema der Vorträge und Konzerte. In der Hitze der Sonne hörten wir auf der kleinen Insel den Vortrag von Pfarrer Jānis Bitāns „Von der Gotteskindschaft zur Fülle in Gott“. Darin zeichnete der Referent drei Lebensabschnitte nach, durch die hindurch Gott von dem Augenblick der Bekehrung bis zur vollkommenen Heiligung geleitet. Der erste Abschnitt ist der des Kindes, dem alles und nichts gehört, oder der des Sklaven, der nur das besitzt, was ihm zugeteilt wird, aber sonst nichts.
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So sieht die geistliche Erfahrung des Menschen aus. Der zweite Abschnitt ist der des jungen Menschen oder des Tagelöhners. Diese setzen ihre Kraft, ihre Mühe und Arbeit bewusst ein. Der dritte Abschnitt beginnt, nachdem der Vater den Menschen die Erfahrung der Kindheit und der Jugend hat machen und ihn hat reifen lassen, oder des Sohnes, der bei dem Vater lebt und zum Miterben geworden ist. „In unserem Herzen müssen wir wie Kinder sein, jedoch in der Erkenntnis Gottes reifen. In ihm werden wir erwachsen. Die Heiligung ist ein Merkmal dafür; wie tief und ernst meine Bekehrung gewesen ist,“ sagte J. Bitāns.
Pfarrer U. Brūklene berichtete über den Dienst der lettischen lutherischen Mission in Irland, beschrieb die besonderen Umstände und Probleme, auf die man in jenem fremden Lande stößt. „In Irland ist die Einsamkeit krasser und schreiender. Dort gibt es nicht viel Erinnerungen an die von zu Hause her gewohnte Landschaft. Ganz besonders in der Fremde lernt man alle Dinge neu zu bewerten..“ Er bat die Zuhörer um ihre Fürbitte und ihren Kontakt und Gedankenaustausch mit ihren nach Irland ausgereisten Freunden. „Gott macht durch seine Jünger andere Menschen zu Jüngern.“
Wegen der großen Hitze musste das Konzert des Quintetts des Sinfonieorchesters in Liepāja, des Opernsängers Ingus Pētersons und des Organisten Aivars Kalējs in der Kirche stattfinden.
Besonders bewegend war es, zu hören, was Petersons über Gottes heilende Kraft und über seine Genesung berichtete. Dort im Gotteshaus hielt auch Pfarrer Indulis Paičs aus der Luthergemeinde in Riga seinen Vortrag „Wie uns Gottes Stimme erreicht und wie wir auf sie reagieren.“ Der Referent erklärte, dass uns Gott hauptsächlich auf vier Weisen führt: durch unseren Charakter, unsere Merkmale, unsere Talente und unsere Fähigkeiten, die er jedem bei seiner Geburt geschenkt hat. Aber er leitet uns auch durch das Geschehen in unserem Leben, durch die oft ungeahnten und überraschenden Folgen unseres Handelns und durch sein Wort. das wir wie einen Liebesbrief Gottes an uns lesen und uns von ihm inspirieren lassen sollten. I. Paičs betonte, dass es für uns wichtig ist, einig, aber nicht gleich zu sein. „Jedem von uns hat Gott etwas anderes geschenkt. Wichtig ist es, dieses kreativ zu betrachten und etwas davon Gott zur Ehre zu nutzen.“ Der Schöpfer hat uns unser Leben nicht im voraus aufgeschrieben, und ihm sind auch alle unsere Unterschiede und Möglichkeiten bekannt. „Gottes Geleit wird uns am allerbesten nicht dann deutlich, wenn wir daran denken, sondern wenn wir mit unserem Geist seinen Geist empfinden.“
Der Abschluss des Kirchentages fand wieder auf der kleinen Insel von Krustpils statt. Dort erklangen von der Gruppe „Schwellen und Decken“ dargebotenen Gesangsvorträge und die von allen Kirchentagsteilnehmern gesungenen Choräle. Daran anschließend fand ein Gottesdienst statt, vor dem Helena Andersone Sonnenschirme und Blumen verteilte und allen dankte, sie sich um das gute Gelingen des Kirchentages verdient gemacht haben.
„Führe mich Gott!“ Eine gute Losung zum Nachdenken an einem Tage, an dem wir auf dem Lebensweg Halt gemacht haben. Führt er mich wirklich? Oder gehe ich allein und verzichte auf seine Führung? Bemühe ich mich, Gottes Geleit zu empfinden und zu vernehmen? Das werden sicher Fragen sein, welche sich die Teilnehmer an diesem Kirchentag des öfteren stellen werden.

Berichte von der Pilgerschaft in diesem Jahr.
Gott lädt uns zur Pilgerschaft ein… Rudīte Kumsāre, Glied der Kirchengemeinde Madona
Bereits seit fünfzehn Jahren veranstalten Glieder der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands in jedem Sommer eine Pilgerschaft, die jeden Beter zu dieser Wanderung einlädt, der bereit ist, auf diese Einladung zu reagieren, um mit Ihm und mit den anderen Teilnehmern auf diese besondere Weise zusammen zu sein und mit einander die Tage in der Gemeinschaft zu verbringen und einander zu dienen. Jede Pilgerschaft ist etwas ganz Besonderes und kann nicht wiederholt werden dadurch, was jeder Teilnehmer erlebt, wenn er Menschen begegnet,
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welche die Pilger bei sich aufnehmen, oder denen wir auf dem Wege begegnen, wenn wir verschiedene Orte in Lettland durchwandern. Dabei empfinden wir das Wunder, wie Gott mit uns durch sie und durch das ganze Geschehen spricht.
Das Thema der Pilgerschaft dieses Sommers war „Die Schöpfung“. Sehr tief konnten wir über Gottes Wunder der Schöpfung nachdenken, angefangen mit der Erschaffung der Welt bis dahin, wie Gott durch unsere Empfindungen und Gefühle sein Schöpfungswerk an uns fortsetzt und uns mit jedem Tag vollkommener macht. An dieser sommerlichen Pilgerschaft nahmen 73 Pilger aus 24 Kirchengemeinden teil. Die meisten von ihnen waren bereits während der 15 Jahre bei allen Pilgerschaften dabei. Die größte Gruppe von ihnen war mit 15 Leuten aus der Kirchengemeinde Dubulti, wo vor ganz kurzer Zeit ein regelmäßiger Teilnehmer an diesen Pilgerschaften, Pfarrer Ingus Dāboliņš, seinen Dienst als Pfarrer begonnen hat. Dabei war es uns eine große Freude, dass es ihm in so kurzer Zeit gelungen ist, so viele Leute aus seiner neuen Gemeinde für diese Pilgerschaft zu gewinnen. Viele Pilger kamen auch aus den Kirchengemeinden Madona und Cesvaine zusammen mit ihrem neuen Pfarrer Hans Jensson.
Als Pilger konnten wir Gott und unseren Gastgebern in den Kirchengemeinden Meņģele, Madliena, Suntaži, Mālpils, Vangaži und Krimulda ganz besonders dankbar sein, deren Fürsorge uns nicht nur jeden Tag in ihrem Gotteshaus einen Gottesdienste feiern ließ, sondern uns auch sonst auf vielfältige Weise half, dass wir ein Nachtquartier bekamen, dass wir beköstigt wurden, dass unsere Sachen zu unserem nächsten Aufenthaltsort kamen und für viele andere organisatorischen Dinge, dank derer unsere Pilgerschaft wieder so gut gelingen konnte. Vielen Dank euch allen!

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ Dace Lazdiņa, Glied der
Kirchengemeinde Dubulti.
Die Worte dieser Überschrift haben wir unzählige Male gehört und gelesen. Aber was bedeuten sie jedem von uns? Ist Christus wirklich unser Weg? Oder ganz genau: ist er mein Weg? Was bedeutet überhaupt das Wort „Weg“? Ist das eine breite Fahrstraße, auf der wir in wilder Geschwindigkeit in unserem Leben dahinbrausen und dabei unseren eigenen Träumen, Hoffnungen und Wünschen hinterherjagen? Oder ist es etwas völlig anderes – ein stiller Pfad zum Überlegen oder ein Bach, der durch sein gemächliches Fließen unsere Reise durch unser Leben in dieser Welt mit einer unermesslichen Freude, Dank und nicht enden wollendem Lob Gottes begleitet und uns, ohne dass wir es merken, Ihm und Seinem Reich immer näher bringt.? Es gibt ja doch den Weg der Gedanken, diesen langen Weg des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe… Schließlich gibt es auch den gewöhnlichsten Weg, den wir jeden Tag zu Fuß oder mit einem Verkehrsmittel zurücklegen, und dabei überhaupt nicht daran denken, dass wir jetzt gerade auf dem Wege sind. Was bedeutet dieses Wort dann, wenn meine Fortbewegungsmöglichkeit auf die Hilfe eines Rollstuhles angewiesen ist und die Überwindung einer kleinen Erhebung mit großen Anstrengungen verbunden ist?
Zu solchen Überlegungen brachte mich das große Geschenk von Gott in diesem Sommer – die Möglichkeit, zum ersten Mal in meinem Leben an der Pilgerschaft teilzunehmen. Obwohl ich bei weitem nicht die ganze Strecke von Meņģele bis zur Kirche von Krimulda vom 19. bis zum 25. Juli meinem Rollstuhl freundschaftlich verbunden blieb und deshalb Zwangspausen einlegen musste und den Pilgerweg nur teilweise schaffte, war es für mich eine wunderschöne Möglichkeit, die Worte Christi „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh. 14,16a) nicht nur zu überdenken und zu meditieren, sondern sie auch praktisch zu empfinden und zu erleben.
Einen neuen Inhalt bekamen für mich die Worte Christi: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ (Matth. 26,24) Wie
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alle anderen Pilger, so sollte auch ich das Kreuz der Pilger eine Strecke (von Suntaži bis Mālpils) tragen. „Das Kreuz sieht sehr groß und schwer aus. Wird es mir gelingen, es hoch zu heben und gar zu tragen?“ Sicher hat sich jeder der Teilnehmer das gefragt, als ihm diese Aufgabe und diese Prüfung bevor stand. Dieses Mal dauerten diese Überlegungen bei mir nur einen kurzen Augenblick. Und in dem Augenblick, als ich das Kreuz in die Hand nahm, wurde es mir deutlich, was der Herr Jesus mit den Worten „Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht“ (Matth. 11,30) sagen wollte. Wahrhaftig, wie leicht, gesegnet und sogar angenehm wird das Kreuz, wenn es nicht durch unser eigenes menschliches Unvermögen, unsere Zweifel und Unsicherheit, sondern durch die allmächtige Kraft, den Glauben und das Sich Verlassen auf Christus, Seine Gnade und Sein Geleit geschieht. Und nicht nur dieses Kreuz aus Holz, das dir für einen Augenblick in die Hand gegeben ist, sondern das Kreuz eines jeden von uns wird leicht. Denn eigentlich verlangt es Jesus gar nicht von uns,. dass wir unser Kreuz aus eigener Kraft tragen und darunter zusammenbrechen, schlaff werden und straucheln. Lieber Bruder, liebe Schwester, schau doch, Christus selbst trägt dein, mein und eines jeden Kreuz! Wenn wir an uns zweifeln, dann traut uns Christus weiterhin viel zu, wenn wir von Angst und Verzweiflung gequält werden Christus schenkt uns die Hoffnung, wenn uns Verzweiflung und Schuldgefühle quälen oder wir wütend werden. Christus hört keinen Augenblick auf, uns zu lieben; wenn wir unter der Last des Kreuzes im Sumpf der Sünde versinken, dann leidet und stirbt Christus für uns, um unseretwillen, an unserer Stelle, um uns mit sich gemeinsam zum ewigen Leben emporzuheben, wenn wir nur bereit sind, das im Glauben anzunehmen. Wir sind aufgerufen, das Kreuz in unsere Hand zu nehmen, es ein wenig festzuhalten (genau so viel, wie es jeder von uns vermag) damit ein jeder von uns am Werk Christi Anteil hat: an Seiner Liebe. Ich danke dir, Gott, für das Kreuz in meinem Leben, denn von dem gehen ohne Ende Ströme des Segens aus.
Man pflegt zu sagen, dass einer nie allein zu kämpfen braucht. Ich möchte diesen Satz ein wenig umformulieren, dass einer allein nicht zu gehen oder zu laufen braucht. Mindestens bei dem Pilgern nicht. Ich bleibe nicht allein. Damit ist das Pilgern eine besondere Art uns Weise, den Sinn und die Bedeutung der christlichen Gemeinschaft zu begreifen: Wie sehr wir einander brauchen, wie wichtig unsere Bereitschaft ist, einander geistlich und praktisch zu dienen, die Bedürfnisse des anderen zu erkennen, und dass nicht nur die Gebete und Gesänge
zum Lobe Gottes wichtig sind, sondern auch die feste Hand und die starke Schulter, das ermutigende Wort oder ein aufmunternder Scherz des Weggefährten, seine Bereitschaft und sein Vermögen, dir im rechten Augenblick zu helfen.
Ich möchte den Organisatoren dieses Unternehmens der Pilgerschaft meinen herzlichen Dank sagen : der Evangelistin Linda Straume, dem Pfarrer unserer Gemeinde Ingus Dāboliņš für die mir geschenkte Möglichkeit der Teilnahme, für ihre Bereitschaft, die Pilgerstrecke gelegentlich ein wenig zu ändern, um ein kompliziertes Stück des Weges meinem Rollstuhl erträglicher zu machen. Einen ganz besonderen Dank allen den lieben Menschen, die fast unbemerkt herbeieilten, um zu Schiebern, Ziehern oder Hebern meines Rollstuhles zu werden, die mir das Essen und die Getränke gebracht oder mir auf viele andere Weise geholfen haben. Herzlichen Dank allen, die uns die Übernachtung bei ihnen möglich gemacht haben, besonders der Kirchengemeinde Krimulda und Pfarrer Austris Rāviņš für die freundliche Aufnahme und Fürsorge. Einen herzlichen Dank jedem, der mir diese Pilgerschaft zu einem ganz besonderen Erlebnis gemacht hat dadurch, dass ich sie kennen lernen durfte. Ich bin davon fest überzeugt, dass wir einander bereichern konnten. Über allem steht das Lob und der Dank an Gott, der uns die ganze Zeit während dieser Pilgerschaft geleitet, gesegnet und behütet hat.
Von Herzen wünsche ich jedem, dass er mindestens einmal in seinem Leben erfahren könnte, wie der Gute Hirte seine geliebte Herde führt, ihr voraus geht und selbst zu ihrem Weg wird.
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Meine erste Pilgerschaft. Jolanta, Glied der katholischen Kirchengemeinde Ogre.
Meine Pilgerschaft zu Gott begann damit, dass ich eines Tages bei dem Hören des Christlichen Hörfunksenders Linda Straumes Einladung vernahm, an dieser eine Woche langen Pilgerschaft von Meņģele nach Krimulda teilzunehmen. Ich verspürte ein starkes Verlangen und den Ruf zu dieser geistlichen Erfüllung.
Als ich am Abend des 19. Juli in Meņģele eintraf, war ich angenehm überrascht, unter den Teilnehmern auch viele ältere Menschen zu sehen.. Bevor wir uns zur Ruhe begaben, versammelten wir uns zur Abendandacht. Groß war meine Überraschung, als ich erfuhr, dass diese Pilgerschaft von Lutheranern veranstaltet wird (ich selbst gehöre einer katholischen Kirchengemeinde an). Als ich an der Reihe war, etwas über mich zu sagen, wusste ich nicht so recht, was ich hier tue, aber ich glaube, dass Gott mit mir etwas Großes vor hat.
Die Pilgerschaft beginnt mit einem Gottesdienst in der lutherischen Kirche von Meņģele. Friede, Liebe und Helligkeit ging von jedem Teilnehmer aus, fing auch mich ein und rührte mich zu Tränen. Ganz bestimmt weiß ich, dass ich am richtigen Platz bin.
Wir machen uns auf den Weg. Wir sind mit dem Gesangbuch für Reisende, dem Tagebuch für Pilger und mit drei Pfarrern bewaffnet – Ingus Dāboliņš, Jānis Ginters und Hans Jensson – und werden in einen sonnigen Tag geleitet. Bei dem Gehen singen wir Lieder und ehren und loben damit Gott. Im Schatten der Bäume erholen wir uns von der Hitze, hören uns die Auslegung des Tagesthemas an, halten das Mittagsgebet, erholen uns und begeben uns weiter, um nach einiger Zeit unsere unermüdlichen Gedanken mit einer Meditation zu beruhigen, auf unseren Herzschlag, auf den Wind und auf Gott zu hören. Die ersten Blasen werden behandelt (auch bei mir) Am Abend treffen wir in Madliena ein.
Wir bereiten uns auf die Nachtruhe vor. Es ist eine wunderbare Möglichkeit, in der Kirche vor dem Altar zu übernachten. Das erschien mir so wunderbar und kam so unerwartet, dass ich im Gotteshaus sein und Ihm zu Füßen schlafen durfte. Die Liebe und Gnade des Herrn geht über alles.
Als ich am nächsten Morgen erwache, empfinde ich in mir Liebe und Kraft. Ich möchte am liebsten die ganze Erde umarmen und ihr sagen, dass Gott sie liebt. Gott öffnet mir mein geistiges Auge, dass ich die Menschen sehen möchte, die ich lieben, mit meinem Zeugnis stärken und ermuntern und ein Stück des Weges mit jedem zusammen gehen sollte.
Unsere Ankunft in Suntaži ist etwas ganz besonderes. Trotz der späten Abendstunde ist die Kirche hell und auf dem Altar sind die Kerzen angesteckt. Der Herr erwartet seine Kinder zum Abendgebet..
Am nächsten Tag, als wir unseren Weg fortsetzen, tritt eine Glaubensschwester an mich heran
mit dem Kreuz und sagt, dass eine Frau benötigt würde, die bereit sei, das Kreuz zu tragen. Mit Freude stimme ich zu. Am Abend davor hat mich eine Wespe in die Hand gestochen, und, um die Schwellung zu verringern, habe ich gerade eben am Wegesrande ein Blatt gefunden, nur vermag ich nicht, es an der schmerzenden Stelle zu befestigen. Und da stehe ich nun, in einer Hand das Blatt vom Wegesrande, in der anderen Hand das Kreuz. In dem Augenblick denke ich, dass es wichtiger sei, eine Möglichkeit zu finden, dass Blatt an der schmerzenden Stelle zu befestigen. Die Glaubensschwester, die neben mir steht, sagt mir, dass sie so lange das Kreuz halten würde. Als ich mich wieder dem Kreuz zuwenden möchte, hat bereits ein anderer es übernommen, das Kreuz zu tragen. Wie oft kommt unser geliebter Vater zu uns mit Geschenken, doch in dem Augenblick sind wir so sehr mit anderen Dingen beschäftigt, dass, wir für ihn keine Zeit haben.! Doch, weil er unser Vater ist, findet er immer einen anderen Menschen, der bereit ist, ihm zu gehorchen und ihn dankbar bei sich aufzunehmen.
Freitag, den 23. Juli. Am Morgen ist es ein wenig bewölkt, doch es gibt keine Anzeichen, dass uns noch ein Unwetter bevorsteht. Wir machen uns auf den Weg zum Gottesdienst in der Kirche von Mālpils. Heute beginnen wir mit den Meditationen des Kreuzweges. Groß ist mein

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Erlebnis bei dem Tragen des Kreuzes, als ich an Jesus und seine Leiden denken muss, als er das Kreuz trug für alle Sünden dieser Welt. Wie er sich wohl gefühlt haben mag, als sie ihm eine Dornenkrone flochten und sie auf sein Haupt setzten, ihn anspuckten und demütigten und ihn mit einem Rohr auf das Haupt schlugen… Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Wie gering sind meine Leiden im Vergleich mit den Deinen, Herr!
Als wir auf unserem Kreuzweg Halt machen, um zu beten, bewölkt sich der Himmel sehr stark und es wird finster. Dennoch gehen wir weiter, obwohl es stark zu donnern beginnt und in unmittelbarer Nachbarschaft der Blitz einschlägt., der die Finsternis unterbricht, die über uns so plötzlich hergefallen ist. Es regnet sehr stark, Windstöße reißen uns um und öffnen meinen dünnen Regenmantel. Ich gehe weiter und freue mich über die Elemente der Natur und lobe den Herrn und singe „Halleluja!“ Im Herzen empfinde ich kindliche Freude und Frieden, denn ich weiß und glaube, dass Er uns behüten wird.
Der Weg bis zum nächsten Ort der Übernachtung ist noch weit, doch der Regen lässt nicht nach. Ich bin bis auf den letzten Faden durchnässt. Und dann geschieht etwas wunderbares. Um den Weg ein wenig abzukürzen, beschließen wir, einen Fußgängertunnel zu benutzen. Dieser ist so mit Wasser vollgelaufen, dass es bis über die Knöchel geht, und ich rufe aus: „Laßt uns zurückgehen!“ Neben wir fragt eine Stimme: „Weshalb?“ Ich sehe nichts, taste mich in der Finsternis nach vorne und wate weiter. Irgendwo vorne höre ich, dass dort ein Choral gesungen wird : „So nimm denn meine Hände.“ Ich begreife, dass ich auf dem richtigen Wege bin, denn am Ende des Tunnels ist bereits ein Lichtschein zu sehen. Auch auf diese Weise führt uns Gott durch die Dunkelheit, durch Angst, Unwissen, und nur dadurch, dass wir Ihm und Seiner Gnade vertrauen, können wir das Licht erreichen. Wenn mir die Kraft schwindet, dann kommt Er und hebt mich mit Seinen Händen auf. Unser Ziel an diesem Tage ist ein Gästehaus mit weichen Betten und warmem Wasser und einer großartig schmeckenden Suppe, die mir besser bekam als alle andern Suppen, die ich davor gegessen habe. Dafür der Gemeindeleiterin der Kirchengemeinde Vangaži Inga Freimane und ihren fleißigen Helferinnen, welche sich so liebevoll um uns Pilger gesorgt haben, einen besonders herzlichen Dank
Als ich am Morgen meine Augen öffne, sehe ich wieder strahlenden Sonnenschein. Das Unwetter ist vorbei, und ein schöner wunderbarer Tag bricht an. Unsere heutige Wegstrecke führt uns am Ufer der Gauja entlang. Dort nehmen wir auch Platz, um unsere Kreuzwegmeditation zu beenden, bei der wir alle Stationen mit den entsprechenden Stellen in der Heiligen Schrift durchschritten haben. Unser letztes Mittagsgebet mit der Meditation macht uns froh, aber auch ein wenig traurig.
Nur noch wenige Kilometer und schon können wir die Kirche von Krimulda sehen. Wir vernehmen die Glocke dieser Kirche, der dortige Pfarrer erwartet uns Pilger zum Gottesdienst. Ich bin so froh und bewegt, dass ich bei dem Weitergehen weinen muss.
Heute abend fahren viele bereits nach Hause. Wir versammeln uns am Lilienlabyrinth des Kaupo, um noch einmal unsere Gedanken auszutauschen darüber, was wir von dieser Pilgerschaft im Herzen behalten möchten, und was uns in den Alltag weiter begleiten wird. Vielleicht sind wir im kommenden Jahr wieder einmal zu diesem Unternehmen beisammen.
Unser ganzes Leben ist wie eine Pilgerschaft, in der es sonnige, ja sogar glühend heiße Tage und regnerische, stürmische, gewittrige Tage mit Blitzeinschlägen gibt, mit heißem Tee, welcher dem ermüdeten und durstigen Pilger gereicht wird, mit Bergen und Tälern, mit Steinen im Schuh und mit Blasen, mit einem weichen Bett und einer wohlschmeckenden Suppe, mit Dunkelheit und Helligkeit am Ende des Tunnels, mit Glauben und Zweifeln. Doch eins wissen wir ganz sicher:nach der Nacht bricht der Morgen an, und auf den Kummer folgt der Trost, denn der Herr ist mein Hirte…
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Am Sonntagmorgen ist die Sonne aufgegangen. Ich erwarte meine Lieben, die zum Gottesdienst anreisen wollten. Diese Reise habe ich meiner Mutter zum 70. Geburtstag geschenkt. Machen wir uns auf die Pilgerschaft und lasst uns Gott die Ehre geben. Gott ist wunderbar! Herzlichen Dank allen! Auf Wiedersehen bei einer anderen Pilgerschaft!

Deutsche schenken Letten ihren Kirchenschlüssel. Viesturs Pirro, Propst.
Über 16 Jahre währt bereits die Partnerschaft zwischen den Propsteien Ostholstein (früher Eutin) und Kuldīga. Die Sommerlager der Jugend finden jährlich abwechselnd in Kuldīga und in Eutin statt. In diesem Jahr fand es vom 12. bis zum 23. Juli im kleinen Ort Curau in Schleswig-Holstein in der Nähe der Ostsee statt. Dabei hatten die deutschen und lettischen Jugendlichen einen gemeinsamen Arbeitseinsatz im christlichen Kindergarten in Scharbeutz, wo sie Spielplätze einrichteten und Wege ausbauten. Doch es gab auch die Möglichkeit der Erholung am Meer, von Ausflügen nach Lübeck und Hamburg, gemeinsamer Gottesdienste und Andachten. Viel Arbeit und Liebe haben für den so erfolgreiche Ablauf des Jugendlagers Propst Matthias Wiechmann, Jugendpastor Volker Prahl, Pastor Roman Röpstorff, Diakonin Maren Griephan, der Pastor der Kirchengemeinde Curau Hans-Joachim Merker, die Mitarneiter der Kirchengemeinden uns des Kirchenkreises Ostholstein investiert.
Dazu die Leiterin der Jugendarbeit der St. Katharinengemeinde in Kuldīga Liene Blūma: „Das Lager war sehr herzerfrischend und schön.“ Tatsächlich, der gut gepflegte Park der Kirchengemeinde Curau, auch Garten Eden genannt, mit einem Teich mit den Konturen Lettlands, mit einem alten Gebäude, in dem eine Bäckerei untergebracht war, in dem der Bäcker am Ort hervorragende Pizzas zauberte – alles das war ein wunderbares Gottesgeschenk an die deutschen und lettischen Jugendlichen. Sie wurden von Propst Pirro und seiner Frau Jana, den Mitarbeiterinnen der St. Katharinengemeinde Aina Birze und Astrīda Birkmane sowie von der Deutschlehrerin Guntra Buivida begleitet. Zum Abschied überreichte Pastor Merker, auch liebevoll Hanjo genannt, Propst Pirro ein wunderbares Geschenk mit den Worten: „ Kommen Sie jederzeit, schließen Sie die Kirche auf, halten Sie Gottesdienst! Die Kirche von Curau ist auch Ihre Kirche!“ Das Geschenk war ein großer Kirchenschlüssel mit einem großen Kreuz aus Metall, auf dem die Worte stehen „Ich bin der gute Hirte.“ Es gibt nichts Besseres, was die Liebe und die herzliche Gemeinschaft zwischen unseren Gemeinden beschreiben könnte.

„Svētdienas Rīts“ macht einen Ausflug nach Livland. Inga Reča
Am 25. Juli machte sich „Svētdienas Rīts“ zusammen mit einde Gruppe von Lesern auf den Weg zu einer Reise nach Livland. Zu dieser Gruppe gehörte ein ganz besonderer Gast: die Gemeindeleiterin der lettischen lutherischen Gemeinde in St. Petersburg Ina Kārkliņa-Gorina Da wir uns bereits seit vielen Jahren einander kennen, hat Frau Ina auch in unserer Kirchenzeitung ihren Lebensweg nachgezeichnet (ihr Großvater Eduards Vīnegers war Pfarrer der lettischen Jesusgemeinde in St. Petersburg; Ende des 19. Jahrhunderts ist er von Liepāja nach Russland umgesiedelt.- die Redaktion). Dieses Mal hatten wir in der Gruppe die Möglichkeit, mit ihr persönlich zusammen zu sein. Man kann sagen, dass wir den Kontakt mit ihr in dem Augenblick geschlossen haben, als sie unsere stattliche Gruppe zu sich nach St. Petersburg eingeladen hat.
Auch dieser Sonntag war wie der größte Teil der Tage dieses Sommers heiß und drückend, aber unsere Hoffnung setzten wir auf die Gotteshäuser Lettlands, die wir besuchen wollten – Sigulda, Cēsis, Rauna und Straupe. In der Kirche von Sigulda wurden wir von Pfarrer Andris Grots erwartet zusammen mit unseren Freunden Irene Bindemane, Iveta Bērziņa und Oberküster Ēvalds Intspēteris; im Gotteshaus in Cēsis: von Maija Kalnupa und der Gottesdienstgemeinde, mit der zusammen wir den Gottesdienst feierten; in der
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Kirchengemeinde Rauna: von Pfarrer Edijs Kalniņš, von Raitis Zarinš, der uns auch den Versammlungsraum der Brüdergemeine dort vorstellte. Danach haben wir ein wenig im Flüsschen bei Rauna geplatscht, aber leider wurden wir danach in Straupe von niemandem erwartet… Nach einem gründlichen Mittagessen in Rauna sind wir wohl für unseren Bus zu schwer geworden, und während der Bus gegen einen anderen ausgetauscht wurde, war es wirklich allerhöchste Zeit für die Rückfahrt nach Riga, damit die Weiterreisenden noch ihre letzte Möglichkeit für die Heimfahrt erreichten.
Einer der Mitreisen sagte: „Wir sind wirklich mit Liebe und herzlicher Gemeinschaft gedopt worden.“

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Mazā Pils iela 4 – Riga – LV 1050
E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 26.August 2010)
Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Diese Ausgabe hat mit ihren Berichten vom Kirchentag der Diözese Daugavpils und einigen Reiseberichten einen sommerlichen Charakter. Der Sommer muss in Lettland fast unerträglich heiß gewesen sein. Um dieser Hitze zu entgehen, habe ich meine Reise nach Lettland auf den September gelegt, so dass ich die Übersetzung der nächsten Ausgabe erst nach dem 16. September beginnen können werde.
Meine Bitte um Spenden für das Weiterbestehen der lettischen Kirchenzeitung ist auf ein Echo gestoßen, das mich überwältigt hat. So hat eine von mir sehr verehrte Leserin meiner Übersetzungen ihre Gäste zu ihrem runden Geburtstag darum gebeten, von Geschenken aus diesem Anlass Abstand zu nehmen und stattdessen etwas für „Svētdienas Rīts“ zu spenden. Durch diese Bitte wurde ein Ergebnis erziehlt, das mich den Atem anhalten ließ. Dennoch bleibe ich bei meiner Bitte um weitere Spenden für die lettische Kirchenzeitung an jeden und jede, denen das möglich erscheint. Zur Sicherheit noch einmal die Angaben des Kontos, auf das die Spenden überwiesen werde können:
Martin Luther Bund
Kontonummer: 12304
Bankleitzahl: 763 500 00 Sparkasse Erlangen
Zweckbestimmung: Zeitung Lettland (Bitte unbedingt angeben!)
Mit vielen herzlichen sommerlichen Grüßen Ihr. J. B.

In der Anlage füge ich einen auf der Internetseite der ELKL veröffentlichten Kommentar von Erzbischof Vanags hinzu, in dem er zum Dialog zwischen der lutherischen und katholischen Kirche in Lettland Stellung nimmt, und hoffe, dass er auch meine hoch verehrte Leserschaft interessiert. J. B.

Anhang zu SR 11-2010

Kommentar des Erzbischofs: man sollte mit der ökumenischen Situation in Lettland behutsam umgehen und sie nicht durch übereiltes Handeln gefährden.

„Es ist angenehm, die freundschaftlichen Worte des neuen katholischen Erzbischofs über die guten Beziehungen zwischen der lutherischen und katholischen Kirche in Lettland zu lesen. Diese wirklich sehr enge und erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen den Kirchen einiger Konfessionen, an die wir uns in unserem Lande so sehr gewöhnt haben, erregt tatsächlich in anderen Ländern Verwunderung. Ich kann dem zustimmen, dass in Lettland für den ökumenischen Dialog ungewöhnlich gute Voraussetzungen bestehen.
Der Dialog zwischen den Lutheranern und Katholiken findet in der Welt seit vielen Jahrzehnten statt. Sowohl die eine als auch die andere der Kirchen führt auch einen Dialog mit anderen Konfessionen. Das grundsätzliche Ziel dieses Dialoges ist die vollkommene Einheit der Kirche. Diese geht von der biblischen Aussage aus, dass die Kirche der Leib Christi in dieser Welt sei. Der Leib sollte gesund und unzerstört sein. Doch wir können es schon als Gewinn betrachten, wenn zwischen den Kirchen Missverständnisse bereinigt und das gegenseitige Vertrauen vermehrt wird. Wenn wir von der vollkommenen Einheit sprechen, dann müssen wir erst davor begriffen haben, was diese bedeutet. Dabei geht es im Wesentlichen nicht um die Vereinigung von zwei Organisationen, sondern darum, dass die lutherische und die katholische Kirche einander als vollwertige und gleichwertige Glieder der weltweiten Kirche Christi betrachten und gegenseitig das Priestertum und die Sakramente anerkennen Das würde zum Beispiel bedeuten, dass Lutheraner und Katholiken zusammen zum Heiligen Abendmahl gehen und ohne Einschränkungen in einer der Kirchen getraut werden könnten. Um das zu erreichen, müssen wir uns zuerst in einer ganzen Reihe von Fragen der Lehre einigen. Man müsste in der Vergangenheit ausgesprochene gegenseitige Verurteilungen und Exkommunikationen widerrufen. Wenn wir das erreichen könnten, dann wäre das schon ein großartiges Ergebnis, über das man sich nicht nur in der Welt, sondern noch viel mehr im Himmel freuen würde. Das ist ein großes und sehr ernst zu nehmendes Werk, mit dem sich die Lutheraner und Katholiken schon viele Jahrzehnte befasst haben. Wir in Lettland haben diesen Dialog vor einem Jahr begonnen, und haben dabei erkannt, wie groß das Feld der Diskussionsthemen ist.
Leider hat es einigen Medien gefallen, auf sensationelle Weise von einer demnächst zu erwartenden lutherisch-katholischen Wiedervereinigung oder einem Zusammenschluss zu reden. Ebenso gut könnte ich den staatlichen Anschluss der Republik Lettland an Italien am siebenten Tag des kommenden Monats bekannt geben. Um von irgendeiner Art von struktureller Einheit zu reden, genügt es nicht, dass man sich in Fragen der Lehre geeinigt hat. Auch genügt es nicht, dass es zwischen den Bischöfen irgendwelche Absprachen gibt. Dazu bedarf es einer breiten Unterstützung durch die Kirchengemeinden, die Pfarrer und des Volkes der Glaubenden. Deshalb muss der ökumenische Dialog in aller Offenheit und ohne Eile stattfinden. Den verehrten Journalisten möchte ich sagen, dass es bei dem Dialog zwischen beiden Kirchen weder geheime Protokolle noch geheime Absprachen gibt, die man aufdecken und an das Licht bringen müsste. Bisher haben wir vier Treffen gehabt, bei denen wir erst den Kreis der theologischen Themen abgezeichnet haben, welche wir in der nächsten Zeit beraten könnten. Die Gespräche waren offenherzig und interessant.“

Jānis Vanags, Erzbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands

Übersetzung: Johannes Baumann

Eines jeden Wege liegen offen vor dem Herrn, und er hat acht auf aller Menschen Gänge
Sprüche 5,21
Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.
6. Sonntag nach Trinitatis Ausgabe Nr. 10 (1837) vom 10. Juli 2010

Neuer Erzbischof von Riga in der Römisch Katholischen Kirche.

Information, vorbereitet vom Informationszentrum der Römisch Katholischen Kirche
Aigars Brinkmanis. Riga, den 19.06.2010

In der Katholischen Kirche wurde zum Erzbischof von Riga Zbigņevs Stankevičs nominiert,
denn Kardinal Jānis Pujats vollendet in diesem Jahr sein 80. Lebensjahr (Nach den kirchlichen Bestimmungen reicht ein Bischof, wenn er das 75. Lebensjahr vollendet hat, dem Papst einen Antrag ein, ihn von den Pflichten der Leitung einer Diözese zu entbinden)

Gemeinsam mit dem Vatikan berief Kardinal Pujats am 19. Juni 2010 um 12.45 Uhr eine außerordentliche Sitzung der Priester der Diözese Riga ein. Der Anlass für diese Einberufung war die Nominierung eines neuen Erzbischofs von Riga. Nach Umfragen, die mehrfach unter den Geistlichen, den kirchlichen Gemeinschaften und Organisationen sowie unter allen Katholiken durchgeführt wurden, bekam der Direktor des Rigaer Akademischen Wissenschaftlichen Instituts und der Geistliche Vater der Priesterseminars der Metropolie Riga Priester Zbigņevs Stankevičs den größten Zuspruch.

Kurzer Lebenslauf von Zbigņevs Stankevičs

Z. Stankevičs wurde am 15. Februar 1955 im Dorf Lejasciems im Kreis Gulbene geboren.
1970 beendete er die Volksschule in Eglaine und 1973 das Gymnasium in Ilūkste.

1978 absolvierte er das Polytechnische Institut in Riga mit der Fachrichtung „Ingenieur von automatischen Steuerungsanlagen“ . 1996 erhielt er in der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Ļubļin in Polen den Grad eines Magisters. 2004 wurde er Lizenziat der Fundamentaltheologie in der Pontifikalen Lateran Universität in Rom. 2008 wurde ihm der theologische Doktorgrad der Pontifikalen Lateran Universität in Rom verliehen.

Professor Z. Stankevičs ist in der Verwaltung und in der Seelsorge wie folgt tätig gewesen:
Von 1978 bis 1990 war er als Ingenieur angestellt. 1980-1990 Mitglied der ökumenischen christlichen Gemeinschaft. 1996-2001 Vikar der St. Franziskusgemeinde in Riga. 1999-2001
Geistlicher Vater des Priesterseminars. 1996-2002 Verantwortlich für die charismatische Gemeinschaft „Effata“

Von 1996 bis 2002 Dozent am Geistlichen Seminar der Metropolie Riga und am Katechetischen Institut. 2001-2002 Vikar an der St. Jakobikathedrale und Jugendseelsorger in der Altstadt von Riga. 2005-2006 Direktor des Studentenkonvents „Beato Pio XI der Pontifikalen Lateran Universität in Rom

2008 Dozent für Fundamentaltheologie im Theologischen Institut und im akademisch wissenschaftlichen Institut für Religionswissenschaft; Vicarius cooperator an der Christ König Gemeinde. Ab 8.12.2008 Direktor des akademisch wissenschaftlichen Instituts für Religionswissenschaft und Geistlicher Vater des Priesterseminars der Metropolie Riga.

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8 wissenschaftliche Publikationen hat er veröffentlicht – davon 5 in Fremdsprachen, und als Referent an 5 wissenschaftlichen Konferenzen teilgenommen. Er betreibt aktiv Sport und hat die 1. Klasse für Leichtathletik erhalten. In seiner Freizeit widmet er sich dem Bergsteigen. Seine Sprachkenntnisse erstrecken sich auf folgende Sprachen: lettisch, polnisch, russisch, italienisch, englisch, er vermag sich auch französisch und deutsch zu verständigen und in diesen beiden Sprachen die Literatur zu nutzen

Die Bischofsweihe des römisch-katholischen Erzbischofs von Lettland findet im Dom zu Riga statt. Inga Reča
Die Bischofsweihe des neuen römisch-katholischen Erzbischofs von Riga Metropolit Zbigņevs Stankevičs findet am 8. August im Dom zu Riga statt.
Voraussichtlich werden an diesem Gottesdienst sehr viele Menschen teilnehmen; des wegen haben Vertreter der römisch-katholischen Kirche die lutherische Kirche gebeten, ihnen bei diesem wichtigen Ereignis mit dem Zur Verfügung Stellen von geeigneten Räumen in einer der großen Kirchen Rigas – entweder im Dom oder in der St. Petrikirche – auszuhelfen. Der Erzbischof hat diese Bitte dem Bischofskollegium vorgetragen. „Da die Besitzverhältnisse bei der St Petrikirche weiterhin ungeklärt sind, konnten wir nur über den Dom einen Beschluss fassen. Verglichen mit der St. Jakobikathedrale ist der Dom sehr viel größer, und hat für viele Menschen einen bequemen Zugang,“ sagte Bischof Guntars Dimants Svētdienas Rīts.
Erzbischof Vanags sagte, dass dieses ein Ausdruck für unsere guten nachbarschaftlichen Beziehungen sei. Es sollte unter Christen selbstverständlich sein, dass sie ihren Nachbarn helfen, wenn ihnen etwas fehlt.

Mit einem behutsamen Start voran: Interview mit dem nominierten römisch-katholischen Erzbischof von Riga Zbigņevs Stankevičs

Dieses Interview gab Zbigņevs Stankevičs Svētdienas Rīts vor seiner Einführung in sein Amt als römisch-katholischer Erzbischof und Metropolit von Riga
Ein Wechsel in der Kirchenleitung ist stets ein bedeutender Augenblick nicht nur für die eigene Kirche, sondern auch für das Leben der ganzen Gesellschaft, aber auch für die Beziehungen zwischen den Konfessionen. Lettland nimmt bei diesem Anlass sogar weltweit eine besondere Stellung ein, denn es gibt nur ganz selten ein Land in denen die Beziehungen unter den Christen der verschiedenen Konfessionen von so nahen und freundschaftlichen Verbindungen bestimmt werden. So war der soeben nominierte neue römisch-katholische Erzbischof bereits vor seiner Einführung in sein Amt zu einem Interview mit der lutherischen Kirchenzeitung bereit. Er löst in diesem Amt Kardinal Jānis Pujats ab, der 19 Jahre lang als Oberhaupt der Katholischen Kirche Lettlands gewirkt hat,

Die Fragen stellten Ivars Kupcis und Inga Reča

- Am 19. Juni wurde es bekannt, dass Papst Benedikt XVI Sie zum nächsten Erzbischof und zum Metropoliten der Lettischen Katholischen Kirche nominiert hätte. Kam diese Nominierung für Sie überraschend oder zieht sich der Ernennungsprozess eines Bischofs in Ihrer Kirche sehr in die Länge? Und betrifft es nur Lettland, dass ein neuer Bischof eigens von Papst ernannt wird?
- Für mich war es eine Überraschung, welche ich am 16. Juni erfuhr, als mir der Nuntius das Nominierungsschreiben überreichte. Davor sagte er mir, dass er mich gerne sprechen möchte und mich deshalb um ein Treffen bäte. Er führte mich in seine Kapelle, überreichte mir das
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Schreiben und ging hinaus. Ich las das Schreiben durch und dabei blieb mir fast das Herz stehen. Ich war wie geblendet… In meinem Herzen hatte ich zwar schon eine Ahnung, dass ich vielleicht einer der Kandidaten sein könnte, aber dieser Prozess verläuft sehr diskret. Die Befragungen finden auch vor Ort statt. Nach den kanonischen Bestimmungen benennt der zuständige Bischof drei von seinen Priestern, aber behält diese Namen in seinem Herzen. Danach überreicht der Bischof dem Nuntius die Namen dieser drei Kandidaten, und danach ist es dem Nuntius aufgetragen, zu erforschen, wer nach seiner Ansicht der am besten Geeignete ist. Der Papst ist auch berechtigt, alle vorgeschlagenen Kandidaten abzulehnen. Wie es die kanonischen Bestimmungen vorsehen, hat Kardinal Pujats bereits im Alter von 75 Jahren sein Entlassungsgesuch eingereicht, doch der Papst sagte ihm: Arbeite weiter, aber kümmere dich um deine Nachfolge. Seitdem sind vier Jahre vergangen.
- Sie erlebten Gefühle, die andere nur sehr selten erleben können, als Sie zum Leiter einer Kirche ausersehen wurden…
- Als ich dieses Schreiben erhielt, war ich so schockiert, dass mir die Tränen kamen. Und dann dachte ich nach: Was soll ich tun? Ich muss den Herrn fragen und mich an Ihn wenden. Da in der Kapelle das allerheiligste Sakrament ausgesetzt war, blickte ich es an und fragte: „Herr, was soll ich tun?“ Und dann erinnerte ich mich daran, dass ich, als der Kardinal sein Entlassungsgesuch eingereicht hatte, in Rom studierte. Deshalb habe ich ihn damals auch zum Papst und später zum Flughafen begleitet. Ich war über die Dinge informiert und habe während der letzten Jahre fast täglich darum gebetet, dass Gott dem Nuntius und allen, die damit zu tun hatten die Gabe des Erkennens schenken möchte und die Klarheit zu wissen, wer der rechte Kandidat sei. Das es ein vom Heiligen Geist Gesalbter sein möchte, der zu diesem Amt berufen wird und dort das tut, was Gott von ihm erwartet. Und so kam in meinem Herzen die Frage auf: „Glaubst du, dass das die Antwort auf deine Gebete ist? Und vertraust du mir, dass ich durch die Kirche zu dir spreche?“ Da begriff ich, dass es nichts mehr zu sagen gab, und ich sagte: „Ja“ Ich sagte das auch sofort dem Nuntius. Darauf musste ich eigenhändig einen Brief an den Papst verfassen. Darin dankte ich ihm für das mir erwiesene Vertrauen und sagte, dass ich bereit bin, das als Gottes Willen anzunehmen, der sich auf diese Weise kundgetan hat. Das geschah am 16. Juni. Das war ein interessantes Zusammentreffen, denn vor 14 Jahren wurde ich am 16. Juni zum Priester geweiht.
Bei diesem Ereignis gibt es noch ein weiteres Zusammentreffen eines Datums. Nach sehr langen Überlegungen beschloss ich am 8. August 1990 zu meinem geistlichen Vater Viktors Pentjušs zu gehen, um ihn zu fragen, was er davon hielte, dass ich mich zum Priester berufen fühlte. Wie es ein Ingenieur zu tun pflegt, habe ich in zwei Kolonnen alles aufgeschrieben, was dafür und was dagegen spricht, aber keine der Wagschalen war schwerer… Doch als er seinen Mund aufmachte, war mir nach drei Minuten alles klar. Und nun diktieren es sogar noch die Verhältnisse, dass meine Bischofsweihe am 8. August um 11 Uhr stattfinden soll.
- Sie wurden Priester als einer der bereits Erfahrungen hatte durch eine Ausbildung in einem völlig anderen Fach. Was ließ Sie damals Ihr Leben so radikal verändern?
- In den Tiefen meines Herzens empfand jch die Sehnsucht nach etwas anderem als nach der Arbeit eines Ingenieurs, da ich erkannte, dass mir diese Arbeit nicht die Erfüllung schenken würde.
- Es gibt ein Sprichwort, welches sagt, dass ein Soldat schlecht sei, wenn er nicht den Wunsch hätte, General zu werden. Wie war das in Ihrem Fall ?
- Ich hatte in meinem Herzen wirklich den Wunsch, Bischof zu werden, denn vor vielen Jahren hatte ich ein Buch gelesen, dass man mit der Bischofsweihe die Fülle des Priestertums empfinge. Damals sprach mich das sehr an: „O, ich möchte gerne die Fülle des Priestertums haben.! Ich möchte gerne bis an mein Ende Priester sein!“ Ja, ich hatte diesen Wunsch, und als ich um einen neuen Bischof betete, kamen bei mir Zweifel auf, ob dieser Wunsch nicht
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von meinem eigenen ehrgeizigen Bestreben geleitet war. Ich kann ehrlich sagen, dass ich fleißig daran gearbeitet habe, alles in Gottes Hand zu legen und diesen Wunsch von jeder Beimischung zu reinigen. Und da gibt es ein weiteres „Zusammentreffen“. Wenige Wochen vor dem 16. Juni empfand ich plötzlich in meinem Herzen, dass mich etwas verlassen hatte, so dass ich in völliger Freiheit des Herzens sagen konnte: „Herr, dein Wille geschehe! Ich bin bereit, alles aus deiner Hand anzunehmen, was du mir bestimmt hast! Ich bin bereit, auf jeden zu hören, den du mir sendest. Ich will ihn ehren und will ihm gehorchen.“ Zwei Wochen danach kam dann die große Überraschung
- Was könnten Sie sich als ihre Hauptaufgaben vorstellen?
- Ich sehe als meine Priorität an, mein Herz vor Ambitionen zu hüten und in tiefer Gemeinschaft mit Gott zu bleiben. Man nennt das auch Theozentrik. Gott soll das Zentrum meines Lebens sein. Er soll wie die Sonne sein, um die sich mein Leben dreht. Das ist die Grundlage aller Grundlagen für alles übrige. Denn Gott ist es, der uns das Leben schenkt. Das habe ich hundertfach erfahren, ganz besonders während der vergangenen Jahre, in denen ich Pflichten übernehmen musste, die meine Fähigkeiten weit überschreiten. Denn wenn du dir von ihm die Lebenskraft schöpfst, bist du unbesiegbar. Dann kannst du alles tun und alles wird geschehen. Aber sobald du es dir leistest, dich von ihm zu trennen, und aufhörst, das Wasser des Lebens aus seiner Quelle zu schöpfen, dann verlierst du diese Kraft.
- Sie haben mehrfach das Wort Ambitionen gebraucht. Wie kann man den Willen Gottes von den eigenen Ambitionen unterscheiden?
- Der Schlüssel liegt bei der Theozentrik. Wer steht bei dir an der ersten Stelle? Wenn bei dir Gott an der ersten Stelle steht und du dich ihm geöffnet hast, dann lass den Heiligen Geist in dir wirken. Und der Heilige Geist erweckt in dir Sehnsüchte und Wünsche, auch die, Bischof zu werden, oder auch das Amt des Staatspräsidenten zu übernehmen oder Abgeordneter im Parlament zu werden oder ein Topjournalist zu werden. Auch solche Dinge können vom Heiligen Geist kommen. Denn Gott hat eine sehr weite Sicht – sowohl im Blick auf die ganze Welt, als auch auf Lettland, im Blick auf jede Konfession und jede Gemeinde. Und in dieser weiten Sicht hat er jedem seinen Platz zugeteilt und jeden Menschen mit besonderen Gaben und Charismen ausgestattet, die notwendig sind, um diese Pläne zu verwirklichen.
Wenn wir im Heiligen Geist leben, wenn Gott der Mittelpunkt meines Lebens ist und ich mit ihm in einer tiefen Gemeinschaft verbunden bin, dann lässt er mich seine Pläne wissen und erfüllt mein Herz mit Wünschen, und das sind dann keine Ambitionen, sondern: Herr, ich komme, um deinen Willen zu erfüllen. Denn es kann der Geist Gottes sein, der dich anstößt, große Dinge zu tun. Aber es kann auch dein Ehrgeiz sein, über anderen zu stehen, eine höhere Stellung einzunehmen. Dann sind das Ambitionen.
Wenn ich erkenne, dass Gott die Quelle des Lebens ist und ich mich zu dieser Quelle halten möchte, dann bin ich mit dieser Quelle vereint und von ihr erfüllt. Dann bin ich auch fähig, dieses Leben weiter zu geben. Und das ist alles. Alles andere sind nur Folgen.
- Die lutherischen Bischöfe haben dem zugestimmt, dass Ihre Bischofsweihe am 8. August im Dom zu Riga stattfinden könnte. Wie kam es zu dieser Bitte auf der Seite der Katholiken?
- Das ist eine gut durchdachte, ausgewogene und ganz bewusste Bitte. Denn in meinem Herzen trage ich den sehr großen Wunsch, die Gemeinschaft mit den lutherischen Geschwistern fortzusetzen, den Dialog mit ihnen weiterzuführen. Damit alles weiter voran kommt brauchen wir die Zusammenarbeit auf allen Ebenen. Je mehr, umso besser.! Dieses war wieder eine wunderbare Möglichkeit, einen Schritt in diese Richtung zu tun, und das umso mehr, weil unsere Kathedrale für dieses Geschehen viel zu klein ist. Offensichtlich war das wieder die göttliche Vorsehung, die mir diesen Anstoß gegeben hat, mich auf Euch

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zuzubewegen.. Denn die Domkirche ist eine Kathedrale, sie ist die Kirche Nummer eins in Lettland.
- Und historisch ist sie auch einmal eime katholische Kirche gewesen.
- So ist es. Scließlich befinden sich hier die sterblichen Überreste von Bischof Meinhard, dort ist auch das erste Baptisterium aus Ikšķile, und von Anfang an war der Dom der Verehrung der Jungfrau Maria geweiht. Seit dem 13. Jahrhundert nannte man Lettland Terra Mariana. Wenn wir die Einheit anstreben möchten, dann müssen wir zu den gemeinsamen Grundlagen zurückkehren. Jetzt haben wir eine gute Möglichkeit, ein Zeichen dafür zu geben, dass es in Lettland diese Einheit bereits gibt auf der Stufe, wie wir sie haben. Keiner von uns verzichtet auf das Erbe seiner Konfession, auf seine Identität, und dennoch möchten wir uns immer mehr des gemeinsamen Erbes bewusst werden, welches wir haben.
- Können Sie sich die Möglichkeit vorstellen, dass in der St. Jakobi Kathedrale auch einmal ein lutherischer Gottesdienst stattfindet?
- Es lohnt sich wirklich, über diese Frage nachzudenken. In einem ökumenischen Gottesdienst im vergangenen Jahr hatte ich die Ehre, persönlich jeden Vertreter einer anderen Konfession anzureden. Dabei sagte ich, weshalb es nicht möglich sein sollte, in einer universalen Kirche den armenisch orthodoxen Ritus oder den evangelisch-lutherischen Ritus oder den baptistischen oder orthodoxen Ritus zu feiern? Ich denke, dass das eine Perspektive sein könnte. Ich bin von ganzem Herzen überzeugt, dass es das Endziel unserer Zusammenarbeit sein sollte, dass wie alle in Christus eins sind in der Kirche, die er gegründet hat, die sein Leib ist. Dass wir nicht nur Glieder eines unsichtbaren Leibes sind, denn Christus hat um die sichtbare Einheit gebetet. Er hat gebetet, das alle Eins sein möchten. Und deshalb hat er sein Leben dahingegeben, damit er die verstreuten Kinder Gottes zusammenführte. Und wenn wir nicht alles tun, was uns möglich ist, werden wir es zu verantworten haben, wenn wir einst vor ihm stehen werden.. In Lettland leben wir in einer ganz besonders bevorzugten privilegierten Situation., die es so in keinem anderen Lande gibt. Denn wenn ich im Ausland darüber berichte, wie die Zusammenarbeit zwischen den Konfessionen hier bei uns in Lettland geschieht, dann wundern sich alle! Sie sagen: Das gibt es bei uns nicht! Damit kann vom kleinen Lettland eine positive und starke Botschaft in die ganze Europaunion, ja in die ganze Welt ausgehen. Das ist unser Beitrag…Gott hat uns viele Jahrhunderte lang vorbereitet, und jetzt meine ich, dass das Feld reif zur Ernte ist. Mit dem Kairos haben wir jetzt von Gott eine ganz besondere Zeit geschenkt bekommen. Völlig unabhängig von mir, ohne dass ich es gesucht oder verlangt hätte, wandte sich das Netz der Satellitenkanäle Polonia an uns mit der Bitte, den Gottesdienst zu meiner Amtseinführung weltweit zu übertragen. Wir sprachen mit dem Generaldirektor unseres Fernsehens, ob er Möglichkeiten für eine Lifesendung sieht. Der hat er sehr gerne zugestimmt. Das wird eine positive Botschaft an unsere gespaltene Gesellschaft sein, deren Glieder sich gegenseitig bekämpfen. Wir brauchen für Lettland ein positives Programm. Und deshalb möchte ich wirklich alle, die sich um Lettland Sorgen machen, zur Arbeit rufen und alle, ganz besonders die Intelligenz und alle, die diese Sorge im Herzen tragen, aufrufen, sich die Köpfe zusammen zu zerbrechen. Vielleicht habe wir diese Sorge jahrelang mit uns herumgetragen und ohnmächtig erkennen müssen, dass wir nichts tun können. Ich denke, dass wir zuerst darum beten und zur Quelle des Lebens zurückkehren müssen, aus ihr Seine Kraft und Weisheit schöpfen, aber dann an die Arbeit gehen. Nach dem Vorbild eines Turbomotors – mit einem behutsamen Start und dann volle Kraft voraus.
- In jüngster Zeit ist der Vatikan in ökumenischen Fragen sehr aktiv geworden. Wenn ich mich nicht irre, so hat Kardinal Kasper im Luthergarten der in Wittenberg als Bekenntnis zur Einheit der Kirche angelegt worden ist, einen Apfelbaum gepflanzt. Was bedeutet nach dem Verständnis der katholischen Kirche Ökumene und weshalb betrachtet sie diese als eine wichtige Aufgabe?
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- Erstens, weil es der deutlich ausgesprochene Wille Christi ist, der es wollte, dass seine Jünger Eins sein sollten. Er sagte, dass alle sie daran erkannt würden, dass sie Seine Jünger seien, dass sie einander liebten. Leider haben wir uns zwei Jahrtausende lang nicht von unserer allerbesten Seite gezeigt. Wir sind einfach oft dem schlechten Beispiel der Welt gefolgt, was sich als ein gewaltiges Hindernis für die Evangelisation erwiesen hat. Das verdunkelt das Licht des Evangeliums und blockiert die Kraft, die in ihm steckt. Damit ist Ökumene der Prozess der Reinigung der Botschaft des Evangeliums von vielen Anschwämmungen, die sich im Laufe der Jahrhunderten festgesetzt haben. Ökumene ist Einssein in der Wahrheit. Das heißt nicht, dass wir alle absolut gleich werden, somdern unsere wahre Identität finden. Einheit in der Vielfalt. Das heißt: Die Hauptsache ist die Einheit, darauf folgt die Freiheit, aber über allem steht die Liebe. Seht, das ist Ökumene.
- Aus Befragungen entnehmen wir. dass der größte Teil der Bevölkerung Lettlands sich als zu einer der traditionellen Konfessionen zugehörend betrachtet. Doch gleichzeitig treffen wir in den Gotteshäusern dieser Konfessionen bestenfalls 10 % dieser Leute an. Sind die Gründe für diese Situation in der Gesellschaft oder in den Kirchen selbst zu suchen?
- Sowohl in der Kirche als auch in der Gesellschaft. Doch ist der wichtigste Anlass dafür bei dem einzelnen Menschen zu suchen., der sich entweder dafür entscheidet, bis zum Ende nach der Wahrheit zu suchen, oder welcher sich vor der Wahrheit versteckt, weil sie ihm nicht gefällt. Natürlich steckt darin auch ein Auftrag an unsere Gemeinden: wir sind aufgerufen, darüber nachzudenken, zu beten und uns selbst die Frage zu stellen, weshalb zu uns die Menschen nicht zum Gottesdienst kommen? Denn wenn sie nicht kommen, dann muss es dafür einen Grund geben. Es können äußere Gründe sein wie der geistige Zustand der Gesellschaft oder der Einfluss der Medien; es können auch Einflüsse destruktiver Faktoren sein, die es heute reichlich gibt, aber da gibt es auch innere Gründe. Vielleicht ist das Klima in einer Gemeinde so, dass es Menschen abstößt, vielleicht ist es die Kälte, mit der man einander begegnet. Die Menschen gehen zur Kirche, um sich aufzuwärmen, doch wenn man ihnen mit einer gewissen Starre entgegentritt, dann möchten sie nicht dorthin gehen.
- Worin sehen Sie den Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit bei der Leitung der Römisch-Katholischen Kirche Lettlands als Erzbischof?
- Eine der wichtigsten Aufgaben wird die Festigung der Gemeinschaft in der Kirche sein, die Festigung der Gemeinschaft innerhalb der Kirche zwischen den Bischöfen, Priestern und dem Volk der Christen, dass dort neues Leben entstehen könnte. Dass wir uns auf einer Welle weiter bewegen, dass wir mit Herz und Seele miteinander vereint sind. Weiter ist mir die Zusammenarbeit mit den anderen Konfessionen sehr wichtig, denn wir müssen alles zu tun versuchen, dass wir zum Zusammenklang kommen, gemeinsame Ziele anstreben, die Sorgen gemeinsam tragen und miteinander in Eintracht leben. Wenn wir diese Eintracht haben, dann können wir Berge einstürzen lassen.
Weiter ist die Evangelisation der Gesellschaft durch einen offenen Dialog sehr wichtig. Lasst uns nicht den Problemen ausweichen, sondern uns ihnen stellen und sie lösen. Hierin liegt der Schlüssel.- alles andere wird sich im Laufe der Zeit verwirklichen lassen.
- In Ihrem ersten offenen Brief haben Sie sich mit zwei Fragen beschäftigt, mit denen die Gesellschaft und die Kirche des öfteren konfrontiert wird – mit der Einstellung der Kirche gegenüber den Homosexuellen und der Pädophilie. Weshalb haben Sie gerade diese Fragen betont?
- Weil mir diese Fragen vorher gestellt wurden; und ich wollte sie klar und unmissverständlich beantworten. Eine meine wichtigen Aufgaben ist, Verdachtsmomente in der Gesellschaft gegenüber der Kirche und den Christen zu zerstreuen. Und bei diesen beiden Fragen gibt es Verdächtigungen. Im Bezug auf die Homosexuellen – dass die Kirche ihr Feind
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sei. Ich wollte damit sagen, dass die Kirche nicht ein Feind der Homosexuellen ist, sondern dass die Kirche sie als Menschen annimmt, die wir ebenso lieben wie alle anderen Menschen, und dass wir ihnen wie allen anderen die Vergebung ihrer Sünde anbieten und die Möglichkeit, ihre Seele in Ordnung zu bringen.
Im Blick auf die Pädophilie herrscht der falsche Verdacht, dass die katholische Kirche sie verdeckte und tolerierte. Hier musste ich klar und deutlich sagen, dass Pädophilie ein schreckliches Verbrechen ist, von dem sich die katholische Kirche entschieden distanziert und
das sie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen wird. Von Zudecken kann wirklich keine Rede sein.
- Es war für uns sehr interessant, die ersten spontanen Reaktionen vieler Menschen zu vernehmen, als wir ihnen sagten, dass wir zum neuen katholischen Erzbischof gingen, um ihn zu interviewen. Sie sagten: „Fragen Sie ihn doch, wann die katholische Kirche den Zölibat aufheben wird.“ Soeben erreichte uns eine Meldung aus Österreich, dass dort 80 % aller Priester für die Aufhebung des Zölibats sei. Wie ist Ihre Einstellung zu dieser Frage?
- Der Zölibat ist ein besonderes Geschenk Gottes an die katholische Kirche, welches hilft, alle Gaben und Fähigkeiten eines Priesters ungeteilten Herzens in den Dienst Gottes und der Menschen zu stellen. Wir haben es nicht vor, auf dieses Geschenk zu verzichten.
- Vor allem wünschen wir Ihnen Gottes Geleit bei Ihrem Dienst mit allen Verpflichtungen und der großen Verantwortung, der Ihnen bevorsteht! Gestatten Sie uns noch die Frage: Was wünschen Sie jetzt der Lutherischen Kirche Lettlands und ihren Gemeinden?
- Zuerst habe ich die Bitte, dass Sie darum beten, dass alles Gute, was zwischen uns begonnen hat, fortgesetzt wird und sich weiter entwickelt.. Lasst uns allen Versuchen widerstehen, diesen Prozess zu zerstören und unser gegenseitiges Vertrauen zu verletzen, welches zwischen uns entstanden ist. Lasst uns in der Gemeinschaft und in der geschwisterlichen Liebe wachsen und uns für die Zukunft Lettlands und dessen geistlicher und weltlicher Wiedergeburt verantwortlich wissen. Solange die geistlichen und moralischen Grundlagen noch auf einem schwankenden Boden stehen, können wir nicht erwarten, dass die Wirtschaftskrise gelöst wird.
Wir können von Euch im Blick auf die Diakonie viel lernen. Das ist für uns eine Herausforderung, die uns noch bevorsteht, denn die Menschen brauchen die Diakonie. Auf diesem Gebiet seid Ihr uns voraus, und hier sollten wir viel enger zusammenarbeiten.

Die Orgel der Dreifaltigkeitskathedrale in Liepaja muss schweigen.
Die Windversorgung der Orgel der Dreifaltigkeitskathedrale in Liepāja hat aufgehört zu funktionieren. Nach dem Urteil des Restaurators und Orgelbauers Jānis Kalniņš, Inhaber der Orgelbauwerkstatt in Ugāle ist zur Zeit die weitere Nutzung der Orgel nicht möglich, wenn man nicht wieder gut zu machende Schäden an der Orgel vermeiden möchte. Wenn man die Orgel wieder spielbar machen und die Hörer weiter erfreuen möchte, ist eine grundlegende Restauration der Windversorgung unbedingt notwendig, die mindestens 20.000 Lats kosten würde. Somit ist zur Zeit die weitere Nutzung der Orgel verboten. Das bedeutet, dass die für Juli geplanten jährlich stattfindenden Orgeltage bis auf weiteres ausfallen müssen.

Lutherakademie setzt ihre Arbeit fort. Inga Reča
Am 18. Juni feierte die Lutherakademie der ELKL ihre 10. Entlassung von dieses Mal 21 Absolventen. Ihr Diplom erhielten 5 Absolventen der Abteilung für Pfarrer, 3 Kirchenmusiker und 13 Gemeinde Mitarbeiter. Nach einem festlichen Gottesdienst im Dom zu Riga begaben sich die nun ehemaligen Studierenden zu ihrer Alma mater auf dem Domplatz 1. Dieses wird
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das letzte Mal an dieser Stelle gewesen sein, denn die Lutherakademie wird ihr Studienjahr 2010/2011 in der Mārstaļu iela 10 (der einstigen Reformierten Kirche) beginnen. Wegen der gegenwärtigen Wirtschaftslage unserer Kirche wird auch das Studium in der Lutherakademie ein anderes Profil bekommen als bisher. Wie das aussehen wird, das berichtet unserer
Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“ Bischof Guntars Dimants.
- Das Kapitel der ELKL hat am 16. Juli in seiner Sitzung beschlossen, in diesem Jahr für die Ausbildung zum Pfarramt keine Studierenden in der Lutherakademie aufzunehmen. Womit hängt das zusammen?
- Diese Situation ist durch den Haushalt unseres Oberkirchenrats und der für uns zur Verfügung stehenden Finanzmittel entstanden. Vor dem 16. Juni hatten wir eine Verhandlung mit Rektor Dr. William Weinrich, bei der wir die Fianzsituation und den Finanzbedarf miteinander besprachen und dabei feststellten dass es uns nicht möglich ist, den Finanzbedarf zu decken. Das bedeutet, dass die Akkreditierung der Akademie ebenfalls nicht möglich sein wird, denn wir wissen nicht, ob wir bei der derzeitigen Finanzsituation im Staat uns als akkreditierte Hochschule werden halten können.
Bei der Betrachtung dieser Fiananzsituation der Kirche und bei dem Überlegen, was wir uns künftig noch für die Akademie leisten können, war der Rektor der Ansicht, dass wir zu größeren Einsparungen kommen würden, wenn wir in diesem Jahr keine Studienbewerber für den Studiengang für das Pfarramt aufnehmen würden. Natürlich sind das keine erfreulichen Aussichten, aber auf diese Weise könnte sich die Akademie weiter halten. Wegen dieser Situation stimmte das Kapitel für die Version, welche die wirtschaftlichste zu sein scheint. Doch der Beschluss dieses Jahres schließt die Möglichkeit nicht aus, im kommenden Jahr wieder Auszubildende für das Pfarramt in die Lutherakademie aufzunehmen, sollte sich die Finanzsituation verändert haben und die N0twendigkeit dafür bestehen.
- Wie wird es mit Bewerbern für das Kirchenmusikstudium oder für die Ausbildung als Gemeindemitarbeiter weitergehen?
- In einem Gespräch mit Prorektor Gatis Līdums, kamen wir überein, auch in diesem Jahr Bewerber für die Ausbildung als Gemeindemitarbeiter weiter aufzunehmen. Die Ausbildung der Gemeindemitarbeiter verursacht verglichen mit der Pfarrerausbildung nur einen ganz geringen Teil der Kosten. Da die Arbeit dieser Abteilung nur an den Wochenenden stattfindet, wäre hierbei die Einsparung von Geldmitteln nur sehr gering.
Ganz deutlich haben wir begriffen, dass wir uns die Finanzierung der Kirchenmusikerausbildung nicht leisten können. Sie können gerne an den Vorlesungen der Abteilung für Pfarrerausbildung und Ausbildung von Gemeindemitarbeitern teilnehmen, aber die bei weitem höchsten Kosten bei dieser Abteilung werden durch den Einzelunterricht verursacht. Die Kirchenmusiker haben viel Einzelunterricht, und der reißt ein großes Loch in unseren Haushalt., denn die Dozenten müssen für jede Einzelstunde vergütet werden. Wir haben die Kirchenmusikabteilung gebeten, für die Kirchenmusikerausbildung einen neuen Fonds oder ein neues Projekt zu erstellen, das vielleicht von einer unserer Partnerkirchen finanziert werden könnte Verglichen mit den Ausgaben für die Ausbildung der Pfarrer oder Gemeindemitarbeiter sind die Kosten für die Ausbildung eines Kirchenmusikers viel höher. In der Situation, in der wir heute stecken, werden wir uns diese nicht mehr leisten können.
- Werden die Kirchenmusiker, die zur Zeit in der Lutherakademie ausgebildet werden, ihr angefangenes Studium noch beenden können?
- Das wird davon abhängen, ob wir dafür noch Finanzierungsmöglichkeiten finden. Eine Möglichkeit wäre, dass die Studierenden einen Teil der Kosten selbst tragen. Wenn er Organist einer Kirchengemeinde ist, wo er den Organistendienst versieht, dann könnte ihm seine Kirchengemeinde dabei helfen.

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So sieht die gegenwärtige Situation aus. Unser Hauptbestreben ist zur Zeit, dass wir einen Haushalt anstreben ohne Defizit.. Dabei könnte man zuerst an ein Defizit von 10-20 % des Haushalts eines Jahres denken. Bisher hat die Kirche aber noch nie einen Haushalt gehabt, der so ausgesehen hat. Der Haushalt war immer ausgeglichen . Doch der Unterschied zu heute besteht darin, dass die Kirche seit den 90er Jahren immer mit einem großen Defizit gewirtschaftet hat, das wiederholt mit Geldern der Partnerkirchen gedeckt worden ist. Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir mit einem Defizit leben können. Doch heute ist eine völlig andere Lage entstanden. Die weltweite und die europäische Finanzkrise und die inzwischen vergangene Zeit haben dazu geführt, dass unsere Partner uns bei dieser Art der Finanzierung nicht mehr unterstützen möchten. Wir müssen damit beginnen, unsere Situation wirklichkeitsnah zu betrachten und dürfen uns nicht darauf verlassen, dass irgendwann ein sehr großes Wunder geschehen und irgendjemand auf unsere Konten eine riesige Millionensumme überweisen würde. Deshalb müssen wir unseren Haushalt so gestalten, dass wir nur mit den Mitteln wirtschaften können, die wir aus Spenden der Gemeindeglieder oder aus Einnahmen von Mieten Pachten oder aus sonstiger Wirtschaft mit dem kirchlichen Besitz auf unserem Konto haben.
- Die Lutherakademie zieht um. Wo wird sie künftig sein und wo wird der Unterricht stattfinden?
- Nach dem Programm, das Prorektor Gatis Līdums vorgelegt und vorher mit dem Rektor der Akademie Dr. William Weinrich ausgearbeitet hatte, und in dem auch die Zusammenlegung von Kursen vorgesehen ist haben in der Marstaļu iela 10 und in der Mazā Pils iela 4 für den Unterricht genügend Raum. Natürlich werden wir nicht mehr auf so große und elegante Räume wir auf dem Domplatz 1 zurückgreifen können. Verhandlungen über die Einrichtung und Ausstattung dieser Räume haben mit der Kirchenleitung stattgefunden, welche die Räume besichtigt und ihre Wünsche und Notwendigkeiten ausgesprochen hat.
- Ganz bestimmt wird sich doch auch die Art des Studiums in der Lutherakademie jetzt verändern?
- Die Lutherakademie ist eine Einrichtung mit einer eigenen Leitung und sogar mit einer eigenen Buchführung. Wofür die Kirchenleitung die Verantwortung trägt, das ist die Aufteilung der Finanzen in der ganzen Kirche. Zur Zeit hat der Oberkirchenrat Mittel in der Höhe von 35.000 Lats für die Akademie für das Studienjahr 2010/2011 aufgetrieben und der Akademie zugeteilt.. Damit muss die Leitung der Lutherakademie jetzt ein Programm erstellen und die Lehrkräfte berufen. Der Oberkirchenrat hat dabei vorgeschlagen, zur Form des einstigen Theologische Seminars zurückzukehren. Natürlich müssen am Lehrbetrieb der Akademie so viele Pfarrer im Amt beteiligt werden, die die entsprechende Ausbildung und Begabung haben, und die neben ihrer Arbeit in den Gemeinden sich am Unterricht der Akademie beteiligen können. Die Lutherakademie hat das beachtet, und das ist der einzige Weg, um Geldmittel zu sparen.
Ich möchte noch einmal betonen, dass all unser Bestreben darauf gerichtet ist, die Akademie zu erhalten, damit sie uns nicht verloren geht, denn etwas aufzuhören ist leicht, doch damit erneut zu beginnen, ist sehr kompliziert. Natürlich können wir im Augenblick nicht viel voraussagen, was die Zukunft bringen wird, doch es mag möglich sein, dass wir nach einem Jahr wieder ein die Abteilung für die Pfarrerausbildung neue Studienbewerber aufnehmen können.
- Hat jemand ausgerechnet, wie viele Pfarrer die ELKL eigentlich benötigt? Man hört es hier und da, dass wir möglicherweise gar nicht so viele Pfarrer brauchten.
- Diese Frage könnte man von mehreren Gesichtspunkten aus beantworten. Einer davon ist die mathematische Berechnung. Wir können berechnen, wie viele Gemeinden wir haben und wie viele Pfarrer, die in den Ruhestand gehen, wo der Stress gar zu groß ist usw. Wenn wir
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das auf diese Weise berechnen, dann sehen wir, dass wir in der Akademie zur Zeit 20 Studenten haben, die ihr Studium noch beenden müssen, dann könnten wir sagen dass wir für die nächsten 20 Jahre nicht mehr Pfarrer brauchen. Doch wenn wir die Sache vom Auftrag der Kirche her betrachten, bei dem Christus gesagt hat, dass es der Auftrag der Kirche sei, alle Völker zu Jüngern zu machen, sie zu taufen und zu lehren, dann sieht für uns die Szene völlig anders aus. Da stellt sich die Frage nach der Fortbildung der Pfarrer, denn der Pfarrer ist verpflichtet, immer etwas für seine Fortbildung zu tun. Eine weitere Sache ist, dass die Kirche immer auf die Mission ausgerichtet sein soll. Wenn wir betrachten, wie viele bewohnte Orte wir in Lettland haben ohne Gotteshäuser, dann sehen wir, wie groß das Potential der Mission ist. Wir dürfen nicht darauf warten, dass die Menschen zu uns kommen
und die vorhandene Kirche besuchen, sondern die Kirche muss zu den Menschen gehen. Wenn wir die Angelegenheit von diesem Gesichtspunkt her betrachten, dann hat die Luther- Akademie mindestens zwei Aufgaben: die Ausbildung der Pfarrer fortzusetzen und die Pfarrer auf ihren Missionsauftrag so vorzubereiten, dass sie fähig sind, auch dem nachzukommen. Wenn wir sagen, dass die Akademie eng mit dem Missionsauftrag der Kirche verbunden ist, dann ist die Lutherakademie ein Bestandteil der Kirche mit einem eigenen Auftrag und einer eigenen Rolle. Daher können wir zwar sagen, dass wir jährlich zwei Pfarrer brauchten, aber wir können auch sagen, dass wir unentwegt an der Fortbildung der Pfarrer weiterarbeiten müssen – sowohl bei den Pfarrern im Amt als auch bei den werdenden Pfarrern. Wir sind bestrebt, die Sache von mehreren Seiten zu betrachten. Im vergangenen Jahr wurden wir durch die Verhältnisse gezwungen, die Dinge viel realistischer zu betrachten, ohne den eigentlichen Auftrag der Kirche aus den Augen zu verlieren. Die Akademie hat eine Zukunft. Das hat niemand auch nur einen Augenblick bezweifelt. Aber zur Zeit sind wir durch die Finanzlage in unseren Möglichkeiten sehr eingeschränkt und können unseren Haushalt nur mit dem Geld zusammenstellen das wir auch wirklich haben.

Mit „Svētdienas Rīts“ bei Freunden in Kurland. Inga Reča.
Endlich fuhren wir am 13. Juni mit 42 Reisenden im Bus von Riga aus ab, um uns zu unseren Freunden in Kurland auf den Weg zu machen. Dazu gehoren die Kirchengemeinde Blīdene mit ihrer „grünen Kirche“, die wertvollen bewundernswerten Fenster der Kirche in Valtaiķi, die Kirche von Apriķi, eine Perle Kurlands, die St. Petrikirche in Klostere (Kloster-Klosterhof), die ganz vor Kurzem renoviert worden ist, die Kirche von Lipaiķi und zum Schluss den „Dom“ von Kuldīga mit Propst Viesturs an der Spitze.
Vorweg ein paar Bemerkungen zu der Reisegruppe von Lesern unserer Kirchenzeitung, die sich im Mai dieses Jahres gebildet hatte, als unsere Kirchenzeitung ihre erste Reise anbot zu den Stätten unseres Vaters im Glauben Martin Luther. Schon während dieser Fahrt sprachen mehrere Mitreisende (zur Gruppe gehörte der Kern unserer Kirche, die aktiven Mitarbeiter unserer Kirchengemeinden, die die Stützpfeiler der Gemeindearbeit sind, Gemeindeleiter, diakonische Mitarbeiter, Leiter der Büchertische, Kirchenmusiker, Lektoren, Aufsichtsführende bei geöffneter Kirche und andere aktive Mitarbeiter. Die Redaktion) den Wunsch aus, nicht nur ferne Länder zu bereisen, sondern auch unsere Glaubensgeschwister in unserem lieben Lettland kennen zu lernen und deren Kirchen zu besichtigen. So entstanden ganz spontan zwei Reiseziele – zuerst nach Kurland, und am 25. Juli wollen wir nach Livland fahren. Ich denke, dass es nicht nur meine Erkenntnis ist, dass diese Gemeinschaft das Empfinden geschaffen hat, dass wir alle zusammengehören und damit eine Stärkung der Niedergeschlagenen und Ermüdeten ist und damit den Glauben stärkt und die Kraft des Heiligen Geistes verleiht, wieder aufzustehen, zu gehen und Menschen zu Jüngern zu machen. Zu Leben!
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Am Sonntagmorgen erwartete uns die Gemeindeleiterin Sanita Vanaga der Kirchengemeinde Blīdene in ihrer„grünen Kirche“ mit der allerhöchsten Decke (dem Himmel). Hier neben der Kirchenruine halten die Leute von Blīdene in der warmen Jahreszeit ihre Gottesdienste. Es sind bereits ein paar Jahre vergangen, seit die Kirchengemeinde ihr Pfarrhaus wieder zurückbekommen hat. Dort wurden einige Wände abgerissen und ein größerer Raum zu einer Kapelle umgestaltet, in der die Gemeinde in der kalten Jahreszeit ihre Gottesdienste hält. Auch am 13. Juni hielt Pfarrer Kārlis Rozentāls den Gottesdienst in der Kapelle, denn wir alle machten uns Sorgen darum, dass es kräftig regnen würde.
Aber dennoch geht die Liebe durch den Magen. Wir wurden mit dem Glanzstück von Ritma Vanaga erwartet: zwei selbst gebackenen Torten! Auch von den Schwestern der Kirchengemeinde gebackenen Plattenbroten und Piroggen. Wir wussten es damals nicht, dass diese Bewirtung der Anfang von einer Reihe von Festmahlzeiten sein sollte..

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Im Gotteshaus von Valaiķi erwarteten uns Herr Puķītis und unbeschreibliche Kunstwerte: die 15 schönsten Farbfenster Lettlands. Darin werden allegorische Darstellungen und Begebenheiten aus dem Neuen Testament dargestellt. Von dem enormen Wert dieser Farbfenster gibt der damals für sie entrichtete Preis Zeugnis. Die Anfertigung eines Farbfensters kostete damals 700 Goldrubel. (Zum Vergleich: Eine Kuh kostete damals 3 Goldrubel…) Der Hahn auf dem Kirchturm ist zur Zeit abgebaut, denn es müssen 13 Treffer von Geschossen aus dem Zweiten Weltkrieg beseitigt werden.
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Die St. Petrikirche in Klosteri befindet sich im Dorf Turlava im Kreis Kuldīga. Sie ist dadurch bedeutend, dass ein sehr reicher Gutsherr mit Besitztümern in Aizpute und Klosteri damals 500 Taler gestiftet hat. Dieses Gotteshaus hat mehrere Schließungen erdulden müssen: in den Jahren 1902 und 1969. Nach der zweiten Schließung wurde das sakrale Gebäude als Kartoffelspeicher und als Pulverlager für Medikamente genutzt. Die Leute in Klosteri sind sehr stolz auf ihre berühmten Bürger wie dem sehr berühmten lettischen Chordirigenten Edgars Račevskis, dessen Großvater und Mutter Olga Organisten dieser Gemeinde waren. Jetzt hat der energische Gemeindeleiter Juris Vītols die Restaurierung der Kirche mit fester Hand angepackt . Unter seiner Aufsicht wurden bereits mehrere Vorhaben verwirklicht (die architektonische Planung, die Weißung des Innenraumes, die Anfertigung eines gepflasterten Weges und manches andere. Juris betätigt sich auch als Fremdenführer, der den Besuchern des Ortes Einblick gibt in die Geschichte des Dorfes und den Besuchern den Einblick „von der Innenseite her“ gibt.
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In der Perle der sakralen Kunst Kurlands, in der Kirche von Apriķi, werden wir von Gunta Smiltniece erwartet, von Beruf Medizinerin und Mitglied der Kirchengemeinderates in der fünften Generation. Auch hier gibt es Bewundernswertes mit den einmaligen Holzschnitzereien und Deckengemälden. Die letzte Renovierung war noch vor dem Zweiten Weltkrieg, aber alles erscheint frisch bemalt. In Erinnerung bleibt, dass die Kirche keinen Strom und keine Heizung hat. Die Gemeinde bereitet sich auf die Feier ihres 370. Geburtstages vor.
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Der nächste Haltepunkt war das Gotteshaus von Lipaiķi, wo uns die Gemeindeleiterin Velta Krūmiņa und Pfarrer Didzis Skuška bereits ungeduldig erwarteten. Da am 17. Juli die Kirchengemeinde ihren 370. Geburtstag feiern möchte, hatte Velta alle Hände voll zu tun. In der Nacht davor wurde die Pflasterung des Fußweges zur Kirche beendet und wir wurden mit gregorianischen Gesängen und duftenden Blumen empfangen. Velta führte uns auch zum
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Geburtshaus von Karl Ferdinand Amenda, des Freundes von Beethoven und Lehrer der Kinder Mozarts und späteren Pfarrer von Talsi. In der Kirchen gibt es wertvolle Dinge wie die Wappen der von den Herzögen von Kurland geadelten Freiherren.
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Während der Fahrt haben der „Oberküster“ der Kirchengemeinde Sigulda Ēvalds Intspēteris und Velta miteinander Freundschaft geschlossen. Evalds hatte Velta ein besonderes Gastgeschenk mitgebracht in der Gestallt von Heidelbeerpiroggen. Vielen Dank an Velta für das königliche Mahl, das sie der Truppe der Reisenden zubereitet hat – echte kurische sauere Grütze mit Erbsen und Bohnen.
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Mitten im Herzen von Kurland wurden wir im Zentrum von Kuldīga von unserem langjährigen Freund und Förderer Propst Viesturs Pirro empfangen, der bei uns die Rolle des Fremdenführers übernommen hatte und uns an die Hand nahm und in eine ferne Vergangenheit führte – in die Zeit der Herzöge von Kurland, als hier Herzog Jakob geherrscht hatte, nach den Worten des Propstes „ein echter Mann Gottes und kein Namenschrist“. Das Herzogtum Kurland hat nicht über viele Jahrhunderte bestanden, aber auf seine Anordnung wurden in Kurzeme, Zemgale und Sēlija sehr viele Gotteshäuser gebaut, die bis zum heutigen Tage vielen Menschen Geborgenheit schenken. Die wunderschöne weiße St.Katharinenkirche in Kuldīga hat auch Pferdeställe und Futterlager vorgesehen. Während der sowjetischen Besatzung musste die Gemeinde diese Kirche räumen. Stattdessen wurde sie als Konzertsaal genutzt, bis dann 1989 die Gemeinde wieder in ihr Gotteshaus einziehen durfte und bald danach Propst Pirro dort seinen Dienst begann. Wir als seine alten und neuen Freunde haben ihn an seiner Wirkunsstätte, dem „Dom von Kuldīga“, der St. Katharinenkirche besucht. Alle sind herzlich eingeladen, sich unserer lesenden und reisenden christlichen Gemeinschaft anzuschließen. Unser nächstes Reiseziel wird am 25. Juli Livland sein.
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Die Kirche von Lipaiķi wird 380 Jahre alt Inga Reča
Am 17. Juni um 12 Uhr erwartet die Kirchengemeinde Lipaiķi viele Gäste zur Feier ihres 380. Geburtstages.. Doch wenn ihr euch nach Lipaiķi auf den Weg macht, dann werdet ihr möglicherweise zur Feier gar nicht hinkommen, denn einen bewohnten Ort dieses Namens gibt es heute in Lettland gar nicht. Diesen Ort und diese Kirche können wir zwar im Herzogtum Kurland finden. Die Kirche von Lipaiķi wird in Dokumenten im Jahr 1567 zum ersten Mal als kleines Holzgebäude erwähnt. Die heutige Kirche aus Stein wurde 1630 erbaut, 1783 und 1896 umgebaut. Der letzte Umbau wurde 1909 vorgenommen. Die Kirche ist voll von Kunstdenkmälern und Farbfenstern und Wappen. Die Orgel ist erhalten. Als Kunstdenkmäler können wir auch den gegen Ende des 18. Jahrhunderts angefertigten Altar und die Kanzel bezeichnen.
Doch am meisten wird die Kirche mit der Kulturgeschichte im Zusammenhang mit dem Namen des Freundes Ludwig van Beethovens Karl Ferdinand Amenda verbunden, dessen Vater Pfarrer dieser Kirchengemeinde war. Dessen Sohn hat dem Vater in seinem Dienst als Pfarrer geholfen und auch die Orgel gespielt. Auf einer Reise nach Österreich lernte er den genialen Komponisten Ludwig van Beethoven kennen. Von dieser ganz besonderen Freundschaft sprechen noch heute einige Briefe und Kompositionen, die Beethoven diesem Freund gewidmet hatte. Doch im heutigen Lettland gibt es Persönlichkeiten, deren Namen sich mit dem Gotteshaus von Lipaiķi verbinden. So mit dem bedeutenden Chordirigenten Maestro Edgars Račevskis, der in seiner Jugend diese Orgel gespielt hatte, oder auch seine Mutter und ehemalige Organistin von Lipaiķi Olga, an deren 100. Geburtstag demnächst gedacht wird.

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Gemeindeleiterin Velta Krūmiņa ist voller Vorbereitungen auf das Fest., zu dem der Zaun unter anderem neu angestrichen wurde, und wartet darauf, dass die Studierenden der Kunsthochschule in Liepāja eine 3 Meter hohe Skulptur aus Holz herbringen, auf der betende Hände dargestellt werden . Vor ein paar Jahren fertigten die Künstler aus Liepāja für den Kirchgarten die Schöpfungsgeschichte an mit 7 kleinen Holzbänken, von denen jede einen der Schöpfungstage darstellt

Vorbemerkung des Übersetzers:
Nicht nur in Ländern Westeuropas muss man sich mit dem Problem der Pädophilie gerichtlich auseinandersetzen. Auch die Kirche Lettlands ist davon betroffen. Einem Vikar der lutherischen Kirche Agris Lēvalds wurde Pädophilie zum Vorwurf gemacht. Er wurde verhaftet und später gegen eine Kaution bis zum Beginn der Gerichtsverhandlung frei gelassen. Kollegen von ihm haben das Geld für die Kaution aufgebracht und dadurch seine Freilassung bewirkt. Dieser Vorgang hat die Medien sehr beschäftigt und natürlich auch aufgeregt. In der Internetseite der Kirchenleitung hat Erzbischof Vanags zu dem Vorgang Stellung genommen. Nachstehend gebe ich meine Übersetzung dieser Stellungnahme wieder.

Der Erzbischof: Man muss mit der Möglichkeit rechnen, dass Lēvalds nicht schuldig gesprochen wird.
Stellungnahme von Erzbischof Vanags zur Entlassung des Vikars Agris Pāvils Lēvalds gegen eine Kaution aus dem Gefängnis.

In diesen Tagen wurde in den Medien die Nachricht verbreitet, dass der wegen Vergehen an Kindern angeklagte Vikar Agris Lēvalds bis zum Beginn des Prozesses gegen eine Kaution aus dem Gefängnis entlassen worden sei. Die Kaution haben mehrere Kollegen von ihm zusammengebracht, die von seiner Unschuld überzeugt sind. Alles ist geschehen bei voller Beachtung der gesetzlichen Bestimmungen, und dennoch… Der Ekel und der Zorn gegenüber der Pädophilie ist bei den Menschen mit Recht so groß, dass ein solches Gerichtsurteil die Grenzen einer normalen Gerichtsverhandlung überschreitet. So wurden viele – auch ich – mit der Notwendigkeit konfrontiert, ihren Standpunkt in dieser emotional widersprüchlichen Situation kund zu tun. Bei dessen Formulierung meinte ich, zwei Prinzipien beachten zu müssen. Erstens ist es unbedingt notwendig, dass ein Verbrechen vor einem gerechten Gericht verhandelt wird. Zweitens – und nicht weniger wichtig – ist die Frage nach unserer Rolle, wenn wir einem Verbrechen begegnen.
Unter den vielen Kommentaren im Internet finden wir zahlreiche Vorschläge zu dem, was getan werden müsste. Aufhängen, kastrieren, an den Füßen, dem Hals oder an anderen Körperteilen erhängen. Nicht einen verurteilten Verbrecher, sondern einen ganz bestimmten Menschen, Agris Lēvalds, auf den die Medien bereits mit dem Zeigefinger hingewiesen und damit das Denken der Gesellschaft völlig in eine Richtung und zu einem Urteil hingelenkt haben: Pädophilie. Der Zorn und der Abscheu gegenüber der Pädophilie ist nur zu verständlich und völlig begründet. Doch wenn er sich auf einen bestimmten Menschen richtet,
dann muss es vollkommen deutlich sein, dass er wirklich schuldig geworden ist. Ist das alles im Fall von Agris Lēvalds wirklich vollkommen klar? Es wird immer solche geben, denen die Schlagzeilen einer Zeitung genügen, um jemanden zu kastrieren, zu erschießen oder zu erhängen. Ich hoffe jedoch, dass es noch mehr Menschen geben möchte, die bereit sind, sich in eine Sache zu vertiefen und sie zu begreifen. Deshalb, auch nicht einmal wegen Lēvalds, sondern um unseres eigenen Gerechtigkeitsbewusstseins willen, übernehme ich den gewiss nicht sehr populären Auftrag, an das zu erinnern, was bisher noch nicht bedacht worden ist. Vor dem Gerichtsurteil müssen wir nicht nur mit der Annahme sondern sogar mit der realen
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Möglichkeit rechnen, dass Agris Lēvalds nicht schuldig ist. Nach meiner Ansicht ist es völlig unzulässig, sich ihm gegenüber so zu verhalten wie gegenüber einem Verbrecher. Das tun zur Zeit die Medien und ein großer Teil der Gesellschaft. Natürlich gibt in diesem Zusammenhang seine Entlassung aus dem Gefängnis gegen eine Kaution kein gutes Bild. Aber wenn Lēvalds wirklich als nicht schuldig befunden wird? In welchem Licht steht dann alles da, was wir zur Zeit erleben?
Werden die Möglichkeiten für ein gerechtes Verfahren wirklich größer, wenn die Ermittlungen in den Medien ausführlich beschrieben werden, schon bereits vor dem Bekanntwerden der Anklage, unter der Nennung von Namen und der Wiedergabe von Fotos? Auf keinen Fall. Bei einem gesteigerten Hin und Her der Ansichten und Meinungen in der Gesellschaft wird es den Richtern und Beisitzern schwerer fallen, objektiv zu urteilen. Bewirkt das für die Gesellschaft etwas Gutes? Doch wohl eher das Gegenteil. Wenn das Gericht Lēvalds für nicht schuldig befinden sollte, werden dann die Menschen plötzlich ihren bereits gefällten eigenen Urteilsspruch ändern können? Ganz bestimmt nicht, und das wird das Empfinden vermehren, dass es auf dieser Erde keine Gerechtigkeit gibt und dass es in Lettland nicht möglich ist, ein gerechtes Gerichtsverfahren zu finden. Und schließlich: sollte sich Lēvalds als nicht schuldig erweisen und mit einem Freispruch den Gerichtssaal verlassen: wie wird seine Rückkehr in das Leben aussehen? Wird das Gerichtsurteil im öffentlichen Raum der Gesellschaft, das ja schon lange vor der Gerichtsverhandlung fest stand, etwas anderes bewirken als den Blutrausch der Massen zu steigern? Natürlich ist es leichter, sich diese Fragen nicht zu stellen, und dennoch müssen sie gestellt werden.
Man hat mich gefragt, weshalb Lēvalds bis zum Beginn der Gerichtsverhandlung nicht im Gefängnis hätte bleiben können. Ich habe diese Frage an die Pfarrer weitergegeben, welche sich darum bemüht hatten, die Kaution zusammen zu sammeln. Nach ihrer Aussage hätte es passieren können, dass er diese Zeit nicht lebendig überstanden hätte. Er leidet unter schwerem Diabetes und im Gefängnis konnte man die dafür erforderliche Behandlung nicht garantieren. Deshalb waren seine Gesundheit und sein Leben auf das schwerste bedroht. In letzter Zeit hatte er unter Ohnmachtsanfällen zu leiden. Einige werden bestimmt sagen, dass er die auch haben müsste. Aber noch einmal: wenn Lēvalds nicht schuldig berfunden wird, was dann? Auf keinen Fall wäre es richtig, jemanden im Gefängnis vor seiner Gerichtsverhandlung zu töten. Die Kollegen, die Lēvalds schon lange kennen und für ihn die Kaution zusammengebracht haben, sind von seiner Unschuld überzeugt.und haben das nach ihrer Ansicht einzig Richtige getan. Ihr Schritt beeinträchtigt das öffentliche Ansehen der Kirche schwer. Und das ist für die Glieder der Kirche nur schwer zu ertragen. Doch ihre Motivation kann man verstehen und respektieren. Manche haben auch die Frage gestellt, ob
die Kaution nicht aus den Mitteln entnommen sei, die sie selbst gespendet haben. Als ich diese Frage weitergab, erhielt ich die Antwort, dass das ganz bestimmt nicht der Fall sei. Das Geld wird auch nicht ausgegeben oder verschwendet, sondern wird den Einzahlern erstattet werden, wenn der Angeklagte vor Gericht erscheint.
Dieses Geschehen dcarf nicht missverstanden werden. Die irgendwo zu hörende zusammenfassende Behauptung „die Kirche hätte einen Pädophilen freigekauft, damit er seiner Strafe entginge“ ist von vorn bis hinten falsch. Weder die Geber der Kaution noch die Kirche insgesamt möchten damit die Ermittlungen behindern. Die Gerichtsverhandlung wird stattfinden, und ich hoffe, dass sie gerecht verlaufen wird. Lēvalds und alle anderen werden verurteilt werden, und ich hoffe, dass jeder schuldige Verbrecher für sein Vergehen gerecht bestraft wird. Ich hoffe auch, dass niemand unschuldig bestraft wird. Menschen sind von einer Menge leicht zu lynchen, ganz besonders wenn diese professionell aufgehetzt wird. Für das Gericht wird es schwer sein, zu einem professionellen und gerechten Urteil zu kommen. Ich denke, dass wir alle den Vorzug haben, uns nicht mit dieser schweren Verantwortung beladen
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zu müssen, sondern diese den Richtern zu überlassen. Mögen diese leidenschaftslos urteilen und sich dabei von Fakten und Beweisen leiten lassen, die wir „Richter der Gesellschaft“ nicht kennen. Das Beste, was wir für die Gerechtigkeit tun können, ist, dass wir sie nicht stören. Die Kirche tut es nicht und jeder andere sollte es auch nicht tun. Wenn die Gerichtsverhandlung zu Ende und das Urteil gesprochen worden ist, werden wir die Wahrheit kennen. Dann möge den Schuldigen die gesetzliche Strafe und die Ächtung der Gesellschaft treffen. Dann werden sie sich dem Urteil voll unterwerfen müssen. Doch was sagen wir den Nicht Schuldigen, wenn es solche geben sollte?

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Mazā Pils iela 4 – Riga – LV 1050
E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 2. August 2010)
Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Inzwischen haben sich meine in ihrer Geduld geprüften Leser und Leserinnen sicher bereits daran gewöhnt, dass sie erst recht spät in den Besitz meiner Übersetzungen kommen, und das nur einmal monatlich. Ich habe vernommen, dass meine Bitte um finanzielle Unterstützung der Arbeit der lettischen Kirchenzeitung, die ich in der letzten Ausgabe ausgesprochen habe, bereits einer wohlwollende Resonanz bei den Lesern und Leserinnen dieser Übersetzungen begegnet ist. Für alle Fälle teile ich nachstehend für Überweisungen die Kontonummer des Martin Luther Bundes mit, der es freundlicherweise übernommen hat, dafür zu sorgen, dass die Spenden zur richtigen Stelle hinkommen:
Martin Luther Bund
Kontonummer: 12304
Bankleitzahl : 763 500 00 Sparkasse Erlangen
Zweckbestimmung: Zeitung Lettland (bitte unbedingt angeben!)
Das späte Eintreffen dieser Ausgabe kommt daher, dass ich nach zehn Tagen noch immer kein Exemplar der Kirchenzeitung zum Übersetzen in der Hand hatte. Ich habe die Versandstelle der lettischen Kirchenzeitung angerufen, die aber auch nicht feststellen konnte, wohin das mir zugedachte Exemplar seinen Weg genommen hat. So hatte ich diese Ausgabe erst über 14 Tage nach ihrem Erscheinen in Riga in meiner Hand.
In dieser Ausgabe ist viel vom neuen katholischen Erzbischof Lettlands die Rede. Nach dem Urteil meiner lettischen Freunde und Gesprächspartner scheint er eine interessante Persönlichkeit zu sein, den Lutheranern gegenüber sicher noch mehr als aufgeschlossen. Die Beiträge über ihn sagen da auch schon etwas aus. Jedenfalls ist es bei katholischen Bischöfen nicht allgemein üblich, dass sie in einer lutherischen Kirchenzeitung ein so ausführliches Interview geben und dabei auch so viel über ihre eigene Person berichten. Unter den Lutheranern Lettlands hat man den Eindruck, es mit einem Mann zu tun zu haben, welcher der Ökumene aus ganzem Herzen zugewandt ist. Auch ist es sicherlich nicht alltäglich, dass eine katholische Bischofsweihe in einem lutherischen Dom stattfindet. Wegen aller dieser Dinge bitte ich um freundliches Verständnis, dass ich dieser Persönlichkeit und diesem Anlass in dieser Ausgabe bei der Übersetzung so viel Raum gegeben habe.

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Ein zweiter Themenschwerpunkt ist die Zukunft der Lutherakademie, die jetzt ihr Domizil auf dem Domplatz 1 räumen muss und in die (ehemals) reformierte Kirche umzieht, wo sie sich mit wesentlich bescheideneren Räumen zufrieden geben muss.
Die Orgel der Dreifaltigkeitskathedrale in Liepaja muss schweigen, weil die Windversorgung ganz und gar zu funktionieren aufgehört hat, wovon in dieser Ausgabe auch berichtet wird.
Schließlich mit dem sommerlichen Ausflug der Freunde der lettischen Kirchenzeitung SR nach Kurland noch etwas sommerliches.
Die nächste Ausgabe hoffe ich bis zum Ende des Monats August übersetzen zu können, ohne wieder von solchen unangenehmen Verzögerungen bei dem Postversand überrascht zu werden.
Mit herzlichen sommerlichen Grüßen bin ich stets Ihr J.B.

Wer festen Herzens ist, dem bewahrst du Frieden, denn er verlässt sich auf dich.
Jesaja 26, 3.
Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.
2. Sonntag nach Trinitatis Ausgabe Nr. 9 (1836) vom 17. Juni 2010

Neues Präsidium des Oberkirchenrats der ELKL bestätigt.
In der Sitzung des Oberkirchenrats der ELKL am 26. Mai wurde das neue Präsidium des Oberkirchenrats in seiner jetzigen Zusammensetzung von 5 Mitgliedern bestätigt.
Dazu gehören: Bischof Guntars Dimants, Propst Arnis Bušs, die Pfarrer Dzintars Laugalis. Krists Kalniņš und Aivars Gusevs.
Wie bereits gemeldet, hat das bisherige Präsidium des Oberkirchenrats am 24. März seinen Rücktritt erklärt, nachdem die Pfarrer mehrerer Propsteien ihre Unzufriedenheit mit der Art des Umganges mit den Angelegenheiten der Wirtschaft und der Situation bei der Vergütung des Dienstes der Pfarrer ausgesprochen hatten. Die Sitzungen des Oberkirchenrats werden vom Sekretär des Oberkirchenrats zusammengerufen und geleitet. Mit der Wahrnehmung des Amtes des Sekretärs des Oberkirchenrats wurde Bischof Guntars Dimants beauftragt.

Svētdienas Rīts hat einen neuen Standort Inga Reča
Seit dem 31. Mai dieses Jahres befindet sich die Redaktion von „Svētdienas Rīts“ an einer anderen Stelle. Wenn Sie in der Zukunft unsere Redaktion suchen, dann werden Sie sie in der 1. Etage des Gebäudes des Oberkirchenrats, Maza Pils iela 4, finden. Unser Telefon hat die
gleiche Nummer behalten: (00371) 67224911.
Unsere Redaktion war seit dem 5. November 2001 in der Alksnāja iela 3 zu Hause, und dort haben wir uns sehr wohl gefühlt.

Der kleine Buchladen unseres Verlages ICHTYS GmbH in einzigartigen Räumen.
Inga Reča
Am Freitag, dem 28. Mai wurde die Tür des neuen Buchladens des Verlages unserer Kirche ICHTYS für den Publikumsverkehr geöffnet, der aus den Räumen des Oberkirchenrats in einen soeben renovierten Raum im Hof umgezogen ist und dabei die alte Anschrift Mazā Pils iela 4 beibehalten hat.
Der Buchladen befindet sich jetzt in einem einzigartigen Gebäude, der Kreuzkapelle, welche auf eine 600 Jahre alte Geschichte zurückblicken kann. Das hatte der Architekt Pēteris Blūms sehr interessant skizziert, der das Projekt der Erforschung und Rekonstruktion dieses Gebäudes geleitet hat.
Die an der Südseite der St. Jakobikirche gelegene Kapelle wurde zu Beginn als Andachtskapelle sowie als Kirche der finnischen Soldaten der schwedischen Garnison genutzt. Seit 1625 wurde das Kapellengebäude zu einem Teil des von dem schwedischen König Karl XI gegründeten Lyzeums umgestaltet, der ersten höheren Schule in Riga. Bis in unsere Tage sind mehrere Teile dieser Kapelle aus dem Mittelalter sowohl sichtbar als auch verborgen erhalten Ein eindeutiges Denkmal mittelalterlicher Baukunst ist die Ostwand mit Fragmenten eines Fensters aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Als für lettische Verhältnisse einzigartig kann man Fragmente der Malereien auf der mittelalterlichen Wand im zweigeschossigen Innenraum der Kapelle betrachten.
Die Verlagsdirektorin von ICHTYS Rita Liepiņa dankt allen, die sich an den Restaurationsarbeiten und der Einrichtung des Buchladens beteiligt haben.. Der Raum dieses neuen Geschäftes ermöglicht die Erweiterung der Buchabteilung und der Abteilung für ein Warensortiment für den Bedarf der Kirchengemeinden und bietet auch die Möglichkeit der Begegnung der Autorin dieses Beitrages mit ihren Lesern.

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Der Buchladen ist ab dem 1. Juni werktags von 11 bis 18 Uhr geöffnet und von 13.30 bis 14 Uhr für eine Mittagspause geschlossen.

Ilmārs Krieviņš (1927-2010) in memoriam.
Gott hat Pfarrer Ilmārs Krieviņš mit 82 Lebensjahren, die er von Anfang an bis zu seinem Heimgang im Dienst Gottes verbracht, seiner Kirche angehört und seine vielfältigen Gaben in den Dienst Gottes gestellt hatte, ein langes und geistlich reiches Leben geschenkt.
Ilmārs Krieviņš wurde am 2o. August 1927 als Sohn von Jūlijs und Emilija Marija Krieviņš geboren. Neben ihm wuchsen in der Familie sein Bruder Arvīds und seine Schwestern Lilija und Aina auf.
Sein Vater Jūlijs war Offizier in der lettischen Armee und seine Mutter Krankenschwester. Deshalb fühlte sich Ilmārs Krieviņš sein ganzes Leben lang seinem Volk und Vaterland sehr verbunden. In der Familie wuchsen die Kinder in den Glauben hinein, dem der spätere Pfarrer bis zur letzten Stunde seines Lebens treu blieb.
Bereits nach der Besatzungszeit zog die Familie nach Jelgava, wo Ilmārs die Schule bis zum Abschluss besuchte. Nach der völligen Zerstörung von Jelgava im Zweiten Weltkrieg wird Liepāja zum Mittelpunkt seines Lebens. Sein Vater wurde dort als Polizeipräfekt eingesetzt. In Liepāja studierte Ilmārs am Technikum. Danach war er in mehreren Betrieben als Elektriker beschäftigt.
Als Einwohner von Liepāja beteiligte er sich aktiv am Dienst in der dortigen Dreifaltigkeits- gemeinde, wo er auch dem Kirchenvorstand angehörte. Die Sowjetzeit war für diese Gemeinde sehr schwer. Sehr oft drohten die Behörden mit der Schließung des Gotteshauses. Ganz besonders kritisch wurde die Situation am Anfang der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts. Damals beteiligte sich Ilmārs zusammen mit dem späteren Pfarrer Kārlis Ozoliņš an der Rettung des Kirchturmes, damit die Machtinstanzen keinen Anlass hätten, dieses schöne Gotteshaus zu schließen. Während dieser Zeit half er vielen Pfarrern in Landgemeinden als Organist. Durch seinen Einsatz in der Dreifaltigkeitsgemeinde lernte er auch seine spätere Ehefrau Helga kennen, mit der er am 13. Februar 1965 den Bund für das Leben schloss. Diese Ehe wurde mit zwei Kindern und später mit vier Enkelkindern gesegnet.
In der Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts war der Pfarrermangel in der lutherischen Kirche Lettlands sehr deutlich zu spüren. Die alten Pfarrer aus der Vorkriegszeit starben weg und nur sehr wenige wollten sich für den Beruf eines Pfarrers entscheiden, denn für einen solchen Entschluss brauchte man sehr viel Mut. Ilmārs fürchtete sich nicht. Deshalb trat er in das Theologische Seminar unserer Kirche ein, denn er war sich bewusst, dass er in dieser schweren Zeit sich dem Dienst in der Kirche zur Verfügung stellen musste, denn es gab kaum noch andere, die das tun wollten. Da der Pfarrermangel damals so katastrophal war, mussten alle im Seminar Studierenden sofort in den Gemeindedienst einsteigen. Dieser zusaätzliche Dienst und seine Arbeit in einem weltlichen Beruf zum Broterwerb zog sein Studium sehr in die Länge. Seine Ordination konnte erst am 3. Oktober 1978 in der St. Annenkirche in Liepāja
stattfinden.
Dieser Pfarrer strebte keine äußeren Ehrungen an. Sehr oft übernahm er den Dienst in kleinsten und in ihrer Existenz bedrohten Gemeinden, auch in solchen, deren Kirchen vom Abriss bedroht waren und denen die Sowjetmacht bereits das Todesurteil gesprochen hatte. Das eindrucksvollste Beispiel dafür ist die Kirchengemeinde Ziemupe. Einge Gemeinde gab es dort fast gar nicht mehr, die wertvolle Inneneinrichtung hatte man in das Museum von Rundāle überführt und der vorherige Pfarrer hatte sich mit der Liquidierung der Gemeinde abgefunden. Doch dann traf Pfarrer Ilmārs Krieviņš ein und versammelte um sich die übrig gebliebenen Gemeindeglieder, und die Gemeinde feierte ihre Auferstehung.

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Sein Pfarrdienst verteilte sich auf viele Kirchengemeinden der Propstei Grobiņa. Es gibt in der Propstei eigentlich keine Kirchengemeinde, in der er seinen Dienst nicht getan hätte.
Besonders große Freude bereitete Pfarrer Ilmārs Krieviņš die Zeit des nationalen Ertwachens,
während der er sich sowohl politisch als auch in der kirchlichen Bewegung „Wiedergeburt und Erneuerung engagierte. Während dieser Zeit war er in mehreren Dörfern der Initiator der Unabhängigkeitsbewegung vor Ort. Zeitweise hat er zu Beginn der 90er Jahre 9 verschiedene Gemeinden als Pfarrer nebeneinander betreut.
Obwohl ihm dieser Dienst große Freude machte, so hinderte ihn sein Alter und eine schwere Krankheit daran, diese Arbeit fortzusetzen. Deshalb ging er 2006 in den Ruhestand. Die schwere Last der Krankheit ertrug er mit Demut und Geduld Am 14. Mai 2010 starb Ilmārs
Krieviņš und wurde am 21. Mai auf dem Nordfriedhof in Liepāja bestattet.
Wir alle hoffen, dass er jetzt die Worte unseres Herrn Christus vernehmen kann: „Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem getreu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!“

Es wurde der 100 Lebensjahre von vier herausragenden Geistlichen gedacht. Inga Reča
„Jeder von ihnen war in unserer Kirche eine ganz besondere Persönlichkeit. Sie waren sehr unterschiedlich, aber in Einem vergleichbar: Sie waren herausragend, ein jeder auf seinem Gebiet..“ So ehrte Pfarrer Dr. theol. Guntis Kalme seine ehemaligen Lehrer, die hervorragenden Theologen Roberts Akmentiņš,, Roberts Feldmanis, Pauls Žibeiks und Kārlis
Roberts Kalderovskis, die im April ihren 100. Geburtstag gefeiert hätten. Am Samstag, dem 29. Mai hatten sich im Dom und danach im Museum für Schifffahrt und Geschichte ihre einstigen Studenten des Theologischen Seminars und der nach der wiedergewonnenen Selbständigkeit des Landes der Theologischen Fakultät der Universität Lettlands, ihre einstigen Gemeindeglieder, ihre Angehörigen und Leute die diese Persönlichkeiten unserer Kirchengeschichte lebendig erhalten und verhindern möchten dass sie in den Tiefen von Archivschränken verschwinden, .versammelt. In einer Podiumsdiskussion teilten Erzbischof Jānis Vanags und die Pfarrer Aleksandrs Bite und Atis Vaickovskis den Anwesenden ihre Erinnerungen an ihre Lehrer und Amtsbrüder mit.
Roberts Akmentiņš – ein lettischer Patriot mit Rückgrat.
Erzbischof Vanags erinnerte sich an seine Studentenzeit im Theologischen Seminar oder, wie es damals genannt wurde, in den akademischen theologischen Kursen. Sein erstes Treffen mit diesem Rektor des Theologischen Seminars verlief recht ungezwungen, aber doch mit einer psychologischen Berechnung. Jānis Vanags: „Ich war damals noch nicht getauft, als man mich zu Professor Akmentiņš führte, um mich ihm als künftigen Seminaristen vorzustellen. Damals unterrichtete er Religionspsychologie, und er war auch wirklich selbst ein Psychologe! Wir sprachen miteinander und er sagte: „Aber möchten Sie nicht auch ein Buch durchlesen?“ Ich sagte: „Das möchte ich sehr gerne tun.“ Ich nahm das Buch an mich und er fuhr fort: „Können wir, wenn Sie das Buch durchgelesen haben, uns miteinander darüber unterhalten?“ Ich sagte: „Selbstverständlich, weshalb sollten wir nicht darüber sprechen!“ Er wieder: „Wissen Sie, ich gebe Ihnen ein Studienheft. Jetzt setze ich dort noch keinen Stempel ein, aber wenn wir miteinander über das Buch gesprochen haben werden, das Sie gelesen haben, und dieses Gespräch ist zufriedenstellend verlaufen, dann mache ich im Studienheft eine Eintragung, die den gleichen Wert hat wie eine bestandene Zwischenprüfung. Das wird noch nicht viel besagen, aber wenn Sie studieren möchten, dann werden Sie bereits einen Schritt nach vorne getan haben.“.
Der Professor gab mir das Studienheft, und bald war da auch der erste Stempel zu sehen. So geriet ich fast unbemerkt unter die Studenten des Theologischen Seminars. Ich erinnere mich

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an Professor Akmentiņš als an jemanden, der sich um die Studenten sehr aufmerksam und fürsorgend kümmerte.
Professor Akmentiņš war auch einer meiner Vorgänger im Pfarramt der St. Johannisgemeinde in Saldus. Als ich als junger Pfarrer in der Gemeinde meinen Dienst begann, kam der „alte Pfarrer“ extra angereist traf sich dort mit den Leuten der Gemeinde.und redete mit ihnen – und ich schaute hin: alle Frauen hatten Tränen in den Augen. Ich dachte: was mag er ihnen wohl gesagt haben? Dann dachte ich, dass es vielleicht nichts Besonderes war… Und dann begriff ich, dass es nicht darauf ankam, was er sagte, sondern wer er war, und was alle an ihm so beeindruckte. Er hatte in Saldus etwa zehn Jahre gewirkt, die Gemeinde betreut und sie durch die schweren sowjetischen Jahre geführt. Und das war maßgebend dafür, dass den Menschen jedes Wort, das er sprach, so zu Herzen ging. Er war in seinem Herzen auch stets ein lettischer Patriot.“
Pfarrer Atis Vaickovskis und Roberts Akmentiņš waren in einem Vorort von Riga Hausnachbarn. Atis Vaickovskis: „Ich erinnere mich, wie Roberts Akmentiņš seine Dissertationsarbeit über Augusts Saulietis, dem Erbauer des Konfirmandensaales der Neuen St. Gertrudkirche verteidigte – mit dem Referat, dem Korreferat, den kritischen Fragen und allem, was bei einem solchen Anlass öffentlich geschieht. Das war für mich schön und eindrucksvoll! Ich beobachtete das damals und bewunderte alles. Gott erhörte unsere Gebete, und Roberts Akmentiņš wurde Rektor unseres Theologischen Seminars. Er war unser Rückgrat, wenn Winde und Gegenwinde kamen und wir auch nicht von Brüchen bewahrt wurden. Er nahm alles auf seine Kappe. Als 1990 die Theologische Fakultät der Universität wieder zum Leben kam, sagte Rektor Zaķis mit großer Bewunderung: „Ich habe es nie gewusst, dass es so nah bei mir in Lettland akademische Kräfte dieses Formats gäbe!“
Pfarrer Aleksandrs Bite: „Ich kam in das Theologische Seminar in einer sehr seltsamen Zeit. –
im Jahr 1989. Es war eine unruhige Zeit mit vielen Veränderungen. Die Professoren Roberts Akmentiņš und Roberts Feldmanis waren von einem Tag auf den anderen aus ihren Ämtern als Lehrkräfte entlassen worden. Das Seminar wurde von Leuten geleitet, die dem Geschmack des Staates und der damaligen Kirchenleitung entsprachen. Der einzige von unseren heutigen Jubilaren, den man dort noch sehen konnte, war Pauls Žibeiks. Wegen seiner tiefen Demut und Zurückgezogenheit durfte er dort noch bleiben und weiter unterrichten. Als das Seminar wieder neu zum Leben kam, da erinnere ich mich, wie die legendären Persönlichkeiten Roberts Akmentiņš und Roberts Feldmanis wieder zurückkehrten….Wir hatten ihre Rückkehr lange erwartet, denn alle Studenten empfanden die große Ungerechtigkeit, die ihnen dadurch angetan wurde, dass man sie an den Rand schob und an ihrer Stelle andere Lehrkräfte einsetzte, die vielleicht nicht schlecht waren, aber bei den Studenten nur sehr wenig beliebt. Die Rückkehr der beliebten Professoren war etwas ganz besonderes.
Roberts Feldmanis – mit einem globalen Blick nach vorne.
Erzbischof Vanags: „ Ich war einer der frühen Nachfolger und Söhne im Geist von Roberts Feldmanis. Ich erinnere mich an ihn als an einen Priester vom Scheitel bis zur Sohle, als an einen herausragenden Seelsorger und Geistlichen, in dem sich seine Verkündigung, seine Lehre und seine Persönlichkeit zu einer gewaltigen Persönlichkeit zusammenfügten. Man kann sagen, dass Professor Feldmanis in unsere Kirche mehrere Dinge hereingebracht hat, die kein anderer so wiederholen könnte. Damals kamen mindestens 80 % der Theologiestudenten des Theologischen Seminars aus der von ihm betreuten Kirchengemeinde in Mežaparks. Das war wirklich bewundernswert, dass aus der kleinsten Kirche in Riga der größte Teil des Pfarrernachwuchses kam. Wenn damals viele andedre Kirchen sonntags leer blieben, so musste man damals immer in Mežaparks zusätzliche Stühle besorgen.
Professor Feldmanis war fast der Einzige, der sich für das liturgische Erbe der Alten Kirche interessierte und in seiner Gemeinde einführte, und bei den jungen Pfarrern auch die Liebe
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dazu wach rief. Doch ganz besonders interessierte die Jungen seine Persönlichkeit und die Breite seines umfassenden Wissens. Roberts Feldmanis konnte sowohl sehr lebendig in die Heilige Schrift einführen als auch über die indische Küche und die Politik der islamischen Länder berichten. Seine Kenntnis von Fakten war einfach unglaublich umfassend, und wie er diese zusammenzufügen verstand und zu verbinden wusste, das ließ manchen Hörer sprachlos werden.
Kārlis Kalderovskis – der ernste Klassiker.
Jānis Vanags: „An Kārlis Kalderovskis erinnere ich mich als an meinen Dozenten für Homiletik. Ich muss bekennen, dass ich seine Vorlesungen nicht besonders beachtete, denn er lehrte auf eine sehr klassische Weise. Er sagte, dass man die Predigt nach einem Plan vorbereiten sollte, und wenn du mit der Predigt beginnst, dann solltest du sagen, dass wir erstens darüber reden wollten, und zweitens darüber und drittens möchte ich euch darauf hinweisen. Es war so, als ob man eine Diplomarbeit für das Fach Chemie vorbereitete. Ich muss aber bekennen, dass ich in meinem Leben schon viele Predigten gehört habe, wobei ich es dem Prediger im Stillen gewünscht hatte, dass dieser doch beachtet hätte, was Kalderovskis uns gelehrt hatte! Es wäre schon gut, wenn es bei allen frei formulierten Reden ein Konzept gäbe, damit wir verfolgen kötten, was uns der Pfarrer sagen möchte…
Das Faszinierendste an ihm war, von ihm geprüft zu werden. Der Prüfer stellte eine Frage, die man sofort beantworten musste! Er war in der Lage, wirklich alles zu fragen! Als ich von Pfarrer Kalderovskis in Homiletik geprüft wurde, gab er mir eine aufgeschlagene Bibel in die Hand und sagte: „Jetzt bitte einen Predigtplan über den 23. Psalm“ Ich denke, dass nicht einmal alle erfahrene Pfarrer das können, geschweige denn ein grüner Student mit einer nur geringen Predigterfahrung. Ich durfte den 23 Psalm durchlesen und darauf den Predigtplan verkündigen, was natürlich eine große Herausforderung war. Aber irgendwie schenkte es mir Gott, dass ich einen Predigtplan zusammen bekam, was den Prüfer zur Bemerkung veranlasste: „Naja, irgendwie war das sehr gut.“ Später habe ich mich davon gelöst, dass man vor der Predigtvorbereitung bereits einen Plan ausgearbeitet haben müsste. Heute muss ich zu meinem Bedauern sagen, dass es mir sehr leid tut, dass ich bei seinen Vorlesungen nicht besser aufgepasst habe.“
Pauls Žibeiks – mit einem Funken von Demut und Dank.
An Pauls Žibeiks denkt der einstige Seminarist Erzbischof Vanags als an einen sehr liebenswerten und bewundernswert demütigen Menschen zurück: „Die Haltung, die er amliebsten bei seinen Vorlesungen einnahm, war, dass er in einer Ecke am Rande etwas gebeugt stand und sehr leise weise Dinge von sich gab, denen wir Hörer nicht so recht folgen konnten. Gelegentlich riss es ihn dazu hin, Psalmen in hebräischer Sprache aufzusagen.
Trotz seines hohen Alters hat er nie eine Brille benutzt, und als das Seminar in das Haus auf der Deglava iela neben der St. Paulskirche umzog, ging er den langen Weg zum Bus immer zu Fuß. Für uns war es ein Wunder, dass er so sportlich war. „
Pfarrer Atis Vaickovskis erinnert sich, dass Žibeiks Horaz griechisch zitierte. „Diese klangvolle Sprache zu hören, war für uns ein Erlebnis.“
Aleksandrs Bite: „Während meiner ersten Zeit im Seminar hatte ich es vor allem mit Pauls Žibeiks zu tun, denn abgesehen davon, dass damals im Seminar alles ganz anders war, so gab es drei Tage im Monat, an denen die Lehrkräfte ihren Studenten Anregungen geben und ihnen Mut machen wollten. Unter solchen Verhältnissen erschien es völlig unmöglich, sich mit alten Sprachen wie griechisch und hebräisch zu befassen. Ich erinnere mich noch an die Übungen, in denen unser außerordentlich weiser und sprachbegabter Professor uns von Lektion zu Lektion ermunterte: „Brüder, erlernt das Alphabet!“ Natürlich kann man hier nicht von einem akademischen Niveau reden, aber damals wurde in uns der Vorsatz geweckt: Wir werden davon nicht lassen und diesen Funken weitertragen, denn ohne alte Sprachen ist es nicht
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möglich, Theologie zu studieren. Und das führte dann schließlich auch zu wunderbaren Ergebnissen. Trotzdem, dass wir bei dem Studium im Seminar die alten Sprachen nicht vollkommen erlernen konnten so gab es dennoch Menschen, die es konnten. Dank des kleinen Funkens von Professor Žibeiks ist eine neue Bibelübersetzung entstanden, dank des Funkens seiner Demut, den wir mit Dank weitergeben.“
Wenn man unvergleichbares miteinander vergleichen müsste
Aleksandrs Bite: „Man kann diese Hundertjährigen nicht miteinander vergleichen, denn sie waren außerordentlich verschieden. .Professor Akmentiņš war derjenige, der immer wieder auf das Unveränderbare, auf die Tradition hinwies, die in der Zeit der Selbständigkeit zwischen den beiden Weltkriegen ihren Ursprung hatte. Er gedachte immer seiner Lehrer, er zitierte sie und erinnerte sich oft an die Begegnungen mit ihnen. Er war in bestimmter Weise noch das Bindeglied zur Universität in jener Zeit. In gewisser Weise repräsentierte er sie auch noch, ohne dass er dazu noch viel beitragen müsste.
In dieser Beziehung war Professor Feldmanis ganz anders. Er war Pfarrer in jener Zeit, da Akmentiņš alle jene Zeitgenossen gekannt hatte, doch als wir mit ihm über das Evangelium und über das lutherische Erbe sprachen, dann hörte ich sehr oft von ihm den Satz: „Das hat uns niemand gelehrt.“ Er schaute voraus und merkte, was uns noch alles fehlte. Das war es, was die Studenten und späteren Pfarrer zu ihm trieb und sie begeisterte.
Professor Žibeiks ist dagegen ganz eigene Wege gegangen. Diese Wege hat er ganz still und in sich verschlossen eingeschlagen, und ich denke nicht, dass es viele Menschen gibt, die ihn dabei begleiten könnten. Ich habe ehemalige Studenten befragt und dabei erfahren, dass sie ähnliche Empfindungen haben. Seine Welt war weniger interessant und anziehend und gleichzeitig kam ein anderer auch nicht in sie hinein. Wenn wir einen Blick in die Nachschriften der damaligen Studenten werfen, dann hat man den Eindruck, dass sie von Schreibern stammten, die kurz vor dem Einschlafen waren. Bei allen Wünschen, noch mehr von ihm zu ergattern, war es unmöglich, in seine Welt einzudringen. So tief hat er in ihr gelebt! Und dennoch – obwohl er in dieser Abgeschlossenheit lebt, hat er einen so großen Eindruck hinterlassen.“
Alle Redner erkannten, dass diese vier Dozenten einen sehr bedeutenden Teil des Lebens vieler Amtsbrüder verkörperten, oder, wie Guntis Kalme das sagte: „Sie sind unsere alte Garde. Ohne sie sind unser Theologisches Seminar und damit auch unsere nächsten Pfarrergenerationen nur schwer vorstellbar. Heute können wir ihrer als herausragende Vorbilder gedenken und zu ihrem 100. Geburtstag möchten wir zum Gedenken an ihren Dienst ein Buch herausgeben.

Ein Geschenk an Lehrer – ein Buch. Inga Reča
Das zweite bedeutende Ereignis war am 29. Mai die Vorstellung des Buches „Geschichte der Kirche Lettlands“ von Roberts Feldmanis. „Dieses ist ein großartiges Geschenk für Lehrer,“ sagte der wissenschastliche Redakteur des historischen Teiles des Buches, der Dekan der philosophischen und historischen Fakultät der Universität Lettlands Professor Gvido Straube über dieses Buch. Der Forscher der baltischen Kirchengeschichte aus Finnland Jouko Talonen annerkannte, dass diese Männer in jener Zeit, und ganz besonders in den Sowjetjahren, eine bedeutende Rolle spielten. „Sie litten während der Jahre der sowjetischen Unterdrückung, blieben aber als Diener dem Wort Gottes treu,“ sagte der finnische Historiker.
Eine Geschichte, verfasst von einer Legende.
Professor Jouko Talonen, der sich lange Jahre mit der Geschichte der lutherischen Kirche Lettlands befasst hat, hat als sein bedeutendstes Werk seine Dissertation über die lutherische Kirche unter dem Joch des Stalinismus verfasst. Während der Zeit seiner Forschung ist er Professor Roberts Feldmanis mehrfach begegnet., dessen soeben erschienenes Buch Talonen
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als Leitstern durch die lettische Kirchengeschichte bezeichnete, den jemand geschaffen hat, der selbst zu einer lebendigen Legende geworden ist. Das Buch „Geschichte der Kirche Lettlands“ ist nicht ein eigens für diesen Zweck geschaffenes Werk sondern enthält die Manuskripte seiner Vorlesungen, die Roberts Feldmanis in der Theologischen Fakultät der Universität Lettlands gehalten hatte. Der Initiator für die Sammlung dieser Manuskripte war Pfarrer Guntis Kalme, und die Bearbeitung lag in den Händen von Pfarrer Jānis Šmits. Doch das Interesse des Professors ging noch weiter zurück als bis in die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts, als er im Theologischen Seminar Kirchengeschichte zu unterrichten begann. Besonders bedeutend ist dieses Buch auch deshalb, weil Roberts Feldmanis einer der wenigen Letten ist, welche die Kirchengeschichte Lettlands erforscht haben. Vor ihm hat damit Professor Ludvigs Adamovičs begonnen, und sein Schüler Edgars Ķiploks hat diese Arbeit fortgesetzt. Adamovičs schuf für die lettische Kirchengeschichte eine nationale Perspektive; davor war alles in der Hand deutscher Historiker.. „Während der Sowjetzeit war es nicht leicht, auf diesem Gebiet akademisch zu forschen. Feldmanis Aufgabe war es, die Pfarrer nicht in der Forschung auszubilden, sondern auch für die Zukunft der Kirche Sorge zu tragen und Pfarrer auf ihren Dienst vorzubereiten, ohne dabei die akademische Seite aus den Augen zu verlieren. Dieses Buch ist eine Frucht des Schaffens von Professor Feldmanis. Es ist ein Geschenk nicht nur an die lutherischen Studenten, sondern an die Kultur Lettlands,“ hob der finnische Professor hervor.
„Ein perfektes Geschenk für Lehrer! Ich bin darauf wirklich neidisch!“
So emotional bewegt war der langjährige Dekan der historischen und philosophischen Fakultät der Universität Lettlands Professor Gvido Straube, der gebeten wurde, das Amt des wissenschaftlichen Redakteurs dieses Werkes zu übernehmen. „Mit zweierlei Empfindungen habe ich die Vorlesungen von Roberts Feldmanis gelesen: entweder war da geschrieben, was ich längst wusste, oder ich weiß, was dort geschrieben steht. Ich hatte die Ehre, mich mit Professor Feldmanis zu treffen, denn als damaliger junger Absolvent der Universität fiel es mir ein, mit ihm über die Kirchengeschichte Lettlands zu sprechen. Im großen Ganzen stimmten wir mit unseren Überlegungen überein, doch als Professor Feldmanis bei dem 17. Jahrhundert angekommen war zu den sogenannten „guten schwedischen Zeiten“, da ging er in die Luft! Er nannte drei Punkte, die ihn daran hinderten, diese Zeiten als gut zu betrachten. Seine Argumente waren so überzeugend, dass ich mich seitdem auch an sein Konzept halte,“ sagte Dr. hist. Straube. Er hat sich auch bemüht, den besonderen Redestil von Professor Feldmanis beizubehalten. „Es mag sein, dass dieser oder jener Leser sagen wird, hier sei der Redakteur faul gewesen, denn in einigen Kapiteln wiederholen sich die Fakten; aber es war notwendig, diese so zu belassen, damit das Funktionieren der Ideen nicht verloren geht,“ erklärte Professor Straube. Ihn haben mehrere Formulierungen von Roberts Feldmanis in Bezug auf die Geschichte unseres Volkes sehr angesprochen, aber als sehr gewagt betrachtet er Feldmanis Gedanken, dass „das Gedenken an die Vorfahren aristokratisches Gehabe sei“ „Der Schlüssel dazu, dass wir bescheiden sind, um nicht einen noch schärferen Ausdruck zu gebrauchen, liegt bei unserem Defizit an Helden. Es fehlen uns in unserer Geschichte konkrete Vornamen und Zunamen. Lange Zeit waren wir ein Volk von Bauern, uns fehlt unsere Aristokratie, die ja lauter redet als andere.“ Doch es gibt von ihm auch noch andere Auslegungen historischer Fakten, denen Professor Straube sich nicht anschließen möchte, zum Beispiel der viel zu glänzenden Darstellung der Rolle des polnischen Königs Stephan Báthory in der Geschichte Lettlands. „Das Buch ist ein Geschenk nicht nur an die Gesellschaft Lettlands, des Baltikums, Europas und der ganzen Welt, sondern auch an den Autor selbst zu seinem Jubiläum. Dieses ist eins der Bücher, das ich jedem meiner Studenten
zur Lektüre empfehlen werde!“ erklärte der Dekan der historischen und philosophischen Fakultät der Universität Lettlands.

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„Was vermag schon ein Mensch?“
„Das sagen wir ab und an. Wenn wir dieses Buch in die Hand nehmen , dann sehen wir, was ein Mensch vermag! Wir sehen, dass ein Mensch sehr, sehr viel vermag!“ sagte am Ende des Tages der Vorstellung des Buches Pfarrer Guntis Kalme, dem viel Dank dafür gebührt, dass wir heute das Buch von Roberts Feldmanis „Geschichte der Kirche Lettlands“ in die Hand nehmen konnten, und dass es von heute an jedem Studenten und Interessierten zugänglich ist. Er bedankte sich auch bei allen seinen Kollegen, die am Entstehen dieses Buches beteiligt waren, sowie bei den Kirchengemeinden und Privatpersonen für ihre Spenden, die dazu beigetragen haben, dass das Buch das Licht des Tages erblicken konnte.

Drei Zeitspannen
Ansprache von Pfarrer Guntis Kalme, die er am 22. Mayi 2010, dem Gedenktag der baltischen Märtyrer, in der Auferstehungskirche in Riga an der Gedenkstätte der baltischen Märtyrer des Jahres 1919 bei der Öffnung des Buches „Pfarrer, die den Tod erlitten,“ gehalten hat.

„Und sie kamen zu einem Garten mit Namen Gethsemane. Und er sprach zu seinen Jüngern: Setzt euch hierher, bis ich gebetet habe. Und er nahm mit sich Petrus und Jakobus und Johannes und fing an zu zittern und zu zagen und sprach zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet! Und er ging ein wenig weiter, warf sich auf die Erde und betete, dass, wenn es möglich wäre, die Stunde an ihm vorüberginge, und sprach: Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst! “ (Markus 14, 32-36)
Das Buch, das wir heute aufschlagen, spricht von dramatischen Ereignissen, die vor 91 Jahren geschahen. Einen gewaltsamen Tod erlitten eine Reihe lutherischer Pfarrer kurz vor der Eroberung Rigas am 22.Mai 1919. An diesem Tage, den die Kirche heute als den Tag der baltischen Märtyrer begeht, gedenken wir aller Märtyrer des Jahres 1919, die durch die Bolschewiken ermordet wurden. Nur ein Teil von ihnen wird in dem Buch und auf dem Gedenkstein in der Auferstehungskirche in Riga bei ihren Namen genannt.
Was bedeutet uns dieses Geschehen? Garnichts, wenig, irgend etwas oder viel?
Gewöhnlich versuchen wir, an solche schlimme Ereignisse mit solchen grauenhaften Folgen nicht zu denken, denn dabei wird es uns unwohl, macht uns Angst, und führt uns zur Frage: Wie würde ich mich wohl in einer solchen Situation verhalten und was könnte dann mit mir geschehen?
Die in diesem Buch und auf den Gedenkstein genannten Pfarrer haben standgehalten. Sie wurden ohne Begründung gefangen genommen, man versuchte sie in Angst zu versetzen, sie mussten unmenschliche Verhöre über sich ergehen lassen , viele von ihnen wurden ermordet, aber sie zerbrachen nicht. Man konnte sie nur vernichten, aber nicht zerbrechen. Weshalb? Welches war die Quelle ihrer Kraft? Sie waren doch ebenso wie wir nur Menschen und keine religiösen Superhelden.
Man spricht davon, dass es zwei Lebensweisen gäbe. Bei der einen denkt man an das Überleben oder im Fall vom Wohlstand sogar an das Schlemmen, das vor allem vom vollen Geldbeutel abhängt, und im Falle der Armut oder sogar des Vegetierens von der nackten Existenz. Im zweiten Fall denkt man an das Leben im Blick auf dessen Sinn und Identität, an die Erfüllung eines Auftrages, die sich in einem sinnvollen Dienst verwirklicht Es ist wichtig, wofür wir uns entscheiden und wobei wir konsequent verbleiben.

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In dramatischen Fällen, wie sie in diesem Buch beschrieben sind, wenn im Leben nichts mehr normal verläuft, wenn eine grausame Macht eigenmächtig Menschen ermordet, wenn Menschlickkeit zu einem Fremdwort geworden ist, wenn es für den Menschen anscheinend am besten ist, gar nicht zu existieren, verbleibt nur, sich selbst die schwerste und eigentliche Lebensfrage zu stellen: unterwerfe ich mich oder überwinde ich mich? Unterwerfe ich mich einer groben Macht und erkaufe mir dadurch mein Leben, aber um den Preis eines Wurmes, der mir mein Selbstbewusstsein zerstört und mir das Selbstbewusstseins eines Kriechers hinterlässt, oder versuche ich, meine Angst, meine Befangenheit, meine Aufregung zu überwinden und damit schnell und durch viele Schwierigkeiten hindurch zur Größe meiner Persönlichkeit zu wachsen.? Was tue ich, wenn es nicht mehr möglich ist, sich aus dem Staube zu machen oder sich zu verbergen, wenn du verhaftet bist, eingesperrt und grausam verhört wirst, und es dir deutlich wird, dass deine Chancen weiterzuleben gleich Null sind? – Dann hast du nur noch die Möglichkeit, der zu bleiben, der du bist, – nicht in deiner Menschlichkeit, denn die ist schwach und manches Mal sogar verräterisch, sondern wer du für deinen Gott, für deinen Christus bist.
Sterben müssen wir auf alle Fälle, und weshalb verlassen wir diese Welt nicht, indem wir die Treue dem bekunden, der höher und mächtiger ist als meine Todesangst, der selbst den Tod und das Grab durchlitten hat? Das ist das Höchste, was wir im Glauben erreichen können.
Natürlich müssen wir für das Privileg zu glauben und für unser ganzes Leben einen Preis entrichten. Bezahlen bedeutet, etwas weggeben und dafür etwas anderes bekommen. Wichtig ist dabei, dass sich das, was ich erworben habe, auch wirklich bezahlt macht. Im Falle der im Buch beschriebenen Pfarrer verloren diese ihre Gesundheit, ja sogar ihr Leben. Was erhielten sie dafür? Das, was sie bereits während ihres Lebens im Glauben geschaut haben, das, was es nach diesem Leben geben wird – die göttliche Herrlichkeit, die Gegenwart Christi im Himmelreich, das ewige Leben, das wir Menschen mit Worten nicht zu beschreiben vermögen.
Wenn wir Gefahren und Schrecken begegnen, erblicken wir uns selbst und natürlich auch unseren Glauben – oder ist es nur die Kalkulation nach dem Prinzip „alles ist gut, solange es mir gut geht“ ?
Blicken wir noch einmal auf Jesus im Garten Gethsemane. Er war um sein körperliches, menschliches Leben sehr besorgt, und wär hätte da nicht Anst an seiner Stelle? Doch nur wenige Stunden später sehen wir ihn vor Pilatus stehen und mutig die Wahrheit bekennen, Was war zwischendurch geschehen? Jesus hatte Gott in seinem Gebet diese Worte gesagt: „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe.“
Wenn uns Menschen alles genommen worden ist, dann bleibt uns nur eins – Die Zusage der Gegenwart Christi: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ (Matth, 28, 20) Im Falle jedes einzelnen Menschen ist dieses „bis an das Ende“ mit Gefahren und Schrecken verbunden, denn das kann auch das Ende des Lebens bedeuten. In diesem Augenblick stehen wir nicht über der Situation mit unserem Geist oder unserer Willenskraft, sondern Jesus richtet uns auf und zeigt uns einen größeren und weiteren Horizont als unsere natürliche Angst vor Schrecken und Gefahren. Nicht zufällig gibt es seine Verheißung „Du wirst noch Größeres als das sehen.“ (Joh. 1, 50) Was ist dieses Größere? Das, was wir in unserem alltäglichen Glaubensleben nicht bemerken, ähnlich wie in unserem weltlichen Alltag, wenn wir auf der Straße sind, und dabei in unserer Stadt die Perlen der Architektur nicht wahrnehmen, weil wir uns mit gesenktem Haupt vorwärts bewegen. Ähnlich eilen wir so durch unser ganzes Leben und wissen zwar, dass es den Himmel und dass es die göttliche Gegenwart gibt, wir aber diesen nicht die erforderliche Aufmerksamkeit widmen, weil wir zu sehr mit unserem eigenen Überleben beschäftigt sind.

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Das Wort Märtyrer bedeutet „Zeuge“ zu sein, einer, der aus eigener Erfahrung etwas aussagen kann und deshalb etwas zu sagen hat: „Ich habe es gesehen, ich bin dabei gewesen, ich bin mir dessen ganz gewiss und kann es bezeugen.“ Auch wir können in diesem Sinne sagen, dass wir Zeugen sind. Im Unterschied zu ihnen haben wir keine furchtbaren, großen und offene Gefahren erlebt. So schlimme Christenverfolgungen oder Kriegshandlungen haben wir nicht durchmachen müssen. Man sagt, dass, wenn die Christen früher den Löwen hingeworfen wurden, sie heute den Mäusen angeboten würden, was heißen soll, dass unser Glaube heute nicht auf so dramatische Weise geprüft würde, dass es aber auch heute noch sehr viele kleine Prüfungen gäbe. An unserem Glauben wird ständig geknabbert. Es gibt keine herzzerreißende Szenen. Der Mensch des Glaubens verblutet langsam, aber unaufhaltsam. Wie bestehen wir die Prüfungen heute? Können uns die in diesem Buch beschriebenen Glaubenserfahrungen dabei helfen?
Im ersten Augenblick könnte man versucht sein zu sagen, dass ihr Beispiel uns nur theoretisch helfen könnte. Doch wenn wir wirklich versuchen wollten, ihre Erfahrung ganz kurz zusammenzufassen, dann kommen wir zu Luthers Aussage „nur Jesus!“
Man sagt, dass die Antwort der Christen auf alle Fragen eigentlich jedes Mal gleich ist: „ Nur Jesus!“ Im ersten Augenblick hört sich das wie eine religiös korrekte Ausrede an, gegen die man nichts einwenden kann, als nur das, dass sie recht abstrakt erscheint.
Wir sind unterwegs auf dem Weg des Lebens und des Glaubens. Unsere Wege, die wir körperlich zurücklegen müssen, sind wie bei den hier im Buch genannten an der Entfernung gemessen sehr verschieden. Der geistliche Weg ist für uns alle gleich lang. – Wir haben drei gleiche Zeitspannen, die so lang sind wie der Abstand vom Kopf zum Herzen – vom bloßen Wissen, dass nur Jesus mein Helfer und Erretter ist bis zur Treue gegenüber dieser Wahrheit und dem täglichen Leben in ihr, jeden Augenblick, in guten und in schlechten Zeiten, in Schwierigkeiten und in der Not. Immer.
Damit können die in diesem Buch und auf der Gedenktafel genannten lettischen und deutschen Pfarrer uns weiterhin Vorbild und Anregung sein Täglich!

Die Verfolgung hat stets drei Seiten Jānis Rožkalns, Mitglied der Nationalen Widerstands-
bewegung, Ehrenoberst und Vorstandsmitglied der Bruderschaft des Drei Sterne Ordens

Die Verfolgung kenne ich nicht nur aus Berichten. Fünf Jahre war ich im Untergrund und in der Nationalen Unabhängigkeitsbewegung waren wir 20 Leute: Jānis Vēveris, Edmunds Cirvelis, Pāvils und Rita Brūvers, Gunārs Astra, Pauls Kļaviņš und andere. Gleichzeitig standen wir auch den wegen ihres Glaubens Verfolgten bei und betrieben eine christliche Druckerei im Untergrund. Dann kamen im Januar 1983 die Verhaftungen und im Herbst der Prozess vor dem Obersten Gericht der Sowjetrepublik Lettland, bei dem wir als „gefährliche Verbrecher gegen den Staat“ zu langjährigen Gefängnisstrafen unter verschärften Bedingungen in Speziallagern des KGB in Sibirien verurteilt wurden.
Von dem Kellergeschoss der Stabu iela wurden wir in das Rigaer Zentralgefängnis in der Matīsa iela verlegt, darauf wanderten wir mehrere Monate lang durch viele Gefängnisse in Russland, bis wir an unseren Bestimmungsort ankamen.- dem streng bewachten Speziallager der Tscheka BC/37 an der Grenze zwischen dem Ural und Sibirien, 3000 km von Lettland entfernt. Dort wurde alles unternommen, um unseren Geist zu zerbrechen und uns dazu zu bringen, uns von unserer Überzeugung und unserem Glauben loszusagen.
Wie entsteht Repression?
Nach meiner Auffassung hat Repression stets drei Seiten Ich bitte zu beachten: Nicht zwei sondern drei Seiten.

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Zuerst gibt es einen vom Satan besessenen Menschen oder eine solche Gruppe von Menschen, in deren Gehirn eine grauenhafte Idee das Licht der Welt erblickt. – das Volk mit Gewalt zu unterjochen, um diesem ihren Willen – in der Gestalt einer teuflischen Idee – aufzuzwingen. Immer gehört dazu auch die Unterdrückung des Glaubens an Gott, und dann, nachdem man selbst zur auserwählten Elite geworden ist, das Volk über viele Jahrzehnte zu verfolgen und aufzuhetzen, zu scheren und zu melken. So waren Stalin, Hitler. Čaušesku, Kim und viele andere Ungeheuer dieser Art.
Doch sie hätten nie etwas vermocht, wenn sie keine Helfer gehabt hätten, und das ist
.zweitens der überwältigend große Teil des Volkes! Den süßen Reden dieser Ungeheuer etwas entgegenzusetzen, dazu fehlte dem Volk ein erleuchteter Geist, Weisheit und Mut, und so konnten sie zu einem Werkzeug in den Händen jener besessener Scheusale werden. Und nur deshalb konnte diese Unterdrückung geschehen, die viele von uns. auch erleiden mussten.
Und dann kommt
drittens der Kreis jener Menschen, die bereits vom Anfang an begriffen haben, wohin die Betrogenen schließlich gelangen. Dieser Kreis hat das Volk ermahnt, diesen Irrwegen nicht zu folgen, aber man hörte nicht auf sie. Deshalb wurden nun, nachdem die Diktatur zur ordentlichen Staatsmacht geworden war, die Mitglieder der Widerstandsbewegung in die Gefängnisse und Lager gesperrt, wo man versuchte, sie zu zerbrechen und zum Schweigen zu bringen.
Jetzt, da nun nach dem Zusammenbruch der Diktatur, Geschichte geschrieben wird, Schuldige gesucht werden und man versucht, aus der Geschichte zu lernen, ist es wichtig, dass das Volk diese drei Seiten erkennt, und sich darauf die ganze Gesellschaft vor den Spiegel stellt und ein jeder seinen Anteil an dieser Schuld wahrnimmt, ihn vor den umgekommenen Opfern bereut und um erst dann, moralisch neu gefestigt, den Weg für den Staat und die Nation zu bauen.
Ist das in Lettland geschehen?
Seien wir aufmerksam! Auch heute werden bereits Wege gebaut für ein neues Regime der Verfolgung, und wieder sind es nur wenige Letten, die davor öffentlich warnen. Dass unsere Gesellschaft wieder auf dem besten Wege ist, sich an Dinge zu klammern, die in das Verderben führen, wie an den von manchen Organisation verkündeten weltweiten Liberalismus, der sich in der Ablehnung von Familie und Sittlichkeit bemerkbar macht. Das ist unmissverständlich eine Etappe auf dem Weg zu einem neuen totalitären Regime, das in einigen Ländern Europas bereits Eingang gefunden hat.
Ihr Lieben, das Gedächtnis an die Opfer der Verfolgung ruft uns auf, doch von der Geschichte zu lernen, wenn wir es wollen, dass unsere Kinder und Kindeskinder in besseren Zeiten leben können, als wir es tun mussten.
Repressionen, auch wenn sie alle voller Schrecken sind, können sich auch voneinander unterscheiden. Viele von euch wurden nach Sibirien verschleppt, ohne dass man sich für eure Überzeugung interessierte. Es genügte völlig, irgendwo in einer Liste zu stehen. Wir standen dagegen in keiner Liste, uns verschleppte man wegen unserer Überzeugung und wegen unseres Kampfes um die Freiheit des Wortes.
Und jetzt lasst uns die Frage des Verfolgung aus einer ganz anderen Perspektive betrachten.
Verfolgung und Unterdrückung sind nicht eine Katastrophe oder ein Unglück im Leben des Verfolgten. Ganz im Gegenteil. Sie sind das Sichtbar Werden der Überzeugung, des Mutes des Verfolgten und der moralische Sieg über die Verfolger. .
Verfolgungen sind gewöhnlich dramatisch, schlimm und gefährlich, aber zu ihren nicht fortzunehmenden Bestandteilen gehören das sonst nirgendwo anzutreffende Aufleuchten des Lichtes. In der Finsternis der Verfolgung stoßen immer zwei verschiedene Welten aufeinander, und dann kommt es zu Funken, und diese Funken sind, wie wir wissen, die Sterne.
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Mein Freund und eins der größten Opfer der kommunistischen Verfolgung, der lutherische Pfarrer aus Rumänien Richard Wurmbrand, der 14 Jahre in den Folterkammern Čaušeskus
in einer Einzelzelle im Keller in der Gesellschaft von Ratten verbracht hat, ist dort zu einem Invaliden geworden, doch nachdem er für westliches Geld freigekauft worden ist und sich im Westen auf einem Rollstuhl voranbewegen konnte, überraschte er die ganze Welt mit seinen Berichten über die wunderbare Gnade Gottes die er erleben konnte, als er im Schatten des Todes gewandelt ist.
Auch meine vier Jahre in den Lagern der Tscheka waren die reichsten Jahre meines Lebens.
Nicht die schönsten, sondern die reichsten. Ich könnte jetzt vieles berichten, was ich bei der Tscheka und in den Gefängnissen erlebt habe, wie es mir gelungen ist, während dieser Zeit meine Bibel zu behalten, wie ich vor einer hoffnungslosen Situation bewahrt wurde, mir wie ein alter Zigeuner etwas zu stehlen als ein „legaler Dieb“. Woraus eine herzliche Freundschaft entstand.
Ghandi hat einmal gesagt, dass es für jeden Menschen wertvoll wäre, wenn er ein paar Jahre im Gefängnis verbracht hätte.
Das Leben im Gefängnis erhält eine andere Intensitat und eine neue Tiefe.
Ich wünsche euch, dass die Erfahrung der Verfolgung und des Gefängnisses euch den Mut der Überzeugung nicht rauben möchte, in jedem Augenblick eures Lebens für die Wahrheit einzustehen, wenn das Herz und der Verstand dir sagen: „Jetzt darfst du nicht schweigen,“ und ihr euch damit den Worten Martin Luthers anschließt: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“
(Ansprache, gehalten am 22. Mai 2010 in der Auferstehungskirche in Riga.)

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Mazā Pils iela 4 – Riga – LV 1050
E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 25.06.2010 )
Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Der letzte Teil meiner Übersetzung enthält Berichte über eine Feier zum Gedächtnis der baltischen Märtyrer des Jahres 1919, unter denen der Name Traugott Hahn wohl der bekannteste sein dürfte. Als ich die Berichte im lettischen Original las, bin ich nachdenklich geworden. Dabei wanderten meine Gedanken in meine Schülerzeit zurück. Damals war der 22. Mai ein in der Öffentlichkeit viel beachteter Gedenktag. Der Unterricht fiel aus und es wurden Gottesdienste zum Gedenken der Märtyrer gehalten. Ich erinnere mich auch an die Nachkriegszeit, die ich nach meiner Entlassung aus britischer Kriegsgefangenschaft in Niedersachsen verbracht habe. Auch damals hielt die deutsch.- baltische Landsmannschaft in der Ruine der Ägidienkirche immer am 22. Mai einen Gottesdienst im Gedenken an die baltischen Märtyrer. Doch das wurde immer weniger, bis schließlich auf deutscher Seite diesem Tag keine Beachtung geschenkt wurde. Vielleicht hatte man ihn vergessen. Und nun finde ich in der lettischen Kirchenzeitung die Berichte von der Veranstaltung einer lettischen Kirchengemeinde zum Gedenken an die deutschen und lettischen Pfarrer, die 1919 wegen ihres Glaubens ermordet worden sind. Die Letten gedenken stellvertretend für uns der

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deutschen Pfarrer unter den Märtyrern des Jahres 1919. Können wir das vielleicht nicht auch als ein Zeichen für eine erfüllte Partnerschaft betrachten? So wichtig die materielle Hilfe ist (ich komme noch an einer anderen Stelle darauf zu sprechen), so wichtig ist für mich die Verbundenheit im Glauben, für die ein solches Gedenken mehr aussagt als es viele Worte vermögen.
Neben der Märtyrer des Jahres 1919 wird in dieser Ausgabe noch an vier bedeutende Theologen der Nachkriegszeit gedacht. Ich habe sie alle persönlich gekannt: Zu ihrem Gedächtnis habe ich auch diesen umfangreicheren Beitrag übersetzt als ein bescheidenes Zeichen meiner posthumen Verehrung dieser großen Persönlichkeiten. Als ich den Beitrag über die Vorstellung des Buches von Roberts Feldmanis über die Kirchengeschichte Lettlands las, fragte ich mich, ob ich nicht auch dieses Werk von ihm übersetzen müsste. Jemand, der seinen 85. Geburtstag schon vor einer ganzen Weile gefeiert hat, muss sich aber allerdings auch die Frage stellen, ob dafür die Spannkräfte noch reichen. Also zur Zeit weder ein Ja noch ein Nein auf diese Frage.
Im Anhang füge ich noch zwei Beiträge hinzu, die nicht aus der lettischen Kirchenzeitung Svētdienas Rīts stammen: Einen Bericht der Revisionskommission der ELKL über die Finanzlage der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, den ich vor dieser Ausgabe von SR übersetzt habe, und einen Artikel von Pastor Martin Grahl, dem Seelsorger der deutschen lutherischen Gemeinden in Lettland, den er für das Gustav Adolf Werk in Leipzig verfasst hat, und den meinem Schriftsatz anzufügen er mir gestattet hat, wofür ich ihm dankbar bin, und den ich nicht zu übersetzen brauche, wofür ich ihm ebenfalls dankbar bin.
Nun folgt noch ausnahmsweise ein weiteres Schreiben Ihres Übersetzers an alle seine Leserinnen von großer Geduld und an alle mit einem langen Atem begabten Leser seiner bescheidenen Übersetzungsversuche

An die hoch verehrten Leserinnen und Leser
der Übersetzungen der lettischen Kirchenzeitung
„Svētdienas Rīts“

Sehr verehrte liebe Leserinnen und Leser!

Dieses Mal ist es eine besondere Bitte, die mich dazu treibt, mich mit einem eigenen Schreiben an Sie zu wenden.
Ich bin oft gefragt worden, was mich veranlasst haben mag, seit über zwanzig Jahren jede Ausgabe der lettischen Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“ ehrenamtlich auszugsweise zu übersetzen und mit der freundlichen Hilfe der Mitarbeiterinnen im Kirchenamt der EKD aber auch anderer kirchlicher Dienststellen (denen ich an dieser Stelle dafür ausdrücklich und herzlich danken möchte) einer von Genf bis Helsinki und noch weiter verstreuten deutsch sprechenden Leserschaft zugänglich zu machen. Die Antwort auf diese Frage fiel mir nicht schwer. Als einer, der in Riga zwischen den beiden Weltkriegen zur Welt gekommen ist, gehöre ich einem Geburtsjahrgang an, der besonders viele Kriegstote zu beklagen hat, zu dem aber auch Altersgenossen von mir gehören, die von den Vertretern der sowjetischen Besatzungsmacht in die Weiten Sibiriens verschleppt wurden und von dort nie mehr zurückgekehrt sind. Dass mir das alles „ohn mein Verdienst und Würdigkeit“ (Luther) erspart worden ist, kann ich bis heute immer noch nicht begreifen, und sehe in diesen Übersetzungen eine Möglichkeit, Gott meinen bescheidenen Dank für diese unbegreifliche Bewahrung auszusprechen Durch meine lettischen Sprachkenntnisse und meine berufliche Einbindung in die lutherische Kirche lag das für mich auch sehr deutlich sichtbar nahe.
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Nun erreichen uns immer wieder neue Meldungen, dass die lutherische Kirche Lettlands von den Auswirkungen der globalen Wirtschaftskrise besonders betroffen sei. Über dieses Thema finden Sie im Anhang dieser Ausgabe einigen Stoff. Ich möchte Ihnen aber doch mitteilen, dass mich die Chefredakteurin der lettischen Kirchenzeitung wissen ließ, dass man um das Weiterbestehen von SR sehr bangt. Ich habe darüber nachgedacht, ob wir von hier aus nicht dazu einen Beitrag leisten könnten, dass das verhindert wird.
Nach vielen Gesprächen mit guten und vertrauten mir freundschaftlich verbundenen Damen und Herren, die mir dazu Mut machten, wende ich mich an Sie mit der Frage, die gleichzeitig
eine Bitte ist:

Darf ich an Sie mit der Bitte herantreten, sich mit einem freiwilligen Beitrag monatlich oder vierteljährlich oder jährlich an einer Spendenaktion für die lettische Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“ zu beteiligen? Ich nenne dabei keinen bestimmten Betrag, um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, dass es sich hierbei um eine Art von Abonnementsgebühr handeln würde.Dennoch halte ich die Bitte um eine finanzielle Hilfe an die Rigaer Kirchenzeitung für dringend erforderlich. Dedr heutrigen Ausgabe können Sie entnehmen, dass die Redaktion ihre Räume im Haus neben der Reformierten Kirche bereits räumen musste und jetzt recht beengt im Gebäude des Oberkirchenrats untergebracht ist.

Die Spenden bitte ich auf das folgende Konto zu überweisen:

Martin Luther Bund
Kontonummer: 12304
Bankleitzahl: 763 500 00 Sparkasse Erlangen
Zweckbestimmung: Zeitung Lettland

Dabei ist die Angabe der Zweckbestimmung seitens der Spender sehr wichtig, da sonst sehr leicht die Gefahr besteht, dass der gespendete Betrag einem anderen Zweck zugeführt wird, was unbedingt vermieden werden muss.
Mit Herrn Generalsekretär Dr. Stahl vom Martin Luther Bund bin ich überein gekommen, dass wir auf einen sehr genauen Verwendungsnachweis seitens der lettischen Kirchenzeitung bestehen werden. Die Zweckbestimmung hsbrn wir kurz und leicht nachvollziehbar formuliert, da dieses die einzige Zeitung in Lettland sein würde, welche vom Martin Luther Bund eine Beihilfe bekäme.

Nun ist meine Bitte doch erheblich länger geworden als ich es ursprünglich vor hatte.
Die Beiträge im Anhang sagen viel über die dramatische Lage der Kirche in Lettland aus.
Einen barmherzigen Hinweis an alle, denen die Lektüre des Revisiionsberichtes vielleicht zu mühselig sein könnte. Man braucht ihn nicht unbedingt zu lesen, wenn man sich für finanztechnische Dinge nicht übermä0ig interessiert. Dagegen lege ich den Artikel von Pastor Martin Grahl ab der Seite 13 des Anhangs allen Lesern und Leserinnen sehr an das Herz.

In Niedersachsen haben in dieser Woche die Sommerferien begonnen. Ich wünsche Ihnen einige Wochen der Ruhe und Entspannung und bin in alter Verbundenheit weiterhin

Ihr Johannes Baumann

Anhang zu SR 9-2010 – 1 -

Bericht der Revisionskommission der ELKL über die finanzielle und wirtschaftliche
Lage im April 2010
Gedanken über die Haushalterschaft.

Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott;wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet. Wer sich aber der Obrigkeit widersetzt, der widersetzt sich der Anordnung Gottes; die ihr aber widerstreben, ziehen sich selbst das Urteil zu. Denn vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, so wirst du Lob von ihr erhalten. Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst: sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an dem, der Böses tut. Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht. So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt, Zoll, dem Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt. Seid niemand etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. Denn was da gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.. (Römer 13, 1-10))
Wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen? Damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann’s nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten, und sagen: dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann’s nicht ausführen. Oder welchen König will sich auf einen Krieg einlassen gegen einen anderen König und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob der mit Zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit Zwanzigtausend? Wenn nicht, so schickt er eine Gesandschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden. So auch jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein. Das Salz ist etwas Gutes; wenn aber das Salz nicht mehr salzt, womit soll man würzen? Es ist weder für den Acker noch für den Mist zu gebrauchen, sondern man wird’s wegwerfen. Wer Ohren hat zu hören, der höre! (Lukas 14, 27-35)
In diesen Schriftstellen finden wir die Wurzeln der heutigen finanziellen Sackgasse. Erstens sind der Preis für die Jüngerschaft die Schwierigkeiten des Lebens, die jeder Jünger überwinden muss. Zweitens kann dieser Kampf mit den Schwierigkeiten dieser Welt nur dann Erfolg haben, wenn wir niemandem etwas schuldig bleiben als nur das, dass wir einander lieben. Die Wirtschaftsverwaltung und das geistliche Leben der ELKL haben das in vergangenen Zeiten deutlich bestätigt. Gehälter zu zahlen, von denen man wirklich leben konnte, war nur ein kleiner Teil der Kirchengemeinden in der Lage, und der größte Teil der Pfarrer lebte von Spenden ihrer Gemeinden und von der Arbeit ihrer Hände. Die Früchte ihrer Arbeit waren, der Situation der jeweiligen Gemeinde entsprechend, sehr verschieden, und. unterschieden sich in den Gemeinden wesentlich voneinander.
Das Unvermögen kleiner Kirchengemeinden, miteinander über die örtliche Aufteilung des Dienstes des Pfarrers überein zu kommen und die Konzentration der Glieder der ELKL auf große Kirchengemeinden in den Städten schufen eine Situation, die dazu führte, dass gemeinsame Ziele und freundschaftliche Verbindungen zwischen den Geistlichen und auch

Anhang zu SR 9-2010 – 2 -

zwischen den Kirchengemeinden verloren gingen. Jede dieser Einheiten kämpfte für sich selbst und war bemüht, die eigene Existenzberechtigung abzusichern.
Die Abwicklung der Fragen für das Gehalt und die Soziale Absicherung für Geistliche (im folgenden abgekürzt GSAG) sah vor, die finanzielle Ungleichheit bei der Vergütung der Geistlichen auszugleichen und den größten Teil der Pflichten der Kirchengemeinden bei der Absicherung des Lebensunterhaltes der Geistlichen zu übernehmen. Bei sorgfältiger Berechnung der finanziellen Möglichkeiten wurde ein System entwickelt, das die Aufgabe hatte, das Geld zu beschaffen für das Wirken von GSAG. Zu der Zeit wurden aber nicht sachgemäß die Möglichkeiten anderer Entwicklungen und die Bereitschaft der Jünger (auf allen Ebenen) , das eigene Kreuz zu tragen, in den Blick genommen – einander zu lieben und zu ehren trotz der Ungleichheit bei den Eigentumsverhältnissen oder im geistlichen Reifungsprozess.
Aber die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung, und das betrifft alle – vom Bischof bis zum schlichten Gemeindeglied. Das Salz – unsere brüderliche Gemeinschaft – war bereits verdorben, ehe wir es mit Geld wieder zu verbessern versuchten. Unser Versuch, „einen höheren Turm und eine größere Kirche mit gut bezahlten Hirten zu erbauen, brachte nur unser eigentliches Problem an das Tageslicht – unser Unvermögen miteinander einig zu werden, unser Unvermögen einander zu vergeben und damit unser Unvermögen, im Glauben zu beten.
Damit ist die Zeit gekommen, noch einmal miteinander zu beraten, ob es unsere derzeitige Kapazität zulässt, einander zu bekämpfen (nebenbei zur Freude der Welt), und, wenn es noch nicht angefangen hat, dann „eine Gesandtschaft zu schicken und um Frieden zu bitten.“
Wir müssen es lernen, andere Standpunkte anzuhören und sie zu beachten, auch wenn diese uns nicht gefallen. So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid.: Steuer, dem Steuer gebührt; Zoll, dem Zoll gebührt, Furcht, dem Furcht gebührt: Ehre, dem Ehre gebührt. Seid niemand etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt, denn wer den anderen liebt, der hat das Gesetz erfüllt… sonst bleiben wir Sklaven unserer Sünde.

I DIE SITUATION DER FINANZENWIRTSCHAFT DER ELKL IM APRIL 2010.

Am 22. April 2010 trafen sich die Revisoren der ELKL Andris Sekste, Uģis Treilons, Martins Samms und Iveta Ilsuma mit dem zur Zeit geschäftsführenden Sekretär des Oberkirchenrats der ELKL Guntars Dimants, dem Leiter des Eigentumsdezernats Romāns Ganiņš, der Buchhhalterin Iveta Adītāja, dem Leiter des Finanzdezernats Hans Jensson und der Assistentin des Leiters des Finanzdezernats Līga Dolace.
Am 28. April 2010 nahmen die Revisoren der ELKL Andris Sekste und Martins Samms an der Sitzung des Kapitels der ELKL teil, und die Revisoren Martins Samms und Uģis Treilons trafen sich mit dem Direktor von „Pastorat“ GmbH Ainis Ozoliņš
Die Revisoren der ELKL stellten am 22.04.2010 auf dem Konto der ELKL einen Restbetrag von 370 000 fest.
Im Bezug auf den Haushalt des Oberkirchenrats für das Jahr 2010 stellten die Revisoren fest, dass die Situation unverändert unbeständig ist. Es wird weiterhin versucht, die Ausgaben zu reduzieren. Deshalb nehmen die Revisoren der ELKL den Haushaltsplan für das Jahr 2010 zur Grundlage, welchen sie vom Leiter des Finanzdezernats am 22.04.2010 erhielten.
A FINANZPLAN
Die vom Oberkirchenrat geplanten Einnahmen : 2900 353 Lats. Diese Einnahmen setzen sich aus zwei Posten zusammen: Einnahmen aus geistlicher Tätigkeit: 150 000 Lat, und Einnahmen der kirchlichen Immobilienagentur „Pastorat“ GmbH: 140 000 Lat.
Anhanz zu SR 9-2010 – 3 -

Vom Oberkirchenrat der ELKL geplante Ausgaben: 410 351 Lats. Nachstehend die wichtigsten Posten der Haushaltsausgaben:

* Bischofskanzlei in Riga: 100 534 Lat
* Bischofskanzlei in Liepāja 29 342 Lat
* Bischofskanzlei in Daugavpils 30 350 Lat
* Kapitel 27 058 Lat
* Kanzlei des Oberkirchenrats 111 391 Lat
* Jugendzentrum 18 877 Lat
* Lutherakademie 89 190 Lat
* St, Gregorschule 30 000 Lat
* Einkehrstätte Mazirbe 9 993 Lat
* Die übrigen Ausgaben werden von den Dezernaten erstellt,

Das Haushaltsdefizit wird für das Jahr 2010 auf 320 351 Lat eingeplant. Am 28.04.2010 wurde dem Kapitel zur Kenntnis von dem Finanzdezernat der Haushaltsentwurf vorgelegt, der Einnahmen von 290 000 Lat und Ausgaben von 590 929 Lat vorsieht, und mit einem Haushaltsdefizit von 300 029 Lat abschließt.

B. UMSETZUNG DES FINANZPLANS
Am 01.01.2010 belief sich der Restbetrag auf dem Konto der ELKL auf 145 132 Lat. Dieser Restbetrag vermag es nicht, die entstehenden Kosten der Arbeit der ELKL und von GSAG abzudecken, .nicht einmal kurzfristig. Deshalb befand das Kapitel die Aufnahme eines Kredits für notwendig, um dem geistlichen Personal den Abbruch der Vergütung seiner Arbeit durch GSAG zu ersparen, sowie die Tätigkeit des Oberkirchenrats wenigstens mittelfristig zu garantieren.
° Im Februar 2010 wurde ein Darlehensvertrag mit privaten Stellen sbgeschlossen und die ELKL erhielt 420 000 Lat. Der Kredit wurde gegen die Verpfändung der zum Verkauf zum Preise von 2,3 Million Lat angebotenen Immobilie in der Elizabetes iela 4 gewährt und im Wert von 18,2 % des Marktwertes empfangen. Dieser Kredit ist unverhältnismäßig negativ im Verhältnis zur Sicherheit bewertet, die in keiner Weise den vernünftigen Bedingungen auf dem Markt entspricht.
° Zur Zeit der Revision wurde die Tätigkeit des Oberkirchenrats der ELKL als auch von
GSAG aus Kreditmitteln finanziert.
° Die Kreditrückzahlungen betragen 5950 Lat im Monat.
° Aus der Sicht der Revisoren der ELKL müssen die Kreditrückzahlungen in den Teil der Ausgaben des gemeinsamen Haushalts des Oberkircherats als besonderer Posten der Ausgaben eingefügt werden.
° Die entliehenen Finanzmittel garantieren die Tätigkeit des Oberkirchenrats der ELKL bis zum Monat Juli 2010, für die weitere Tätigkeit des Oberkirchenrats der ELKL fehlen nach den Angaben des Leiters des Finanzdezernats bis zum Ende des Jahres noch 120 000 Lat

C MASSNAHMEN ZUR VERRINGERUNG DER AUSGABEN IM HAUSHALT
° Die Zahl der Angestellten der Kanzlei ist um 7 Personen verringert worden. 3 Angestellte verließen ihre Arbeitsstelle aus persönlichen Gründen, 4 wurden mit der Begründung der Notwendigkeit der Verringerung der Zahl der Angestellten entlassen
° Zur Zeit der Revision wurde die Verringerung der Zahl der Angestellten unterbrochen mit der Begründung der Notwendigkeit einer sorgfältigeren Analyse der Funktionen der Angestellten. Die Revisoren der ELKL stellten fest, dass vor der Entlassung der Angestellten
Anhang zu SR 9-2010 – 4 -

weder bei den Angestellten der Kanzlei des Oberkirchenrats noch bei der obersten Geistlichkeit der ELKL etwas zur Herabsetzung ihres Gehalts geschehen und dadurch eine unethische Situation bezüglich des Verständnisses des Prozesses der Verringerung der Ausgaben entstanden ist.
° Die Revisoren der ELKL nahmen bei der Sitzung des Kapitels Vorschläge zu den künftigen Möglichkeiten der Herabsetzung der Gehälter der Angestellten der Kanzlei des Oberkirchenrats und der obersten Geistlichkeit zur Kenntnis sowie sachliche Begründungen, weshalb die Reduzierung der Gehälter der übrigen Angestellten und der obersten Geistlichkeit der ELKL nicht rechtzeitig stattfand
° Die Ausgaben im Haushalt 2010 waren, verglichen mit denen des Jahres 2009 um 363 387 Lat bezw um 37% geringer, verglichen mit dem Jahr 2008 mit dem Betrag von
669 830 Lat bezw. um 52 %, was als bedeutend großer Rückgang der Ausgaben zu bewerten ist.

Die Revisoren der ELKL fassten die wirkliche Ausführung der Haushalte des Oberkirchenrates der Jahre 2004 bis 2009 und den geplanten Haushalt des Jahres 2010 zusammen, was nachstehend wiedergegeben wird.

ÜBERSICHT ÜBER DIE EINNAHMEN UND AUSGABEN DER ELKL VON 2004 BIS EINSCHLIESSLICH 2010 IN LAT

JAHR RESTBETRAG AUF EINNAHMEN AUSGABEN HAUSHALTSDEFIZIT
DEM KONTO
——————————————————————————————————–
2004 198 000 407 180 209 180
——————————————————————————————————
2005 1 939 108 448 833 599 796 150 963

2006 1 788 145 500 135 1 024 996 524 861

2007 1 263 284 515 048 1 234 173 719 125

2008 530 000 218 890 1 280 181 1 061 291

2009 151 000 307 523 973 738 666 215

2010 1 451 132 290 000 610 351 320 351
SUMME 2 478 429 6 130 416 3 651 986

Einschließlich des für das Jahr 2010 geplanten Haushaltsdefizits beträgt das gesamte Haushaltsdefizit des Oberkirchenrats der ELKL seit dem Jahr 2004 3 651 986 Lat oder nach Prozenten 59 %. Das für das Jahr 2010 geplante Defizit beträgt nach Prozenten 52,4 %. Dazu kann man feststellen, dass sich seit 2004 mit dem Haushaltsdefizit von 50 % nicht viel verändert hat. Die oben erwähnten Haushaltsdefizite entsprechen in ihrer langjährigen prozentuellen Aussage nicht den Prinzipien einer normalen Finanzwirtschaft.
Der Haushalt der Jahre 2009 und 2010 entspricht auch nicht dem Plan, den die Synode beschlossen hatte, als sie bereit war, GSAG zuzustimmen.

Anhang zu SR 9-2010 – 5 -

Das angesammelte Haushaltsdefizit von 3 651 986 Lat wurde gedeckt von angesammelten Mitteln der ELKL, die bis Anfang 2005 1 939 108 Lat betrugen sowie durch von der Kirche der Missouri Synode zur Verfügung gestellten Kreditmittel in der Höhe von 1 320 117 Lat sowie im Jahr 2010 durch ein Darlehen aus privaten Mitteln in der Höhe von 420 000 Lat.
Der Oberkirchenrat der ELKL beschloss in seiner Sitzung in Saldus folgendes zu den Prioritäten der Verwendung der Finanzmittel:: 1. Die Rückgabe überhöhter Kredite. 2. Die Absicherung der Deckung des Haushaltsdefizits einige Monate im voraus. 3. Teilweise Rückgabe der Kredite an die Investitionsfonds. 4. Verwirklichung. wünschenswerter Vorhaben.

D FESTSTELLUNGEN DER REVISIONSKOMMISSION BEZÜGLICH DER EFFEKTIVITÄT VON GSAG
° Anfang Februar waren die von der Missouri Synode gewährten Kredite, die für die Arbeit von GSAG gewährt waren in der Höhe von 1 664 511 Lat verausgabt.
° Zur Zeit der Revision wurde die Tätigkeit von GSAG aus Mitteln des letzten Darlehens der ELKL von 420 000 Lat sowie aus Einzahlungen der Kirchengemeinden finanziert
° Im Rahmen der Revision nahmen die Revisoren am 22.04.2010 die vom Finanzdezernat erstellte Übersicht über den Geldfluss zur Kenntnis, der ab dem Juli 2010 vorsieht, dass GSAG ohne Defizit tätig ist, das heißt, dass GSAG nur so viel ausgibt, wie viel die Gemeinden zur Vergütung der Geistlichen eingezahlt haben.
° Auf die bisherigen Weise wird GSAG nur bis zum Juli 2010 tätig sein können. Danach kann die Tätigkeit von GSAG auf diese Weise nicht mehr fortgeführt werden.
° Die Vertreter der Revisionskommission waren auch bei der Sitzung des Kapitels zugegen, bei der die neue Arbeitsweise von GASG ab dem 1. Mai 2010 beschlossen wurde, wobei die Einzahlungen der Gemeinden an GSAG und zusätzliche Einzahlungen in den zentralen Fonds von GSAG die Grundlage bilden.

E AUSNUTZUNG DES DARLEHENS DER MISSIOURI SYNODE
Die Revisionskommission stellte bezüglich der Ausnutzung des Darlehens der Missouri Synode fest:
° Insgesamt wurden von der Missouri Synode 2 984 628 Lat eingenommen, von denen für den Bedarf des Oberkirchenrats 1 320 117 Lat und für GASG 1 664 511 Lat ausgegeben wurden.
° Ab dem 15. Januar 2012 muss das Darlehen bis zum Jahr 2018 mit Zinsen an die Missouri Synode zurückbezahlt sein.

F DIE SITUATION BEI DEM VERKAUF VON IMMOBILIEN
Zur Situation der Immobilien der ELKL stellt die Revisionskommission fest:
° Im Jahr 2009 hat die ELKL zwei dem GASG Fonds zur Verfügung gestellte Grundstücke verkauft:
1. Ein Stück Land der Kirchengemeinde Ādaži von 0,5 ha für 12 000 Lat
2 Ein Stück Land der Kirchengemeinde Ikšķile von 0,3958 ha für 50 000 Lat
° Im Jahr 2010 wurden von der Kirchengemeinde Ropaži 30 % von den eingenommenen Beträgen für den Verkauf von Immobilien (für ein Stück Land in der Größe von 6,5 ha für 130 000 Lat) an den GASG Fonds gezahlt.
° Das Haus in der Elizabetes iela 4 in Riga wurde an Privatpersonen verpfändet, um ein Darlehen von 420 000 zu erhalten Zur Zeit der Revision hattes dieses Haus einen Marktwert von 2,3 Millionen Lat.
Anhang zu SR 9-2010 – 6 -

° Das Gebäude Domplatz 1 in Riga wird zur Zeit der Revision zum Verkauf angeboten. Mit dem Käufer verhandelt man über einen Kaufpreis von 3,5 Millionen bis 4 Millionen Lat. Im Jahr 2008 war der Schätzwert 2,2 Millionen Lat.
° Das Gebäude Antonijas iela 3 in Riga wurde zur Zeit der Revision zum Verkauf angeboten. Der Vertrag mit der Latvijas Biznes Banka belief sich auf 5,5 Millionen Lat, kam aber nicht zu Stande. Mögliche Lösungen:
° Der Verkauf des ganzen Gebäudes für 4 Millionen Lat
° Der Verkauf des von der Latvijas Biznes Banka angemieteten Teiles für 2,8 MillionenLat
° Abschluss neuer Mietverträge für 8 Euro/qm als realistischste Variante

° Das Gebäude Kalēju iela 8 in Riga, Marktwert 0,9 Millionen Lat. Gegenstand eines Gerichtsverfahrens mit dem Verband der Brüdergemeinden.
° Das Gebäude Lapu iela 17 in Riga wurde verpfändet für den Bedarf der Luther Akademie wegen der vom Staat bestimmten Garantien zur Akkreditierung als Hochschule. Der Wert beträgt 0,6 Millionen Lat. Dieses Gebäude wurde nicht beliehen.

Insgesamt hat das Eigentumsdezernat der ELKL 179 von der ELKL und den Gemeinden an GASG zur Verfügung gestellten Besitztümern für einen gemeinsamen gegenwärtigen Marktwert von 27 657 880 Lat zum Verkauf ausgeschrieben. Bisher wurden 3 Besitztümer im Wert von 192 000 Lat = 0,007 % – verkauft. Ein Darlehen wurde nicht aufgenommen.
Weiterhin sind alle von den Gemeinden zur Verfügung gestellten Besitztümer juristisch im Besitz der Gemeinden

G DIE LEITUNG DER FINANZ- UND WIRTSCHAFTSVERWALTUNG
Während der Zeit der Revision ist das Präsidium des Oberkirchenrats der ELKL in seiner vollen Besetzung von seinem Amt zurückgetreten. Bis zur Berufung eines neuen Präsidiums wird das bisherige Präsidium des Oberkirchenrats der ELKL in seiner bisherigen Besetzung dessen Pflichten geschäftsführend wahrnehmen.

II FRÜHERE FESTSTELLUNGEN UND EMPFEHLUNGEN DER REVISIONSKOMMISSION

A Die Situation der Wirtschaft und Finanzen der ELKL muss als kritisch bezeichnet werden. Das System der Wirtschafts- und Finanzverwaltung steckt in einer Krise, vor deren Entstehung die Revisionskommission der ELKL seit dem Beginn des Jahres 2007 mehrfach gewarnt hatte.

1 Die Revisionskommission erinnert nachstehend an die wesentlichsten Befunde und Empfehlungen aus dem Bericht der Revisionskommission der ELKL an die 23. Synode der ELKL im Jahr 2007. Alle Zitate sind diesem Bericht entnommen.
* Für das Jahr 2004 waren Einnahmen von 198 900 Lat vorgesehen, davon 56 500 Lat auf die Weise von Zinsen aus Depositen. Die geplanten Ausgaben betrugen 407 180 Lat. Damit überstiegen die Ausgaben die Einnahmen um 51% (was ein Haushaltsdefizit von 51 % zur Folge hatte). Insgesamt beurteilte die Revisionskommission das Finanzverfahren als unübersichtlich und schwerfällig, uneffektiv und sehr in die Breite gehend. Die Finanzsituation des Jahres 2005 ist im Blick auf den Haushalt als progressiver zu beurteilen. Der Haushalt war leichter zu überblicken und zu verstehen. Größere Aufmerksamkeit wurde den allgemeinen Bedürfnissen geschenkt und nicht so sehr der Administration..Im Jahr 2005 wuchsen die Einnahmen von 198 900 Lat im Jahr 2004 auf 448 833 Lat im Jahr 2005
Anhang zu SR 9-2010 – 7 -

prozentual um 56 % an, und die Ausgaben um 37 %. Im Jahr 2006 betrugen die Einnahmen 500 135 Lat, die Ausgaben 1 263 284 Lat. Damit überstiegen die Ausgaben die Einnahmen um 51 %, ebenso wie im Jahr 2004. Gegenüber dem Jahr 2004 wuchsen die Einnahmen um 60 % an, und die Ausgaben auch um 60%. Die angesparten Finanzmittel gingen von 1 939 108 Lat Ende 2004 auf 1 263 284 Lat Anfang 2007 zurück. Damit verringerten sich die angesparten Finanzmittel um 675 824 Lat oder um 35 %.
* Die Revisionskommission hat zuerst den Auftrag, die Fakten festzustellen und zweitens daraus die Folgerungen zu ziehen. Die Zahlen beschreiben die Situation damit, dass seit dem Jahr 2004 weiterhin keine eindeutige Verbesserung der Finanzsituation stattgefunden hat, die Ausgaben übersteigen die Einnahmen um 51 %, die von der ELKL angesparten Finanzmittel verringern sich um 35%, verglichen mit dem Jahr 2004. Daraus musste die Revisionskommission schließen, dass das Finanzsystem der ELKL weiterhin nicht genügend effektiv funktioniert.
* Für den Haushalt 2007 werden Einnahmen in der Höhe von 341 092 Lat geplant und Ausgaben von 1 132 077 Lat, von welchen für die Kanzlei 194 780 Lat, für die Dezernate 897 831 Jat, für dem Kārlis Irbe Fonds 39 466 Lat bestimmt sind. Das Finanzdefizit beträgt 790 985 Lat und der Rest der Geldmittel 152 321 Lat.
* Nach Informationen, welche die Revisionskommission erhalten hat, soll künftig, das heißt ab 2008, das Defizit aus klar prognostizierten verkauften unrentablen Besitztümern der ELKL in Riga gedeckt werden. Auch muss an den Hinweis des Leiters des Finanzdezernats Artis Eglītis erinnert werden, dass die bisher angesparten Mittel aus Geschäften mit Immobilien der ELKL stammen, die bereits vor der 21. Synode, d.h. vor dem Jahr 2004 abgeschlossen wurden.
* Wir setzen uns auf das entschiedendste für eine vollständige Offenheit im Tätigkeitsbereich der Dezernate Eigentum und Finanzen ein, erstens innerhalb der ELKL auf jedem Gebiet, und zweitens in der Verantwortung gegenüber der Botschaft, welche wir in die Welt hinaustragen sollen. Wenn der gemeinsame Besitz der ELKL nach einer ungefähren Schätzung 100 Millionen Lat wert ist, dann können wir der Welt gegenüber darauf stolz sein, dass Gott den vergangenen Generationen von Gläubigen so geholfen hat.
* Gleichzeitig rufen wir die Synode zu einem aktiven Handeln in der Zukunft auf. Es ist an der Zeit, vom Ausarbeiten irgendwelcher Strategien zum pragmatischen, praktischen Handeln überzugehen, Beschlüsse zu fassen und diese in der Praxis des Lebens viel aktiver umzusetzen. Welche Lösungen können wir dabei anbieten?

B Empfehlungen im Jahr 2007 für die künftige Finanzwirtschaft und Verwaltung der Immobilien

* Die Revisionskommission der ELKL empfiehlt, die Dezernate für Finanzen und Besitztümer mit Persönlichkeiten zu besetzen, die Erfahrung haben mit der Verwaltung der Finanzen und Besitztümer, und sich über deren Richtigkeit ein Urteil bilden können, und die sich auch für Standpunkte entscheiden können, welche sich von denen der jetzt Regierenden unterscheiden. In den Dezernaten muss eine viel größere Vielfalt der Ansichten vertreten sein als bisher, um eine Konzentration der Finanzmacht nicht zuzulassen, deren Anzeichen die Revisionskommission schon in ihren Anfängen deutlich bemerken konnte.
* Bei der Beratung des künftigen Planes für die Verwaltung des Besitzes (Entwicklung eines strategischen Planes Variante B für die Entlohnung und soziale Absicherung der Geistlichen) muss die Frage der Verantwortung unmissverständlich geklärt sein. Wer verantwortet konkret in welchem Stadium die Ausführung des Planes? Außerdem muss
Anhang zu SR 9-2010 – 8 –

der Plan bis in die Nuancen eindeutig sein und vorsehen, was in einer Situation geschehen muss, in der das geplante Modell nicht funktioniert und zum erwarteten Ergebnis führt., wie das in der gegenwärtigen Situation der Fall ist, in welcher der Plan für die künftige Wirtschaft und Verwaltung des Besitzes sich nur auf eine großzügige und ungefähre Schätzung des Wertes des Besitzes stützt.
* Es muss Abstimmungen geben über konkrete Arbeitspläne, welche klar definierte Ziele, Aufgaben, Namen und Vornamen der Personen enthalten, die für die Ergebnisse der Arbeit, die genaue Einhaltung der Termine und die zahlenmäßig festgelegten messbaren Ziele die Verantwortung tragen. Solche erstellten Pläne finden unsere Unterstützuung. Dennoch müssen die Pläne auch das vorher Geleistete berücksichtigen, worauf in einem zusammenfassenden Prüfungsbericht einzugehen ist

Bei der Zusammenfassung aller oben erwähmten Revisionen zu Beginn des Jahres 2007 kam die Revisionskommission der ELKL zum Beschkuss, dass
° das Finanzsystem der EJKL seit dem Jahr 2004 weiterhin nicht effektiv genug funktioniert.
° das Finanzdezernat unter der Leitung von Sekretär Artis Eglītis darauf hinwies, dass das Finanzdefizit im Jahr 2008 durch die Einnahmen aus dem Verkauf eindeutig benannter unrentabler Immobilien in Riga gedeckt werden würde. – Tatsächlich wurden aber 2010 rentable Immobilien zum Verkauf angeboten, um die Finanzkrise zu lösen.
° die Revisionskommission der ELKL zu einer vollständigen Offenlegung der finanziellen und wirtschaftlichen Situation aufforderte
° die Revisionskommission der ELKL empfahl, bei den Beratungen auch Standpunkte zu berücksichtigen, die sich von den im Jahre 2007 und danach Regierenden unterschieden, und sich für eine Vielfalt der Ansichten einsetzte
° die Revisionskommission aufforderte, einen viel genaueren und bis in das Detail gehenden Plan für die Entlohnung der Geistlichen zu erstellen und dabei alle Risiken zu berücksichtigen
° die Revisionskommission sich für die persönliche Verantwortung der Zuständigen im Finanzwesen und in der Eigentumsfrage aussprach.

C Die Revisionskommission der ELKL erinnert an die wesentlichsten Erkenntnisse und Empfehlungen im Bericht der Revisionskommission für die 24. Synode der ELKL im Jahr 2008. Im Bezug auf die allgemeine Finanzsituation der ELKL stellen die Revisoren
fest:
1. Im Haushalt des Jahres waren als Einnahmen 403 324 Lat geplant; tatsächliche Einnahmen: 515 048 Lat; geplante Ausgaben: 1 367 624 Lat; tatsächliche Ausgaben: 1 234 123 Lat.
2. Bei der Untersuchung der Art und Weise des Zustandekommens dieses Beschlusses im Oberkirchenrat entstand der Eindruck, dass die 2007 beschlossenen Entscheidungen für den Haushalt 2008 nicht zu Stande gekommen sind auf Grund eines völligen Verständnisses des gesamten Finanzierungsbedarfs für das Jahr 2008.

a. Im Dezember 2007 wurde der Oberkirchenrat zu einer Sitzung zusammengerufen, in der
der Haushalt für das Jahr 2008 mit geplanten Einnahmen von 362 014 Lat und geplanten
Ausgaben von 2 747 745 Lat genehmigt wurde.
b. Im Februar 2008 wurde der Oberkirchenrat zu einer Sitzung zusammengerufen, in der dem Oberkirchenrat die Notwendigkeit mitgeteilt wurde, die Ausgaben im Haushalt 2008 von den im Dezember 2007 beschlossenen 2 747 745 Lat auf 1 920 230 Lat zu reduzieren. In der gleichen Sitzung wurden auch die Richtlinien für die Haushalte des Oberkirchenrats für die Jahre 2008 bis 2018 beschlossen.
Anhang zu SR 9-2010 – 9 -

c. In der Sitzung des Oberkirchenrats der ELKL im April 2008 wurde die endgültige Fassung des Haushalts 2008, gültig ab dem zweiten Quartal 2008, genehmigt, mit Einnahmen von 331 482 Lat, und um 651753 Lat auf 2 095 992 Iat reduzierten Ausgaben.
d. Auf Grund des oben erwähnten schließen die Revisoren, dass noch im Dezember 2007 die
wahre Situation der Finanzen der ELKL nicht zur Kenntnis genommen wurde – oder genauer, dass für das Jahr 2008 noch immer kein vollwertiges Modell für eine Finanzierung des Jahres 2008 erstellt worden ist.
e. Im Jahr 2008 drohte bei einem unveränderten Finanzsystem die ELKL schwerstens von Liquiditätsproblemen gefährdet zu werden.
f. Die Veränderung des Finanzierungsmodells des Oberkirchenrats der ELKL wurde erst durchgeführt, als die Finanzen die absolut kritische Grenze erreicht hatten.

D Unter Berücksichtigung der bei der Revision getroffenen Feststellungen und mit dem Ziel, das Wirken des Oberkirchenrates zu verbessern, sind untenstehend Empfehlungen der Revisoren wiedergegeben.

1. Bei künftigen Haushaltsplanungen müssen die Merkmale der Realisierung des Haushalts Vorjahres ausgewertet und eine Erforschung der Ursachen dafür durchgeführt werden,dass die Realitätt des Haushaltes nicht dem Haushaltsplanung entsprach, und das Ergebnis dieser Untersuchung bei der Aufstellung des neuen Haushalts berücksichtigt werden.
2. Auf das Genaueste ist die Zweckdienlichkeit für jedes Haushaltsjahr und für jedes Gebiet neu zu beurteilen, damit dem Bedarf entsprechend im Rahmen des ganzen Finanzierungsmodells der ELKL Reserven für die Ausgaben erstellt werden können.
3. Der Oberkirchenrat und die Leiter der verschiedenen Abteilungen müssen, wenn Beschlüsse gefasst werden sollen, die für die ELKL mit Ausgaben verbunden sind, die realen finanziellen Möglichkeiten der ELKL zur Kenntnis nehmen und im Fall der dringenden Notwendigkeit das Finanzdezernat um die dafür erforderlichen Informationen bitten. Zusammenfassend: Die Mitglieder des Oberkirchenrats müssen aktiver von der Finanzlage der ELKL Kenntnis nehmen und diese begreifen.
4. Wenn infolge eines Beschlusses des Oberkirchenrats der ELKL negative Folgen entstehen
(z.B. Entrichtung einer Vertragsstrafe an ein Kreditinstitut) , dann müsste auf die Möglichkeit einer solchen Folge im Vertragsentwurf hingewiesen und im Vertrag selbst bestätigt werden, um dann bei dem Abschluss des Vertrages zusätzliche finanziell ungünstige Folgen und Risiken abzuwenden.

Bei der Zusammenfassung des oben stehenden- Berichtes der Revisionskommission Anfang des Jahres 2008 ergeben sich für die Revisionskommission folgende Folgerungen:
° Bei dem Beschließen des Haushatsplanes der ELKL für das Jahr 2008 hatte die Leitung der Finanz- und Eigentumsverwaltung der ELKL keine Vorstellung vom Bedarf bei einer Gesamtfinanzierung.
° Wenn man das bisherige Finanzsystem unverändert beibehält, dann droht das Finanzsystem der ELKL in Liquiditätsprobleme zu geraten
.° Die Revisionskommission der ELKL fordert zur Bildung von Finanzreserven auf.
° Die Revisionskommission der ELKL fordert auf, wirtschaftliche Beschlüsse nur zu fassen, wenn sie der finanziellen Realität entsprechen.

Anhang zu SR 9-2010 – 10 -

E. Die Revisionskommission der ELKL bringt die wesentlichsten Feststellungen aus „Gutachten über das Finanzjahr 2008 der ELKL und Beurteilung der dort festgestellten Entwicklungen und Tendenzen für das Jahr 2009“, Riga, den 9. August 2009.

(2) Weiterhin gibt es trotz der von den Erkenntnissen bestimmten Empfehlungen der Revisoren 2008 noch immer kein einheitliches und eindeutiges Abrechnungssystem, mit dem die Leiter der verschiedenen Arbeitsgebiete ihren Rechenschaftsbericht über die von ihnen geleistete Arbeit und ihren Haushalt dem Oberkirchenrat vorlegen könnten

(3) Den Revisoren wurde bestätigt, dass den von ihnen in Ihrem Bericht 2008 ausgesprochenen Empfehlungen Aufmerksamkeit geschenkt wurde, und dass sie entsprechend untersucht und in der Praxis der Arbeit der Verwaltungsinstitutionen der ELKL umgesetzt werden.

(4) Die Arbeit der Verwaltungsstellen der ELKL wurde im Jahr 2008 durch die globale Finanzkrise schwer betroffen. Ihre Folgen sind auch heute zu spüren, und es ist damit zu rechnen, dass wir sie noch lange Zeit spüren werden. Da in Lettland der Immobilienmarkt zum Stillstand gekommen ist, war es der ELKL nicht möglich, die in den Haushaltsplan eingeplanten Einkünfte aus dem Verkauf von Immobilien zu erhalten. Nach der Ansicht der Revisoren wird diese Situation mindestens bis 2011 so bestehen bleiben.

(5) Der Geldmangel hat die ELKL genötigt, ab Mitte des Jahres 2008 ihre Ausgaben zu reduzieren. Doch dabei möchten die Revisoren betonen, indem sie auf ihre Erkenntnisse in ihren Berichten aus den Jahren davor hinweisen, dass die Reduktion der Ausgaben schon eine lange Zeit davor hätte begonnen werden müssen, indem man sie verantwortungsvoll mit den Einnahmen in das Gleichgewicht gebracht hätte. Zu den heutigen Verringerungen der Einnahmen im Haushalt ist es auf Grund des Drucks von außen her gekommen und nicht durch die Umsetzung einer langfristigen professionellen Planung der Haushaltspolitik

(6) Die gegenwärtige Finanzplanung geschieht nach der Entwicklung des Defizits und der Kreditfristen bis zum Jahr 2019. Die den Revisoren vorliegenden Varianten von Finanzmodellen sind nach der Ansicht der Revisoren unbegründet optimistisch und stützen sich auf eine unkontrollierbare Erfüllung der Bedingungen (Einzahlungen der Gemeinden und Immobilienverkauf) Die den Revisoren zugänglichen Modelle der Entwicklung der Kreditbestimmungen und der Bestimmungen für die Deckung von Defiziten sind nach der Auffassung der Revisoren nicht als zu verantwortende Schritte der Verwaltungsstellen der ELKL zu betrachten, besonders in der heutigen Situation, in der die ELKL keine klaren Vorstellungen darüber hat, wie sie ihre jetzigen Kredite tilgen wird. Schon bei der Höhe der heutigen Verbindlichkeiten sehen die geplanten Modelle der ELKL für die Finanzentwicklung auf jeden Fall Schulden bis zum Jahr 2019 in der Höhe von bis zu mehreren Millionen Dollar vor!

(9) Bei der Überprüfung der Ordnung der Beschlussfassung im Oberkirchenrat entsteht weiterhin der Eindruck, dass die im Oberkirchenrat von 2008 bis Anfang 2009 gefassten
Beschlüsse im Bezug auf die Ausgaben nicht zustande gekommen sind dadurch, dass alle Stimmberechtigten vollständige Kenntnis hatten von der Finanzsituation im Augenblick der Abstimmung. Den Revisoren ist bekannt , dass der Oberkirchenrat bereits in der zweiten Hälfte des Jahre 2008 hätte Beschlüsse fassen müssen über eine viel wesentlichere Reduzierung der Ausgaben

Anhang zu SR 9-2010 -11 –

(10) Bei ihrer Revision haben die Revisoren weiterhin den Eindruck einer viel zu optimistischen Einstellung bei der Finanzplanung, denn die Ausgaben im Haushaltsplan gehen nicht von den real zur Verfügung stehenden Finanzmitteln aus, sondern von irgendwelchen geplanten Immobiliengeschäften, deren Zustandekommen und Durchführung terminlich völlig ungeklärt ist und welche die ELKL nicht beeinflussen kann. Gleichzeitig ist erkennbar, dass die ursprünglichen Termine solcher geplanten Immobiliengeschäfte bereits längst verstrichen sind. Wenn diese geplanten Immobiliengeschäfte nicht zu den von der ELKL ordentlich geplanten Terminen stattfinden können, dann erscheint Ende 2009 für die ELKL eine endgültige Finanzkrise möglich.

III ERKENNTNISSE UND EMPFEHLUNGEN AUS DER AKTUELLEN SITUATION

Bei der Durchsicht der Berichte der oben erwähnten Revisoren der ELKL für die 23. und 24. Synode, sowie der Erkenntnisse vom 3. August 2009 mussten wir feststellen, dass die Revisionskommission die Kirchenleitung der ELKL seit der Synode 2007 ununterbrochen vor einem für die Revisoren unbegreiflichen und falschen Verwaltungssystem für die Finanzen gewarnt hatten. Die Befürchtungen der Revisionskommission sind bestätigt worden.
DIE REVISIONSKOMMISSION DER ELKL HÄLT ALLE OBEN AUFGEZÄHLTEN ERKENNTNISSE UND EMPFEHLUNGEN FÜR AKTUELL UND ERINNERT DARAN; DASS DAS STÄNDIGE IGNORIEREN DER ERKENNTNISSE UND EMPFEHLUNGEN DER VON DER SYNODE GEWÄHLTEN REVISIONSKOMMISSIONEN DER ELKL DAS MISSTRAUEN GEGENÜBER DER KIRCHENLEITUNG DER ELKL VERTIEFT.

Erkenntnisse der Revisionskommission: :
1. Die Finanzkrise der ELKL wurde verursacht durch eine falsche und nicht zu begreifende bisherige Leitung der Finanz- und Wirtschaftsverwaltung seit dem Jahr 2004
2. Die Finanzkrise wurde durch eine dauerndes liberales für eine Kirche nicht zu akzeptierendes Finanz- und Wirtschaftssystem verursacht:
a. das dauernde über seinen Verhältnissen Leben und die Möglichkeit, Schulden zu machen, führte zu einem Haushaltsdefizit von 50%
b. das Zulassen übermäßiger und unvernünftiger Risiken und das Fehlen jeder Kalkulation eines Risikos.
3. Die Krise der ELKL wurde nicht durch die globale Krise, die Krise des Staates Lettland, sondern durch die bisherige Leitung der Finanzverwaltung der ELKL ausgelöst. Weshalb werden manche Länder, Unternehmen, Familien mit dieser Krise viel leichter fertig als andere? Die Antwort finden wir bei den verschiedenen Arten des Wirtschaftens.

EMPFEHLUNGEN DER REVISIONSKOMMISSION DER ELKL
1. Die Revisionskommission ist entschieden gegen eine unverhältnismäßig hohe Aufnahme von Anleihen, bei denen der Wert des verpfändeten Besitzes den Wert des Betrages der Anleihe um ein mehrfaches übertrifft. Die Leiter der Abteilungen für die Finanz- und Eigentumsgeschäfte müssen daran erinnert werden, dass die ELKL kein
Darlehen aufnehmen kann wegen des nicht vorhersagbaren Geldwertes , und das nicht einmal von respektablen Kreditinstitutionen wie Banken, geschweige denn von Kreditinstitutionen zweifelhaften Rufes oder von Privatpersonen, wie das 2010 geschehen ist. Ist die Herkunft dieses Geldes wirklich geklärt, dann stehen diese Gelder oft nicht in Verbindung mit Geschäften. welche die Kirche nie akzeptieren kann, und oft sind diese Finanzmittel nicht versteuert usw.
Anhang zu SR 9-2010 – 12 -

1. Das voraussichtliche Defizit im Haushalt des Oberkirchenrats wird ab Juli bis zum Jahresende etwa 120 000 Lat betragen und muss abgetragen werden, dass der Ausgabenanteil im Haushalt des Oberkirchenrats monatlich um 20 000 Lat in den Ausgaben verringert oder durch den Verkauf von Immobilien ausgeglichen wird.
2. Die Geistlichkeit muss darauf aufmerksam gemacht werden, dass Zuschüsse zum Arbeitslohn aus dem zentralen GSAG Fonds nur möglich sein werden, wenn diese im Haushalt von GASG kein Defizit verursachen.
3. In der nächsten Zukunft muss das Wirken von GASG nach dem Prinzip verlaufen, dass die Höhe eines Zuschusses aus dem zentralen GASG Fonds von der Qualität der Arbeit der Geistlichen abhängt.
4. Die Gehälter der Angestellten der Kanzlei des Oberkirchenrats und der obersten Geistlichkeit müssen solidarisch zu den anderen Abzügen und entsprechend den Aufgaben und der bisherigen Vergütung verringert werden.
5. Dringend und umgehend sind die Vollmachten und die Vergütung des ehemaligen Sekretärs des Oberkirchenrats zu überprüfen. Es gibt weder eine moralische noch eine juristische Begründung dafür, dass der betroffenen Person nach dem Eingang seines Entlassungsgesuches immer weiter das bisherige Gehalt berechnet und bezahlt wird.
6. Ganz genau sind die Prioritäten der Prinzipien bei der Verwendung der Finanzen einzuhalten:
a. Rückzahlung überhöhter Kredite
b. Absicherung der Deckung des Haushaltes einige Monate im voraus
c. Teilweise Rückzahlung des Kredits oder Weitergabe an Investitionsfonds
d. Verwirklichung wünschenswerter Vorhaben
7. Zweite Priorität – die Absicherung des Haushaltsausgleichs ist einige Monate im voraus zu klären, nur unter der Voraussetzung, dass es nicht möglich ist, die Ausgaben im Haushalt zu reduzieren
8. Mit der Zweckbestimmung der Verminderung der Ausgaben keine Funktionen doppelt
besetzen und die Ressourcen von „Pastorat GmbH“ voll nutzen, und dabei das Eigentumsdezernat auflösen und dessen Vollmachten an „Pastorat GmbH“ übertragen.
9. Der Verkauf rentabler Immobilien ist sofort einzustellen
10. In die Verwaltung von „Pastorat GmbH“ ist einer der Bischöfe zu berufen, um eine lückenlose Kontrolle der Tätigkeit von „Pastorat GmbH“ von der Seite der Geistlichkeit der ELKL zu garantieren
11. Die aus Immobiliengeschäften eingenommene Geldmittel müssen bestmöglich investiert werden, um aus den Zinsen höchstmögliche Einnahmen zu erzielen. Einnahmen aus Immobiliengeschäften dürfen nicht in die normale Geldbewegung des Haushalts eingefügt, sondern nur die Zinseinnahmen dürfen dort investiert werden.
12. Ab 2011 ist ein defizitfreier Haushalt des Oberkirchenrats der ELKL und von GASG
vorzulegen
14. Im künftigen Geschäftsverlauf ist nur ein Haushalt ohne ein Defizit langfristig
möglich. Die Einführung dieses Grundsatzes empfiehlt die Revisionskommission der 25. Synode zur Abstimmung vorzulegen. Die 25. Synode muss grundsätzlich beschließen, ob es der ELKL gestattet ist, mit einem Defizit zu wirtschaften oder nicht, und wenn ja, dann in welchem Umfang, und wer für die ordnungsgemäße Durchführung die verantwortliche Persönlichkeit ist.

Die Revisoren Andris Sekste, Martins Samms, Iveta Ilsuma, Uģis Treilons

Anhang zu SR 9-2010 – 13 –

In der Übersetzung verwendete Abkürzungen
ELKL – Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands
GSAG Fonds für das Gehalt und die Soziale Absicherung der Geistlichen

Von Sparzwängen und der Notwendigkeit zu einem Kurswechsel
Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Lettland steckt in einer tiefen Krise

von Martin Grahl

Lettland ist eines der Länder, die von der Wirtschafts- und Finanzkrise besonders schwer betroffen sind. In der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands (ELKL) führen die Sparzwänge zu erheblichen Einschnitten. Der Haushalt der Kirche für 2010 musste korrigiert und um 45 Prozent gekürzt werden. In der Pfarrerschaft regen sich Widerstände gegen die Kirchenleitung. Martin Grahl, Pfarrer der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in Riga analysiert, wie die Kirche in diese Krise geraten konnte.
Es begann sehr verheißungsvoll. Weil die meisten Kirchgemeinden der etwa 40 000 Mitglieder zählenden Nationalkirche Lettlands ihre Pfarrer nur sehr unzureichend entlohnen konnten, suchte man nach einem einheitlichen Gehaltssystem. Der Plan war einfach und schien schlüssig: Besonders die ländlichen Gemeinden außerhalb Rigas, hatten Schwierigkeiten ihren Pfarrern ein Gehalt zu zahlen. Die Menschen dort verdienen einfach zu wenig. So sollten nun die ererbten Äcker und Immobilien aller Gemeinden es ermöglichen, die Pfarrgehälter mit Hilfe einer gemeinsamen Institution zu sichern und auszugleichen. Man nutzte die 1995 gegründete GmbH „Pastorats“, um einen gemeinsamen Gehaltsplan zu realisieren. Dazu mussten die Gemeinden 30 % ihrer Immobilien dieser GmbH überschreiben. Die Synode gab 2008 dafür grünes Licht.
Um den Plan abzufedern und ihm eine schnelle finanzielle Grundlage zu geben, benötigte man einen finanziellen Grundstock: einen Kredit, den man ohne zu große Zinsen mit der Zeit wieder zurück zahlen könnte. Diesen Kredit in Höhe von sechs Millionen Dollar bewilligte die Missouri-Synode aus den USA. Diese freute sich darüber, in der ELKL einen Partner gefunden zu haben, der mit ihr u.a. die Ablehnung der Ordination von Frauen teilt.
Da wenigstens die Hälfte der Pastoren ihren Lebensunterhalt außerhalb ihrer pastoralen Tätigkeit verdienten, um überhaupt leben zu können, wirkten die Versprechungen. Doch es gab auch Streit. War zunächst von einem Pfarrgehalt in Höhe von 500 Lat (ca. 700 Euro) die Rede, musste man die Hoffnungen schon im Vorfeld nach unten korrigieren auf 350 Lat (ca. 500 Euro), immer abhängig von der Leistung des Pfarrers, die vielfach einfach der Erzbischof frei einschätzte. Nicht alle Gemeinden stimmten den Plänen zu. Über dreißig Gemeinden weigerten sich, Immobilien zu überschreiben, sie trauten dem Projekt nicht. Ihre Pastoren haben entsprechend auch kein Geld aus dem Fond bezogen.
Schon zuvor war allerdings auch die Zentralverwaltung gewachsen. Eine Stelle nach der anderen wurde eingerichtet. Es gab Posten zu verteilen, etwa vierzig waren es am Ende. Es wurde ein „Kapitel“ geschaffen: Die vierzehn Pröpste, vergleichbar mit Superintendenten in Deutschland, kamen einmal pro Monat nach Riga, um die Kirche auf diese Weise zusammen mit Bischofskonvent und Oberkirchenrat zu leiten. Der auf Lebenszeit gewählte Erzbischof bat um Unterstützung in seiner episkopalen Tätigkeit. Neben ihm gibt es nunmehr drei Regionalbischöfe.
Das groß angelegte Gehaltsprojekt sollte in Zeiten des wirtschaftlichen Wachstums Lettlands realisiert werden, das sich allerdings bald als riesige Blase erwies.
Anhang zu SR 9-2010 – 14 -

Lettland produzierte zu wenig, die Banken trieben die Immobilienpreise in unrealistische Höhen und handelten mit Geld. Es gab für Spareinlagen über 10 % Zinsen. Die große internationale Finanzkrise erreichte Lettland nicht zufällig als eines der ersten Länder, und es ist auch jetzt noch kein Ende abzusehen. Hätten nicht schwedische und deutsche Banken in Lettland so viele Kredite in zweistelliger Milliardenhöhe gewährt, wäre der Lat stark abgewertet worden. So kam es, dass der gutgemeinte Gehaltsplan, wie Skeptiker in der Kirche schon befürchtet hatten, zusammenbrach, kaum dass er zu arbeiten begann. Mit den an die „Pastorats“ GmbH überschriebenen Immobilien konnte man keine ausreichenden Gewinne machen. Die Verantwortlichen verloren die Übersicht. Der Kredit aus Amerika ist offenbar vertan. Niemand weiß, wie man ihn zurück zahlen kann. Aber auch ein Drittel der Immobilien scheint nahezu verloren zu sein. Eine unglaubliche Bilanz nach weniger als zwei Jahren! Selbst wenn man allen Pfarrern monatlich ein Gehalt von 500 Lat ausgezahlt hätte und Arbeitgeberabgaben hinzurechnete, kommt man – meiner zugegeben sehr oberflächlichen Rechnung nach – für den Zeitraum maximal auf einen Betrag von drei Millionen Dollar. Wo ist der Rest?
Die Kirche beginnt jetzt, wertvolle Immobilien zu verkaufen. Ein Haus in der Elizabetes iela in Riga wurde hochverzinst mit Hypothek weit unter Wert (700.000 Lat statt 2 Millionen) belegt, ein Freikauf erscheint in der anberaumten Zeit unmöglich. Jetzt wird auch die Lutherakademie am Domplatz veräußert. Für den Verbleib der Lutherakademie gibt es nur erst vage Ideen, drei Monate vor dem nächsten Semesterbeginn im September. Völlig offen ist, wo die wertvolle Bibliothek der Akademie bleiben soll. Die Gehälter der kirchlichen Mitarbeiter und Pastoren sind seit April um 40 % gekürzt worden. Wenn die Verkäufe nicht realisiert werden, besteht gar keine Möglichkeit mehr, sie überhaupt noch zu zahlen. Der neue Rigaer Bischof gab in der Kirchenzeitung zu Protokoll, dass die Gemeinden wohl von nun ab wieder selbst ihre Pfarrgehälter aufzubringen hätten.
Einige Konvente verfassten Protestbriefe. Daraufhin trat das Kollegium des Oberkirchenrates zurück, tut aber weiter seine Arbeit, denn die Legislative, die Synode, tritt erst um ein halbes Jahr verspätet im Dezember zusammen. Eine Überraschung für viele war wohl die Reaktion des Erzbischofs auf die Vorwürfe. Er stimmte seinen protestierenden Brüdern in vielen Punkten zu und schlug sich gewissermaßen auf die Seite der Kritiker. Dabei war er es, der all diese Ideen durchgesetzt hatte, und der vor allem auch dafür gesorgt hatte, dass der Verwaltungsapparat so aufgebläht wurde. Auch wenn es nicht seine eigenen Ideen gewesen sein sollten, hatte er doch gemäß der neuen Verfassung alle Fäden in der Hand. Wäre der Verwaltungsapparat so bescheiden geblieben, wie er einmal war, vielleicht hätte das Projekt sogar Chancen gehabt.
Es erscheint immer einfach, von außen her mit guten Ratschlägen zu kommen. Aber man stellt sich schon Fragen: Braucht so eine Kirche vier Bischöfe? Müssen vierzehn Pröpste jeden Monat nach Riga kommen? Es gibt Bischofskonvent, Pröpstekonvent, Oberkirchenrat – drei parallele Leitungsgremien, im „Kapitel“ zusammengefasst, die zugleich eigene, parallele Entscheidungsebenen sind. Die Synode dagegen fragt man nur hin und wieder nach Grundsatzentscheidungen, die sie zu bestätigen oder abzulehnen haben, nicht aber selbst zu erarbeiten. Es war nicht einmal für nötig befunden worden, die Höhe des nun verschwundenen amerikanischen Kredits per Beschluss abzusegnen.
Charakteristisch ist der Fall Salaspils. Die Gemeinde hatte mit Genehmigung des Konsistoriums in guten Zeiten ein Grundstück für etwa 1 Millionen Lat veräußert, um sich von diesem Erlös eine Kirche zu bauen. Der Oberkirchenrat wollte gerne etwas von dem Geld ab haben und bekam 2008 tatsächlich 141 000 Lat. Die Kirchenleitung meinte aber, Anspruch auf insgesamt 30 % der Verkaufssumme zu haben, was das Ende des Kirchbaus bedeutet hätte. Die Pfarrerin von Salaspils,
Anhang zu SR 9-2010 – 15 -

eine der letzten verbliebenen ordinierten Pfarrerinnen der ELKL, wurde gegen den schriftlich geäußerten Willen der Mehrheit der Gemeinde abgesetzt. Laut geltender kirchlicher Ordnung ist das möglich, ohne auch nur mit dem Kirchgemeinderat darüber zu sprechen.
Was kann der Kirche in Lettland helfen? Hilfreich wäre der Mut, eine offenere Kirche zu werden. Weniger als 10 % derer, die sich bei der Volkszählung als lutherisch bekannt haben, sind auch Mitglieder „ihrer“ Kirche. Vor zwanzig Jahren waren es doppelt so viele. Es wird nicht helfen, von den wenigen Mitgliedern noch höhere Beiträge zu verlangen. Das wird tatsächlich zur Zeit an vielen Orten und im „Christlichen Radio“ mit Hinweisen auf den biblischen Zehnten gepredigt. Das ist aber eine unrealistische und auch von vielen als unverschämt empfundene Forderung, die höchstens zum weiteren Schrumpfen der Gemeinden führen wird. Man wird vielmehr auf die zugehen müssen, denen die Kirche jetzt viel zu streng und hierarchisch erscheint. Es wird abzuwarten sein, ob und wie die Synode im Dezember ihrer legislativen und kirchenleitenden Aufgabe gerecht werden wird.

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Verfasst von: liefland | Mai 31, 2010

Ausgabe Nr. 8 (1835 ) vom 15. Mai 2010.

Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat. Hebräer 10,35

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.

Sonntag Exaudi. Ausgabe Nr. 8 (1835 ) vom 15. Mai 2010.

Gedächtnis des 100. Geburtstages von vier bedeutenden Geistlichen. Inga Reča

Am 29. Mai um 13 Uhr findet unter der Überschrift „Gedenket eurer Lehrer“ im Dom zu Riga eine Andacht mit einer anschließenden Veranstaltung zum Gedächtnis des 100. Geburtstages von vier bedeutenden Geistlichen statt. Dieses 100 jährige Jubiläum würden in diesem Jahr Dr. theol. Roberts Akmentiņš, ehemaliger Propst in Saldus, Professor, Leiter des Lehrstuhles für Philosophie und Psychologie, Rektor des Theologischen Seminars und später Dekan der theologischen Fakultät der Universität Lettlands, Kārlis Roberts Kalderovskis, Pfarrer und Dozent am Theologischen Seminar, Dr. theol. Pauls Žibeiks, 62 Jahre (!) lang Propst der Propstei Bauska, Professor, Leiter des Lehrstuhles für Altes Testament im Theologischen Seminar, sowie Dr. theol. Roberts Emīls Feldmanis, Oberpfarrer, Professor im Theologischen Seminar und der Theologischen Fakultät der Universität Lettlands, Leiter des Lehrstuhles für Kirchengeschichte feiern können.

Die Andacht wird Erzbischof Vanags leiten. Danach findet im Museum für Geschichte und Schifffahrt die Vorstellung des jetzt neu erschienenen Buches von Dr. theol. Feldmanis „Geschichte der Evangelisch.Lutherischen Kirche Lettlands“ statt, an der auch der Historiker Jouko Talonen aus Finnland und der Dekan der Historischen und Philosophischen Fakultät der Universität Lettlands Dr. hist, Gvido Straube teilnehmen werden.Im Rahmen dieser Veranstaltung findet auch eine Podiumsdiskussion statt und Absolventen des Theologischen Seminars werden über ihre Erinnerungen an diese Theolpgen berichten.

Meldungen aus der Erzdiözese Riga,

* Pfarrer Arnis Bergmanis hat am 18. April seinen Ruhestand angetreten. Am Sonntag Trinitatis wird Propst Linards Rozentāls Pfarrer Ģirts Prāmnieks in das Amt des Pfarrers der St. Pauls Gemeinde in Riga einführen.

* Mit seiner Konsekration zum Bischof am 10. April 2010 verlässt Guntars Dimants seinen Dienst in den Kirchengemeinden Dubulti und Bulduri sowie sein Amt als Propst der Propstei Jūrmala. Bis zur Wahl eines neuen Propstes wurde Pfarrer Dzintars Laugalis mit der Wahrnehmung des Dienstes des Propstes der Propstei Jūrmala beauftragt.

* Am Sonntag Trinitatis beginnt Ingus Dāboliņš, der bisher als Pfarrer der Kirchengemeinden Madona und Cesvaine sowie als Propst der Propstei Madona seinen Dienst versehen hat, seinen Dienst als Pfarrer der Kirchengemeinden Dubulti und Bulduri. Pfarrer Magnus Bengtson, der zur Zeit die Geschäfte des Propstes der Propstei Gulbene wahrnimmt, ist ab Pfingsten auch mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Propstes von Madona beauftragt.

* Hilfspfarrer Zigmārs Ziemanis, der bisher in den Kirchengemeinden Rubene und Dīkļi als Pfarrer tätig gewesen ist, wird am 1. Juni seinen Dienst als Pfarrer der Kirchengemeinden Smiltene und Palsmane beginnen. Künftig wird in der Kirchengemeinde Dīkļi neben den Kirchengemeinden Burtnieki und Ēvele Hilfspastor Aldis Kalncenavs tätig sein, während Pfarrer Kārlis Rūdolfs Zīkmanis in Valmiera gemeinsam mit Propst Arnis Bušs mit der Betreuung der Kirchengemeinde Rubene beauftragt wurden.

* Es hat bei einigen Kirchengemeinden auch eine Neureglung ihrer Grenzen stattgefunden. Auf eigenen Wunsch hat sich am 1. Februar 2010 die Kirchengemeinde St. Johannis in Madona mit der Kirchengemeinde Ļaudona vereinigt, und am 28. April 2010 hat sich die Kirchengemeinde Carnikava der Kirchengemeinde Ādaži angeschlossen..

SR 8-2010 – 2 –

Die Idee vom gemeinsamen Wohl muss wachgehalten werden. Inga Reča. Ivars Kupcis

Seit dem 10. April hat die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands einen vierten Bischof

In der Erzdiözese Riga wird neben Erzbischof Jānis Vanags der ehemalige Pfarrer der Kirchengemeinden Dubulti und Propst der Propstei Jūrmala Guntars Dimants als Bischof tätig sein. An seinem ersten Arbeitstag waren wir bei ihm zu Gast. In seinem Arbeitszimmer liegen auf dem Tisch nur eine Bibel und ein transportabler Computer. Äußerlich kann man nichts von seinem neuen Status bemerken. Wir sprachen mit ihm über die Berufung, seine Bereitschaft, ihr nachzukommen, und die Änderungen, welche sie mit sich bringt.

- Können Sie sich noch daran erinnern, wann Sie sich berufen fühlten, Pfarrer zu werden?

- Anfang der 90er Jahre, als alle ihre Kinder taufen lassen wollten, gab es in unserer Familie dieselbe Situation – wir beschlossen, unseren Sohn taufen zu lassen. Wir selbst waren als Kinder getauft worden. Wir gingen zur nahe gelegenen Kirche in Sloka, die zum Glück einen solchen Pfarrer hatte, der es nicht zuließ, dass wir diese Frage nur auf ganz formelle Weise regelten Er bestand darauf, dass wir selbst zuerst zum Konfirmandenunterricht gingen, uns konfirmieren ließen, unsere Ehe in der Kirche einsegneten und dann das Kind taufen ließen. Das war mein erster Anstoß in die Richtung der Kirche.

Die Situation damals, als wir nicht zusammen den Konfirmandenunterricht besuchen konnten, trug dazu bei, dass ich nicht nur zuhörte, sondern mich in alles tiefer versenkte. Unser Sohn war damals nur ein Jahr alt und wir besuchten abwechselnd den Unterricht, und am Abend musste derjenige, der dort war, berichten, was an jenem Tage im Unterricht dran war. Das war für jeden schon etwas wie eine Homilie: Du hörst zu, machst dir Notizen, kommst nach Hause und berichtest alles dem anderen. Das nötigte dazu, sehr aufmerksam zuzuhören, und das war wohl die Zeit , in der ich zum ersten Mal die Erfahrung machte, was es bedeutet, die Botschaft, die du vorher selbst vernommen hast, einem anderen weiter zu geben.

Auf diese Weise kamen wir auf eine sehr lebendige Weise in diese Gemeinde hinein, die schon damals sehr aktiv war. Zuerst waren es die wirtschaftlichen und technischen Dinge, bei denen wir mit großer Freude mitmachten: das Aufräumen und Reinigen der Kirche, Arbeitseinsätze im Freien, Hilfe bei Renovierungsarbeiten in der Kirche. Pfarrer Aivars Beimanis lud uns zur Sonntagsschule ein, und wir begannen, als Sonntagsschullehrer aktiv mitzumachen. Bald wurde ich in den Kirchengemeinderat gewählt und dort zum Verwalter des Eigentums ernannt. Ich gehörte zum Kreis, der das Sommerlager organisierte. Das war ein rasches Hereinkommen sowohl in die wirtschaftlichen Dinge als auch in das geistliche Leben der Kirche.

Es war eine große Herausforderung, auf die Bitte des Pfarrers meine erste Bibelarbeit zu halten. 1994 fand der erste Kurs für Evangelisten statt, an dem ich teilnahm und nach dessen Ende in das Amt eines Evangelisten eingeführt wurde. Ich begann in Sloka, zusammen mit dem Pfarrer Gottesdienste zu halten und Konfirmandenunterricht zu leiten. Dann kam die Anfrage des Konsistoriums, ob ich bereit sei, in der Kirchengemeinde Bērze und später auch in Ķemeri für den Dienst zur Verfügung zu stehen. 2001 wurde ich zum Pfarrer ordiniert. Später diente ich als Pfarrer in den Kirchengemeinden Dubulti und Bulduri..-

- So kann man sagen, dass Sie ganz unten angefangen haben, mitten unter den

Menschen der Gemeinde und danach alle Phasen durchlaufen haben. In diese Reihe kann man doch auch Ihren Dienst als Propst einordnen.

- Ja. 2004 wurde ich zum Propst der Propstei Riga-Land gewählt, um die Aufsicht über die Arbeit der Gemeinden der Propstei wahrzunehmen. Nach der Aufteilung dieser größten Propstei Lettlands in zwei Propsteien – die Propsteien Ikšķile und Jūrmala – setzte ich meinen Dienst als Propst der Propstei Jūrmala fort.

SR 8-2010 – 3 –

- Wie war Ihre erste Reaktion auf Ihre Berufung zum Bischof?

- Ich hatte keinerlei erhabene Empfindungen, ich war verwundert und dachte: was es alles in diesem Leben gibt! Aber dass es gleich so schlimm kommen muss! Ich hatte nie daran gedacht, Bischof zu werden, denn ein Bischof trägt eine große Verantwortung, wenn man auf die Geschichte zurückblickt. Der Bischof überwacht die Lehre der Kirche. Das ist eine seiner wichtigsten Aufgaben. Die zweite bekannte Bezeichnung für einen Bischof kommt mit dem Wort Pontifex (Brückenbauer) aus dem Lateinischen. So schien es mir, dass es hier nicht nur um die große Verantwortung geht, sondern dass da jemand sein muss, der die Kirchengeschichte und die Lehre der Kirche großartig beherrscht und der einen gewaltigen geistlichen und intellektuellen Schatz und eine große Lebenserfahrung mitbringt.

Als der Erzbischof mir sagte, dass ich einer von denen sei, die als Kandidaten für dieses Bischofsamt benannt worden seien, da fühlte ich mich wie von einem Blitz aus heiterem Himmel erschlagen. Als die erste Überraschung und der erste Schock vorbei waren, war das einzige, was ich sagen konnte: wenn er das wirklich so sähe, aber auch noch andere der Auffassung wären, dann könnte ich es zum Wohl der Kirche versuchen. Aber ich bitte um Bedenkzeit.

Eine ganze Zeit konnte ich kaum etwas anderes als dieses bedenken. An jedem Morgen bei meiner Andacht, bei dem Lesen der Schrift und bei dem Gebet. Und ich erhielt eine Antwort durch ein Schriftstelle aus dem Alten Testament, dass mich Gott nicht verwerfen wird.. Dass viele es in der Kraft Gottes zu tun vermochten, was Gott ihnen zu tun anvertraut hat.

Die Kirche ist etwas wie ein großer Organismus, die auch Einzelne in ihren Dienst beruft. Ich habe immer das ernst genommen, was Luther über die innere und äußere Berufung gesagt hat. Und ich habe begriffen, dass eine Berufung durch die Kirche etwas sehr Wichtiges ist, und dass sie nicht ohne Gottes Einverständnis erfolgen kann. Wenn Gott es sagt, dann möchte ich nicht experimentieren, wie es Jona getan hat. Ich beschloss, diesen Ruf ohne großen Widerstand anzunehmen, ohne damit etwas über meine Qualitäten auszusagen. Paulus schrieb: wenn wir überhaupt etwas zu tun vermögen, dann kommt das nicht von uns. Jemand kann eine große Erfahrung und ein großes Wissen aufweisen, aber an vielen Stellen in der Bibel ist es anders: So bei David und Mose; Jesu Jünger waren Fischer und Jesus hat den Beruf eines Tischlers erlernt. Ich hatte begriffen, dass Gott im Blick darauf keine Grenzen setzt, und dass Er den Menschen nicht äußerlich betrachtet. Und wenn Gott sagt, dass es so sein soll, dann nehme ich es so an, wie es ist.

- Was halten Sie für die größte Herausforderung bei Ihrer Berufung zum Dienst eines Bischofs?

- Der Erzbischof brauchte jemanden, der ihm bei den wirtschaftlichen Dingen hilft und dabei etwas von der Arbeit, den Dezernaten und der Zusammenarbeit mit deren Leitung versteht. Man könnte von den unterschiedlichen Zielen und den großen Ereignissen sprechen, aber jetzt muss das gelöst werden, was heute aktuell ist. Die Hauptaufgabe ist heute, die Situation wieder in den Griff zu bekommen, in der die Kirche zur Zeit mit der Vergütung ihrer Pfarrer und ihrer Verwaltungsarbeit steckt, wir müssen sehr bald unsere Wirtschaftssituation verantwortungsvoll und mit einer Strategie ordnen, die sie in die Lage versetzt, die gegenwärtige Situation zu überleben. Wir müssen erreichen, dass die Kirche weiter bestehen bleibt und offen ist, dass die Gemeinden versorgt sind und die Pfarrer satt werden und irgendwo leben können. Im Blick auf die mir anvertrauten Wirtschaftsfragen sind das jetzt meine Prioritäten.

- Wir haben berichtet, dass der Sitz des neuen Bischofs Cēsis sein soll, dass Sie aber den größten Teil ihrer Arbeitszeit in Riga verbringen werden. Wir wird das möglich sein?

- Das ist eine der Fragen, die mir jetzt sehr häufig gestellt werden. Die Menschen begreifen es nicht, wie das miteinander vereinigt werden kann. Um das in einem Bilde darzustellen: Wenn

SR 8-2010 – 4 –

jemand an einem Festtag den Gottesdienst im Dom zu Riga besuchen möchte, dann wird er sich vorstellen können, dass der Erzbischof den Gottesdienst hält, denn dort befindet sich sein Sitz.

Der Sitz des Bischofs dient zu seiner Repräsentation. In meinem Fall fiel die Entscheidung zu Gunsten von Cēsis, weil dort auch einmal der Sitz eines Bischofs war. Professor Feldmanis hat einmal gesagt, dass jeder Zentimeter des Gebäudes der St. Johanniskirche in Cēsis davon Zeugnis gäbe, dass dieses eine Kathedrale sei.

Wirklich wird es voraussichtlich darauf hinauslaufen, dass ich zu den Gottesdiensten an den hohen Feiertagen in Cēsis sein werde. Wenn wir von den Visitationen sprechen, dann könnte Cēsis eine Basis sein, von der aus ich mich zu den Gemeinden begebe. Für viele ist diese Stadt leichter zu erreichen. Deshalb muss ich dort auch Sprechstunden einplanen. Aber zur Zeit ist diese Frage noch offen, denn gegenwärtig bin ich sehr an Riga angebunden. Der Einzug des Bischofs in den Gottesdienst in seiner Kirche soll möglicherweise im Mai stattfinden.

- Sie sagten, dass jetzt eine ihrer vordringlichen Aufgaben sei, die wirtschaftlichen Verhältnisse in der Kirche so zu ordnen, dass die Kirche überleben kann. Was werden Sie dabei tun?

- Man kann schon nach vielen Lösungen suchen, aber immer wird man zur realen Situation zurückkehren müssen. Wenn wir sagen, dass eine der heutigen Prioritäten die Finanzen der Kirche seien, dann müssen wir uns voll und ganz darauf konzentrieren, wie wir alles ökonomisch richtig ordnen, ohne dabei aus dem Gleichgewicht zu kommen. Eine der wichtigsten Sachen, über die begründete Kritik laut geworden ist, was weder das Kapitel noch das Bischofskollegium in Abrede stellen, sind die Fragen, die sowohl dem Kapitel als auch dem Bischofskollegium vorgelegen haben und dort ausdiskutiert worden sind, und dennoch von ihnen niemand wusste, was in der „Küche“ eigentlich geschah. Die hauptsächlichen Änderungen bestehen jetzt darin, dass an allen Diskussionen und Verhandlungen das Bischofskollegium beteiligt ist. Das ist eine der wichtigsten Änderungen, welche die Fassung wichtiger Beschlüsse betreffen, denn wir haben begriffen, wer die „Küche“ ist, von der wir gesprochen haben. Wenn wir vom Eigentumsdezernat sprechen, dann haben wir begriffen, was und wie dort alles abgewickelt worden ist. Wenn wir vom Haushalt der Kirche sprechen, dann darf er sich nicht mehr auf abstrakte Versprechen verlassen, die uns verheißen, dass das Geld kommen und alles gut sein würde, sondern dass wir nur von Geld sprechen dürfen, das wir eingenommen haben. Und wenn es nicht eingenommen wird, dann dürfen wir uns nicht auf Wunder verlassen, die irgendwie alle Finanzprobleme der Kirche lösen werden, sondern dass wir nur in einem bestimmten finanziellen Rahmen weiter wirtschaften dürfen.

Nach meiner Meinung sind die strategischen Nuancen zur Zeit nur sehr schwer abzustecken. Das, was wir sehr deutlich erkannt haben, ist folgendes: In der Verwaltung des Oberkirchenrats ist jetzt nur ein Minimum von Angestellten beschäftigt, ohne die gar nichts mehr weitergehen kann und dass wir einen bestimmten Geldbetrag benötigen, um für die Beiträge für den Lohn und die Sozialversicherung, ganz gleich in welcher Höhe, aufkommen.

zu können.

- Ist bei allen diesen Überlegungen nur von einer stärkeren Einbeziehung der Bischöfe bei den Entscheidungen oder ganz allgemein von einer größeren Offenheit die Rede?

- Dazu möchte ich sagen, dass es hierbei um eine größere Offenheit geht. Die Bischöfe haben erklärt, dass sie größere Detailkenntnisse haben möchten. Denn wenn es zu den wichtigen Aufgaben eines Bischofs gehört, mit ihren Pfarrern im Gespräch zu bleiben, dann muss er auch über die Details informiert sein. Wenn ein Bischof nicht in der Lage ist, mit seinen Pfarrern über Details zu sprechen, dann kann er sagen, was er will, aber wenn er die Fragen

SR 8-2010 – 5 –

in den Details nicht beantworten kann, dann steht er sehr dumm da. Das sind die Erfahrungen bei Pfarrkonferenzen, dass der Bischof in allen Vorgängen stecken muss, auch wenn diese nicht unmittelbar sein Bischofsamt betreffen – wie Beschlüsse über Finanzen, über kirchlichen Besitz und Haushaltsfragen. Jetzt in dieser Situation erkennt das Bischofskollegium, dass das richtig sei. Das Bischofskollegium ist einmütig der Ansicht, der sich auch das Kapitel einmütig anschließt. Wir können nicht über einen Haushalt abstimmen, wenn wir nicht ganz genau erkennen können, was dahinter steckt. Jetzt, da ich auch die Aufgaben des Sekretärs des Oberkirchenrats wahrnehmen muss, kann ich sagen, dass mich wirklich jedes Detail interessiert: wer was wofür erhält, welchen Lohn er erhält und welchen Pflichten er nachkommen muss.

- Ist es schon bekannt, wie ab Mai die Vergütung der Pfarrer geregelt ist?

- Im Mai können die Pfarrer ihre Gehälter in der Höhe erhalten, in der sie ihre Gemeinde auszahlt. Damit nirgendwo die Situation entsteht, dass es Pfarrer gibt, die einen Lohn bekommen, der unterhalb des Existenzminimums liegt, überprüfen wir zur Zeit die Dienstpläne der Pfarrer. Wir haben die Pröpste beauftragt, die Pfarrer ausfindig zu machen, die im finanziellen Schwierigkeiten stecken. Ob zum Beispiel hohe Darlehensschulden abzuzahlen hat oder ob es im Haushalt ihrer Familien zu Veränderungen gekommen ist dadurch, dass ein Familienglied arbeitslos geworden ist.

Zur Zeit ist es eine der wichtigsten Aufgaben der Pröpste, in Gesprächen mit ihren Gemeinden zu ergründen, wie hoch sie ihren Pfarrer vergüten können. Der Rechenschaftsbericht über die Finanzen einer Gemeinde ist eine Sache, aber im Gespräch wird es oft deutlich, dass eine Gemeinde durchaus in der Lage ist, ihren Pfarrer besser zu bezahlen. Die Idee des Fonds für die Gehälter und die Sozialversicherung der Pfarrer , dass die Gemeinde zahlte und der Fonds zuzahlte, um ein optimales Gehalt zu erreichen, mit dem der Pfarrer und die Gemeinde gut leben konnten. Jetzt müssen wir sagen dass wir uns nicht mehr mit einer großen Finanzierung am Fonds beteiligen können und die Verantwortung für die Vergütung der Pfarrer wieder den Kirchengemeinden zurückgeben müssen.

- Wie wird es künftig den kleinen Gemeinden ergehen, die nicht in der Lage sind, ihre Pfarrer zu vergüten?

- In der Erzdiözese Riga gibt es solche Gemeinden oder Kirchen, die geschlossen oder zusammengefügt werden müssten, nicht. Wir haben Gemeindekomplexe geschaffen, bei denen vier Gemeinden von einem Pfarrer betreut werden, wie es bereits in vielen Fällen gewesen ist, wo nicht in jeder der kleinen Gemeinden an jedem Sonntag ein Gottesdienst stattfinden kann, und die Möglichkeit besteht, die Gottesdienste zusammenzulegen. Bei nicht registrieren Gemeinschaften von Gläubigen, wäre es nicht von Nutzen dorthin zu fahren, sondern lieber Möglichkeiten zu schaffen, dass sie zum nächsten Gotteshaus kommen.

Die Vereinigung von Kirchengemeinden ist nur eins der Modelle, denn es ist gar nicht einfach, eine Kirche zu schließen. Es ist ein Besitz mit einem sakralen Innenraum. Und wenn die Kirche sich abgelegen in der Einsamkeit befindet, erhebt sich die Frage, wer sie bewachen soll? Da werden Verhandlungen mit der Gemeindeverwaltung notwendig sein. Ob diese bereit ist, sich für die Sicherheit der Kirche zuständig zu fühlen und sie zu öffnen und zu schließen, wenn eine Gruppe von Touristen sie besichtigen möchte. Zur Zeit sind solche konkrete Verhandlungen noch nicht geplant. Doch es könnte geschehen, denn wir haben recht viele Kirchen, deren Dorfzentren sich im Laufe der Jahrhunderte verlagert haben.

- Sie sind jetzt mit den Pflichten des Sekretärs des Oberkirchenrats betraut worden. Auch vorher waren Sie bereits im Präsidium des Oberkirchenrats. Wie beurteilen Sie die Arbeit des jetzigen Oberkirchenrats? In den Resolutionen aus den Propsteien gab es viel Kritik in die Richtung des Oberkirchenrats. Dessen mangelhafter Einsatz wird oft als Ursache für die schwere Situation der Kirche angesehen.

SR 8-2010 – 6 –

- Von innen her betrachtet habe ich den Eindruck, dass der Hauptgegenstand der Kritik darin bestanden hat, dass die Pläne des Oberkirchenrats zu weitschweifig gewesen seien und es

schwer gewesen sei, diese Weitschweifigkeit zu bündeln und eine Zielrichtung festzulegen., welche der realen Finanzsituation entspricht. Jede einzelne Idee war gut und zu begrüßen, aber sie entsprachen nicht der Wirklichkeit. Alle Fragen, die in den Sitzungen des Präsidiums des Oberkirchenrats verhandelt wurden, an denen ich selbst auch teilgenommen habe, und die dann auch bestätigt wurden, waren auf die Annahmen gebaut, dass der Finanzierungsprozess ganz bestimmt sofort „losgehen“ könnte, und dass wir getrost alles machen könnten, was uns in den Sinn kam. Es gab keine Klarheit über die wahre Situation. Wenn in einer Familie ein Kind sich ein Fahrrad wünscht und ein anderes nach Litauen fahren möchte, um sich dort die Delphine anzuschauen, dann freuen sich die Eltern, dass sich ihre Kinder überhaupt für etwas interessieren. Aber wenn dann der Vater sagt, er sei sich nicht sicher, ob er im nächsten Monat überhaupt noch etwas verdienen würde, weil er möglicherweise entlassen werde, dann wird es uns schwer fallen, uns in die Finanzplanung dieser Familie hinein zu versetzen. Sollen dann die Eltern zu den Nachbarn gehen und sie bitten, ihnen Geld zu leihen und ihnen versprechen, ihnen den Betrag nach anderthalb Monaten wieder zu erstatten? In Wirklichkeit würden wir die ganze Sache aufschieben, bis zu dem Augenblick, da wir wieder ein Monatsgehalt auf unserem Konto haben. Dann würden wir sehen, welchen Wunsch unserer Kinder wir erfüllen können.

Natürlich war es nicht so, dass wirklich allen Vorhaben grünes Licht gegeben worden ist. Aber das waren auch die Vorhalte der Bischöfe, dass sie alle mit dem Eindruck eines der Realität nicht entsprechenden Optimismus zufrieden gestellt werden sollten, statt allen längst zu sagen dass die Lage sehr schlecht sei. Wenn man begriffen hat, dass die Lage schlecht ist. dann ist es viel einfacher, über die Reduzierung der Aufgaben und die Entlassung von Mitarbeitern zu sprechen. Wenn aber gesagt wird, dass sei nur eine Strategie, dass man Mitarbeiter entlässt, denn im Herbst würde die Situation viel besser, dann erkennt man plötzlich, dass die Situation noch viel komplizierter ist. Wenn aber die wirkliche Situation allen bekannt ist, dann braucht man den Menschen gegenüber keine Winkelzüge zu machen, sondern man kann ihnen die Situation so darstellen, wie sie wirklich ist, in der wir auf manches verzichten müssen. Es ist schon ethisch schwer, sich bei einem Mitarbeiter, der entlassen werden soll, für seinen Einsatz zu bedanken, wenn er in seiner Familie der einzige ist, der einer Arbeit nachgeht.

- Sowohl in der Gesellschaft als auch in der Kirche können wir manches Mal einen Mangel an Vertrauen und Zusammenhalt beobachten, wenn wir alle etwas unternehmen oder für etwas eintreten sollten. Ist es nicht auch eine der Hauptaufgaben eines Bischofs, sich für den Zusammenhalt einzusetzen?

- Vor Zeiten hatte Thomas von Aquin einen sehr wichtigen Ausdruck geprägt. Er sprach vom gemeinsamen Wohl. Wenn wir heute die Situation unseres Landes betrachten, dann müssen wir feststellen, dass unsere staatlichen Behörden und auch die Gesellschaft insgesamt davon noch sehr weit entfernt sind. Wenn für eine Gesellschaft das gemeinsame Wohl das Hauptanliegen ist, um das sie sich schart, dass ist sie auch bereit, Opfer zu bringen und zu spenden, denn es ist unser gemeinsames Wohl, für das wir eintreten. Wir müssen nur definieren, wer zu der Gesellschaft gehört – die Familien, Rentner, die sozial nicht versicherten Menschen. Aber die Bereitschaft, für einander einzutreten und zu spenden, muss auf allen Ebenen vorhanden sein. Und die fehlt uns zur Zeit, denn niemand interessiert sich für das gemeinsame, sondern vor allem für das eigene Wohl.

Deshalb ist es heute sehr wichtig, diesen Zusammenhalt wach zu rufen. Um diesen Prozess voranzubringen, muss auch die Leitung bereit sein, für das gemeinsame Wohl einzutreten.

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Wenn das gemeinsame Wohl Offenheit und Ehrlichkeit erfordert, dann muss es Offenheit und Ehrlichkeit geben. Wenn es bei uns wirtschaftlich bergab geht, dann sagen die Leiter: Ich

schließe mich dem an und gehe auch bergab. Es muss eine gemeinsame Sache geben, für die wir bereit sind, etwas zu tun. und auf etwas zu verzichten.

Die heutige Gesellschaft der Konsumenten ist nicht auf das gemeinsame Wohl hin orientiert, sondern auf das Individuum. Sie wird vom Konkurrenzdenken, von der Begierde und von Missgunst geprägt. Das ist ein Problem unserer Zeit. Die Kirche muss unter denen sein, welche die Idee vom gemeinsamen Wohl wach halten. Wenn die Kirche eine lebenswichtige Wahrheit zu verkündigen hat, dann wird sie zwangsläufig auch die Gesellschaft und einzelne

Menschen beeinflussen, die in dieser Gesellschaft aufwachsen.

- Was sagte Ihre Familie zu Ihren neuen Aufgaben? Wie reagierten Ihre Frau und Ihre Söhne?

- Sehr fröhlich waren sie darüber nicht, zumal das mit einem Umzug weg von Jūrmala verbunden ist. Aber sie sind inzwischen schon einigen Wechsel gewohnt, der zu meinen ständigen Begleitern gehört, Alles begann damit, dass ich die Wände der Sakristei angestrichen habe, dann wurde ich Evangelist, Pfarrer und Propst. Und nun bin ich Bischof. Glücklicherweise kann da nichts weiteres mehr kommen, das ist wenigstens ein Trost, der mir die Sicherheit gibt, dass jetzt mit einem weiteren Wechsel nicht mehr zu rechnen ist.

Ich habe es begriffen, dass es nicht gut ist, sich in diesem Leben an einen bestimmten Ort festzuklammern, sondern man sollte immer zu Änderungen bereit sein. Dann werden einem diese immer etwas leichter fallen.

Neue Saison hat in der Einkehrstätte in Mazirbe begonnen. Līga Bitmane.

Zur Frühjahrs- und Sommersaison lädt die Einkehrstätte Mazirbe herzlich Gäste ein sowohl zu den bereits geplanten Einkehrtagungen als auch für die Möglichkeit in Mazirbe eine Zeit allein oder mit der eigenen Familie zu verbringen.

Die Einkehrstätte von Mazirbe liegt im schönsten Teil des Nordens von Kurland. im Nationalpark von Slītere, 20 km von der Spitze von Kolkas Rags entfernt. Mazirbe ist ein von Gott besonders gesegnetes Stück Land.abgelegen von allem Lärm und allem Gedränge einer Stadt. Hier konnte die ELKL mit der Hilfe aus Sachsen und dem Pfarrerbund in Baden die Idee einer Einkehrstätte Wirklichkeit werden lassen und eine Stätte schaffen zum Schöpfen von Kraft und Freude und den Dienst der Liebe der Mitarbeiter dankbar entgegennehmen. Mehrere Male im Jahr finden hier veranstaltete Einkehrtagungen für Pfarrer und Mitarbeiter und deren Familien und für andere Interessenten statt.

In der Einkehrstätte haben Gäste die Möglichkeit des Aufenthaltes in drei Häusern, die mit allen Notwendigkeiten ausgestatteten sind und in denen 5 bis 7 Menschen untergebracht werden können. Die Unterbringung in diesen kleinen Häusern ist für Pfarrer. Mitarbeiter der Gemeinden sowie für andere Interessenten gedacht. Die Gebäude stehen auf dem Gelände des alten Pfarrhofes mit einem Garten und neben einem Park mit Spazierwegen. Zum Meer kommt man zu Fuß in 20 Minuten hin.

In der Einkehrstätte kann man Gemeindeseminare, Sitzungen, Sommerlager und Einkehrtage veranstalten. Übernachtungsmöglichkeiten bestehen für Gruppen bis zu 29 Personen.. Im Sommer können wir auch einen Zeltplatz und einen Platz für ein Lagerfeuer anbieten.

Jeder Gast ist herzlich eingeladen, auch bei der Pflege und Reinigung der Umgebung mitzumachen. Interessierte, die gerne längere Zeit in der Einkehrstätte leben möchten und bereit sind, bei verschiedenen Arbeiten mitzuhelfen und sich an den Andachten zu beteiligen, bietet die Einkehrstätte auch eine solche Möglichkeit an. Freiwillige Helfer können in dem Gebäude des Pfarrhauses kostenlos wohnen, am Alltag in der Einkehrstätte teilnehmen und damit einen Beitrag zur weiteren Entwicklung der Einkehrstätte leisten.

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Der Seelsorger der Einkehrstätte ist Pfarrer Armands Klāvs, für die Betreuung der Gäste sind Rūta Vilde und Evangelist Ainārs Kostanda zuständig.

Bischof Pāvils Brūvers sagt über die Einkehrtage der Stille: „Ich bin davon überzeugt, dass die Tage der Stille, die in Mazirbe bereits begonnen haben, für unsere Kirche von großem Segen sein werden. Im vergangenen Jahr hatte ich die Gelegenheit, an solchen Tagen der Stille teilzunehmen, die bei mir Spuren hinterlassen haben, die nicht fortgewischt werden können. Es war eine Woche, welche ich im Zwiegespräch mit Gott verbracht habe, in der ich den Blick nach oben gerichtet habe.und darüber nachdenken konnte, was wesentlich ist, und alles beiseite schieben konnte, was unwesentlich ist, und uns nach unten zieht. Während dieser Woche gibt es keine Gespräche, welche die Gedanken auf weltliche Dinge ablenken könnten. Wenn es überhaupt Gespräche gibt, dann nur mit dem Leiter der Einkehrtage, der hilft, das Herz dem Wort Gottes zu öffnen. Inmitten der Sorgen, Pflichten und der Eile des Alltags kommen wir oft nicht dazu, unser Herz dem Wort Gottes zu öffnen. Doch wenn wir still werden und Ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten, dann vernehmen wir, dass Christus an die Tür unseres Herzens klopft und seine Worte in Erfüllung gehen: „So jemand meine Stimme hören und die Tür auftun wird, zu dem werde ich eingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“

Die Umgebung von Mazirbe bietet viele Möglichkeiten, die Einsamkeit der Begegnung mit Gott zu finden. – sei es in dem eigenen kleinen Zimmer, in der Stille des Gartens, bei einem Spaziergang durch den Wald oder am Meeresufer, Ich denke, dass jeder Christ und ganz besonders jeder Pfarrer mindestens einmal im Jahr eine Woche in dieser engen Gemeinschaft mit Christus verbringen sollte, denn der Segen einer solchen Begegnung bleibt nicht nur bei einem isoliert, sondern nimmt Besitz vom ganzen Geist des Menschen, der Seele und dem Leib und erfüllt ihn mit neuer Kraft und mit neuer Freude für den Dienst an Gott und dem Nächsten.

Informationen über die Einkehrstätte und Kontakte

1. Līga Bitmane. Telefon 00371-63423431

Mobil: 00371-29181152

Email: liga.bitmane@lelb.lv

2. Rūta Vilde: Mobiles Telefon: 00371-26463803

Email: ruta.vilde@gmail.com

Beide Damen sprechen englisch und sind bestens über die Aufenthaltsmöglichkeiten informiert. In einem Telefonat, das ich mit Frau Bitmane hatte, sagte sie mir, dass man sich dort über Gäste aus dem Ausland freuen würde.

Bereits geplante Einkehrtage im Jahr 2010.

13-18. Juni: Tage der Stille für Pfarrer und Gemeindeglieder

22.-28. August: Tage der Stille für Pfarrer uns Gemeindeglieder

Im September (das genaue Datum liegt noch nicht fest) Einkehrtage für Pfarrer und ihre Familien

12.-19. Dezember Einkehrtage in der Stille der Adventszeit.

In der Einkehrstätte finden nach einer bestimmten Ordnung Gottesdienste und Andachten statt:

9 Uhr Gottesdienst mit Abendmahl

13 Uhr Mittagsgebet

20 Uhr Vesper.

Sonntags findet in der Kirche von Mazirbe um 14 Uhr Gottesdienst mit Abendmahl statt.

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Der Chor der Kirchengemeinde Talsi trägt künftig den Namen „Amenda“ Inga Reča

Am 18. Apri lfeierte der Chor der Kirchengemeinde Talsi seinen 15. Geburtstag mit einem Konzert „Das Erbe“. Seit diesem Frühjahr trägt der Chor der Kirchengemeinde den Namen „Amenda“. Das sollte keine Großtuerei mit der Geschichte und dem Erbe der Kirchengemeinde sein, sondern nach 15 Jahren ernsthafter Arbeit etwas vom Können des Chores und seines Leiters zeigen. Kann man überhaupt etwas anderes tun als in der Kirchengemeinde, in der der Freund Beethovens und der Lehrer der Kinder Mozarts Pfarrer Karl Ferdinand Amenda 34 Jahre als Pfarrer tätig gewesen ist?

Vom Konzert am Ersten Sonntag im Advent bis zum Liederfest.

Als jemand, welche die ersten Anfänge dieses Chores mit verfolgt hat, kann ich bezeugen, dass der Chor von vorne herein sein Können auf ein sehr hohes Niveau gestellt hat. Als der Pfarrer der Kirchengemeinde Māris Ludviks 1995 aus seinem kanadischen Exil wieder nach Lettland zurückkehrte und seinen Dienst in der Kirchengemeinde Talsi begann, hatte er sich viel vorgenommen. Er wollte nicht, dass der Chor in die Reihe der vielen kleinen Chöre in Kleinstädten gestellt würde, sondern dass er sich von vorne herein um hohe Qualität bemühen sollte. Es gelang dem Pfarrer, die Pädagogin an der Musikschule Talsi Benita Paegle zu überreden, die Aufgaben der Chorleiterin zu übernehmen. Und da Chorleiterin und Pfarrer im Blick auf die Qualität dieses Chores einer Meinung waren, konnten die Proben für das erste Konzert am Ersten Sonntag im Advent beginnen, welches die Gemeinde überraschte und begeisterte. Im Laufe der 15 Jahre seines Bestehens hat der Chor mehrere 100 Konzerte gegeben, nach denen immer wieder unter den Zuhörern die Frage aufkam: „War das wirklich der Chor einer Kirchengemeinde, der heute gesungen hat?“ Diese Reaktion gab es nicht nur bei Leuten der Kirche, sondern ganz besonders überraschte der Chor bei dem Wettbewerb bei dem Allgemeinen Liederfest im Jahr 2001, dessen Zuhörer diesen Chor vorher noch nie und ds zum ersten Mal gehört haben. Von den 60 Chören, die sich diesem Wettbewerb gestellt hatten, gewann der Chor aus Talsi den zweiten Platz.. Darauf folgte im Rahmen von „Riga 800“ 2003 im Dom zu Riga ein geistliches Konzert. Bei dem Liederfest 2008 wurde der Chor eingeladen, im Festgottesdienst im Dom zu Riga anlässlich der Einführung der Staatspräsidentin in ihr Amt, zu singen. Zu großen Erfolgen führten den Chor auch die Dirigenten Normunds Priednieks und Imants Mežaraupis.

Was verbirgt sich hinter den Zahlen?

Einmal im Monat singt der Chor am Sonntagmorgen in seinem Gotteshaus und an anderen Sonntagen ist er bei anderen Kirchengemeinden aber auch im Ausland zu Gast. Während dieser 15 Jahre hat der Chor in 40 Gotteshäusern in Lettland gesungen, war in Schweden zu Gast, mehrfach in Deutschland, den Niederlanden, in Österreich, Dänemark und Finnland. 2009 besuchte der Chor die Landsleute in Irland und 2010 sang er bei dem ökumenischen Kirchentag in München. Seine erste CD „Talsi, die Stadt auf dem Berge“ produzierte der Chor 2002.

Wenn wir alle Einsätze des Chores zusammenrechnen, dann hat er 550 mal gesungen. Das Repertoire des Chores umfasst 375 Stücke, darunter 5 Großwerke vorwiegend von lettischen Komponisten, 10 Kompositionen des Dirigenten Imants Mežaraups sowie 22 Weihnachtslieder..

Während der 15 Jahre ist der Chor zahlenmäßig gewachsen – von 20 auf 52 Sänger und Sängerinnen. 20 von ihnen singen im Chor seit dem Tag seiner Gründung im Jahr 1995 mit. Zu Beginn jeder Saison werden neue Mitglieder geworben. Sie müssen Noten lesen können und Schüler der Musikschule gewesen sein. Der Chor ist auch für heranwachsende eine Möglichkeit, praktische Erfahrungen zu sammeln. Mehrere heute bekannte Dirigenten sind aus diesem Chor hervorgegangen.

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Seit seinem Bestehen arbeitet der Chor auch an seiner Kirchenzugehörigkeit. Alle Chormitglieder sind entweder Gemeindeglieder oder sie bereiten sich auf ihren Eintritt in die Gemeinde vor.

Das musikalische Können.

Mit dem Anwachsen des Repertoires wächst auch der Umfang der Arbeit, denn neben den Werken der Kirchenmusik muss auch das Programm für die Liederfeste einstudiert werden. 1007 wird Chorleiterin Benita Paegle von Normunds Priednieks abgelöst, 2003 folgt ihm Imants Mežaraups nach. Da Imants auch Komponist ist, kommen auch Werke von ihm in das Repertoire. Das umfangreichste Werk davon ist das Oratorium „Wir bauen einen neuen Turm“ für Chor, Streicher und Solisten. Bei dem Wachsen des Könnens des Chores werden die Werke musikalisch immer anspruchsvoller. Jetzt wagt er sich an die Kantate von Lūcija Garūta „Gott, dein Land brennt“ heran (entstanden 1944 kurz vor dem Einmarsch der Sowjetarmee) In der Festschrift zum 15. Geburtstag des Chores schreibt die langjährige Sängerin Ina Poļevska: „Das Einstudieren dieser Kantate dauert sehr lange, ist aber nie langweilig“.. In Talsi erklang diese Kantate zum ersten Mal am 9. November 2008 zum 90. Jahrestag der Unabhängigkeit Lettlands. Die Uraufführung dieser Kantate war am 30. März 1945 . Der Kammerchor „Ave Sol“ unter Imants Kokars hat sie am 14. April 1995 hier gesungen. Weiter schreibt Ina Poļevska: „Wir sind bewegt und begeistert, denn unser Können erwies sich als größer als unsere Zweifel. Wir sind über unsere Dirigenten begeistert und ihnen dankbar, die sich selbst vertrauten und bei ins keine Zweifel aufkommen ließen. Wie ein Bergsteiger, der die prächtige Höhe lange aus der Ferne betrachtet hat, allmählich die Schwierigkeiten des Aufstieges verliert, erreichten auch wir das Ziel.“

Wir empfinden uns immer als Kirchenchor

Die Chorleiterin und gleichzeitig die Seele des Chores Benita Paegle beurteilt diese 15 Jahre im Rückblick, dass dieses ein interessanter und auch komplizierter Weg gewesen sei.. „In dieser Zeit haben wir mehr erreicht als ich am Anfang zu hoffen gewagt hatte. Der Anfang der Chorarbeit war noch recht laienhaft, aber dennoch von Segen. Den Chor nach seinem bisherigen Verständnis weiterzuentwickeln, das vermochte ich nicht, und der neue Weg war riskant und unbekannt. Und dennoch empfanden wir von Anfang an bei unseren ersten Einsätzen die Hilfe einer unsichtbaren Kraft. Wir beteten immer, wir lernten zu beten und Gott zu vertrauen. Als Chorleiterin war es mir immer wichtig, den Mittelweg zu finden, den die beschreiten konnten, die nicht musikalisch hoch gebildet sind und die, welche schon eine lange musikalische Ausbildung absolviert haben. Die Anforderungen dürfen nicht zu niedrig sein, aber auch nicht zu hoch, damit sich keine Unzufriedenheit einstellt. Im Chor bedarf es eines großen gegenseitigen Verständnisses, gegenseitiger Hilfe und großen Vertrauens. Ich denke, dass die Hauptaufgabe des Chores in der Fortsetzung der Arbeit liegt, ungeachtet aller Umstände der Zeit.

Mit Amendas Namenn

Bei der Vorbereitung der Feier des 15. Geburtstages des Chores empfanden wir immer stärker die Notwendigkeit, diesem Chor einen Namen zu geben. „Der Vorschlag Amenda war so überzeugend, dass die Mehrheit des Chores für ihn stimmte,“ berichtet Ina Poļevska. Der Name Karl Ferdinand Amenda ist für Talsi ein wichtiges Merkmal. Obwohl er dort im 19. Jahrhundert – von 1802 bis Anfang 1836 – gewirkt hatte, so wird er doch bis heute als bedeutender Pfarrer und Musiker verehrt. Als Nachkomme einer deutschen Pfarrerfamilie erhält er eine gute musikalische umnd theologische Ausbildung, reist durch ganz Europa, arbeitet als Hauslehrer bei der Familie Mozart. Bei einem Musizieren lernt er Ludwig van Beethoven kennen. Das hat einen regen Briefwechsel zwischen diesen beiden Musikern zur Folge. Bis zum heutigen Tage ist noch ein Brief erhalten, der die Anschrift trägt „An Carl Amenda zu Wirben in Kurland“. Für die Aktualisierung des Namens von Amenda ist dem

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Heimatforscher Juris Jansons zu danken, der über die Beziehung zwischen Amenda und Beethoven eine Dokumentation erstellt hat. Daraus einige Überschriften: „Du kommst mir tausendfach in den Sinn,“ „Wie es zu der Ode an die Freude bei Beethoven kam Beethoven und der Kurländer Amenda.- die Resonanz einer Freundschaft“. Jansons hat auch Nachkommen von Amenda in Deutschland und Schweden besucht, die wiederum öfter die inzwischen zur Tradition hgewordenen Amenda Tage in Talsi besucht haben.. Diejenigen, die schon einmal im Pfarrhof in Talsi gewesen sind, wissen, dass hier Pfarrer Amenda gelebt hat mit seiner geliebten Ehefrau Janette und 13 Kindern. Beide sind auf dem Hügel neben dem Pfarrhof bestattet. Die Ruhestätte der Familie Amenda ist ein beliebtes Reiseziel für Touristen

Geworden. Im Sommer 2002 fanden in Talsi die ersten Amenda Tage statt zu seinem Gedenken und zu seiner Verehrung. In der lutherischen Kirche von Talsi wurde ein Relief von ihm enthüllt. Und nun trägt der Kirchenchor von Talsi seinen Namen.

P.S Bei dem Entstehen dieses Beitrages haben mir meine Amtsschwester in der Zeitung „Die Stadt auf dem Berge“ und eine der Chorsängerinnen seit 15 Jahren Ina Poļevska und Elina Miervalde sehr geholfen, denen ich dafür herzlich danken möchte.

„Wenn ich nichts mehr zum Essen habe, dann werde ich stehlen.“ Inga Reča

Das sagte ein soeben aus dem Gefängnis Entlassener zu Pfarrer Valdis Baltruks. Leider ist das kein Ausnahmefall, dass der Pfarrer solche „Ankündigungen“ fast jede Woche zu hören bekommt. Das einzige Argument, das er dem entgegenhalten kann, ist ein Laib Brot. Manches Mal sind es sogar mehrere, und manches Mal kommt ein Stück Wurst dazu. Das ist heute die beste Botschaft Christi – Lieben und mit dem Anderen Teilen.

Allen etwas geben, welche kommen.

Als ich Pfarrer Valdis Baltruks fragte, wie ich ihn in der Rūjiena iela finden könnte, in der ich noch nie gewesen bin, sagte er mir, dass ich das selbst sehen würde. Als ich mich dem „Büro“ des Pfarrers näherte, sah ich eine Schlange von etwa 50 Menschen. Und das ist so an jedem Mittwoch und Donnerstag. Ganz gleich, ob es regnet oder die Sonne scheint oder ob es minus 20 Grad kalt ist. Gleich ist es 10 Uhr und der Pfarrer verteilt dann Brot. Er unterscheidet nicht zwischen Menschen, die sich in seiner Kartei befinden oder nicht, wenn er genügend Brot hat. Dann bekommt jeder etwas, der gekommen ist. Heute nur je einen kleinen Laib. Nach zehn Minuten hat sich die Schlange aufgelöst, aber seine Sprechstunde dauert drei Stunden. Während dieser Zeit kommen noch einige Dutzende.

„In den Räumen der Gefängnisseelsorge habe ich meine Sprechstunden für die Menschen, die inzwischen aus dem Gefängnis entlassen sind. Ich helfe ihnen, mit ihrer Arbeit zurecht zu kommen oder eine Wohnmöglichkeit zu finden. Offen gesagt – sie werden oft betrogen. Natürlich sind einige von ihnen schräge Vögel, aber sie wissen oft nicht, wohin sie gehen und an wen sie sich wenden sollen. Man sagt ihnen oft, es gäbe für sie keinen Wohnraum – und das ist es dann auch. Ein ehemaliger Gefangener kann noch so oft behaupten, dass dieses seine letzte Möglichkeit sei. Aber wenn auf seiner Karte steht, dass er zu Freiheitsentzug verurteilt sei, dann… — Vor meinen Augen habe ich einige Menschen, die ordentlich aus dem Gefängnis entlassen sind und danach zu „Straßenmenschen“ wurden, weil sie keinen Ort hatten, an dem sie sich niederlassen konnten.. Ich möchte ihnen helfen und gehe zum Wohnungsamt und zeige ihnen, wie sie in diesem Prozess weiter kommen. Sie sind wie große Kinder und sie müssen auch so angefasst werden. Man kann sie leicht betrügen. Sie vertrauen sich leicht irgend jemandem an und verstehen nicht mit Geld umzugehen. Manchen konnte ich helfen,“ sagt Pfarrer Baltruks.

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Dank der „Hanse Bäckerei“ und „Lido“

„Für die Menschen ist es sehr wichtig, dass sie irgendwo Hilfe finden, eine Stelle, von der sie wissen, dass sie einmal in der Woche dorthin kommen können und dass man ihnen dort zuhört..“ Pfarrer Baltruks zeigt mir seine Kartei. Diese enthält Menschen, die aus der Strafanstalt entlassen sind – mit ihrem persönlichen Kennzeichen, ihrer Anschrift, der Grund ihrer Verurteilung. Ich habe auch eine noch größere Kartei, aber die „laufende“ enthält etwa 150 Namen. „Wenn ich Brot verteile, dann kommen Hunderte. Ich habe der „Hanse Bäckerei“ für diese Möglichkeit sehr zu danken, denn sie hilft mir sehr, denn neben den ehemaligen Gefangenen kommen auch Rentner und kinderreiche Familien, denen ein paar Stücke Brot weiter helfen. Wie ich das Brot verteile, hängt davon ab. Wie viel ich habe. An jedem Mittwoch kommen regelmäßig 50 Laib von der Hanse Bäckerei., und an einem Freitag ruft mich Ilze an und sagt: „Valdis, komm her und hol bei uns 1000 Stück ab. Dann fahre ich einen Teil davon nach Koknese und verkaufe sie dort auf dem Marktplatz. Ein Laib kostet 50 Santim, ein anderes Mal erhalte ich großes süß-saures Brot, das 80 Santim kostet. Die Menschen sind glücklich, dass sie dieses Brot bekommen können. Lido bringt mir Fleischwaren einige Dutzend Kilo, die nur für ehemaliged Strafgefangene bestimmt sind. Einmal im Jahr erhalte ich von der Firma Dzintars Seifen und Wasch- und Haarwaschmittel. Über alle erhaltenen Gaben wird sorgfältig Buch geführt. Am Ende des Jahres wird darüber ausführlich berichtet..

Die Gefangenenbetreuung besteht seit 1998. Diese Arbeit wird im Auftrag des Oberkirchenrats der ELKL von Pfarrer Valdis Baltruks durchgeführt, und dieser Dienst wird mit 100 Lat im Monat unterstützt. „Dieser Dienst ist nicht einer der Leichtesten. Dabei ergeht es einem sehr unterschiedlich.,“ sagt der Pfarrer und holt zwei verrostete Messer vom Schrank herunter. „Die hätten auch mich treffen können, aber gut ist es, dass ich es vermocht hatte, mich mit dem Stuhl zu wehren.“

Menschen am Wegesrande.

„Ein völlig normaler Mensch kommt gewöhnlich nicht in das Gefängnis. Ich möchte das nicht von allen sagen, aber viele von ihnen sind psychisch gestört – sie stehlen und vergehen sich auf andere Weise. Es steckt in ihren Genen und bricht dann in verschiedenen Situationen ihre Lebens aus. Dir fällt es doch nicht ein, etwas zu stehlen, aber bei vielen von ihnen gehört es zum Alltag. Psychisch krank ist doch nicht nur jemand, der mit Schaum vor dem Munde herumtobt und schreit. Ihnen kommt das normal vor, was in den Augen der Mehrheit der Gesellschaft unnormal ist.

Es sind Menschen am Wegesrande, an denen die Richtigen meistens vorbei gehen..Und wir wissen nicht, weshalb der Mensch an den Wegesrand geraten ist.. Aber vielleicht hat Jesus einen von ihnen vor unsere Haustür gelegt, um uns zu prüfen, wie wir darauf reagieren.

Einmal wurde ein Versuch veranstaltet. Man suchte Menschen aus, die bereit waren, durch die Wüste zu wandern mit einem Minimum an Lebensmitteln und Wasser. Doch hinter ihnen fuhr ein Wagen mit Wasser und verschiedenen Wohltaten. Und alle diese Menschen hielten den Versuch durch. Alle!! Dadurch wurde bewiesen, dass ein Mensch zugrunde geht nicht deshalb, weil ihm die Mittel zum Überleben fehlen, sondern durch das Bewusstsein, dass er in der Einsamkeit hilflos und allein gelassen ist. Und deshalb bin ich hier. Die Menschen haben in einer Woche fünf schwere Tag, aber an zwei Tagen können die zu Valdis kommen, mit ihm reden und ihm ihr Herz ausschütten, vielleicht einen Rat erhalten und etwas Essbares bekommen. Das ist sehr wichtig. Damit hat ein glaubender Mensch einen Vorteil dadurch, dass er nie allein ist, sondern dass er stets Gott an seiner Seite hat.. Gott ist mit allen, aber wichtig ist es, dass man sich Seiner Nähe bewusst ist.“ Das sind die Gedanken des Pfarrers, ständig unterbrochen vom unermüdlich klingelnden Telefon und von Besuchern.

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Alltagsgespräche

Ich konnte Zeugin sein bei Gesprächen mit ehemaligen Gefangenen und auch mit einem sehr ordentlich aussehenden etwa 20 Jahre alten Mann, der vor wenigen Tagen aus dem Gefängnis entlassen worden ist. Das Gespräch mit ihn schockierte nicht nur mich, sondern auch den Pfarrer, der bereits seit 20 Jahren in der Gefängnisseelsorge tätig ist. Ein Wort gab das andere, und es erwies sich, dass dieser bereits im Kindesalter 9 Straftaten ausgeübt hatte! Alle hingen mit dem Diebstahl von Computern zusammen. Im Gefängnis hatte er nur einmal während der letzten vier Jahre „eingesessen“, denn davor war er noch minderjährig.. Natürlich hat er keinen Beruf und hat die Absicht, sich in das Ausland zu begeben. „Nun ja, dort gibt es vielleicht noch schickere Computer“, sagt der Pfarrer zwischen den Zähnen.. Nein, nein, das eine Mal im Gefängnis hätte ihm genügt. „Vielleicht kann man diesen Knaben noch reparieren, und er spielt jetzt einfach den Gefangenen“, sagt der Pfarrer in seinem übergroßen Optimismus, aber ganz überzeugt ist er davon nicht und große Zuversicht klingt in seiner Stimme nicht mit.. „Ein Amtsbruder sagte mir einmal: Solchen Verbrechern kann ich nie und nimmer helfen! Aber Jesus hatte, als er gekreuzigt wurde, an seiner Seite auch zwei Verbrecher, für die er auch gelitten hatte. Dieses ist ein ganz besonderer Dienst, doch persönlich fühle ich mich viel wohler mit diesen Menschen als mit jenen angemalten Seelen, die an der Macht sind und die vielleicht noch viel größere Verbrechen auf dem Buckel haben.

Diese sind noch jung, aber sie sind ehrlich.

In das Gefängnis kommt der Ramsch der Gesellschaft. Hier habed ich einen ehemals Drogenabhängigen. Als wir miteinander redeten, da erwies es sich, dass er für seine Drogen 20 Lats am Tage brauchte. Ich fragte ihn: „Wo verdienst du 20 Lats am Tage?“ Er sagte: „In den Geschäften stehle ich seit zwei Jahren täglich.“ Zwei Jahre bestahl er die Geschäfte und erst danach hatte man ihn erwischt.

„Einmal kam zu mir jemand, und ebenso wie heute schaute ich auf seine Karte – Diebstahl.“.

Ich fragte ihn: „Was hast du gestohlen?“ Er sagte: „Ich habe Geschäfte beklaut.“ „Und jetzt wirst du doch nicht mehr stehlen?“ Er sagte: „Pfarrer, wenn ich nichts zu essen habe, dann werde ich stehlen.“ Bitte notiere dir diese Worte und unterstreiche sie. Was ist an ein paar Laib Broten großes dran? Was können wir den Menschen schon damit großes geben? Aber vielleicht halten wir damit jemand davon ab, dass er ein Geschäft bestiehlt. Das ist ein kleines Gegengewicht gegen seinen Diebstahl. Denn wenn er nichts zu essen hat, dann wird er sowieso stehlen gehen. Ein Mensch kann ohne vieles auskommen, aber das Essen ist die Grundlage unserer Existenz.. Es ist gut, dass wir auf der Kr. Barona iela das orthodoxe Kloster haben, die Vereinigung der Teresa, die Suppenküchen unserer Diakonie. Ihre Adressen sind den Hungrigen bekannt. Einmal am Tage bekommst du dort eine Mahlzeit und kannst satt werden.

Der Dienst an den Gefangenen als Berufung

Pfarrer Valdis Baltruks hat längst begriffen, dass es seine Berufung ist, diesen Menschen zu dienen. „Manche fühlen sich zum Dienst als Krankenhausseelsorger berufen, und unter denen gibt es wieder welche, die sich besonders der Krebskranken annehmen. Ganz sicher würde ich das nicht vermögen. Es gibt Pfarrer, die ganz besonders für die Arbeit mit Kindern begabt sind. Ich habe einige Stunden lang die Sonntagsschule geleitet, und danach war ich völlig nassgeschwitzt. Ich komme mit Kindern nicht in das Gespräch, aber mit Knaben verstehe ich mich sehr gut. Wenn sie versuchen, mich zu ärger, dann komme ich mit ihnen gut zurecht.

Aber diese Arbeit ist für mich von Segen und es macht mir Freude, wenn ich jemandem etwas geben und ihm helfen kann.“

Als die Gefängnisseelsorge gegründet wurde, waren bei ihr mehrere Pfarrer tätig, doch aus verschiedenen Gründen sind welche aus diesem Dienst ausgeschieden.. „Bei dieser Arbeit

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gibt es einen hohen Anteil an unzufriedenen Kollegen. Ich selbst bin mehrfach bestohlen und betrogen worden, man hat mir meine Tasche, mein mobiles Telefon und Geld weggenommen.

Einmal besuchten mich junge Männer zu Hause und erleichterten meine Frau um wertvolle Bücher. Sie sagten ihr, ich hätte sie beauftragt, ihr zu sagen, dass sie diese Bücher ihnen geben möchte.

Ein anderes Mal wurde ich gebeten, einen Gefangenen in einer Strafanstalt zu besuchen. Ich ging in seine Zelle, und als er mich erblickt hatte, rief er aus: „Ach, der Pfarrer ist gekommen. Was suchst du bei mir? Fang bloß nicht an, mir etwas über Gott zu erzählen!“ Ich sagte ihm: „Ich möchte mit dir nicht über Gott, sondern über das Leben reden.“

Und so fingen wir wirklich an, über seine Jugend zu sprechen, über Scheidewege und Veränderungen, wobei er mit seinem Zug in eine falsche Richtung weiter gefahren ist. Ich habe ihn einige Male besucht. Bei einem meiner letzten Besuche sagte er mir: „Valdis, ich habe möglicherweise Gott gesehen.“ Inzwischen ist er entlassen, und noch heute korrespondieren wir miteinander. Ich kann nicht sagen, dass er inzwischen sehr fromm geworden wäre,. aber er fängt an zu begreifen, was das für eine verändernde Kraft ist, die mich zu ihm gesandt hatte.“
PS. Pfarrer Valdis Baltruks möchte betonen, dass er der Hanse „Bäckerei“ und dem Restaurantunternehmen „Lido“ für ihr Verständnis und ihre große Hilfe sehr dankbar ist, denn ohne die würde ihm sein Dienst viel schwerer fallen.
Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Alksnāja iela 3 .- Riga- LV 1050

E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 28.05.2010))

Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck

Telefon: 04791-13356

E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers

Meinen nachsichtigen Lesern und noch geduldigeren Leserinnen geht die lettische Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“, wie bereits angekündigt, wegen deren neuen Erscheinungsrhythmus von einem Mal im Monat noch seltener als früher zu. Ich habe mir vorgenommen, außerhalb der Reihe immer wieder in die Internet Seite der ELKL hineinzuschauen, und, wenn es dort etwas Interessantes zu lesen gibt ,für meine geduldigen Leser und ausdauernden Leserinnen zu übersetzen und ihnen das außerhalb dieser Reihe zukommen zu lassen. Ich füge dieser Ausgabe den Text der Pfingstbotschaft von Erzbischof Vanags bei, und bitte alle diejenigen, die sie schon bekommen haben sollten, freuindlich um Entschuldigung..

Eine Ergänzung zum Artikel über die Einkehrstätte Mazirbe. Liga Bitmane hat mir nachträglich etwas über die Preise bei einem eventuellen Aufenthalt für Gäste mitgeteilt, die nicht Glieder der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands sind:

Der Aufenthalt in einem Häuschen (mit 5 Schlafmöglichkeiten) kostet pro Tag und Haus 36 Euro. Für jeden, der zu diesen 5 Hausgästen noch dazu stößt, sind 7 Euro pro Tag zu entrichten. Bei einem etwas längeren Aufenthalt sind Ermäßigungen möglich. Könnte es möglich sein, dass jemand aus dem Kreis meiner hoch verehrten Leserschaft vielleicht geneigt ist, diese hier angebotene Möglichkeit zu nutzen? J. B.

Pfingstbotschaft des Erzbischofs der Evangelisch-Lutherischen Kirche Lettlands

Vor seinem Tod am Kreuz hinterließ unser Herr Jesus Christus ein Testament. Seine Seele befahl er Gott an. Seinen Körper hinterließ er Joseph von Arimathäa zur Bestattung in dessen Grabe. Seine Mutter vertraute er dem Apostel Johannes an. Die Soldaten kamen in den Besitz seiner Gewänder. Aber was vermachte Christus seinen Jüngern, die alles verlassen hatten, um Ihm nachzufolgen? „Den Tröster, den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.“ (Joh. 14,17) Einer der Jünger fragt Ihn überrascht: „Herr, was bedeutet es, dass du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt?“ Aus seiner Frage spricht ehrfurchtvolles Erstaunen – die Propheten haben ihn erwartet, Könige wollten ihn sehen, aber du, Herr willst dich nur uns offenbaren, und nicht ihnen, der Welt? Ist das Auserwählt Sein Deiner Jünger wirklich so groß? Tatsächlich ist von den hohen Kirchenfesten der Tag der Ausgießung des Heiligen Geistes vor allem das Fest der Jünger.

Wir Christen sind der Tempel Gottes und der Geist Gottes wohnt in uns. (1. Kor. 3,16) Die Welt empfängt nicht einfach den Heiligen Geist, sondern sie kann ihn überhaupt nicht empfangen, da sie zum Vater in Opposition steht. „Denn alles, was in der Welt ist, des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges Leben, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt “.(1. Joh. 2,16) Die Welt versinkt im Bösen , und das Böse kommt von dem, der ein Lügner und der Vater der Lüge ist. Wie kann dann die Welt überhaupt den Geist der Wahrheit bei sich empfangen? Im Alten Testament lesen wir , dass das Salböl als Symbol des Geistes nach dem Willen Gottes das Blut des Schuldopfers reinigen sollte. (3. Mose 14,17).

Damit wird in der Zeichensprache vorweg erklärt, dass diejenigen den Heiligen Geist empfangen sollen, die durch das Blut des Einen Hohenpriesters geheiligt sind. (siehe Hebräer 10, 14-15) Der fleischliche Mensch begreift und versteht es nicht, was vom Geist kommt. Diejenigen, die nicht von oben her wiedergeboren sind, können das Reich Gottes nicht sehen., aber denen, die an Ihn glauben, die durch Wasser und Geist wiedergeboren sind, sagt Christus: „Ihr kennt den Geist, der ständig bei euch ist und in euch lebt.“ Am Pfingstfest rüstete Christus Seine Jünger mit der Kraft aus der Höhe aus, damit sie die Botschaft von der Versöhnung in die Welt brächten. Doch dadurch erschuf er Seine Kirche zu etwas völlig anderem als die Welt, dass Er ihr den Geist gab, den die Welt nicht zu empfangen vermag.

Daher können wir begreifen, wie besonders wertvoll dieses Geschenk ist. Doch was fangen wir mit ihm an? Die Antwort entnehmen wir dem Testament Christi: „Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren… und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen..“ (Joh. 14, 18+21+23) Jesus redet nicht von einem weit entfernten Gott, der nur schwer ansprechbar und hörbar ist. Er redet von Gott, der bei uns wohnt, der mitten unter uns wirkt wie bei der Erschaffung der Welt und mit uns ruht wie am Sabbat.. Das ist Gott, der Sein Leben mit uns teilt. Für unser Leben bedeutet das etwas ganz Besonderes: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.“

Nach diesem von Gott gesegneten Frieden sehnt sich jeder in dieser von Unruhe zerrissenen Welt.. Die Gegenwart des persönlichen Gottes wünscht sich jeder Christ. Doch es gibt ein Hindernis, das uns noch im Wege steht, und das der Lebenserfahrung eines Christen entspricht. Jesu Verheißung ist auch mit einer Bedingung verbunden: „Wer meine Gebote hat und hält sie, der ists, der mich liebt, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.“ (Joh. 14, 21) Es gibt einen großen Unterschied zwischen den sentimentalen Gefühlen, die wir gegenüber Jesus haben, und der rauen Wirklichkeit. Der Apostel Johannes sagt: „Meine Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“ (1. Joh. 3, 18). Der Glaube ist die Wurzel, deren schöne Blüte und gute Frucht der Gehorsam ist, welcher nicht über die Notwendigkeit stolpert, Opfer bringen zu müssen

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und auf dem Wege nicht stehen bleibt, selbst wenn dieser schwer und finster ist. Durch den Gehorsam gegenüber Christus ziehen die Nähe Gottes, Friede und Freude in unser Leben ein, den die Welt uns weder zu geben noch zu nehmen vermag.

Dennoch kann Gehorsam auch dazu führen, dass er Unsicherheit und Unruhe auslöst. Bin ich wirklich gehorsam? Wie kann ich die Gebote Christi halten, wenn mir schon die Zehn Gebote zu schwer erscheinen? Auch daran hat Jesus in seinem Testament gedacht: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten.“ Das ist keine Aufforderung oder Messlatte, sondern eine Verheißung. Nicht unsere Willenskraft oder Charakterfestigkeit, sondern unsere Christusliebe ist es, die auch den Gehorsam selbstverständlich mit sich bringt. Die Liebe ist als erste Frucht des Geistes nicht unsere Errungenschaft, sondern Werk des Heiligen Geistes. in uns. „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Friede, Geduld, Freundlichkeit und Treue.“ (Gal. 3, 22) Gewiss fühlen wir, dass wir nirgendwo, weder in der Liebe noch im Gehorsam, vollkommen sind. Auch der Apostel Paulus muss zugeben: „Nicht dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage dem aber nach, ob ich es wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin“ (Phil. 3, 12) Selbst der Apostelfürst Petrus konnte die Frage Jesu „Hast du mich lieb?“ nicht damit stolz beantworten, dass er darauf hinwies, dass er in der Stunde der Gefahr standgehalten hätte, sondern nur sagen: „Herr, Du weißt alles, Du weißt, dass ich Dich lieb habe.“ (Joh. 21, 17) Bei dem Gehorsam ist die Voraussetzung der Wunsch, oder wie Paulus es sagt:: „Nun aber vollbringt auch das Tun damit, wie ihr geneigt seid zu wollen, ihr auch geneigt seid zu vollbringen nach dem Maß dessen, was ihr habt.“(2. Kor. 8,11) „Nicht dass wir tüchtig sind von uns selber, uns etwas zuzurechnen als etwas von uns selber; sondern, dass wir tüchtig sind, ist von Gott, der uns tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“ (2. Kor. 3, 5-6)

Oft schätzen wir es nicht richtig ein, wie groß das Geschenk ist, dass uns Gott zu Pfingsten gemacht hat und räumen dem in unserem Leben recht wenig Platz ein, obgleich wir ihm gegenüber eine tiefe, ehrfürchtige und dankbare Bewunderung empfinden sollten. Hier schlägt eigentlich das Herz unseres Lebens. Paulus vergleicht den Alltag eines Christen mit einem Wettkampf. Bei dem geht es nicht um einen Wettbewerb mit anderen um die schönen Dinge dieser Welt. Es ist auch kein Wettlauf, bei dem man mehrere Kontrollpunkte erreichen muss, was notiert wird, und ich dann Gott etwas vorzeigen kann, was eine ähnliche Bedeutung hat wie eine Eintrittskarte in den Himmel. Es ist ein geduldiger Wettkampf mit mir selbst, bei dem ich lernen muss, mich dem Wirken des Heiligen Geistes nicht zu widersetzen. Christus hat uns die Werkzeuge dafür in die Hand gegeben. Da ist zuerst die Abkehr von der Sünde in mir. Dann hat Er Sein Wort und die Sakramente geschenkt und die Möglichkeit mit Ihm zu reden wie mit unserem Vater im Himmel, und das allein oder in der Versammlung der Gemeinde, sowohl ernst in der Stille, als auch lautstark im fröhlichen Lob. Er hat alles vorbereitet und uns zugedacht. Nehmen wir es dankbar an und machen davon mit Freude Gebrauch. Dann schenkt uns der Geist täglich die Abkehr von den Sünden, den Glauben an das Evangelium, die Liebe zu Christus, die Lebensfreude, den Frieden mit Gott, den Menschen und mit mir selbst, und alles, was meine Seele braucht, um glücklich zu sein. Dann wird mein Leben zum Segen für andere und auch für Gott annehmbar, weil es sich die Christusliebe und das Halten Seines Wortes zum Ziel gesetzt hat. Das ist der Sinn des Lebens und der Sieg über die Welt.

Das Pfingstgeschenk Gottes erleuchte uns stets in den Realitäten unseres Lebens und Wirkens

im Alltag.! Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen.

Herzlich grüßt Euch Euer Erzbischof Jānis Vanags (Übersetzung: Johannes Baumann)

Verfasst von: liefland | April 6, 2010

Ausgabe Nr. 6 (1833 ) vom 20. März 2010

Vergeltet nicht Böses mit Bösem. 1. Petrus 3,9

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.

2. Sonntag vor Ostern – Judika Ausgabe Nr. 6 (1833 ) vom 20. März 2010

Gottes Werk in den Gemeinden Milda Klampe, Evangelistin

Am Samstag, dem 13. März, fand im Gemeindezentrum der Luthergemeinde in Riga eine Versammlung der Propstei Riga statt. In der Andacht zu Beginn betrachtete Propst Linards Rozentāls den 23. Psalm und legte dabei den besonderen Akzent auf Vers 6: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ Unser gemeinsames Treffen ist ein Innehalten im Lauf des Alltages, um auch ein anderes Leben zu betrachten. Erstens laufen wir selbst der Gnade hinterher, und merken nicht dass die Gnade uns hinterher läuft, und wir ihr zu entfliehen versuchen. Gnade können wir nicht dadurch verdienen, dass wir ihr hinterher laufen. Gnade können wir uns nur schenken lassen. Zweitens: wie können wir unsere Gemeinden zu Häusern erbauen, in denen einer auf den anderen zugeht und Beziehungen entstehen, in denen einer den anderen annimmt, und in denen die Menschen zur Umkehr bereit sind? Weisen wir einander den Weg nach Hause, wo wir Christus begegnen.

Die Bibelarbeit von Pfarrer Indulis Paičs hatte das Thema „Möglichkeiten des Interpretation des Verständnisses des Opfers Christi.“ Wenn wir uns fragen, weshalb es so viele so verschiedene Interpretationen gibt, dann wird uns das nicht schaden, wenn wir uns dem Werk Christi voll und ganz anvertrauen.

1. Die älteste Theorie (nach Irenäus, Athanasius und Gregor) – die Idee von Christus als Sieger – ist die, was Gott durch Jesus getan hat. Christus ist gekommen, um die Werke des Teufels zu zerstören. Dadurch schenkt Gott der Welt die Rettung und befreit sie von dem Verderben des Teufels. Auch der Apostel Paulus betont immer wieder, dass Gott der Welt die Rettung geschenkt hat dadurch, dass er sie von den Werken des Teufels befreit hat. (Z.B. im Brief an die Kolosser.)

2. Die Theorie der Erlösung des Leibes (nach Irenäus) Die menschliche Natur hat schwer gelitten, doch wenn Jesus kommt, dann setzt er einen Prozess der Verwandlung in Gang, der mit einem Blutwechsel verglichen werden könnte. Der Unterschied zur ersten Theorie besteht darin, dass unser Blick nach innen gerichtet wird. Gott wird Mensch, und dann heilt es uns. Durch Christus werden wir vollkommen verwandelt. Heute ist diese Heilsidee sehr erweitert

Christus hat die ganze Schöpfung bei sich aufgenommen – auch das Irrende und Böse.

3. Die Theorie der Genugtuung (nach Anselm von Canterbury). Weshalb wurde Gott Mensch? Durch den Sündenfall haben wir Gottes Ehre und Gerechtigkeit verspielt. Dafür gibt es zwei Lösungen – entweder du leistest Genugtuung oder du wirst bestraft. Nur Gottes Sohn konnte durch sein Werk und sein Leiden, dem er sich unterwarf, Gott seine Ehre und Gerechtigkeit wiedergeben, die ihm zukommt. Dieser Theorie der Stellvertretung begegnen wir heute in den USA bei 90 % aller Christen.

4. Während der vergangenen Jahrzehnte war die Theorie der Anteilnahme (zuerst bei Barth und Bultmann) aktuell. Wir sind in Jesus Christus eingefügt. In ihm werden ale Menschen vereint, und wir übernehmen von Jesus dessen Eigenschaften.

In der Aussprache über den Vortrag betonte Pfarrer A. Bite, dass wir beachten sollten, dass die Menschen auf ihre Weise das ausdrücken, was sie selbst erlebt haben. Doch wir möchten gerne verstehen , wie diejenigen es verstanden haben, die es vorher noch nicht begriffen haben. So spricht der Apostel Paulus zum Beispiel vom Christentum deshalb, weil die Menschen es nicht begriffen hatten.

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Einen Bericht über die Situation der Gemeinden in der Propstei gab Propst Linards Rozentāls.der zu Beginn sagte: „Wir können täglich Gottesdienst halten, doch wenn wir einander nicht beistehen, zueinander freundlich sind, dann wird uns unser Glaube auch nicht helfen, denn dann wird er leer sein, weil wir alles haben, außer Gott. Dann ist da auch nicht Christus, wo wir die Kerzen auf dem Altar anstecken, außer dass Menschen sich miteinander um die Einigkeit im Glauben und einander helfen.“ Die Gemeinde ist die Familie Gottes, in der es keinen Unterschied zwischen Mächtigen und Geringen gibt. Oft erscheint es uns, dass alles unmissverständlich sein würde, aber der Glaube an Christus ist etwas Ungewöhnliches. Er lässt uns zu Menschen werden, die sich von dem verabschieden, was in uns gestorben ist, und dem nachfolgen lässt, was in uns neu geboren ist.

Die Propstei Riga hat 24 größere und kleinere Kirchengemeinden. Propst Rozentāls rief jede Gemeinde auf, das zu ergründen, womit sie den Nächsten und der Gesellschaft ganz besonders dienen könnte. Wenn wir das gefunden haben, dann werden wir merken, dass wir das tun sollten, was wir zu tun haben. Das wird uns die Augen öffnen. In dieser Zeit ist es wichtig, „mit den Augen und den Herzen unsere Mitmenschen und ihre Perspektiven zu begleiten.“ Deshalb ist es auch wichtig, für diese Wegbegleitung besomdere Gruppen zu ihrer Hilfe in das Leben zu rufen, die eine Ehescheidung erleben mussten oder die ihre Arbeitsstelle verloren haben oder die einen nahen Menschen durch den Tod verloren haben. Wir können weder den Regen, noch die Wolken oder den Sturm beeinflussen, aber wir können unseren Nächsten mit dem Regenschirm schützen. Dabei ist es wichtig, dass der Regenschirm dicht ist und keine Löcher hat.

Zur Zeit verrichten in den Kirchengemeinden in der Propstei 33 Pfarrer, 2 Pfarrvikare und 9 Evangelisten ihren Dienst, also 44 Geistliche. Das ist eine große Schar. Zur Situation der Gemeinden: nur 54 % der Gemeinden haben ihren Jahresbericht eingereicht, so dass wir im Blick auf die Situation keinen objektiven Überblick haben. Das mag mit dem neuen Verfahren bei dem Einreichen des Jahresberichtes zusammenhängen.

Um einen orientierenden Überblick über die Arbeit der Gemeinden in der Propstei zu erhalten, hat sich der Propst mit den Daten der größeren Kirchengemeinden befasst. Im vergangenen Jahr hat es einen leichten, aber durchaus spürbaren, Rückgang bei der Zahl der Gemeindeglieder (5,5 %=471 Personen) gegeben. Die Zahl der Konfirmanden ist um 23 % gesunken. Einer der Gründe dafür ist, dass sich immer weniger Menschen dafür entscheiden, sich trauen zu lassen. In Krisenzeiten kommen auch weniger Menschen zum Gottesdienst. Daraus schließt der Propst, dass die Krise nicht nur die Finanzen betrifft, sondern das wir deren Probleme bei uns selbst suchen müssen, weshalb bei den Menschen der Eindruck entsteht, dass wir ihnen nicht mehr helfen können. Aber diejenigen, die weiterhin kommen, unterstützen auch jetzt weiterhin ihre Gemeinden wie bisher oder sogar noch mehr, so dass die gemeinsamen Einnahmen nur um 2 % zurückgegangen sind..

L. Rozentāls betont: „Die Hauptsache ist unsere Arbeit in den Gemeinden. Dass unsere Kirche auch in schweren Zeiten durchgehalten hat, können wir nur unseren Gemeinden verdanken. Das, wie wir arbeiten, welches Zeugnis wir über uns selbst abgeben, wie wir es vermögen, die frohe Botschaft von Christus an die Menschen so weiterzugeben, dass sie sie vernehmen und begreifen, das ist entscheidend. Dass die Menschen unsere Gemeinden als ihre geistliche Heimat empfinden, kann nur geschehen, wenn wir ihnen bei ihren Schmerzen,

Bedürfnissen und Nöten zur Seite stehen.“

Mit der finanziellen und wirtschaftlichen Situation der ELKL machte der Leiter der Eigentumskommission R. Ganiņš die Anwesenden vertraut. Er sprach von eingefrorenen Vorhaben und deren Entwicklung, über die gegenwärtige Situation, den Folgerungen und Empfehlungen. Er gab zu, dass schwere Fehler gemacht worden seien und dass es zur Zeit auch keine Alternativen gäbe, die aus dieser Krisensituation herausführen würden. Nach einer

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sehr scharfen und sachkundigen Diskussion beschloss der Propsteikonvent eine Resolution, mit der er zur Situation Stellung nimmt. Sie wurde von einem besonderen Arbeitskreis am 11. März erstellt und allen Pfarrern der ELKL zugesandt.

Familie in Deutschland spendet füe die Dreifaltigkeitskirche in Liepaja.

Kristīne Liepa, Leiterin der Stiftung für die Restaurierung der Dreifaltigkeitskirche

Für die Schilder der Register der resstaurierten Orgel der gibt es bisher nur eine provisorische Lösung aus Papier, aber sehr bald wird das abgelöst werden können durch kleine Tafeln aus Porzellan, welche die Namen und die Numerierung der Register enthalten.

Mit großer Freude können wir mitteilen, dass die Stiftung eine Spende der Familie von Eickstedt in der Höhe von 1400 Euro erhalten hat, die es uns ermöglichen wird, die neue Beschilderung der Orgelregister in der allernächsten Zeit durchzuführen. Die Stiftung ist mit dem Orgelbaumeister Jānis Kalniņš überein gekommen, dass diese Arbeiten bis zum 30. April dieses Jahres durchgeführt werden könnten. Für diese riesige Orgel mussten 158 kleine Schilder aus Porzellan bestellt werden, jedes mit dem Namen und der entsprechenden Nummer des Registers..

Schritt für Schritt gehen die Arbeiten an der Restaurierung der Orgel der Dreifaltigkeits-kathedrale voran. Im vergangenen Jahr konnte bereits das Vorhaben der Restaurierung des Spieltisches und der Barkermaschine durchgeführt werden, die von der vereinigten Stiftung Kurland in Deutschland ermöglicht wurde . Darauf folgte der Einbau einer neuen Stromanlage für das ganze Orgelgehäuse, für das das lettische Denkmalsamt 2500 Lats zur Verfügung gestellt hat.

Damit die Restauraqtionsarbeiten fortgesetzt werden könnten, nicht nur bei der Restauration der Orgel, sondern damit die Erhaltung der ganzen Kirche ermöglicht würde, der der Zusammenbruch droht, durch welchen die Kirche ernsthaft gefährdet ist, ist die Kirche auf die Spende jedes Gliedes unserer Gesellschaft dringend angewiesen.

Jetzt ist mit dem Neubau der sanitären Anlagen in der Kirche und um die Kirche herum und

mit der Stabilisierung des Fundaments der Kirche und mit der Senkung des hohen Grundwasserspiegels begonnen worden

(Zu allem dem eine bescheidene Bemerkung des Übersetzers, der für sich keineswegs den Anspruch erhebt, ein Experte in Angelegenheiten des Kirchen- und Orgelbaues zu sein, sondern sich seines Status als blutiger Laie sehr wohl bewusst ist: Es hat sich nach meiner Kenntnis die Praxis sehr gut bewährt, bei solchen gewaltigen Vorhaben den Orgelbau als allerletztes Element einzusetzen. Anderenfalls würde durch Staub und anderen Schmutz sehr viel Schaden angerichtet, was ausgerechnet in dieser schweren Zeit, in der die Kirche im Blick auf ihre Finanzen um ihr Überleben ringt, zu astronomisch hohen unnötigen Kosten führen dürfte, deren Verursachung durch unrichtige Planung unbedingt vermieden werden sollte. J. B.)

Aufruf, unsere Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“ zu abonnieren. Pfarrer Juris Zariņš

Im Namen der Abonnenten unserer Kirchenzeitung SR wende ich mich an jeden Leser und jede Leserin mit der Bitte, jeweils einen Menschen zu finden, der bereit ist, für den Rest dieses Jahres unsere Kirchenzeitung zu bestellen.

Es wäre für die Leiter unserer Kirchengemeinden und unsere Diakone eine sehr große Freude, wenn man alten und einsamen Menschen in unseren Kirchengemeinden damit eine unerwartete Freude bereiten könnte! Jetzt hat das Kapitel der ELKL beschlossen, dass unsere Kirchenzeitung ab dem 1. April nur einmal im Monat erscheinen und einen Umfang von 16 Seiten haben soll. Es wäre wirklich sehr traurig, wenn wegen Geldmangels das verloren gehen müsste, was viele Menschen getröstet und geistlich gestärkt hat.

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Mit großem Erfolg hat sich unsere Redaktion seit über zwei Jahrzehnten darum gemüht, eine interessante Zeitung zu gestalten. Mir schien es, dass man mit dem Erscheinen von zwei Ausgaben im Monat eine gute und der schweren Situation gerecht werdende Lösung gefunden hat. Das gab den Lesern auch Zeit zum Nachdenken über das stets umfangreiche Material, und wir haben Zeit für die Vorbereitung der nächsten Ausgabe. So hat uns die Krise auch eine gute Möglichkeit geschenkt..

Wegen der Qualität und der guten Ideen unserer Kirchenzeitung rufe ich alle auf, es nicht zuzulassen, dass unsere Kirchenzeitung von unseren Büchertischen verschwindet. Diese Zeitung ist unser Bindeglied und unterscheidet sich wohltuend von allen anderen Presseerzeugnissen.

Deshalb lasst uns dafür sorgen, dass jeder von uns einen weiteren Abonnenten für unsere Kirchenzeitung findet, damit sie möglichst zweimal im Monat erscheinen kann.

.Bittet, so wird euch gegeben! Ligita Ābolniece

Inta Zarkeviča, ist Psychologin, Magisterin der Psychologie, Mitglied des Kirchen- gemeinderates der St. Michaelisgemeinde in Jēkabpils, Koordinatoein der diakonischen Arbeit in der Propstei Sēlpils, eine hoch begabte starke Frau, von der auch viel erwartet wird.

- Dein Weg zu Gott begann bereits in den Jahren der Sowjetherrschaft. Dabei ist es interessant, dass sich deine Mutter deiner Zuwendung zur Kirche angeschlossen hatte. Erzähl mir doch bitte darüber etwas!

- Als ich in die 10. Klasse ging, wurde dort eine Diskussion über die Religion veranstaltet. Dabei begriff ich, dass die dort ausgesprochenen Erkenntnisse mich nicht überzeugen konnten. Zu Hause aprachen weder meine Eltern noch meine Großeltern von Gott. Nur ab und an sagten sie, dass alles Gute, was in dir steckt, von Gott, und das Böse vom Teufel sei. Eines Tages sagte ich meinen Eltern, dass ich mich taufen lassen möchte. Das machte meiner Mutter Angst, denn sie war von Beruf Lehrerin. Trotzdem kam sie mit Pfarrer Arturs Kamiskis überein, und der hat mich getauft. Das geschah 1985. Danach studierte ich ein Jahr in Jelgava. Ganz romantisch kam es mir vor, „heimlich, still und leise“ zur Kirche zu gehen. Nach einem Weihnachtsgottesdienst in einer der lutherischen Kirchen von Jelgava, nahm ich mir vor, mich im kommen den Sommer konfirmieren zu lassen. Im Jahr 1988 waren wir in der Konfirmandengruppe 12 junge Menschen, was für die damalige Zeit sehr viele waren. Meine Mutter wandte sich der Kirche immer mehr zu und fragte sich zuerst verwundert, was ich da wohl entdeckt haben mochte. Und allmählich wurde es ihr immer deutlicher, was in der Kirche für viele Menschen so „anziehend“ ist. Als mein Vater starb, ließ sie sich auch selbst „anziehen“ und leitete viele Jahre die Sonntagsschule.

- Bereits seit 10 Jahren berätst du im Gemeindehaus Menschen, zuerst als Krisen-beraterin und später als Psychologin. Welche Erfahrungen hast Du dabei gemacht?

- Meine erste Erfahrung war das Fallen der Hemmschwelle. Vor zehn Jahren hatte ich noch mehr Illusionen über die Einflussmöglichkeiten dieses Berufes und damit mehr Angst vor der Verantwortung.. Ich hatte das Empfinden, dass das, was ich als Psychologin zu sagen hatte, etwas ganz Besonderes und von ungeheuerer Bedeutung sei

Zweitens habe ich gelernt, den Menschen das Vermögen zurückzugeben, ihr eigenes Leben selbst zu beherrschen, und dabei nicht die Verantwortung dafür zu übernehmen, was sie selbst tun. Wenn wir in einem Gleichnis reden , so habe ich begriffen, dass ich, wenn ich als Psychologin mit der Zeit gehe, und mich dabei selbst wie in einem Spiegel betrachte. Ich gehe heran und entdecke dabei zum Beispiel meine Frisur.. Weiter ist es meine Entscheidung, was ich weiter mit meinen Haaren mache., wie ich sie kämme, ob ich mir den Kopf wasche.. Das einzige, wovon ich in diesem Augenblick überzeugt sein könnte, ist, dass derjenige, der zu mir gekommen ist, es mir, wenn er mich verlässt, nicht sagen wird, ob er das gemerkt hat. Am

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meisten habe ich mit mir selbst zu tun, um den Spiegel sauber zu halten, damit er kein schiefes Bild wiedergibt.

Drittens habe ich begriffen, dass der Psychologenberuf ein Privileg ist. Ich brauche mich nicht um die Zeit meines Alterns zu sorgen, über meine Rente, die immer älter werdende Gesellschaft, dass ich körperlich etwas nicht mehr schaffen könnte. Je älter ich werde, umso größer wird meine Arbeits- und Lebenserfahrung, und umso wertvoller werde ich.

- Vielleicht bist du deshalb ein Mensch geworden, der mehrere Berufsaubildungen durchlaufen hat. Welche?

- Das Lernen und die Ausbildung mag ich sehr und das gelingt mir auch gut. Ich meine, dass man als Psychologe ein ganzes Leben lang lernen muss. 2001 beendete ich mein Studium an der Pädagogischen Hochschule.mit dem Grad eines Bachelors in Psychologie und der Qualifikation als Familien- und Schulpsychologin. Im Herbst des gleichen Jahres erwarb ich in St. Petersburg die Qualifikation als Erwachsenenpsychologin. Dann habe ich mit meinem Studium der Familienpsychotherapie begonnen, das sich jetzt seinem Ende nähert. Ich habe auch noch andere Ausbildungen durchgemacht, wie zum Beispiel das Anwenden der milden bioenergetischen Methode, ich bin ausgebildet worden für das Zertifikat für die Arbeit mit gewaltgeschädigten Kindern, in der Märchentherapie, wofür ich 2005 den Magistergrad in Psychologie erhielt. Jetzt bereite ich mich auf meine Promotion vor. Dabei wird mein Forschungsgebiet die Arbeit mit Migranten sein, die aus Lettland ausreisen. Mich interessiert die Frage, was geschehen muss, dass Menschen zornig und verletzt fortreisen mit dem Vorsatz, nie wieder in die Heimat zurückzukehren?!

Mein ganzes Studium ist schwerpunktmäßig auf die Familienpsychologie gerichtet.. Je kleiner ein Kind ist, umso weniger kann ich als Psychologin es beeinflussen, wenn es wieder in das gleiche Umfeld zurückkehrt, aus dem es kommt. Deshalb ist die Arbeit mit der ganzen Familie viel effektiver.

- Sind die Menschen in dieser wirtschaftlich so instabilen Zeit mehr auf der Suche nach psychologischer Hilfe?

- Zur Zeit habe ich weniger Klienten. Den Menschen fehlt das Geld. Die leiblichen Bedürfnisse sind übermächtig. Einige Beratungen an Gemeindeglieder mache ich kostenlos., doch sonst ist die Beratung nur gegen Bezahlung- Es kostet mich Zeit und Kraft. Manches Mal frage ich mich, ob für mich die Psychologie Beruf oder Hobby ist. Mit dem, was ich dabei verdiene, kann ich gerade so eben meine Ausgaben decken.

Wenn während des Sowjetjahre mein Weg zu Gott begann, dann versuche ich in dieser Zeit der Krisen, diesen Weg mit Gott zusammen zu gehen, Wenn es auch bisher noch keine Tragödien bei mir gegeben hat, so ist es doch nicht einfach, dem Druck von aßen her stand zu halten, der durch die Fülle von negativen Informationen entsteht. Ich kann nicht sagen, dass ich immer die Spuren des Einen im Sand sehe, der mich auf seinen Händen trägt, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie Menschen ohne Gott diese Zeit überleben können.

- Hast du vielleicht nicht typische Kennzeichen bemerkt, die sich bei Menschen oft wiederholen?

- Ja, Menschen vertrauen ihre Sorgen Gott an, doch plötzlich greifen sie wieder nach ihnen. Dazu ein Beispiel. Eine Frau ließ ihr Haus reparieren. Sie war gläubig und vertraute Gott.. Sie fand Handwerker, die die Arbeiten für einen erschwinglichen Presi machen wollten. Aber dann sagte die Frau: „Aber ich habe dennoch den Eindruck, dass sie die Bretter nicht richtig zugeschnitten und zu viele Nägel eingeschlagen haben..“ Darauf sagte ich ihr: „Wenn du dich auf Gott verlässt und er dir geholfen hat, diese Handwerker zu finden, weshalb denkst du dann, dass Gott nicht in der Lage sei, besser als du die Nägel zu zählen?“ Oft verhalten wir uns so in unserem Leben. Wir überlassen Gott den Bau unseres Hauses, aber die Nägel möchten wir gerne selbst zählen.

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Ich habe bemerkt, dass wir uns als Volk zu gering einschätzen. Wir glauben, dass mit uns etwas nicht stimmt, und dass wir unbedingt beweisen müssen, wie gut wir sind. Denken wir an den Skandal mit dem Meteoriten. Man kann wirklich nicht sagen, dass das ein guter Scherz gewesen ist, aber das Fernsehen zeigt oft noch viel stumpfsinnigere Werbung. Ich begreife nicht, weshalb sich jemand vor aller Welt zum Narren machen muss. Damit alle Welt zum Ort des angeblichen Geschehens anreisen sollte in der Begleitung von Wissenschaftlern und der Polizei? Das war ihre Pflicht. Und wenn es wirklich ein Meteorit gewesen wäre? Diese so ungewöhnliche Werbung hat die Menschen etwas von der Krise abgelenkt und ihre Aufmerksamkeit auf globale Dinge gerichtet und nicht darauf, was sich täglich ständig wiederholt – dass eine Bank wieder Konkurs angemeldet hat. Wir wurden daran erinnert, dass es Sterne und Meteoriten gibt, die weiterhin fallen…

- In einem Interview hast du vor mehreren Jahren gesagt, dass „Gott der beste Psychologe sei.“ Macht es einen Unterschied, Menschen zu beraten, die an Gott glauben, oder Menschen, die noch auf dem Wege sind und nicht glauben?

- Wenn wir bedenken, dass die Stätte meiner Beratungen (das diakonische Zentrum der Kirchengemeinde) wohl kaum von völlig ungläubigen Menschen aufgesucht werden dürfte, möchte ich bemerken, dass es bei mir auch noch Grenzen gibt, welche durch meinen Beruf bedingt sind. Weder eine Psychologin, noch eine Psychotherapeutin beschäftigt sich so mit geistlichen Fragen wie es ein Pfarrer tut. Auf direkte Weise versuche ich nicht, jemanden Gott zuzuwenden. Wenn ich es aber mit Fragen der Vergebung und tiefer Beschuldigungen zu tun kriege, dann kann ich mit andeutenden Fragen auch über die Beziehung des Klienten zu Gott ihm helfen. Mir ist es gewiss nicht gleichgültig, ob mein Gesprächspartner an Gott glaubt oder nicht. Ich kann für ihn beten, auch wenn es nicht unser Beratungsgespräch unmittelbar betrifft. Wenn mein Gesprächspartner gläubig ist, dann empfehle ich ihm, Hilfe im Gebet zu suchen. Dann weiß ich, dass er nicht einsam und allein bleibt.

Es ist mir aufgefallen, dass es Christen oft schwerer fällt zu vergeben als anderen Denn Christen leben oft mit der irrigen Ansicht, dass uns Gott mit dem Empfinden dafür beschenkt hat, was verboten ist, und was nicht. Zum Beispiel der Zorn. Gott hat den Menschen ihm zum Bilde und Gleichnis geschaffen, das heißt, dass Gott derselbe bleibt gestern und heute und in alle Ewigkeit. Wenn wir das Alte Testament aufschlagen, dann können wir dort sehr viel über den zornigen Gott lesen. Eine ganz andere Frage ist dem Menschen nicht klar – dass man nicht unbedingt mit dem Zorn leben muss. Wenn jemand es sich selbst verbietet, zornig zu sein, dann treibt er seinen Zorn sehr tief in sich hinein. Manches Mal kann Gott uns nicht finden, wenn wir uns selbst getäuscht haben. Er kann uns nur dort finden, wo wir sind, und nicht dort, wo wir nicht sind. Wenn ich sage: Ich bin ohne Zorn, dann sagt Gott: Das stimmt nicht. Du bist auch dort, wo dich der kleine Ärger umtreibt und dir das weh tut.

- Du hast auch sicher manches persönlich erlebt, von dem ich gerne etwas erfahren möchte.

- Als Christ habe ich schon manches erlebt. Ich musste Menschen vergeben, und anscheinend hatte ich auch vergeben. Es vergingen 18 Jahre. Und dann las ich in einer Zeitung die Anzeige, dass dieser Mensch gestorben war. Bei mir kam darüber ein Gefühl von Freude auf. Wenn ich daran zurückdenke, so war das bei mir eine völlig unnormale Reaktion., denn ich pflege auf eine Todesanzeige. eines fremden Menschen nie so zu reagieren. Da begriff ich, dass ich mich selbst getäuscht hatte . Ich habe jenen Menschen entschuldigt, indem ich Tausende von Gründen für sein Verhalten gefunden habe, abedr ich habe nicht dem freien Menschen vergeben, der so nicht zu handeln brauchte, aber dennoch so gehandelt hat.. Dabei half mir die Therapie, die mir meine Verletzungen wieder in die Erinnerung rief, die mir

seelisch und leiblich weh taten, ich darauf meinem Zorn freien Lauf lassen und schließlich vergeben und mich mit dem anderen versöhnen konnte.

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Ich bin zur Beichte gegangen. Ich war zornig. Ich berichtete meinem Beichtvater von meinem Problem. Wir beteten zusammen, und dann bat ich ihn, dass er mit Gott darüber weiter sprechen möchte. Interessant war es aber, dass , nachdem ich die Stadt kaum verlassen hatte, in der das alles geschehen war, das Telefon bei mir läutete, und dieser Mensch wieder versuchte, mir weh zu tun. Aber das berührte mich nicht mehr. Gott hatte das alles bewirkt.

- Bereits seit zwei Jahren koordinierst du die diakonische Arbeit in der Propstei Sēlpils

Was kannst du über die diakonische Arbeit während dieser Zeit sagen?

- In dieser Propstei gibt es 30 Kirchengemeinden, Es wäre sicher sinnvoll, diese große Propstei in mehrere kleinere aufzuteilen. Wir veranstalten zeitweise diakonische Seminare und Fortbildungskurse für die diakonischen Leiter in den Gemeinden. Das passiert alle zwei Monate und diese Veranstaltungen dauern jeweils einen ganzen Tag. Immer schicke ich an alle 39 Kirchengemeinden Briefe, auch an diejenigen, die sich bisher noch nie gemeldet hatten. Das geschieht mit der Absicht, diejenigen zu informieren, die immer teilgenommen haben, ganz gleich, wann und wo das Seminar stattfand, und diejenigen, die bisher noch nicht reagiert haben. Ich habe mich für die Form des Briefes entschieden, denn die telefonische Benachrichtigung hat sich als eine sehr unsichere Sache erwiesen.

Ich habe für die Zukunft die Perspektive, dass es für die Gemeindediakonie wichtig wäre, ihre ursprüngliche Bedeutung zurückzugewinnen. Schon seit der Zeit Martin Luthers war die Diakonie einer der drei Pfeiler, auf die sich die Gemeinde stützen konnte. Das sind: der Gottesdienst, die Verkündigung und der Dienst der Nächstenliebe. Die Diakonie ist für die Identität der Kirche ein durch nichts anderes zu ersetzender Bestandteil. Diakon zu sein, steht unter dem ganz besonderen Segen Gottes. Es ist eine ganz besondere Berufung diesen Pflichten nachzukommen. Ich möchte wünschen, dass dieses mein Empfinden über die Stellung der Diakonie in der Gemeinde an jedem diakonischen Mitarbeiter und an allen Gemeinden „kleben“ bleibt.

- Im Gemeindehaus befindet sich auch das gut eingerichtete Arbeitszimmer der Psychologin, und du hast bereits mehrere Vorhaben entworfen, um Spenden für die diakonische Arbeit flüssig zu machen.

- Dieses Arbeitszimmer habe ich mit meinen persönlichen Geldmitteln renovieren lassen. Als ich damit begann, war das die trostloseste beschädigte Ecke des ganzen Hauses. Damals hatte ich den Gedanken: Wenn ich das hier renovieren kann, einschließlich der Tragebalken, dann sollte es doch eine Möglichkeit geben, Mittel für den Bau eines Diakoniezentrums in der ersten Etage aufzutreiben. Aber leider gehen große Vorhaben, die mit umfangreichen Renovierungsarbeiten verbunden sind, nur sehr langsam voran, denn dazu bedarf es vieler Finanzmittel, die wir zur Zeit nicht haben. Doch die Vorhaben werden entworfen, aber die Mittel werdedn vor allem für die diakonische Arbeit in der Propstei genutzt. Dazu gehört auch die Veranstaltung von Sommerlagern, Freizeiten für einsame Mütter, sozial gefährdete Familien, Opfern von Gewalt usw. Die Lager können gute Erfolge vorweisen, denn danach hatten viele Kinder den Weg zu Gott gefunden.

- Vom Rande betrachtet könnte es vorkommen, als seiest du jemand, der keine Probleme hätte: eine einträchtige Familie, einen interessanten Beruf, ein Haus und eine Gemeinde. Doch dir sind auch zwei Kinder mit besonderen Bedürfnissen anvertraut. Woher nimmst du die Kraft, mit diesen Problemen fertig zu werden ?

- Bei allen Problemen kann mir letztlich nur Gott helfen. Bei meinem Weg zusammen mit ihm und auch bei meinem Beruf habe ich es gelernt, dass der Weg eines jeden mit Gott etwas Enzigartiges ist. Jeden Menschen hat er einzigartig geschaffen, ein jede hat seine eigene Bestimmung.die Gott für ihn eingerichtet hat, und wo Gott ihn „abfängt“.

Das kann ich ganz besonders von meiner jüngsten Tochter Anna sagen, durch die uns Gott ganz besonders nahe gekommen ist. Ich hatte eigentlich nicht mehr vorgehabt, ein weiteres

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Kind zu bekommen. Als es sich aber anmeldete, hielt ich das für ein Wunder Gottes. Aber Gott und Anna hatten ganz besondere Pläne. Mein Arzt ließ es mich wissen, dass das Kind nicht sehen und gehen und möglicherweise auch nicht reden können werde. Ich haderte mit Gott. Ich hatte da nicht mehr viele Möglichkeiten. Ich bat die Luthergemeinde im Rigaer Stadtteil Torņakalns um ihre Fürbitte.und sogar in der Kirche sowie in der Klinik betete ich das Glaubensbekenntnis. Damals begriff ich, dass das Glaubensbekenntnis auch ein Gebet ist. Bis dahin hatte ich es nur als eine Formalität angesehen. In der Klinik begriff ich, dass es außer dem dreieinigen Gott – dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist – keinen anderen Gott gibt, der mir helfen und in den Gang der Dinge eingreifen kann. Es war wieder an einem Tage, an dem ich zur Kirche ging. Als ich durch die Tür in die Kirche hineinging, wurde gerade die Lesung vorgetragen: „Bittet, so wird euch gegeben, klopfet an, so wird euch aufgetan, suchet, so werdet ihr finden.“ Ich begriff, dass das mir galt und ich glaubte daran! Auch heute glaube ich noch daran, dass mit Anna alles gut gehen wird. Wann das geschehen wird, das liegt in Gottes Hand.

- Ist es nicht so, dass Gott Kinder mit besonderen Bedürfnissen besonders starken Eltern schenkt, die nicht unter der Last der Sorge um dieses Kind zerbrechen?

- Ja und Nein. Eigentlich bedeutet meine Kraft gar nichts. Gerade das hat mich dieses Kind gelehrt – verlass dich nicht auf deine eigene Kraft. Es ist nicht meine Kraft, die irgend etwas verändern kann. Offensichtlich brauchte ich noch dieses zweite Kind mit seinen besonderen Bedürfnissen, um endlich zu begreifen, dass mein eigenes Handeln gar nichts bewirkt. Ich muss es zulassen, dass Er handelt! Ja, ich bin davon fest überzeugt, dass alles gut ausgehen wird. Natürlich weiß ich nicht, was Gott unter gut versteht. Ich bin davon überzeugt, dass Er weiß, was ich darunter verstehe. Und wenn Er das verheißen hat, dann wird es auch geschehen.

Es ist nicht leicht. Ich muss im Glauben sehr stark sein. Für Annas Gesundheit brauche ich viel Geld. Sied ist auf die Hilfe einer Masseurin, einer Physiotherapeutin und einer Logopädin angewisen. Ich möchte ihr gerne eine psychophysiologische Behandlung und eine Pferdetherapie ermöglichen. Notwendig wäre auch die Prozedur der Stabilisierung der Tätigkeit des Gehirns, die sehr kostspielig ist. Sie hat eine schwere Operation hinter sich. Mit allen diesen Krankheiten kämpfen wir wie mit einem Drachen mit neun Köpfen: sobald man einen abgehauen hat,, wächst ein anderer nach. Dennoch habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben, dass Anna gehen können wird!

- Jeder Mensch hat einen Schutzengel. In einer extremen Lebenslage hast du ihn gesehen. Erzähle etwas darüber.

- Ja. Ich habe ihn gesehen. Vor zwei Jahren bemerkte ich, weil die Warnlichter nicht funktionierten, nach einem anstrengenden Arbeitstag nicht einen herankommenden Zug. Früher fragte ich mich, weshalb jemand in einer solchen Situation nicht aus dem Auto springen würde, aber hier habe ich begriffen, dass es gar nicht möglich ist. Ich hatte das Gefühl, dass das Auto nur eine dünne Hülle aus Metall sei, wenn man es mit dem Zug verglich. Ich war angeschnallt, und seit dem achte ich immer sehr genau darauf, dass sich alle anschnallen. Als das Auto durch die Luft flog, zog mir mein Leben nicht in Gedanken vorbei, sondern das waren Augenblicke, die mir sehr lang vorkamen…. Der einzige Gedanke, den ich hatte, war: So ist es! In diesem Moment erblickte ich hinter mir die goldene Gestalt eines Engels. Das Auto wurde gegen den Schrank einer Elektroanlage geschleudert, drehte sich und landete in einem tiefen Graben auf den Rädern – und ich hatte keine einzige Schramme! Deshalb möchte ich glauben, dass es mein Schutzengel war. Wenn Gott mir seinen Engel gesandt hat, dann hat er mit mir auch einen Plan.

- Was hilft dir in schweren Augenblicken, und was möchtest du den Lesern unserer Kirchenzeitung wünschen?

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- Das Gebet. Wenn ich bete, dann stärkt mich das. Ganz besonders empfinde ich das bei dem Sprechen des Glaubensbekenntnisses und des Gebetes von Thomas von Aquin. In Augenblicken großer Verzweiflung hilft mir das Wort Jesu: „Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich, wie die Welt gibt.“ Auch allen anderen wünsche ich den Frieden, den uns Gott schenkt.

Kirchenzeitung „Eesti Kirik“ wieder 20 Jahre alt. Inga Reča

Am 4. März gedachte die estnische lutherische Kirchenzeitung „Eesti Kirik“ ihres Wiedererscheinens vor 20 Jahren. Der Dankgottesdienst fand in der Domkirche zu Tallinn statt. Darauf folgte eine Feier im Konsistorium der estnischen evangelisch-lutherischen Kirche. Weil sich die Wege unserer Kirchen im Laufe der Jahre mehrfach gekreuzt hatten, war auch die Chefredakteurin von SR von ihren estnischen Kollegen zur Feier dieses ganz besonderen Anlasses eingeladen.

Eestii Kirik – eine Kanzel, welche die Freudenbotschaft verkündigt,

Das ursprüngliche Erscheinen der Kirchenzeitung unseres Nachbarlandes ist ebenso wie bei „Svētdienas Rīts“ auf das Jahr 1920 zurückzuführen, dem Jahr des Entstehens der freien Republik Lettland. Die erste Ausgabe von „Eesti Kirik“ erschien 1923. Und ebenso wie bei SR folgte seit dem Beginn der Sowjetzeit eine Unterbrechung von vielen Jahrzehnten. Die erste Ausgabe von „Eesti Kirik“ erschien am 4. März 1990..

Desn Festgottesdienst hielt Erzbischof Andres Pöder gemeinsam mit Joel Luhamet und Tiit Salumae und mehreren anderen Pfarrern. Auch die Chefredakteurin Sirje Semme nahm an der Prozession teil, die auch die Schriftlesung vortrug..

Propst Joel Luhamet, der selbst von 1990 bis 1992 Chefredakteur der estnischen Kirchenzeitung war, stellte in seiner Ansprache die Frage: Was sagt ihr, was die Kirchenzeitung „Eesti Kirik“ sei. Dabei nahm er Bezug auf Lukas 9, wo Jesus seinen Jünger eine ähnliche Frage in Bezug auf seine Person stellte. Wie eine Antwort auf die heutige Frage nach der Zeitung erklang der Satz: Ich glaube, dass du eine Dienerin Christi bist..

Die Zeitung kann sich nach ihrer Ausstattung und ihrem Umfang nicht mit den großen Tageszeitungen messen. Dennoch war sie die erste, welche die Tür zu Gott öffnete. Ebenso wie vor 20 Jahren ist sie etwas wie eine hohe Kanzel, von der aus unermüdlich einer großen Leserschaft die Freudenbotschaft verkündigt wird. Das sagt die Journalistin Lina Raudvassare über die Feier des Bestehens der Kirchenzeitung.

Die Kirchenzeitung wird durch die Krise nicht schwer betroffen.

Ich danke meinen estnischen Kollegen, dass sie mich nicht ohne „mein Ohr“ allein gelassen haben (es gab wenigstens eine Übersetzung in das Englische!) Mari Pearnurma war meine Begleiterin und konnte mir auch berichten, wie es „Eesti Kirik“ heute geht. Zur Zeit erscheint die Kirchenzeitung in Farbdruck an jedem Mittwoch im Umfang von 8 Seiten. An der Zeitschrift arbeiten die Chefredakteurin Sirje Semma, 5 Redakteure und ein Reporter in Tallinn (die Redaktion der estnischen Kirchenzeitung befindet sich in Tartu, wo das Konsistorium für den Bedarf der Redaktion in einem Hause eine halbe Etage gekauft hat.).. Natürlich gehören dort zu den Mitarbeitern auch ein Modellierer und ein Korrektor. Von der Seite der Kirche wird die Kirchenzeitung von einem theologischen Berater beaufsichtigt. Von großer Bedeutung ist Juri Ehasal für die Zeitung, der den Posten eines Finanzberaters bekleidet Seine Hauptaufgabe ist die Geldbeschaffung für Eesti Kirik. In dieser Hinsicht sind unsere estnischen Brüder und Schwestern in einer sehr guten Situation.. Ihr Haushalt wird aus fünf Quellen gespeist: Staatliche Zuschüsse, ein Zuschuss des Konsistoriums, und eine Beihilfe des Martin Luther Bundes in Deutschland. Die Esten verstanden es, ein Abkommen zwischen dem Staat und der Kirche zu erreichen, mit dem Ergebnis, dass die kirchliche Presse ebenso wie kulturelle Einrichtungen erhebliche Zuschüsse erhalten. Auch wenn die estnischen

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Kollegen sagten, dass auch sie die finanzielle Krise verspürten, kann man das nicht entfernt mit den dramatischen Verlusten vergleichen, die „Svētdienas Rīts“ zur Zeit erleiden muss.

Man wird sich des Wertes einer Kirchenzeitung erst bewusst, wenn man sie verloren hat.

Werfen wir einen Blick auf einen Beitrag einer estnischen Journalistin, die schrieb: „Bei dem Empfang im Konsistorium gab es viele gute Wünsche und Worte der Anerkennung.von Freunden aus Estland und dem Ausland. Die Chefredakteurin der größten finnischen Kirchenzeitung Mari Teinila verglich die Arbeit des Journalisten mit der Arbeit des alten Mannes im Roman von Vivi Luige „Der siebente Friedensfrühling“ Dieser alte Mann, der in seinem Leben bereits viel durchmachen musste, trug mit sich stets eine mit Apfelkernen gefüllte Streichholzschachtel.. Die Chefredakteurin sagte, dass die Berufung eines Journalisten mit der dieses alten Mannes zu vergleichen wäre: Aus jedem dieser kleinen Kerne erwächst ein großer Baum, von dem wir hoffen, dass er gute Früchte trägt.

Von unserer Seite wünschen wir unseren estnischen Brüdern und Schwestern, dass sie es nie zu erleben brauchten, dass ihnen das klare Wasser ausgeht!

(Herzlichen Dank an Pfarrer Mārtiņš Samms für seine Hilfe bei dem Zustandekommen dieses Beitrages.)

Ein kleiner Ort von einer großen Bedeutung. Ikšķile zum 825. Inga Reča.

Am 6. März fand in Ikšķile eine bedeutende Konferenz statt, die sich mit der Geschichte eines unserer ältesten Gebiete in Lettland befasste – mit dem 825 jährigen Bestehen von Ikšķile. Eine der Veranstalterinnen dieser Konferenz war die Evangelisch-Lutherische Kirche Lettlands. Jeder der sieben Referenten – Theologen und Historiker – entdeckte einen interessanten Aspekt bei der Erforschung der Geschichte dieses Ortes.im Zusammenhang mit Livland, dem Baltikum, Westeuropas und sogar des Mittleren Ostens und Byzanz. Die Anwesenden erwähnten immer wieder die Heimatforscherin Vaida Villeruša (1930-2009) die gerade dann 80 Jahre alt geworden wäre. Ihr Buch „Gājums“ (der Gang) wird bis zum heutigen Tage als das wichtigste Werk zur Erforschung dieses Gebietes betrachtet, welches jetzt einem größeren Leserkreis zugänglich ist.

Bethlehem und Ikšķile.

Erzbischof J. Vanags verglich Ikšķile mit Bethlehem. Der Ruhm dieser beiden Städte übertrifft bei weitem ihre Größe. „Im Blick auf dieses Gebiet kann man Ikšķile bei weitem nicht zu den größten bewohnten Orten Lettlands rechnen, doch es ist ein Ort von großer Bedeutung für das Entstehen der Identität des lettischen Volkes, welche sich aus der Folklore und der christlichen Tradition heraus entwickelt hat..“

Ikšķile wurde einst von den Liven an der Düna bewohnt, und der Name dieses Ortes geht aus den livischen Worten „uks kula“ (ein Dorf) hervor.

Natürlich spielt bei der Geschichte dieses Ortes auch der Name des Bischofs Meinhard eine bedeutende Rolle, denn mit seinem Eintreffen hier am Unterlauf der Düna wurde dieser Ort zum Ausgangspung für das Sich Ausbreiten des Christentums in Lettland und im ganzen Baltikum.

Nicht nur in der weit zurück liegenden Vergangenheit sondern auch heute leben in Ikšķile Menschen von großer Bedeutung für unser Land. Der Professor an der Universität Daugavpils Kaspars Kļaviņš nannte Ikšķile scherzhaft „die kleine lettische Landeshauptstadt, in der Mildronat lebt.“ (Bei Mildronat dachte er an ein Medikament, das Ivars Kalviņš, ein Glied der hiesigen lutherischen Kirchengemeinde, erfunden hatte)

Ein Punkt der Berührungen und der Zusammenstöße.

Der Direktor des historischen Instituts der Universität Lettlands Dr. hist. Guntis Zemītis berichtete über den Ort Ikšķile und seine Rolle im Baltikum aus der Sicht des Geschehens im 12.-13. Jahrhundert. Und bezog sich dabei auf die Beiträge von Professor Graudonis.

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Während der Sowjetzeit war das Interesse an archeologischen Forschungen recht negativ, wie man das vielen Beiträgen aus der Sowjetpresse entnehmen kann. „Von den Burgbergen der Vorfahren wirst du nicht viel zu sehen bekommen.“ Professor Graudonis versuchte dagegen anzugehen, in dem er zum Beispiel mit den Einwohnern am Ort „Feste zum Abschluss archeologischer Arbeiten“ veranstaltete. Solch ein Fest gab es in Ikšķile 1975.

„ Die archeologische Erforschung des Ortes, der Burg aus Stein, des Friedhofs und der Kirche

gaben Zeugnis von den ältesten Gebäuden aus Stein in Lettland.. Traditionell wird Ikšķile mit zwei Weltanschauungen in Verbindung gebracht – dem Zusammenstoß zwischen dem Heidentum und dem Christentum .in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Doch der Umfang der Probleme war größer. Ikšķile und dessen Umgebung waren auch eine Zone der Fühlungnahme zwischen Völkern – zwischen den Balten und Skandinaviern. In Ikšķile und Umgebung stießen nicht nur das Heidentum und das Christentum, sondern auch die römisch katholische Westkirche und die griechisch orthodoxe Ostkirche aufeinander, was die endgültige Zuwendung des Baltikums zum westlichen Christentum zur Folge hatte.

Zwei Glauben, zwei Kulturen. Zwei Identitäten.

Christentum und Heidentum im Livland des 12. und 13. Jahrhunderts. Mit diesem Thema befasste sich der Dozent der Universität Lettlands Dr. hist. Andris Šnē.

In seinem Vortrag betonte er dass die Annahme des neuen Glaubens – des Christentums ein politischer und wirtschaftlicher Kompromiss war, denn sogar im 16. Jahrhundert schrieb ein deutscher Theologe: „Die örtlichen Bewohner beten die Sonne und die Bäume an… Sie tragen zwar christliche Namen, aber sie wissen nichts über Christus.“ „Während der Zeit der Kreuzzüge wurde das Baltikum eine der Grenzregionen des katholischen Europas, in der sie auch mit dem Heidentum in Berührung kamen. Dort gab es historische katholische und orthodoxe Kultstätten. Dennoch ist noch mehrere Jahrhunderte nach der Christianisierung ein großer Teil der örtlichen Bevölkerung heidnisch geblieben, was sowohl aus archeologischen Zeugnissen als auch aus später entstandenen schriftlichen Quellen hervorgeht. In der Zeit der Kreuzzüge im 12. Jahrhundert war es in beidseitigem militärischen, politischen und Handelsinteresse und nicht eine religiöse Offenbarung, welche das Verhalten der örtlichen Gesellschaft gegenüber den Kreuzträgern und damit auch gegenüber den Christen bestimmte, und sie damit vor die Wahl zwischen der Annahme oder Ablehnung des Christentums stellte. Auf diese Weise kam es während der Zeit der Kreuzzüge bei dem Zusammenstoß verschiedener Kulturen später zu dem für den Raum Livland typischen Dualismus auf dem Gebiet der Religion und des sozialen Empfindens. Er unterlag einem ständigen Wechsel zwischen Zusammenarbeit und Konfrontation Auf dem Gebiet Livlands gab es zwei Gemeinschaften, von denen jede ihre eigenen Wurzeln und ihre historischen Erfahrungen, ihre Kultur und ihre sozialen Identität hatte“, sagte Andris Šnē

Sind die Kreuzzüge zu Ende?

Diese Überlegungen setzte in seinem Vortrag „St. Meinhard, seine Zeit und seine Mission“ auch Dr. theol. Guntis Kalme fort, der dabei die damalige geopolitische Situation in dieser Region schilderte. Vom Osten her griffen die Russen unentwegt an, vom Westen her waren es die Dänen, vom Süden her die Litauer. Die lettischen Stämme bewohnten den Weg der Esten nach Litauen. Damit befanden sich die lettischen Stämme unentwegt im Kriegszustand. Es war ein Krieg aller gegen alle. Damals gab es nur unter den Völkern zwei Arten der Beziehung: Handel oder Krieg,“ sagte Guntis Kalme. „Wir“ – und damit meinte er die lettischen Stämme – waren nicht so stark, dass wir eine Art „dritter Kraft“ bilden konnten. Er beschrieb Bischof Meinhard als einen friedliebenden Christen, der nur um Christi willen und um dessen Wort zu predigen, als alter, ehrwürdiger Mann von der Mündung der Düna flussaufwärts gefahren ist. Doch nach seiner Mission im 12. Jahrhundert fand man keine gemeinsame Sprache mit den örtlichen livischen Stämmen. Deshalb beschloss er, seine

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friedliche Mission abzubrechen, aber das gelang ihm nicht. „Die Vergänglichkeit kann man nur begreifen, wenn man schwere Fragen stellt und sinnvolle Antworten findet. Weshalb hatte die friedliche Mission Meinhards so wenig Erfolg? Weshalb waren die Erfolge des wesentlich aggressiveren Bischofs Albert anscheinend größer? Das sind die Fragen nach dem Verhältnis zwischen der Institution und der Frohen Botschaft. Weshalb gibt es diesen Widerspruch zwischen dem friedfertigen Charakter des Christentums und der gewaltsamen Verbreitung? Dessen muss sich die Kirche als auch die Gesellschaft bewusst werden,“ sagte Pfarrer Kalme in seinen Überlegungen. Pfarre Indulis Paičs setzte es fort, schwere Fragen zu stellen.

„Die Geschichte ist eine eigene Wissenschaft. Weshalb befassen wir uns mit deren Erforschung? Anscheinend sagen unsere historischen Interpretationen mehr über uns selbst als über die Geschichte aus.“ Er forderte auf, darüber nachzudenken, wie sich der wahre Sinn der Ereignisse in der Zukunft offenbart (offenbaren wird). Zum Beispiel der Angriff auf die Türme des World Trade Centers in New York, der Eintritt Lettlands in die EG. In diesem Zusammenhang könnte man fragen: Hat es überhaupt die Christianisierung Lettlands gegeben? Wenn man die Kommentare im Internet betrachtet, die sich täglich mit dem Christentum beschäftigen, dann muss man diese Frage mit Nein beantworten. Die Mythen der Kreuzzüge und späten die Mythen der Aufklärungszeit sind weiterhin lebendig.

Für alles ist die Interpretation entscheidend.

Der Geschichtsprofessor der Universität Daugavpils Kaspars Kļaviņš wies anschaulich darauf hin, wie sehr es auf die Interpretation historischer Fakten ankommt, und eine wie entscheidende Rolle dabei der Gesichtspunkt des Forschers spielt. Der Professor wies darauf hin, dass zwei Drittel der europäischen Geschichte aus literarischen „Folgen“ besteht. Als Beispiel nannte er einen Wald in einer Bescheibung eines arabischen Reisenden im 12. Jahrhundert, den er als einen „reichen Ort beschrieb, wo die Menschen das Feuer anbeteten.“ Es ist durchaus möglich, dass in dieser Beschreibung auch von der Daugava die Rede ist, was der Historiker, der diese Bemerkungen des arabischen Reisenden als „Duna“ übersetzt hat. „Wenn wir selbst diesen Text zu interpretieren hätten, dann kämen wir möglicherweise zu einem anderen Ergebnis,“ sagte Professor Kļaviņš. Er sagte auch, dass unsere Historiker zur Zeit die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit dem Nahen Osten hätten – zum Beispiel mit den Universitäten in Kairo und Alexandria, deren Professoren und Studenten sehr an der baltischen Forschung interessiert seien, ganz besonders im Blick auf die Kreuzzüge. Auch französische Wissenschaftler interessieren sich ganz besonders für die Geschichte von Ikšķile

Er erinnerte auch an die Ruinen der ältesten Burg aus Steinen in Lettland, die im 12. Jahrhundert von den berühmtesten Handwerkern im West- und Nordeuropa der damaligen Zeit – den Meistern aus Gotland – erbaut wurde. In der damaligen Zeit waren Burgen aus Stein eine Ausnahme. Der Professor demonstrierte das am Beispiel der Burg von Stanford in England und an deutschen Burgen, die anschaulich bewiesen, dass das traditionelle Baumaterial damals Holz war. Burgen aus Stein wurden in Europa erst im 14. und 15 Jahrhundert sichtbar. „Wir können zwischen Europa und uns keine Grenze ziehen. Im 13. und 14. Jahrhundert gehörten wir mehr zu Europa als heute,“ sagte K. Kļaviņš. So wurden die Liven und Lettgaller damals getauft, als ein Teil der Deutschen noch überhaupt nicht getauft war. Der Professor zeigte ein Gemälde, auf dem Kreuzritter abgebildet waren, die über Bauern herfallen. „Sie werden sicher denken, dass hier deutsche Kreuzritter zu sehen sind, die die Liven überfallen, doch eigentlich sehen Sie auf diesem Bilde flämische Kreuzritter, die deutsche Bauern unterdrücken. Kreuzzüge fanden damals auc in Europa statt. Unter ihnen hatte das deutsche Volk mehr zu leiden als die Liven.“

Professor Kļaviņš ar auch ein sichtbares Beispiel für den subjektiven Zugang zur Interpretation der Geschichte. Die geschichtlichen Fakten trug er so erfrischend, fesselnd und attraktiv vor, dass ich mir vorstellen kann, dass seine Vorlesungen in der Universität

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Daugavpils ganz bestimmt sehr gut besucht sind. „Die Periode der Romantik in der Geschichte wird fortgesetzt, die Periode der Wissenschaft hat noch nicht begonnen,“ stellte der Professor am Ende seines Vortrages fest.
Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Alksnāja iela 3 .- Riga- LV 1050

E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 1.4.2010)

Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck

Telefon: 04791-13356

E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers

Dieses Nachwort zu schreiben fällt mir am heutigen Gründonnerstag nicht leicht, weil es in einer Zeit entsteht, in der es der lettischen Kirche während der letzten zwanzig Jahre noch nie so schlecht gegangen ist wie heute. Als ein Freund und Leser dieser Übersetzungen aus Sachsen in Riga anrief und fragte, wie wir in dieser schweren Zeit helfen könnten, bekam er die Antwort, dass im Augenblick die lettische Kirchenzeitung am meisten gefährdet sei, verbunden mit dem Hilferuf, alles zu unternehmen, um die Einstellung des Erscheinens dieser Zeitung zu verhindern. Was 1940 die sowjetische Besatzungsmacht vermocht hatte, wird heute durch die Finanzkrise fortgesetzt: die Existenz dieser Kirchenzeitung wird in Frage gestellt. Ebenso wie meinem Freund aus Sachsen stellt sich auch mir die Frage, wie wir der lettischen Kirchenzeitung helfen könnten. Offensichtlich genügt es nicht, dass ich über zwanzig Jahre die Zeitung auszugsweise übersetzt habe, damit sie unter der deutsch sprechenden Leserschaft verbreitet werden könnte, ohne dafür irgendeine Vergütung oder Erstattung meiner Unkosten zu erwarten. Uns bleibt die Frage bestehen: Was können wir sonst noch dazu beitragen, dass die Zeitung nicht eingeht?

Auf der Seite 9 dieser Übersetzung beginnt der Bericht von Inga Reča über die Feier des Gedächtnisses des Wiedererscheinens vor 20 Jahren der estnischen Kirchenzeitung Eesti Kirik. Bei dessen Übersetzung bin ich etwas nachdenklich geworden, als ich zu Papier bringen musste, auf welche Zuschüsse die Zeitung der estnischen Schwesterkirche zurückgreifen kann: Da gibt es staatliche Zuschüsse, da gibt es Zuschüsse des Martin Lutherbundes und manches andere. Das sind Möglichkeiten , von denen die lettische Kirchenzeitung nur träumen kann. Ich dachte dann weiter nach, und hatte das Empfinden, dass sich nach der Meinung meiner verehrten Leserschaft meine Übersetzungen hinter denen der estnischen Kirchenzeitung, die von der EKD dankenswerter Weise an die interessierte Leserschaft mit versandt werden, anscheinend nicht zu verstecken brauchten. Da kann sich doch niemand wundern, wenn ich darüber nachgrüble, weshalb die estnische Kirchenzeitung im Gegensatz zu der lettischen mit einer Beihilfe z. B. des Martin Luther Bundes bedacht wird? Wenn das nicht als Bewertung der Qualität der lettischen Kirchenzeitung zu verstehen ist, dann möchte ich mich der Bitte von Frau Brūvers aus Riga anschließen, auch von hier aus alles zu unternehmen, um die lettische Kirchenzeitung weiter am Leben zu erhalten. Durch meinen Einsatz sollen, wie in den 20 Jahren zuvor, niemandem irgendwelche finanzielle Belastungen entstehen.

Zum Schluss wünsche ich meinen hoch verehrten Leserinnen und Lesern ein gesegnetes Osterfest. J. B.

Verfasst von: liefland | März 23, 2010

Ausgabe Nr. 5. (1832 ) vom 6. März 2010

Lasst uns aufeinander achthaben. Hebräer 10,24

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.
4. Sonntag vor Ostern – Oculi Ausgabe Nr. 5. (1832 ) vom 6. März 2010

Spalte der Chefredakteurin der lettischen Kirchenzeitung Svētdienas Rīts Inga Reča
Glaubt!
Jetzt brauchen wir Mitarbeiter der Redaktion dringender als sonst den Glauben. Wir brauchen den Glauben daran, dass alles, was geschieht, dem Willen Gottes entspricht, und dass uns diese Situation gegeben ist, um sie zu lösen und nicht, um ihr zu entfliehen.
Am vergangenen Wochenende beschlossen die Pröpste und Bischöfe, dass unsere Kirchenzeitung auf Grund der gegenwärtigen finanziellen Situation in unserer Kirche nur ein Mal im Monat erscheinen könnte.
Für Euch, die Ihr unsere Kirchenzeitung seit vielen Jahren lest, erhebt sich ebenso wie für die neu hinzu gewonnenen Abonnenten, die uns bereits einen Teil ihrer Finanzen anvertraut haben, die begründete Frage: “Wie ist das möglich?“ Wir haben bereits unsere Abonnementsgebühren für zwei Ausgaben im Monat entrichtet, und nun sollen wir nur eine Ausgabe im Monat erhalten… Die eigentliche Situation ist, dass die entrichteten Abonnementsgebühren nicht ausreichen, um unsere Kirchenzeitung im gewohnten Umfang erscheinen zu lassen Das Erscheinen unserer Kirchenzeitung „Svētdienas Rits“ verursacht der Kirche hohe Kosten, und die Kirche hat es übernommen, den größten Teil der Kosten zu tragen. Wenn jeder Abonnent mit seinen Gebühren die vollen Kosten abdecken müsste, dann müssten diese Gebühren drei Mal höher sein. Deshalb meine ich, dass wir in diesem Augenblick eher Anlass zum Dank hätten für das Geschenk während dieser langen Zeit, statt unserer Erbittewrung darüber Raum zu geben, dass dieses künftig nicht mehr so sein würde.
Obwohl unsere Stimmung als Mitarbeiter der Redaktiom alles andere als begeistert ist, haben wir uns im Herbst des vergangenen Jahres für ein neues Format entschieden, hatten viele neue Ideen, die wir mit Begeisterung weiter entwickelten. Und nun soll alles anders werden, denn in der Redaktion wird es künftig nur eine Redakteurin (mich) geben. Deshalb habe ich an alle Leser, Pfarrer und Mitarbeiter unserer Kirchengemeinden, denen Gott die Gabe des Schreibens geschenkt hat, die Bitte: „Schickt uns Nachrichten, Fotos, Beiträge, Briefe. Ab heute müssen wir mehr als je zuvor Svētdienas Rīts mit gemeinsamen Kräften entstehen lassen.
Doch es gibt auch noch eine gute Nachricht. Endlich haben wir begonnen, einen lange geträumten Traum unserer Journalistin Ingrīda Briede zu realisieren.: Ausflüge mit Lesern unserer Kirchenzeitung zu veranstalten, wie sie schön längst von Kirchenzeitungen in anderen Ländern veranstaltet werden. So veranstalten Kirchenzeitungen in Deutschland Reisen zu den Stätten unseres Vaters im Glauben Martin Luther. Weshalb sollten wir das nicht auch tun?
Die Jahreslosung spricht davon, dass Jesus gesagt hat: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!“

Vom April an erscheint „Svētdienas Rīts“ einmal im Monat. Inga Reča
Die Verringerung des Haushaltes der ELKL hat sich auch auf das Erscheinen der lettischen Kirchenzeitung „Svētdienes Rīts“ ausgewirkt. Das Kapitel und der Oberkirchenrat der ELKL
Beschlossen in der vergangenen Woche, dass die lettische Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“ ab April nur einmal im Monat erscheinen würde. „Demnach wird der verminderte Zuschuss der Kirche an die Kirchenzeitung bedeuten, dass diese nur einmal im Monat ihre Abonnenten
erreichen können wird. Eingehende Erläuterungen wird es in in der Ausgabe des Monats April geben. Wir bitten alle Abonnenten der Kirchenzeitung um Entschuldigung.!“ Das sagte der Sekretär des Oberkirchenrats Artis Eglītis. Das Erscheinen von SR hängt vom Zuschuss
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der Kirche ab, denn die Abonnementsgebühren decken nur erin Drittel der Kosten der Kirchenzeitung ab.

Der Oberkirchenrat der ELKL genehmigt Veränderungen in der Arbeit der Dezernate und reduziert den Haushalt.
Am 25. Februar genehmigte der Oberkirchenrat der ELKL den Haushalt 2010. Dabei wurde die Zahl der angestellten Mitarbeiter erheblich und der Haushalt um etwa 45 % reduziert.
Das Kapitel beschloss auf seiner Sitzung am 27. Februar die Reform des Aufbaus der Dezernate Ein Teil von ihnen – die Dezernate für die Geistlichkeit und die Kirchengemeinden – unterstehen künftig der Aufsicht des Bischofskollegiums. Etwa die Hälfte der Dezernate setzt die Arbeit wie bisher fort, aber in einer reduzierten Besetzung.
Die bisherigen Leitlinien für den Haushalt waren in großem Maß geleitet von den Voraussagen im Blick auf den Verkauf von kirchlichen Immobilien und Landbesitz. Dabei dachte man die daraus erworbenen Mittel in einem Investitoinsfonds anzulegen. Weil sich aber die Voraussagen in Bezug auf den Verkauf sehr zu unseren Ungunsten mehrfach verändert haben und die Kirche die erhofften Einnahmen nicht erreichen konnte, hat der Oberkirchenrat in der vergangenen Woche einen wesentlich reduzierten Haushalt für das Jahr 2010 beschlossen und dabei erhebliche strukturelle Änderungen für die weitere Arbeit des Oberkirchenrates eingeführt. Auf Grund dieser Änderungen hat der Oberkirchenrat ein Volumen der Ausgaben für 2010 in Höhe von 610 000 Lats festgesetzt, wovon alle notwendigen Funktionen des Oberkirchenrats und der wichtigsten Dezernate, ein Zuschuss für die Arbeit der Luther Akademie und an die (seltener erscheinende) Kirchenzeitung abgedeckt werden. Gleichzeitig wird die Arbeit mehrerer Dezernate auf ein absolutes Minimum reduziert, die Zahl der bisher 30 angestellen Mitarbeiter um mindestens 50 % gekürzt.
In diesem Augenblick soll das Vergütungssystem für Geistliche wie bisher fortgesetzt werden, das zur Zeit aus Mitteln der Einzahlungen der Kirchengemeinden und Darlehen der Partnerkirchen finanziert wird. Doch künftig wird es bei der jetzigen Finanzsituation kaum möglich sein, die Vergütung im bisherigen Umfang fortzusetzen. Um künftig die Mittel für die Vergütung aufzubringen, werden wir um wesentliche Änderungen nicht herum kommen. Wahrscheinlich werden wir die Kirchengemeinden an der Vergütung ihrer Pfarrer noch stärker beteiligen müssen. Über die alle Pfarrer betreffenden möglichen Lösungen wurde auch auf der Pfarrkonferenz der lettischen Pfarrerschaft am 3. März eingehend diskutiert. In den kommenden Monaten finden Konferenzen in allen Propsteien statt, um die Gemeindeglieder und Synodalen über die entstandene Situation zu informieren.
Der Oberkirchenrat gab auch in der Sitzung am 25. Februar das Datum für die nächste Tagung der Synode bekannt. Sie wird am 3. und 4. Dezember dieses Jahres stattfinden. Bis dahin müssen die Vorschläge der Propsteien für Änderung, die der Synode vorliegen müssen, vorliegen, damit darüber beschlossen werden kann.

Man hofft, in Deutschland für die schöne Braut einen guten Brautwerber zu finden.
Inga Ciša
In der Einigkeitsgemeinde in Jelgava war der Nordelbische lutherische Oberkirchenrat, Pfarrer und Mitglied der Kārlis Irbe Fonds Volker Thiedemann zu Gast.
In seiner Predigt verglich der hohe Gast das Wirken Jesu zu unserem Heil mit der ihm sehr wohl vertrauten Arbeit eines Juristen. „Ich musste als Anwalt viele Angeklagte verteidigen
Manche von ihnen baten das Gericht um Gnade und gaben ihre Schuld zu. Aber das Gericht musste diese Bitte mit der Ablehnung beantworten: Für die Reue ist es jetzt zu spät.
Als Christen werden wir mehrfach versucht. Sind wir eigentlich immer ehrlich? Lügen wir nie, machen wir uns nie etwas vor, brechen wir nie die Ehe? Was können wir vom Jüngsten
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Gericht für unser Handeln erwarten? Im Hebräerbrief wird Jesus mit einem Anwalt verglichen, der für uns eintritt. Denn in Jesus wurde Gott Mensch. Jesus kannte die Erschöpfung, Kälte, erlebte Hass und Streit, man folterte ihn und ermordete ihn schließlich. Er kennt uns und wegen seines Verdienstes können wir ein Urteil voller Liebe und Gnade empfangen. Jesus hat bereits für uns gelitten, und deshalb werden wir nur von Liebe erwartet. Wir, liebe Schwestern und Brüder, sind zusammen und treten vor Gott, um von ihm Gnade zu empfangen..
Nach dem Gottesdienst gab es ein Treffen von Oberkirchenrat Thiedemann und dem Pfarrer der Gemeinde Ralfs Kokins mit den Gottesdienstbesuchern, die sich die Zeit für ein Gespräch mit dem Gast wünschten. Später betonte er, dass er die Gemeinde als sehr offen, freundlich und entgegenkommend empfunden hätte. Bei einer Tasse Tee mit Gebäck sprach man über die Arbeit der Kreise der Kirchengemeinde. Unser Gast schlug vor, in Deutschland eine Partnergemeinde zu suchen. Diese Anregung fand ein freudiges Echo, ganz besonders deshalb, weil diese Kirche vor dem Zweiten Weltkrieg von einer deutschen Gemeinde genutzt wurde, aber auch, weil das eine gute Möglichkeit wäre, gute Anregungen für die Entfaltung der Gemeindearbeit zu erhalten. In Deutschland gibt es schon viele Gemeinden mit einer Partnerschaftsbeziehung, und jetzt kommt auf Volker Thiedemann nach seinen humorvollen Worten der Auftrag zu, für die schöne Braut einen guten Bräutigam in Deutschland zu finden.
Diese Idee war eine gute Anregung für unsere Kirchengemeinde. So sollten wir Deutsch lernen, und diesen Deutschunterricht wollen wir an keinem anderen Ort als in unserer Gemeinde veranstalten. Diejenigen, welche die deutsche Sprache beherrschen, könnten ihre Kenntnisse an andere weitergeben.

Ein glücklicher Tag in Blīdene Inga Reča
„O happy day!“ – O glücklicher Tag. Mit diesen Worten beginnt eins der bekanntesten Gospels., das auch vom Chor des Jugendzentrums der ELKL gesungen wird, der am 13. Februar in Blīdene musizierte. Das waren keine übertrieben laute Worte, denn dieses war tatsächlich ein glücklicher Tag für über 100 Brüder und Schwestern in Christus, die hergefahren waren, um die Kirchengemeinde Blīdene zu besuchen. Zu dem alljährlichen Treffen im Februar waren trotz des Schneegestöbers und des eisglatten Weges Vertreter aus 12 Kirchengemeinden , 7 Pfarrer und der Bischof der Diözese Pāvils Brūvers angereist.
Mit offenen Herzen und wohl schmeckenden Kuchen.
Solche Tage der Gemeinschaft veranstaltet die Kirchengemeinde bereits seit 2004. Der Initiator dieser Tage war der bereits heimgegangene Leiter der Gemeinde Edgars Vanags. Doch das Gen des offenen Herzens blieb, wie man sehen konnte weiter erhalten. Diese Tradition wird jetzt von seiner Tochter und jetzigen Gemeindeleiterin Sanita Vanaga fortgesetzt mit der Hilfe von Frauen aus der Gemeinde und ihrer Mutter Ritma Vanaga. Die Leute in Blīdene nehmen die Freunde zwei Mal im Jahr bei sich auf – im Herbst zum Erntedankfest in der „grünen Kirche“ an der Ruine der einstigen Kirche, und im Winter im Hause der Kultur. Zuerst war das nur ein Treffen mit den nächsten Nachbarn, aber jetzt haben sich dieser Gemeinschaft viele Kirchengemeinden in Kurland und aus dem Grenzgebiet nach Litauen sowie aus Livland angeschlossen. Auch dieses Mal waren die „alten“ Freunde angereist – aus Vecauce, Ruba, Apriķi, Lipaiķi, der Jesusgemeinde in Riga, aus Remte, der Luthergemeinde in Liepāja, und die „neuen“ Freunde aus den Kirchengemeinden Gramzda, Klostere, Ropaži, Mālpils und Pampāļi.
Auch „Svēdienas Rīts“ gehört zu den „alten“ Freunden, denn es ist sehr schwer, der Gastfreundschaft dieser Kirchengemeinde zu widerstehen, doch die Gemeinschaft im Heiligen Geist, die man bei diesen Treffen körperlich empfinden konnte, kann man nicht entweichen. Auch wen bei diesen Treffen die ;Mahlzeiten gar nicht notwendig gewesen
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wären, so kommt man nicht umhin, sich bei den fleißigen Hausfrauen – den Schwestern aus der Kirchejngemeinde – zu bedanken, die jedes Mal ein Essen wie bei einer Hochzeit zubereitet haben.. Das ist wirklich kein Scherz, denn der Tisch war für 120 Gäste gedeckt! Auch die Aufstellung von langen Tischen im Haus der Kultur entsprach keineswegs mehr einer bescheidenen Kaffeetafel am Nachmittag.
Die Freunde laden zum Gegenbesuch ein
Im Laufe der Jahre ist es üblich geworden, dass nach dem ernsthafteren Teil im Haus der Kultur sich ein kleines Konzert anschloss (dieses Mal war es der bereits oben erwähnte Gospelchor) mit Schriftlesungen und Ansprachen des Bischofs und der Pfarrer und der darauf folgende Gemeinschaftsabend. Dabei stellten sich die „neuen“ Freunde vor und berichteten aus dem Leben ihrer Gemeinden, was oft auch mit einer Einladung zu einem Kirchenjubiläum verbunden war oder zu einem anderen wichtigen Ereignis. So berichtete der Pfarrer der Kirchengemeinde Vecauce Valdis Bercs von dem bevorstehenden 265 jährigen Jubiläum seiner Kirche, und wie mit der Hilfe von Schwestern aus der Gemeinde viel Not gelindert werden konnte. Weil die Vertreter der St. Petrigemeinde in Klostere in Blīdene zum ersten Mal zu Gaste waren, stellte deren Gemeindeleiter Juris Vītols den anderen die hoch interessante Geschichte seiner Kirchengemeinde vor. Wiederum lud Pfarrer Didzis Skuška alle Anwesenden zum 380 jährigen Jubiläum der Kirche in Lipaiķi am 17. Juli ein. Auch die Gemeindeleiterin der Kirchengemeinde Apriķi Gunta Smiltniece lud alle Anwesenden zur Feier des 370 jährigen Jubiläums ihrer Kirche am dritten Sonntag im Juni ein.
Überraschende junge Talente
Ein besonderes Bonbon an diesem Tage der Gemeinschaft waren die musikalischen Beiträge.
So erfreuten zwei junge Gesangssolistinnen aus der Kirchengemeinde Gramzda Baiba Kadeģe
Salija Tančus und der Tenor Kārlis Klučs mit ihren Darbietungen. Eine Überraschung war auch das Spiel von Oskars Jomans, und der Vortrag von Ruta Pešika auf der Mundharmonika ging vielen so zu Herzen, dass sie weinen mussten.
Als Tradition hat sich das gemeinsame Singen der liebsten Choräle entwickelt. Zu diesem Zweck hat Sanita Vanaga ein besonderes Beiheft angefertigt.
Eine Kirche ohne Gebäude
Eine Schwester bestätigte mir am Esstisch, dass die Leute in Blīdene keine Angst hätten, so viele Leute einzuladen. Ich hätte nur den Mut, eine Gemeinde einzuladen… Ist sich eigentlich jeder Redner bewusst gewesen, dass die Organisation dieser Tage der Gemeinschaft einen hohen Einsatz gefordert hat? „Einen tiefen Dank und hohe Anerkennung an diese Kirchengemeinde, die es versteht, ein so schönes Treffen zu veranstalten. Das ist wirklich eine Kirche, sogar dann, wenn ihr die Kirchenwände fehlen,“ sagten die Schwestern aus der Jesusgemeinde in Riga anerkennend.. Und tatsächlich – wir haben noch nie vernommen, dass eine „große“ Kirchengemeinde in Riga oder in irgend einer anderen Stadt ein solches (großes) Treffen zustande gebracht hätte. Möge das Beispiel von Blīdene vielen anderen Kirchengemeinden zum Vorbild dienen, dass es wirklich und wahrhaftig möglich ist, solche Treffen zu veranstalten, selbst wenn die Gemeinde keine eigene Heimstätte hat! Dazu sagte Pfarrer Krists Kalniņš: „Auch wenn ihr keine Kirche als Gebäude habt, so habt ihr eine Kirche mitten unter den Menschen. Und die Menschen heute merken, dass ihr eine Gemeinschaft seid, die in der wahrhaftigen Liebe zwischen Brüdern und Schwestern lebt.
Ja, wirklich, was nützt ein schönes Kirchengebäude, wenn in ihm die Liebe nicht alles bestimmt…
Die Arbeit schweißt die Kirchengemeinde zusammen.
Es war mir eine besonders große Freude, diese „Exkursion“ zu unternehmen zum vor kurzer Zeit wieder zurück erhaltenen Pfarrhof in Blīdene, wo die Kirchengemeinde wieder ihre Arbeit aufgenommen hat.. Da die Sowjetverwaltung, wie sie das in vielen Pfarrhöfen
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Lettlands zu tun pflegte, nicht übermäßig ordentliche Bewohner hineingesetzt hatte, kann man sich vorstellen, welche Arbeit es gekostet hat um die während der letzten 60 Jahre zurückgelassenen „Kulturschicht“ zu entrümpeln. Die über Jahrzehnte aufgestapelten Christbäume, die unter dem vorspringenden Dach aufgetürmt waren waren nur eine Kleinigkeit, verglichen mit den Haufen von fortgeworenen Schnapsflaschen der „Einwohner“.Den Frauen der Gemeinde standen sicher die Haare zu Berge, als sie das alles sahen, aber das alles musste noch beseitigt werden. Die mit eigenen Kräften erbaute und gestaltete Kapelle, in der heute bereits Gottesdienste stattfinden. Der neue Pfarrer der Gemeinde Kārlis Rozentāls , der seinen Dienst hier erst vor einem Jahr begonnen hat, sagt anerkennend, dass die gemeinsame Arbeit die Leute enorm zusammengeschweißt hätte. Viele Pfarrer, darunter auch Kārlis, behaupten, dass die Wirtschaftskrise auch manches Gute gebracht hätte: weil kein Geld vorhanden ist, mit dem man die Bauarbeiter hätte bezahlen können, muss man alles mit eigenen Kräften bewältigen. Man braucht kein neues Amerika mehr zu entdecken, sondern man greift zur alten, bewährten Methode: Arbeit schweißt zusammen und vereint. So wurde dieses Mal der Gedanke laut, dass es nicht nur von Segen wäre, in dieser Gemeinschaft zusammen zu kommen, sondern dass man im Sommer ein „Arbeitslager“ veranstalten müsste, in dem alle Freunde mit Hand anlegen könnten, damit die Freunde in Blīdene mit diesem Hause noch eher eine würdige Unterkunft hätten. Die Partnergemeinde in Amerika hat auch ihre Hilfe zugesagt, und weshalb sollten die Letten das nicht auch tun? Pfarrer Kārlis Rozentāls versprach, diesen Vorschlag weiter zu erwägen. Bischof P. Brūvers sagte zum Abschluss: „Christus ist heute unter uns, damit wir unsere Bettelsäcke, unsere bescheidenen Ziele, fortwerfen, und fortschreiten, um die großen Werke anzupacken, zu denen er uns berufen hat.“

Ist es bei unseren Nachbarn besser? Ingrīda Briede
Oft hört man, dass Estland weiter sei als Lettland. Das käme vom zusammengesparten Geld im staatlichen Haushalt, und deshalb wäre dort die Wirtschaftskrise weniger zu spüren, es gäbe berechtigte Hoffnungen zur Einführung des Euro während der nächsten Jahre, die Kultur würde effektiver gefördert, es gibt eine neue Nationalbibliothek und ein neues Kunstmuseum.
Anlässlich meiner Teilnahme am Pastoralkolleg in Tallinn nutzte ich die Gelegenheit und schaute mich dort um, mit der Absicht, festzustellen, ob es unsern Nachbarn wirklich besser geht?
Das alte und das moderne Tallinn
Als wir am Abend in Tallinn eintrafen, fühlten wir uns wie in einem Märchen. Die Türme und Straßen der Altstadt sind beleuchtet und der Schnee unter den Füßen sieht aus wie Speiseeis mit dem Belag von Schokoladenstückchen. Die Esten bekämpfen den Schnee nicht mit Salz sondern mit winzigen Steinchen, die sie hier in Estland zusammengelesen haben, die man nachher im Frühjahr wieder zusammen fegt und in Behältern bis zum nächsten Jahr aufbewahrt. Und Eiszapfen fallen nicht von den Dächern und um Schneehaufen braucht man keinen Bogen zu machen. In der Altstadt von Tallinn ist es recht still, im Zentrum von Riga ist es viel lauter. In der estnischen Hauptstadt sieht man abends fast nur Touristen, die nach einer Weile in einem Restaurant oder in einem Souveniergeschäft verschwinden. Unsere Unterkunft war in einem Hofhaus neben der Heilig Geist Kirche, welche man für eine der ältesten Kirche Tallinns hält. In dieser Kirche verspürt man wirklich den Atem der Antike, den von vielen Füßen abgetretenen Fußboden aus Holz, dänische Fähnchen auf den Holzschnitzreien (die daran erinnern möchten, dass Tallinn von Dänen gegründet worden sei, obwohl Historiker eine andere Meinung haben), viele Bilder auf den Rändern der Emporen mit Szenen aus den Evangelien. Der Pfarrer könnte über sie an jedem Sonntag predigen, und hätte dabei Stoff für mehr als ein Jahr.
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Obwohl ich es mir vorgenommen hatte, in meiner Freizeit das berühmte Kunstmuseum „KUMU“ und die Nationalbiblothek zu besuchen, habe ich diesen Vorsatz nicht wahr machen können. Mich begeisterten die Buchgeschäfte, besonders die Bildbände und die Regale mit Materialien aus der Völkerkunde. Natürlich fand ich dort ausch im Ausland herausgegebene Alben, aber auch Unmengen von in Estland erschienenen Bildbänden. Ich hatte den Eindruck, dass es von jeder Stadt, jeder Insel, jedem Stück Natur ein Buch gäbe! Dann gab es Stapel von Büchern mit historischen Fotos. Die Völkerkunde scheit hier zum „Stil“ zu gehören. Somit ist Ethnographie nicht etwas Verstaubtes, Historisches, sondern kann den Stil prägen! Ja, die Esten möchten Ethnographie gerne modern und unserer Zeit entsprechend präsentieren. In jedem Jahr wird auch ein Preis für Formgestaltung verliehen, und um den zu erhalten muss man Gegenstände mit einem ethnographischen Hintergrund schaffen. Die Ethnographie wird auch von Herstellern der Gegenwart benutzt. So bietet die Strumpfindustrie volkstümliche Socken Säckchen und Handschuhe an, die als Geschenke gut
zu verwenden sind. Große dicke Bücher mit Fotos und technischen Zeichnungen und vielen anderen Details berichten von den verschiedenen Gewändern des Volkes. Ebenso gibt es in den Sammlungen der Museen Bücher mit Forschungsergebnissen auf vielen Gebieten, historischedn Karten. Ich habe Esten gefragt: Woher kommt es, dass es bei euch so viele schöne Bücher gibt? Sie antworteten: Es sind die Projekte, die Projekte und noch einmal die Projekte.
Doch es gibt auch ein Aber… Die Bücher in Estland sind sehr teuer. Viel teuerer als in Lettland. Deshalb habe ich mich über sie sehr gefreut, viele durchgeblättert und keins nach Lettland mitgenommen. Überhaupt unterscheidet sich das Zedntrum von Tallinn von der Altstadt von Riga durch seine Preise, so dass man den Eindruck hat, dass die Stadtmitte nur für die Touristen gedacht ist, und sich das eigentliche Leben etwas außerhalb der Altstadt abspielt.
Lettische Töne in Tallinn
Plötzlich höre ich in lettischer Sprache: „Ich freue mich sehr, Sie hier zu sehen und mit ihnen lettisch sprechen zu können.“ Der das mit leuchtenden Augen sagte, war kein in Estland lebender Lette, sondern der Pfarrer der deutschen und auch einer estnischen Gemeinde Matthias Burghard. In diesen Tagen ist er der allergrößte Polyglott. Mit den Esten spricht er in einem singenden Estnisch, mit den Deutschen redet er deutsch und mit den Letten lettisch. Eine Station auf dem Lebensweg von Matthias war auch Lettland. Dort hat er zwei Jahre lang die deutschen Gemeinden betreut, danach kehrte er nach Deutschland zurück, und weil danach die Stelle des deutschen Pfarrers in Riga besetzt war, begab er sich nach Estland. Nach seinen eigenen Worten versieht Matthias in Estland vier verschiedene Stellen. Erstens ist er der Pfarrer der deutschen Gemeinde, die eine Gemeinde der Estnischen Evangelisch-lutherischen Kirche ist. Von der Zahl her hat sich die deutsche Gemeinde inzwischen verfünffacht, und deshalb ist inzwischen die Kapelle des Theologischen Institus viel zu eng geworden,. Deshalb finden jetzt die deutschen Gottesdienste im Haus der schwedischen Kirche statt. Seine zweite Stelle ist der Dienst als Hilfspfarrer in einer estnischen Kirchengemeinde – in Nomme, einem Vorort von Tallinn. Die dritte Arbeitsstelle des deutschen Pfarrers ist die eines Lehrers im Englischen Gymnasium, wo er Religion und Philosophie unterrichtet. Viertens begleitet er deutsche Reisegruppen bei ihren Reisen durch das Baltikum, und fünftens korrigiert er die deutschsprachigen Arbeiten von Doktoranden. Im Seminar haben wir gesehen, dass er in Estland am rechten Platz ist, denn Matthias ist gleichzeitig ein deutscher Botschafter in Estland und ein estnischer Botschafter bei den Deutschen. Er ist aujch ein aktives Mitglied der deutschen Gesellschaft, deren Treffpunkt das deutsche Café ist, welches den Eindruck macht, als wäre es aus einer deutschen Kleinstadt hierher geflogen. Doch die Lösung ist ganz einfach: Der Inhaber des Cafés hat die Kunst der
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Brot- und Kuchenbackens in Deutschland erlernt und danach in Tallinn dieses Café nach deutschem Vorbild mit dem entsprechenden Sortiment eingerichtet.
Doch – weshalb ist Matthias in Estland und nicht in seiner Heimat tätig? Er berichtet, dass er in Deutschland alle Möglichkeiten des Arbeitens und Lebens gehabt hätte, was für ihn und seine Familie eine sichere Existenz bis zu seinem Lebensende bedeutet hätte. Doch der Pfarrer hatte das Empfinden, dass sich bei einer Absicherung dieser Art sein Denken und Empfinden verändert hätte und ihm sein Vertrauen auf Gott abhanden gekommen wäre, dass Er es ist, der den Auftrag erteilt und sich auch um die Existenz dessen kümmert, dem Er den Auftrag erteilt hat. Für ihn wäre es das Wichtigste, dem Willen Gottes gehorsam zu sein, auch wenn die Zukunft oft völlig ungewiss erscheint und man mit wenigen Mitteln auskommen muss. Deshalb hätte er sich nach Estland begeben. Für Matthias ist es wichtig, nicht anders da zu stehen als seine estnischen Amtsbrüder und Gemeindeglieder:, mit dem gleichen Einkommen und vielen Arbeitsstellen. „Ich sehne mich nicht nach Deutschland zurück! Auch wenn ich nicht nie sage! In Estland kann ich viel Neues anfangen!“ Auch hat Matthias Lettland noch nicht vergessen, das ihm noch in sehr guter Erinnerung ist.. Deshalb wagte ich es, ihn zu fragen, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Letten und Ersten er wahrgenommen hat. Der Pfarrer antwortet mir darauf, dass die Esten zurückhaltender seien und man sie am besten durch den Verstand erreichen würde, während die Letten emotionaler und herzlicher wären. Das, was manche Letten dächten, wäre nicht wahr: das sich Esten für bessere Menschen hielten als die Letten. Nein, die Esten lieben ihre Nachbarn und interessieren sich für sie. So haben sich die Esten von Herzen über die olympischen Erfolge der Letten gefreut.
Zwei Kirchen.
In Estland habe ich mehrere Kirchen besichtigt, doch möchte ich ganz besonders zwei erwähnen, die sich sehr voneinander unterschieden. Die erste ist die St. Jakobikirche in Viimsi, unweit von Tallinn. Sie wurde 2007 vollendet und ist so asketisch gestaltet, wie es nur möglich ist. Vom Eingang her betritt der Besucher die Eingangshalle, von der aus man in die Sakristei oder in den großen Gottesdienstraum kommen kann. Hinter dem Altarfenster wiegt sich eine reich mit Tannenzapfen besetzte Tanne im Wind. An den Wänden sehen wir Bilder mit christlicher Thematik. Die Architektur der Kirche macht keinen spezifisch estnischen Eindruck, sondern erinnert eher an in den 60er Jahren erbaute Kirchen in Deutschland. Für diese Kirche wurden viele Jahre lang Spenden gesammelt und der Patron dieser Kirche war der ehemalige estnische Staatspräsident Lennard Meri, der auch in der unmittelbaren Nachbarschaft zur Kirche wohnte. Die Kirche war eigentlich viel größer und breiter geplant, aber es fehlte an Mitteln, und deshalb musste das Vorhaben verkleinert werden.
Als wir an die Alexanderkirche in Narwa heranfuhren, waren wir überzeugt, dass wir gleich ein orthodoxes Gotteshaus betreten würden, denn von außen her erinnerte es an eine orthodoxe Kirche – mit einer gewaltigen Kuppel. Und was für ein Gotteshaus sollte sich uns sonst in dieser Stadt so nah an der russischen Grenze zeigen, in der 80 % der Einwohner nur russisch sprechen? Doch wenn man die Kuppeln der Kirche aufmerksamer betrachtet, dann wird deren Spitze nicht mit einem orthodoxen Kreuz sondern mit dem bei lutherischen Kirchen üblichen Hahn geziert. Somit ist es ein lutherische Gotteshaus. Es wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts als Garnisonskirche erbaut und bildete seit langem das lutherische Zentrum von Narwa. Wenn man den Innenraum der Kirche betritt, nimmt es einem den Atem, und man muss den Kopf schon sehr drehen, wenn der Blick die Decke erreichen soll. Der Raum ist gewaltig groß, und wenn man ihn wieder restaurieren wollte, dann bedürfte es noch einer gewaltigen Menge Geldes. Damit es der Gemeinde gelingt, diese Restaurierung sensibel durchzuführen und damit die dort herrschende schöne und ganz besondere Atmosphäre keinen Schaden nähme, bedarf es vieler Vorbereitungen. Der große Turm der Kirche ist
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bereits restauriert. Die vielen Etagen der Kirche sind durch einen Lift verbunden. In den ersten beiden Etagen wurde eine kleinere Kapelle für die Gottesdienste erbaut, denn es ist nicht möglich, im Winter die Kirche zu beheizen. Auf den oberen Etagen ist ein Museum der Kirche eingerichtet und ein kleines Café mit dem Blick auf die Stadt. Nicht weit von dort verläuft unten die estnisch-russische Grenze. In der Alexanderkirche finden zur Zeit estnische, finnische und russische Gottesdienste statt, was dieser Stadt entspricht, die eine Einwohnerschaft mit einer so vielfältigen Volkszugehörigkeit hat.
Somit – ist bei unseren Nachbarn besser als bei uns?
Auf diese Frage habe ich keine Antwort gefunden. Doch auf meiner Suche nach Unterschieden habe ich viel mehr Gemeinsames gefunden. Im estnischen Historischen Museum habe ich mir den Film „Die singende Revolution“ angesehen, der über die jüngere Geschichte berichtet und dabei die Tradition der Chor- und Liederfeste ausbreitet und die Bilder des estnischen Fotografen Ingmar Mustikus betrachten lässt. Dabei konnte man einfach nicht übersehen, wie viele Parallelen es in den Traditionen und in der Geschichte unserer Länder gibt. Man sollte eher von einer gemeinsamen Geschichte sprechen – die Liederfeste, die Chortradition, die Volkstrachten, die Freiheitskämpfe, die Republik zwischen den beiden Weltkriegen, die Besatzungen, die Waldbrüder und die von Gesang erfüllte Stimmung. Eigentlich ist es schade, dass wir so wenig über unsere Nachbarn im Norden wissen. Und es hört sich wirklich paradox an: damit das alles geschehen konnte, hat mir die Nordelbische Kirche in Deutschland geholfen, die uns dieses Patoralkolleg geschenkt hat, für das ich herzlich danken möchte. Obwohl mich mein Weg öfter nach Estland führt, so weiß ich ich komme trotzdem wieder!

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Alksnāja iela 3 .- Riga- LV 1050
E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 19.03.2010)
Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Für eine kurze Weile konnte die lettische Kirchenzeitung zwei Mal im Monat erscheinen. Vom April an wird sie das nur angesichts der katastrophalen Finanzlage nur einmal im Monat tun können. Davon berichtet Inga Reča auch in der Spalte der Chefredakteurin.in dieser Ausgabe. So kann es passieren, dass ich mich, wenn ich nicht aus anderen Quellen beliefert werde, mich etwas seltener bei Ihnen zu Worte melden werde, was ja dem Rhythmus eines Greises wie mir durchaus entspricht. Mein Kontakt zu Ihnen , sehr verehrte Leserinnen und geduldige Leser, soll weiter verhalten bleiben. In dieser Ausgabe nimmt ein Bericht von Ingrīda Briede (die auch ein Opfer der Welle der Entlassungen in der ELKL geworden ist, und der ich sehr herzlich für die bisherige Zusammenarbeit danken möchte) über ihre Reise nach Estland anlässlich des dort von der Nordelbischen Kirche veranstalteten Pastoralkollegs
ein, an dem sie teilnehmen konnte. Sie stellt den Bericht unter die Überschrift „Was ist bei unseren nördlichen Nachbarn anders als bei uns“?, ohne auf diese Frage eine Antwort zu finden.
Lassen Sie sich herzlich grüßen von Ihrem Johannes Baumann,

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Verfasst von: liefland | März 11, 2010

Ausgabe Nr. 4 (1831) vom 20. Februar 2010

Der Herr war mein Halt. 2. Samuel 22,19

Auszüge aus Svētdienas Rīts, Zeitung der Evangelisch-lutherischen Kirche Lettlands, herausgegeben von ICHTYS GmbH, erscheint seit Januar 1920.
6. Sonntag vor Ostern – Invocavit Ausgabe Nr. 4 (1831) vom 20. Februar 2010

Spalte der Chefredakteurin Inga Reča
Das Leben ist kein Spiel.
Die olympischen Winterspiele begannen in diesem Jahr mit einem tragischen Vorfall. Bei einer Trainingfahrt verlor ein georgischer Sportler sein Leben. Mag auch die Eröffnungszeremonie der Spiele noch so schön und gut gelungen gewesen sein, so war meine Freude – und ich denke auch die Freude mancher anderer Zuschauer – nicht vollkommen. Der schwarze Trauerflor an der Fahne der Freude belastete das Herz schwer.
Sind die olympischen Spiele statt zu einer Parade der Kraft und Geschicklichkeit nicht zu einer Art von „russischem Roulette“ geworden: wenn du daran teilnimmst, dann wirst du überleben, aber vielleicht auch nicht? Trainer und Sportler haben oft schon behauptet, dass sie „bei der Bank das volle Risiko eingegangen seien.“ Ist das olympische Gold es wirklich wert, dafür das Leben zu riskieren? Es ist wirklich absurd, aber es gibt Menschen, welche diese Frage mit Ja beantworten. Doch die Tragödie mit dem georgischen Sportler spricht eine
andere Sprache. Am glaubhaftesten erscheint es mir, dass die Wistler-Trasse, welche für die komplizierteste und gefährlichste Bahn der Welt für Schlitten und Bobrennen gehalten wird, für den jungen Sportler ein von ihm nicht zu überwindendes Hindernis darstellte. Gerade dadurch ereignen sich die meisten Unfälle sowohl im Sport als auch sonst im Leben: wir überschätzen unsere eigenen Kräfte. Ein Schwarm aus meiner Jugendzeit war der berühmte Alpinist Reinhold Messner, der als weltweit Erster ohne die Hilfe von Sauerstoff alle 14 Gipfel bezwang, die höher sind als 8 Kilometer, Als er gefragt wurde, wie er das geschafft hätte und dabei lebendig zu bleiben, antwortete er: „Ich vermochte es, vor den zu großen Schwierigkeiten rechtzeitig zurückzuweichen.“ In seinen Bücher kann man nachlesen, wie oft er zurückgewichen ist, obwohl er von seinem Ziel nur wenige 100 Meter entfernt war.
In dieser Ausgabe unserer Kirchenzeitung sind wir zu Gast bei der Mutter Malda des bekannten Torwarts Artūrs Irbe. In ihrem Bericht wird das Schicksal des Sportlers und seiner Familie mit allen dessen Höhen und Tiefen deutlich, aber auch mit allen menschlichen Sorgen, mit der Geduld und allem Wirken. In dieser Woche hat die Fasten- und Passionszeit begonnen, zu deren Beginn wie Christus 40 Tage in die Wüste begleiten, und dabei aufgerufen sind, über die Sünde, unsere eigenen Versuchungen und Christi Opfer für uns nachzudenken. Zum „Thema“, über das wir heute miteinander reden möchten, gehört auch der Aberglaube und der Okkultismus – Aktionen, bei denen wir, auch wenn wir ihnen nur den kleinsten Finger reichen, es riskieren, alles zu verlieren, und nicht nur die ganze Hand. „Du kannst doch alles. Sei doch wie Gott!“ Diese Worte wurden vor zweitausend Jahren vom Versucher gesprochen…
Die Hauptsache ist, dass wir heute diesen Köder nicht schlucken.

Die rettende Liebe – in den Stunden des Staues im Leben. Milda Klampe
Der Pfarrkonvent der Propstei Riga begann am 25. Januar mit einer von Pfarrer Elijs Godiņš
gehaltenen Andacht, in der er 2. Korinther 12 auslegte, wo von den unterschiedlichen Gaben die Rede ist, die uns Gott geschenkt hat, und von uns selbst als Persönlichkeiten. Hinter dem Geheimnis der Verschiedenheit der Gaben verbirgt sich auch die Gemeinschaft des Leibes Christi – dass das Kommen Seines Reiches in dieser Welt Wirklichkeit werden möchte.
Der erste Referent Pfarrer Mārcis Zeiferts stellte den Teilnehmern die Geschichte der Diakonie in Lettland vor. Wenn wir uns derer bewusst werden, dann können wir das Geschehen in unserer Kirche heute besser begreifen. Denn wie wir wissen wirkt sich die
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Vergangenheit auch auf die Zukunft aus, und das lässt uns mit völlig anderen Augen auf die Aufgaben und Möglichkeiten in der Zukunft blicken – mit Verantwortung.
Somit liegen die Anfänge der Inneren Mission (die missionarische Arbeit innerhalb der Kirche, die als christliche Mission sich an das ganze Volk wendet und durch zwei Kennzeichen geprägt ist: dem allgemeinen Priestertum aller Gläubigen, das sich dem Volk freiwillig in rettender Liebe im Glauben an Christus zuwendet, um die Menschen an das Reich Gottes heranzuführen) und der Diakonie (die sich auf dreierlei Weisen – Freiwilligkeit, Bürgerlichkeit oder Kirchlichkeit – historisch bemerkbar macht) in Lettland am Anfang des 19. Jahrhunderts. Noch im Jahr 1895 referierte Pfarrer Ludwig Katterfeld auf der Synode der Provinz Kurland, dass es in den Kirchengemeinden noch wenig Verständnis über die Werke christlicher Nächstenliebe gäbe, und dass diese Art des Dienstes der Kirche mit der Gründung freiwilliger Organisationen und Verbände in der Gesellschaft ihren Anfang gefunden hat, die sich dann auch in den Kirchengemeinden verbreiteten und für die Gemeindearbeit von großem Segen waren.
Während der sozialen Umwälzungen in Lettland (die Revolution im Jahr 1905, der Übergang von der Leibeigenschaft zu individuell ausgehandelten Arbeitsverhältnissen) nehmen die Innere Mission und die Diakonie ihren Platz im öffentlichen Leben ein. In dieser Zeit hatte die Kirche Anteil am Leben der Menschen von der Wiege bis zur Bahre.
Die bedeutendsten Gründergestalten für die Arbeit der Inneren Mission und der Diakonie im 19. und 20. Jahrhundert waren:
Georg Loesewitz (1808-1888), der an der Gründung mehrerer Institutionen der Inneren Mission mitgewirkt hat, zum Beispiel bei der Eröffnung eines Heimes für ausgesetzte Kinder in Kāķīši, er war der Direktor des Verlages für christliches Volksschrifttum für Gemeinden in Russland, 1851 gründete er das Maria-Magdalenen-Heim, 1866 förderte er die Gründung des Marien-Diakonissenhauses und war dessen erster Vorsteher.
Ludwig Katterfeld (1843-1910), der 1887 psychoneurolpgische Klinik „Güntherhof“ in Jelgava gründete, und die Arztpraxis „Tabor“;
Oscar Schabert (1866-1936), der die städtische Diakonie in Riga in das Leben rief.
Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts wird durch das Aufblühen der humanitär und christlich motivierten Liebestätigkeit und durch die Gründung verschiedener Wohlfahrtsverbände und Institutionen geprägt. Literarisch bekannt geworden sind wohltätige Bürgervereine, Frauenverbände, Verbände, die sich um das Wohl ausgesetzter Kinder kümmern. Hier lohnt es sich, die folgenden Namen zu nennen: Karl Gottlob Sonntag (1765-1827) und Liborius von Bergmann (1754-1823).
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die diakonische Arbeit in Lettland noch recht unzureichend entwickelt, vor allem wurde sie in den deutschen Kirchengemeinden durch die Initiative einzelner Pfarrer getragen und musste viele Hindernisse in der Gesellschaft überwinden. Man verdächtigte sich in der Gutsbesitzerschaft und Bauernschaft gegenseitig, innerhalb der kirchlichen und allgemeinen Betreuung, zwischen den Pfarrern und Laien. Die nationalen Konflikte wurden immer schärfer ausgetragen, die schließlich in der Revolution des Jahres 1905 und nicht zuletzt in den 1. Weltkrieg mündeten. Organisierte diakonische Arbeit gibt es in Lettland erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts. 1907 wird der Johanniterorden gegründet, der im Baltikum zu einer Organisation der Inneren Mission wurde. So befanden sich verschiedene Gesellschaften „unter einem Dach.“ Im Baltikum entstanden fünf verschiedene Abteilunge: in Reval, Dorpat, Riga, Libau und Mitau. Auf diese Weise konnte sich die Arbeit der Inneren Mission im Baltikum vollkommen neu entfalten. Aber diese gut angefangene Arbeit wurde durch den 1. Weltkrieg unterbrochen und konnte erst in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts fortgesetzt werden.

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In der anschließenden Diskussion wurden von den Geistlichen vor allem Fragen angesprochen, welche die diakonische Arbeit in der Kirche heute betrafen. So wurde die Frage nach dem Nutzen der Gregorschule gestellt und angeregt, dieser Schule ein neues Profil zu geben. Es wurden Spendenaktionen für Straßenkinder angeregt.
Im zweiten Referat sprach Pfarrer Linards Rozentāls über das Thema „Wie jemand Verluste erträgt. Die Phasen des Sterbens.“ Dabei ging der Referent vor allem von den Erfahrungen von E. Kuebler-Ross aus. Im Laufe von vielen Jahren hat sie erforscht, wie jemand als Mensch viele Krisen erlebt. Früher erlebte man den Tod eines Angehörigen im Kreise der Familie, in unseren Tagen fürchten sich die Menschen, über den Tod zu sprechen, weil der Angst macht. Ein ganz besonderes Tabu ist der Tod im Gespräch mit Kindern. Aber das ist ein großer Irrtum, denn das Trauma wird umso größer, je weniger man mit Kindern über den Tod redet und ihnen die Wahrheit sagt.
E. Kuebler-Ross spricht von 5 Phasen des Sterbens.
1. Der Sterbende vermag die Realität seines Todes nicht zu akzeptieren; wichtig dabei ist, ihn in diesem Abschnitt zu begleiten, auch wenn der Angehörige das schweigend tut (wie Hiob 7 Tage)
2. Die Wut oder der Zorn des Sterbenden, der die Frage stellt, wer das alles verschuldet hat. Wir kann Gott das zulassen? Der Sterbende überschüttet die anderen mit seinem Zorn. In dieser Phase muss man zu ihm Distanz wahren., um sich selbst nicht zu verletzen, aber den Sterbenden anzuhören.
3. Das Handeln – der Sterbende fragt nun, weshalb das gerade jetzt mit ihm geschieht?
4. Depresssion – der Sterbende ist bedrückt, denn er hat bestimmte Fähigkeiten verloren. Wichtig dabei ist, ihn dabei weinen zu lassen, und nicht ihn zu beruhigen.
5. Das Sich Ergeben – die große Ruhe vor dem letzten Gang. Der Sterbende ist seinem Inneren zugewandt. Nimm das an, was jetzt mit ihm gschieht und akzeptiere dich selbst als sterbliches Wesen.
Der Referent nannte auch vier Übungen, die einem geistlichen Betreuer von Nutzen sein könnten.
* In einer natürlichen Sprache reden; oft reden wir beschönigend und entfernen uns dabei von der Realität.
* Das Sterben geschieht im Rahmen eines Prozesses der Veränderungen (wie z. B. in der Natur), diesen Veränderungen sollte man nicht ausweichen, sondern sie erleben.
* Man lernt es bei einer eigenen Erkrankung begreifen. Wie wäre es, wenn du nicht wieder vom Bett aufstehen könntest?.
* Wenn mir die Begegnung mit einem Sterbenden bevorsteht, sollte ich vorher mit einem Angehörigen gesprochen haben oder im Krankenhaus mit dem Seelsorger oder einem anderen geistlichen Betreuer zusammen gewesen sein, um zu erfahren, was in Gesprächen, bei dem Zuhören und bei dem Schweigen vorgegangen ist.
In der Diskussion wurde die Frage gestellt, weshalb wir dem Gespräch mit Jugendlichen über den Tod ausweichen.? Erleben Christen in diesem Lebensalter das Sterben anders? Wie verstehen wir die Theologie der Herrlichkeit in dem Zusammenhang mit dem Sterben? Als Empfehlung wurde ausgesprochen, in die neue Agende auf einem besonderen Blatt Texte aus der alten Agende hinein zu tun. In der alten Agende gibt es einen Abschnitt mit Bibeltexten für Hausbesuche, die seelsorgerlich sehr hilfreich sind.
Es ist wirklich wichtig, dass wir die Zeit, in der wir dem Tod begegnen, so erleben, dass wir dadurch das Leben begreifen lernen. Das heißt, dass wir uns nicht an das Leben klammern und es als unseren Besitz auffassen, sondern als Geschenk Gottes – das zeitliche und das ewige Leben.

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Malda Irbe: „Wir müssen unbedingt etwas tun!“ Ieva Pitruka
Im fernen Vancouver wehen 82 Fahnen im Winde, und um olympische Medaillen mühen sich die Athleten des Wintersports darunter auch die Eishockeymannschaft aus Lettland. Und hier in Lettland sitzen vor den Fernsehschirmen die Mitfühlenden. Und wie sollte man sich dabei nicht an den Schrei aus tausenden von Kehlen bei früheren Spielen erinnern: „Irbe, Irbe, du bist wie eine Mauer!“ Er galt dem legendären Torwart unserer Eishockeymannschaft, der sich zur Zeit sehr weit von hier entfernt aufhält. Dessen Mutter Malda Irbe – eine christliche fleißige Frau, die in ihrem Leben Gott stets um seinen Rat bittet – haben wir zu einem Gespräch eingeladen
Wie hat in Ihrer Familie das Leben im Glauben begonnen?
Ich wurde als kleines Kind getauft, so dass ich mich daran natürlich nicht mehr erinnern kann.. Als ich 16 Jahre alt war, wurde ich am 7. Juli 1957 zusammen mit meiner Cousine konfirmiert. Das geschah in der St. Johanniskirche durch Pfarrer Jānis Liepiņš. Aber damals hatte ich Gottes Nähe nicht besonders verspürt, den mein Opa sagte, dass der Kirchgang Unsinn sei, denn man könnte Gott genau so zu Hause anrufen. Bei uns zu Hause ging niemand zur Kirche, und meine Mama sagte mir, dass sie Freidenkerin sei., obwohl sie in einer katholischen Familie aufgewachsen ist. In den Stürmen des Krieges ist mein Vater verschollen. Meine Mama blieb mit drei Kindern in Ugāle. Deshalb kam ich, als ich 11 Jahre alt war, zu Opa und Oma nach Riga. Dort habe ich viel gelesen und mich dabei vom wirklichen Leben entfernt und mich zu einer etwas lebensfremden Idealistin entwickelt. Ich wusste nicht, worüber ich mit meinen Freunden reden sollte. Nach langen Jahren, als meine Tochter Baiba schon etwas herangewachsen war, zeigte sie Interesse für Gott und die Kirche. So begannen wir damit, am Sonntag in die Kirche zu gehen. Damals stiegen auf die Kanzel die Pfarrer Jāmis Liepiņš und Guntis Dišlers. Mir gefiel es sehr, wie sie alle die Dinge, die in
der Bibel beschrieben sind, mit dem Leben heute in Verbindung brachten, so dass ich den Eindruck hatte, dass ich alles, was er sagte, sehr gut und tief begriffen habe.
Hat es in Ihrem Leben Augenblicke gegeben, in denen Sie die Gegenwart Gottes deutlich verspürt haben?
Es gab drei Vorfälle in meinem Leben, die ich bezeugen kann. Es geschah, dass sich auf meiner Brust Verhärtungen zeigten. Ich ging zum Röntgen und der Psychologe empfahl mir, drei Mal zur Kirche zu gehen, und darum zu bitten, mich in die Fürbitte einzuschließen. Darauf habe ich viel mit Gott gesprochen und zu ihm gebetet. Ich heiße Malda. Dieser Name hat meinem Vater gefallen, er kommt aus dem Litauischen und heißt „Gebet, Bitte“. Mit Gott habe ich sehr offen geredet, denn anders geht es überhaupt nicht. Er sieht ohnehin alles, aber er hilft nur, wenn du auf ihn zu gehst. Ich sagte Gott: „Vater, du siehst alles, auch, dass es mir nicht gut geht. Ich sprach von Heilung und sagte ihm dann: „Wie es dein Wille ist, so will ich es annehmen zu meinem Wohl, denn ich vermag nichts anderes . Nur du, Vater, bist es, der mir helfen kann. Ich ging zur Kreuzkirche und sprach mit einem Pfarrer über mein Leiden, und bat ihn, mich in seine Fürbitte einzuschließen. Schon zu Beginn des Gottesdienstes spürte ich an der Stelle der Verhärtung ein Ziehen und Reißen. Als ich mit Gott gesprochen hatte, war ich von meinem Problem befreit, und als ich meine Brust abtastete, spürte ich nichts mehr. Es war, als ob da vorher nichts gewesen wäre…. Am nächsten und übernächsten Sonntag ging ich wieder zur Kirche. Der Pfarrer lächelte mich an und sagte: „Nun musst du selbst auch etwas tun.“ Ich sagte ihm: „Herr Pfarrer, ich habe mein Leben vorwärts und rückwärts verfolgt und kann Gott nur danken, dass er mir seine Hand entgegengestreckt hat, wo es sehr verschieden hätte ausgehen können. Das einzige, was mir noch zu tun bleibt, das ist, mein Leben lang ihm dafür zu danken..“ Noch einmal ging ich zum Röntgen und die Ärztin sagte mir: „Gott gebe es, dass jede Frau in Ihrem Alter sich immer noch einer so schönen Brust erfreuen könnte.“
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Das nächste Mal hatte ich sehr starke Knieschmerzen, und keine Medikamente konnten mir helfen. Wiederum bat ich Gott um seine Hilfe. Einige Tage danach stand ich bei einer Trolleybus-Haltestelle und wartete auf den nächsten Anschluss. Plötzlich merkte ich, dass meine Hosen an den Kniegelenken nicht richtig saßen. Es stellte sich heraus, dass ich, ohne etwas dafür getan zu haben, viel an Gewicht verloren hatte, was mir das Gehen sehr erleichterte und mir die großen Schmerzen nahm.
Der dritte Fall, bei dem mir Gott sehr geholfen hat, hängt mit meinem Enkelkind zusammen, das in der Schule mit großen Lernschwierigkeiten zu kämpfen hatte und dafür auch nicht motiviert war. Ich wandte mich an unseren Himmlischen Vater, der mir schließlich Worte in den Mund legte, die ich von mir aus nie ausgesprochen hätte und die mir auch selbst nie eingefallen wären. Aber das hat geholfen, und von einem Augenblick zum anderen waren die Lernschwierigkeiten weg, als hätte es sie vorher nie gegeben..
Als ich in unserer Nachbarschaft in der Pudiķu iela als Pförtnerin arbeitete, lebte dort auch Pfarrer Roberts Akmentiņš. Ich habe seiner Frau in einem Winter einen Sandhaufen gebracht, damit sie etwas zum Streuen hätte. In einem Winter bat mich Frau Akmentiņš, ich möchte doch zu ihr kommen. Ich habe dann nachgedacht: was mag das bedeuten. Sand haben sie doch, und was mögen sie noch benötigen? Sie kam aus dem Keller hoch mit einem großen Korb, voll mit Säften, Kompotts und Äpfeln, den sie uns zu Weihnachten schenken wollte. Davor hatte ich von fremden Menschen noch nie etwas geschenkt bekommen. Das war für mich sehr überraschend und ungewöhnlich. Heute habe ich es begriffen und trage selbst etwas bei, um anderen Leuten zu helfen, zum Beispiel unserer Kirchenzeitung „Svētdienas Rīts“ und der Bibelgesellschaft.
Herr Akmentiņš hat Baiba auch bei sich zu Hause getauft. Er war berechtigt, zu Hause zu taufen, und bei der Tauffeier begleitete er die Lieder auf seinem Harmonium. Später, als Artūrs heiraten wollte, hat er ihn und seine Braut getauft und konfirmiert. Später hat er auch seine Tochter Anna und deren Paten, einen Freund von Artūrs getauft.
Gott hat uns bewahrt, auch als Diebe bei uns eingebrochen haben. Im Laufe einer halben Stunde haben sie es geschafft, in unsere Wohnung einzudringen, aber Artūrs Geld konnten sie nicht finden – die einzige Beute, die sie bei diesem Einbruch machten, waren 20 Lats. Wir werden sehr oft auf eine sehr merkwürdige Weise daran erinnert, dass Gott uns liebt. Als Artūrs nach einem Unfall operiert werden musste und er danach sich nur auf Krücken zum Flughafen hin bewegen konnte, fiel ihm seine Tasche herunter, die er nicht aufheben konnte. Er war sehr verzweifelt; da begegnete ihm eine indische Familie, von der ein kleines Mädchen auf ihn zulief und ihm sagte: „Jesus hat dich lieb!“
Interessieren Sie sich als Mutter des legendären Hockeytorwarts auch selbst für Sport?
Ich arbeitete in einer Fabrik für Elektroapparate und montierte dort vor allem Waschmaschinen zusammen. Dort haben wir uns aber auch nebenbei mit dem Tourismus befasst und ab und zu veranstalteten wir leichtathletische Wettkämpfe. Mit meinem Bruder habe ich Karelien und Taschkent bereist. Mein Mann hat sich auch sportlich betätigt, aber das ist ihm nicht so recht gelungen. Deshalb hat er auf diesem Gebiet viel von seinen Söhnen erhofft.
Bald nach meiner Hochzeit wurden uns unsere 3 Kinder geboren, und dann gab es für mich keine Möglichkeit mehr, Sport zu treiben und zu verreisen. Mit den Kindern ging alles recht gut, sie schliefen nachts durch. Um Mitternacht ging ich zu Bett und wachte um 6 Uhr am Morgen auf. Dann mussten natürlich die Kinder gewickelt und anders versorgt werden.
Wie ist Arturs Irbe zum Eishockey gekommen?
Mein Bruder Māris hatte für Hockeyspiele ein Abonnement. Mein ältester Sohn Arvīds ging schon zur Schule und Artūrs noch nicht. Da beschloss Arvīds, seinem jüngeren Bruder Artūrs zu zeigen, was Hockey ist. Ich brachte Artūrs zum Sportpalast und übergab ihn seinem älteren
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Bruder und brachte ihn nach den Spielen wieder nach Hause. Artūrs fand großes Gefallen am Hockey und drängte sehr danach, mitzuspielen.
Als ich mit Artūrs schwanger war, lief ich immer mit einer ungewohnten Helligkeit im Herzen umher – als ob dort während der ganzen Schwangerschaft eine Kerze brennen würde.
Mir kam es so vor, als ob ich den Schein dieser Kerze sehen würde. Das war schon sehr eigenartig. Einmal hatte ich auch einen ganz besonderen Traum. Meine Träume spielten sich meistens in Ugāle im Hause meiner Kindheit ab. Artūrs war noch nicht geboren, als ich diesen Traum hatte, dass ich einen Jungen zur Welt bringen würde. In unserem Hause in Ugāle gab es kein Wasser, aber im Traum sah ich auf der Wiese etwas, was wie eine Pfütze aussah. (Kunsteis habe ich außer im Fernsehen sonst noch nie gesehen), nicht aus Wasser sondern aus einem etwas gelblich gefärbten Eis. Alles im Traum war sehr sonnig und hell, und das Baby strahlte mich mit seinen blauen Augen an. Er lag auf dem Eis und blickte zum blauen Himmel und war in eine blaue wattierte Decke eingewickelt. Im Traum dachte ich – ach Gott, was für eine verrückte Mutter bin ich doch. Ich habe mein Baby auf das Eis gelegt und gar nicht daran
Gedacht, dass er sich dabei eine Lungenentzündung holen könnte.
Von Artūrs sagt man, dass er nicht nur ein hervorragender Sportler, sondern auch ein sehr anständiger Mensch sei.
Ich denke, dass Artūrs in seinem Denken glasklar und sehr aufrichtig ist, und deshalb wird er auch öfter betrogen. Einmal hat er Geld ausgeliehen und nicht zurück bekommen. Was soll man da tun? Ein jeder Mensch muss in seinem Leben da seine Erfahrungen machen. Er hat ein sehr stark ausgeprägtes Empfinden für Gerechtigkeit, und außerdem ist er sehr mutig. Wenn ich das genau betrachte, so habe ich auch etwas von dieser Beharrlichkeit, ganz besonders deshalb, weil ich drei Kinder erziehen musste, und dazu noch als Pförtnerin arbeitete.
Eigentlich ist das keine Arbeit für eine Frau, ganz besonders nicht, wenn sehr viel Schnee gefallen ist. Ich habe meine Kinder nicht genötigt, mir zu helfen – sie mussten doch zur Schule gehen, und weshalb sollte ich sie davor schon vorzeitig aus dem Bett reißen? Aber der Schnee musste beseitigt werden, damit er nicht festgetreten werde. Und andererseits ist die Pförtnerarbeit sehr gesund. Am Morgen schreite ich mein Revier ab und bewege mich dabei. Dabei möchte ich meinen Mitmenschen am liebsten zurufen: Ihr Schlafmützen, kommt doch heraus und seht euch an, wie schön es hier ist. Und dann denke ich auch an die armseligen Wohnverhältnisse auf dem Lande zurück, wo ich mit zwei Geschwistern ohne Wasser aufwuchs, wo jeder Tropfen, den wir von draußen holten, aufgewärmt werden musste. Und heute begreife ich es gar nicht, wie wir das damals ausgehalten haben. Aber Gott hat uns die Kraft geschenkt, das zu überleben. In Amerika hatte mich ein Journalist gefragt, wie ich unter diesen bescheidenen Verhältnissen einen solchen Sohn habe großziehen können. Diese Frage beschämte mich und ich wusste nicht, was ich ihm antworten sollte. Schließlich sagte ich ihm: Wir haben immer so gelebt, wie wir es konnten, und dabei brauchten wir unseren Kindern nichts besonderes beizubringen. Darauf sagte er: Sehen Sie, Frau Irbe, das ist die richtige Einstellung, nach der Sie gehandelt haben.
Das ist doch auch eine Ermutigung angesichts der schwierigen Verhältnisse heute.
Ich habe auch gelernt, unsere Mahlzeiten zu strecken. Auch heute esse ich häufig Kartoffeln mit Quark – so wie es bei meiner Mama in meiner Kindheit oft auf den Tisch kam. Und besonders schön ist es, wenn man etwas Speck und Zwiebeln zufügen kann! Irgendwo habe ich gelesen, dass es für einen alten Menschen besonders gut sei, wenn sein Organismus solche Mahlzeiten verarbeiten müsste, die er in seiner Kindheit gegessen hätte. Ich lege jede Woche einen Fastentag ein und fühle mich dabei sehr wohl. Seit etwa fünf Jahren überschütte ich mich jeden Morgen mit warmem Wasser und steige dazu in die Wanne. Dann reibe ich mich in der Küche ab. Das gibt ein völlig anderes Gefühl, wenn man es merkt, wie der Kreislauf in
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Bewegung kommt. Dann krieche ich durch das Zimmer, und spüre, dass das dem Rücken gut bekommt.
Somit verhalten Sie sich auch ein wenig wie ein Sportler?
Um meine Schönheit zu pflegen, würde ich das nie tun, dazu wäre ich zu faul. Aber man muss etwas tun, um weiterleben zu können. Im Winter kann es nichts besseres geben, als barfuß durch den Schnee zu laufen. und danach die Füße einen Augenblick in kaltem Wasser zu halten. – auf einmal fängt das Blut an zu zirkulieren.
Haben Sie sich die Spiele angesehen, bei denen Ihr Sohn mit dabei war?
Als mein Sohn noch bei „Dynamo Riga“ mitspielte, wollte er nicht, dass ich zu den Spielen hinginge, denn das würde ihn aufregen. Als er bereits 18 Jahre alt war, sagte er mir einmal: Mama, jetzt kannst du kommen . Als er mir das gestattet hat, bin ich ab und an hingegangen. Sie müssen verstehen, dass ich alle Hände voll zu tun hatte, so dass es mir leichter fiel, wenn ich nicht dort hinzugehen brauchte, weil ich dann manches tun konnte, was dringend getan werden musste.
Wenn Artūrs spielen musste, dann habe ich mir manches Spiel im Fernsehen angesehen. Am meisten hat es mich aufgeregt, als einem eine Rippe und bald darauf einem anderen eine zweite und schließlich einem dritten noch eine Rippe eingeschlagen wurden. Da konnte ich nicht mehr hinschauen. Ich ging in die Küche und hörte nur zu. Diese Jungen taten mir unendlich leid. Solche Augenblicke waren entsetzlich. Ich hätte am liebsten heimlich hinter dem Tor gestanden, um mit ihm mit zu empfinden, wie es ist, wenn die Scheibe angerollt kommt, die er nicht in das Tor hereinlassen soll. Wird es ein Treffer oder nicht? Als Artūrs nicht mehr spielte und die Trainerlaufbahn eingeschlagen hatte, dachte ich mir, dass ich das eine oder andere Spiel mir im Fernsehen an sehen sollte. Aber das war nichts! Es war eine andere Mannschaft und im Tor stand nicht mehr Artūrs mit seiner typischen Mütze. Dann begann ich so entsetzlich zu weinen, dass ich nicht mehr hinschauen konnte. Es ist schon ein seltsames Leben, aber alles hat seine Zeit. Aber eigentlich bin ich kein großer Fan von Hockey – nur ein Fan meines Sohnes.
Es gab einen sehr bewegenden Augenblick bei der Winterolympiade in Turin. Ich habe mir die Eröffnungsfeier im Fernsehen angeschaut und sehe meinen Sohn mit der Fahne Lettlands in der Hand lächelnd voranschreiten. Und nun, man stelle sich das vor, nach einer Weile ruft er mich von dort her an! Und mit meiner Seele war ich sofort bei ihm und den Sportlern im Stadion und hörte alles, was dort geschah.
Fällt es einem Sportler schwer, als Christ mansche Kompromisse machen zu müssen?
Es kann schon komplizierte Situationen geben, aber das kann wirklich überall geschehen.
So gab es damals einen Skandal um den Trainer Wassiljew. Man wollte ihn entlassen. Artūrs trat für ihn ein und sagte, dass er ohne Wassiljew nicht spielen würde. Damals wurde in der Presse der Präsident des Hockeyverbandes damit lächerlich gemacht, dass man ihm sagte, dass er sich nun woihl selbst in das Tor stellen müsste. Und dann spielte die lettische Hockeyelite in Deutschland so schlecht und verschlafen, um zu demonstrieren, dass sie Wassiljew los sein wollten. Aber ihre russischen Gegner schossen aus Solidarität mit Wassiljew auch kein Tor. Auch solche Dinge gibt es im Sport.
Wir beide haben zueinander ein sehr großes Vertrauen, obwohl das sicher immer so sein wird, dass er mein Kind ist und ich seine Mutter bin. Das wird immer so weiter bleiben, auch jetzt, da er ein berühmter Sportler, ein großes Vorbild, ein erwachsener Mann und Vater mehrerer Kinder ist. Ich kann ihn im Blick auf viele seiner Eigenschaften verehren, aber ich kenne ihn schon sehr lange, nicht erst seit seiner Geburt, sondern noch länger. So ist das mit den Kindern.
Wie fühlen Sie sich, wenn man Ihren Sohn so lobt und verehrt?

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Ich denke, dass man jemand für seine ehrliche und schwer erarbeitete Leistung verehrt. Das macht mich eigentlich nicht besonders stolz als Mutter. In meinem Leben bin ich nie besonders ehrgeizig gewesen, und ganz und gar nicht mag ich mich besonders hervorheben. Solange Artūrs noch als Hockeyspieler aktiv war, war es für mich immer ziemlich schlimm, wenn Journalisten über mich herfielen. Dabei konnte ich mich nicht wehren, und vor allem stellten sie immer wieder dieselben Fragen.
Ich freue mich nicht nur über meinen Sohn, sondern über alle, die etwas geleistet haben, auch wenn ich sie persönlich nicht kenne.
Sie haben zu Hause eine große Kollektion von Puppen.
Artūrs hat mir von allen Enden der Erde Puppen mitgebracht. Als ich bei ihm eine Weile in Amerika war, habe ich mit meiner Enkeltochter für die Puppen 48 Abendkleider genäht. Ich kann gut Strümpfe stricken, aber meine größten Kunstwerke sind diese hellblauen Kleider, die nun zu einer großen Kollektion von Puppenkleider geworden sind.
Eine große Hochachtung habe ich gegenüber Fahnen und Volkstrachten. Für meine Enkeltochter habe ich ein aus Semgallen herkommende Volkstracht angefertigt, an deren Herstellung ich einen ganzen Winter verbracht habe und dabei oft den Rat einer Lehrerin benötigte. Als die Bluse fertig war, konnte ich es kaum glauben, dass ich das alle selbst angefertigt hatte.
Haben Sie noch irgendwelche Wünsche, die Sie sich selbst erfüllen möchten?
Ja. Einen Wunsch möchte ich mir gerne erfüllen. Ich möchte gerne Motorrad fahren lernen. Das Landhaus von Artūrs ist vier Kilometer von der nächsten Bushaltestelle entfernt. Ich würde gerne eine meiner Freundinnen einladen, dorthin zu kommen und die frische Luft zu erleben, und dann könnte ich sie auf einem der Motorräder meines Sohnes von der Bushaltestelle abholen.
Ich werde von keiner Hungergefahr bedroht, ich habe ein schönes Zimmer mit zwei großen Fenstern. Ich habe meine Puppen, im Sommer blühen Hortensien, Apfelbäume, Flieder und vieles anderes. Und dann könnten wir von Artūrs Landhaus zum Meer fahren, wo wir manche Heilkräuter zusammenlesen könnten. Es gibt die Auffassung, dass es die Gewächse sind, die vor dem Fenster des eigenen Hauses wachsen, die am besten nützen und heilen.
Die Mönche kamen mit dem aus, was man ihnen gab. Mit ihrem Beutel in der Hand bereisten sie die Welt.. Ich habe mich früher gefragt, wie man das machen könnte. Doch jetzt habe ich begriffen, dass es für jemand eine große Freiheit und ein großes Privileg ist, nicht an etwas angebunden zu sein. Man macht seinen Weg im Vertrauen auf Gott und hat keinen großen Bedarf an feinen Dingen und ist mit dem Geringen zufrieden, das man zum täglichen Leben braucht.
(Bemerkung: Artūrs Irbe, 42 Jahre alt, ist zur Zeit Cheftrainer der Torwarte des Nationalen US Hockeyverbandes in Washington. J.B.)

Die Kirche von Turaida hat ihre alte Ausstattung wieder erhalten. Ingrīda Briede.
Alles Neue ist gut, das Alte wird vergessen. Daran erinnert die kleine Kirche von Turaida, die ihre Ausstattung neulich vom nicht auffallenden grau zum rot-blau verändert hat. Die Arbeiten an der Innenausstattung werden auch fortgesetzt. Das kleine Gotteshaus befindet sich auf dem Territorium des Museumsreservates und ist eine der größten Holzkirchen Lettlands. Die Restaurierung wurde anlässlich des 260. Geburtstages der Kirche im Januar beendet. Im Winter des Jahres 1750 öffnete sich Tür zu der neuen, rot angemalten Kirche von Turaida. 2010 erwartete die nun wieder neu ausgestattete Kirche ihr Jubiläum.
Im Laufe der Zeit hat es keine bedeutenden Umbauarbeiten an der Kirche gegeben, so dass sie ihr altes Aussehen bewahrt hatte. 2006 wurde die Kirche künstlerisch und architektonisch erforscht. Und auf diese Forschungsergebnisse stützte sich die 2009 angefangene
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Restaurierung der Kirche, bei der das Fundament befestigt, stark beschädigte Holzteile der Konstruktion der Kirche ausgewechselt und die ursprüngliche Innenbemalung wieder hergestellt wurde. Für die Restaurierung wurden bisher 250160 Lats ausgegeben. Bei der Restaurierung verwendeten die Restauratoren historische Techniken und Materialien.. So verwendeten sie als Isolationsmaterial Birkenrinden, die Farbe für die Kirchenfassade wurde aus Roggenmehlkleister hergestellt, der oker eingefärbt wurde. Die Restauratoren bemalten jeden Quadratzentimeter sorgfältig und sachgemäß.
Wiederum wurde der Turm mit einer aus Leinöl hergestellten Farbe bemalt. Auch die Bemalung des Innenraumes der Kirche ist jetzt so wie vor 260 Jahren. Im Laufe der Zeit wurde das Kircheninnere nach dem Geschmack der jeweiligen Zeit 12 Mal neu bemalt. Dennoch kam man bei der Restaurierung der Kirche jetzt auch nicht ohne moderne Technik aus. Während der Restaurierung wurde die kleine Kirche mit der Hilfe eines Hebebocks angehoben.
Nach der Restaurierung wird in der Kirche eine Ausstellung über die Geschichte der Kirche untergebracht sein. Bei den Arbeiten der Gestaltung dieser Ausstellung stieß man auf bisher nicht bekannte Details. Ina Līne, die Chefexpertin des Forschungsabteilung des Museumsreservates und Kunsthistorikerin berichtet uns: „Wir haben herausgefunden, dass die Gutsbesitzer die liturgischen Geräte im Laufe der Zeit hintereinander gestiftet haben. Die alte Bibel wurde von den Gemeindegliedern gestiftet. Wir planen, das alte Harmonium der Kirchengemeide Turaida zu restaurieren, das seinerzeit an der Stelle einer Orgel von der Kirchengemeinde angeschafft wurde, die während des Ersten Weltkrieges zerstört worden ist. Während des Restaurierungsprozesses haben wir sorgfältiger als sonst die Geschichte dieses Gotteshauses beachtet. Hätte es die große Investition von der Seite des Staates nicht gegeben, dann hätte die Kirchengemeinde Turaida es nie vermocht, ihr Gotteshaus zu restaurieren. Gewöhnlich sind die Kirchengemeinden für die Restaurierung ihrer Kirche zuständig, aber der Denkmalswert dieses Gotteshauses ist so groß, dass der Staat mitgeholfen hat. Das Ende der Arbeiten ist abzusehen.“

Eine Reise wie ein Weg zu Gott. Inga Reča
Līga Pommere ist Fremdenführerin und Direktorin des Tourismus-Unternehmens „Balt-go“. Sie ist mit Uģis verheiratet und Mutter zweier sehr lebhafter Jungen. Doch viele werden sie als Līga Miljone kennen, als eine begeisterte Lehrerin der Sonntagsschule der Kirchen- gemeinde Kempji. Sie ist eine der ersten christlichen Pädagoginnen. Līga kommt auch aus der „Mafia der Geographen“ , denn sie ist auch diplomierte Geographin. Während ihres Studiums an der Universität Lettlands arbeitete sie in dem soeben gegründeten Verband christlicher Studenten mit. Nach vielen Jahren hat es dem Herrn gefallen, dass wir einander wieder begegnet sind.
Wie man wirklich wiedergeboren wird.
Mein Großvater war eine der Stützen der Kirchengemeinde Kmpji. Er berichtete mir, dass es während der Sowjetzeit oft passiert sei, dass er und Pfarrer Zālītis nur zu zweit die gottesdienstliche Gemeinde gebildet hatten, doch der Pfarrer hätte gesagt: „Wir beide sind hier nicht allein.“
Ich wurde 1989 im Alter von 17 Jahren getauft. Ich bin mit der Welle des nationalen Wiedererwachens zur Kirche hingespült worden, aber ganz real habe ich Gott im Herbst 1992 erlebt, als ich begonnen hatte, die Zusammenkünfte des Verbandes christlicher Studenten zu besuchen, die im Keller der Martinsgemeinde stattfanden. Da habe ich mit dem Lesen der Bibel und mit dem Gespräch über sie begonnen. Solange jemand in den Gottesdienst geht und sich die Predigt anhört, dann ist er nur ein Hörer. Wir müssen Gott erleben. Juris Rubenis hat einmal gesagt: „Wenn das Wort auferstanden ist, dann wird es zum Christen.“ Ich denke, dass
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das Gebet und die Bibellese sehr wichtig sind. Erst dann begreifst du, wer du bist und was du tust.
Mich interessierte die Bibel sehr, aber wenn du sie nur allein liest, wie willst du sie verstehen? Damals wurde im Verband christlicher Studenten der Kreis, dem ich angehörte, von Māris Vītols geleitet, einem ehemaligen Politiker, der Gottes Wort in einer sehr gut verständlichen Sprache auslegte – undogmatisch, aber mit vielen Beispielen aus dem Leben. Damals stieg ich sehr, sehr tief in das Christentum ein. Ich war eine der neuen Christen der ersten Liebe, wie man sagt.
Zuerst wurde mir auch sehr viel geschenkt, ich wurde wie auf Händen getragen. In der Fakultät wussten alle, dass ich Christin bin. Denn wenn jemand verliebt ist, dann sieht man es ihm auch an. Jetzt geht es mir wie jemandem, der bereits lange verheiratet ist. Er erzählt es nicht allen auf Schritt und Tritt, dass er verheiratet ist.
Ich denke, dass es von großem Segen ist, wenn du seit deiner frühen Jugend auf einem stabilen Fundament ruhst und die Gott auf deinem Weg durch das Leben begleitet. Und es macht nichts, wenn du auf deinem weiteren Weg durch das Leben sehr unterschiedliche Abschnitte zurücklegen musst. Wenn du Riga verlässt, dann sind plötzlich deine Freunde und Gesinnungsgenossen nicht mehr da…
Gottes Berufung.
Ich beendete mein Geographiestudium und als eine der ersten meine Ausbildung zur Religionslehrerin in der Pädagogischen Fakultät. Noch während meines Studiums übernahm ich in Kempji die Leitung der Sonntagsschule. Das war eine Zeit mit einer großen Herausforderung, denn wenn man etwas beginnt, dann möchte man es auch aus ganzem Herzen tun.
Heute sind meine damaligen Sonntagsschulkinder bereits erwachsen und haben selbst Kinder. Es geht ihnen sehr unterschiedlich, aber ich denke, dass die Zeit, in der sie die Sonntagsschule besuchten, ihre Spuren hinterlassen hat. Das waren richtige Kinder vom Lande, und mir tut es so leid, dass meine damalige Begeisterung so nachgelassen hat. Denn auf dem Lande kannst du etwas tun und bewirken, auch als Einzelner! Denn für die Kinder gibt es dort nicht vieles, was sie unternehmen könnten, außer dass sie zur Schule gehen und wieder heimkommen… und dann nichts mehr. Und wie ist es mit den Eltern? Obwohl Lettland nun schon über 20 Jahre unabhängig ist gingen die Eltern der Kinder damals ebenso wenig zur Kirche wie sie es heute tun. Deshalb: Wenn jemand aus dem Kreis der Leser es in seinem Herzen empfindet, dass etwas getan werden müsste, dann muss es auch getan werden. Die Begeisterung wird jemandem für eine gewisse Zeit geschenkt, und in ihrer Kindheit sind die Kinder sehr aufgeschlossen und gehen auf Menschen zu. Damals hatten wir in der Kirchengemeinde Kempji einen sehr freundlichen Gemeindeleiter (das trifft auch auf den heutigen zu) mit einer sehr lieben Frau. Der Unterricht der Sonntagsschule fand in seiner Wohnung statt. Und wenn die Kinder beieinander waren, dann gab es immer etwas zu essen, und wir haben sehr viel über Gott erfahren. Zuerst war ich als Lehrerin ganz allein. Später kam mir eine ältere Schülerin zur Hilfe, die heute Journalistin ist. Es ist heute nicht so, dass ich das nicht mehr tun könnte, aber damals war es für mich wie eine Berufung Gottes: du musst einfach losgehen und etwas tun.
Diese Zeit in der Sonntagsschule von Kempji war etwas ganz besonderes. Ich war dort fünf Jahre, meine Kinder wuchsen heran, und keiner von ihnen wollte diese Arbeit von mir übernehmen. Vielleicht habe ich dort zu viel getan: Ich hielt Bibelstunden für Erwachsene und auch den Konfirmandenunterricht. Ich setzte mich überall dort ein, wo man mich brauchte. Aber irgendwann kommt der Augenblick, an dem du dich ganz ausgebrannt fühlst.
In Rauna wurde ein Geographielehrer gesucht, und die Direktorin der Schule versprach mir, dass ich auch einen christlichen Jugendkreis leiten könnte. Ich kenne die jetzigen Pfarrer dort
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gut. Sie waren damals Schüler der von mir geleiteten Sonntagsschule. In der Schule in Rauna hatte ich ganz besonders gute Schülerinnen.-
Reisen als Berufung.
Vielleicht ist man sich oft seiner Möglichkeiten nicht bewusst. So habe ich es mir nie vorstellen können, eines Tages als Fremdenführerin zu arbeiten. Ich habe alle möglichen ernsthafte Berufe ausgeübt – ich war Lehrerin, Inspektorin des Naturschutzes – doch Fremdenführerin? Neulich traf ich mich mit m einer Kollegin aus der Naturschutzbehörde in Valmiera. Sie sagte mir: „Warum solltest du das nicht tun? Wenn ich mit dir auf Reisen gewesen bin, dann war das schon etwas Besonderes: Nie konntest du an einem Zeichen vorbei fahren, das auf eine Sehenswürdigkeit hinwies.“
Mir gefallen Reisen sehr, und ich habe den Eindruck, dass sie allen anderen auch gefallen. Ebenso hatte ich damals das Empfinden, dass die Bibelstunden und der Sonntagsschulunterricht notwendig sind, und dass diese auch allen gefallen.
Auf die Zeit in Rauna folgte Valmiera, wo ich bei der Naturschutzbehörde arbeitete. Doch diese Stelle habe ich bald verlassen und darauf längere Zeit gar nichts getan. Eines Tages traf ich Ieva Upeniece, eine Schwester von Pfarrer Guntis Kalme, die bei „Impro“ als Fremdenführerin arbeitete. Wir hatten beide Geographie studiert, und sie lud mich ein, mich ihr anzuschließen. Das war 2006. Zuerst fuhr ich in Lettland und überhaupt im Baltikum umher. Deshalb habe ich später mein eigenes Unternehmen „Balt-go“ Obwohl es uns schwer wird, mit den Kurorten Ägyptens zu konkurrieren. So gibt es auch hier bei uns viel zu sehen. Gemeinsam mit Alfreds Trepšs begann ich hier den sakralen Tourismus ganz besonders für Ausländer.
Der Anfang meiner „Karriere“ als Fremdenführerin ist in Rauna zu suchen, wo sich die Leute bei mir beklagten, dass sie immer, wenn sie einen Ausflug machen wollten, zuerst nach Riga fahren müssten. Veranstalte doch für uns von hier aus eine Exkursion! Weshalb nicht? So fing ich mit meiner Wirksamkeit in Rauna an. Wir nannten uns beweglich und fröhlich, da wir versuchten, uns reisend fröhlich zu bewegen. Wenn man nicht versauern möchte, muss man etwas unternehmen. Sehr begeistert bin ich von den Rentnern auf dem Lande. Sie sind sehr energisch, sie sind gute Sänger und möchten sich gerne irgendwohin begeben.
Eine Sache sind die einfachen Ausflüge mit einfachen Besichtigungen zum Wohlfühlen. Etwas anderes sind die Ausflüge von einem besonderen Wert. So sagen alle zum Beispiel: Durch Polen zu fahren, das dauert so entsetzlich lange. Aber wenn du mit einer Gruppe von Christen fährst, dann gibt es viele interessante Möglichkeiten für Bibelstunden, Diskussionen und Gemeinsamkeiten. So kann man auch die Fahrt von 10 Stunden für einen Alpha Kurs nutzen. Dann wäre diese Reise nicht nur eine Reise, sondern auch eine Reise zu Gott. Immer habe ich es mir gewünscht, dass ich alles, was ich tue, nicht nur zu meiner eigenen Freude tue, sondern damit Gott dienen kann. Dann bekommt alles einen Sinn.
Ich kooperiere als Fremdenführerin auch mit der Tourismus-Agentur „Impro“ Ich fahre dann auf eingeplanten Strecken, und sehr gerne arbeite ich selbst Strecken aus, und entdecke dabei Menschen, Orte und Empfindungen. Ich würde gerne Menschen zu Kirchengemeinden führen, um ihnen die Möglichkeit zum Gespräch, zur Begegnung und zum Kennenlernen zu geben. Im vergangenen Jahr hatte ich einige solcher Reisen durch Livland auf den Spuren der Herrnhuter. Dort ist der Geist der Herrnhuter wirklich noch lebendig bis auf den heutigen Tag.
In Rauna finden Abende statt, die noch ein Erbe der Brüdergemeine sind. Es gibt Berichte von der Zeit damals, dass die Kneipen leer blieben und die Menschen stattdessen zu den Versammlungen kamen. Auf diese Weise kann man auch erkennen, wie der Geist Gottes auch heute noch lebendig ist. Wenn du erkennst, dass alles, was wir heute tun, seinen Ursprung bei Gott hat, siehst du, dass er auch durch eine solche Exkursion am Werk ist.
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Es ist für mich ein großes Geschenk, dass ich einen Beruf ausüben darf, der eigentlich mein Hobby ist.
Berufung zum Zeugnis
Durch mein Bibelstudium im Verband christlicher Studenten entdeckte ich einmal, dass es Gott wirklich gibt, und deshalb wünsche ich es mir so sehr, dass jeder das entdecken möchte. Viele Menschen haben mir einmal gesagt: „Līga, du redest so, als ob du ihn wirklich schon einmal gesehen und mit ihm gesprochen hättest. Aber so direkt können wir ihn für uns nicht akzeptieren.“ Das ist auch sehr schwer, wenn man Gott nicht für den lebendigen Gott hält. Aber wenn auch an den übrigen sechs Tagen der Woche dich so verhältst, als ob Gott neben dir stände, dann ist das schon etwas Gewaltiges! Ach, jetzt fange ich an, klug zu reden…
Einmal vernahm ich einen guten Rat: Man kann auf vielfache Weise Zeugnis ablegen. Wenn es gar nicht anders geht, dann kann man es auch mit Worten tun.
Schon seit meiner Zeit im Verband christlicher Studenten ist mir das Zeugnis der Bibel sehr nahe, dass wir alle Zweige eines Stammes sind. Und nur solange du eine Rebe am Weinstock bist, wird von dir etwas ausgehen und du kannst etwas tun.
Wenn in deinem Alltag und bei deiner Arbeit die Bibel von dir immer weiter fortrückt, dann kannst du deinen Mitmenschen auch nicht sehr viel sagen. Deshalb sollte jemand, wenn er nur schwer eine Möglichkeit entdeckt, die Bibel zu lesen, nach anderen Möglichkeiten suchen, um am Weinstock dran zu bleiben. Vielleicht könnte dabei auch eine Exkursion helfen.
Eine Periode in der Wüste.
Ein Mensch kann nicht ständig verliebt sein. Es gibt Zeiten, die einem wie das Leben in der Wüste erscheinen, nur musst du wissen, dass das im Leben eines Christen nur eine Episode ist, die vorüber geht. Gerade, wenn du in einer Phase großer Begeisterung lebst, musst du dir bewusst sein, dass dir auch noch eine Periode in der Wüste bevor steht, in der du vielleicht die Bibel seltener, und dann vielleicht gar nicht mehr liest, und das Gebet und der Dank auch ferner rückt. Mir wurde die Gnade geschenkt in Zeiten, in denen mir das Gebet schwer fiel, ich immer noch Anlass zum Danken hatte. Das hat mich möglicherweise aus der Wüste herausgezogen, denn wenn du ganz und gar nichts tust, dann bleibst du auch weiter in ihr stecken. Sehr schön ist das alles nicht. Doch es geschieht zu deinem Besten, und es gibt jamanden, der dich wieder herausführt…
Aber auch in der Wüste kannst du dem widerstehen. Ideal ist es, wenn du am Sonntag zur Kirche gehen kannst, und wenn es in der Gemeinde Männer- und Frauenkreise gibt, die sich dort treffen, wie das in Rauna der Fall ist oder in anderen Kirchengemeiden, in denen Bibelarbeiten stattfinden. Und wenn du es körperlich verspürst, dass du in der Wüste bist, und dass dieses wirklich kein guter Ort ist, um dort zu leben, dann versuch es, da herauszukommen. Ich könnte auch sagen, dass es dabei um eine Frage der Disziplin geht. Obwohl die eine Stunde in der Woche, die ich Gott schenke, sehr wenig ist, so kann es in der Wüstenperiode sehr viel sein. Wie bereits gesagt – Jesus ist der Weinstock und ich bin eine der Reben. Wenn wir uns am Weinstock wirklich nicht festhalten, werden wir eines Tages zu abgefallenen Reben , die von selbst nicht wieder an den Weinstock anwachsen. Wenn es geschieht, dass du nicht mehr beten und in der Bibel zu lesen vermagst, dann musst du wissen, dass du in eine ernste Situation hineingeraten bist . Wir müssen ihn dann suchen gehen und sollten nicht lange warten, bis jemand zu uns kommt und uns mitnimmt. Ich denke, dass Menschen von Gott abfallen, weil sie allein sind und die Verbindung zu Jesus verloren haben. Sie erkalten. Wenn es in deinem Leben Augenblicke gibt, in denen du nicht mehr beten und die Bibel lesen kannst, dann sprich das Vaterunser, und wenn das zuerst nur mechanisch ist. Ich spreche aus eigener Erfahrung, denn mir ist es so ergangen. In der Wüstenperiode habe ich in der Bibel gelesen – auch wenn mich das gelangweilt hat. Aber dennoch sollst du wissen, dass du da heraus kommen möchtest. Erinnere dich an das
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Abendgebet und an das Morgengebet und versuch es, am Sonntag zur Kirche zu gehen. Gott stößt keinen zurück, der zu ihm zurückkehren will. Und wenn du nur 15 Minuten in der Bibel liest, dann wird es auch bei dir früher oder später Frühling werden, und das Wasser des Lebens fängt wieder zu strömen an.
Jetzt ist am Morgen, wenn ich aufwache, mein erster Gedanke das Gebet – das Gespräch mit Gott, dann lese ich in der Bibel und verrichte darauf die Arbeit des Alltages. Und so kehre ich auch zurück. Theorien helfen da nicht weiter. Mir hat immer die Disziplin und die Fürbitte geholfen.
Alpha Kurs für Reisende.
Am allerschwersten ist es, die nächsten Angehörigen zu Gott zu führen. Jetzt geht mein Mann immer zu den Männerabenden, aber als wir heirateten, da fiel es mir schwer, ihn als Gläubigen zu bezeichnen. Als er zum ersten Mal meine Wohnung betrat, entdeckte er hier ein Kreuz und dort ein Kreuz. Dabei kann ich mich noch gut an seinen Gesichtsausdruck erinnern…Damals betete ich darum, dass wir mit unserer ganzen Familie den Weg zu Gott finden möchten. Vielleicht hat mich Gott deshalb so weit fortgeführt, damit wir später gemeinsam zu ihm zurückkehren könnten.
Als ich mein Tourismus Unternehmen gründete und dafür einen Bus kaufte, rief ich Gott an und fragte ihn, welches sein Wille sei. Ich tat es nicht, um damit viel Geld zu verdienen. Stets habe ich daran gedacht, dass alles, was ich tue, einen Sinn haben müsste. Wie ist der Wille Gottes, was erwartet er von mir? Natürlich bin ich immer noch auf der Suche, doch heute habe ich das Ziel, die Menschen bei den von mir geleiteten Exkursionen auch zu Gott zu führen. Ich habe keinen Alpha Kurs besucht, aber alles, was ich in unserer Kirchenzeitung über diese Kurse gelesen habe, sagt mir, dass diese Kurse das gleiche Ziel haben. Aber wie bei allen Dingen des Lebens muss ich auch hierfür beten, dankbar sein und lernen. Dann wird mir Gott bestimmt eine Antwort geben.

Chefredakteurin: Inga Reča

Anschrift der Redaktion: Alksnāja iela 3 .- Riga- LV 1050
E-Mail-Adresse: svetdienasrits@apollo.lv

Übersetzung: Johannes Baumann (abgeschlossen am 28.02.2010)
Brucknerstr. 24.- D-27711 Osterholz-Scharmbeck
Telefon: 04791-13356
E-Mail-Adresse: baumann-ohz@arcor.de

Nachwort des Übersetzers
Die Übersetzung dieser Ausgabe habe ich heute, am Montag, dem 1, März beendet. Gestern ist die Winterolympiade in Vancouver zu Ende gegangen. So ist es kein Wunder, dass sich diese auch in den Zeilen der lettischen Kirchenzeitung bemerkbar macht. So hat Ieva Pitruka die Gelegenheit am Schopf gepackt und ein längeres Gespräch mit der Mutter von Artūrs Irbe geführt, der lange Zeit als Torwart der Eishockey Nationalmannschaft in Lettland einen legendären Ruf hatte, jetzt aber aus dem aktiven Sport ausgeschieden ist, um in die USA über zu siedeln und dort als Cheftrainer der Torwarte im Eishockey tätig zu sein Nun habe ich vernommen, dass einer der letzten Wettbewerbe in Vancouver das Eishockeyspiel zwischen Kanada und den USA war, das die USA trotz des Einsatzes des in Washington wohnenden Artūrs Irbe gegen Kanada knapp verloren hat. Aber dieser Ausnahmetorwart ist bei diesem Beitrag nur der Ausgangspunkt. Die Rede ist vielmehr von seiner Mutter und ihrem Weg zum Glauben sowie ihrem Einsatz im christlichen Studentenverband und einigen
SR 4-2010 – 14 -

Kirchengemeinden. Originell finde ich auch den Beitrag von Inga Reča über die Leiterin eines Tourismus Unternehmens, die diesem ein Konzept zu Grunde gelegt hat, das dazu beitragen möchte, dass Menschen gleichen Glaubens einander finden. Vielleicht kommt es eines Tages dazu, dass Leser dieser bescheidenen Übersetzungsversuche die Dienste von „Balt-com“ in Anspruch nehmen, um unbekannte Ecken dieses wunderschönen Landes und dort lebende Geschwister im Glauben kennen zu lernen.
Auch dieses Mal ist es mir nicht gelungen, diese Ausgabe vollständig zu übersetzen. Dafür möchte ich meine langmütigen Leserinnen und meine mit einem langen Atem ausgestatteten Leser herzlich um Entschuldigung bitten.
Nachdem ich diesen Satz zu Papier gebracht hatte, bemühte ich mich, meine Übersetzung an ihre Empfänger zu versenden, jedoch ohne Erfolg, da mein Computer mit der Hilfe eines Virus in einen unbefristeten Streik getreten ist. Alle verzweifelten Hilferufe in die Richtung meiner technisch hoch begabten Enkel nutzten nicht. So musste ich bis zu diesem Wochenende warten, an dem sie alle in großer Besetzung hier anrückten, um meinen 85. Geburtstag nachzufeiern. Nach langen Nachtschichten hatten es vier meiner Enkel heute endlich geschafft, mich aus meiner Hilflosigkeit zu befreien. Ich zögere nicht, dieses mein Opus auf den Weg zu bringen.
Ehe ich das tue, möchte ich allen, die an meinem Geburtstag mit großer Liebe und Verbundenheit an mich gedacht haben, für ihre lieben Wünsche von ganzem Herzen danken. J.B

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